Zeugen Jehovas gehen gegen das Buch „Ausstieg ins Leben“ vor

Im Frühjahr veröffentlichte Konja Simon Rohde das Buch „Ausstieg ins Leben“. Nun gehen Anwälte der Zeugen Jehovas gegen einzelne Aussagen vor.

Der Mercator-Verlag hat Ärger mit den Zeugen Jehovas. Im Frühjahr erschien in dem Duisburger Verlag das Buch von Konja Simon Rohde „Ausstieg ins Leben“. Rohde, gebürtiger Duisburger, berichtet in der Biografie, wie er in die Glaubensgemeinschaft hinein geboren wurde und wie ihm nach 32 Jahren der Absprung gelang.

Zu dem Buch hat die Journalistin Simone Lankhorst ein Nachwort geschrieben und ein Interview mit dem Diplom-Psychologen Dieter Rohmann geführt, der über die Zeugen Jehovas aufklärt. Nun bekamen Jutta und Sabine Nagels Post von einem Anwalt der Zeugen Jehovas. „Wir sollen eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Zwei Stellen in der Schilderung unseres Autoren wurden angemahnt und sieben Stellen in dem Gespräch“, erklärt Jutta Nagels. Für die beiden Schwestern, die den Mercator-Verlag erst vor kurzem übernommen haben, ist es das erste Mal, dass sie juristischen Ärger bekommen. „Mit dem Niederrhein-Führer befinden wir uns sicherlich sonst in ruhigerem Fahrwasser.“

Streitpunkt ist der Kontaktabbruch

Der Advokat der Zeugen Jehovas fordert, dass die Stellen entweder geschwärzt werden oder den Ausgaben ein so genannter Erratum-Zettel beigelegt wird. Auf diesem wollen die Zeugen Stellung beziehen. „Unter anderem wird widersprochen, dass es keinen Zwang von Seiten der Zeugen zum Kontaktabbruch gibt, wenn jemand aussteigt.

Aber das stimmt nicht“, erklärt Rohde. „Die Familie meines Vaters veranstaltet in jedem Jahr ein Treffen, zu dem er ausdrücklich deshalb nicht kommt, weil ich daran auch teilnehme. Das hat er meinem Onkel sogar schriftlich mitgeteilt. Außerdem gibt es einige Schriften, die selbst von den Zeugen Jehovas herausgegeben werden, in denen vom Kontaktabbruch die Rede ist.“ Weder von seiner Mutter noch von seinem Vater hat Rohde seit seinem Ausstieg „ein Tönchen“ gehört. Die Resonanz anderer Leser sei indes überwiegend positiv. „Es haben sich Leute gemeldet, die auch ausgestiegen sind. Oder solche, die mit dem Thema bisher nichts zu tun hatten und sich freuten, einmal einen Einblick zu bekommen.“

Nicht abschrecken lassen

Auch der Mercator-Verlag hat sich juristischen Beistand gesucht. „Außerdem haben wir uns vom Börsenverein des Buchhandels beraten lassen“, so Jutta Nagels. Laut Anwältin fallen die Passagen der Autobiografie unter „freie Meinungsäußerung“. Bei dem Interview sei es Auslegungssache, ob man die Stellen zusammenfasst oder von sieben einzeln ausgeht. Ungeachtet der juristischen Auseinandersetzung verkauft sich die zweite Auflage gut. „Nachdem wir auf Facebook darüber informierten, haben sich einige noch schnell ein Exemplar besorgt“, sagt Jutta Nagels. Auch künftig wollen sie und ihre Schwester sich nicht abschrecken lassen. „Wenn wir eine Geschichte gut finden, dann nehmen wir sie ins Programm auf.“

Quelle: waz

13. Anhang

13. Anhang

13 Anhang *
13.1.1 Zu Kapitel 2 *

Im Jahre 1988 wurde Hilfe … ersetzt durch das zweibändige Werk Insight on the Sctiptures (Einsichten über die Heilige Schrift, 1990/1992) mit nur ganz geringfügigen Veränderungen (vor allem Kürzungen beim Stichwort „Chronologie“, das von 27 auf 20 Seiten gekürzt wurde).

13.1.2 Zu Kapitel 3 *

[334]

Das obenstehende Dokument ist das Testament von Charles Taze Russell, dem Gründer der Watch Tower Society und ihrer Zeitschrift, erschienen im Wachtturm vom Februar 1917.

Es folgt der englische Originalwortlaut des Zitats aus dem Watch Tower vom 25. Apri11894:

„Having up to December 1, 1893, thirty-seven hundred and five (3.705) voting shares, out of a total of sixty-three hun­dred and eighty-three (6.383) voting shares. Sister Russell and myself, of course, elect the officers, and thus control the Society; and this was fully understood by the Directors from the first. Their usefulness, it was understodd, would come to the front in the event of our death.”“ [335]

Manche Zeugen Jehovas denken sicher, die Ernennungen von Ältesten in den Ortsversammlungen (Gemeinden) würden von der leitenden Körper­schaft selbst vorgenommen. Anfangs haben sich tatsächlich mehrere Mit­glieder der leitenden Körperschaft mit einem Mitarbeiter der Dienstabtei­lung zusammen hingesetzt und alle Ernennungen von Ältesten in den USA besprochen und weitergeleitet. Doch diese Praxis wurde nach relativ kur­zer Zeit aufgegeben, und von da an waren die Ernennungen Sache der Dienstabteilung. In anderen Ländern haben die jeweiligen Zweigbüros der Watch Tower Society die Ältestenernennungen von Anfang an alleine vor­genommen. Einzig die reisenden Vertreter und die Zweigkomitee-Mitglie­der (in den USA und anderswo) werden seither noch von der leitenden Kör­perschaft ernannt. Meines Erachtens geschieht dies, damit diese Männer in einem besonderen Sinn als „Vertreter der leitenden Körperschaft“ auftre­ten und damit größeren Einfluß und mehr Autorität als die örtlichen Älte­sten geltend machen können.

Was die Grundsätze zu widerlichen sexuellen Handlungen anbetrifft (siehe dazu die Seiten 48 bis 54), so ist die Organisation einige Jahre nach meinem Rücktritt aus der leitenden Körperschaft zu grundlegenden Aspekten ihrer früheren Leitlinien zurückgekehrt. Im Wachtturm vom 15. Juni 1983, Sei­ten 30,31, wird zwar festgestellt, daß es nicht Aufgabe der Ältesten sei, die intimen Angelegenheiten der Ehepaare in der Versammlung zu kontrollie­ren, nichtsdestoweniger wird aber festgelegt, daß jemand, der Handlungen unter Verheirateten befürwortet, die als widerliche sexuelle Handlungen eingestuft werden, oder sie selbst ausübt, nicht nur ungeeignet sei für das Ältestenamt oder andere von der Wachtturm-Gesellschaft zu vergebende Positionen, sondern dies könnte sogar zum Ausschluß aus der Versamm­lung führen. Als die Aufhebung der Grundsätze von 1972 durch die lei­tende Körperschaft beschlossen wurde, war Lloyd Barry nicht zugegen, und nach seiner Rückkehr äußerte er, daß er nicht für diese Rücknahme war. Da er der Schreibabteilung vorsteht und die Aufsicht über die Herstellung der Wachtturm-Schriften innehat, mag die weitgehende Rückwendung zu der alten Position zum Teil auch auf seinen Einfluß zurückzuführen sein. Doch wie dem auch sei, dieser Artikel von 1983 hat nicht zu der großen Anzahl von Verfahren vor den Rechtskomitees geführt, wie das bei der er­sten Bekanntgabe dieser Regelung im Jahr 1972 der Fall gewesen war. Es ist gut möglich, daß man damals genügend zu spüren bekommen hat, welch schlimme Folgen es hat, wenn die Ältesten ihrem Nachforschungsdrang allzusehr nachgeben. [336]

13.1.1 Zu Kapitel 4 *

Der Wachtturm vom 15. März 1990 enthält Artikel über die leitende Kör­perschaft und ihre Funktion. An diesen Artikeln fällt auf, daß sie die Ge­schichte der Organisation idealisierend darstellen. So ist von „fortschrei­tenden Verbesserungen“ die Rede, als handle es sich um einen stetigen und harmonischen Prozcß, durch den Jesaja 60: 17 erfüllt werde. Alles wird so dargestellt, als sei die leitende Körperschaft die ganze Geschichte der Wachtturm-Bewegung hindurch am Werke gewesen. In Wirklichkeit war es ganz anders, wie man den Kapiteln 3 und 4 des vorliegenden Buches ent­nehmen kann. In den ersten sieben Jahrzehnten der Geschichte der Organi­sation sprach niemand von einer leitenden Körperschaft, und man dachte an so etwas auch gar nicht. Russell hatte Vorkehrungen getroffen, daß nach seinem Tod alles von Komitees geleitet werden sollte, die sich in die Ver­antwortung und Autorität teilen. Ruthcrford schaffte sie sofort und gründ­lich wieder ab, erstickte jegliche Opposition im Keim und übte in den fol­genden beiden Jahrzehnten autokratisch als Präsident der Gesellschaft die Alleinherrschaft aus. Knorr behielt diese bei, lockerte aber das Klima ins­gesamt etwas auf; doch dann kam es zu einer Art Palastrevolution, in de­ren Verlauf dem Präsidenten die Macht aus den Händen gerissen wurde. So ging im Jahr 1976 die Autorität von einem Mann zu einer Gruppe über, und nach mehr als 50 Jahren nahmen wieder Komitees die Tätigkeit auf. Die­sen Zickzack-Kurs kann man wohl schwerlich als einen harmonischen Prozeß der „fortschreitenden Verbesserungen“ bezeichnen. [337]

13.1.2 Zu Kapitel 6 *

Aus dem Brief des Hauptbüros Brooklyn an den Zweig Mexiko vom 2. Juni 1960:

[338] Brief des Präsidenten an den Zweig Mexiko vom 5. September 1969:

[339] Nachdem die Wachtturm-Gesellschaft in Mexiko mehr als ein halbes Jahr­hundert lang den Status einer „kulturellen“ Vereinigung hatte, ist sie jetzt endlich zu dem einer religiösen Organisation übergegangen. Im Wacht­turm vom 1. Januar 1990 (Seite 7) gab sie bekannt, im Jahre 1989 habe sich der „Status der Zeugen“ Jehovas geändert. Es heißt, die Zeugen in Mexiko könnten jetzt zum ersten Mal die Bibel von Haus zu Haus einsetzen und die Zusammenkünfte mit Gebet eröffnen.

In der Zeitschrift wird gesagt, diese Änderung sei für die Zeugen in Mexiko „begeisternd“ gewesen, und sie hätten „vor Freude weinen“ müssen. Das sprunghafte Ansteigen der Zahl der „Verkündiger“ um über 17000 wird auf die Veränderung zurückgeführt.

Rein gar nichts wird dem Leser über den vorher bestehenden rechtlichen Status mitgeteilt, wie es zu diesem gekommen war und was zu dem Wech­sel geführt hat. Wer den Artikel liest, muß annehmen, daß die Wachtturm ­Organisation diese Veränderung des rechtlichen Status mit all ihren guten Auswirkungen schon immer gewollt habe. Man gewinnt den Eindruck, daß es die Regierung Mexikos oder deren Gesetze gewesen waren, die die Zeugen bislang davon abgehalten hatten, bei den Zusammenkünften zu beten oder bei ihrer Tätigkeit von Haus zu Haus die Bibel zu gebrauchen. An keiner Stelle wird dem Leser mitgeteilt, daß der Grund für diese Be­schneidung der Religionsausübung der Zeugen in Mexiko – und das min­destens ein halbes Jahrhundert lang – darin lag, daß ihre eigene Weltzen­trale dies so wollte und von sich aus einen anderen rechtlichen Status an­nahm. Der Leser erfährt nichts davon, daß diese „begeisternden“ Änderun­gen, die solche „Tränen der Freude“ hervorriefen, schon die ganze Zeit über zu haben waren, über viele Jahrzehnte hinweg, daß es lediglich eines Entschlusses der Organisation bedurft hätte, nicht länger den falschen Ein­druck zu erwecken, die Zeugen in Mexiko seien keine religiöse Organisa­tion, sondern eine kulturelle Vereinigung. Die Zeugen in Mexiko haben dies alles nur deshalb nicht tun können, weil ihre Weltzentrale sie ange­wiesen hatte, dies nicht zu tun, um den einmal gewählten Status der kul­turellen Organisation zu schützen. Diese Tatsachen sind den Verantwort­lichen der Organisation der Zeugen in Mexiko bekannt. Der überwiegen­den Mehrzahl der Zeugen außerhalb dieses Landes sind sie unbekannt, und der Wachtturm vom 1. Januar 1990 läßt sie darüber auch im unklaren. Dort wird ein bereinigtes Bild der Abläufe wiedergegeben, das ebenso irre­führend ist wie die vor 1989 herrschende Praxis, die Organisation als nicht religiöser Natur darzustellen, während man sehr wohl wußte, daß das nicht stimmte.

Die Bereitschaft der Wachtturm-Organisation, ihr jahrzehntelanges fal­sches Spiel aufzugeben, ist möglicherweise im Zusammenhang mit Ände­rungen der mexikanischen Verfassung zu sehen, die von den gesetzgeben­den Körperschaften des Landes schrittweise verabschiedet wurden. Wie Zeitungsberichten aus dem Jahr 1991 zu entnehmen ist, haben Kirchen jetzt wieder das Recht auf Eigentum an Grund lind Boden. Dies wirkt sich [340] nicht nur auf die katholische Kirche aus, sondern auch auf alle anderen Re­ligionsgemeinschaften.

Anmerkung zu Seite 131: Mir liegt eine Fotokopie der amtlichen Registrie­rung vom 10. Juni 1943 vor, in der das mexikanische Außenministerium (Secretaria de Relaciones Exteriores) die Registrierung der Vereinigung La Torre del Vigia genehmigt, und zwar als eine „nicht gewinnstrebende bür­gerliche Vereinigung zum Zwecke der Verbreitung von Wissenschaft, Bil­dung und Kultur“ („Asociacion Civil Fundada para la Divulgación Cienti­fica, Educadora y Cultural No Lucrativa“). Hierbei handelt es sich offen­sichtlich um die ursprüngliche Registrierung, was zur Folge hätte, daß diese Regelung gut 46 Jahre lang in Kraft war.

In den 1970er Jahren besuchten meine Frau und ich einen internationalen Kongreß in Mexico City, und wir wurden im Zweigbüro der Gesellschaft untergebracht. Präsident Knorr war ebenfalls anwesend und machte mit uns und weiteren Besuchern eine Führung durch die verschiedenen Ge­bäude, die zum Zweigbüro Mexiko gehörten. Während dieser Führung sprach er den rechtlichen Status einer „kulturellen Organisation“ in Me­xiko direkt an und erwähnte ausdrücklich, ein Hauptgrund für diesen un­gewöhnlichen Status liege darin, daß er es der Organisation ermögliche, die volle Verfügungsgewalt über ihr Eigentum im Land zu behalten. [341]

13.1.3 Zu Kapitel 7 *

Aus dem Watch Tower vom Januar 1881:

[342]

Aus dem Watch Tower vom 15. Juni 1911:

[343]

Aus dem Watch Tower vom 15. Januar 1892:

Aus dem Watch Tower vom Juli 1894:

[334]

13.1.4 Zu Kapitel 8 *

Auszüge aus der englischen Erstausgabe von The Finislied Mystery (Das vollendete Geheimnis):

Seiten 484 und 485:

[345]

Seite 513:

[346]

Seite 258:

Seite 542:

[347]  Aus dem Watch Tower vom 15. Juli 1922:

[348]

[349]

13.1.5 Zu Kapitel 10 *

Auf Seite 269-70 ist davon die Rede, wie Lyman Swingle sich für mich eingesetzt hatte und daß er als Folge der Ereignisse im Frühjahr 1980 von Lloyd Barry als Leiter der Schreibabteilung abgelöst wurde. Nach dem Tode Grant Suiters 1983 wurde Swingle als sein Amtsnachfolger als Sekre­tär-Kassierer ernannt. Damit wurde er wirksam aus der unmittelbaren Mitarbeit in der Schreibabteilung entfernt. Für mich steht es außer Frage, daß seine freimütigen Äußerungen über die mögliche Unhaltbarkeit eini­ger zentralen Lehren der Organisation, von denen einige in diesem Buch vorgetragen werden, es in den Augen vieler Mitglieder der leitenden Kör­perschaft geraten erschienen ließen, ihn von dort zu entfernen.

Am Ende von Kapitel l0 wird beschrieben, wie Edward Dunlap mit fast 70 Jahren aus der Brooklyner Zentrale verstoßen wurde, nachdem er der Orga­nisation fast eine halbes Jahrhundert lang gedient hatte. Wie berichtet, mußte er in seinen früheren Beruf als Tapezierer zurückkehren. Inzwi­schen ist er über 80 und hat diese Tätigkeit aufgeben müssen. Er geht jetzt drei Teilzeitbeschäftigungen nach, unter anderem gibt er Kurse an der Ok­lahoma Stare University. (Weitere Informationen finden sich im Folgeband zu diesem Buch, In Search of Christian Freedom, Seite 358.) Im Gegensatz zu Gerüchten, die in Zeugen kreisen kursieren, hat er kein Interesse daran, eine neue Organisation zu gründen oder sich mit irgendeiner bestehenden Gemeinschaft zusammenzutun, sondern findet sich einfach mit anderen zu gemeinsamen Bibelbetrachtungen zusammen. [350]

13.1.6 Zu Kapitel 11 *

Folgender Brief ist meine Erwiderung auf die Vorladung des Rechtskomitees der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas:

„12. November 1981

An die Ältestenschaft der
Versammlung Gadsden-Ost
der Zeugen Jehovas
2822 Fields Avenue
East Gadsden, AL 35903

Liebe Brüder,

Euer Brief vom 6. November erreichte mich am Dienstagnachmittag, 11. November. Da der Brief, den ich gerade schreibe, Euch vielleicht vor Samstag nicht mehr erreicht, will ich Theotis telefonisch benachrichtigen, damit die Brüder nicht ansonsten zum Saal fahren.

Ich habe Dan gebeten, Euch mitzuteilen, daß ich gerade einen Brief an die lei­tende Körperschaft geschrieben habe und es sehr schätzen würde, wenn Ihr die Antwort auf dieses Schreiben abwartet, bevor Ihr das Rechtsverfahren eröffnet.

Zu diesem Punkt äußert Ihr Euch in Eurem Brief gar nicht. Bitte laßt mich wissen, was Ihr in dieser Frage entschieden habt, falls sie besprochen wurde. Euch ist vielleicht bekannt, daß ich vierzig Jahre meines Lebens im Vollzeitdienst ver­bracht habe, als Pionier, Sonderpionier, Kreisaufseher, Bezirksaufseher, Missionar, Zweigaufseher, Bethelmitarbeiter und Mitglied der leitenden Körperschaft.

Ob diese vierzig Jahre in Eueren Augen Anlaß zur Geduld sein können, eine Nach­richt aus Brooklyn abzuwarten, weiß ich nicht. Ich hoffe es und wünschte, Euer Interesse an einer Antwort wäre so groß wie meine (Jak. 2:12, 13).

Stehen die drei Unterschriften unter Euerm Brief für die Mitglieder des Rechts­komitees? Falls das zutrifft, bitte ich die Ältestenschaft höflich, ihre Wahl zu überdenken. Den Äußerungen bei dem Treffen mit Wesley Benner und Dan entnehme ich, daß Dan als Ankläger in dieser Sache auftreten wollte, denn er sagte zu Be­ginn des Gesprächs, er habe gesehen, wie ich mit Peter Greqerson essen gegangen sei (und zwar vor mehreren Monaten, bevor der Watchtower vom 15. September 1981 erschienen war). Bis jetzt ist mir kein anderer Anklagepunkt bekannt geworden. Gibt es einen? (Darüber müßte ich Bescheid wissen, auch darüber, wer die Anklage erhebt, damit ich Zeugen für meine Seite stellen kann.) Doch wie dem auch sei, es spricht doch wohl jeder Rechtsauffassung Hohn, wenn der Ankläger mit zu Gericht sitzt. Auch andere Gründe würden dagegen sprechen, Dan in diese Position einzu­setzen, doch halte ich es nicht für notwendig, darauf noch extra einzugehen.

Wenn Ihr diese ganze Sache besprecht, wäre ich Euch auch sehr dankbar, wenn Ihr
zugleich erwägen würdet, das Rechtskomitee zu erweitern. Es NET um eine Anklage,
die sich auf einen neuen Grundsatz der leitenden Körperschaft bezieht (daß man Personen, die die Gemeinschaft verlassen neben, mit Ausgeschlossenen in einen Topf wirft, ist in den Veröffentlichungen bislang nur auf solche angewandt worden, die im Militär oder in der Politik aktiv geworden sind). Zudem habe ich erfahren, daß einige Älteste sich abfällig über mich geäußert haben. Wieweit diese Berichte stimmen, kann ich nicht beurteilen, da dies Ältesten nicht mit mir selbst ge­sprochen haben. Da hiermit aber doch die Frage der Vorverurteilung im Raum steht wäre es wohltuend zu wissen, daß zusätzliche Älteste beteiligt werden, damit so eine faire und unparteiische Verhandlung möglich sein wird. [351]

Der Brief ist zwar etwas lang geraten, doch berücksichtigt bitte, daß hier meine Hingabe Zu Gott und seinem Sohn und die Treue gegenüber seinem Wort in Frage ge­zogen werden. Empfangt meinen Dank dafür, daß Ihr die erwähnten Punkte berück­sichtigt. Mögen Jehova Gott und unser Herr Jesus Christus mit dem Geist sein,den Ihr zeigt (2. Tim. 4:22; Philemon 25).

Euer Bruder
Rt. 4, Box 440-F
Gadsden, AL 35904″

Es folgt der Einspruch gegen den Gemeinschaftsentzug durch das Rechtsko­mitee im vollen Wortlaut:

„8. Dezember 1981

An die Ältestenschaft
Versammlung Gadsden-0st

Liebe Brüder,

gegen den Gemeinschaftsentzugsbeschluss des von Euch eingesetzten Rechtskomitees lege ich hiermit Berufung ein.

In einer Veröffentlichung der Gesellschaft heißt es über Rechtsverfahren:
„Älteste in einem Rechtskomitee müssen alles sorgfältig abwägen, in dem Bewußt­sein, daB jeder Fall anders liegt. Statt nach starren Vemaltensregeln zu suchen, solltet ihr eher das Grundsätzliche berucksichtigen und jeden Fall einzeln wür­digen. In derselben Quelle heißt es über des Erteilen von Rat: „Geht sicher,daB euer Rat fest im Wort Gottes verankert ist. Nehmt euch genügend Zeit und be­müht euch, das Herz des Betreffenden zu erreichen. Nehmt euch Zeit, um zuzuhören. Seid sicher, daß ihr alle Tatsachen kennt. Erklärt, welche Anwendung die zugrunde liegenden Schrifttexte haben, und vergewissert euch, dass dies verstanden wird. Nehmt euch Zeit für Nachforschungen, wenn das nötig ist, bevor ihr Rat erteilt oder Fragen beantwortet. Wenn euch die Zeit dafür feht, kann es angebracht sein, einen anderen Ältesten um Mithilfe zu bitten.“ (Siehe die beigefügten Kopien.)
Ich glaube nicht, dass dies in meinem Fall bisher getan wurde. Es ist bedrückend, mit welch ungewönlicher Eile zu Werke gegangen wird, und dass es offensichtlich an Bereitschaft oder Fähigkeit mangelt, die „Anwendung der zugrunde liegenden Schrifttexte“ zu besprechen, damit sie „verstanden“ werden. Zum Geist der brüder­lichen Liebe passt meines Erachtens ein langmütiges Vorgehen besser als ein über­eiltes Mitgefühl und Verständnis sollten dazugehören statt starrem Befolgen von Anweiungen.

Meine Umstände sollten Euch nicht unbekannt geblieben sein. Nech 40 Jahren des Vollzeitdienstes, in denen ich Not und Armut, Hunger und Durst, Hitze und Kälte, Fieber und Auszehrung durchgemacht und im Gefängnis gesessen habe, von wütenden Pöbelrotten, Schusswechseln und kriegsähnlichen Zuständen bedroht wurde, mein Le­ben und meine Freiheit riskiert habe unter Diktaturen, wobei ich mich ständig bis zum letzten verausgabt habe, nach all dieser Zeit stand ich mit 58 Jahren vor dem Problem, Nahrung und Arbeit finden zu müssen, damit meine Frau und ich existieren können. Da ich gleich nach meinem Schulabschluss im Jahr 1940 in den Pionierdienst eingetreten war, fehlte mir jegliche Erfahrung in weltlicher Arbeit, und es fehl­ten jegliche Mittel zum Lebensunterhalt. Das Geld, des mir die Gesellschaft gab (und das anscheinend eine Art Abfindung für 40 Jahre des Dienstes sein sollte), ist weniger, als was die meisten in einem einzigen Jahre verdienen und konnte nur einen Teil unserer Anfangskosten abdecken.

Peter Gregorson gab mir Arbeit und bot mir einen Stellplatz für meinen Wohnwagen an, den ich gekauft und noch abzuzahlen habe. Damit wurde er mein Arbeit- und Wohnunggeber. Vor etwa sechs Monaten zog er sich unter Druck aus der Versammlung zurück. Einziger Anklagepunkt gegen mich war, wie Ihr wißt, daß ich mit Peter Gregerson in einem Restaurant am Ort zu Mittag gegessen habe.

Es gibt hier Älteste, die meinen, sie könnten mit Peter Gregerson essen gehen, ohne sich schuldig zu machen, da sie bei der Firma Warehouse Groceries angestellt seien, deren Inhaber er ist. Meine Beziehung zu ihm ist aber noch enger, denn ich bin noch mehr von ihm abhängig, weil ich nicht nur für seine Firma arbeite, sondern auch noch für ihn persönlich, denn ich bin unmittelbar auf seinem Grundstück tätig, so dass sich zwangsweise immer wieder Gespräche mit ihm ergeben, sei es nun in seinem Haus, bei den Mahlzeiten oder anderen Gelegenheiten. Ich kann nicht be­greifen, weshalb eine brüderliche Sichtweise hier nicht zu Verständnis und Mit- [354]

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gefühl führen sollte, wenn man meine Umstände berücksichtigt und sich bewußt macht, „daß Jeder Fall anders liegt“.

Von den beiden Zeugenaussagen bezog sich nur die eine auf Ereignisse nach der Veröffentlichung des Watchtowers vom 15. September 1981. Erst in dieser Nummer der Zeitschrift wurden solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, mit denen gleichgesetzt, die ausgeschlossen sind. Einer der Zeugen sagte, er habe mich mit Peter und Janet Gregerson im Restaurant gesehen, gab aber zu, dies sei schon im Sommer gewesen, also vor Veröffentlichung der Zeitschrift. Eine solche Zeugenaussage ist wohl bedeutungslos, es sei denn, man wollte die neue Regelung rückwirkend in Kraft setzen, ex post facto.

Die andere Aussage betraf ein weniger weit zurückliegendes Ereignis. Die Zeugin hatte gesehen, wie ich zusammen mit meiner Frau und Janet Gregerson (die nicht die Gemeinschaft verlassen hat) das Restaurant betrat; kurz darauf habe sie ge­sehen, wie Peter Gregerson hereingekommen sei. Dieselbe Zeugin hat nach der Ver­öffentlichlung des Watchtower vom 15. September 1981 mit Peter Gregerson zweimal im Restaurant gegessen, dazu noch in Anwesenheit eines Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost. In beiden Fällen hat Gregerson nicht darum gebeten, bei ihnen sitzen zu dürfen, sondern wurde von ihnen aufgefordert, sich zu ihnen zu setzen und sich zwanglos mit ihnen zu unterhalten. Dieser Vorfall schien es nicht wert gewesen zu sein, ein Rechtsverfahren einzuleiten, doch bei mir soll das eine Mal bereits ge­nügen. Ich erwähne das nur, weil Ihr in Euerem Brief vom 19. November sagt, die Ältesten, die meinen Fall verhandelten, seien ohne Vorurteile und gingen ganz neutral an die Sache heran. Angesichts der Inkonsequenz ihres Handelns fällt es mir schwer, daran zu glauben. Es weckt schwere Zweifel an den Beweggründen, die zu dem ganzen Rechtsverfahren und den Entscheidungen geführt haben.

Die gegen mich erhobene Anklage erscheint mir schwer verständlich, wenn man sich ansieht, was in Gadsden alles passiert. Man hätte Mühe, wollte man all die Gele­genheiten aufzählen, bei denen sich Älteste oder andere Zeugen mit Ausgeschlossenen oder solchen, die die Gemeinschaft verlassen haben, zum Essen zusammengesetzt oder sonstwie soziale Kontakte gepflegt haben. Doch einzig und allein gegen mich hat man daraus eine Anklage werden lassen. Nimmt man einmal an, es ginge nur darum, daß man bei einem eben habe anfangen müssen, so fragt sich, weshalb ich dann dieser eine sein soll, wenn lediglich die Aussage einer Zeugin vorliegt, die mich seit Erscheinen des Watchtower vom 15. September 1981 einmal irgendwo gesehen hat. Das alles läßt starke Zweifel an der Objekivität und der Unbefangenheit aufkommen.

Man könnte vielleicht sagen, ich hätte keine Reue darüber bekundet, daß ich mit Peter Greqerson essen gegangen bin. Um Reue zu bekunden, muß ich erst davon über­zeugt sein, daß ich eine Sünde gegen Gott begangen habe. Diese Überzeugung läßt sich nur aus Gottes Wort herleiten, denn es allein ist inspiriert und unfehlbar zuverlässig (2. Timotheus 3:16, 17). So wie ich die Bibel verstehe, ist Treue gegenüber Gott und seinem Wort das Wichtigste und steht über jeder anderen Treue, ganz gleich welcher Art (Apostelgeschichte 4:19, 20; 5:29). Mir scheint, es steht weder mir noch irgendeinem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen zu, etwas zu diesem Wort Hinzuzufügen, sonst würden sie „als Lügner erfunden“ werden oder gar von Gott mit Plagen heimgesucht werden (Sprüche 30:5, 6; Offenbarung 22:18, 19). Diese biblischen Warnungen kann ich nicht leichtnehmen. In Anbetracht der Ermahnungen der Bibel, andere nicht zu richten, habe ich eine gesunde Angst davor, mich selbst (oder jemand anders oder eine Gruppe) als Gesetzgeber zu machen und fühle mich gezwungen, das Richten allein dem Wort Gottes zu überlassen, um das tun zu können, muß ich sicher sein, nicht lediglich einem von Menschen erdachten Maßstab zu folgen, der sich selbst als göttlich hinstellt, aber in Wirklichkeit nicht inspiriert ist und von Gott nicht gestützt wird. Ich möchte mir nicht anmaßen und so unverschämt sein, jemand zu verurteilen, den Gott in seinem Wort nicht ebenso verurteilt (Römer 14:4, 10-12; Jakobus 4:11, 12) Siehe auch den Kommentar zum Jakobusbrief, Seite 161 bis 168) [355]

3
Ich versichere euch, daß ich meine Sünde demütig vor Gott bereuen werde, sobald Ihr mir aus der Bibel verstehen helft, daß das Einnehmen einer Mahlzeit mit Peter ­Gregersen eine Sünde ist. Diejenigen, die bisher mit mir Gesprochen heben, haben das, nicht getan, sonder nur auf die erwähnte Zeitschrift als ihre „Autorität“ verwiesen(diesen Ausdruck gebrauchte der Vorsitzführende des Rechtskomitees). Nach meinem Verständnis muß sich jegliche Autorität in der Christenversammlung aus Gottes Wort ableiten und fest in ihn verankert sein. Sprüche 17:15 sagt: „Wer irgend den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für ungerecht erklärt, ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“ Mir Liegt nichts daran, von Gott verabscheut Zu werden, und deshalb nehme ich das alles sehr ernst.

Ich stimme mit der Lehre der Bibel in 1. Korinther 5:11-13 und 2. Johannes 5:7-11 voll überein und habe denen, die mit mir gesprochen haben, gesagt, daß ich mit solchen Menschen, wie sie dort beschrieben werden, bösen Menschen und Anti­christen, weder Umgang pflegen noch essen noch sie in meinem Heus aufnehmen werde. Ich kann nur nicht erkennen, wie diese Schrifttexte auf den Mann Anwendung finden sollen, um den sich im vorliegenden Fall a11es dreht, nämlich Peter Gregerson. Er hat zwar unter Druck die Versammlung der Zeugen Jehovas verlassen, doch wie Euch bekannt ist, hat er in seinem Brief gesagt:

Gestern habe ich erfahren, daß ich viele Brüder in Gadsden und Umgebung in Unruhe versetzt habe, das hatte ich gerade vermeiden wollen.

Es trifft zwar zu, daß ich starke Zweifel an einigen Lehren der Watchtower Society habe, ich möchte aber zwei wichtige Dinge klarstellen:

Erstens habe ich darüber nicht von mir aus in der Versammlung gesprochen. Nicht einmal mit den Ältesten habe ich mich darüber ausgesprochen, weil ich befürchtete dadurch vielleicht unab­sichtlich Gerede in der Versammlung auszulösen. Ich habe darüber nur in vertraulichen Gesprächen geredet, und zwar mit ganz wenigen Menschen, fast alle davon aus meiner eigenen Familie.

Zweitens sind meine Ansichten über Jehova Gott, Jesus Christus und die klaren biblischen Lehren, die die Auferstehung unverändert geblieben.

Vor Jehova Gott als meinem Richter bin ich mir keines unchristlichen Wandels bewußt. Seit. Seit dem Winter 1931/32, vor nunmehr fast 50 Jahren, als mein Vater anfing, mich zu den Zusammenkünften mitzunehmen, bin ich regelmäßig Verkündiger und ich habe mich als Zeuge Jehovas sehr engagiert. Mein guter Ruf und mein Ansehen, sowohl bei Euch wie auch in der Stadt im Allgemeinen, sind mir sehr wichtig.

Damit nun mein guter Ruf erhalten bleiben kann und unter Euch keine weitere Unruhe aufkommt, ziehe ich mich aus der Organisation zurück.

Das ändert nichts an meiner Achtung vor dem, was die Watchtower Society an Gutem bewirkt. Auch meine Freundschaften mit Euch und meine Liebe zu Euch als Einzelnen bleiben davon unberührt. Eure Reaktion hierauf werde ich akzeptieren.“

(Damit endet die Übersetzung der Kopie von Peter Gregersons Brief. Es geht weiter im Text meines Schreibens an die Ältestenschaft.) [356]

„Wie er schreibt, ist, er sich keines „unchristlichen Wandels bewußt“, was bedeutet, daß er nicht zu denen gehört, die in 1. Korinther 5:11-13 beschrieben werden. Er sagt, daß er an Jehova Gott, an Jesus Christus und die klaren Lehren der Bibel glaubt, so daß man im auch nicht zu denen zählen kann, die in 2. Johannes 7-11 beschrieben sind. Soweit mir bekannt, hat niemand seine Äußerungen bezweifelt oder widerlegt. Würde ich ihn als bösen Menschen oder Antichristen behandeln, ohne daß dafür eine klare biblische Grundlage bestünde, so würde ich mich vor Gott schuldig machen.

Ich habe jeden Ältesten, der mit mir gesprochen hat, auch die drei Angehörigen des Rechtskomitees, einzeln gefragt, ob er denn Peter Gregerson als einen Men­schen ansehe, auf den die Beschreibung in 1. Korinther 5:11-13 und 2. Johannes 7-11 paßt, als bösen Menschen oder gar Antichristen. Auch sie selbst konnten sich nicht dazu durchringen, diese Texte auf ihn en anzuwenden, und dabei sind das die einzigen Texte, aus denen sich das Gebot herleitet, mit welcher Art Menschen ein Christ nicht zusammen essen sollte. Ist es denn wirklich fair von mir zu verlangen, ich solle diese Schriftstellen auf ihn anwenden und ihn damit als jemand ansehen, mit dem man nicht essen darf, wenn diejenigen, die über mich zu Gericht sitzen, dazu weder willens noch fähig sind? Bis heute erkenne ich nicht, daß diese Texte auf Peter Gregorson anwendbar sind. Das müßt Ihr mir zeigen.

Ich kann begreifen. daß die Ältesten davor zurückschrecken, Peter Gregerson zu den Leuten zu rechnen, die der inspirierte Apostel in 1. Korinther 5:11-13 aufzählt, nämlich Hurer, Habgierige, Götzendiener, Schmäher, Trunkenbolde und Erpresser. Ich kann mir auch kaum vorstellen, daß jemand von Euch auch nur im entferntesten an eine solche Möglichkeit denkt. Bitte berichtigt mich, wenn ich falsch liege.

Damit bleiben noch diejenigen, die in 2. Johannes 7-11 erwähnt werden, die Anti­christen. Könnt Ihr verstehen, weshalb ich ganz sicher sein muß, bevor ich diese Verse überhaupt auf irgend jemand anwende? Der Apostel Johannes, der diesen Be­griff als einziger verwendet, beschreibt einen solchen mit den Worten: „Wer ist der Lügner. wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, derjenige, der den Vater und den Sohn leugnet“ (1. Johannes 2:22). „Doch jede inspirierte Äußerung, die Jesus nicht bekennt, stammt nicht von Gott. Und dies ist die inspirierte Äußerung des Antichristen ••• “ (1. Johannes 4:3). „Denn viele Betrüger sind in die Welt ausgegangen. Personen, die das Kommen Jesu Christi im Fleisch nicht bekennen. Dies ist der Betrüger und der Antichrist“ (2. Johannes 7). Auf der Grundlage dieser Texte geben einige Bibelkommentare (die auch mehrfach in den Veröffentlichungen der Gesellschaft zitiert wurden) folgende Erläuterungen:

Barnes‘ Notes on the New Testament: „Aus diesen Texten wird deutlich, daß Johannes unter dem Begriff all jene verstand, die leugneten, daß Jesus der Messias war, oder daß der Messias im Fleische gekommen war. … Sie bezogen Stellung gegen ihn und vertraten Lehren, die dem Sohne Gottes vollständig widersprachen.“

Lange’s Commentary: „anti kann sowohl Feindschaft wie Ersatz bedeuten. Im ersten Fall bezeichnet es den Gegenspieler Christi, den Antichristus, im letzten Fall den vorgetäuschten Christus, den Schein- oder Pseudo­christus. … Die Antichristen leugnen, daß Jesus Christus ist; sie sagen, er sei nicht im Fleische gekommen, er sei nicht Gottes Sohn, er sei nicht von Gott. Die Lehre besteht in der Leugnung der Wahrheit, der Lüge, sie selbst sind Lügner und gemäß Johannes 8:44 die Kinder des Teufels, des Vaters der Lüge (1. Johannes 3:3-10) … Der Antichristus und die Antichristen müssen als ‚ausdrücklich mit Satan in Zusammenhang stehend gesehen werden‘, und die beiden Begriffe bedeuten hier nicht Ersatz, sondern Feindschaft gegenüber Christus …; der Antichristus war vor allem das Instrument und Werkzeug Satans.“

Glaubt jemand von Euch Ältesten ernsthaft, man kann Peter Gregerson zu dieser Gruppe Menschen zählen? [357]

Jesus Christus sagte, wer „ein unausprechliches Wort der Verachtung an seinen Bruder richtet wird dem höchsten Gerichtshof Rechenschaft geben müssen, während jeder, der sagt: ‚Du verächtlicher Tor‘, der feurigen Gehenna verfallen sein wird“ (Matthäus 5:22). Mir wäre es entschieden lieber, ein „verächtlicher Tor“ genannt zu werden, als „Antichrist“. Ganz bestimmt gibt es keinen schlimmeren Ausdruck in der Bibel. Wenn schon die ungerechtfertigte Benutzung des Ausdrucks „verächt­licher Tor“ dazu führen kann, daß man der Gehenna verfällt, wieviel mehr dann die Verwendung des Begriffs „Antichrist“, wenn sie ungerechterweise geschieht? Ein solch schweres Risiko will ich auf keinen Fall eingehen, und ich vertraue darauf, daß Ihr als einzelne gleichermaßen eine solche Abwägung vornehmt, In Matthäus 12:36 sagt Jesus: „Ich sage euch, daß die Menschen von jedem nutzlosen (acht­losen, Revised Standard Verson; unbegründeten, Jerusalem Bible) Ausspruch, den sie machen, am Gerichtstag Rechenschaft ablegen werden.“ Wer von uns dürfte es wagen derartige Warnungen auf die leichte Schulter zu nehmen? Und wie können wir meinen, andere dafür verantwortlich machen zu können, wenn wir fälschlicher­weise, ohne wirklichen Grund, jemanden, mit dem man nicht essen darf, als einen Menschen einstufen, der feindselig gegenüber Christus eingestellt ist? Der Sohn Gottes betont, daß wir in einem persönlichen Verhältnis zu ihm und zu seinem Vater stehen und damit auch persönlich verantwortlich sind: „Ich … bin (es), der Nieren und Herzen erforscht, und ich will euch, jedem einzelnen, gemäß euren Taten geben“ (Offenbarung 2:23).

Treue gegenüber Gott verpflichtet mich dazu, mein Gewissen von diesen Worten der Schrift Leiten zu lassen. Wenn ich meinem Gewissen so folge, bin ich dann ver­dammugswürdig? Es trifft zu, daß der Kreisaufseher bei mir zu Hause gesagt hat, die leitende Körperschaft könne die Gewissensentscheidunq des einzelnen aufheben. Zwar sagte er, und da möchte ich ihn wörtlich zitieren, er „plappere genau wie ein Papagei alles nach, was die leitende Körperschaf sagt“, doch diese Äußerung entstammt offensichtlich seinem eigenen Denken, denn mir ist keine Veröffentlichung der Gesellschaft bekannt, die so etwas sagen würde. Und was viel stärker zählt, ich kenne auch keine Schriftstelle, die diese Sichtweise stützen würde. Der inspirierte Apostel sagt uns, daß jemand, der Zweifel hat, „bereits verurteilt“ ist, selbst wenn die Tat in Ordnung ist, weil „alles, was nicht aus Glauben ist, Sünde“ ist (Römer 14:23). Wenn sich meine Gewissensentscheidunq ändern soll, so muß dies durch die Macht und Kraft des Wortes Gottes geschehen, nicht durch bloße menschliche Überlegungen, denn für mich gilt uneingeschränkt: „Gott werde als wahrhaftig erfunden, wenn euch jeder Mensch als Lügner erfunden werde.“ Ich möchte mich zu denen zählen, die nicht „das Wort Gottes verfälschen, sondern uns selbst durch das Kundmachen der Wahrheit jedem menschlichen Gewissen vor Gott empfehlen“ (Römer 3:4; 2.Korinther 4:2).

Ich habe dies alles so ausführlich gemacht, damit Ihr sehen könnt, wie schwer es mir fällt, ohne Vorbehalte und Gewissenskonflikte den Standpunkt zu akzeptieren, Peter Gregorson (dessen Brief ich zitiert habe) mache sich allein schon durch seinen Brief, ohne zusätzliche Belastungspunkte, automatisch zu einem bösen Menschen, mit dem ein Christ nicht mehr speisen dürfe. Habe ich die Schrifttexte, die mich jetzt von einer automatischen Verurteilung zurückhalten, falsch verstanden? Sagen sie etwas anderes, als was ich ihnen entnehme? Und werde ich dadurch, daß mein Gewissen mich treibt, Gottes Wort gegenüber wahrhaftig zu bleiben, selbst ein solcher böser Mensch, mit dem niemand essen darf? Drei unter Euch haben so entschieden. Zu ihrem Nutzen und aus Sorge um sie, aber auch für Euch andere schreibe ich diesen Brief. Sollte ich irren und Gottes Wort etwas anderes sagen, als was ich ihm entnehme, dann würde ich eine Zurechtweisung Eurerseits, die auf dasselbe inspirierte Wort gegründet ist, nicht nur akzeptieren, sondern sogar begrüßen.

Ich lege für jedes Mitglied der Ältestenschaft eine Kopie dieses Briefes bei, da das Rechtskomitee, das gegen mich entschieden hat, von ihr eingesetzt wurde. Darüber hinaus schicke ich Kopien an die leitende Körperschaft und auch an die Dienst­abteilung, da Eure Ernennung zu Ältesten von ihnen kommt. Wie Ihr wißt, schrieb ich am 5. November 1981 folgende Anfrage an die leitende Körperschaft:

Einige Älteste hier am Ort haben die Information im Watchtower vom 15.September 1981 als Aufforderung verstanden, von mir zu verlangen, ich solle meine Beziehung zu Peter Gregerson, dem Mann, auf dessen Grund und Boden ich wohne und für den ich arbeite, ändern. Sie sagen, [358] da er von sich aus die Gemeinschaft verlassen habe, solle ich ihn zu denen rechnen, mit denen man nicht essen sollte – böse Menschen und Antichristen-, andernfalls müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Da ich jetzt sechzig bin und über keine Geldmittel verfüge, ist es mir unmöglich , umzuziehen oder eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich wäre deshalb sehr dankbar zu erfahren, ob ihr mit den Äußerungen in dieser Nummer der Zeitschrift wirklich das meint, was da steht, daß es nämlich ein Grund für den Gemeinschaftsentzug ist, wenn man eine Einladung seines Wohnungs- und Arbeitgebers zum Essen annimmt. Sollte sie aber über das hinausgegangen sein, was mit der Veröffentlichung beabsichtigt war, so wäre ein Rat zur Mäßigung an sie eine sehr große Erleichterung für mich, da die Situation möglicherweise für mich sehr belastend wird. Ich bin für jede Klarstellung Eurerseits dankbar, ganz gleich, auf welchem Wege Ihr sie mir zukommen lässt.“

Ich habe Euch mehrfach, Zeit für die Beantwortung dieser Anfrage einzu­räumen. Bisher habt Ihr es nicht für angebracht gehalten, darauf einzugehen. Ich hoffe, daß Ihr es nunmehr tun werdet.

Mit freundlichen Grüßen“

Die Kopie für die leitende Körperschaft erhielt folgendes Begleitschreiben:
„11. Dezember 1981

An die
leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas
Brooklyn, New York

Liebe Brüder,

am 5. November 1981 schrieb ich Euch wegen einer Klarstellung bezüglich der neuen Linie, die im Watchtower vom 15. November vertreten wurde. Dort wurden Personen, die die Gemeinschaft verlassen hatten, mit Ausgeschlossenen gleichgestellt, und es wurden genaue Anweisungen gegeben, wie die Gesamtheit der Zeugen Jehovas solche Personen ansehen und behandeln solle. In meinem Brief gab ich meiner Sorge über die eventuellen Folgen dieses Artikels Ausdruck.

In der Zwischenzeit haben Älteste der Versammlung, mit der ich hier verbunden bin, diesen Artikel als „Autorität“ genannt, um mich auszuschließen, weil ich mit einem Mann, der die Gemeinschaft verlassen hat, in einem Restaurant eine Mahlzeit gemeinsam eingenommen habe. Der Mann ist mein Wohnung- und Arbeitgeber.

Ich lege eine Kopie meines Schreibens an die hiesige Ältestenschaft bei, in dem ich gegen die Entscheidung Berufung einlege. Sollte das Vorgehen des Rechts­komitees Eure Zustimmung haben und mit den Zielen des von Euch veröffentlichten Artikels übereinstimmen, so mag Euch dieser Brief nicht weiter interessieren. Wenn das aber nicht der Fall ist, und Euch diese Handlungsweise nicht recht ist (nicht deswegen, weil es sich um mich handelt, sondern weil es wahrscheinlich anzeigt, wie auf diese Veröffentlichung allgemein reagiert wird), dann wollt Ihr vielleicht etwas unternehmen, um die Auswirkungen des Artikels zu dämpfen. Die Firma Warehouse Groceries, bei der ich tätig bin, beschäftigt im Büro und in den zehn Ladengeschäften etwa 35 bis 40 Zeugen. Der Präsident der Finne hat die Gemeinschaft der Versammlung verlassen, ebenso der Leiter des Bereichs Non-­Food; andere dort Beschäftigte, darunter der Geschäftsführer eines der größeren Läden, sind ausgeschlossen,. Die mir erbetene Klarstellung könnte deshalb et­lichen Menschen in dieser Region eine Hilfe sein. [359]

Festzustehen scheint, daß diese neue Linie immer weitere Kreise ziehen und ständig mehr Menschen erfassen wird. Wendet man sie konsequent an, nicht nur selektiv und willkürlich wie in meinem Fall, so könnten in dieser Gegend ohne weiteres Dutzende ausgeschlossen werden, deren Namen einem sofort einfallen. Glaubt Ihr wirklich, daß das biblisch gerechtfertigt ist?

Da Ihr letzten Endes verantwortlich seid für das, was aus dem von Euch veröffentlichten Material wird, schien es mir angebracht, euch und der Dienstabteilung diese Zeilen zukommen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Rt, 4, Box 440-F
Gadsden, AL 359904″

Es folgt mein Brief vom 20. Dezember 1981, in dem ich um Veränderungen in dem von Kreisaufseher Wesley Brenner eingesetzten Berufungskomitee bitte:

„20. Dezember 1981
An die Ältestenschaft
der Versammlung Gadsden-Cst
Gadsden, Alabama

Liebe Brüder,

mit diesem Brief bitte ich um die Einsetzung eines anderen Berufungskomitees. Ich schicke eine Kopie an die Dienstabteilung der Leitenden Körperschaft und der Watchtower- Society, da ich um die Einsetzung eines Komitees bitte, das sich aus Brüdern von außerhalb dieser Gegend und dieses Kreises zusammensetzt. Folgende Gründe bewegen mich dazu:

Am 15. Dezember rief mich Theotis French an, um mitzuteilen, dass ein Berufungs­komitee ausgewählt worden sei, bestehend aus, Willie Anderson, Earl oder Felix Pamell (wer von beiden wußte er nicht) und Bruder Dibble (soweit ich mich entsinne, sagte er nicht, ob Vater oder Sohn). Ich sagte ihm, ich werde einen Brief schreiben, und daß ich zur Zusammensetzung dieses Komitees etwas zu sagen hätte. Ich fragte ihn, weshalb man keinen Ältesten aus der Versammlung Gadsten-­Ost genommen habe, und er antwortete, das werde nicht mehr so gehandhabt und er hätte den Kreisaufseher gebeten, die Auswahl vorzunehmen.

Am Freitag, 18. Dezember, schrieb ich an Theotis French mit der Bitte, mir end­gültig schriftlich die Namen derjenigen zu nennen, die für das Komitee ausge­wählt worden seien. Ich habe den Brief morgens zur Post gebracht. Abends rief er mich an und teilte mir mit, das Berufungskomitee werde am Sonntag die Ver­handlung durchführen. Ich sagte ihn, ich hätte ihn einen Brief geschrieben, den er in ein oder zwei Tagen erhalten müßte. Am Samstag abend rief er wieder an und sagte, er habe den Brief erhalten, und das Komitee wolle sich mit mir am Montag treffen, offensichtlich am 21. Dezember. Er nannte weder Zeit noch Ort, genau wie bei dem für Sonntag angesetzten Termin, gab mir aber die Namen der für das Komitee Ausgesuchten an: Willie Anderson, Earl Pamell und Rob Dibble. Ich bat ihn noch einmal darum, mir das schriftlich zu geben. Heute früh rief er noch einmal an sagte, das Berufungskomitee werde am Montag ver­handeln (wobei er wiederum Zeit und Ort nicht nannte). Ich erwiderte, das ein­gesetzte Komitee müßte mich eigentlich direkt anschreiben, statt im immer bei mir anrufen zu lassen, und sagte ihm, ich hätte Einwände gegen die Zusammen­setzung des Komitees und würde einen Brief schreiben, um die Einsetzung eines anderen Komitees zu erbitten. Darauf meinte er, das vorgesehene Komitee werde sich am Montag auf jeden Fall zusammensetzen. Ich sagte, daß ich in den 40 [360] Jahren meiner Tätigkeit ein so offensichtlich überstürztes Vorgehen noch nie erlebt hätte, worauf er erwiderte, der letzte Schulungskurs der Gesellschaft habe da Änderungen gebracht (welche, des sagte er nicht. Trotz all meiner Einwände gegen eine so rücksichtslose Eile sagte er, das Komitee werde die Verhand­lung durchführen, und alles, was ich zu sagen hätte, solle ich dann dort sagen. Ich wiederholte, daß ich die Einsetzung eines neuen Komitees verlangte.

Meines Erachtens habe ich für diese Bitte triftige Gründe. Ich werde sie im einzelnen darlegen, damit Ihr wie euch die Dienstabteilung genau informiert seid und damit das einmal festgehalten wird.

Während ich dem Diestkomitee der leitenden Körperschaft angehörte, gab es in Gadsden bei vielen Familien großen Wirbel wegen einer Angelegenheit, in die viele Jugendliche aus der Gegend verstrickt waren. Durch die Dienstabteilung erfuhr ich, daß das Komitee am Ort schwere Fehler bei der Abwicklung des Falls gemacht hatte, so daß die Einsetzung eines neuen Komitees nötig wurde, um alles zurechtzubügeln. Die ganze Sache ist mir noch frisch genug in Erinnerung, so daß ich Euch versichern kann, daß ich kein Vertrauen zu einer Komiteeverhandlung

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haben kann, die von jemand wie Bruder Anderson mit geführt wird, der in dem früheren Komitee, des so schwere Fehler gemacht hatte, eine so herausragende Rolle gespielt hatte. Darüber hinaus habe ich erfahren, und zwar sowohl durch Mitteilungen der Dienstabteilung wie auch später persönlich, daß Peter Gregor­son aktiv um die Revision der Entscheidungen der Ortsältesten bemüht gewesen war und damit maßgeblich dazu beitrug, dass die Gesellschaft ein Komitee mit Ältesten von außerhalb einsetzte. Nimmt man all dies zusammen, so erweckt die Wahl Bruder Andersons für mein Verfahren (in dem es vor allem um meine Be­ziehung zu Peter Gregerson geht) keine grossee Hoffnung auf ein umsichtiges, un­parteiisches, neutrales Verfahren. Vielleicht hat Bruder Anderson aus der Zurechtweisung des Berufungskomitees damals gelernt, doch die bisherige Verhandlungsführung des vorgesehenen Berufungskomitees, seine Hast, zu einem Urteil zu ge­langen, und die Formfehler bei der Arbeit lassen nur die schlimmsten Erinnerungen an alte Fehler aufkommen. Ich denke, Ihr könnt verstehen, daß ich gegen diese Wahl zu Recht etwas einzuwenden habe und sie für mich völlig unannehmbar ist.

Was die Wahl Earl Parnells betrifft, so sind die Gründe dafür Wirklich kaum noch nachvollziehbar. Ich möchte noch einmal betonen, daß in dem ganzen Fall vor allem um meine Beziehung zu Peter Gregerson geht, daß die Zeugenaussagen sich nur darauf beziehen, und dass das erste Komitee einen Gemeinschaftentzug wegen dieser Beziehung beschlossen hat. Wie soll man dann die Wahl Earl Parnells in mein Berufungskomitee noch vernünftig begründen können? Wie Ihr sehr gut wißt (und wie auch der Kreisaufseher weiß), ist er der Vater von Dana Parnell, der sich vor kurzem von Vicki Gregerson, der Tochter Peter Gregersons, hat scheiden lassen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, sollte es genügen zu sagen, daß die Beziehungen der beiden Familien zueinander, insbesondere die der beiden Väter seit einiger Zeit sehr angespannt sind. Über diese äusserst angespannte Situation war der Kreisaufseher ganz sicher informiert, denn während seines Gesprächs mit Peter Gregerson bei seinem vorletzten Besuch in Gadsden war von Dana Parnell die Rede. Jeder der auch nur durchschnittliches Vorstellungsvermögen besitzt, muß klar sein, daß die Wahl von Dana Parnell für ein Verfahren, in das Peter Greger­son verwickelt ist, jedes Gefühl für Fairneß und gesunden Menschenverstand Hohn spricht. Das kann einen bloß zu einer solchen Wahl getrieben haben? Welche Be­weggründe und Überlegungen stecken dahinter?

Die Umstände im Fall von Bruder Pamell spielen unvermeidlich auch in die des dritten Mitglieds im vorgesehenen Komitee hinein, nämlich Rob Dibble. Er ist Earl Parnells Schwiegersohn, da er mit Dana Parnells Schwester Dawn verheiratet ist. Falls nötig, so ließen sich meines Erachtens Zeugenaussagen finden, die be­stätigen, dass Rob Dibbles Frau sehr unter der Scheidung ihres Bruders von Peter Gregersons Tochter gelitten hat und sich auch laut darüber geäußert hat. Es erscheint unwahrscheinlich, daß sie diese Äußerungen nicht auch gegenüber ihrem Mann gemacht hat. Zu erwarten, daß er sich in einem Fall, bei dem es vor allem um Kontakte zu Peter Gregerson geht, innerlich frei und ungebunden fühlt und mit der notwendigen Unvoreingenommenheit an die Sache herangeht, das ist meiner Meinung nach mehr, als man erwarten kann. [361]

Angesichts dieser Sachlage bitte ich höflich um die Einsetzung eines anderen Komitees, bestehend aus Brüdern, die nicht aus dieser Gegend und nicht aus diesem Kreis sind. Ich könnte mir (mit vielleicht einer Ausnahme) kein Dreierkomitee vor­stellen, das weniger geeignet wäre für eine neutrale, vorurteilsfreie Verhandlung meines Berufungsverfahrens als das bisher ausgewählte. Es kann sein, daß der Kreis­aufseher sich für seine Entscheidung nicht genügend Zeit genommen hat, die von mir genannten Fakten angemessen zu würdigen. Es ließen sich zwar Argumente vortragen, die diese Fakten beiseiteschieben, doch die Liebe zu einer fairen und gerechten Vorgehensweise verbietet das. Diese Liebe wird, so hoffe ich, Euch zu der Einsicht führe, daß das Berufungskomitee untadelig sein, auf eigenen Beinen stehen können muß und keine solchen Rechtfertigungsversuche nötig haben darf (1. Timotheus 5:21, 22).

Möglicherweise wollt Ihr wegen dieser Fragen an die Gesellschaft schreiben. Ich würde das sehr begrüßen.

Zu Eurer Information teile ich Euch mit, daß ich heute Gäste erwarte, die über 800
Kilometer weit gereist sind und nur wenige Tage für und erübrigen können. Am Montag Nachmittag habe ich eine Verabredung in Birmingham, die bereits vor einigen Tagen vereinbart wurde, so daß ich wahrscheinlich erst am Abend wieder zu Hause sein werde. Im Verlauf der Woche werden wir eine Reise über die grenzen des Staates Georgia hinaus unternehmen, für die die Fahrkarten bereits vor einiger Zeit gekauft wurden , und zwar von denen die wir besuchen werden. In der Zeit um Neujahr herum werden uns Freunde von weit außerhalb besuchen, die mit dem Flugzeug angereist kommen. Doch nach dem 5. Januar werde ich Zeit haben, mich mit dem neugewählten Komitee zu treffen, was auch der Gesellschaft genügend Zeit für die Auswahl lässt.

Darf ich Euch darum bitten, dass ihr mit mir schriftlich Kontakt haltet, damit es in Zukunft nicht zu noch mehr Schwierigkeiten kommt, als wir bisher schon erlebt haben. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüssen
Rt. 4, Box 440-F
Gadsden, Al 35904″ [362]

Kopien dieses Briefes habe ich an die leitende Körperschaft und an die Dienstabteilung geschickt, zusammen mit folgendem Schreiben:

„20. Dezember 1981

Watchtower Bible and Tract Society
Brooklyn. New York

Betrifft: Dienstabteilung

Liebe Bruder,

hiermit beantrage ich die Einsetzung eines neuen Komitees für meine Berufungsverhandlung, das sich aus Brüdern zusammensetzt, die von ausserhalb Gadsdens und des Kreises, in dem es liegt, stammen. Die Gründe für diesen Antrag werden in dem beigefügten Brief an die Ältestenschaft der Versammlung Gadsden-Ost unter dem heutigen Datum erläutert.

Der Vorsitzende des ursprünglichen Rechtskomitees hat mir von Gesprächen mit Euch berichtet, so daß Ihr die Einzelheiten des Falls kennt.

Ich bitte um die Einsetzung von Brüdern außerhalb des Kreises zum Teil deswegen, weil es schon zu beträchtlichem Geschwätz und zur Ausbreitung von Gerüchten gekommen ist, die mir zum Teil zu Ohren gekommen sind. Doch darüber hinaus glaube ich auch, daß die Auswahl, die der von Euch eingesetzte Vertreter, der Kreisaufseher, getroffen hat, in Anbetracht der im beiliegenden Brief beschrie­benen Fakten nur seine Unfähigkeit beweist.

Wie bereits in meinem Schreiben von 8. Dezember 1981 erwähnt, in dem ich meine Berufung begründete, zeigte Bruder Benner während seines Besuches bei mir eine so starre Haltung, daß wenig Hoffnung für seine Fähigkeiten in derartigen Ange­legenheiten besteht. Wie er selbst sagte, glaubt er, das Gewissen des einzelnen könne „durch die leitende Körperschaft außer Kraft gesetzt werden“ (was doch nur die Bibel kann), und er beschrieb sich lang und breit als jemand, der wie ein Papagei nachplappert, was immer die leitende Körperschaft sagt. Diese Einstellung gibt Anlaß zur Sorge, erinnert sie doch fatal an die Mentalität, die in der Jüng­sten Geschichte in Deutschland zu so vielen Taten des Unrechts geführt hat, ganz zu schweigen von all den sehr religiös eingestellten Menschen durch die Jahrhun­derte hindurch, die ohne nachzudenken das akzeptierten, was ihnen ihre „Mutter“ Kirche befahl, und es dann ausführten. Die Auswahl, die er für das Berufungskomitee getroffen hat, zerstreut diese Sorgen keineswegs, sondern im Gegenteil, es verstärkt sie noch. Ich meine, das geht aus dem beigefügten Brief klar hervor.

Ich bitte Euch eindringlich, die in diesem Fall eingetretene offensichtliche Ent­gleisung zu beheben. Vielen Dank.

Hochachtungsvoll“

Mittlerweile hatte ich an die leitende Körperschaft dreimal geschrieben (am 5. November, am 11. Dezember und am 20. Dezember) und um eine Reaktion gebeten. In den acht Wochen, die zwischen der Abfassung des ersten Briefes und meinem endgültigen Ausschluß verstrichen, wurde keiner von ihnen beantwortet. Nicht einmal der Posteingang wurde mir bestätigt.[363]

13.1.7 Zu Kapitel 12 *

In den Jahren, die seit der Niederschrift dieses Kapitels verstrichen sind, hat sich nichts Wesentliches ereignet, das die dort getroffenen Feststellungen beeinflussen würde. Wie dort schon gesagt, habe ich zu keiner Zeit damit ge­rechnet, daß Scharen von Anhängern die Wachtturm-Organisation verlas­sen würden, sondern statt dessen weiteres Wachstum erwartet. Tausende neuer Anhänger werden jedes Jahr gewonnen, während zugleich Tausende anderer sich wieder verabschieden. Diese Fluktuation sowie eine gewisse Zunahme haben dazu geführt, daß ein hoher Prozentsatz der Anhänger heute neu in der Organisation ist und buchstäblich keine Ahnung hat, wel­che hohen Erwartungen einst für das Jahr 1975 geschürt worden waren, ganz zu schweigen von den anderen fehlgeschlagenen Voraussagen, die es davor gegeben hatte.

In den Veröffentlichungen der Wachtturm-Organisation werden weiterhin unermüdlich Behauptungen über das Jahr 1914 aufgestellt. Ist erst einmal das Jahr 2000 gekommen und man liest und schreibt diese Jahreszahl, da­nach 2001, 2002 und so weiter, wird allein schon der optische Eindruck das Jahr 1914 immer unhaltbarer machen. Früher oder später wird sich die Orga­nisation dann wohl einfach gezwungen sehen, irgendein „neues Verständ­nis“ vorzutragen. Dieses Jahr ganz fallenzulassen, kann sie sich kaum erlau­ben, denn es dient vielen Lehren, Deutungen von Prophezeiungen und An­sprüchen der Organisation als Stütze. In der Vergangenheit hat die Organisa­tion einigen Erfindungsreichtum bewiesen, wenn es um derartiges „neues Verständnis“ ging, und den wird sie diesmal sicher auch wieder aufbringen. Wie gut sie damit aber durchkommt, ob die Menschen in ihren Reihen end­lich anfangen, ihr kritisches Urteilsvermögen zu gebrauchen, das bleibt ab­zuwarten. Jede Änderung der Lehre über 1914 dürfte sich am stärksten auf diejenigen auswirken, die der Organisation schon ihr ganzes Leben lang an­gehören und deren Bereitschaft, weiterhin an das „Bevorstehen“ der neuen Ordnung zu glauben, wie sie es schon Jahrzehnt um Jahrzehnt um Jahrzehnt getan haben, allmählich erschöpft sein könnte.

Ein wichtigeres Ereignis, das sich seit der Abfassung der ersten Ausgabe die­ses Buches zugetragen hat, war der Tod von Frederick Franz am 22. Dezem­ber 1992 im Alter von 99 Jahren (geboren am 12. September 1893). Mit ihm ging gewissermaßen eine Ära zu Ende, denn er war der einzige in der leiten­den Körperschaft, der in dem für die Zeugen Jehovas so bedeutungsvollen Jahr 1914 bereits getauft war, und er war möglicherweise der einzige aus die­ser Gruppe, der den Gründer der Bewegung, Charles Taze Russell, noch per­sönlich erlebte. Er hatte bei weitem den größten Anteil an der Errichtung des Glaubensgebäudes aus der Zeit nach Rutherford und an der Formulie­rung der Verfahrensgrundsätze beim Gemeinschaftsentzug. Der göttliche „Prophetenmantel“, den Rutherford weitergereicht haben soll (siehe dazu die Seiten 86-88), geht mit ihm in die Versenkung. Sein Ableben könnte[364] meiner Meinung nach so manchem altgedienten Mitglied Anlaß sein, etwas ernsthafter über die Behauptungen bezüglich 1914 nachzudenken.

Nach meinem Rücktritt aus der leitenden Körperschaft und der späteren Trennung von der Organisation hatte ich mehrfach an meinen Onkel ge­schrieben, ohne dabei auf eine Antwort zu hoffen – die auch nie eingetrof­fen ist – und auch nicht an ihn als eine Autoritätsperson, sondern einzig aus Anteilnahme an ihm als Familienangehöriger und Mensch, um mich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen und ihm zu versichern, daß mein Inter­esse und meine Sorge für ihn nicht von Leitlinien oder Vorschriften eines menschlichen Systems bestimmt werden. Mein größter Wunsch war, daß wir uns hätten zusammensetzen und von Angesicht zu Angesicht miteinan­der reden können. Ich bin nämlich felsenfest davon überzeugt, daß er klar er­kannte, auf welch schwankendem biblischem Fundament viele der Lehren der Organisation standen. Er verfügte über eine enorme Intelligenz, konnte streng folgerichtig denken und brachte Bibelauslegungen zu Papier, die Hand und Fuß hatten. Doch da er beharrlich an einer menschengemachten Organisation festhielt, trat er als deren Hauptverteidiger auf, wann immer ihre Sonderlehren in Frage gezogen oder ihre Interessen bedroht schienen, selbst wenn das bedeutete, die Aussagen der Heiligen Schrift umzudeuten, damit sie scheinbar die Position der Religionsgemeinschaft stützten. In die­sen Fällen gebrauchte er seine Intelligenz letztlich für phantasiereiche Er­findungen und führte seine Leser mittels bloßer Rhetorik und reiner Plausi­bilitäten zu den gewünschten Schlußfolgerungen.

Ich finde das alles sehr traurig. Er erlebte mit, wie die Zahl der Mitverbunde­nen von wenigen Tausend auf mehrere Millionen anwuchs, wie die Welt­zentrale sich vom Umfang einiger Gebäude zu ganzen Häuserblocks mit vielgeschossigen Komplexen ausweitete, wie die Druckereien sich von ei­nem recht bescheidenen Anfang zu einem internationalen Verlagsimpe­rium entwickelten, doch nichts von all dem kann er mit ins Grab nehmen. Und ganz bestimmt haben auch alle diese materiellen Faktoren keinerlei Einfluß auf Gottes Gutheißung oder Mißbilligung ihm gegenüber. Schon Jahre vor seinem Tod hat man alle Bücher, die er einst geschrieben hatte, nicht mehr neu aufgelegt. Ihnen wird eines Tages der Status reiner Erinne­rungsstücke zugewiesen werden, wie das bereits mit den Schriften Ruther­fords und Russells geschehen ist. Seine höchst kreativen Deutungen bibli­scher Prophezeiungen, wie zum Beispiel denen Daniels, werden vielfach durch andere Deutungen ersetzt werden, einfach weil die Umstände es er­fordern. (Das hat schon angefangen mit seiner Deutung des „Königs des Nordens“ und des „Königs des Südens“ aus Daniel 11:29-45, wobei er den „König des Südens“ als die demokratischen Kräfte unter Führung der USA und den König des Nordens als die kommunistische Supermacht unter Füh­rung der Sowjetunion ansah. Über 30 Jahre lang wurde diese Ansicht vertre­ten, von seiner Abfassung des Buches Dein Wille geschehe auf Erden. auf Englisch 1958 erschienen, bis zum Erscheinen des Wachtturms vom 1. Sep­tember 1991, Seite 6. Die Spannung zwischen den Supermächten sollte [365] schließlich in ihren Todeskampf einmünden. Doch statt dessen kam Ende 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion, und im Wachtturm vom 1. No­vember 1993, Seite 21, wurde die Frage gestellt, die sich bereits viele Zeugen gestellt hatten: „Wer also ist der König des Nordens?“ – ohne daß der Schreiber darauf eine klare neue Antwort geben konnte.)

In einem Brief an meinen Onkel, den ich ihm am 28. Juni 1988 geschrieben hatte, nachdem mir von seinen gesundheitlichen Problemen berichtet wor­den war, bezog ich mich auf einige seiner – meiner Meinung nach — besten Bücher und Ansprachen, die treffende Aussagen enthielten, die, wenn man sie wirklich anwendete, zu einer Neubewertung oder gar Zurückweisung vieler heutiger Standpunkte und Behauptungen der Organisation führen würden. Unter anderem schrieb ich damals:

„Wir stehen beide vor dem Abschluß unseres Lebens. Mir steht ganz klar vor Augen, daß wir alle mit Sicherheit vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden, wie Paulus sagte, und daß jeder vor Gott wird Rechenschaft ablegen müssen. Sein Sohn wird dann als Richter „auch das im Dun­keln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenkundig machen, und dann wird indem sein Lob von Gott zuteil werden“ (Römer 14:10-12; I. Korinther 4:5). Da ich genau weiß, wie gut Du die Bibel kennst, kann ich unmöglich glauben, daß Du meinst, irgend­welche Organisationszugehörigkeit oder die Loyalität gegenüber den Interessen einer Organi­sation würden bei diesem Gericht über unsere Person einen entscheidenden Einflug haben, oder daß sie überhaupt je eine Bedeutung hätten.Je mehr ich altersmäßig voranschreite und je greifbarer mir mein Ende vor Augen steht, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß das Wert­vollste, was wir der Nachwelt überhaupt hinterlassen können, unser moralisches Erbe ist, und daß der Wert dieses moralischen Erbes sich an den Grundsätzen mißt, für die wir eingetreten sind, Grundsätze, die in keinem Fall geopfert oder aus zweckdienlichen Erwägungen weger­klärt werden können. Zu diesen rechnen vor allem um die vollständige, ungeteilte Hingabe ge­genüber Gott, die bedingungslose Unterwerfung gegenüber seinem Sohn als unserem einzigen Haupt, die Lauterkeit gegenüber der Wahrheit und unser mitfühlendes Interesse an anderen, nicht als Teil eines Systems, das wir stützen,sondern als einzelnen Menschen.“

Ich habe großes Interesse daran, ein solches moralisches Erbe zu hinterlassen; nichts anderes bewegt mich so in meinem Herzen. Es ist so, wie Paulus in Römer 14:7, 8 sagt: „Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und auch wenn wir sterben, geschieht es für den Herrn.“ Ich hoffe, daß wir, wenn auch vielleicht in sonst nichts, so doch wenigstens hierin übereinstimmen und gleichermaßen besorgt sind.

Wie schor, bei meinen anderen Briefen, blieb auch dieser unbeantwortet. Dennoch bin ich froh, ihn geschrieben zu haben. In Anbetracht des Todes meines Onkels bin ich nicht nur traurig über das, was geschehen ist, son­dern noch mehr über das, was hatte sein können.

Nach dem Tode von Frederick Franz ist ein neuer Präsident der Gesell­schaft ernannt worden, und wie bereits in Kapitel 12 (niedergeschrieben im Jahre 1983) als wahrscheinlicher Schritt angekündigt, wurde Milton Hen­schel von der leitenden Körperschaft am 30. Dezember 1992 als sein Nach­folger eingesetzt. Wie bereits gesagt, bringt die Stellung des Präsidenten dem Amtsträger ein gewisses zusätzliches Prestige unter den Zeugen Jeho­vas im allgemeinen, bedeutet aber keine besondere Macht oder Autorität mehr. Der Wechsel im Präsidentenamt hat also keinen besonderen Einflug [366] auf die Richtung, in die sich die Organisation weiterbewegt. Milton Hen­schel gehört zu den konservativeren Mitgliedern der leitenden Körper­schaft und hat bei Abstimmungen wie alle anderen Angehörigen dieses Gremiums nur eine einzige Stimme. Er verfügt zwar über Humor und ein gewinnendes Wesen, gibt sich aber oft in sich gekehrt und gleicht keinem der vorangegangenen vier Präsidenten, da er weder über deren Charisma verfügt noch über das Ausmaß an Führungseigenschaften, das die ersten drei von ihnen auszeichnete. Doch da das Amt all seiner Macht beraubt ist, die Rutherford ihm verliehen hatte, spielt das kaum eine Rolle. In Fragen der Lehre zählt seine Stimme in der leitenden Körperschaft bei weitem nicht so viel, wie etwa die von Fred Franz zählte. Henschel ist kein Buch­autor und auch kein besonders tiefschürfender Erforscher der Bibel, und wenn sich Änderungen der Lehre ergeben sollten, so ist es wenig wahr­scheinlich, daß sie von ihm ausgehen werden.

Der leitenden Körperschaft gehören jetzt weniger Männer an; ihre Zahl ist von einstmals 18 auf heute zehn gesunken. Das jüngste Mitglied, Gerriet Loesch, wurde im Juni 1994 ernannt. Er wurde 1941 in Österreich geboren, mithin 27 Jahre nach dem Jahr 1914, und wurde 1959 getauft, also 24 Jahre nach der Änderung von 1935, derzufolge der Ruf angeblich nur noch an die irdische statt die himmlische Klasse erging. Abgesehen von diesem 55jiihri­gen Mitglied, sind sie alle recht alt, und zumindest einige wurden nur wegen ihrer langjährigen Tätigkeit in der Weltzentrale oder im Vollzeitpredigt­dienst in diesen Kreis aufgenommen, nicht wegen ihrer bemerkenswerten persönlichen Eigenschaften oder Qualifikationen. Man meinte eben, sie würden sich gut „einfügen“ (oder zumindest keine Probleme bereiten). Ei­nige wurden vor ihrer Ernennung nur als für untergeordnete Aufgaben taug­lich angesehen. Damit will ich niemand herabsetzen, und wer mit mir ge­meinsam an der Auswahl neuer Mitglieder beteiligt war, weiß auch, daß dies der Wahrheit entspricht. Bis zur kürzlichen Ernennung Loeschs ver­spürte man anscheinend keine Lust, die Verstorbenen zu ersetzen, mögli­cherweise weil man sich in der bestehenden Zusammensetzung des Gremi­ums wohl fühlte und man, wie so häufig bei alten Menschen, alles vermei­den will, was eine Atmosphäre des Wechsels mit sich bringen könnte. Da ich jeden einzelnen kenne, zweifle ich nicht daran, daß mindestens einige die Machtprivilegien ihrer kleinen Gruppe ebenso ungern mit jemand an­ders teilen möchten, wie Rutherford und Knorr es mit ihrer Machtfülle als Einzelperson in früheren Zeiten gewollt hätten.

Eine nennenswerte Änderung ist vielleicht die Bekanntmachung im Wachtturm vom 15. April 1992 auf Seite 31, wonach an den Komiteesitzun­gen (nicht an den Plenarsitzungen) auch andere Personen teilnehmen dür­fen. Zwei Hauptartikel in dieser Wachtturm-Ausgabe bereiten den Boden für diese Ankündigung. Darin wird erläutert, daß man die Christen der heu­tigen Tage gemäß der Lehre der Wachtturm-Organisation in zwei große Gruppen einteilen könne: die „Bürger“ und die „Fremdlinge“, oder anders ausgedrückt: die geistigen luden und die geistigen Heiden. Das steht in krassem [367] Gegensatz zu den Schriften der Jünger Jesu, denen eine solche Tren­nung in verschiedene Klassen gänzlich fremd ist und die statt dessen die Gleichrangigkeit der Christen in ihrer Stellung vor Gott hervorheben. Pau­lus sagt, daß es in Christus weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freien gibt (Römer 10:12, Galater 3:28; Kolosser 3:11). Diese buchstäbliche Unterscheidung nach Rasse und Stand wird in der Wachtturm-Lehre ersetzt durch die Unterscheidung nach geistiger Rassenzugehörigkeit undgeistiger Unterordnung oder Knechtschaft. Dies geschieht, indem man die Vorkeh­rungen und Einrichtungen des Alten Bundes dem christlichen System über­stülpt und damit in geistigem Sinne sozusagen die Uhr zurückdreht in vor­christliche Zeiten, womit der grundlegende Wechsel, den Christus be­wirkte, null und nichtig gemacht wird. So sind die etwa 8700 Mitglieder der „Gesalbten“ die „Bürger“, die „geistigen Israeliten“, und bilden die „auser­wählte Rasse“ und die „königliche Priesterschaft“ aus 1. Petrus 2:9, wäh­rend die Millionen „anderer Schafe“ die „Fremdlinge“ sind, die „geistigen Heiden“, zu vergleichen mit den „Fremden“, die für die Israeliten „Mauern bauten“ oder „Bauern“ und „Winzer“ waren, wobei diese Dienste in der Bi­bel als ein Hinweis auf die Unterwürfigkeit gegenüber denen, die diese Dienste empfingen, gewertet werden.

Genaugenommen wird damit im Wachtturm vom 15. April 1992 noch eine dritte Klasse oder Unterklasse eingeführt, die der geistigen Nethinim lind Söhne der Diener Salomos. In den beiden Artikeln wird betont. diese Grup­pen seien in einen höheren Stand als den der einfachen Sklaverei gehoben worden; Nachschlagewerke werden zitiert, die von einem höheren sozialen Rang der Nethinim sprechen und davon, daß sie eine offizielle heilige Klasse bildeten, denen Vorrechte gegeben wurden. Es wird behauptet, ohne daß dies biblisch begründet wird, daß diese Situation aus dem Alten Testament in der heutigen Zeit eine Parallele habe. (Zu Anfang werden die Nethinim mit dem nichtlevitischen „Sängern und Sängerinnen“ am Tempel in Verbin­dung gebracht, doch später ist davon nicht mehr die Rede, zweifellos weil sich Frauen unter ihnen befanden. Willkürlich legt also der Verfasser des Aufsatzes fest, wie weit die angebliche „Parallele“ zu gehen habe. Das ist eindeutig nichts anderes als Manipulation.] Als nächstes wird eine Gruppe von Männern hervorgehoben, die besondere Vorrechte innehat, unter ande­rem „administrative Verantwortung“, und danach werden die „Nethinim“ und „Söhne der Diener Salomos“ der alten Zeit als Gegenbild von Zeugen Jehovas (Männern) der heutigen Zeit dargestellt, die reisende Aufseher, Mit­glieder von Zweigkomitees, Redaktionsmitarbeiter in der Weltzentrale, lei­tende Mitarbeiter in den Wohnheimen und Fabriken der Wachtturm-Ge­sellschaft oder bei Bauprojekten in verschiedenen Ländern sind. Ganz ein­deutig bleibt für die anderen „Fremdlinge“, die Millionen „geistiger Hei­den“ oder „anderer Schafe“, eine Position mit weniger Vorrechten und ge­ringerem Rang übrig. Die Artikel durchweht ein Geist der Vorliebe für be­sondere Vorrechte und Stellungen in einer Organisation, ein Geist, der seine Verkörperung findet in den höchsten Privilegien und Machtbefugnissen der [368] Mitglieder der leitenden Körperschaft, denen man nicht abstreiten kann, daß sie „eine Klasse für sich“ bilden.

Die neue Vorkehrung, der Anlaß für das Abfassen dieser Artikel, daß näm­lich auch andere Personen an den Zusammenkünften der Komitees der lei­tenden Körperschaft teilnehmen, ist in Wahrheit nur soweit neu, als es die Anzahl der Beteiligten betrifft. Schon sehr früh, gleich nach der Bildung der Komitees der leitenden Körperschaft 1976, wurden nämlich Männer aus dem Mitarbeiterstab der Weltzentrale als Sekretäre der fünf Komitees er­nannt (Personal-, Verlags-, Dienst-, Lehr- und Schreibkomitee), und diese fünf Männer (David Mercante, Don Adams, Robert Wallen, David Sinclair und Karl Adams) gehörten sämtlich zur Klasse der „Nicht-Gesalbten“. Diese Sekretäre waren nicht nur bei den jeweiligen Komiteesitzungen an­wesend, sondern durften auch an ihren Diskussionen teilnehmen, wenn auch nicht abstimmen. In der Bekanntmachung des Wachtturms vom 15. April 1992 wird nichts über das Stimmrecht gesagt, und man darf vermuten, das dies weiterhin den anwesenden Mitgliedern der leitenden Körperschaft vorbehalten bleibt. Die Plenarsitzungen der Körperschaft (an denen selbst die erwähnten Sekretäre nicht teilnahmen) bleiben offenbar weiterhin ein­zig den Mitgliedern der leitenden Körperschaft vorbehalten.

So bedeutet die neue Vorkehrung lediglich, daß nun zwei oder drei Fremde an den Komiteesitzungen anwesend sein werden, statt bisher nur einem. Eine so simple Änderung kann nur in einer Organisation, in der Rang und Vorrechte solch enormen Stellenwert haben, als so aufsehenerregend ange­sehen werden, daß sie eine weltweite Bekanntgabe erfordert. Letztlich dürfte hierbei nur die Einsicht der Mitglieder der leitenden Körperschaft zum Tragen gekommen sein, daß sie mit zunehmendem Alter und schlech­ter werdender Gesundheit immer weniger selbst werden tun können und ihre Zahl sich ganz ohne Zweifel bald noch weiter verringern wird. Der Jüngste, Gerrit Loesch, ist jetzt (im April 1996) 55, Ted Jaracz ist 70, Milton Henschel 75, Dan Sydlik 77, Lloyd Barry 79, Jack Barr 82, Albert Schroeder und Lyman Swingle sind 85, Carey Barber und Karl Klein beide 90 Jahre alt. Wie schon im Hinblick auf Änderungen beim Jahr 1914 gesagt, wäre es für die Organisation ein Unding, Männer aus den Reihen der „Nicht-Gesalb­ten“ direkt in die leitende Körperschaft aufzunehmen, ohne ihre Behaup­tungen zu untergraben, nach denen die „Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ allein aus „Gesalbten“ besteht und mit der Überwachung des ge­samten „Haushalts“ des Herrn betraut ist. Außerhalb dieser Körperschaft hat es keinerlei Bedeutung, ob jemand zu den „Gesalbten“ zählt, wenn es um die Ernennung als Ältester, reisender Aufseher, Mitglied eines Zweigko­mitees oder irgendeine andere Stellung in der Organisation geht. Aus eige­ner Erfahrung würde ich sagen, daß es ganz ohne Zweifel scharenweise „Nicht-Gesalbte“ in den verschiedensten Ländern gibt, die erheblich fähi­ger sind, die eine bessere Kenntnis der Bibel haben sowie eine größere Fähig­keit, diese Kenntnisse weiterzugeben, die tiefere Einsichten haben, sogar mehr Geistigkeit erkennen lassen als viele der derzeitigen Mitglieder der [369] leitenden Körperschaft. Würde man sie jedoch in den erlesenen Rang dieser Gruppe erheben, hieße das, geistige „Ausländer“ mit den geistigen „Bür­gern“ auf eine Stufe zu stellen, die geistigen „nichtlevitischen Helfer im Tempel“ der geistigen Klasse der „königlichen Priesterschaft“ gleichzuma­chen und ihnen einen vollen Anteil an der Verwaltung des Haushalts des Herrn gemeinsam mit der „Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ zu geben. Damit würde man alle Trennlinien, die in der Wachtturm-Lehre seit einem halben Jahrhundert oder länger aufgestellt werden, verwischen oder praktisch ganz aufheben. Meiner Meinung nach wird die leitende Körper­schaft das aber nicht tun, solange sie nach menschlichen Fähigkeiten dazu nur in der Lage ist. Genau wie beim fahr 1914 werden die überkommenen Ansichten, an denen man so glühend festhält, zu frustrierenden Fesseln, die das Gremium daran hindern, das zu tun, was die Umsicht und die prakti­schen Gegebenheiten normalerweise erfordern würden.

Die 8. englische Auflage von Der Gewissenskonflikt vom September 1994 ging ausführlich auf den Wachtturm vom 15. Februar 1994 ein, in dem Teile von Matthäus 24 auf den Beginn der „großen Drangsal“ angewendet wur­den. Die Schlußsätze lauteten:

„Das Bemerkenswerteste ist vielleicht, daß der Ausdruck „diese Generation“, den die Wacht­turm-Organisation so beständig gebraucht und der in Matthäus 24:34 und Lukas 2l:32 er­scheint, in diesen Artikeln nirgendwo auftaucht. Das ist höchst auffällig. Es ist schwer abzu­schätzen, ob die Organisation sich jetzt In der Lage sieht, die Erfüllung von Matthäus 24:29-31 auf einen Zeitpunkt nach dem Beginn der kommenden „großen Drangsal“ zu ver­legen und dennoch weiterhin Jesu Worte über „diese Generation“ drei Verse später der Zeit vom Jahr 1914 an zuzurechnen. Doch wie bereits gesagt, scheint es vernünftig anzunehmen, daß die leitende Körperschaft jedes Mittel dankbar aufgreifen wird, das ihr hilft, sich der im­mer schwieriger werdenden Lage zu entziehen, die dadurch entsteht, daß man den Begriff „diese Generation“ (einschließlich der begleitenden Worte, daß diese nicht vergehen wird, bis alle diese Dinge geschehen sind“) mit dem immer weiter entschwindenden Jahr 1914 ver­knüpft.

Abzuwarten bleibt, ob diese neue Deutung nur den Boden vorbereitet für eine grundlegende Wende in der Auslegung des Begriffs „diese Generation“, Am besten wäre natürlich eine Deutung, bei der man das Jahr 1914 einerseits als „den Beginn der letzten Tage“ beibehalten und andererseits zugleich den Begriff „diese Generation“ von dem Jahr 1914 erfolgreich abtrennen könnte. Wie schon gesagt, kann die Organisation unmöglich das Jahr 1914 vollstän­dig aufgeben, ohne eine Fülle von Lehren, die darauf aufbauen, zu untergraben. Ließe sich hingegen der Ausdruck „diese Generation“ aus dem Zusammenhang mit dem Jahr 1914 lö­sen und auf einen zukünftigen Zeitabschnitt unbekannten Datums verlegen, dann könnte es einfacher sein, gute Gründe für das Verstreichen der Zeit, den Anbruch des dritten Jahrtau­sends im Jahr 2000, selbst das Eintreffen des Jahres 2014 zu finden, insbesondere da die An­hänger es ohnehin gewohnt sind, alles anzunehmen, was ihnen der „treue und verständige Sklave“ vorsetzt.“

Ganze 14 Monate nach Erscheinen dieses Textes brachte der Wachtturm vom 1. November 1995 Artikel, in denen fast genau das getan wurde, was im Gewissenskonflikt von 1994 skizziert wurde. Wie umgedeutet, hat man den Begriff „diese Generation“ (Matthäus 24:34) nun vom Jahr 1914 abge­koppelt, das Datum selbst aber weiter als biblisch bedeutsam beibehalten. Dies wird ermöglicht durch eine neue Definition der Bedeutung des Wor­tes „Generation“ in diesem Bibeltext. Vor etwa 70 fahren stellte die Zeitschrift [370] Das Goldene Zeitalter in der englischen Ausgabe vom 20. Oktober 1926 einen Zusammenhang zwischen Jesu Worten über „diese Genera­tion“ und dem Jahr 1914 her (wie es von da an im Wachtturmgetan wur­de). Etwa 25 Jahre danach hieß es im Wachtturm vom 1. August 1951:

„Folglich ist es unsere Generation, die den Anfang und auch das Ende, den Abschluß dieser Dinge, Harrnagedon inbegriffen, sehen wird.“ In der Aus­gabe vom 1. September 1951 wurde „diesc Generation“ erneut mit dem fahr 1914 in Verbindung gebracht. Dort stand über Matthäus 24:34 zu le­sen:

„Diese Worte bezeichnen zweifellos das, was gemäß Markus 8:12 und Apostelgeschichte 13:26 (ZB) ein Geschlecht, das heißt eine „Generation“ im gewöhnlichen Sinn des Wortes, ausmacht, nämlich diejenigen, die in der angegebenen Zeitspanne leben.“

Weiter hieß es:

„Dies bedeutet daher, daß von 1914 an die betreffende Generation nicht vergeht, bis dies er­füllt ist, und dies inmitten einer großen Zeit der Drangsal.“

Über weitere 40 Jahre hinweg wurde in den Wachtturm-Publikationen das Wort „Generation“ aus Matthäus 24:34 im zeitbezogenen Sinn gedeutet. Immer wieder wurde auf das Älterwerden dieser Generation von 1914 ver­wiesen als klaren Beweis für die Kürze der noch verbleibenden Zeit.

Nach der revidierten Definition jedoch gibt es keine Zeitbegrenzung oder einen klaren Anfang mehr für die „Generation“, sondern diese erkennt man jetzt statt an ihrem zeitlichen Bezug an ihren charakteristischen Be­sonderheiten, wie in der Beschreibung „ehebrecherische und sündige Ge­neration“ aus den Tagen Jesu. Bei dieser „Generation“ handelt es sich jetzt um „jene Erdbewohner, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht auf ihren verkehrten Wegen umkehren“ und darum die Vernich­tung in Harmagedon verdienen.

Das Jahr 1914 wird nicht verworfen, denn das zu tun würde bedeuten, den Kern der theologischen Auffassungen und die wesentlichen Unterschei­dungsmerkmale der Religionsorganisation zu demontieren. Dieses fahr bleibt weiterhin der angebliche Zeitpunkt der Inthronisierung Christi im Himmel, der Beginn der zweiten, unsichtbaren Gegenwart Christi und auch der Anfang der „letzten Tage“ und der „Zeit des Endes“. Und es spielt, wenn auch verschwommen, noch eine Rolle in der neuen Definition für „diese Generation“, denn das „Zeichen der Gegenwart Christi“, das die zum Tode Verurteilten sehen und zurückweisen oder willentlich nicht zur Kenntnis nehmen, wurde angeblich vom Jahr 1914 an weltweit sichtbar.

Worin liegt dann der große Unterschied? Darin, daß man jetzt, um zu „die­ser Generation“ zu gehören, nicht mehr 1914 am Leben gewesen sein muß. Das angebliche Zeichen der Gegenwart Christi kann von jedem beliebigen Menschen zu jeder beliebigen Zeit zum ersten Mal gesehen werden, selbst heute, in den 1990er Jahren, oder auch erst im nächsten Jahrtausend, und immer noch würde er zu „dieser Generation“ zählen. Damit ist der Begriff [371] frei von der Verknüpfung mit einem bestimmten Anfangszeitpunkt, und das macht es deutlich einfacher, die peinliche Länge der seit 1914 verstri­chenen Zeit und die rapide abnehmende Zahl der heute lebenden Personen aus dieser Zeit zu erklären. (Allerdings könnte es immer noch Probleme ge­ben, wenn das Jahr 2014 hereinbricht.)

Das Impressum der Zeitschrift Erwacht! enthielt bis zur Ausgabe vom 22. Oktober 1995 folgende Aussage: „Diese Zeitschrift (stärkt) das Vertrauen zum Schöpfer, der verheißen hat, noch zu Lebzeiten der Generation, die die Ereignisse des Jahres 1914 erlebt hat, eine neue Welt zu schaffen, in der Frie­den und Sicherheit herrschen werden.“ Ab der Ausgabe vom 8.November 1995 wurde jeglicher Hinweis auf das fahr 1914 gestrichen, was vielleicht den augenfälligsten Beweis für diese deutliche Änderung der Lehre darstellt. Gleichzeitig wird damit auch angedeutet, daß „der Schöpfer“ seine“ Verheißung“ an die Generation von 1914 irgendwie nicht eingehalten hat.
Wie sich diese bedeutende Änderung auf die Anhänger auswirken wird, bleibt abzuwarten. Am stärksten werden sich meines Erachtens die älteren Mitverbundenen getroffen fühlen, die schon lange dabei sind und gehofft hatten, nicht sterben zu müssen, bevor sich ihre Erwartungen auf eine voll­ständige Erfüllung der Verheißungen Gottes verwirklichten. Sprüche 13:12 sagt: „Hingehaltene Hoffnung macht krank das Herz; ein Lebensbaum ist aber erfülltes Verlangen“ (Jerusalemer Bibel). Wenn bei irgend jemand das Herz krank wird, so ist das nicht die Schuld des Schöpfers, sondern derjeni­gen Menschen, die in ihm falsche Hoffnungen einpflanzten und falsche Er­wartungen in bezug auf ein bestimmtes Datum nährten.

Wer jünger ist oder sich erst vor kurzem angeschlossen hat, wird diese Än­derung wohl nicht als so gravierend ansehen. Schließlich ist sie in eine Sprache gekleidet, die keinerlei Zugeständnis eines Fehlers seitens der Or­ganisation enthält, sondern alles als „besseres Verständnis“ und „voran­schreitendes Licht“ verkleidet darstellt. Möglicherweise ist man sich nicht der intensiven Beharrlichkeit bewußt, mit der das Konzept der „Genera­tion von 1914“ jahrzehntelang vertreten wurde und wie überzeugt es als si­cherer Hinweis auf die „Nähe des Endes“ dargestellt wurde. Die Jüngeren und Neuen wissen vielleicht nicht, wie glühend man es als göttlichen, nicht menschlichen Ursprungs hinstellte, als einen Zeitplan, der sich nicht auf menschliche Versprechungen stütze, sondern auf „Gottes Ver­heißung“. Dieses 40 Jahre währende Verknüpfen Gottes und seines Wortes mit einem jetzt hinfälligen Konzept erhöht nur die Schwere der Verant­wortung. Man fühlt sich erinnert an die Worte Jehovas an Jeremia (23:21, Jerusalemer Bibel):

„Ich habe die Propheten nicht gesandt, und doch laufen sie. Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und doch prophezeien sie.“

Einer derartigen Änderung muß eine Entscheidung der leitenden Körper­schaft vorangegangen sein. Wie bereits erwähnt, wurden die zugrunde lie­genden Fragen dort bereits in den 1970er Jahren erörtert. Man fragt sich [372] wirklich, was in den Köpfen der Männer der leitenden Körperschaft heute vorgeht, welcher Verantwortung sie sich bewußt sind. Damals wie heute wußte jeder einzelne ganz genau, was die Organisation sich auf dem Gebiet der Verkündigung von Daten und Voraussagen alles schon geleistet hat. In den Veröffentlichungen wird das erklärt mit einem „brennenden Wunsch, die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu ihren Lebzeiten zu erleben“, als wenn man diesen brennenden Wunsch nicht auch hegen könnte, ohne sich gleich anzumaßen, Gott einen Zeitplan vorzuschreiben oder Voraussagen zu machen und sie Gott zuzuschreiben, als seien sie auf sein Wort gegrün­det. Sie wissen auch, daß die Führer der Organisation ihren Anhängern stän­dig neue Voraussagen auftischten, obwohl eine nach der anderen sich als Reinfall erwiesen hatte. Ihnen ist bewußt, daß die Leitung sich durchgängig geweigert hat, die volle Verantwortung für die Irrtümer zu übernehmen und einzugestehen, daß sie schlicht und einfach einen Fehler gemacht hat. Dem Verlust an Image und Autorität versuchte sie dadurch zu entgehen, daß sie den Anschein erweckte, die Fehler gingen auf das Konto der Anhänger. So hieß es in einem Artikel zu dem Thema „Falsche Voraussagen und wahre Prophezeiungen“ in Erwachet! vom 22. Juni 1995 auf Seite 9:

Die Bibelforscher – seit 1931 auch unter dem Namen Jehovas Zeugen bekannt – versprachen sich zudem von dem Jahr 1925 die Erfüllung großartiger biblischer Prophezeiungen. Sie vermu­teten, zu jener Zeit würde die irdische Auferstehung beginnen, und treue Männer der alten Zeit wie Abraham, David und Daniel würden zurückkehren. Was die neuere Zeit angeht, so mut­maßten viele Zeugen, daß die mit dem Anfang der Millenniumsherrschaft Christi verbunde­nen Ereignisse eventuell von 1975 an eintreten würden. Sie dachten, daß in jenem Jahr das siebte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte anbreche.

Nach derselben Taktik verfährt man auch in der Wachtturm-Ausgabe vom 1. November 1995, die die neue Lehre über „diese Generation“ enthält (Seite 17):

Aus dem sehnlichen Wunsch heraus, das Ende des gegenwärtigen bösen Systems zu erleben, hat Jehovas Volk manchmal Vermutungen angestellt, wann die „große Drangsal“ beginnen wird, und dies sogar mit Berechnungen über die Länge der Lebensspanne der Generation seit 1914 verbunden. Doch wir wollen ein „Herz der Weisheit“ einbringen, nicht dadurch, daß wir darüber spekulieren, wie viele Jahre oder Tage eine Generation dauert, sondern dadurch, daß wir uns Gedanken machen, wie wir unsere Tage zählen, das heißt Jehova freudig lobpreisen (Psalm 90:12).

Damit weist die Leitung die Verantwortung von sich, die gerechterweise auf ihr lastet, und erteilt ihren Anhängern fromme Ratschläge über deren gei­stige Einstellung, so als hätte deren falsche geistige Einstellung das Problem verursacht. Sie erkennt nicht an, daß die Anhänger keinerlei eigene Ansich­ten erfinden und ihre Hoffnung nur deswegen mit bestimmten Daten ver­knüpften, weil die Führer der Organisation ihnen Dinge vorsetzten, die sol­che Hoffnungen eindeutig wecken sollten. Jedes der erwähnten Daten und alle damit verbundenen „Mutmaßungen“ und „Spekulationen“ und „Be­rechnungen“ stammten von den Führern nicht von den Anhängern. Das kommt einem vor wie eine Mutter, deren Kinder sich den Magen verderben [373] und die dann zu ihnen sagt: „Ihr habt nicht genügend darauf geachtet, was ihr eßt.“ Dabei haben die Kinder nur gegessen, was ihnen die Mutter vorge­setzt hat. Und sie hat es ihnen nicht nur vorgesetzt, sondern auch noch der­maßen darauf bestanden, daß sie die Speise als nahrhaft ansehen sollten, als etwas Besonderes, das man nirgendwo sonst bekommt, daß ihnen eine Strafe drohte, wenn sie sich irgendwie über das Essen beklagten.

Alle Mitglieder der leitenden Körperschaft wissen, daß jedem der Gemein­schaftsentzug drohte, der eine Lehre der Organisation über das Jahr 1914 of­fen in Frage stellte oder ablehnte, solange diese Lehren als gültig angesehen wurden. Jeder weiß, daß genau dieses „Herz der Weisheit“, für das man sich jetzt in dem Wachtturm-Artikel stark macht, ein „Herz“, das sich hütet vor Spekulationen in Verbindung mit Jahreszahlen und sich darauf konzen­triert, einfach jeden Tag des Lebens als Gott gewidmet zu leben, das Herz war, das einige Mitarbeiter der Brooklyner Weltzentrale zu vermitteln such­ten, lind daß man sie wegen ihrer Einstellung in genau dieser Frage als „Ab­trünnige“ brandmarkte. (Siehe dazu die Dokumentation im vorliegenden Werk, Seiten 214, 223, 238, 263, 268, 269, 277, 278.) Was in den Köpfen der heute beteiligten Mitglieder der leitenden Körperschaft vorgeht, kann ich nicht sagen. Aber hätte ich mit dabeigesessen und wäre mitverantwortlich für die jetzt vorgelegten Schriftsätze, in denen ein offenes und mannhaftes Eingeständnis und eine Übernahme der Verantwortung für die schwere Irre­führung und grobe Fehleinschätzung aufrechter Christen nicht enthalten sind, so hätte ich mir wohl zwangsläufig wie ein Feigling vorkommen müs­sen.

Da ich sie persönlich kenne, genügt es mir zu wissen, daß viele von ihnen aufrichtig meinen, Gott zu dienen. Leider glauben sie zugleich auch, daß die Organisation, der sie vorstehen, Gottes Mitteilungskanal ist und damit über allen anderen Religionsorganisationen auf Erden steht. Diesem Glaubens­satz ist es zuzuschreiben, daß sie es nicht über sich bringen können, den frü­heren und heutigen Mängeln der Organisation ins Angesicht zu sehen. Wie aufrichtig ihr Bemühen, Gott zu dienen, auch sein mag, es hat sie leider nicht dazu gebracht, die mögliche enttäuschende Wirkung ihrer fehlge­schlagenen Endzeitprohezeiungen auf ihre Anhänger abzuschätzen, und sie haben trotz aller Liebe zu Gott auch einen bemerkenswerten Mangel an Feingefühl dafür, wie sehr sie damit das Vertrauen der Menschen auf die Zu­verlässigkeit und den Wert des Wortes Gottes erschüttern.

Die neueste Änderung der Wachtturm-Lehre betrifft den Zivildienst. Im Wachtturm vom 1. Mai 1996 wird den Zeugen jetzt gestattet, sich in dieser Angelegenheit von ihrem Gewissen leiten zu lassen. Natürlich ist das eine erfreuliche Änderung, doch man kann nicht umhin, an all die Tausende von Männern zu denken, die seit den 1940er Jahren Zehntausende Lebensjahre im Gefängnis verbrachten, und daß Tausenden dieses Leiden nach 1978 hätte erspart bleiben können – hatte nicht Loyd Barry es sieh nach der Ab­stimmung anders überlegt, so daß die Zweidrittelmehrheit hinfällig wurde (siehe Seite 103 -104). So aber blieb alles beim alten. Meldungen von Amnesty [374] International zeigen, daß noch im Jahr 1988 in Frankreich „mehr als 500 Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, zur überwiegenden Zahl Zeugen Jehovas, in diesem Jahr im Gefängnis saßen“. In Italien waren im selben Jahr „ungefähr 1000 Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgrün­den, zumeist Zeugen Jehovas, in zehn Militärgefängnissen inhaftiert, weil sie den Militärdienst oder den zivilen Ersatzdienst verweigerten“. Aus den Berichten geht auch hervor, daß in Polen im Jahr 1986 bis zu 300 Zeugen Je­hovas wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis saßen“. Das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtbilds, doch er läßt eine gewaltige Vergeudung wertvoller Lebensjahre erkennen, einen unersetzlichen Verlust an Freiheit, denn diese Männer wären lieber bei ihren Freunden und Familien gewesen, hatten sich ihren Lebensunterhalt verdient oder wären lohnenswerteren Dingen nachgegangen, als hinter Gefängnismauern zu sitzen. Angesichts all dessen läßt der Wachtturm vom 1. Mai 1996 einfach in Form eines Erlasses verlauten, die Zeugen dürften sich von nun an von ihrem Gewissen leiten lassen, ohne wirklich zu erklären, weshalb ihnen dieses Recht über 50 Jahre lang vorenthalten blieb. Und, wie zu erwarten, gibt es keinerlei Entschuldi­gung für die Auswirkungen, die diese falsche Lehrmeinung ein halbes Jahr­hundert lang gehabt hat.

Man fragt sich, wie die Haltung zu anderen Fragen derzeit aussieht, zum Bei­spiel dem Blut und dem Gemeinschaftsentzug. Die Änderung beim Zivil­dienst ist eventuell dadurch gefördert worden, daß diese Frage in vielen Län­dern nicht mehr so drängend ist, weil es dort keine Wehrpflicht mehr gibt. Aus Spanien war 1996 zu hören, daß dort nur noch ein einziger Zeuge aus diesem Grund im Gefängnis sitzt. Meines Erachtens kann die Entscheidung ganz wesentlich von dem Bemühen geprägt gewesen sein, in verschiedenen Ländern (darunter Deutschland, Frankreich und Italien) einen besonderen rechtlichen Status zu erlangen oder zu behalten. Für mich sind alle diese Än­derungen lediglich ein Kurieren von Symptomen, ohne daß das Hauptleiden geheilt würde. Die eigentliche „Krankheit“, das ist die autoritäre. Struktur der Organisation mit ihren Folgewirkungen: daß man den Menschen vor­schreibt, was sie glauben dürfen und sollen, und daß man willkürliche Gren­zen festsetzt, wie weit sie sich von ihrem Gewissen leiten lassen dürfen. An den Symptomen herumzudoktern bedeutet für die leitende Körperschaft, daß sie ihre Autorität und die damit verbundene Machtfülle nicht aufzuge­ben braucht. [375]

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 13. Anhang

12. Kapitel: Ausblick

12. Kapitel: Ausblick

12 Ausblick *

12.1 Auf Gottes festehendes Versprechen bauen, statt auf Menschen zu vertrauen!
12.1.1 Das Leben des Einzelnen mag unbedeutend erscheinen, für Gott aber zählt jeder Gerechte tausendfach (Ps 91:7; Jes 66:22)

„Darum verliere ich nicht den Mut. Die Lebenskräfte, die ich von Natur aus habe, werden aufgerieben; aber das Leben, das Gott mir schenkt, erneuert sich jeden Tag. Die Leiden, die ich jetzt ertragen muß, wiegen nicht schwer und gehen vorüber. Sie werden mir eine Herrlichkeit bringen, die alle Vorstellungen übersteigt und kein Ende hat. Ich baue nicht auf das, was man sieht, sondern auf das, was jetzt noch keiner sehen kann. Denn was wir jetzt sehen, besteht nur eine gewisse Zeit. Das Unsicht­bare aber besteht ewig“ (2. Korinther4:16-18, Die Bibel in heutigem Deutsch).

Das also war mein Bericht. Ich habe dargelegt, welche Grundsatzfragen den Gewissenskonflikt in mir hervorriefen, und zu welchen Gefühlen, Reaktio­nen und Schlußfolgerungen das bei mir geführt hat. Jeder muß selbst abschätzen, was das für ihn bedeutet und zu welchen Entscheidungen ihn sein eigenes Gewissen geführt hätte.

Angesichts der mehr als fünf Milliarden Menschen auf der Erde und der endlosen Zahl vergangener Generationen erscheint das Leben des einzelnen höchst unbedeutend. Wir sind verschwindend kleine Tröpfchen in einem gewaltigen Strom. Und doch zeigt uns die christliche Lehre, daß jeder von uns, so klein und unbedeutend wir sein mögen, anderen in einem Maße Gutes tun kann, das unsere Kleinheit weit übersteigt.[1] Möglich wird das durch den Glauben und, wie der Apostel Paulus sagt, „die Liebe, die der Christus hat, drängt uns“.[2]

12.1.2 Brauchen wir um gottgefällig zu leben und Christ zu sein wirklich eine Organisation, eine Religion?

Wir brauchen dafür keine imposante Organisation, die uns dabei hilft, auch nicht ihre Leitung und Kontrolle, ihr Antreiben und ihren Druck. Die tiefe Wertschätzung für die unverdiente Güte Gottes, daß uns das Leben als „freie Gabe“ geschenkt wird, ohne daß dafür Werke nötig sind, sondern nur der Glaube, diese Wertschätzung genügt voll und ganz, um uns zu beflügeln. „Wenn Gott uns so sehr geliebt hat, dann müssen auch wir einander lieben.“[3] Wenn wir unsere Freiheit als Christen achten und lieben, werden wir auf andere Formen des Drängens gar nicht mehr ansprechen. Wir werden [316] uns auch keinem anderen Joch unterwerfen als dem, das uns in folgenden Worten angeboten wird:

„Kommt zu mir alle, die ihr euch abmüht und die ihr beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin mild gesinnt und von Herzen demütig, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“[4]

Wenn man am Ende seines Lebens Rückschau hält, dann wird man Befriedigung nur darin finden, daß man sein Leben zum Wohlergehen anderer eingesetzt hat, vor allem auf geistigem Gebiet, aber auch im seelischen, körperlichen und materiellen Bereich.

Ich kann nicht glauben, daß es besser ist, lieber nicht so genau Bescheid zu wissen, oder daß man anderen einen Gefallen tut, wenn man ihnen ihre Illusionen läßt. Früher oder später müssen die Illusionen sich der Wirklich­keit stellen, Je länger das hinausgezögert wird, desto größer kann der Schmerz sein, der mit der Ernüchterung einhergeht. Ich bin froh, daß es bei mir nicht noch länger gedauert hat.

Deswegen habe ich mich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. Ich habe mich aufrichtig bemüht, in allem genau zu sein. In Anbetracht dessen, was sich bereits abgespielt hat und was zu diesem Thema veröffentlicht und in Form von Gerüchten und übler Nachrede verbreitet worden ist, gehe ich davon aus, daß man versuchen wird, mich zu verunglimpfen und die Bedeutung des hier Gesagten herabzusetzen. Sobald man irgend etwas entdeckt, das als Fehler bezeichnet werden könnte, und sei es auch nur die Abweichung um einen einzigen Tag bei einem Datum, eine Differenz um eins bei einer Zahl, ein falsches Komma in einem Zitat, ein falsch geschrie­bener Name oder etwas ähnliches, so wird man mit Sicherheit darauf deuten und sagen: „Das Buch steckt voller Fehler!“ Doch ganz gleich, was man sagen wird, ich stehe zu dem, was ich geschrieben habe. Sollten Irrtümer enthalten sein, so wäre ich jedem dankbar, der mich darauf hinweist, und ich will alles in meiner Kraft stehende tun, um sie zu berichtigen.

12.1.3 Nur wenige Zeugen Jehovas kennen die Praxis des Herrschaftsapparates

Was wird die Zukunft den Zeugen Jehovas, ihrer Organisation und ihrer leitenden Körperschaft bringen? Diese Frage wird mir oft gestellt, doch eine Antwort darauf kann ich nicht geben. Man muß die Entwicklung abwarten. Nur bei einigen wenigen Dingen bin ich mir ziemlich sicher. So glaube ich nicht, daß die Menschen scharenweise die Organisation verlassen werden. In einer ganzen Anzahl Ländern gibt es derzeit einen deutlichen Zuwachs. Die meisten Zeugen Jehovas wissen einfach nicht, wie die Praxis des Herrschaftsapparats aussieht. Nach meinen Erfahrungen mit ihnen wäh­rend vieler Jahre und in vielen Ländern weiß ich, daß die Organisation für einen hohen Prozentsatz unter ihnen mit einer gewissen Aura umgeben ist, einem strahlenden Schein, der deren Verlautbarungen mehr Bedeutung verleiht, als man den Worten unvollkommener Menschen üblicherweise zubilligt. Die Lehren bekommen etwas Esoterisches, wobei mit esoterisch [317] etwas gemeint ist, das „nur Eingeweihten einsichtig und geistig zugänglich ist“, meistens einer kleinen, exklusiven Schar. Die meisten Zeugen denken, die Sitzungen der leitenden Körperschaft finden auf einer anderen Ebene statt und dort offenbare sich mehr als das normale Mag an Bibelverständnis und Weisheit. Schließlich hat man ihnen ja auch eingeimpft:

„Nachdem wir Nah­rung empfingen, bis wir die gegenwärtige geistige Kraft und Reife hatten, werden wir da plötzlich gescheiter als unsere früheren Fürsorger und verlassen das Licht und die Leitung der Organisation, die uns bemutterte?“[5]

Es gibt ständig Ermahnungen zur Demut, was heißen soll, daß man alles anzunehmen hat, was die Organisation einem sagt, so als stamme es von einer Quelle höherer Weisheit. Daß der Durchschnittszeuge nur eine sehr schwammige Vorstellung davon hat, wie die Leitung zu ihren Beschlüssen kommt, verstärkt die Aura esoterischer Weisheit nur, Man sagt ihm, er sei „mit der einzigen Organisation auf der Erde verbunden, … die die, tiefen Dinge Gottes‘ versteht“.[6]

12.1.4 Freundschaftsbande innerhalb der Organisation als Hemmschuh, um dem Gewissen Vorrang zu geben!

Nur wenige haben bisher vor den Problemen gestanden, die in diesem Buch behandelt werden, und damit auch vor dem Gewissenskonflikt. Ich ver­mute, viele würden sich dem lieber nicht aussetzen. Manche sagten mir, sie hätten so viele freundschaftliche Beziehungen innerhalb der Organisation und diese wollten sie nicht aufs Spiel setzen. Auch ich hatte viele gute Freunde und wollte sie nicht verlieren. Noch heute fühle ich mich den Menschen nahe, mit denen ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Doch für mich gab es grundsätzliche Fragen, die wichtiger waren als diese Freundschaften, Fragen zu Wahrheit und Ehrlichkeit, Anständigkeit und Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit.

Damit will ich nicht sagen, man solle auf Konfrontationskurs gehen und die Auseinandersetzung bewußt herbeiführen, wo es nicht nötig ist. Ich habe volles Verständnis für alle, deren Verwandtschaft praktisch nur aus Zeugen Jehovas besteht und die ganz genau wissen, wie verheerend es sich auf die Beziehungen in der Familie auswirken könnte, wenn Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter jetzt als „abtrünnig“ behandelt werden müßte, als jemand, der von Gott verworfen wurde und geistig unrein ist. Noch nie habe ich empfohlen, eine solche Situation mutwillig herbeizu­führen; auch in meinem eigenen Fall habe ich das zu vermeiden gesucht. Bleibt die derzeitige Atmosphäre in der Organisation aber bestehen, so wird es zunehmend schwerer werden, sich dem Konflikt zu entziehen, wenn man keine Kompromisse mit seinem Gewissen eingehen und anderen etwas vormachen will. Sonst muß man vielleicht so tun, als glaube man etwas, an das man gar nicht glauben kann, weil man es in Wahrheit für eine Verdrehung des Wortes Gottes hält, die unchristliche Frucht hervorbringt, indem sie Menschen schädigt. [318]

12.1.5 Untergetauchte werden verfolgt, um von ihnen zu hören, wie sie zur Organisation stehen: Keine Frage nach ihrem Verhältnis zu Jesus und mit Gott!

Ich kenne eine Reihe von Zeugen, die versucht haben, sich still zurückzu­ziehen, und einige, die „untergetaucht“ sind, indem sie in eine andere Gegend umzogen und niemand aus der Organisation etwas von ihrer neuen Anschrift sagten, in der Meinung, dadurch den Nachstellungen zu entge­hen. Ich könnte viele Fälle nennen, in denen alle diese Bemühungen nichts gefruchtet haben, da die Ältesten die Zeugen unerbittlich aufgespürt haben, einzig um von ihnen zu hören, wie sie zur „Organisation“ standen (nicht etwa zu Gott, Christus und der Bibel), Wer diesen Loyalitätstest, der in Form einer ultimativen Frage vorgelegt wird, nicht besteht, wird so gut wie immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und damit von seiner Familie und seinen Freunden, soweit sie der Organisation angehören, abgeschnitten. Charakteristisch dafür ist die Erfahrung einer jungen Frau aus dem Süden Michigans, die verheiratet ist und Kinder hat. Sie war von den Ältesten verhört worden, weil sie an einigen Lehren Zweifel hatte. Das hat sie so mitgenommen, daß sie keine Zusammenkünfte mehr besuchte. Monate später riefen die Ältesten an und forderten sie auf, noch einmal zu einer Sitzung zu kommen. Sie sagte, sie wolle das nicht noch einmal durchma­chen. Man drängte sie, doch zu kommen; es solle ihr wegen ihrer Zweifel beigestanden werden und das sei auch das letzte Mal. Ihr Ehemann, der kein Zeuge Jehovas war, riet ihr, zu gehen und es hinter sich zu bringen. So ging sie hin.

Sie berichtet: „Schon nach kaum zehn Minuten war mir klar, welches Ziel sie verfolgten.“ Eine halbe Stunde nach Eröffnung der Verhandlung war sie bereits ausgeschlossen. Allein schon die Schnelligkeit hat sie total verblüfft. „Ich konnte gar nicht fassen, was sie da taten. Ich saß die ganze Zeit heulend da und innerhalb einer halben Stunde hatten sie mich aus dem Königreich rausgeschmissen. Ich hätte erwartet, daß sie mit Tränen in den Augen mir zu Füßen fallen und mich stundenlang anflehen würden, damit das vermie­den werden könnte.“ Einer der fünf Ältesten, der während der Verhandlung eingenickt war, sagte nachher: „Die hat vielleicht Nerven! Zu sagen, sie wüßte nicht, ob das nun die Organisation Gottes sei oder nicht!“

12.2 Große Schuld lastet auf denen, die durch falsche Führung Familien und Einzelpersonen zerstören
12.2.1 Beim Ausschluss aus Gewissensgründen sind Zerrüttung der Familie und Seelenschmerzen sind allein der Organisation zuzuschreiben!

Kann man der Konfrontation nicht mehr ausweichen, so hilft es, sich zu vergegenwärtigen, daß die Zerrüttung der Familie und die seelischen Schmerzen allein der anderen Seite zuzuschreiben sind. Das geht einzig und allein auf das Konto einer Organisationspolitik, die jedem mit dem Hinaus­wurf droht, der sich ihr nicht fügt und Ausgeschlossene und solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, nicht so behandelt, als habe Gott sie verstoßen, wobei es egal zu sein hat, ob man sie sonst als aufrecht und gottergeben kannte. Die religiöse Intoleranz, die die Spaltung hervorruft und enge Familienbande zerreißt, geht nur von einer Seite aus. Sie hat wie in den Tagen Jesu ihren Ursprung nur dort, wo man das Abweichen aus Gewissensgründen mit Untreue gleichsetzt.[7] Dort auch hat man letztlich die eigentliche Verantwortung für den Kummer und das Leid zu tragen. [319]

12.2.2 Wachstum und Prosperität der Organisation nicht mit Segen Gottes verwechseln!

Viele Zeugen sind zwar sehr besorgt über das, was vorgeht, können sich aber nicht vorstellen, Gott ohne die Organisation zu dienen; sie brauchen das Gefühl der Geborgenheit und Stärke, das durch die große Zahl der Mitglie­der entsteht. Im Vergleich zu anderen religiösen Organisationen mögen Jehovas Zeugen nicht sehr zahlreich sein, dafür sind sie aber weit verbreitet. Ihre Gebäude; sind nicht so eindrucksvoll wie die des Vatikan oder anderer großer Religionen; doch die sich ausdehnende Weltzentrale, der mittler­weile ein ziemliches Stück Brooklyn gehört, die vielen Zweigbüros, denen vielfach große Druckereien angeschlossen sind, die alle für Millionen Dollar gekauft oder gebaut wurden und in denen Hunderte von Mitarbeitern tätig sind (in Brooklyn sind es etwa 2000), die großen Kongreßsäle und die vielen tausend Königreichssäle, von denen nicht wenige einen Wert von einer viertel Million Dollar haben, genügen, um einen Normalbürger zu beein­drucken. Jeder neue Ankauf und jede Erweiterung der Anlagen wird als Zeichen des Segens Gottes und als Beweis des geistigen Wohlergehens und des Erfolgs der Organisation gepriesen. Was allen aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit in besonderem Maße gibt, das ist die Lehre, Gott handle mit ihnen als einzigem Volk auf Erden, und die Leitung, die sie durch die leitende Körperschaft erfahren, sei die eines göttlichen „Kanals“. Verstärkt wird das Gefühl der engen Gemeinschaft noch dadurch, daß man alle Außenstehenden als „Weltmenschen“ ansieht.

12.2.3 In jeder Nation ist Gott der Mensch annehmbar, der ihn fürchtet! Dazu braucht es keine Organisation!

Darum ist es meines Erachtens für den normalen Zeugen Jehovas genauso schwer, sich vorzustellen, er könne Gott ohne all das dienen, wie es das für den Juden des 1. Jahrhunderts war, der an seine damaligen Einrichtungen gewöhnt war. Die eindrucksvollen Gebäude des Tempels und seine Vorhöfe in Jerusalem, die Gott hingegebenen Leviten und Priester, die dort zu Hunderten und Tausenden Dienst taten, ihr Anspruch, das allein auser­wählte Volk Gottes zu sein, wogegen alle anderen als unrein angesehen wurden, all das stand in krassem Gegensatz zu den Christen jener Tage, die keine großen Gebäude kannten, sich in einfachen Häusern trafen, keine abgesonderte Klasse von Priestern und Leviten hatten, und die demütig anerkannten, daß „in jeder Nation der Mensch, der (Gott) fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, (ihm) annehmbar ist“.[8]

Recht häufig hört man – insbesondere aus den Reihen der Ältesten der Zeugen Jehovas – die Hoffnung, es werde irgendeine Art von Reform geben, durch die alle Mißstände in Lehre und Praxis beseitigt werden. Manche vertreten die Ansicht, dazu werde es nach einem Wechsel in der Führungs­spitze kommen. Ein Angehöriger des Zweigkomitees eines großen Landes, der bereits vor Antritt meines Erholungsurlaubs im Frühjahr 1980 erkannt hatte, wie sehr ich unter der vorherrschenden Einstellung und der gesamten Situation in der Weltzentrale litt, sagte zu mir: „Gib nicht auf, Ray! Das sind alte Männer, die werden nicht ewig leben.“ Das war keineswegs hart und gefühllos oder zynisch gemeint, denn der, der das sagte, war ein sehr [320] warmherziger Mensch. Solche Äußerungen entspringen dem Glauben, daß irgendein Wechsel einfach kommen muß und daß auf einen Trend zu einer immer härteren Linie und einer immer dogmatischeren Haltung zwangs­läufig ein christlicheres Vorgehen und eine bescheidenere Präsentation der Glaubensinhalte folgen muß.

12.2.4 Wer auf Veränderungen hofft und darum ausharrt baut weiterhin auf Sand!

Ich glaube nicht, daß grundlegende Änderungen einfach deswegen kommen werden, weil die Männer an der Spitze der Organisation sterben. Dabei spreche ich von grundlegenden Änderungen, denn kleinere und größere Änderungen hat es gegeben, solange die Bewegung existiert, zum Teil als Folge des Todes Russells beziehungsweise Rutherfords. Der Grundrahmen blieb dabei aber unangetastet. Die Veränderungen in der Machtstruktur von 1975-76 stellen die größte Korrektur dar, die die Organisation in ihrer gesamten Geschichte erlebt hat. Die Macht wurde nun auf ein ganzes Kollegium verteilt. Viele neue Gesichter tauchten in der obersten Führung auf. Aber die traditionellen Glaubenssätze und die bisher geübten Praktiken haben sich noch stets als mächtig genug erwiesen, jeden Ansatz zu erstik­ken, der weggeführt hätte von spekulativer Bibelauslegung. Dogmatismus, talmudischer Gesetzlichkeit, Herrschaft durch eine Elite und Repressalien, hin zu einer schlichten Bruderschaft, die sich in den wesentlichen Dingen einig ist, im Nebensächlichen sich aber tolerant und nachgiebig verhält, und das sowohl im Glauben wie in der Lebenspraxis.

Fred Franz, der gegenwärtige Präsident, ist wie auch die früheren Präsiden­ten eine Führerpersönlichkeit, und sein persönlicher Einfluß ist sehr groß, auch wenn das Präsidentenamt durch die Dezentralisierung der Macht in den Jahren 1975-76 buchstäblich aller seiner Befugnisse beraubt wurde. Mittlerweile ist er weit über neunzig. Mit seinem Hinscheiden würde sich das Gesamtbild sicher verändern, denn keiner in der leitenden Körperschaft hat eine ähnlich charismatische Persönlichkeit wie er (oder wie Russell, Rutherford und Knorr, seine Vorgänger]. Das gesamte Lehrgebäude, das nach dem Tode Richter Rutherfords im Jahre 1942 aufgebaut wurde, ist praktisch sein Werk; auch die grundsätzliche Haltung in der Frage des Gemeinschaftsentzugs zählt dazu; das erhöht natürlich die Wahrschein­lichkeit, daß es Änderungen geben wird, wenn er nicht mehr da ist.

Ich neige aber zu der Auffassung, daß es sich höchstens um geringfügige Änderungen handeln kann und nicht um einen grundlegenden Wandel in den Lehren und Einstellungen der Organisation. Keines der dann verblei­benden Mitglieder der leitenden Körperschaft könnte neue Bibelausle­gungen so markant in Worte fassen und durch verzwickte Argumentations­ketten untermauern, wie Fred Franz es getan hat. Die meisten schreiben selbst sehr wenig, manche gar nichts. Einzig Lloyd Barry hat Bücher verfaßt. und diese sind lediglich Wiederholungen von bereits Gesagtem, ohne daß Neues hinzugefügt würde.[9] Die anderen Autoren gehören nicht der leitenden [321] Körperschaft an und zählen sich auch nicht zu den „Gesalbten“, Vergleicht man die Umstrukturierung von 1975-76 mit dem Versetzen von Zwischenwänden in einem Haus, dann könnte man zukünftige personelle Veränderungen höchstens mit dem Verrücken von Möbeln oder der Anschaffung einiger neuer Gegenstände vergleichen; das Haus bleibt in beiden Fällen dasselbe. Von den 14 Mitgliedern des Führungsgremiums haben Milton Henschel, Ted Jaracz und Lloyd Barry neben dem Präsidenten den größten Einfluß.[10] Sind sie sich in einer Sache einig, dann schließen sich ihnen Carey Barber, Martin Pötzinger, Jack Barr und George Gangas fast immer an, ohne nachzudenken. Albert Schroeder und Karl Klein zeigen zwar etwas mehr persönliches Profil als diese vier, würden aber wohl meistens konform gehen. Die Stimmen der bisher Genannten ergeben bereits die nötige Mehrheit.

Keinerlei Anzeichen irgend einer grundlegenden Reform während Jahrzehnten: Dieselben Irrtümer und Lügen werden immer erneut in leicht verändertem Gewand aufgetischt!

Geht man danach, wie die tonangebenden Mitglieder in der Vergangenheit gehandelt haben, so ist zu erwarten, daß sie einen konservativen Kurs steuern und allem widerstehen werden, das die gegenwärtig geltenden traditionellen Lehren, Methoden und Grundsätze nicht weiterführt und bestärkt. Die Veröffentlichungen der letzten Jahre lassen keinerlei Anzei­chen für irgendeine Reform erkennen, auf die manche so sehr setzen. Zwar sind viele Mitglieder der leitenden Körperschaft älter als 70 oder 80 Jahre, doch jede neue Berufung muß von den restlichen Mitgliedern gebilligt werden, besonders von den dominierenden unter ihnen. Es ist auch keine Frage, daß es immer schwieriger werden wird, geeigneten Ersatz zu finden, da die Anzahl der „gesalbten“ Männer zusehends schwindet. Möglicher­weise muß die leitende Körperschaft eines Tages ihr Prinzip aufgeben, nach dem nur Angehörige dieser Gruppe aufgenommen werden können. Das ließe sich aber mit der Lehre von der Sonderstellung des „treuen und verständigen Sklaven“ nur schwer vereinbaren, und darum wird man es so lange wie möglich hinausschieben. Vielleicht kommt ihnen dabei zustat­ten, daß sich ab und zu Jüngere in der Organisation zu den „Gesalbten“ zählen und dadurch mögliche Nachfolgekandidaten für das Führungsgre­mium werden.

Wer hofft, daß sich aus personellen Veränderungen Reformen ergeben werden, begebt meines Erachtens den Fehler zu meinen, der Istzustand sei das Werk der gegenwärtigen Führungsmannschaft. Die Personen sind nur von untergeordneter Bedeutung. Das Entscheidende ist die Grundannahme und das Leitbild, auf dem die ganze Bewegung ruht.

12.3 Im Supermarkt der Religionen finden wir stets jenes Weisswaschmittel, das uns befriedigt!
12.3.1 Was ist das Haupt-Unterscheidungsmerkmal der Zeugen Jehovas gegenüber anderen Religionen? Die Behauptung, dass Gottes Königreich 1914 auf der Erde aufgerichtet wurde!

Was die Glaubenslehren der Zeugen Jehovas von denen anderer Religionen vor allem unterscheidet, ist nicht ihre Ablehnung der Höllenqualen, der Unsterblichkeit der Seele oder der Dreieinigkeit; es ist auch nicht der [322] Gebrauch des Namens Jehova oder der Glaube an ein Paradies auf Erden. Das alles findet sich auch in anderen Religionsgemeinschaften.[11]

Das besondere Unterscheidungsmerkmal ist der Schlüssel-Lehrsatz über 1914 als das Jahr, in dem Christus seine aktive Herrschaft aufnahm, sein Gericht begann und – was das Wichtigste ist – die Watch Tower Society als offiziellen Mitteilungskanal erwählte, seine irdischen Interessen vollstän­dig einem „treuen und verständigen Sklaven“ unters teilte und damit dessen Vorstand praktisch absolute Macht verlieh. Jedes Abgehen von dieser grundlegenden Lehre hätte Auswirkungen auf das gesamte Lehrgebäude zur Folge und ist deshalb äußerst unwahrscheinlich, da schwer begründbar. In den letzten Jahren ist genau das Gegenteil der Fall gewesen. Mit aller Macht hat man versucht, alle Lehren, die mit dem Jahr 1914 zusammenhängen oder sich von ihm ableiten, durch Artikel im Wachtturm und anderen Veröffentlichungen zu stützen, um den Glauben an alles zu erhalten, das sich davon herleitet. Das betrifft vor allem die Ansprüche der Organisation auf ihre Führungsrolle. Gerade in jüngster Vergangenheit wurden größte Anstrengungen unternommen, die Machtstruktur zu festigen und die Loyali­tät ihr gegenüber zu vertiefen.

12.3.2 Das Jahr 2014 nähert sich bedenklich: Hundertjahrfeier für eine der verheerendsten Lüge zu erwarten! Der Kurs alles zu zentralisieren steuert auf den Höhepunkt zu.

Freilich wird es mit jedem Jahr, das verstreicht, schwieriger, diese Lehre und alle damit zusammenhängenden Ansprüche aufrechtzuerhalten. Im Jahr 1984 waren 70 Jahre seit 1914 vergangen. Irgendwann einmal wird man die Lehre von der „Generation“ von 1914 nicht mehr aufrechterhalten können, ohne sich völlig unglaubwürdig zu machen. Man könnte aber verschiedene Korrekturen oder „Verbesserungen“ vornehmen, wie sie zum Teil in Kapitel 9 besprochen wurden, so daß sich die Behauptungen in etwas veränderter Form beibehalten ließen.

Die Organisation steuert inzwischen wieder einen Kurs in Richtung auf eine Stärkung der Zentralgewalt (wieder ein Beispiel für „Kreuzen“), Durch das Organisationshandbuch vom Frühjahr 1983 wurde der vorsitzführende Aufseher praktisch wieder dauerhaft in seine Position innerhalb der Älte­stenschaft eingesetzt; dazu kamen weitere organisatorische Veränderun­gen, die der verstärkten Überwachung von oben her dienten. Abzuwarten bleibt, ob auch innerhalb der leitenden Körperschaft die Leitungsbefugnisse wieder stärker in einer Hand vereint werden, beispielsweise bei einem ständigen Vorsitzenden oder einer Art Gesamt-Koordinator. Den derzeiti­gen Präsidenten allerdings wird man kaum in eine solche Stellung wählen, da er an reiner Verwaltungstätigkeit nicht sonderlich interessiert ist. Als Kandidat für die Nachfolge bietet sich vor allem Milton Henschel an, und es scheint entschieden wahrscheinlicher, daß es eine Umstrukturierung des Gremiums geben wird, bei der er diese neue Stellung übernimmt. [323]

Ganz gleich, wie die Änderung aussehen wird, sie wird mit Sicherheit als Ergebnis göttlicher Führung verkündet werden. Und die alten Lehren und Vorkehrungen, die man verworfen hat, werden als „der Wille Gottes für jene Zeit“ hingestellt werden, vielleicht auch als eine Art Manöver des himmli­schen Kapitäns, Jesu Christi, der damit letztlich für alle das Beste wollte. Daß man den wirklichen Grund für die Änderungen eingesteht, daß nämlich die Lehren und Verfahrensweisen unbiblisch waren und man unter dem Druck der Umstände gezwungen war, absehbare kritische Situationen abzuwenden, weil eine Position unhaltbar geworden war – dieses Einge­ständnis braucht man genau wie in den vergangenen 100 Jahren der Geschichte dieser Organisation nicht zu erwarten. So handeln bestimmt keine Menschen, die die Schrift erforschen und aufgrund ihres besseren Verständnisses freimütig zugeben, sich geirrt zu haben und ihre Fehler berichtigen zu wollen.

Der Fehlschluss, dass Gott durch eine menschliche Organisation handeln müsse lässt den Blick auf die Aufgabe von „Spross“ verblassen!

Dabei wird endlos derselbe grundlegende Lehrsatz wiederholt werden, der als Leitbild alles Denken, Schreiben und Handeln durchzieht: Gott müsse mit den Menschen durch eine Organisation handeln und sein König Jesus Christus habe hierfür die Watch-Tower-Organisation auserkoren. Genau diese Grundannahme versperrt vielen klar denkenden Menschen den Blick auf das eigentliche Problem. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sie erkennen wohl, wie inkonsequent und ungerecht vieles gehandhabt wird, wie verkehrt zahlreiche Lehren und wie abwegig viele Argumente sind, welch unchristliche Grundhaltung die Herangehensweise so oft prägt. Doch die Summe von dem allen sehen sie nicht. Sie sehen den Teil, nicht das Ganze. Es sind Menschen in verantwortlicher Stellung darunter, denen es so geht. Wie an einen Strohhalm klammern sie sich an die Hoffnung – und bei mir war das nicht anders gewesen –, in der Zukunft werde es großartige Neuerungen geben, weil ihr ganzes Denken von diesem Leitbild über die Organisation geprägt ist. Sie meinen, Gott müsse einfach etwas tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen, da dieses Leitbild als richtig bewiesen werden müsse; Gott müsse doch zeigen, daß er dahintersteht. Dabei ist das Leitbild selbst die Wurzel all des Unrechts, das sie so beklagen. Das ganze Konzept stammt nicht von Gott. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß er meinen wird, es unterstützen zu müssen.
Hier fällt mir ein Ausspruch ein, den ein Freund gefunden hat:

„Gibt man eine unerfüllbare Hoffnung ein für allemal auf, so wird man dadurch entschädigt, daß man immer mehr Ruhe findet.“

Das hat sich bei mir bewahrheitet, und ich weiß, daß es bei vielen anderen genauso war. Anfangs mag der Schmerz sehr groß sein. Manchmal ist die Behandlung durch die Ältesten erniedrigend, wenn sie die Verhöre führen und einem die menschliche Würde nehmen, wenn sie sich groß aufspielen und sich anmaßen zu behaupten, man sei von Gott verworfen. Doch nach aller inneren Zerrissenheit kommt dann deutlich ein Augenblick der Erleichterung und des inneren Friedens. Das kommt zum einen von der [324] Gewißheit, nicht länger von diesen Menschen belästigt werden zu können, ihren Ausforschungen und dem Druck ihrer kirchlichen Rechtsverfahren entronnen zu sein. Mehr noch aber ist es die Wahrheit und das kompromiß­lose Festhalten an ihr, das einen auf neue und wunderbare Weise frei macht. Je verantwortungsbewußter man mit dieser Freiheit umgeht, desto besser wirkt sie sich auf einen aus.

12.3.3 Der Übergang aus der Sklaverei der Abhängigkeit hin zur christlichen Freiheit mag traumatisch sein: Es ist der einzig gangbare Weg um mit Jesus erneut verbunden zu sein! (Off 18:4)

Die größte Freiheit besteht darin, Gott und seinem Sohn zu dienen und zum Wohl aller Menschen tätig zu sein, ohne an die Weisungen unvollkomme­ner Menschen gebunden zu sein, sondern dabei allein dem Diktat des eigenen Gewissens zu folgen. Diese Freiheit bringt ein Gefühl mit sich, wie wenn man von einer schweren Last befreit wurde. Wer das deutlich spürt, der hat das Bedürfnis, denen, die ihm diese Freiheit gaben, nicht weniger, sondern noch mehr zu dienen.[12]

Sei der Übergang auch noch so traumatisch, er kann dazu führen, daß sich ein wirklich persönliches Verhältnis zu den beiden größten aller Freunde entwickelt. Beharrlich hat die Organisation sich selbst so sehr in den Vordergrund geschoben, so viel geistigen Raum eingenommen und so viel Aufmerksamkeit auf ihre eigene Bedeutung gelenkt, daß viele nie die Nähe zum himmlischen Vater erlangt haben, die sie eigentlich hätten haben sollen. Man hat die Organisation so sehr auf ein Podest gestellt, daß sie Gottes eigenen Sohn an Bedeutung überschattete und viele davon abhielt, die enge Beziehung zu ihm aufzubauen, die er ihnen anbietet, und ihnen von seiner mitfühlenden Persönlichkeit nur ein verzerrtes Bild vermittelte.[13] So ist es kein Wunder, daß viele nach ihrem Ausschluß sich erst einmal verloren vorkommen und ohne Halt, weil sie keiner sichtbaren Macht mehr unterstehen und ihr Leben nicht mehr von deren starrer Routine verplanen lassen müssen, dem einengenden Druck ihrer Grundsätze und Anweisun­gen nicht mehr ausgesetzt sind.

In gewissem Maße scheinen solche schmerzhaften Anpassungsvorgänge sogar notwendig, damit man einen klaren Begriff davon erhält, was es bedeutet, sich völlig auf Gott und seinen Sohn zu verlassen. Mir ist keiner bekannt, der nicht sicher durch diese Klippen hindurchgesteuert und gestärkt daraus hervorgegangen wäre, nachdem er erkannt hat, wie wichtig es ist, Gott ganz nahe zu sein, das Bibellesen sehr ernst zu nehmen und anderen ermutigend zur Seite zu stehen; das hat die Verbindung mit der einzig stabilen Grundlage des Glaubens, mit der Gabe Gottes, seinem Sohn, sehr gefestigt.[14] Besser als andere haben diese Menschen erkannt, welch inniges Verhältnis zu ihrem Herrn und Meister sie als seine Jünger haben, die er als seine engen Freunde ansieht, nicht als Schafe, die in Massentier­haltung in einer engen Umzäunung eingepfercht sind, sondern als Schafe, denen der Hirte sich einzeln zuwendet und individuelle Fürsorge angedei­hen läßt. Ganz gleich, wie alt sie sind und wie lange sie gebraucht haben, um [325] zu dieser Einsicht zu gelangen, diese Menschen fühlen sich wie neugeboren. Sie blicken glücklich und zuversichtlich in die Zukunft, denn ihre Hoffnun­gen und Ziele sind nicht mehr auf Menschen, sondern auf Gott gerichtet. Damit soll nicht gesagt sein, daß es keine Herde Gottes gäbe, keine Gemeinde mit Christus Jesus als ihrem Haupt. Der Sohn Gottes gab die Zusicherung, er werde wahre Nachfolger haben, und zwar nicht nur im 1. Jahrhundert oder in unserem 20. Jahrhundert, sondern auch in all den dazwischenliegenden Jahrhunderten, denn er sagte: „Ich bin bei euch alle Tage, bis diese Weltzeit sich vollendet.“[15] Er würde seine wahren Jünger erkennen, auch wenn sie unter das „Unkraut“, das kommen sollte, gemischt wären. Als Erkennungsmerkmal würde ihm dienen, was für Menschen sie sind, nicht ob sie irgendeiner Organisation angehören. Auch wenn man mit normalen menschlichen Mitteln nicht unterscheiden konnte, ob sie zu seiner Gemeinde zählten, so hat er sie doch all die Jahrhunderte hindurch gekannt und sie als ihr Haupt, ihr Herr und Meister, geleitet. Einer seiner Apostel sagt: „Aber das feste Fundament, das Gott gelegt hat, kann nicht erschüttert werden. Es trägt als Siegel die Inschrift: „Der Herr kennt die Seinen.“[16] Warum sollte das nicht auch heute noch so sein? Gottes Wort zeigt, daß es Menschen nicht zusteht – und ihnen auch gar nicht möglich wäre –, aus allen anderen Menschen die herauszusuchen, die den „Weizen“ darstellen, und sie hübsch ordentlich in einer einzigen Herde zusammenzubringen. Wer zu welcher Gruppe gehört, so zeigt die Bibel klar, wird sich erst beim Gericht des Sohnes Gottes erweisen.[17]

12.3.4 Gerechtigkeit gemäss Gottes Rechtsmasstab im „Königreich des Sohnes der Liebe“ anzuwenden macht uns für Gott annehmbar!

Es ist so angenehm, jetzt frei zu sein und nicht bei jedem Menschen, den man trifft, erst nach einem „Etikett“ schauen zu müssen, um zu wissen, wie man mit ihm umzugehen hat. Man fühlt sich nicht mehr genötigt, ihn entweder als Glaubensbruder oder als „Weltmensch“ einzusortieren, der entweder „in der Wahrheit“ oder „ein Teil der Organisation des Teufels“ ist, der wegen des Etiketts „Zeuge Jehovas“ automatisch ein „Bruder“ oder eine „Schwester“ ist, oder aber, weil dieses Etikett fehlt, lediglich jemand, dem man „predigt“, der im übrigen aber keiner freundschaftlichen Kontakte würdig ist. Stattdessen tut man, was nur recht und billig ist, man beurteilt nämlich jeden unvoreingenommen danach, was er oder sie als Mensch ist. Wenn man so handelt, fühlt man sich wohler, denn wir wissen, „daß Gott nicht parteiisch ist, sondern daß für ihn in jeder Nation der Mensch, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, annehmbar ist“.[18]

Für viele, die sich bemüht haben, der Stimme ihres Gewissens zu fol­gen, gehörte zu den schmerzhaftesten Erkenntnissen gewiß die, daß lang­jährige Freundschaften sehr schnell enden können und daß eine schein­bar von Liebe geprägte Atmosphäre unvermittelt in eisiges Mißtrauen [326] umschlagen kann. Eine Zeugin aus dem Süden der USA erkannte allmählich, wie weit sich die Organisation von den Lehren der Bibel entfernt hatte. Einer guten Bekannten sagte sie, daß sie trotzdem nicht daran denke, die Versammlung zu verlassen: „In unserer Versammlung sind so viele Men­schen, mit denen ich persönlich die Bibel studiert und die ich in die Versammlung gebracht habe. Ich liebe sie und auch die anderen aus ganzem Herzen, und deswegen meine ich, daß ich bleiben sollte. Ich kann doch nicht einfach Menschen, die ich liebe, im Stich lassen.“ Es dauerte nicht lange und die Ältesten merkten, daß sie bei einigen Lehren Zweifel hatte, und stellten ihre Loyalität in Frage. Beinahe schlagartig veränderte sich die allgemeine Einstellung ihr gegenüber. Sie wurde das Opfer versteckter Andeutungen und des Geschwätzes in der Versammlung. Sie sagt: „Auf einmal entdeckte ich, daß die vermeintliche tiefe Liebe nur von der einen Seite ausging. Einige, die mir sehr ans Herz gewachsen waren, zeigten mir plötzlich die kalte Schulter; sie wollten überhaupt nicht von mir wissen, was ich wirklich dachte.“

Werden die Ehrfurcht, Hingabe und Aufrichtigkeit eines Menschen gegen­über Gott in den Schmutz gezogen – was die übelste Verleumdung ist, die man sich denken kann -, dann ist es schon eine erschreckende Erfahrung, wenn jemand, den man bis dahin für einen echten Freund gehalten hat, zu einem sagt: „Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, und ich will es auch gar nicht wissen.“ Oder man hört, daß er zu anderen gesagt hat: „Ich kenne zwar die Fakten nicht, aber die Organisation wird schon ihre guten Gründe für ihr Vorgehen gehabt haben.“

Vielzuviele Male stellt sich heraus, daß die vielgepriesene Liebe, die Teil des „geistigen Paradieses“ sein soll, recht oberflächlich ist. Eine (noch aktive) Zeugin aus einem benachbarten Bundesstaat erzählte mir am Telefon, ihr Mann werde seit einiger Zeit von den Ältesten seiner Versammlung stark unter Druck gesetzt. Sie sagte: „Wenn sie auch nur das Geringste gegen ihn finden könnten, sie würden ihn am höchsten Baum aufhängen.“ Ich erwiderte, das erinnere mich an den Spruch: „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.“ Sie antwortete: „Du hast ja keine Ahnung, wie oft dieser Spruch bei uns schon gefallen ist.“

Mir geht es genauso, wie eine Person es mir in einem Brief geschrieben hat, die kaltherzig zurückgestoßen wurde:

„Meine Freude war so groß, daß selbst der Schmerz verblaßte, den ich empfand, als viele meiner langjährigen Freunde lieber solchen Geschichten glaubten, statt zu mir zu kommen und die Wahrheit herauszufinden … und ich wußte auch, daß sie das nur aus Angst taten. Ich kann ihnen wirklich von Herzen vergeben, denn ich weiß genau, was in ihnen vorgeht. Im besten Fall glauben sie, ich hätte Jehova verlassen (weil ich mich aus seiner Organisation zurückgezogen habe), und im schlimmsten Fall meinen sie, Satan habe mich in die Irre geführt. In beiden Fällen wäre es ihnen unmöglich, mit mir Verbindung aufzunehmen. Falls ich ihnen oder sonst irgend jemand in der Organisation wehgetan haben sollte, so tut mir das aufrichtig leid. Ich liebe sie sehr und würde alles in meiner Macht Stehende tun, um sie zu erreichen und ihnen zu erklären, was mit mir wirklich los ist.“ [327]

So denke auch ich. Wenn sich Gefühle der Zuneigung so leicht wie mit einem Schalter ein- und ausknipsen lassen, dann entspricht das nicht dem normalen Verhalten der Menschen, sondern ist das Ergebnis von Indoktrination.

12.4 Wie können wir für Gott annehmbar sein ohne innerhalb einer organisierten Religion zu sein?
12.4.1 Wenn alle Brücken abbrechen, dann bleibt doch jene zu Christus und damit zu Gott offen passierbar!

Doch wie dem auch sei, wer als Zeuge Jehovas der Stimme seines Gewissen folgt, kann erleben, daß buchstäblich alle seine Freundschaften aus und vorbei sind. Dann muß man sich wirklich die Einstellung des Psalmisten zu eigen machen:
„Falls mein eigener Vater oder meine eigene Mutter mich verließen, würde ja Jehova selbst mich aufnehmen.“ [19]

Nur ein klareres Bewußtsein der Freundschaft Gottes und seines Sohnes kann alles wettmachen und wird den Wert aller anderen Beziehungen ins rechte Licht rücken. Man kann sich getrost darauf verlassen, daß neue Freundschaften entstehen werden, sofern man bereit ist, die hierfür nötigen Anstrengungen zu unternehmen. Das mag zwar seine Zeit dauern, doch dafür werden sie wahrscheinlich viel stabiler sein, da die Zuneigung sich nicht auf die Mitgliedschaft in einer Organisation stützt, auf eine Art Vereinsgeist, sondern darauf, was für ein Mensch man ist, in welchem Maße man sieh wie ein Christ verhält, wie es bei einem im Innern aussieht. Ich habe meine Freunde durchaus nicht alle verloren, und für jeden, den ich doch verlor, habe ich einen neuen gewonnen. Es sind Menschen, die klar gesagt haben, daß sie Meinungsverschiedenheiten oder Unterschiede in den Ansichten nicht zum Abbruch der Freundschaft führen lassen wollen. So entspricht es dem biblischen Rat:

„Erhebt euch nicht über die anderen, sondern seid immer freundlich und geduldig. Bemüht euch dartun, die Einheit zu bewahren, die der Geist Gottes euch geschenkt hat. Der Frieden, der von Gott kommt, soll euch alle verbinden.“[20]

Wenn man so lange daran gewöhnt war, Zahlen einen hohen Stellenwert beizumessen und in Zuwachsraten die angebliche Führung und den Segen Gottes zu sehen, dann ist es vielleicht nicht so einfach, auf diesem Gebiet etwas bescheidener zu werden und seine Ansprüche zurückzuschrauben. Möglicherweise gewinnt man erst jetzt ein inniges Verhältnis zu der Zusicherung Jesu, er werde dort anwesend sein, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß das gemeinsame Lesen und Besprechen der Bibel mit nur einer oder zwei weiteren Personen äußerst befriedigend und ertragreich ist. Wenn es manchmal mehr Teilnehmer waren, waren zwar die Kommentare interes­santer und vielfältiger, doch Gottes Wort hat auch dann, wenn wir nur „zwei oder drei“ waren, dieselbe grundlegende stärkende und bereichernde Wirkung gehabt. Ich muß ehrlich sagen, das hat mir jedesmal mehr an [328] Behaltenswertem gegeben als die vielen anderen Gelegenheiten in der Vergangenheit, wo ich als Beauftragter der Organisation mit Hunderten, Tausenden und Zehntausenden zusammen war.

12.4.2 Nur wer frei ist, kann und will seinen Glauben überprüfen! (2.Kor 13:5, 6)

Man braucht Glauben, um darauf zu vertrauen, daß es so kommen wird. Damit verhält es sich ähnlich wie mit einem anderen Aspekt der Freiheit, den das Eintreten für die biblische Wahrheit mit sich bringt. Dann halten wir uns nämlich nicht mehr an die streng vorgeschriebene Kost, die uns eine menschliche Organisation vorsetzt, sondern können selber das Wort Gottes wiederentdecken und erkennen, was es eigentlich alles enthält. Man glaubt gar nicht, wie wohltuend es sein kann, die Bibel zu lesen und sie einfach für sich selbst sprechen zu lassen, unbeeinflußt von menschlichen Überliefe­rungen. Eine Zeugin aus den Südstaaten, die 47 Jahre lang regelmäßig jeden Monat ihren Tätigkeitsbericht abgegeben und ebenso lange alle Zusammen­künfte der Versammlung besucht hatte, berichtete, wie sehr das Bibellesen sie jetzt begeistert: „Nie habe ich den Wunsch verspürt, bis zwei Uhr morgens denWachtturm zu lesen, doch genau das erlebe ich jetzt mit der Bibel.“

Wer gewöhnt ist, an die Bibel mit komplizierten Auslegungen, verwickelten Argumentationssträngen und bildreichen allegorischen Deutungen heran­zugehen, hat eventuell anfangs etwas Mühe, die geradlinige Einfachheit der biblischen Botschaft zu erkennen und sie so zu akzeptieren. Es mag erst Schwierigkeiten machen zu begreifen, daß Jesus es tatsächlich so meinte, wie er es sagte, als er den Grundsatz aussprach: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das sollt auch ihr ihnen tun“ und dann fortfuhr: „- denn das ist das Gesetz und die Propheten?“[21] Das zeigt, daß die Absicht und der Sinn aller damals vorhandenen inspirierten Schriften darin lag, die Menschen lieben zu lehren. Es stimmt mit dem Ausspruch Jesu überein, an den beiden Geboten, Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben, „hängt das ganze Gesetz und die Propheten“.[22] Man beachte, daß hier nicht nur vom Gesetz, sondern auch von den Propheten die Rede ist.

12.4.3 Prophetie daraufhin untersuchen ob sie wirklich im Einklang mit Gottes Wort ist!

Die Prophetie ist also nicht dazu da, in spekulative Auslegungen gepackt und auf phantasievolle Weise mit bestimmten Jahreszahlen und Ereignissen der Gegenwart verknüpft zu werden (die man dann öfter auswechseln muß, weil sie schon bald nicht mehr passen), noch soll sie für den prahlerischen Beweis des angeblich besonderen Verhältnisses einer Organisation zu Gott herhalten. Alle Prophetie ist dazu da, uns zu dem „Sohn der Liebe Gottes“ zu führen, damit wir durch ihn lernen zu lieben und in der Liebe zu leben, so wie er in der Liebe lebte. Deshalb lesen wir auch: „Das Zeugnisgeben für Jesus ist das, was zum Prophezeien inspiriert.“[23]

Jedesmal, wenn die Bibel zu anderen Zwecken benutzt wird, jedesmal, wenn Dogmatismus und sektiererische Argumentationsweise diesen einfachen Sinn der Schriften verschleiern/und komplizieren, dann beweisen damit [329] diejenigen, die das tun, daß sie nicht begriffen haben, wozu die Bibel eigentlich da ist.

Wer meint, die erwähnten phantasievollen Auslegungen seien in Wahrheit „die tiefen Dinge Gottes“, verrät damit, daß er den Sinn dieses biblischen Ausdrucks nicht verstanden hat. Als der Apostel Paulus ihn (im ersten Korintherbrief gebrauchte, hatte er kurz vorher gesagt:

„Brüder, als ich zum erstenmal bei euch war und euch Gottes geheimnisvolle Wahrheit verkündete, tat ich dies ja auch nicht mit großartigen und tiefsinnigen Reden. Ich hatte mir vorgenommen, euch nichts anderes zu bringen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten. Als schwacher Mensch trat ich vor euch und war voller Angst und Sorge. Mein Wort und meine Botschaft wirkten nicht durch Redekunst und Gedankenreichtum, sondern weil Gottes Geist darin seine Kraft erwies. Euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes Macht.“[24]

Das ist genau das Gegenteil zu der Art von Lehre, die die Menschen von einer Organisation abhängig macht, die verwickelte und oft verwirrende Auslegungen von Prophezeiungen hervorbringt, die nur wenige erklären können, ohne gleichzeitig eine schriftliche Erläuterung in der Hand zu halten.

12.4.4 Sich in die Liebe des Christus hinein versenken: Das Erlernen wahrer Weisheit und ihrer Grundlagen!

Auch dies ist ein Segen, zu erkennen, daß die wahrhaft „tiefen Dinge“ der Bibel damit zu tun haben, etwas über die „Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ zu erfahren, die vor allem in seiner Barmherzigkeit durch Jesus Christus zum Ausdruck kommt, „daß er euch aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit beschenkt und euch durch seinen Geist innerlich stark macht … daß Christus durch das Vertrauen, das ihr zu ihm habt, in euch lebt, und daß ihr fest in der gegenseitigen Liebe wurzelt und euer ganzes Leben darauf baut … (und erkennt), wie unermeßlich die Liebe ist, die Christus zu uns hat und die alles Begreifen weit übersteigt. Dann wird die ganze göttliche Lebensmacht euch mehr und mehr erfül­len“.[25]

Das ist der Kern der „guten Botschaft“: daß Gott uns durch Christus und sein Loskaufsopfer Barmherzigkeit erwiesen hat. Das kann jeder nachprü­fen, der an Hand einer Konkordanz die über 100 Stellen in der Bibel nachschlägt, in denen der Ausdruck „gute Botschaft“ („gute Nachricht“, „Evangelium“) vorkommt. Achtmal ist von der guten Botschaft „vom Königreich“ die Rede, doch viele, viele Male von der guten Botschaft „über den Christus“. Dies deshalb, weil das Reich Gottes, der Ausdruck seiner königlichen Souveränität, sich ganz auf seinen Sohn und alles, was er durch ihn getan hat und noch tun wird, konzentriert. Nicht auf eine menschliche Organisation, sondern auf Jesus Christus sollen wir unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse richten, denn „in ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sorgsam verborgen?“[26] Was einem manchmal an Auslegung [330] biblischer Prophetie geboten wird, und sei es noch so kunstreich. geheimnis­umwoben oder ausgefallen formuliert, das ist wirklich reichlich schal und oberflächlich, sobald man die Ergebnisse von Studium, Nachsinnen und Gebet dagegenhält, bei denen es darum geht, die Tiefe der Barmherzigkeit, der Liebe und der Güte Gottes besser zu erfassen.

Es macht richtig Freude, in Gottes Wort lesen zu können, ohne in sich ständig den Drang zu spüren, bei jeder Passage müsse gleich ganz genau die Bedeutung festgelegt und jeder prophetische Ausspruch mit einer „amtli­chen“ Deutung versehen werden. Schließlich gilt auch heute noch, was Paulus schrieb:

„Denn wir erkennen teilweise, und wir prophezeien teilweise; wenn aber das Vollständige gekommen ist, wird das Teilweise weggetan werden …. Denn jetzt sehen wir mit Hilfe eines metallenen Spiegels in verschwommenen Umrissen, dann aber wird es von Angesicht zu Angesicht sein. Jetzt erkenne ich teilweise, dann aber werde ich genau erkennen, so wie ich genau erkannt worden bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.“[27]

Wenn durch unser Bibellesen unsere Liebe zu Gott, zu seinem Sohn und zu unseren Mitmenschen vertieft wird, dann hat es ganz sicher seinen Haupt­zweck erfüllt. Vieles in der Bibel ist so ausgedrückt, daß es mehrere Deutungen zuläßt, die alle gleichermaßen mit der übrigen Bibel in Einklang stehen und den Glauben, die Hoffnung und die Liebe in gleicher Weise fördern. Warum sollte man dann starrköpfig auf einer dieser Möglichkeiten als der einzig richtigen bestehen? Das ist der Irrweg der Sekten.

Sehr schön drückte das jemand von einer Insel im Pazifik aus. Sie schrieb mir:

„Ich will keine Lehre mehr glauben, die ich für falsch halte, und werde für das eintreten, was meiner Meinung nach richtig ist, doch ich kann nicht länger andere richten, die Gott lieben, und ich kann nicht mehr meinen, ich sei etwas Besseres als sie, weil ich Dinge weiß, die sie nicht wissen. Gott berücksichtigt, in welcher Ausgangsposition sich jeder befindet. In manchen Dingen haben wir alle verkehrte Ansichten, und wenn wir einander richten, uns vergleichen, miteinander in Konkurrenz treten und uns von anderen absondern, die auch Gott lieben und ihn suchen, dann folgen wir nicht Gottes Weg. Sein Weg ist die Liebe, die vereint und heilt und eine Menge Sünden und Irrtümer zudeckt. Irgendwann werden wir alle die ganze Wahrheit verstehen, doch bis es soweit ist, müssen wir mit anderen teilen, was wir haben, anderen helfen und Kraft geben, und keine Gräben ziehen.“

Wozu endlos über Einzelfragen debattieren, wenn die Bibel doch über so viele Dinge nichts Eindeutiges sagt? Wem hilft das denn? Die Kernfrage bleibt doch stets, was wir für Menschen sind. In welchem Maß spiegeln wir die Eigenschaften unseres himmlischen Vaters und seines Sohnes wieder? Ist unsere Lebensweise, unser Verhalten im Umgang mit anderen, ein lebendiges Beispiel für die Wahrheit der Bibel? Von Gott kann eine Lehre – [331] werde sie nun von einer Organisation oder von einem einzelnen Menschen verkündet – nur stammen, wenn sie bei uns bewirkt, daß wir gegen andere mitfühlend, rücksichtsvoll und hilfreich sind, denn „wir haben dieses Gebot von ihm, daß der, der Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“.[28]

Manche fragen: Wohin soll ich gehen? Was soll ich werden?

Ich spüre kein Verlangen, irgendwohin zu „gehen“, denn ich weiß, wer „Worte ewigen Lebens“ hat.[29] Ich bin dankbar für die stärkende Gemein­schaft mit allen, die mit mir persönlich oder brieflich in Kontakt stehen, und hoffe, auch weiterhin Menschen kennenzulernen, denen die Wahrheit wichtig ist, und zwar nicht bloß vom Aspekt der Lehre her, sondern als eine Lebensweise.[30]

Ich versuche also, ganz einfach Christ zu sein, ein Jünger des Gottessohns. Ich verstehe nicht, wie man irgend etwas anderes sein wollte. Und ich kann auch nicht begreifen, wie jemand hoffen kann, je mehr zu sein.

12.4.5 Rückblick auf die Vergangenheit und Fehler, die man inzwischen einsieht und abgelegt hat

Die Vergangenheit soll ruhen. Für vieles bin ich dankbar, bedauern muß ich nur weniges. Die Schwere von Fehlern sei damit nicht heruntergespielt. Wenn die Lebensuhr fast abgelaufen ist, kann sich umso schmerzlicher auswirken, was man in der Vergangenheit bei seinen Entscheidungen falsch gemacht hat. Die harten Zeiten, die ich durchgemacht habe, bedauere ich nicht, weil ich glaube, daß sie mich wertvolle Dinge gelehrt haben. Unangebracht dagegen war, daß ich einer menschlichen Organisation mein Vertrauen schenkte. Nachdem ich mich den größten Teil meines Lebens abgemüht hatte, Menschen zu Gott und seinem Sohn zu führen, mußte ich feststellen, daß diese Organisation mit ihnen umgeht, als wären sie ihreeigene Herde, die ihr zu gehorchen hat und ihr zu Willen sein muß. Dessenungeachtet bin ich froh zu wissen, daß ich sie stets ermuntert habe, ihren Glauben auf die sichere Grundlage des Wortes Gottes zu stellen. Ich hoffe, daß all die Mühe nicht vergebens gewesen sein wird.

Andere in meinem Alter denken an den Ruhestand, doch ich muß einen Neuanfang wagen, um für meine Frau und mich zu sorgen. Ich kann aber, genau wie der Bibelschreiber, „zuversichtlich sagen: ‚Der Herr steht mir bei; nun fürchte ich nichts mehr. Was könnte ein Mensch mir schon antun?’“[31] Ich bedauere in keiner Weise, der Stimme meines Gewissens gefolgt zu sein. Die guten Auswirkungen wiegen alles Unerfreuliche bei weitem auf.

So manche frühe Entscheidung, die ich auf Grund einer unrichtigen Darstellung des Willens Gottes getroffen habe, hat Auswirkungen, die sich wohl nicht mehr rückgängig machen lassen. Mir wird immer noch ganz unwohl, wenn ich daran denke, daß ich eine Frau zurücklassen muß, die weder Sohn noch Tochter hat, von denen sie Zuwendung und Unterstützung erhalten könnte, sowohl emotional wie wirtschaftlich. Wie weit ich selbst [332] dazu in den verbleibenden Jahren noch in der Lage sein werde, weiß ich nicht. Doch unsere Hoffnungen sind auf die fernere Zukunft gerichtet, nicht nur auf die unmittelbar vor uns liegende Zeit, und die Verheißungen Gottes für diese Zeit geben uns Herzensfrieden.

12.4.6 So wie ihr urteilt, so werdet ihr beurteilt werden!

Über diejenigen ein Urteil zu sprechen, die sich von mir distanziert haben, dazu fühle ich mich genauso wenig berechtigt, wie ich meine, daß sie ein Recht hatten, mich zu verurteilen. Ich will das auch gar nicht. Das ändert allerdings nichts daran, daß ihr Handeln mir zum Teil unbegreiflich ist. Ich wünsche ihnen von Herzen, daß die Zukunft ihnen bessere Zeiten beschert, denn meiner Meinung nach könnten sie viel tun, um ihren Horizont und ihre ganze Einstellung zum Leben zu erweitern, wodurch ihr gesamtes Dasein enorm bereichert und mit tieferem Sinn erfüllt würde.

Ich hoffe, ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Zwar werde ich bestimmt weitere machen, doch ich bin zuversichtlich, daß sie nicht mehr so schlimm sein werden, so daß es anderen wie mir zum Guten gereicht. Daß ich mich nicht persönlich entschuldigen kann bei manchen, denen ich auf irgendeine Weise Unrecht getan habe, tut mir leid, doch ich bete, daß kein bleibender Schaden entsteht, und ich vertraue Gott all die Dinge an, auf die ich keinen Einfluß habe. Meine Frau und ich hoffen, daß wir die verbleibenden Jahre in Frieden verbringen können und daß Gott unser vereintes Bemühen, ihm alle Tage zu dienen, segnen wird.

Edward Dunlap machte sich nach seinem Hinauswurf aus der Weltzentrale auf den Weg nach Oklahoma City, um mit 69 Jahren ein neues Leben zu beginnen. Als er in Alabama vorbeikam, unterhielten wir uns und er sagte:

„Ich glaube, alles was man tun kann, ist zu versuchen, ein christliches Leben zu führen und denen zu helfen, die man in seinem Alltag erreichen kann. Alles andere liegt in Gottes Hand.“

Ich bin dankbar dafür, daß ich Informationen weitergeben konnte, auf die andere meines Erachtens ein Anrecht haben. Noch viel mehr könnte gesagt werden, ja müßte vielleicht gesagt werden, damit man sich ein vollständiges Bild machen kann. Ob mir das vergönnt sein wird, weiß ich nicht.[32] Mir ge­nügt es, all das, was sich aus dem bereits Gesagten ergeben wird, in Gottes Hände zu legen. [333]

____________________________________

[1] 1. Korinther 3:6, 7; 2. Korinther 4:7, 15; 6:10.
[2] 2. Korinther 5:14.
[3] 1. Johannes 4:11 Die Bibel in heutigem Deutsch.
[4] Matthäus 11:28-30.
[5] Wachtturm vom 15. April 1952, S. 122.
[6] Wachtturm vom 1. Oktober 1973, S. 594.
[7] Matthäus 10:17, 21; Markus 13:9-12; Lukas 21:16.
[8] Apostelgeschichte 10:35
[9] Unter anderem hat Lloyd Barry die Bücher Die gute Botschaft, die Menschen glücklich macht (1976) und „Dein Königreich komme“ (1981) geschrieben.
[10] Zu diesen dreien wäre eigentlich Grant Suiter hinzuzuzählen gewesen, vor allem, weil er scholl so lange eine leitende Funktion in der Gesellschaft hatte. Im Jahre 1983 erlitt er je­doch einen tragischen Unfall, durch den er vollständig gelähmt wurde. Wenige Monate später starb er.
[11] Nicht nur die verschiedenen Bibelforscher-Vereinigungen, die teilweise international vertre­ten sind, sondern auch einige Gruppierungen der Church of God vertreten in diesen Punkten fast haargenau dieselben Glaubensansichten. Die Adventisten glauben, daß die Seele schläft, leugnen die ewige Qual und glauben an eine paradiesische Erde unter der Herrschaft des Königreiches Christi.
[12] Galater 5:1, 13, 14; 1. Korinther 9:1, 19; Kolosser 3:17; 23-25.
[13] Matthäus 11:28-30; Markus 9:36, 37; 10:13-16; Lukas 15:1-7; Johannes 15:11-15.
[14] Psalm31:11-16; 55:2-6,12-14, 22; 60:11,12; 94:17-22; Römer 5:1-11; 8:31-39.
[15] 15 Matthäus 28:20, Wilckens.
[16] 2. Timotheus 2:19, Einheitsübersetzung
[17] Vergleiche Matthaus 13:37-43 mit Römer 2:5-10, 16; 14:10-12, 1. Korinther 4:3-5, 2. Korinther 5:10; 10:12, 18; 2. Timotheus 4:1.
[18] Apostelgeschichte 10:34, 35.
[19] Psalm 27:10; vergleiche Psalm 31:11; 50:20; 69:8, 9, 20; 73:25, 28.
[20] Epheser 4:2, 3, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[21] Matthans 7:12, Jerusalemer Bibel.
[22] Matthäus 22:40 Jerusalemer Bibel.
[23] Offenbarung 19:10.
[24] 1. Korinther 2: 1-5,10, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[25] Römer 11:33; Epheser 3:16-19, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[26] Kolosser 2:3.
[27] 1. Korinther 13:9, 10, 12, 13.
[28] 1. Johannes 4:21
[29] Johannes 6:68.
[30] Johannes 3:18.
[31] Hebräer 13:6, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[32] Anm. d. Übers.: Ende 1991 erschien ein weiteres, 736 Seiten umfassendes Werk des Verfas­sers unter dem Titel In Serch of Christian Freedom (dt.: Auf der Suche nach christlicher Freiheit) (Commentary Press, Atlanta).

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 12. Kapitel: Ausblick

11. Kapitel: Nachspiel

11. Kapitel: Nachspiel

11 Nachspiel *

11.1 Bedrückende Wölfe, welche die Herde nicht schonen
11.1.1 Unbeugsame Härte mit äusserer Milde verschleiert. Dieselbe unbiblische Anwendung des Begriffs „Abrünnigkeit“ (Häresie) wie bei der Inquisition

„Ich weiß, daß nach meinem Weggang bedrückende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen werden“ (Apostelgeschichte 20:29).

Im Englischen gibt es die alte Wendung von der „eisernen Faust in einem Samthandschuh“, wodurch treffend beschrieben wird, wie Unbeugsamkeit mit äußerer Milde verschleiert werden kann. Die eiserne Strenge, die sich in der Vergehensweise der Mächtigen offenbarte, ist meines Erachtens nicht erst durch die Ereignisse des Frühjahrs 1980 hervorgerufen worden. Die Härte bestand bereits vorher, wie die Geschichte zeigt. Was im Frühjahr 1980 geschah, bewirkte nur, daß der Samthandschuh der Milde ausgezogen und die unbeugsame Härte darunter freigelegt wurde. Das bestätigen auch die nachfolgenden Geschehnisse.

Als das Rechtskomitee aus fünf Bethelältesten, das die Aufgabe erfüllte, die korrekterweise eigentlich die leitende Körperschaft selbst hatte wahrneh­men müssen, Ed Dunlap zum letzten Mal vorlud und ihm seinen Ausschluß mitteilte, sagte er:

„Wenn ihr das so entschieden habt, gut. Aber sagt nicht, es sei wegen Abtrünnigkeit gewesen! Ihr wißt, daß mit Abtrünnigkeit die Rebellion gegen Gott und Christus Jesus gemeint ist, und ihr wißtgenau, daß das bei mir nicht zutrifft.“

In der Augustnummer 1980 der US-Ausgabe des Mitteilungsblatts Our Kingdenn Ministry (deutsch: Unser Königreichsdienst, November 1980, S. 8), das monatlich allen Versammlungen zugeschickt wird, hieß es in einer Meldung auf der Titelseite, daß einer Reihe von Bethelmitarbeitern die Gemeinschaft entzogen wurde, die sich „abtrünnig gegen die Organisation verhalten“ hätten. Das stimmte zwar immer noch nicht, denn es hatte nicht einmal eine Rebellion gegen die Organisation stattgefunden, doch es kam der Wahrheit schon naher als Äußerungen, die anderswo zu hören waren. Am 28. Mai 1980 wurde mein Rücktrittsbrief der Bethelfamilie vorgelesen. Am 29. Mai wurden alle Bethelältesten zusammengerufen. Einer von ihnen war Jon Mitchell. Er arbeitete als Sekretär sowohl in der Dienstabteilung wie auch im Büro der leitenden Körperschaft. Ich hatte nur ein einziges Mal mit ihm zu tun gehabt, nämlich als er mir die Visa für meine Afrikareise beschaffte. Mit den Ausgeschlossenen hatte er nie ein Wort gesprochen, hatte aber im Büro einige Berichte der Rechtskomitees zu Gesicht bekommen [276] und den bürointernen Tratsch über die sogenannten Ketzerverfahren gehört. Über seine Eindrücke von der Zusammenkunft der Ältesten und den Ansprachen Schroeders und Barrys aus der leitenden Körperschaft berichtet er folgendes:

„Die Ansprache Schroeders behandelte das Thema Organisation. Er redete davon, wie reibungslos unsere Organisation funktioniere, und sagte, daß Leute, die meinten, sie könnten deren Regeln und Gebote nicht akzeptieren, lieber gehen und den Fortschritt hier nicht aufhalten sollten. (Um zu veranschaulichen, wie reibungslos alles in der Organisation laufe, hob er das Buch Branch Organisationhoch und sagte, in diesem Werk seien über 1000 Regelungen und Anweisungen für die Arbeit der Zweigbüros und der Brooklyner Zentrale enthalten.) Er betonte, es handle sich nicht um eine Hexenjagd, sondern offenbar laufe ein Selbstreinigungs­prozess ab.
Über die, die die Organisation verlassen haben, sagte er: ,Man kann nicht sagen, dag sie nicht an die Bibel glauben. Dazu müßte man ja Atheist sein. Sie verstehen sie nur anders.‘
Als er fertig war, durften die Bethelältesten Fragen stellen. Harold Jackson meldete sich und schlug die Einrichtung eines Forums oder eines offenen Gesprächskreise vor, in dem die strittigen Fragen erörtert werden sollten. Schroeder erwiderte darauf, so etwas sei nicht geplant. Wenn wir Fragen hatten, könnten wir sie schriftlich stellen. Warren Weil fragte an, ob man schon erwogen habe, die Brüder einen Treueeid ablegen zulassen. Dazu sagte Bruder Schroeder diesen Weg wolle man derzeit nicht beschreiten.
Der Vortrag von Lloyd Barry schien darauf abzuzielen, einige Glaubensansichten der sogenannten Abgefallenen zu widerlegen und zur Loyalität gegenüber der Organisation aufzurufen. Er las Sprüche 24:21, 22 vor und ermahnte uns eindring­lich, uns vor denen zu hüten, die für eine Veränderung sind‘. Mißbilligend sprach er sich darüber aus, daß einige sich zusammenfänden, um ein unabhängiges Bibelstudium zu betreiben. Er behauptete, manche täten dies sogar anstelle des gemeinsamen wöchentlichen Wachtturm- Studiums am Montagabend.
Ähnlich abfällig sprach er über diejenigen, die sich gerne auf Bibelkommentare von Schreibern der Christenheit stützten. (Mitarbeiter der Dienstabteilung hatten sich Barnes’ Notes on tlie New Testament zugelegt und ließen das Werk offen herumliegen, doch nach dieser Äußerung verschwand es schnell in den Schub­laden.) Barry sprach von dem reichen Erbe, das wir als Zeugen Jehovas halten, und war sichtlich betroffen darüber, daß einige es nicht so hoch einschätzten wie er und Auffassungen hätten, die dem Wachstum und dem Gedeihen der Organisation abträglich sein könnten.“

Obwohl Jon nie mit uns, die wir Zielscheibe dieser Ansprachen waren, über die strittigen Fragen oder überhaupt über die Bibel gesprochen hatte, fährt er fort:

„Diese Zusammenkunft und die darauf folgenden Ereignisse verstärkten in mir noch das Gefühl des Abscheus, das in mir hochkam, als ich von den Gemein­schaftsentzügen und der Entlassung von Bruder Franz zum ersten Mal gehört hatte.“

11.1.2 Kennzeichen der Abtrünnigkeit nach Ausformulierung der leitenden Körperschaft kennzeichnet jene selbst als wahre Abtrünnige und Gesetzlose!

Im Wachtower vom 1. August 1980 (Wachtturm vom 1. November 1980) sollte ein Artikel erscheinen, in dem die Kennzeichen für Abtrünnigkeit aufgezählt würden. Ich war mir aber bereits sehr gut im klaren darüber, was für Kennzeichen es wirklich gab, und mich bedrückte sehr, daß die Organisation diese Anzeichen selbst immer stärker aufwies, und zwar: [277]

„1) Die Unterdrückung des freien Bibellesens. Zwar würde es wohl kaum zu Bibelverbrennungen kommen, doch offensichtlich war die Möglichkeit, völlig frei die Bibel zu lesen und frei darüber zu sprechen, eingeschränkt. Weshalb ließ die leitende Körperschaft keine offene Diskussion der Streitfragen zu, wie es vorge­schlagen wurde, gerade weil es hier um Personen ging, die der Organisation viel an Substanz gegeben hatten und die wegen ihrer gründlichen Bibelkenntnis hohe Achtung genossen? Was wollte sie verbergen? Konnte die Wahrheit einer Prüfung nicht standhalten?
2) Die offensichtliche Betonungsverschiebung weg von der Bibel und hin zu unserem sogenannten reichen Erbe, d.h. den Traditionen unserer Organisation. Wie ich gut wußte, war dies eine Fehlentwicklung vieler religiöser Sekten, einschließlich der der Pharisäer gewesen. In Matthäus 15 und Markus 7 stehen die Worte Jesu, in denen er diese öffentlich rügte, weil sie ihrer Überlieferungen größeren Wert beimaßen als dem Wort Gottes. Der Vorschlag, man solle allen die Ablegung eines Treueeids abverlangen, um die Loyalität gegenüber der Organisation und ihren Überlieferungen sicherzustellen, ließ mich vor Schrecken erschauern. Doch er war in vollem Ernst vorgetragen worden.
3) Inquisirionsmethoden. Es war eindeutig, daß die leitende Körperschaft, deren Aufgabe ich mehr im Dienst für die Bruder gesehen hatte, sehr autoritär vorging und hier kurzen Prozess machen wollte. Wäre es nicht viel weiser und vernünftiger gewesen, etwas sorgsamer und bedächtiger vorzugehen, indem man die ganze Sache gründlich untersucht und das Für und Wider abgewogen hätte und dann erst, allmählich und behutsam, zu einer Entscheidung gekommen wäre?
Ich weiß noch, wie ich bei der Ältestenzusammenkunft dasaß und mir sagte: ,Hört auf! Nicht so übereilt! Merkt ihr denn nicht, was ihr da macht?’ So dachte ich, nicht weil ich der Organisation untreu war, sondern weil ich sehr an ihr hing und mir sehnlichst wünschte, sie auf einem starken Fundament der Wahrheit fest gegrün­det zu sehen.“

Genau wie er hoffte auch ich anfangs, die Vernunft werde die Oberhand gewinnen, sobald der Alptraum verflogen wäre. Ich hoffte, daß statt der aufgeladenen Atmosphäre, die fast einer hysterischen Belagerungsmentali­tät glich und aus der heraus ein kleines Häuflein gewissentreuer Menschen für eine riesige Bedrohung gehalten wurde, eine ruhigere, besonnenere Denkweise einkehren würde. Das Gegenteil war der Fall.

11.1.3 Es wird totale Anpassung von Kreis- und Bezirksaufsehern an die Lehren der Gesellschaft verlangt. Ältestenschaften unter argwöhnischer Beobachtung.

Die unglaublichen Forderungen nach totaler Anpassung, die nun erhoben wurden, kommen wohl nirgends besser zum Ausdruck als in einem Rund­schreiben, das die Dienstabteilung der Weltzentrale unter dem Datum vom 1. September 1980 an alle Kreis- und Bezirksaufseher, die reisenden Beauf­tragten der Gesellschaft, verschickte. Die ersten beiden Seiten dieses Briefes werden hier wiedergegeben. Von besonderem Interesse ist der Abschnitt „Die Herde schützen“ (die wichtigsten Punkte sind am Rand markiert). [278]

„SCG:SSF 1.September 1980

AN ALLE KREIS- UND BEZIRKSAUFSEHER
Liebe Brüder!

Wir wissen, daß ihr gemeinsam mit euren Frauen großen Nutzen aus den Bezirks­kongressen „Göttliche Liebe“ gezogen habt. Sie führten uns in beeindruckender Weise vor Augen, weshalb die Liebe die nützlichste Eigenschaft ist, die wir entwickeln können 1. Kor. 13:13). Die Liebe befähigt uns, trotz unserer Mängel und Fehler vereint zu bleiben Kol. 3:12-14).

Ihr könnt sicher sein, daß die Brüder, denen Ihr dient, durch Euer liebevolles Vorbild im Glauben erbaut und gestärkt werden. Bei uns sind etliche Briefe einge­gangen, in denen uns von der Liebe berichtet wird, die ihr, Brüder, und eure Ehe­frauen gezeigt habt. Eine Ältestenschaft schrieb über ihren Kreisaufseher: „(Er) ist wahrhaft dem Tun des Willens Jehovas ergeben … steht allen geistig bei … für alles offen. (Er) hat ein offenes Ohr und zeigt Einfühlungsvermögen gegenüber den Brüdern. Auf solche Brüder können wir uns verlassen, wenn in Zukunft die schweren Zeiten kommen werden.“

Ihr könnt zuversichtlich sein, daß die Brüder Eure Freundschaft, eure Gesellschaft und Eure Liebe schätzen werden, wenn Ihr Euch mit echter Sorge um die sie betreffenden Dinge kümmert (Phi 2:19-23, 29). Setzt daher auch weiterhin alles daran, auf liebevolle weise mit ihnen umzugehen. Setzt sie niemals unter Druck. Kanzelt sie nicht ab, Geht ihnen führend voran, wobei ihr eng mit ihnen zusammenarbeitet; ermahnt sie soweit sie dies brauchen. Habt Geduld, wenn sie scheinbar nur wenig Fortschritte machen. Dieser liebevolle, geduldige Umgang wird die Brüder erquicken (Matth. 11:28-30).

DIE HERDE SCHÜTZEN

Eine der Hauptaufgaben eines Aufsehers beim Hüten der ihm anvertrauten Herde Gottes besteht darin, diese vor Gefahren zu beschützen (Apg 20:28). In Apostelgeschichte 28:29 wird darauf hingewiesen, daß eine dieser Gefahren Menschen sein können, die vom Glauben abfallen. Dieses Thema Word im Wachtturm vom 1. August 1980 sehr gut behandelt. Ihr alle werdet Euch mit dem Inhalt der Studienartikel äußerst gründlich vertraut machen wollen. Ermuntert alle Ältesten und besonders die Dienstamtgehilfen, das ebenso zu tun. Verwendet Hauptpunkte daraus in euren Ansprachen. „Bleibt bei dem, was ihr gelernt habt“. [279]

Helft den Ältesten zu unterscheiden zwischen einem unruhestiftenden Abtrünnigen und einem Christen, der schwach im Glauben geworden ist und zweifelt. (2. Petr 2:??; Jud 22, 23). Gegen den ersteren sollte entschieden vorgegangen werden, nachdem längere Zeit hindurch versucht wurde, sein Denken zurechtzurücken (2. Joh 7-10). Andererseits sollte man jemand, der schwach geworden ist, liebevoll und geduldig beistehen, die genaue Erkenntnis zu erlangen, die seinen Glauben befestigt.

Seite 2

Bitte beachtet, daß ein Abgefallener seine Irrlehren nicht bei anderen zu verbreiten braucht, um ausgeschlossen zu werden. In der Wachtturm-Ausgabe vom 1. August 1980 heißt es auf Seite 17, Absatz 2: “Unser Word ‘Abfall’ ist die Wiedergabe des griechischen Ausdruck, der ‘Abscheiden’, ‘Trennung’, ‘Absonderung’, ‘Auswuchs’ und ‘Aufstand’ bedeutet. Wendet sich also ein getaufter Christ von den Lehren Jehovas, so wie sie vom treuen und verständigen Sklaven dargelegt werden ab, und glaubt er trotz biblischer Ermahnung weiterhin hartnäckig an eine andere Lehre, dann fällt er vom Glauben ab. Man sollte sich längere Zeit freundlich bemühen, sein Denken zurechtzurücken, wenn er aber nach einigen ausgedehnten Bemühungen immer noch an seiner falschen Lehren glaubt und der Auffassung , die ihm durch die Sklavenklasse zugekommen ist, zurückweist, dann sollten die entsprechenden rechtlichen Schritte eingeleitet werden.

Das soll nicht bedeuten, daß Ihr oder die Ältesten Euch sozusagen auf Hetzjagd begeben und die Glaubensansichten Eurer Brüder ausforschen solltet, doch wenn die Ältesten etwas hinreichend Auffälliges in dieser Hinsicht bemerken, dann wäre es angebracht, zum Schutz der Herde freundlich und unauffällig nachzuhacken. Wir können nicht genügend betonen, daß in diesen Fällen äußerst behutsam, taktvoll und freundlich vorgegangen werden muß (Jak. 1:19, 20)

ZUSAMMENARBEIT VERSCHIEDENER ÄLTESTENSCHAFTEN

Uns ist aufgefallen, daß bisweilen in größeren Städten mehre Versammlungen betroffen sind, wenn Unrechttun aufgedeckt wird. Die Älteste in diesen Ver­sammlungen müssen eng zusammenarbeiten. Sie sollten stets daran denken, die Ältesten in den anderen Versammlungen umgehend über Verkündiger zu informieren, bei denen vielleicht etwas unternommen werden muß. Jemand, der in eine Verfeh­lung hineingerutscht ist, braucht sofortigen Beistand. Jeder, der Sich in seiner Sünde verhärtet, muß mit Strenge getadelt und, falls das nichts bewirkt, aus der Versammlung ausgestoßen werden. Ihr tätet gut daran, die Ältestenschaften auf die Dinge aufmerksam zu machen, die Euch während des Schulungskurses im Herbst 1971 in Redeplan Nr. 13 unter der Überschrift „Älteste benötigen weiterhin Hilfe beim lösen versammlungsübergreifender Probleme“ vermittelt wurden. Die Ältesten in den betreffenden Versammlungen sollten über alles unterrichtet werden, was be­kannt ist und was sie zur Aufklärung brauchen. [280]

Schärft den Ältesten ein, daß sie vor Gott dafür verantwortlich sind, das Auf­treten und die Ausbreitung von Unrechttun in der Versammlung zu vermindern 1. Kor. 5:6-8). Die Rechtskomitees sollten sehr sorgfältig ermitteln, ob jemand wirklich reuig ist, bevor sie ihm Vergebung gewähren, nachdem er die Versammlung in Verruf gebracht hat. Im allgemeinen bringt jemand, der bereut, auch wirklich „Frucht hervor, die der Reue entspricht“ (Matt. 3:8). Laßt uns nicht vergessen, daß ein Mensch dieselbe Sünde wieder begehen wird, wenn dieselben Umstände wieder eintreten und nicht schon sein Herz angesprochen worden ist, mag der ihm erteilte Rat oder die Zurechtweisung noch so gut gewesen sein. Die Ältesten müssen Willens sein, in solchen Fällen durchzugreifen, um die Herde zu schützen.“In diesem Rundschreiben wird die offizielle Linie wiedergegeben. Es heißt allen Ernstes, wenn jemand etwas glaubt – es nicht vor anderen vertritt, sondern einfach glaubt –, das nicht mit den Lehren der Organisation übereinstimmt, so genüge das, um ihn als Abtrünnigen abzuurteilen!

Das Rundschreiben beschränkt die Abweichungen in den Glaubensansich­ten nicht auf die biblischen Grundlehren wie das Kommen des Sohnes Gottes als Mensch, das Loskaufsopfer. den Glauben an Jesu vergossenes Blut als Grundlage für die Rettung, die Auferstehung oder ähnlich grundlegende Bibellehren. Der Betreffende braucht noch nicht einmal die Lehre der Bibel abzulehnen, nur die „Lehren Jehovas, so wie sie vom treuen und verständi­gen Sklaven dargelegt werden“. Das ist dasselbe, wie wenn man sagt, wenn jemand der schriftlichen Willensäußerung eines Herrschers glaubt und sie befolgt, sei das kein sicheres Zeichen für Loyalität, vielmehr komme es darauf an, daß er das glaubt und tut, was der Überbringer der Botschaft, der im Dienst des Herrschers steht, als die seiner Meinung nach richtige Deutung des Gesagten verkündet.

11.1.1 Schnüffelpraxis auf allen Ebenen, um mittels Daumenschrauben „einheitliches Denken“ aller zu erreichen

Dem Geschäftszeichen im Briefkopf des Rundschreibens vom 1. September 1980 ist zu entnehmen, daß der Verfasser Leon Weaver hieß. Daraus darf man aber nicht schließen, diese Schnüffelpraxis entspringe dem Hirn eines Einzelnen, genausowenig wie es sich um eine spontane Fehlleistung han­deln konnte, für die man sieh hinterher schämt, weil sie voreilig, verletzend und total unchristlich war. Der Verfasser gehörte dem Komitee der Dienst­abteilung an, dessen weitere Mitglieder unter anderem Harley Miller, David Olson, Joel Adams und Charles Woody waren, allesamt erfahrene Führungs­persönlichkeiten in der Organisation, seit Jahrzehnten in verantwortlicher Stellung. Gemeinsam überwachen sie im Auftrag der leitenden Körper­schaft die Tätigkeit der über 8500 Versammlungen (Gemeinden) und aller Ältesten und Kreis- und Bezirksaufseher in den USA, also von etwa einem Viertel aller Zeugen Jehovas. Sie arbeiten eng mit dem Dienstkomitee der leitenden Körperschaft zusammen und sollten die Vorgaben der leitenden Körperschaft und ihre Denkweise genau kennen.

Damit aber wird die Position, die in dem Rundschreiben vertreten wird, nur umso erschreckender. Wie ich aus langjähriger Tätigkeit im Dienstkomitee [281] weiß, muss jedes Schreiben von solcher Bedeutung dem Dienstkomitee der leitenden Körperschaft zur Genehmigung vorgelegt werden, bevor es ver­sandt werden darf.[1] Hatte nur ein einziges Mitglied des Komitees Einwände dagegen erhoben, so hätte der Brief der gesamten leitenden Körperschaft zur Besprechung vorgelegt werden müssen.

11.1.2 Inquisitionsmethoden von oberster Führungsschicht aus sanktioniert: Abtrünnig ist, wer eine Lehre der Gesellschaft anzweifelt und wird dem Ausschluss unterworfen, was dem Sinne nach Todesstrafe bedeutet!

Wie auch immer, das Rundschreiben und die darin beschriebene Verfah­rensweise. die einen an die Haltung kirchlicher Oberer zu Zeiten der Inquisition erinnert, mußte von einer ganzen Anzahl verantwortlicher Mitarbeiter der Weltzentrale, einschließlich mehrerer Mitglieder der leiten­den Körperschaft, abgesegnet worden sein. Da hier persönliche Freundschaf­ten, Familienbande, persönliche Ehre und andere wichtige Interessen schwer beeinträchtigt werden konnten, sollte man annehmen, darf die Verlautbarung vom 1. September 1980 lange und sorgfältig durchdacht wurde, bevor man sie als offizielle Äußerung des „treuen und verständigen Sklaven“ Jesu Christi guthieß. Was dort gesagt wurde, ließe sich später nicht leichtfertig mit den Worten abtun: „Das haben wir doch alles nicht so gemeint, wie es auf den ersten Blick aussieht.“ Viele Menschen wurden und werden einzig aufgrund der hier eingeführten Gedankenüberwachung aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Nur weil sie im Innern nicht alle Auslegun­gen der Gesellschaft akzeptieren können, werden sie als Abtrünnige abge­stempelt.

Möglicherweise gab ein Vorfall in einer New Yorker Versammlung, der sich kurz vorher ereignet hatte, den Anstoß zu dem Vorgehen. Der bereits erwähnte Jon Mitchell, der einen Teil seiner Arbeitszeit auch in der Dienstabteilung zubrachte, berichtet:

„So um diese Zeit herum (die Rede ist vom Frühsommer 1980) erhielten wir von F. W. Franz eine bürointerne Mitteilung, die dieser anscheinend als Antwort auf eine Anfrage von Harold Jackson (einem Mitarbeiter der Dienstabteilung) verfaßt hatte. Offensichtlich gab es in einer spanischen Versammlung eine Pionierschwester (Vollzeitpredigerin), die nicht guten Gewissens lehren konnte, die Zahl 144 000 in Offenbarung 7 und 14 sei buchstäblich zu verstehen. Sie sagte, sie habe nicht vor, andere für diese Ansicht zu gewinnen oder abweichende Auffassungen öffentlich zu vertreten, doch sie wolle denen, mit denen sie die Bibel studiere, nicht beibringen, daß die 144 000 eine buchstäblich zu nehmende Zahl sei.
Bruder Jacksons Frage lief offenbar darauf hinaus, ob man einen solchen Menschen als abtrünnig ansehen solle oder nicht. In der Mitteilung wurde Wert darauf gelegt, daß diese Frau tatsächlich als eine Abtrünnige anzusehen sei und man ihr die Gemeinschaft entziehen solle, wenn sie sich nicht bereit erkläre das zu lehren, was ihr die Gesellschaft aufgetragen habe. Ich entsinne mich, daß jemand in der Dienstabteilung erzählte, was aus dem Fall geworden war. Er berichtete, die Frau habe ,widerrufen‘ (recanted). Ich war schockiert, wie man diesen Ausdruck ohne jedes Schamgefühl in den Mund nehmen konnte.“

11.2 „Der Mensch der Gesetzlosigkeit“, der sich in der Endzeit in Gottes Tempel setzt fällt durch Ablehnung von Gottes Geboten auf! (2.Thess 2:3-8)
11.2.1 Keinerlei Schulung der Zeugen wirkliches Unrecht gemäss Gottes GESETZ zu erkennen und zu bekämpfen! Einzig gültiger Rechtsmassstab ist das Gesetz der Religionsgemeinschaft!

Vielleicht meint man, daß die extreme Haltung, die in dem Rundbrief vom 1. September 1980 eingenommen und durch die reisenden Beauftragten der [282] Gesellschaft allen Ältesten übermittelt wurde, einen Sturm des Protests oder zumindest erkennbaren Widerspruch von Seiten der Ältesten und anderer Zeugen Jehovas hervorrief. Dazu waren sie aber zu gut geschult. Einige wenige haben den Mund aufgemacht, aber nur sehr vorsichtig, damit man sie nicht als abtrünnig abstempelte. Daß es keine lauten Proteste gab, lag sicher nicht daran, daß sie „durch Prüfung (feststellten) … , was der gute und annehmbare und vollkommene Wille Gottes ist“, wozu der Apostel auffordert.[2] Liest man den Absatz auf Seite 2 des Briefes noch einmal genauer durch, so stellt man fest, daß nicht eine einzige Bibelstelle angege­ben wurde, die belegen würde, daß die Methode der Gedankenüberwachung eine biblische Grundlage hätte. Christen sollen „jeden Gedanken gefangen (nehmen), um ihn dem Christus gehorsam zu machen“ und nicht Menschen oder einer Organisation.[3] Woher dann die Bereitschaft, sein Gewissen so vollständig der Überwachung zu unterwerfen?

11.2.2 Das Wort der Gesellschaft ist identisch mit Gottes Wort!? Der Tanz um das „goldene Kalb“

Das Konzept von „der Organisation“ ist dafür verantwortlich. Aus ihr erwächst der Glaube, daß alles, was die Organisation sagt, in welchem Zusammenhang auch immer, einem Spruch Gottes gleichkommt. Charak­teristisch für die Einstellung, die die Verlautbarungen der Gesellschaft (wie auch dieser Brief) hervorrufen, war ein Vorfall während einer Ältestenbe­sprechung anläßlich eines Kreiskongresses in Alabama. Bezirksaufseher Bart Thompson hielt ein Buch der Gesellschaft mit einem grünen Einband hoch und sagte: „Wenn die Gesellschaft mir sagen würde, dieses Buch sei nicht grün, sondern schwarz, dann würde ich sagen: ,Also, ich hätte glatt schwören können, es sei grün; aber wenn die Gesellschaft sagt, es ist schwarz, dann ist es schwarz“ Ähnliche Vergleiche haben auch andere Beauftragte der Gesellschaft angestellt.

Derartig haarsträubende Bekundungen blinden Gehorsams mögen vielen denkenden Zeugen sicher zuwider sein. Doch die meisten sind bereit, sich zu fügen oder sogar „rechtliche Schritte“ einzuleiten, wenn jemand Zweifel an den Aussagen der Gesellschaft laut werden lässt. Wieso eigentlich?

Ich versuche, mich in diese Menschen – zu denen ich auch die Mitglieder der leitenden Körperschaft rechne – einzufühlen, um sie zu verstehen. Nach den Erfahrungen, die ich als einer der ihren gemacht habe, glaube ich, daß sie Gefangene einer Idee sind. Das Bild, das sie von „der Organisation“ ha­ben, scheint fast so lebendig und übt solche Macht über sie aus, daß sie vollständig von ihm beherrscht werden. Es formt ihr Denken, ihre Einstellung und ihr Urteilsvermögen so sehr, daß sie sich in all ihrem Tun und Lassen nach ihm richten. Viele würden meines Erachtens ganz anders handeln, wenn sie lediglich Gott, Christus und die Bibel be­achteten und dazu die Interessen ihrer Mitchristen und Mitmenschen im Sinn hätten und nicht die Interessen einer Organisation. Doch das Kon­zept von der Organisation schiebt sich dazwischen und verändert ihr [283] Denken und ihre Ansichten so grundlegend, daß alles andere davon über­schattet wird.

11.2.3 „Die Organisation“, „die Gesellschaft“: Ein Götzenbild von Menschen geschaffen dem man dient und vor dem man sich niederbeugt: Die leitende Körperschaft!

So haben die Mitglieder des Führungsgremiums auch eher das Ideal und nicht die Wirklichkeit im Sinn, glaube ich, wenn sie an die Organisation denken und von ihr sprechen. Sie stellen sich die Organisation als etwas vor, das größer und bedeutender ist als sie; sie denken mehr an die Mitglieder­zahlen, an die weltweite Ausdehnung und den internationalen Charakter dieser Organisation. Dabei merken sie anscheinend gar nicht, daß damit mehr das Verbreitungsgebiet der Organisation beschrieben ist, weniger sie selber. Wenn aber „Loyalität gegenüber der Organisation“ gefordert wird, müßte doch eigentlich klar sein, daß dann nicht das Verbreitungsgebiet angesprochen ist, nicht die Tausende von Versammlungen und deren Mitglieder, die der Führung der Organisation unterstehen. Dann ist von Loyalität gegenüber der Leitung die Rede, von der die Autorität ausgeht und die die Lehren verkündet. Und diese entscheidende Funktion üben ganz allein die Mitglieder der leitenden Körperschaft aus, ob sie das nun zugeben oder lieber verdrängen wollen. Sie allein sind die Organisation. Jegliche andere Autorität, sei es die der Zweigkomitees. der Bezirks- und Kreisaufse­her oder der Ältestenschaften in den Ortsversammlungen, untersteht ihnen vollständig. Sie können ohne vorherige Anhörung von sich aus Änderungen vornehmen, Personen einsetzen oder absetzen. Der Apostel Paulus sagt in Römer, Kapitel 13, die irdischen Regierungen „stehen in ihren relativen Stellungen als von Gott angeordnet“. Damit ist der Sachverhalt genau beschrieben, denn jegliche Autorität in der Organisation steht „in ihrer relativen Stellung als von der leitenden Körperschaft angeordnet“ und unterliegt vollständig ihrer Herrschaftsgewalt.

Wie bereits gesagt, glaube ich nicht, daß die meisten von ihnen dies bedenken. Für sie bleibt die Organisation etwas Undefiniertes, Abstraktes, lediglich eine vage Idee ohne konkrete Gestalt. Anders als mit diesem trügerischen Verständnis der Organisation kann man kaum erklären, wie jemand einem Gremium mit solcher Machtfülle angehören kann, ohne dabei ein klares persönliches Verantwortungsbewußtsein für die Folgen der Entscheidungen zu kennen. Welches Leid er damit anderen zufügt, wie er dadurch Menschen in die Irre führt und was dabei herauskommt, berührt ihn gar nicht. Das Denken wird offenbar von der Devise beherrscht: „Das hat die Organisation getan, nicht wir.“ Und da die Organisation das auserwählte Werkzeug Gottes ist, wird die Verantwortung Gott zugescho­ben. Es war Sein Wille – auch wenn sich die Entscheidung oder die Lehre als verkehrt herausstellt und revidiert wird. Menschen mögen aus der Gemein­schaft ausgeschlossen oder sonstwie geschädigt worden sein, stets wird sich der einzelne, der die Entscheidung mit gefällt hat, von jeder persönlichen Verantwortung frei fühlen. Und sei auch noch so großes Unheil angerichtet worden, Gott wird es schon richten für die Organisation.

11.3 Die wahren Verantwortlichen der Organisation und deren verschlungenen Wege werden aufgedeckt.
11.3.1 Die feigen Mitläufer und Mittäter, die sich hinter der Organisation verstecken, sie hatten alle nicht den Mut ihr Gewissen sprechen zu lassen!

Ich will nicht verurteilen, sondern versuche, eine Erklärung dafür zu finden, weshalb Männer, die mir als aufrecht und im Grunde genommen mitfühlend [284] vertraut waren, sich an etwas beteiligen konnten, das sie meines Erachtens normalerweise abgelehnt hätten. Das oben beschriebene Konzept der Organisation ist meiner Meinung nach unheilvoll; es ist schädlich und tragisch zugleich. Die drakonischen Maßnahmen, die gegen die sogenann­ten Abtrünnigen ergriffen wurden, waren in meinen Augen fast ausnahms­los nicht nur ungerechtfertigt, sondern widerwärtig. Sie waren nicht nur des Christentums unwürdig, sondern jeder freien menschlichen Gesellschaft. Und dennoch hilft es mir, mich zu bemühen, die Täter zu verstehen, denn so kann ich von Gefühlen der Bitterkeit und des Grolls frei bleiben, sowohl gegenüber einzelnen wie der ganzen Gruppe. Bitterkeit hat nur niederrei­ßende Wirkung und schadet einem selbst. Ich würde jedem der Beteiligten, ohne Ausnahme, in meinem Haus Gastfreundschaft erweisen wollen, ohne Fragen zu stellen oder eine Entschuldigung zu erwarten. Weder mir noch irgend jemand, den ich kenne, war daran gelegen, die Beziehung zu ihnen oder sonst jemand abzubrechen, weil wir verschiedener Auffassung waren, Wir haben den Bruch nicht gewollt und auch nicht herbeigeführt.

Meine Anhörung vor der leitenden Körperschaft war auf Tonband aufge­zeichnet worden, und man hatte mir eine Kopie des Bandes versprochen. Was daraus wurde, ist meiner Meinung nach eine gute Veranschaulichung des eben Gesagten.

11.3.2 Die Tonbandaufzeichnungen der Sitzung als Zeugnis gegen die Gesellschaft

Etwa drei Wochen nach meiner Rückkehr nach Alabama ergab sich ein Anlaß, der leitenden Körperschaft zu schreiben, und dabei fragte ich wegen meiner Tonbandkopie an. Man antwortete mir mit folgendem Brief, datiert 26. Juni 1980: [285]

„26. Juni 1980
R. V. Franz
c/o P. V. Gregerson
Route 4, Box 444
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

Dein Brief von 14. Juni befindet sich in unseren Händen.

Wir haben in der Versandabteilung angefragt und erfahren, daß Deine Möbel fachgerecht verpackt und am 24. Juni in Brooklyn auf den Trans­port gegeben wurden. Sie sollten daher schon bald bei Dir eintreffen.

Zu Deiner Anfrage wegen des Tonbandes teilen wir mit, daß die Angelegen­heit bearbeitet wird. Sobald eine Kopie angefertigt werden kann, wirst Du sie zugesandt bekommen.
Wir sehen dem Eingang der beiden Verfahrensbroschüren entgegen, die Du uns zusenden wolltest. In Deinem Brief war auch die Rede von Ausar­beitungen zu dem Kongressvortrag, die Du an uns senden wolltest.

Möge Jehovas Segen mit Dir sein, Empfange Grüße unserer christlichen Liebe.

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Komitee“ [286]

Zwei Wochen verstrichen, und dann traf dieser Brief ein:

„10. Juli 1980

Mr. Raymund V. Franz
c/o P. V. Gregorson
Route 4, Box 444
Gadsden,AL 35904

Lieber Bruder Franz!

In Fortsetzung unseres Briefes vom 26. Juni teilen wir Dir mit:

Wir danken Dir für die Übersendung der Bücher Brach Organisation und Governing Body Proceture, die kürzlich hier eingingen. Die Versandabteilung hat uns wissen lassen, daß Deine Möbel übersandt wurden und bei Dir eingetroffen sind.

Was die Zusendung der Tonbandaufnahme vom 20. Mai angeht (wahrscheinlich meinst Du die Aufnahme der Sitzung der leitenden Körperschaft vom 21. Mai), so hatte das Vorsitzenden-Komitee erwähnt, daß „die Angelegenheit bearbeitet wird“.

Mittlerweile sieht die leitende Körperschaft es aber als ratsam an, keinerlei Kopien von Aufzeichnungen dieser Tage anzufertigen und herauszugeben. Angesichts der Tatsache, daß vertrauliches Material, welches den Mitgliedern der leitenden Körperschaft im April zugegangen war, auf irgendeine Weise in die Hände eines ausgeschlossenen Bethelmitarbeiters gelangt ist und weiterverbreitet wurde, hat die leitende Körperschaft beschlossen, daß es nicht angebracht ist, Aufzeichnungen ihrer Sitzungen (das betrifft Tonbandaufnahmen ebenso wie schrift­liche Sitzungsprotokolle) Personen außerhalb des Anwesens der Gesellschaft zu­kommen zu lassen. Darüber hinaus hat sich Dein Status geändert. Solltest Du etwas über die auf dem Band enthaltenen Dinge wissen wollen, so hätten wir nichts dagegen, es Dir hier im Bethel vorzuspielen.

Wiewohl wir Dir gegenüber mündlich (und auch schriftlich) geäußert haben, Dir eine Kopie der Aufnahme zu geben, hat sich doch die Situation grundlegend ge­ändert. Sicher kannst Du verstehen, daß die leitende Körperschaft dies als die beste Vorgehensweise ansieht. Wir vertrauen darauf, daß Du diese Regelung vernünftig finden wirst

In der Hoffnung, daß bei Dir alles in Ordnung ist, senden wir Dir Grüße unserer christlichen Liebe,

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Kommitee“ [287]

11.3.3 ”Euer Wort Ja bedeute einfach ja, euer Nein nein; denn was darüber hinausgeht, ist von dem, der böse ist.” Wer verlässt sich noch auf solche, die wortbrüchig sind? (Matthäus 5:37)

Es war gar nicht zu vermeiden, daß dieser Brief Erinnerungen an die Art und Weise aufsteigen ließ, wie die ganze Sache von Anfang an gehandhabt worden war, als das Vorsitzenden-Komitee alles ins Rollen brachte, was schließlich zu den Gemeinschaftsentzügen führte. Ich hatte gehofft, das sei vorbei gewesen. Worauf sich der Ausdruck „vertrauliches Material, welches den Mitgliedern der leitenden Körperschaft im April zugegangen war“, bezog, konnte ich mir nicht erklären, denn weder hatte ich während meines Aufenthaltes in Brooklyn jemand von den Ausgeschlossenen getroffen, noch hatte ich danach bis zu meiner Rückkehr nach Alabama jemand gesehen. Darum schrieb ich folgende Antwort:

„Watchtower Society
z.H. Vorsitzenden-Kommitee

Liebe Brüder,

ich bestätige den Eingang Eures Briefes vom 10. Juli. Die Möbelstücke sind bei uns in gutem Zustand eingetroffen und wir denken den Brüdern in der Versand­abteilung für ihre gute Arbeit.

Was Ihr mir über Eure Entscheidung, mir das Tonband von 21. Mai (ich hatte fälschlicherweise das das Datum 20. Mai genannt) nicht zuzusenden, schreibt, habe ich zur Kenntnis genommen. Euch muß aber klar sein, daß die Vereinbarung lautete, ich würde es ausgehändigt bekommen. Das hat der Vorsitzende zu Beginn der Sitzung ausdrücklich festgestellt. Es waren keine Bedingungen gestellt worden, die beispielsweise meinen Status betreffen, ob ich nun im Bethel bin oder außerhalb. Ihr habt damit die einzige Bedingung, von der ich meine Zustimmung zur Aufzeichnung der Sitzung abhängig gemacht habe, anerkannt – ohne Wenn und Aber. Da Ihr dieses euch schriftlich bestätigt habt, solltet Ihr zu Eurer Einwilligung stehen. was andere Leute getan haben, kann nicht als Begründung herangezogen werden, die Ab­machung mit mir zu brechen. Wenn Ihr Euch an die Übereinkunft nicht zu halten gedenkt, dann wäre es nur fair, wenn Ihr das Tonband und alle Kopien sowie Ab­schriften davon vernichtet. Wenn ich kein Anrecht auf eine Kopie haben soll, habt Ihr es auch nicht, da ich der Aufzeichnung nur unter der Bedingung zugestimmt habe, daß ich eine Kopie bekomme.

Ich bin mit der Durchsicht meiner Unterlagen noch nicht fertig, doch ich nehme en, daß sich darunter noch Material befindet, das an Euch zurückgehen soll; ich werde dies tun, sobald es mir möglich ist.

Einer baldigen Antwort Eurerseits zu der Angelegenheit mit dem Tonband blicke ich entgegen. Ich erwarte, daß Ihr mir entweder das Tonband zuschicken oder mir mitteilt, daß das Tonband und alle Kopien oder Abschriften davon vernichtet wurden.

Ich danke Euch dafür, daß Ihr Euch um diese Angelegenheit kümmert. Möge Gott Euch beistehen, die erhabenen Grundsätze seines Worte und die gute Botschaft von seinem Königreich in Treue hochzuhalten,

Mit Euch im Dienst Jehovas verbunden

R.V. Franz“ [288]

Drei Wochen später schrieb mir die leitende Körperschaft:

„Raymond Franz
c/o P. V. Gregerson
Route 4, Box 444
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

wir haben Deinen Brief vom 19. Juli erhalten, der auf den Brief des Vorsitzenden-Komitees vom 10. Juli an Dich Bezug nahm.

Die leitende Körperschaft hat entschieden, Dir die Bänder vom 21. Mai vorerst nicht zu schicken, wie bereits im Brief vom 10. Juli gesagt. Wie wir Dir darin schrieben, kannst Du Dir die Bänder im Bethel anhören, wenn Du wissen willst, was auf ihnen enthalten ist.

Empfange unsere Grüsse

Mit Dir im Dienst Jehovas verbunden

das Vorsitzenden-Komitee“

Man war nicht auf einen einzigen der von mir angesprochenen Punkte eingegangen. Mich überkam dasselbe Gefühl der Unwirklichkeit, das ich schon früher empfunden hatte. Es war kaum zu glauben, daß Leute in so verantwortungsvoller Position so unverantwortlich handeln konnten. Aus dem Brief sprach die Einstellung, alle Rechte gehörten ihnen (der Organisa­tion), und man könne die Rechte des einzelnen einfach übergehen und pauschal als belanglos abtun, wenn das im Interesse der Sache lag. Also schrieb ich ein weiteres Mal: [289]

„28. August 1980
An das
Vorsitzenden-Komitee
Broocklyn, New York

Liebe Brüder,

ich bestätige den Eingang Eures Briefes von 8. August, den Ihr mir als Antwort auf meinen Brief vom 19. Juli wegen der Übersendung des Tonbandes geschrieben habt.

In Eurem Brief wiederholt Ihr lediglich in verkürzter Form, was Ihr mir schen am 10. Juli geschrieben habt, geht aber auf die Argumente in meinem Brief vom 19. Juli überhaupt nicht ein.

Fest steht, daß Ihr aber die Aufzeichnung der Sitzung vom 21. Mai nur deshalb verfügt, weil Ihr unsere Vereinbarung gebrochen habt. Eine Vereinbarung einseitig und willkürlich mit neuen Bedingungen zu verknüpfen, widerspricht eindeutig jedem Rechtsmaßstab. In Eurem Brief vom 26. Juni habt Ihr zugegeben, daß Ihr mit mir vereinbart hattet, mir eine Kopie des Bandes zu geben, und ihr habt zugesagt, diese Kopie anzufertigen und mir zuzusenden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Status bereits geändert, und doch habt Ihr das später als Begründung dafür genommen, Eure Zustimmung zurückzuziehen. Die Gründe, die Ihr in eurem Brief vom 10. Juli für die Nichteinhaltung Eurer Zusage anführt, reichen als Rechtfertigung für einen Vertragsbruch Eurerseits in keiner Weise aus.

Bitte bedenkt die Folgen einer solchen Handlungsweise und denkt an den Grundsatz, der in 3. Mose 19:15 und in Römer 1:31 aufgezeigt wird. Da es Euch offensichtlich Unbehagen bereitet, eine Kopie des Bandes herauszugeben, habe ich Euch den einzig ehrenhaften Ausweg angeboten, nämlich das Band sowie alle Kopien und Abschriften zu beseitigen. Wenn Ihr das Band behalten wollt, dann könnt Ihr das anständigerweise nur tun, wenn ihr auch die Vereinbarung, auf Grund derer Ihr in seinen B­esitz gekommen seid, einhaltet. Ich zweifle nicht daran, daß ihr im umgekehrten Fall, wenn ich das Band in Händen hielte und Ihr darum bitten würdet, die Euch zugesprochene Kopie ausgehändigt zu bekommen, genau denselben Standpunkt ver­treten würde, wie ich jetzt (Matthäus 7:12).

Bitte seht dies als Ausdruck meiner Sorge um Euer geistiges Wohl an wie auch das aller Brüder. Wenn ich jetzt vielleicht auch nur noch einen unbedeutenden Status habe, so wäre ich doch dankbar, wenn Ihr die Punkte, die ich in diesem Brief und in dem vom 19. Juli angesprochen habe berücksichtigt.

Euer Bruder
R. V. Franz“

11.3.5 Eingeständnis der leitenden Körperschaft, dass alles Beweismaterial vernichtet wurde

Fast einen Monat später kam dann folgender Brief:

„GT/A 24. September 1960
Raymund V. Franz
Route 4, Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz!

Wir haben Deinen Brief vom 26. August 1980 erhalten und uns mit der Angelegenheit befaßt.

Hiermit unterrichten wir Dich davon, daß die Aufzeichnungen der Zusammen­kunft, vom 21. Mai, auf die Du Bezug nimmst, inzwischen zerstört worden sind. Dies geschah in Anwesenheit von drei Mitgliedern der leitenden Körperschaft als Zeugen. Es gab von den Bändern weder Abschriften noch irgendwelche Kopien. Die Bänder wurden vollständig zerstört.

Damit haben wir die von Dir geäußerten Wünsche erfüllt.

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Komitee“

11.3.6 Gleiches Vorgehen wie in der Watergate-Affäre, wo Beweismaterial von höchster Autorität her vernichtet wurde, um jede Beteiligung an Unrecht zu leugnen. Ein Milliardenkonzern und dessen Abfindung für 40 Jahre treuer sklavischer Arbeit!

Wie aus dem vorgelegten Briefwechsel hervorgeht, bestanden meine „Wün­sche“ eigentlich darin, eine Kopie des Bandes zu erhalten, so wie es mir zugesagt worden war. Da sich die leitende Körperschaft davon eindeutig nicht trennen wollte (was einen etwas an die Watergate-Affäre erinnert), hatte ich einen anderen Weg vorgeschlagen, der schließlich auch beschrit­ten wurde. Immerhin war ich froh, daß die Sache geklärt war, und ich hoffte, in Zukunft nichts mehr mit der leitenden Körperschaft zu tun zu haben. Es sollte anders kommen.

Ein paar Wochen, nachdem ich wieder in Alabama war, schickte die Gesellschaft einen Scheck über 10 000 Dollar, als einen Beitrag, um mir zu helfen, „im Süden wieder Fuß zu fassen“. Ich hatte nicht darum gebeten, und so kam das Geld unerwartet und wurde dankbar angenommen. Ich nahm einen Kredit über weitere 5000 Dollar auf und kaufte einen Wohnwa­gen für uns. Peter Gregerson erlaubte uns, ihn auf seinem Grundstück aufzustellen. Ich war froh (und finanziell darauf angewiesen), auf seinem Grundstück harte körperliche Arbeit zu tun. Den ganzen Tag lang habe ich Rasen gemäht, Unkraut gejätet und Hecken geschnitten, wobei ich von Wespen und Hornissen gestochen, sowie unzählige Male von Feuerameisen [291]gebissen wurde. Ich habe kräftig geschwitzt dabei, besonders als es einmal 30 Tage hintereinander regelmäßig über 40 Grad waren. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals im Leben solchen Muskelkater gehabt zu haben wie in diesen Monaten. Doch ich war froh darüber, weil es mir half, über den seelischen Schmerz besser hinwegzukommen.

11.4 Das Ende des Albtraums: „Die Wahrheit wird euch frei machen“
11.4.1 Tägliches Bibellesen stärkt den bedrückten Geist und rückt unser direktes Verhältnis zu Gott ins Zentrum!

Was meiner Frau und mir aber am meisten half, das war unser tägliches Bibellesen. Wir lasen jeden Morgen vier Psalmen, bis wir mit allen durch waren. Wir hatten sie früher schon oft gelesen, aber jetzt erschienen sie uns beinahe wie neu. Sie hatten nun für uns einen ganz anderen Gehalt. Denn wenn es einen Teil der Bibel gibt, der das sehr persönliche Verhältnis zeigt, das zwischen Gott und seinen Dienern bestehen kann und soll, dann sind das gerade die Psalmen, und zwar in herausragender Weise. Was ihre Verfasser so vielfältig zum Ausdruck bringen, ihr innerer Aufruhr, ihre Seufzer, das Gefühl der Verlassenheit und Verzweiflung, ihr wiederholtes Eingeständnis, daß ihre Hoffnung letztlich und einzig nicht auf Menschen, sondern nur auf Jehova Gott als ihrem Fels und höchsten Zufluchtsort ruht – all das hat uns sehr berührt.

Ich hatte die Weltzentrale verlassen, weil ich keine Verwicklungen herauf­beschwören wollte. Daran lag mir nichts. Die Probleme kamen aber hinter uns her.

11.4.2 Vorschlag der Versammlung Gadsden zum Ältestenamt wird von der Gesellschaft abgelehnt. Die Gesellschaft beansprucht für sich Göttlichkeit.

Ein paar Monate fühlten wir uns in der Gemeinschaft der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas sehr wohl, nahmen an den Zusammen­künften und am öffentlichen Predigtwerk teil. Einige Monate nach meinem Zuzug schlug die Ältestenschaft mich der Gesellschaft zur Ernennung als Ältester vor. Sie erhielt kurz und bündig zur Antwort, dieGesellschaft sehe es nicht als ratsam an, mich für dieses Amt vorzuschlagen, auch nicht als Dienstamtgehilfe. Als einziger Grund wurde angegeben, daß die Nachricht über meinen Rücktritt (die in derselben englischen Ausgabe von Unser Königreichsdienst wie die Mitteilung über den Ausschluß mehrerer Bethel­mitarbeiter erschienen war) noch zu frisch sei. Der Geist, der aus dem Brief sprach, hat den vorsitzführenden Aufseher der Versammlung ganz schön betroffen gemacht, doch ich riet ihm, die ganze Sache einfach auf sich beruhen zu lassen.

Nach diesem Brief und nach den Informationen, die die Ältesten aufgrund des Rundbriefs der Gesellschaft vom 1. September 1980 erhielten (in dem stand, daß als Grund für einen Gemeinschaftsentzug schon das bloße Glauben von Dingen genüge, die nicht mit den veröffentlichten Lehren der Gesellschaft übereinstimmten) veränderte sich das Klima allmählich. Im Wachtturm erschienen nun Artikel, die eindeutig dazu bestimmt waren, die Debatte über den angeblichen Abfall vom Glauben zu intensivieren, statt Ruhe einkehren zu lassen. Von da bis zum Zeitpunkt des Niederschreibens dieses Berichts ist offensichtlich eine gezielte Kampagne veranstaltet wor­den, um in Wort und Schrift die scharfen Maßnahmen gegen die Brüder in Brooklyn zu rechtfertigen, die im Eilverfahren ausgeschlossen worden waren. Immer dogmatischer beanspruchte man göttliche Autorität und [292] forderte bedingungslose Gefolgschaftstreue. In jeder Ausgabe des Wacht­turms standen Artikel, die gezielt die strittigen Lehrpunkte behandelten und hartnäckig deren Richtigkeit behaupteten. Die Folge war eine allge­meine Verhärtung der Positionen statt einer Mäßigung. Dabei wurden im Verdrehen fremder Ansichten neue Rekorde aufgestellt.

11.4.3 Eine Athmosphäre der Angst wird geschürt, alle fürchten sich davor, als Abtrünnige zu gelten

Eine Atmosphäre voller Angst und Argwohn entstand. Älteste, die sonst eigentlich mäßigend auf andere eingewirkt hätten, scheuten sich, das zu tun, damit es ihnen nicht als Zeichen von Untreue ausgelegt würde. Jetzt gewannen diejenigen die Oberhand, die eher für hartes Durchgreifen waren, und sie nutzten die Gunst der Stunde. Es war wie zu Zeiten des US-Senators McCarthy in den frühen 50er Jahren, als jeder, der für Bürgerrechte und Freiheit eintrat und sich gegen die rücksichtslose Unterdrückung unliebsa­mer Anschauungen aussprach, der sehr realen Gefahr aussetzte, als Sympa­thisant der Kommunisten oder Mitläufer radikaler Gruppen eingestuft zu werden.

Unter diesen Umständen wurde die Teilnahme an den Zusammenkünften immer bedrückender für mich, denn ich mußte erleben, wie Gottes Wort mißbraucht wurde, indem ihm Aussagen unterschoben wurden, die darin nicht enthalten waren. Außerdem mußte man sich eine endlose Selbstbe­weihräucherung und Selbstrechtfertigung der Organisation anhören. Man sehnte sich nach der Redefreiheit in den Synagogen des 1. Jahrhunderts, als Menschen wie den Aposteln die Gelegenheit eingeräumt wurde, für die Wahrheit zu sprechen (obwohl das letztlich dazu führte, daß die Einstellun­gen sich verhärteten und die Tore der Synagogen ihnen ganz verschlossen blieben). Ich fühlte mich aber, wie ich es auch Peter Gregerson gegenüber formuliert habe, nur als Gast im Königreichssaal. Es war ihr Saal, ihre Zusammenkunft, ihr Programm, und mir lag es fern, ihre Aktivitäten durch Äußerungen von meiner Seite zu beeinträchtigen. So beschränkte ich meine Beiträge auf das Vorlesen wichtiger Schriftstellen. wobei ich einfach die Teile betonte, die jeweils etwas zum Thema sagten. Fast immer kam dann jemand aus der Versammlung zu mir, oft einer von den Älteren, und äußerte Wertschätzung dafür.

Als sich aber die Kreuzzugsstimmung weiter verstärkte, bekam ich immer mehr den Eindruck, daß es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis weitere Maßnahmen gegen mich ergriffen werden würden. Und so geschah es auch.

11.5 Das Verbrechen und die Strafe *
11.5.1 Kreuzzug gegen jeden, der als Abtrünniger gilt und jeden, der mit einem solchen irgenwelchen Verkehr pflegt

„Deshalb murrten sowohl die Pharisäer als auch die Schriftge­lehrten fortwährend und sprachen: „Dieser Mann heißt Sünder willkommen und ißt mit ihnen“ (Lukas 15:2).

Einmal Essengehen genügte. Und das kam so:

Rund sechs Monate nach meiner Rückkehr nach Alabama schickte die Gesellschaft einen neuen Kreisaufseher in das Gebiet. Vorher hatte ein [293] Mann diesen Posten innegehabt, der eher gemäßigt war und Probleme nicht so schnell aufbauschte. Stattdessen kam jetzt jemand, dem der Ruf größerer Aggressivität anhaftete. Etwa zur selben Zeit war Jas Rundschreiben der Gesellschaft an die Kreis- und Bezirksaufseher versandt worden, in dem davon die Rede war, daß jemand schon dann vom Glauben abgefallen sei, wenn er im Stillen etwas glaube, was nicht mit den Lehren der Organisation übereinstimme.

Bei seinem zweiten Besuch in der Versammlung Gadsden-Ost (im März 1981) vereinbarte der neue Kreisaufseher, der Wesley Benner hieß, ein Treffen mit Peter Gregerson und besuchte ihn zusammen mit Jim Pitchford, einem Ältesten aus der Versammlung. Als Grund gab Benner gegenüber Gregerson an, in der Stadt und im Kreis gebe es „viel Gerede“ über ihn. Gregerson bedauerte dies außerordentlich und fragte, woher die Informa­tion über das Gerede denn stamme. Erst wollte Benner nicht mit der Sprache herausrücken, doch als Gregerson darauf hingewiesen hatte, daß er dies wissen müsse, um Abhilfe schaffen zu können, sagte Benner, ein angeheira­teter Verwandter Gregersons sei die Quelle.

Gregerson stellte klar, daß er mit seinen Äußerungen äußerst zurückhal­tend gewesen sei und Gespräche über biblische Themen mit Leuten aus der Gegend ganz auf seine engsten Verwandten beschränkt habe. Er bereite ihm Sorge, daß nun Personen außerhalb dieses engen Familienkreises „viel Gerede“ verursachten, wie der Kreisaufseher gesagt hatte. Er fragte, wie das wohl kommen könne. Wesley Benncr wußte keine Erklärung.

11.5.2 Peter Gregerson, ehemaliger Ältester hatte irgend einer Lehre der Gesellschaft widersprochen. Tribunal vor dem Kreisaufseher.

Und worum ging es eigentlich bei dem Gerede? Benner erwähnte einen Punkt aus einem Wachtturm-Artikel, dem Gregerson widersprochen haben soll. Als wichtige Lehre konnte man ihn auf keinen Fall bezeichnen; es ging eigentlich mehr um eine reine Formsache.[4] Doch da Gregerson der Organi­sation widersprochen hatte, wurde sie wichtig. Der Kreisaufseher mußte nach einem langen Gespräch einräumen, daß es in diesem Punkt tatsächlich einen Fehler gegeben haben konnte. (Tatsache ist, daß er in allen fremdspra­chigen Ausgaben desWatchtower weggelassen wurde, doch die Leser der englischen Ausgabe wurden darüber nicht informiert.)

Gregerson sagte hinterher: „Mir ging es darum, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Ich habe getan, was ich tun konnte, damit das Gespräch ruhig und sachlich blieb.“ Als der Kreisaufseher und der ihn begleitende Älteste gingen, hatte Gregerson das Gefühl, die Sache sei in Freundschaft bereinigt worden, und er war froh darüber. Doch dem war nicht so.

11.5.3 Wachtturm-Artikel die ein Klima schaffen wie zur Zeit der Hexenverfolgung

Eine Woche später ließ der Kreisaufseher ihm ausrichten, er wolle sich [294] ein zweites Mal mit ihm treffen, um die Angelegenheit weiterzuverfolgen. Wie Gregerson mir sagte, glaubte er, die Zeit sei nun reif für eine Entschei­dung. Das Vorgehen der leitenden Körperschaft und ihrer Dienstabteilung hatte, insbesondere durch den Rundbrief vom 1. September 1980 und eine Serie von Wachtturm-Artikeln, ein geistiges Klima erzeugt, das an die Zeiten der Hexenverfolgung erinnerte. Er wäre naiv, meinte er, wenn er nicht sähe, daß man allem Augenschein nach darauf aus war, ihm die Gemeinschaft zu entziehen. Seiner Meinung nach spielte dabei mindestens zum Teil eine Rolle, daß er mit mir befreundet sei. Er sah für sich zwei Möglichkeiten: Entweder zog er sich selbst aus der Versammlung zurück, oder er ließ den Bestrebungen, ihn auszuschließen, freien Lauf, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Wünschenswert erschien ihm keine der beiden Mög­lichkeiten, doch vor die Wahl gestellt, glaubte er, die erste wählen zu müssen und sich freiwillig zurückzuziehen.

Ich entgegnete, so weit sei die Sache sicher noch nicht, doch er sagte, er habe alles sorgfältig erwogen- auch im Gebet -, und er habe das Gefühl, dies sei die vernünftigste Lösung. Die Familie machte ihm am meisten Sorgen. Von seinen sieben Kindern waren drei verheiratet, einige hatten selber Kinder, außerdem wohnten drei Brüder und zwei Schwestern von ihm mit vielen Nichten und Neffen in der Nähe. Sie alle waren Zeugen Jehovas.[5] Wenn er zuließ, daß es zum Gemeinschaftsentzug kam, so wären sie in einer sehr prekären Lage. Sie stünden vor der schweren Entscheidung, ob sie mit ihm, ihrem Vater, Großvater, Bruder und Onkel, weiter in Verbindung bleiben oder der Organisation gehorchen und jeden Kontakt mit ihm abbrechen sollten. Und dann beschäftigte er noch ungefähr 35 Zeugen in seinen Supermärkten. Ein freiwilliges Zurückziehen wäre für ihn günstiger, denn gemäß seinem Verständnis war er dann einfach kein Mitglied der Versamm­lung mehr, doch die drastische Beendigung aller Kontakte – wie beim Gemeinschaftsentzug verlangt – würde nicht nötig.[6]

11.5.4 Folge der Anfeindungen gegen Peter Gregersons: Seine Rücktrittserklärung von der Versammlung

Am 18. März 1981 reichte Gregerson seine Rücktrittserklärung ein, die [295] dann in der Versammlung vorgelesen wurde. Es fielen zwar die zu erwarten­den Bemerkungen, denn er war von Kindheit an ein Zeuge Jehovas gewesen und hatte der Versammlung jahrelang vorgestanden, doch insgesamt schien der Brief eine klärende Wirkung auszuüben, weil Gregerson darin friedlich seine Gründe darlegte und keine feindseligen Töne anschlug. Traf er von da an einen Zeugen Jehovas in Gadsden, so wurde er, von seltenen Ausnahmen abgesehen, mindestens freundlich behandelt. Und so wäre es wohl auch geblieben, wenn jeder sich von seinem eigenen Empfinden für Recht und Unrecht hätte leiten lassen. Die große Krise schien abgewendet.

Kein halbes Jahr später standen im Watchtower Artikel, die die Sachlage grundlegend veränderten. Es gab Kommentare wie: „Das ist haargenau auf dich und Peter Gregerson zugeschnitten, nur eure Namen haben sie ausgelassen.“ Ich glaube, die Situation in Gadsden gab nicht allein den Ausschlag, doch zumindest einen gewissen Einflug auf die Verfasser hat sie wohl gehabt. Und was brachten die Artikel Neues?

11.6 Der Fall Raymond Franz als Grundlage der Neudefinition durch die leitende Körperschaft des Umgangs mit jenen, welche ausgeschlossen sind und die die Versammlung freiwillig verlassen?
11.6.1 Der Umgang mit Ausgeschlossenen wird neu definiert: Auch jene die die Gemeinschaft freiwillig verlassen sind nun gemeinen Verbrechern gleichgestellt!

Im Jahr 1974 hatte ich von der leitenden Körperschaft den Auftrag erhalten, mehrere Artikel über den Umgang mit Ausgeschlossenen zu schreiben. (Das hatte sich damals wegen einer kurz zuvor gefällten Entscheidung des Gremiums als notwendig gezeigt.)[7] Durch diese – von der leitenden Körper­schaft genehmigten – Artikel wurde die bis dahin geübte Praxis stark abgemildert. Die Zeugen wurden aufgefordert, im Umgang mit Ausge­schlossenen barmherziger zu sein; besonders entschärft wurden die stren­gen Anweisungen für das Verhalten gegenüber ausgeschlossenen Familien­angehörigen.

Durch den Watchtower vom 15. September 1981 (Wachtturm vom 15. Dezember 1981) wurde das alles nicht nur rückgängig gemacht, sondern zum Teil trat sogar noch eine Verschärfung gegenüber der Situation vor 1974 ein. (Das war ein Beispiel für ein „Kreuzen“, das noch hinter die Ausgangsposition zurückführte.)[8]

Drastisch änderte sich die Lage für diejenigen, die von sich aus die Versammlung verlassen hatten (wie es Peter Gregerson einige Monate zuvor getan hatte). Zum ersten Mal wurde öffentlich die Anweisung ausgegeben, jeden, der dies tat, wie einen Ausgeschlossenen zu behandeln.[9] [296]

Als ich die Artikel las, hatte ich, angesichts meiner Erfahrungen mit der leitenden Körperschaft, besonders den letzten mit dem Vorsitzenden­ Komitee, kaum noch einen Zweifel mehr, wohin das alles führen würde. Lange brauchte ich auch nicht zu warten.

Der nun folgende Teil wird so ausführlich wiedergegeben, nicht weil es um meinen eigenen Fall geht oder weil es so ungewöhnlich ist, sondern weil es so typisch für die Methoden der Ältesten der Zeugen Jehovas in zahllosen solcher Fälle ist. Man sieht daran, welches Denken und welche Geisteshal­tung ihnen von ihrer zentralen Leitung eingeflößt wurde.

11.6.2 Die Geisteshaltung von Ältesten wird von Seiten der leitenden Körperschaft vergiftet: Anonymität der Denunzianten wird geschützt, damit das Recht auf Verteidigung arg beschnitten

Der Watchtower vom 15. September 1981 traf mehr als zwei Wochen vor dem Erscheinungsdatum ein. Schon wenige Tage später erhielt ich Besuch von einem der Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas, Es war Dan Gregerson, der jüngste Bruder Peter Gregersons. Er fragte an, ob er sich gemeinsam mit einigen anderen Ältesten mit mir zu einem Gespräch zusammensetzen könne. Mir sei das recht, antwortete ich und fragte, worüber sie reden wollten. Er zögerte etwas und sagte dann nur, sie wollten mit mir sprechen, weil ich abfällige Äußerungen über die Organisation gemacht hätte. Als ich mich erkundigte, wer so etwas behaupte, meinte er, die Person wolle lieber anonym bleiben. (Solche anonymen Anschuldigun­gen sind gang und gäbe, und vom Beschuldigten wird erwartet, daß er das als normal und rechtens hinnimmt.)

Ich fragte ihn, ob er nicht der Meinung sei, daß hier der Rat Jesu Christi aus Matthaus. Kapitel 18, Verse 15 bis 17, anzuwenden sei (wo gesagt wird, daß jemand, der eine Beschwerde gegen einen Bruder hat, zuerst selbst zu dem Bruder gehen und das Problem mit ihm besprechen solle). Dan Gregerson gab mir recht. Ich schlug ihm vor, er als Ältester solle zu der Person gehen und ihr empfehlen, zu mir zu kommen und über die Sache zu reden, um so den Rat Jesu anzuwenden. Darauf antwortete er, die betreffende Person fühle sich hierfür nicht „geeignet“. Ich wies ihn darauf hin, daß es doch darum gar nicht gehe und daß ich keinerlei Interesse daran hätte, mit irgend jemand große Dispute zu führen, sondern ich wäre vielmehr dankbar davon zu erfahren, wenn ich jemanden beunruhigt habe, so daß ich mich bei ihm persönlich entschuldigen und die Angelegenheit bereinigen könne[10], Er erwiderte, ich müsse sehen, die Ältesten hätten auch die „Verantwortung, die Herde zu schützen und über die Interessen der Schafe zu wachen“. Dem stimmte ich voll und ganz zu und sagte, er sei sich bestimmt darüber klar, daß damit für die Ältesten die Aufgabe verbunden sei, jeden aus der Herde zu ermuntern, sich eng an das Wort Gottes zu halten und es im Leben anzuwenden. In dem vorliegenden Fall könnten sie der Person helfen einzusehen, daß sie Jesu Rat anwenden und zu mir gehen und mit mir reden müsse; dann könnte ich wissen, was sie verletzt habe, und mich gebührend entschuldigen.

11.6.3 Anschuldigung, mit einem der die Versammlung verlassen hat gegessen zu haben

Er sagte, er wolle dieses Thema fallenlassen. dafür wollten sie mit mir über [297] meinen „Umgang“ sprechen. Das könnten sie gern tun, erwiderte ich, und wir vereinbarten einen Termin zwei Tage später, zu dem er einen weiteren Ältesten mitbringen wollte. Dan Gregerson kam dann mit Theotis French zu mir und las als erstes die Bibelstelle aus 2. Korinther, Kapitel 13, Verse 7 bis 9, vor. Er informierte mich dann, sie seien gekommen, um mein Denken gemäß dem Watchtower vom 15. September 1981 „zurechtzubringen“, insbesondere was meinen Umgang mit seinem Bruder, Peter Gregerson, betraf, der inzwischen die Gemeinschaft verlassen hatte. Dan Gregerson hatte sich in einem Restaurant aufgehalten, als ich dort im August mit Peter Gregerson einmal essen war (unsere beiden Frauen waren ebenfalls mit dabei gewesen).

Ich fragte sie, ob ihnen bewußt sei, daß sie sieh gerade auf Peter Gregersons Grund und Boden aufhielten und daß er mein Hauswirt und obendrein mein Arbeitgeber war. Das wußten sie.

Wie in allen Dingen, so erklärte ich dann, ließe ich mich auch in Fragen des Umgangs von meinem Gewissen leiten und erläuterte den Rat des Apostels Paulus über die Bedeutung des Gewissens in Römer, Kapitell4. Ich sei gern bereit, alles zu tun, was die Bibel verlange, doch ich könne für die neue Lehrmeinung über solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, keine Stütze finden. Ich fragte die beiden, wo das in der Bibel stehe.

Was jetzt kam, war leicht vorherzusagen: Als Beweis zitierte Dan Gregerson 1. Korinther, Kapitel 5. Ich zeigte ihm, daß der Apostel dort davon sprach, man solle keinen Umgang haben mit solchen, die Bruder genannt würden, aber Hurer, Götzendiener, Schmäher, Trunkenbolde und Erpresser seien. Mit solchen hatte ich keinen Umgang. Sicher wollten sie doch Peter Gregerson nicht dazu zählen? Darauf sagte keiner etwas.

Als nächstes las er 1. Johannes, Kapitel 2, Vers 19, vor: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie sind nicht von unserer Art gewesen; denn wenn sie von unserer Art gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.“ Auf die Frage, von wem in dem Text die Rede sei, gaben sie zu, daß Johannes von „Antichristen“ sprach. Genau dasselbe sei der Fall mit dem Text aus 2. Johannes, Verse 7 bis 11, fügte ich hinzu, wo der Umgang mit solchen Menschen behandelt wird. Ich versicherte ihnen, ich wolle auf keinen Fall etwas mit einem Antichristen zu tun haben, einem, der gegen Gott und Christus rebelliert hat. Unter meinen Bekannten befände sich aber auch niemand von dieser Sorte. Sie wollten doch bestimmt nicht sagen, Peter Gregerson sei ein Antichrist? Wieder keine Reaktion.[11]

11.6.4 Vollständige Unterordnung unter alles was der Wachtturm sagt gefordert und „Demütig die Leitung Gottes annehmen“: Ist dies wirklich identisch?

Damit war das biblische „Zurechtbringen“ durch diese beiden Hirten der Herde auch schon beendet. Danach bezogen sie sich nur noch auf den Watchtower. Sie wollten wissen, ob ich akzeptiere, was dort stand und ob ich mich der Leitung der Organisation unterstelle. Ich antwortete, es komme letztlich darauf an, was Gottes Wort zu einem Thema sage; manche [298]Lehren seien eindeutig fest in Gottes Wort verankert, andere dagegen könnten sich ändern.

Um das zu veranschaulichen, fragte ich Dan Gregerson, ob er sich vorstellen könne, daß die Organisation irgendwann einmal ihre Deutung der Worte Jesu über „diese Generation“ in Matthäus, Kapitel 24, ändern könne. (Daß innerhalb der leitenden Körperschaft von Schroeder, Klein und Suiter tatsächlich bereits eine Änderung vorgeschlagen worden war, derzufolge der Beginn „dieser Generation“ von 1914 auf 1957 verschoben werden sollte, ließ ich unerwähnt.) Seine Antwort: „Wenn die Organisation es einmal für richtig hält, das zu ändern, werde ich es akzeptieren.“ Das war zwar keine direkte Antwort, zeigte aber, daß er eine Änderung für möglich hielt. Als nächstes fragte ich ihn, ob er es für denkbar hielt, daß die Organisation eines Tages bei der Lehre vom Loskaufsopfer Jesu Christi für die Menschheit eine Änderung vornehmen könnte. Er guckte mich nur wortlos an. Ich sagte, ich sei sicher, daß er nicht damit rechne, denn diese Lehre habe eine stabile biblische Grundlage. Bei der anderen Lehre handle es sich um unser „gegenwärtiges Verständnis“, das sich ändern könne und ganz bestimmt nicht mit der Lösegeldlehre auf derselben Stufe stehe. Und genauso sähe ich den Stoff im Watchtower vom 15. September 1981 an, einschließlich der Anweisung, mit denen, die die Gemeinschaft verlassen hatten, keinen Umgang zu pflegen.

Nun sprach Gregerson davon, man müsse „demütig die Leitung Gottes annehmen“. Dem konnte ich mich von ganzem Herzen anschließen und fügte hinzu, sie seien bestimmt auch der Meinung, daß diejenigen, die Demut predigten, sie auch selbst als erste gegenüber anderen anwenden sollten.

Dann brachte ich als Veranschaulichung das Beispiel einer Gruppe von Leuten, die in einem Zimmer zusammensitzen und sich unterhalten. Einer sagt mit aller Entschiedenheit, wie er über verschiedene Dinge denkt. Als er fertig ist, meldet sich ein anderer und sagt, in vielem stimme er voll und ganz mit ihm überein. einiges könne er aber nicht so sehen, und zwar aus diesen und jenen Gründen. Darauf wird der erste Redner wütend und ruft die anderen Anwesenden dazu auf, den zweiten hinauszuwerfen, da er hier nicht her gehöre und man mit ihm nichts zu tun haben dürfe, denn er stimme mit ihm nicht in allen Punkten überein. „Wer muß hier wohl Demut lernen?“, fragte ich. Sie gaben keine Antwort. Die Unterredung war kurz danach beendet und sie gingen.

Am Abend kam Peter Gregerson zu mir herüber, um zu hören, wie es ausgegangen war. Ihm ging es sehr nahe, wie man jetzt gegen mich vorging, und er wußte, wohin es führen konnte. Er meinte, wenn ich es für besser hielte, keinen weiteren Kontakt mehr mit ihm zu haben, würde er das verstehen.

11.7 Erst in der Not zeigen sich wahre Gefährten! Unbeugsamer Druck, um jeder Veränderung bisheriger falscher und lügenhafter Lehren auszuweichen
11.7.1 Peter Gregerson zeigte sich früh bereit Unannehmlichkeiten durch die Organisation in Kauf zu nehmen, die im Gefolge der Ungnade gegenüber Ray Franz zu erwarten waren: Ein wahrer Gefährte liebt allezeit! (Spr 17:17)

Da erinnerte ich ihn an ein Gespräch, das wir eineinhalb Jahre vorher an einem Abend im Mai 1980 geführt hatten, kurz vor meiner Abreise nach Brooklyn zur letzten Sitzung mit der leitenden Körperschaft. Wir waren [299] allein in seinem Wagen gewesen und ich hatte ihm erzählt, daß ich mit Cynthia, meiner Frau, gesprochen und daß wir beschlossen hätten, nach dieser Sitzung lieber nicht nach Alabama zurückzukehren, sondern eher zu Verwandten von Cynthia zu gehen. Ich sagte, ich wüßte nicht, wie die Verhandlung ausgehen würde; man müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Deswegen wolle ich ihm und seiner Frau keine Ungelegenheiten bereiten.[12] Unserer Ansicht nach würde man der Familie meiner Frau weniger Schwie­rigkeiten machen. Darauf antwortete er, daß ihnen sehr an unserer Rück­kehr gelegen sei, ja daß sie fest damit rechneten. Ich sprach ihm meinen Dank dafür aus, erinnerte aber an seine große Familie – Frau, Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Enkel, und dazu alle Angeheirateten, allesamt Zeugen Jehovas – und daran, daß meine Rückkehr viele Probleme und viel Unerfreuliches für sie von seiten der Organisation bedeuten könne.

Seine Reaktion darauf war: „Das ist mir schon klar, und glaube nicht, ich hätte nicht schon viel darüber nachgedacht. Doch wir haben das in der Familie besprochen und wir sind darüber schon hinaus. Für uns ist der Fall klar: Wir wollen, daß ihr wiederkommt, ganz gleich, wie es ausgeht.“ Wieviel diese Worte mir damals bedeuteten, läßt sich schwer beschreiben. Ich sagte ihm, ich sähe keinen Grund, jetzt, wo die umgekehrte Situation vorliege, anders zu handeln als er damals. Ich konnte doch nicht etwas unterstützen, wodurch ein Mensch als Sünder abgestempelt wurde, der lediglich gemäß seinem Gewissen gehandelt hatte, dem es um die Wahrheit ging und der sich für die Interessen anderer einsetzte.

11.7.2 Der Kreisaufseher Benner wird zur Galionsfigur bei der Hexenjagt: Wer ist ein „böser Mensch“? Wo das GESETZ abgelehnt wird folgt Menschengebot!

Nach dem Gespräch mit den beiden Ältesten, die mich hatten „zurechtbrin­gen“ wollen, hörte ich nichts mehr, bis einige Wochen später Kreisaufseher Benner eintraf. Er vereinbarte, mit Dan Gregerson zu mir zu kommen. Außerdem kam – auf eigenen Wunsch – Tom Gregerson mit, ein weiterer Bruder Peter Gregersons, der Zweitälteste der vier.

Das Gespräch lief wieder ganz nach dem vorhersehbaren Schema ab, außer daß der Kreisaufseher die Angewohnheit hatte, mich ständig zu unterbre­chen, bis ich ihn schließlich bitten mußte, als Gast in meiner Wohnung solle er mich doch wenigstens erst ausreden lassen, bevor er seine Kommen­tare abgebe.[13] Wieder stützte sich das „Zurechtbringen“ auf denWatchto­wer und nicht auf die Bibel. Und als ich fragte, ob sie meinten, Peter Gregerson gehöre zu den „bösen Menschen“, von denen in 1. Korinther, Kapitel 5, die Rede sei, oder er sei ein „Antichrist“, so wie der Apostel Johannes ihn beschreibt, wollte sich wieder keiner äußern.

Ich verwies auf Römer, Kapitel 14, wo der Apostel betonte, wie wichtig es für jeden sei, treu nach seinem Gewissen zu handeln. Jeder, der etwas tut [300] und dabei glaubt, es sei vielleicht nicht gemäß Gottes Willen, begeht eine Sünde, denn „alles, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde“. Mein Gewissen erlaube es mir nicht, Peter Gregerson als „bösen Menschen“ anzusehen oder zu behandeln, wenn doch alle meine Erfahrung mit ihm das Gegenteil belege. Das hätte den Grundsatz der Bibel verletzt, der sagt: „Wer den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für böse erklärt – ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“[14]

11.7.3 Wessen Gewissen steht im Vordergrund? Das biblisch geschulte oder das durch den Wachtturm? Die organisationstreue interne Justiz arbeitet kalt, berechnend, ebenso wie die in der Welt

Benner sagte dazu, die Ältesten müßten sich genauso von ihrem Gewissen leiten lassen wie ich von meinem. Und wenn das meine Einstellung sei, dann müßten sie eben „die Konsequenzen ziehen und handeln“. (Anschei­nend ließ das Gewissen der Ältesten es nicht zu, das Gewissen eines anderen zu respektieren und Toleranz zu üben.) Welches Handeln er meinte, wurde im Anschluß daran klar. Er sagte, er betrachte sich nur als Überbringer dessen, was die Organisation ihm auftrage. Wörtlich: ,,Ich wiederhole (engl. „parrot“ = nachplappern) lediglich das, was die leitende Körperschaft mir aufgetragen hat.“ Er sagte das mit offensichtlichem Stolz; aus welchem Grund, weiß ich nicht.

Das Gespräch war bald vorbei und sie gingen wieder. Tom Gregerson schüttelte ungläubig den Kopf und meinte, das sei eine sehr aufschlußrei­che, doch deprimierende Erfahrung gewesen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, daß Menschen so reden könnten.

Vom 1. November an lief in Gadsden alles genauso ab wie schon zuvor in Brooklyn: Der Apparat der organisationsinternen Justiz setzte sich in Bewegung. Ständig riefen die Ältesten an, um zu allem möglichen eine Auskunft zu erhalten. Man teilte mir mit, daß ich vor ein Rechtskomitee kommen würde.

11.8 Nur die Definition der Bibel, wer als „böser Mensch“ und wer als „Abtrünniger“ gilt ist verbindlich! Klageerhebung gegen R.Franz aufgrund von Menschengebot.
11.8.1 Rücktritt aus den gesetzlichen Körperschaften (Incorporated = den Aktiengesellschaften) und Anfrage an die leitende Körperschaft, was wirklich mit Umgang mit „bösen Menschen“ gemeint sei

Ich hatte sowieso vorgehabt, an die leitende Körperschaft zu schreiben, um meinen Rücktritt aus den gesetzlichen Körperschaften zu erklären. (Sowohl in der pennsylvanischen wie auch der New Yorker Vereinigung war ich seit einigen Jahren Mitglied gewesen.)[15] Und so schrieb ich im Zusammenhang damit an die leitende Körperschaft am 5. November auch folgendes:

„Einige Älteste hier am Ort haben die Information im Watchtower vom 15. 5eptember 1981 als Aufforderung verstanden, von mir zu verlangen, ich solle meine Beziehung zu Peter Gregerson, dem Mann, auf dessen Grund und Boden ich wohne und für den ich arbeite, ändern. Sie sagen, da er von sich aus die Gemeinschaft verlassen habe, solle ich ihn zu denen rechnen, mit denen man nicht essen solle – böse Menschen und Antichristen -, andernfalls müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Da ich jetzt bald sechzig bin und über keine Geldmittel verfüge, ist [301] es mir unmöglich, umzuziehen oder eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich wäre deshalb sehr dankbar zu erfahren, ob Ihr mit den Äußerungen in dieser Nummer der Zeitschrift wirklich das meint, was da steht, daß es nämlich ein Grund für den Gemeinschaftsentzug ist, wenn man eine Einladung seines Wohnungs- und Arbeitgebers zum Essen annimmt. Sollten sie aber über das hinausgegangen sein, was mit der Veröffent­lichung beabsichtigt war, so wäre ein Rat zur Mäßigung an sie eine sehr große Erleichterung für mich, da die Situation möglicherweise für mich sehr belastend wird. Ich bin für jede Klarstellung Eurerseits dankbar, ganz gleich, auf welchem Wege Ihr sie mir zukommen laßt.“

Am selben Tag kam ein Anruf von den Ältesten. Da sie dies in der letzten Zeit so häufig getan und sich dabei so wenig brüderlich gezeigt hatten, zuckten meine Frau und ich jedesmal zusammen, wenn das Telefon klingelte. Daher sagte ich ihr, falls wieder ein Anruf käme und ich wäre nicht da, sollte sie ihnen mitteilen, daß sie alles schriftlich machen sollten. Das sagte sie ihnen auch. Am nächsten Tag schrieb das offiziell eingesetzte Rechtskomitee einen Brief, der am 10. November 1981 bei uns eintraf. Viele Zeugen Jehovas wollen nicht glauben, daß ich wirklich deshalb ausgeschlossen wurde, weil ich mit Peter Gregerson einmal essen ging. Manche behaupten hartnäckig, das könne einfach nicht der Fall gewesen sein. Ich glaube, die Wiedergabe des sich nun entwickelnden Briefwechsels wird hier für Klärung sorgen. Der erste Brief, verfaßt vom Rechtskomitee, trug das Datum 6. November 1981.

11.8.2 Einziger Anklagepunkt des „Rechtsverfahrens“: Das Essen mit einer Person die die Gemeinschaft freiwillig verliess

Aus diesem Brief geht deutlich hervor, daß nur ein einziger Anklagepunkt die Grundlage des „Rechtsverfahrens“ war, und zwar, daß ich Umgang mit jemand hätte, der die Versammlung verlassen hat. [302]

„2822 Fields Avenue
East Gadsden, AL 35903
6. November 1981

Raymond V. Franz
Route 4,
Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

wie Du uns durch Deine Frau am Donnerstag aufgefordert hast, laden wir Dich hiermit zur Sitzung des Rechtskomitees am Samstag, 14. November, um 14 Uhr im Königreichssaal der Versammlung Gadsden-Ost. Zweck der Sitzung ist es, mit Dir über Deinen weiter bestehenden Umgang mit einer Person zu sprechen, die die Gemeinschaft der Versammlung verlassen hat.

Wenn Du zu der angegebenen Zeit nicht erscheinen kannst, so nimm bitte mit einem von uns Verbindung auf, damit ein anderer Termin vereinbart werden kann.

Deine Brüder“

In meiner Antwort schrieb ich den Ältesten, ich hätte mich an die leitende Körperschaft gewandt mit der Bitte, die Darstellung im Watchtower vom 15. September 1981 genauer zu erklären; ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, daß sie darauf keine Rücksicht genommen hätten; anscheinend wollten sie mir nicht genügend Zeit geben, eine Antwort zu erhalten. Außerdem wies ich darauf hin, daß es wohl nicht angebracht sei, Dan Gregerson in das Komitee aufzunehmen, nachdem er bereits als mein Ankläger aufgetreten sei. Ich äußerte die Hoffnung, man werde das Komitee erweitern, um eine faire und unparteiische Beratung dieser neuen Richtlinie der Organisation und ihrer Umsetzung zu ermöglichen.[16]

11.8.3 Überstürztes Rechtsverfahren, wo die leitende Körperschaft die Fäden zog. Machtmißbrauch zum vorsätzlichen Mord?

Ich schickte den Brief ab, und als ich eine Woche später, am Freitag, 20. November, von der Arbeit nach Hause kam, erzählte mir meine Frau, der Älteste Theotis French habe angerufen und mitgeteilt, das Rechtskomitee werde bereits am nächsten Tag, am Samstag nachmittag, die Verhandlung führen. Sie hätten mir das in einem Brief geschrieben. [303]

Am Nachmittag war in der Post eine Nachricht, daß ein Einschreibebrief vorläge. Ich konnte gerade noch mit dem Wagen zum Postamt rasen, um den Brief vor Schalterschluß abzuholen. Er trug das Datum des 19. November 1981.

„2822 Fields Avenue
East Gadsden,
AL 35903
19. November 1981

Raymond V. Franz
Route 4, Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

die Ältestenschaft hat Deinen Brief besprochen und möchte dazu Stellung nehmen.
Als erstes möchten wir Dich wissen lassen, daß wir darüber informiert waren, daß Du einen Brief an die Watchtower Society gerichtet hast, und daß wir ent­schieden hatten, mit der Anhörung vor dem Rechtskomitee zu beginnen.

Zweitens: Da Dan Gregerson Ankläger ist, hat die Ältestenschaft entschieden, ihn im Rechtskomitee durch Larry Johnson zu ersetzen.

Drittens: Außer Dan Gregerson gibt es noch weitere Personen, die in dieser Angelegenheit als Zeugen auftreten könnten, doch wir glauben, es ist nicht notwendig, ihre Namen preiszugeben, da Du zugibst, mit Personen Umgang zu pflegen, die die Gemeinschaft der Versammlung verlassen haben.

Viertens hat die Ältestenschaft entschieden, daß das Rechtskomitee aus drei Ältesten bestehen wird. Wir möchten Dir versichern, daß die dafür ernannten Brüder Dich nicht im vorhinein verurteilt haben und die Verhandlung mit einer objektiven Haltung angehen werden.

Schließlich, Bruder Franz, würde das eingesetzte Rechtskomitee mit Dir eine Zusammenkunft für Samstag, 21. November, um 16 Uhr im Königreichssal ver­einbaren wollen. Solltest Du nicht kommen können, so fordern wir Dich auf, einen der unten angegebenen Brüder zu benachrichtigen, um einen günstigeren Termin auszumachen.

Deine Brüder“

11.8.4 Unabhängiges und neutrales „Rechtskomitee“, das zum Vornherein aufgrund von Weisungen den Ausschluss geplant hat!?

Es war nicht nur der sehr förmliche Charakter dieses Briefes, der auffiel. Vielmehr enthielt er trotz der Schlußfloskel „Deine Brüder“ nicht einen Funken der Wärme, die man in einer christlichen Bruderschaft vorzufinden erwartet. Er hätte genausogut auch von einem Gericht kommen können, so sehr wird er von einer kalten, gesetzlichen Haltung beherrscht. Wenn sie mich wirklich noch nicht vorverurteilt hatten (wie es ausdrücklich gesagt [304] wird), dann hätte ganz sicher ein Geist brüderlicher Nächstenliebe aus dem Brief gesprochen, mitfühlende Anteilnahme an den vitalen Interessen des Menschen, an den er gerichtet war. Selbst wenn man unberücksichtigt läßt, daß ich praktisch mein gesamtes Leben im Dienst als Zeuge Jehovas eingesetzt habe und in der leitenden Körperschaft gewesen war, wenn man mein Alter und meine persönlichen Umstände außer Acht läßt, selbst dann hatte wenigstens eine Spur von liebevollem Interesse zu sehen sein müssen, sogar wenn sie mich als „einen der geringsten“ der Brüder Christi ansahen (nach Matthaus. Kapitel 25, Vers 40). Meines Erachtens darf man diese gefühllose Einstellung nicht den Briefschreibern anlasten. Sie hat ihren Ursprung anderswo. Der Brief war dafür nur ein Musterbeispiel.

Meine Frau hatte Theotis French schon am Telefon gesagt, daß wir am Samstag Besuch aus einem anderen Teil der USA erwarteten, den wir jetzt nicht mehr anrufen und daher unsere Plane nicht rückgängig machen konnten.
Am Montag danach, am 23. November, schrieb ich einen weiteren Brief, in dem ich meine Bestürzung darüber zeigte, mit welcher Eile und Rücksichts­losigkeit das Komitee verfuhr.

Am selben Nachmittag rief French an und teilte mit, das Komitee werde zwei Tage darauf, am Mittwoch, 25. November, abends eine Verhandlung durchführen und eine Entscheidung treffen, ganz gleich, ob ich nun da sei oder nicht. Es war jetzt sinnlos, den Brief, den ich geschrieben hatte, in den Postkasten zu werfen[17], Offenbar hatten sie es nun sehr eilig, und ich bezweifle, daß der Anstoß hierfür von ihnen selbst kam. Der Komiteevorsit­zende gab später zu, sie stünden mit Wesley Benner, dem Beauftragten der Gesellschaft, in Verbindung. Entsprechend auffällig glichen ihre Äußerun­gen und Einstellungen denen, die er bei mir zu Hause gezeigt hatte. Und es konnte nicht der geringste Zweifel bestehen, daß er seinerseits mit der Dienstabteilung in der Weltzentrale in Brooklyn in Verbindung stand, und diese wiederum mit der leitenden Körperschaft. Das ist keineswegs unge­wöhnlich; so läuft es normalerweise immer. Überrascht haben mich diese Methoden nicht, einfach nur bedrückt.

11.8.5 Trotz gravierender Verfahrensmängel mit dem Segen der leitenden Körperschaft als deren Diener der Rechtsfindung? Zuhörer werden ausgeschlossen, um keinerlei Zeugen zu haben. Diejenigen die das Licht scheuen lieben Finsternis!

Als Mittwoch, der 25. November, da war, entschloß ich mich, lieber zu der Verhandlung hinzugehen, als in meiner Abwesenheit entscheiden zu las­sen. French hatte gesagt, der Termin sei am „Mittwoch abend“. Nachmit­tags rief ich bei einem aus dem Komitee an, um die genaue Uhrzeit zu erfahren. Da sagte mir seine Frau, sie seien bereits im Königreichssaal. Ich rief dort an und erfuhr, daß die Sitzung am Nachmittag stattfinden würde. „Abend“ hieß offensichtlich eine beliebige Uhrzeit ab 15 Uhr. Ich sagte, davon hätte ich nichts gewußt und man habe mir keine genaue Uhrzeit genannt. Auf meine Bitte hin erklärten sie sich einverstanden, den Termin auf 18 Uhr zu verlegen.
Tom Gregerson hatte den Wunsch geäußert, mit mir zu gehen, und so rief [305] ich ihn an. Als wir im Königreichssaal ankamen, begaben wir uns ins Konferenzzimmer, wo sich die Ältesten French (als Vorsitzender), Bryant und Johnson aufhielten. Sie sagten Tom Gregerson, er könne nicht dabei sein, höchstens um Zeugenaussagen zu machen. Er antwortete, er wolle anwesend sein, da ungefähr 35 Zeugen Jehovas in der Firma Warehouse Groceries arbeiteten, bei der er in leitender Position tätig sei. Er müsse doch wissen, welche Haltung man in dieser Frage genau einnehme. Sie blieben bei ihrem Nein.

Nachdem er hinausgegangen war, eröffnete das Komitee die Sitzung und rief die Zeugen herein. Es waren zwei: Dan Gregerson und die Frau von Robert Daley.

Dan Gregerson sagte als erster aus. Er berichtete, er habe mich zusammen mit Peter Gregerson (und unseren Frauen) im Western Steak House gesehen. Damit war er fertig. Ich fragte ihn dann, wann das war, und er gab zu, es sei im Sommer gewesen, also bevor der Watchtower vom 15. September 1981 herausgekommen war, in dem die neue Anweisung stand, daß jeder, der von sich aus die Versammlung verlassen habe, wie ein Ausgeschlossener zu behandeln sei. Ich sagte dem Komitee, diese Zeugenaussage habe keinerlei Bedeutung, es sei denn, sie meinten, ein Gesetz könne rückwirkend in Kraft treten.

Dann wurde die andere Zeugin um ihre Aussage gebeten, Sie sagte im wesentlichen dasselbe wie Dan Gregerson, nur daß es sich um einen Zeitpunkt nach der Veröffentlichung desWatchtower vom 15. September 1981 gehandelt habe.

Ich gab bereitwillig zu, daß ich zu diesem Zeitpunkt mit Peter Gregerson essen gegangen war, und fragte sie, ob sie nicht ebenfalls, gemeinsam mit ihrem Mann (einem Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost) mit Peter Gregerson essen war. (Dieser hatte sich eines Tages in Morrison’s Cafeteria zufällig gerade hinter Daley und seiner Frau angestellt. Da Daley in erster Ehe Peter Gregersons Stiefvater gewesen war – er hatte seine Mutter nach dem Tod des Vaters geheiratet -, stupste Gregerson ihn kurz an, worauf Daley sich umdrehte und mit ihm eine Unterhaltung anfing. Daley forderte ihn auf, sich zu ihnen zu setzen, und alle drei redeten beim Essen miteinan­der. Auch das hatte sich ereignet, nachdem der Watchtower vom 15. September 1981 erschienen war.)

Das versetzte die Zeugin in helle Aufregung und sie sagte, es sei schon wahr, aber sie habe einigen „Schwestern“ hinterher gesagt, sie wisse, daß es nicht richtig gewesen sei und daß sie es nie wieder tun werde. (Nach der Verhandlung erzählte ich das Peter Gregerson, und er rief aus: „Aber die haben doch sogar zweimal mit mir gegessen! Als ich einmal zu Morrison’s ging, saßen sie schon da und winkten, ich solle mich zu ihnen setzen.“ Vom zweiten Mal hatte die Zeugin nichts gesagt, und ich wußte damals nichts davon.)

Das war die gesamte „Beweislast“, die gegen mich vorlag. Die bei den Zeugen verließen den Raum. [306]

11.9 Despotismus und Machtmissbrauch durch interne Justiz der Zeugen Jehovas klar belegt: Leitende Körperschaft vor Gott und dessen Richter Jesus Christus angeklagt!
11.9.1 Der Wachtturm vom 15. September 1981 als einzig legitime Grundlage und höchste Autorität? Ein Hohn auf die Aussagen der Schrift!

Dann wurde ich gefragt, wie ich zu dem Watchtower vom 15. September 1981 stehe. Ich wollte wissen, weshalb sie nicht warteten, bis die leitende Körperschaft auf meine Anfrage vom 5. November geantwortet hätte. Da legte Theotis French, der Vorsitzende, seine Hand auf den Watchtower, der aufgeschlagen vor ihm lag, und sagte: „Mehr Autorität brauchen wir nicht.“

Ich fragte, ob sie sich nicht sicherer fühlen würden, wenn die leitende Körperschaft ihre Sichtweise bestätigt hätte. Er wiederholte, sie müßten sich an das halten, was veröffentlicht sei, und außerdem hätten sie sowieso in der ganzen Sache Brooklyn angerufen. Damit hörte ich von einem solchen Anruf zum ersten Mal. Das war dann wohl auch der Grund, warum French zwei Tage vorher am Telefon gemeint hatte, das Rechtskomitee glaube nicht, man müsse noch auf eine Antwort der leitenden Körperschaft warten! Sie gingen genauso heimlichtuerisch vor wie schon das Vorsitzenden­-Komitee vor ihnen und hielten es offenbar überhaupt nicht für nötig, mich wissen zu lassen, daß sie schon bei der Weltzentrale in Brooklyn angerufen hatten.

Ich erkundigte mich, ob sie mit jemand von der leitenden Körperschaft gesprochen hätten. Die Antwort war: „Nein, mit der Dienstabteilung. „Und was hatte man ihnen gesagt? French sagte, ihnen sei mitgeteilt worden: „Es hat sich nichts geändert; laßt euch nicht aufhalten.“

French sagte weiter: „So wie ich es sehe, hat die Gesellschaft sich die alte Position (aus dem Wachtturm des Jahres 1974) noch einmal kritisch unter die Lupe genommen und kehrt jetzt zu der vorher gültigen Position zurück.“ (Genauso hatte Kreisaufseher Benner sich mir gegenüber geäußert.) „Der Wachtturm hilft uns erkennen, wo wir einen klaren Trennstrich ziehen müssen“, meinte French weiter. Edgar Bryant fügte noch hinzu: „Wir versuchen alle, so zu handeln, wie es der Wachtturm von uns verlangt.“ Ich betonte, für mich sei die Bibel die Richtschnur. Sie war bis dahin von keinem der drei Ältesten auch nur erwähnt worden. Ich fragte, welche biblischen Gründe es gebe, Peter Gregerson als jemand einzustufen mit dem man nicht essen dürfe.

Johnson schlug 1. Korinther, Kapitel 5, auf, las ein paar Verse vor, stockte dann und brach ab, ohne dem Gelesenen eine Anwendung zu geben. Jeden einzelnen fragte ich dann, ob er ehrlich sagen könne, daß Peter Gregerson zu der Sorte Leute gehöre, die in solchen Texten beschrieben wurde, ein­schließlich der im Johannesbrief genannten „Antichristen“. French war ganz aufgeregt und sagte, ihm stehe es nicht zu, diesen Mann zu beurteilen; er wisse nicht genug über Peter Gregerson, um ein Urteil zu fällen. Ich fragte, wie sie dann von mir erwarten konnten, genau dieses Urteil zu fällen und die Konsequenzen zu ziehen, wenn sie selbst es nicht tun wollten, Darauf sagte er: „Wir sind nicht dazu hier, um von dir belehrt zu werden, Bruder Franz.“ Ich versicherte ihm, ich hätte nicht vor, sie zu belehren, sondern mein gesamter christlicher Lebenswandel werde in Frage gestellt und stände auf dem Spiel, und darum sei ich der Ansicht, ich hätte ein [307] Recht, mich dazu zu äußern. Weder Edgar Bryant noch Larry Johnson wollte klar sagen, was er über Peter Gregerson dachte, und dabei wurde es hier als „kriminelle“ Tat verhandelt, daß man mit ihm essen gegangen war.

11.9.2 Jene die als Richter amten, die keine im Zusammenhang mit dem Verfahren stehenden Fragen zu beantworten vermögen

Der Vorsitzende sagte dann, er sehe in weiteren Diskussionen keinen Sinn. Man rief Tom Gregerson herein, um herauszufinden, ob er irgendeine Aussage zu machen habe. Als er wissen wollte, welche Auswirkungen die in dem Watchtower beschriebene Position auf Beschäftigte seiner Firma haben würde, die Zeugen Jehovas seien und hin und wieder mit jemand, der die Gemeinschaft verlassen hat, auf Geschäftsreise gehen oder eine Mahlzeit einnehmen würden, antwortete Larry Johnson, sie seien jetzt nicht dazu da, diese Frage zu beantworten; das könne er ein andermal vortragen.[18] Tom Gregerson gab zurück, er stelle diese Frage nun schon zum wiederholten Male, habe auch den Kreisaufseher gefragt, und noch immer bleibe er ohne Antwort. Keine Reaktion. Die Verhandlung wurde geschlossen und wir gingen. Das Rechtskomitee blieb zurück, um die „Beweise“ zu erörtern. Etwa eine Woche später klingelte das Telefon und Larry Johnson teilte mir mit, das Komitee habe beschlossen, mir die Gemeinschaft zu entziehen. Mir stünden vom Tage des Anrufs an sieben Tage Frist zu, um Berufung einzulegen.

11.9.3 Brief zur Berufung gegen das Urteil des Ausschlusses mit klarer Begründung

Ich schrieb einen langen Brief, in dem ich meine Berufung begründete. Es schien mir am besten, alles schriftlich zu machen. Gesprochenes kann man schnell ändern, verdrehen oder einfach vergessen; Geschriebenes dagegen bleibt erhalten und läßt sich nicht so leicht übergehen. Meine Erlebnisse bei der Verhandlung zeigten deutlich, wie vergiftet das ganze Klima war, so daß kaum mit einer ruhigen und vernünftigen Erörterung der biblischen Grundsätze im Berufungsverfahren gerechnet werden konnte.

Ich erinnerte sie in meinem Brief an den von der Gesellschaft veröffentlich­ten Rat, die Ältesten eines Rechtskomitees sollten „die Dinge sorgfältig abwägen“, nicht nach „starren Verhaltensregeln“ suchen, sondern „stets das Grundsätzliche sehen“ und „sicher sein, daß der Rat fest in Gottes Wort verankert ist“; sie sollten „sich genügend Zeit nehmen und bemüht sein, das Herz des Betreffenden zu erreichen,“ und sollten „die Schrifttexte, die auf den Fall Anwendung finden, ausführlich besprechen und sicher sein, daß er (der Beschuldigte) sie auch versteht“. So hatte man es gesagt; getan wurde es nicht. (Und dabei wußten die Urheber dieses Rates, wie die Praxis aussah.) Die folgenden beiden Absätze geben den Kern meiner Stellung­nahme wahrscheinlich am besten wieder:

Man könnte vielleicht sagen, ich hätte keine Reue darüber bekundet, daß ich mit Peter Gregerson essen gegangen bin. Um Reue zu bekunden, muß ich erst davon über­zeugt sein, daß ich eine Sünde gegen Gott begangen habe. Diese Überzeugung läßt sich nur aus Gottes W

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 11. Kapitel: Nachspiel

10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

10 Zeit der Entscheidung *

10.1 Der überwältigende Gewinn Jesus als wahres Haupt zu erkennen, als einzigen Mittler zu Gott
10.1.1 Am Scheideweg: Einer Organisation die Treue halten und damit gegen das Gewissen zu entscheiden, oder eine undefinierte, unsichere Zukunft in Kauf nehmen?

„Aber dies alles, was mir früher als großer Vorzug erschien, habe ich durch Christus als Nachteil und Schaden erkannt. Ich betrachte überhaupt alles andere als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne“ (Philipper 3:7, 8, Die Bibel in heutigem Deutsch),

Ende 1979 war ich am Scheideweg angelangt.

Fast 40 Jahre lang hatte ich hauptberuflich im Dienst der Organisation gestanden, sie von ganz unten bis ganz oben durchlaufen. Die letzten 15 Jahre war ich in der Weltzentrale tätig gewesen, darunter neun Jahre als Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas weltweit.

Diese letzten neun Jahre waren die entscheidenden. In dieser Zeit holte die Realität meine Illusionen ein. Seither weiß ich, daß es stimmt, was ein inzwischen verstorbener Staatsmann einmal geäußert hat:

„Der große Feind der Wahrheit ist häufig nicht die vorsätzliche, betrügerische Lüge, sondern der Mythos: er hält sich zäh, klingt überzeugend und hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun.“

Langsam wurde mir klar, daß ich mein Leben großenteils auf nichts anderes gegründet hatte als genau dies, einen Mythos – „hält sich zäh, klingt überzeugend und hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun“. Nicht, daß sich meine Ansicht über die Bibel geändert hätte. Im Gegenteil, ich habe sie durch meine Erlebnisse eher noch mehr schätzen gelernt. Sie allein half mir, in den Dingen, die sich vor meinen Augen abspielten, einen Sinn zu sehen; mit ihrer Hilfe wurden mir die Einstellungen und Gedankengänge der anderen verständlich, und ich erkannte auch, warum ich in meinem Innern einen solchen Druck und solche Spannung fühlte. Alle Veränderung in mir erwuchs aus der Einsicht, daß ich die Bibel aus einer total sektiererischen Sicht heraus gesehen hatte – wovor ich mich eigentlich geschützt geglaubt hatte. Als ich die Heilige Schrift für sich selbst sprechen ließ, ohne daß alles erst durch den Trichter einer fehlbaren menschlichen Einrichtung als „Kanal“ gegangen war, machte ich die Entdeckung, daß sie erheblich an Aussagekraft gewann. Ich war höchst erstaunt darüber, wie viel Wichtiges mir vorher entgangen war.

Was sollte ich tun? Langsam aber sicher kam ich zu der Einsicht, daß der Organisation jegliche Flexibilität abhanden gekommen war (falls es sie je [215] gegeben hatte), daß sozusagen „die Weinschläuche alt und vertrocknet“ waren. Alles, was mir im Laufe der Jahre in der leitenden Körperschaft während der Sitzungen und auch sonst zu Ohren gekommen war, die Grundhaltung, die mir überall begegnete, deutete darauf hin. Man wurde immer verstockter gegenüber jeder biblischen Ermahnung zur Korrektur ihrer Lehren und ihrer Methoden beim Umgang mit denen, die zu ihr um Leitung aufblickten.[1] Heute wie damals bin ich der Ansicht, daß viele in der leitenden Körperschaft gute Menschen sind. In einem Telefongespräch sagte mir ein ehemaliger Zeuge: „Wir waren Mitläufer von Mitläufern.“ Ein anderer sagte: „Wir sind die Opfer von Opfern geworden.“ Beide hatten meines Erachtens recht. Charles Taze Russell übernahm Ansichten seiner Zeitgenossen und wurde deren Mitläufer; er wurde das Opfer der Mythen, die sie als „geoffenbarte Wahrheit“ verkündeten. Alle späteren führenden Köpfe der Organisation übernahmen diesen ursprünglichen Mythos und fügten ihren eigenen Teil hinzu, um das Gebilde auszubauen oder zu festigen. Gegenüber diesen Männern, die mir persönlich bekannt sind, fühle ich nicht Hag oder Erbitterung, sondern Mitleid, denn auch ich war ein solches „Opfer von Opfern“, ein „Mitläufer von Mitläufern“.

10.1.2 Autorität ja, autoritativ Nein! Am Ende der Hoffnung angelangt Veränderungen auf höchster Ebene veranlassen zu können.

Obwohl die Mitarbeit in der leitenden Körperschaft von Jahr zu Jahr schwieriger und belastender für mich wurde, besonders ab 1976, klammerte ich mich an die Hoffnung, alles würde sich zum Guten wenden. Schließlich mußte ich aber einsehen, daß alle Anzeichen gegen diese Hoffnung spra­chen.

Ich war kein Feind von Autorität, doch ich war gegen die extreme Form, in der sie bei uns angewandt wurde. Es konnte einfach nicht Gottes Wille sein, daß Menschen in der christlichen Gemeinschaft eine so allumfassende autoritäre Herrschaft über ihre Mitbrüder ausübten. Nach meinem Bibelverständnis gewährte Christus Autorität in der Gemeinde nur zum Dienen, nie zum Herrschen.[2]

Auch gegen eine „Organisation“ im Sinne einer geordneten Einrichtung hatte ich nichts, denn für mich gehörte so etwas einfach zur christlichen Gemeinde.[3] Doch meiner Meinung nach hatte eine solche Einrichtung ihrem ganzen Zweck und Wesen nach nur dafür da zu sein, den Brüdern zu helfen. Sie sollte ihren Interessen dienen, und nicht umgekehrt. Wie die Einrichtung im einzelnen aussah, war egal, doch sie mußte die Menschen aufbauen, damit sie keine geistigen Kleinkinder blieben, die von Menschen oder Institutionen abhingen, sondern fähig wurden, als voll erwachsene, reife Christen zu handeln. Sie sollten nicht bloß dazu erzogen werden, sich den Regeln und Anweisungen einer Organisation brav anzupassen, sondern Menschen werden, „die ihr Wahrnehmungsvermögen durch Gebrauch geübt haben zur Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht“.[4] Welche [216]Organisationsform man auch wählte, sie müßte zu einem Gefühl echter Bruderschaft führen, mit der freimütigen Rede und dem gegenseitigen Vertrauen, das wahre Bruderschaft kennzeichnet, und nicht zu einer Gesell­schaft, in der wenige regieren und die vielen anderen regiert werden. Und schließlich dürfte es Führung in dieser Einrichtung nur in der Form des beispielhaften Vorbilds geben, des Festhaltens am Wort Gottes, wobei die Weisungen des Herrn und Meisters so weitergegeben und eingeschärft würden, wie er sie gab, ohne sie den scheinbaren Interessen einer menschen­gemachten Organisation anzupassen und ohne daß man die anderen seine Macht spüren ließ, wie es die Großen dieser Welt tun.[5] Dies muß dazu führen, daß allein Christus Jesus das Haupt ist und nicht die Autorität irgendeines irdischen Herrschaftsapparats und seiner Funktionsträger über allem steht. Bei uns hatte ich den Eindruck, daß die Funktion Jesu Christi als aktives Oberhaupt überschattet und vollständig verschüttet wurde durch das autoritäre Gehabe, das ständige Eigenlob und die dauernde Selbstanpreisung der Organisation.

10.1.3 Das Wort der Schrift erneut über jedes Menschenwort stellt ist in Gefahr!

Darüber hinaus sah ich auch den Wert und die Notwendigkeit des Lehrens ein. Doch ich konnte es nicht akzeptieren, daß man die Auslegungen der Organisation, gegründet auf schwankendes menschliches Denken, gleich­rangig neben das stellte, was in Gottes unveränderlichem Wort selbst stand. Daß man den eigenen Traditionen so großes Gewicht beimaß, ja sogar das Wort Gottes verdrehte und zurechtstutzte, bis es zu diesen überkommenen Ansichten paßte, das hat mich seelisch stark belastet, genauso wie die Inkonsequenz im Handeln, die dazu führte, daß mit zweierlei Maß gemes­sen wurde. Was ich nicht akzeptieren konnte, war nicht die Lehre, sondern der Dogmatismus.

Ich habe meine Ansichten während meiner Tätigkeit in der leitenden Körperschaft nach Kräften vertreten. Das hat von Anfang an zu Schwierig­keiten geführt und mir Feindschaft eingebracht. Es endete mit Ablehnung und der Ausstoßung.

Im Herbst 1979 sollte ich im Rahmen einer „Zonenreise“ mehrere Zweigbüros in Westafrika besuchen, darunter einige in Ländern, deren Regierung die Tätigkeit der Zeugen Jehovas offiziell verboten hatte. Da ich wußte, wie schnell es passieren konnte, daß ich verhaftet und für längere Zeit ins Gefängnis gesteckt wurde, fühlte ich mich verpflichtet, einige meiner Sorgen mit meiner Frau zu besprechen. (Da es um ihre Gesundheit nicht sehr gut stand, hielt ich es für besser, die Reise allein zu unternehmen.) Sie hatte zwar zwangsläufig mitbekommen, daß ich seelisch sehr unter Druck stand, doch ich hatte ihr nie gesagt, welche Probleme mich eigentlich quälten. Dazu hatte ich mich nicht berechtigt geglaubt. Jetzt hingegen schien mir das nicht nur angebracht, sondern ich verspürte sogar eine Verpflichtung, mit ihr über die Dinge zu reden, die mir aufgefallen waren, gerade beim Lesen der Bibel. Wieso sollte ich mich von Menschen abhalten [217] lassen, mit der eigenen Frau Wahrheiten zu besprechen, auf die ich in Gottes Wort gestoßen war?

Wir kamen zu dem Schluß, daß es für uns das Beste sei, die Tätigkeit in der Weltzentrale aufzugeben. Unser innerer Friede und unsere Gesundheit erforderten es. Zudem hatten wir die schwache Hoffnung, doch noch ein Kind zu bekommen, und hatten bereits mit zwei Ärzten darüber gespro­chen, unter anderem mit Dr. Carlton, einem der Betriebsärzte.[6] Ich war 57 und wußte, daß es in diesem Alter äußerst schwierig sein würde, Arbeit zu finden. Doch ich vertraute darauf, daß sich schon irgendein Weg finden würde.

10.1.4 Neuer Wein gehört nicht in alte Weinschläuche! Korrupter und überalterter Machtapparat, unfähig zu wahren Korrekturen, der echten Wahrheit und Gerechtigkeit kaum zugeneigt

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich fühlte mich hin- und hergerissen. Einerseits dachte ich, durch mein Verbleiben in dem Gremium könnte ich wenigstens noch für andere die Stimme erheben, für die Heilige Schrift eintreten, für Mäßigung und Ausgeglichenheit plädieren, auch wenn man mich nur unwillig anhörte oder ignorierte. Andererseits spürte ich, daß mir nicht mehr viel Zeit dafür verbleiben würde, sondern daß man mir bald jeglichen Einfluß in der leitenden Körperschaft nehmen und mich mundtot machen würde. Genauso schwer wog, daß ich unbedingt aus dem schwelen­den Klima des Argwohns und der Verdächtigungen herauskommen und keinen Anteil mehr an diesem Machtapparat haben wollte, für den ich keine biblische Grundlage mehr finden und dessen Beschlüsse ich moralisch nicht befürworten konnte.

Wäre es mir um Sicherheit und Bequemlichkeit gegangen, so hätte ich mich ganz sicher entschieden zu bleiben, denn den Mitarbeitern in der Weltzen­trale wurden alle physischen Bedürfnisse erfüllt. Wegen unserer vielen Dienstjahre stünde uns die freie Auswahl unter den besseren Zimmern zu, die in den vielen Wohngebäuden der Gesellschaft von Zeit zu Zeit frei wurden.[7] Wir würden mehr als sechs Wochen Urlaub im Jahr haben, und diese könnten, da ich der leitenden Körperschaft angehörte, jederzeit mit Gastvorträgen in allen Teilen der USA und Kanadas verbunden werden, oder auch mit Zonenreisen in Gegenden rund um den Erdball. (Die Mitglieder der leitenden Körperschaft können ihren Urlaub regelmäßig an Orten verbrin­gen, von denen andere nur träumen.) Allein 1978 waren meine Frau und ich mehr als fünfzigmal mit dem Flugzeug unterwegs; im Laufe der Jahre hatten wir Reisen nach Mittel- und Südamerika, nach Asien, Europa, Afrika und in den Mittleren Osten unternommen.

10.1.5 Gewohnt vor Zehntausenden von interessierten Zuhörern zu reden, beständiger Ehrengast zu sein

Wäre es mein Ziel gewesen, angesehen und prominent zu sein, so hatte ich mir gar nicht mehr wünschen können. Pro Vortragseinladung, die ich im Monat annahm, mußte ich drei bis vier weitere ablehnen. Kam ich nach [218] Paris, Athen, Madrid, Lissabon, Mexiko City, Sao Paulo oder in fast jede andere Weltstadt, so brauchte ich nur dem dortigen Zweigbüro Bescheid zu geben, und schon wurde eine Veranstaltung organisiert, zu der Tausende von Zeugen Jehovas strömten. Vor Menschenmengen von 5000 bis 30 000 Personen zu sprechen wurde fast etwas Alltägliches. Wohin auch immer ein Mitglied der leitenden Körperschaft reist, praktisch immer ist er Ehrengast bei seinen Glaubensgenossen.[8]

Innerhalb der leitenden Körperschaft war es nicht schwer, allgemein geach­tet zu sein. Man mußte nur immer wieder neu seine vollständige Loyalität gegenüber der Organisation verkünden und sich, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei Abstimmungen und in Diskussionen auf die Seite der Mehrheit schlagen. Das ist gar nicht zynisch gemeint. Die wenigen anderen Mitglieder des Gremiums, die sich aus Gewissensgründen genötigt sahen, hin und wieder gegen eine traditionelle Leitlinie oder Lehre Stellung zu beziehen, können das bestätigen, auch wenn sie es vielleicht nicht laut sagen mögen.

Trotz allem waren mir Positionen in zwei der einflußreicheren Komitees der leitenden Körperschaft zugewiesen worden, im Schreibkomitee und im Dienstkomitee. Im Schreibkomitee hielt man es für richtig, mir die redak­tionelle Verantwortung (nicht das eigentliche Abfassen) für mehrere Bücher zu übertragen, die dann in vielen Sprachen in Millionenauflagen gedruckt wurden[9]

Das Geheimrezept, falls man es so nennen kann, wie sich eine prominente Position in der Organisation halten ließ, war nicht schwer zu erkennen. Mein Gewissen ließ es aber nicht zu, es anzuwenden.

10.1.6 Wenn unser Gewissen uns zum Feind aller anderen macht, wird dort Mitläufertum vom Machtapparat verlangt

Ich hätte blind gewesen sein müssen, um nicht zu sehen, wie sehr ich bei vielen aneckte mit meinen Äußerungen zu einigen Themen, auch wenn, wie ich meine, klare biblische Grundsätze mir den Weg wiesen. Manches Mal ging ich zur Sitzung mit dem festen Vorsatz, lieber gar nichts zu sagen, als Feindseligkeiten hervorzurufen. Wenn dann aber Fragen behandelt wurden, die einschneidende Folgen für das Leben vieler Menschen haben würden, konnte ich mich einfach nicht zurückhalten. Sonst hätte ich mich schuldig gefühlt. Ich machte mir nicht vor, daß ich mit meinen Worten viel ausrichten würde, denn aus Erfahrung wußte ich, daß meine Lage sich dadurch eher nur verschlechterte. Wenn ich aber nicht entschieden für die Grundsätze eintrat, die nach meinem Verständnis das Christentum erst ausmachten, wozu hätte ich dann überhaupt noch dort sitzen sollen? Was für einen Sinn hätte mein Leben dann noch gehabt? [219]

Etwa ab 1978 machte sich in der leitenden Körperschaft – wie bereits erwähnt – ein verändertes Klima bemerkbar. Die anfängliche Euphorie, von der die großen Umwälzungen in der Herrschaftsstruktur begleitet gewesen waren, war verflogen, Der Geist des brüderlichen Miteinander, der eine Zeitlang vorzuherrschen schien und zu Mäßigung und größerer Beweglich­keit im Denken geführt hatte, war ebenfalls deutlich geschwunden. Jeder hatte sich in seine Funktionen in den verschiedenen Komitees eingearbei­tet, und nach einiger Zeit wollten die ersten ihre Kräfte messen. Es bildeten sich deutliche Fraktionen heraus, so daß man Abstimmungsergebnisse oft mühelos vorhersagen konnte.

Erhoben beispielsweise Milton Henschel, Fred Franz, Ted Jaraez und Lloyd Barry die Hand, konnte man im allgemeinen sicher sein, daß auch Carey Barber, Martin Pötzinger, William Jackson, George Gangas, Grant Suiter und Jack Barr ihre Hand heben würden. Blieben die Hände der ersten Gruppe unten, war es gewöhnlich bei der zweiten ebenso. Bei einigen anderen war es wahrscheinlich, daß sie genauso stimmen würden, doch war ihr Abstim­mungsverhalten nicht so vorhersagbar. Bis auf seltene Ausnahmen ergab sich jedes Mal dasselbe Bild.

Nach diesem Schema verliefen die Abstimmungen besonders dann, wenn es um irgendeine der traditionellen Positionen oder Lehren ging. Man konnte vorher fast sicher sein, wer für die Beibehaltung der traditionellen Linie und gegen jede Änderung stimmen würde. Selbst in der Frage des Zivildienstes, die in einem anderen Kapitel bereits behandelt wurde, konnte diese Gruppe, obgleich sie überstimmt wurde, die Zweidrittelmehrheit blockieren, mit der die offizielle Haltung in dieser Frage geändert worden wäre.

Bei besonders strittigen Fragen gab es zumindest Anzeichen dafür, daß einige das Stimmverhalten anderer zu beeinflussen suchten. Meines Erach­tens hätte jemand, der Informationen verbreiten wollte, die nicht direkt zur laufenden Sitzung gehörten, dies am besten schriftlich tun und jedem ein Exemplar zukommen lassen sollen. Dann wären alle auf dem gleichen Informationsstand gewesen und die Karten hätten offen auf dem Tisch gelegen. Solche schriftlichen Vorlagen waren aber ziemlich selten und wurden dann auch kaum jemals Gegenstand der Diskussion.

10.2 Ausschlussverfahren vor Gerichtskomitees im Bethel Brooklyn
10.2.1 Traumatische Ereignisse in der Weltzentrale kündigen sich an: Die Jagd auf „Abtrünnige“ beginnt!

Was sich in der Sitzung der leitenden Körperschaft am 14. November 1979 abspielte, war meiner Ansicht nach schon eine Ankündigung der traumati­schen Ereignisse, die im Frühjahr 1980 die Weltzentrale erschütterten und in deren Gefolge mehrere Mitarbeiter wegen „Abtrünnigkeit“ aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurden und ich mich aus dem Führungsgre­mium zurückzog und die Weltzentrale verließ.

Vier unbedeutende Punkte standen an jenem Tag auf der Tagesordnung; alle Anträge gingen einstimmig über die Bühne. Aller Anschein von Harmonie verflog aber sehr schnell, als Grant Suiter sagte, er wolle eine Angelegenheit zur Sprache bringen, die zu beträchtlichem Gerede geführt habe. Er habe gehört, daß einige Mitglieder der leitenden Körperschaft sowie Mitarbeiter der Schreibabteilung in ihren Vorträgen Ansichten vertreten hätten, die [220] nicht mit den Lehren der Gesellschaft übereinstimmten, und das führe zu Verunsicherungen. Auch habe er gehört, fuhr er fort, daß Mitarbeiter der Weltzentrale Dinge sagten wie: „Wenn König Saul stirbt, wird sich alles ändern.“[10]

Ich hatte nie jemand in der Weltzentrale eine derartige Bemerkung machen hören. Grant Suiter sagte auch nicht, woher er seine Information hatte oder wer die Ursache des „Geredes“ sei, auf das er sich bezog, doch er wurde sehr aufgeregt. Seine Worte und sein Gesichtsausdruck spiegelten höchste Erregung. Zum ersten Mal fiel in einer Sitzung der leitenden Körperschaft das Wort „Abtrünnigkeit“.

Eine längere Diskussion entspann sich. Die meisten sagten, ihnen sei das völlig neu. Ich erklärte, viele Reden gehalten zu haben, sowohl in verschie­denen Teilen der USA wie auch in zahlreichen anderen Ländern, doch in keiner einzigen hätte ich etwas gesagt, das nicht mit den von der Organisa­tion veröffentlichten Lehren übereinstimmte. Falls irgendetwas Abwei­chendes gesagt worden sei, so wäre ein Beleg sicher leicht zu beschaffen, denn daß ein Vortrag eines Mitglieds der leitenden Körperschaft nicht von mindestens einem Zuhörer auf Band aufgenommen würde, das kam kaum vor. Auf Gerüchte brauchte man sich dann ganz bestimmt nicht zu stützen, denn in einem solchen Fall würde sicher jemand schreiben und um Klärung bitten. Auf meine Frage, ob er einen Fall aus den Reihen der leitenden Körperschaft oder der Schreibabteilung persönlich kenne, antwortete Grant Suiter lediglich, daß darüber geredet würde und daß Mitglieder von Zweig­komitees, die an Schulungskursen in der Weltzentrale teilnähmen, gesagt hätten, sie seien verunsichert, weil von den Dozenten ihrer Kurse Wider­sprüchliches zu hören gewesen sei.

10.2.2 Das Lehrkomitee und die Untersuchung: Begann das Königreich Jesu Christi bereits 33 u.Z.?

Es wurde beschlossen, das Lehrkomitee (dem die Schulungskurse unter­standen) mit einer Untersuchung zu beauftragen. In einer späteren Sitzung berichteten dessen Mitglieder, sie hätten keine Beweise für die genannten Vorwürfe gefunden. Die einzige Verunsicherung unter den Zweigmitarbei­tern habe es über einen Lehrpunkt gegeben, den Carey Barber im Unterricht behandelt habe. Er habe gesagt, das Königreich Christi habe im Jahre 33 U.Z. bei der Himmelfahrt zu herrschen begonnen, und das konnten manche mit der Lehre über 1914 nur schwer in Einklang bringen.[11] Schließlich kam man überein, daß alle Mitglieder der leitenden Körperschaft bei ihren Anspra­chen Vorsicht walten lassen sollten. Ausdrücklich wurde aber gesagt, dies sei kein Versuch, die privaten Gespräche, wie beispielsweise solche mit engen Freunden, in irgendeiner Weise zu reglementieren. Wie sich später zeigen sollte, konnte man sich darauf aber nicht berufen.

10.2.3 Gefährliches Glatteis: Irgendeine Lehre der Gesellschaft öffentlich oder privat in Zweifel zu ziehen!

Ich hielt diese Diskussion für bedeutsam. Grant Suiter hatte zwar auf [221] keinen konkreten Fall aus der leitenden Körperschaft hingewiesen, in dem jemand in einem Vortrag offiziell Meinungen vertreten hatte, die der veröffentlichten Lehre widersprachen, doch mir waren mehrere solcher Fälle bekannt. Erwähnt hatte ich bereits, daß Albert Schroeder auf seiner Europareise die Ansicht vertreten hatte, der Ausdruck „diese Generation“ könne eine andere Bedeutung haben als bislang offiziell verkündet. Das war uns gleich mehrfach von verschiedenen Orten berichtet worden. Genauso war bekannt, daß Fred Franz, der Präsident, eine neue Auslegung der „Schlüssel des Königreichs“ (Matthaus, Kapitel 16, Vers 19) eingeführt hatte, als er verschiedene Klassen der Gileadschule unterrichtete. Auch dies stand in Widerspruch zur bisher veröffentlichten Lehrmeinung der Organi­sation und war nicht vorher mit der leitenden Körperschaft abgesprochen worden. Diese Deutung wurde obendrein nicht als eine mögliche, sondern als die richtige vorgetragen.[12] Ganze Gileadklassen gingen in ihr Zuteilungsland mit dieser Ansicht, von der ihre Brüder alle noch nie gehört hatten.

Keiner dieser Fälle aber wurde in der Sitzung angesprochen, und mir lag auch nichts daran, davon anzufangen.[13] Ich spürte aber, daß da im Unter­grund etwas schwelte, das früher oder später zu Tage treten würde. Und wenn es so weit wäre, darüber hatte ich keinen Zweifel, dann würde es sich mit voller Wucht gegen mich und Edward Dunlap richten, der dem Gremium nicht angehörte, und nicht gegen einen der Genannten.

10.2.4 Ausstieg aus dem Dienstkomitee erwogen, um kein Stolperstein für andere zu sein?

Ich hatte schon erwogen, mich aus dem Dienstkomitee zurückzuziehen wegen der Einstellung, die mehrere seiner Mitglieder hatten, und nur noch im Schreibkomitee mitzuarbeiten. In einem Gespräch mit Robert Wallen, der Sekretär des Dienstkomitees war (aber nicht zur leitenden Körperschaft zählte), erwähnte ich, daß ich fast so weit sei, aus dem Komitee auszustei­gen.[14] Seine Reaktion war: „Das kannst du doch nicht machen! Es muß doch ein Gegengewicht in dem Komitee geben.“ Er bedrängte mich, meinen Entschluß rückgängig zu machen.

Doch dieselbe feindselige Einstellung, die in der Sitzung vom 14. November 1979 zu erleben gewesen war, kam auch in einer anderen Sitzung wieder zum Vorschein. Dieses Mal ging es, wie erwartet, direkt gegen mich. Lloyd Barry, der die Aufgabe hatte, jede Ausgabe des Wachtturms zusammenzustellen [222] und für die Veröffentlichung vorzubereiten, äußerte sich sehr besorgt darüber, daß ich eine ganze Anzahl von Wachtturm-Artikeln (er nannte die genaue Zahl), die durch das Schreibkomitee gegangen waren, nicht abgezeichnet hätte. (Jeder für die Veröffentlichung bestimmte Artikel ging erst an alle fünf Komiteemitglieder, und ihr Zeichen auf dem Deckblatt bedeutete ihre Zustimmung.) Ich verstand zwar nicht, weshalb er, statt mich vorher in einer Sitzung des Schreibkomitees daraufhin anzusprechen, das nun vor versammelter Mannschaft vorbrachte, gab aber zu, daß er recht hatte. Erstaunt war ich nur, die genaue Anzahl der Artikel, um die es ging, zu hören, denn ich hatte sie gar nicht gezählt. Er hatte es getan.

10.2.5 Fehlendes Zeichen der Zustimmung auf dem Deckblatt, wo das Gewissen mit dem Artikelinhalt nicht einig ging. Vom freiwilligen Rücktritt abgebracht.

Als Begründung sagte ich, daß ich in diesen Fällen ganz einfach aus Gewissensgründen nicht hatte mein Zeichen machen können. (Manche Artikel stammten vom Präsidenten und behandelten die Prophezeiungen Jeremias, wobei die angebliche prophetische Rolle der Organisation und bestimmte Daten, wie 1914 und 1919, stark herausgehoben wurden.) Ich hatte weder versucht, die Veröffentlichung dieser Artikel irgendwie zu behindern, noch hatte ich eine Streitfrage daraus machen wollen. Das Fehlen der Unterschrift bedeutete lediglich Enthaltung, nicht Widerspruch. Wenn das ein Problem sei, so erklärte ich vor allen Anwesenden, wenn es unerwünscht sei, daß jemand aus Gewissensgründen seine Unterschrift nicht gebe, dann sei die Lösung einfach: Man könne jemand anders für das Schreibkomitee einsetzen, dem es keine Gewissensbisse bereite, seine Zustimmung zu geben. Zugleich erwähnte ich, daß ich mit dem Gedanken gespielt hätte, von meinem Posten im Dienstkomitee zurückzutreten, um mehr Zeit für die Arbeit in der Schreibabteilung zu gewinnen. Ich überließ die Entscheidung ganz den anderen und sagte ihnen, daß mir jede Lösung recht sei.

Nach der Sitzung sprach mich Lyman Swingle, damals Koordinator sowohl des Schreibkomitees wie auch der Schreibabteilung. in seinem Büro an und meinte: „Das kannst du mir doch nicht antun! Wenn sie von sich aus einen anderen im Schreibkomitee einsetzen, meinetwegen. Aber biete ihnen bloß nicht selber den Rücktritt an!“ Er war richtig aufgebracht. Ich erwiderte, daß ich das alles der leitenden Körperschaft überlassen wolle; ich hätte aber die Zwistigkeiten satt und sei froh über alles, was den auf mir lastenden Druck wenigstens zum Teil reduziere. Noch einmal drängte er mich.

Man beließ mich in meinen Positionen.

Trotzdem hatte ich eine starke Vorahnung, daß sich etwas zusammen­braute. Doch daß ich mich nur sechs Monate später in einem Hexenkessel fast fanatischer Verfolgung wiederfinden würde, daß die leitende Körperschaft­ mit drastischen Maßnahmen einschreiten würde gegen etwas, das sie als Verschwörung großen Stils ansah, durch die die Organisation in ihren Grundfesten bedroht sei – das konnte ich damals noch nicht wissen. Im Folgenden will ich darlegen, was diese angebliche gefährliche Verschwö­rung eigentlich war, so daß jeder selbst abschätzen kann, wie „gewaltig“ deren Ausmaße waren, wie schwer die „Vergehen“ der Beteiligten waren, [223] welche Geschehnisse zu der sogenannten Säuberung im Frühjahr 1980 führten, und ob die Bedrohungsangst. die in der Organisation entstand und die bis zum heutigen Tage vorherrscht, wirklich begründet war.

10.2.6 Zweifel an der gängigen Lehrmeinung, Jesu sei nur Mittler der Gesalbten

Am 16. November 1979, einen Tag vor meiner Abreise nach Paris, der ersten Station in Richtung Westafrika. leitete der Präsident der Gesellschaft die morgendliche Bibeltextbesprechung. da er in dieser Woche gerade den Vorsitz hatte. In seinem Kommentar sagte er, einige zögen die Ansicht der Gesellschaft in Zweifel (die in einer der letztenWachtturm-Ausgaben erschienen war), daß Jesus Christus nur der Mittler der „Gesalbten“ sei und nicht auch der übrigen Millionen Zeugen Jehovas[15] Von diesen Zweiflern sagte er:

„Sie möchten alle miteinander vermengen und Jesus Christus zum Mittler für jeden Tom, Dick und Harry machen.“

Unwillkürlich mußte ich an all die Toms und Dicks und Harrys denken, die es unter den anwesenden Mitarbeitern der Weltzentrale gab, und ich fragte mich, was sie dabei wohl dachten. Mir war bekannt, daß über dieses Thema viel gesprochen wurde, zum Teil sehr negativ.

Der Präsident betonte dann, daß die Lehre der Gesellschaft richtig sei. Der einzige Bibeltext. den er dabei anführte, war aus Hebräer, Kapitel 12, und zwar die Worte:

„Was ihr erduldet, dient euch zur Züchtigung. Gott handelt mit euch als mit Söhnen. Denn welchen Sohn wird ein Vater nicht züchtigen? Wenn ihr aber ohne die Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, seid ihr wirklich illegi­time Kinder und nicht Söhne.“

Als Veranschaulichung gebrauchte er das Bild der Züchtigung eines Pferdes, das lernen soll, im Kreis zu gehen: „Hin und wieder sind vielleicht ein paar Peitschenhiebe nötig, um das Tier dazu zu bringen.“ Er forderte jeden, der die Lehre der Gesellschaft in diesem Punkt anzweifelte, auf stillzuhalten, die Züchtigung anzunehmen und „zu zeigen, daß er den Mummhat, weiter treu zu bleiben!“[16]

Am Abend desselben Tages flog ich nach Paris ab, doch noch tagelang fühlte ich mich angewidert, nicht nur von diesen Worten, sondern von der ganzen Haltung, mit der das Problem angegangen wurde, und von dem Geist, den ich bereits in den letzten Jahren erlebt hatte.

10.2.7 In New York wird ein „anderes Evangelium“ verbreitet als das des Jesus Christus!

Für mich ging aus der Bibel klar hervor, daß Jesus Christus seine Mittlerdienste jedem Tom, Dick und Harry anbot, um sie mit Gott zu versöhnen. Und er legte sein Leben für alle Menschen nieder als ein Loskaufsopfer, dessen Wohltaten allen und jedem zugänglich waren, der sie annehmen wollte. Das war genau das Gegenteil dessen, was dort in der Weltzentrale verkündet worden war. Es hatte den Anschein, als bekämen wir „ein [224] anderes Evangelium“ zu hören, nicht die gute Botschaft, die uns die inspirierten Bibelschreiber des 1. Jahrhunderts übermittelt hatten.

Das vorletzte Land in Afrika, das ich besuchte, war Mali. Die meisten Missionare dort stammten aus Frankreich. Nachdem ich mit großer Mühe in Französisch einige Punkte vorgetragen hatte, die ich in jedem Land mit den Missionaren besprach, fragte ich, ob Fragen bestünden. Als zweite Frage kam: „Der Wachtturm sagt, Jesus sei nur der Mittler für die Gesalbten, nicht für uns übrige. Könntest du uns das bitte näher erklären? Heißt das, daß er nicht einmal im Gebet unser Mittler ist?“

Hätte ich es darauf abgesehen Zweifel zu säen, so wäre das sicher eine günstige Gelegenheit gewesen. Ich bemühte mich aber, sie zu beruhigen, und verwies auf 1. Johannes, Kapitel 2, Vers 1, wo von Jesus als dem „Helfer“ derer gesprochen wird, für die er ein „Sühnopfer“ ist, auch für die „der ganzen Welt“. Selbst wenn sie Jesus nicht als ihren Mittler ansehen könnten, sagte ich, so doch bestimmt als ihren Helfer. Und sie könnten ganz sicher annehmen, daß er an ihnen ebenso sehr interessiert sei wie an sonst irgendjemand auf Erden.

Ich hatte den Eindruck, sie damit hinreichend beschwichtigt zu haben, und zugleich hatte ich die Aussagen des Wachtturm in keiner Weise in Zweifel gezogen.

Ein paar Tage später allerdings, als ich zum Flugplatz fahren wollte, um nach Senegal weiterzureisen, kamen die Missionare vorbei, um Abschied zu nehmen und eine der Missionarinnen trat zu mir und fragte: „Aber ist Jesus nicht wenigstens im Gebet unser Mittler?“ Ich konnte nichts weiter tun, als im Wesentlichen nur das zu wiederholen und noch einmal zu betonen, was ich bereits bei der Zusammenkunft im Missionarheim gesagt hatte.

Nach etwa drei Wochen traf ich wieder in Brooklyn ein. Mir war nichts zugestoßen in Afrika; nur einmal war nachts der Zug entgleist, als ich gerade auf der 20stündigen Fahrt von Wagadugu (Obervolta, seit 1984 Burkina Faso) nach Abidschan in der Elfenbeinküste war.

Am Morgen nach meiner Rückkehr saßen beim Frühstück neben mir ein Mitglied eines Zweigkomitees und seine Frau, die zu Besuch weilten. Kaum hatte die Mahlzeit begonnen, wollte die Frau wissen, ob sie mir eine Frage stellen könne. Ich erwiderte: „Fragen stellen kannst du. Ob ich sie dir beantworten kann, weiß ich nicht.“ Sie sagte, am Abend zuvor habe sie demWachtturm-Studium beigewohnt, in dem ein Artikel über die Mittlerrolle Christi behandelt worden sei. Und dann stellte sie haargenau dieselbe Frage wie die Missionarin in Mali. Ich gab ihr dieselbe Antwort.

Das folgende Wochenende mußte ich in New Jersey einen Vortrag halten, und hinterher kam eine Zuhörerin zu mir, eine aktive Zeugin, die sagte, sie habe einige Fragen. Es waren drei Fragen, und die zweite hatte mit der Mittlerrolle Christi zu tun. Und wieder gab ich dieselbe Antwort.

Ich erwähne diese Vorgänge, weil sie veranschaulichen, wie ich vorging, wenn mir in offizieller Funktion Fragen zu Lehrpunkten der Organisation gestellt wurden. Hatte ich Zweifel über die biblische Grundlage einer Lehre [225] der Organisation, so besprach ich diese nur mit alten, vertrauten Freunden, die (soweit es Männer waren) alle ein Ältestenamt bekleideten. Bis 1980 gab es außer meiner Frau nur vier oder fünf Menschen auf der Erde, die überhaupt etwas von meinen Bedenken wußten, und auch von ihnen kannte keiner alle Gründe für diese Bedenken. Dazu hätte es eines Buches wie diesem bedurft.

10.3 Auf dem Abstellgeleise im Sackbahnhof angelangt
10.3.1 Keine Bereitschaft der leitenden Körperschaft vorhanden sich Zweifelsfragen zu stellen. Dogmatismus, wo Bereitschaft zum Überprüfen notwendig wäre.

Ich war mir aber völlig sicher, daß es zahlreiche andere Zeugen Jehovas gab, die viele meiner Bedenken teilten.[17] Was ich in der leitenden Körperschaft erlebt hatte, gab keinen Anlaßzu der Annahme, daß man sich diesen Bedenken zu stellen gewillt war, geschweige denn ihnen die gebührende Aufmerksamkeit widmen würde, indem man in der Bibel sorgfältig nach­forschte und dann auf der Grundlage dessen, was man dabei fand oder nicht fand, eine Entscheidung traf, und nicht einfach nur auf der Grundlage der eingefahrenen traditionellen Ansichten.

Meine Erfahrungen ließen vielmehr erwarten, daß man jede offene Diskus­sion solcher Probleme für äußerst gefährlich halten und als Zeichen der Illoyalität gegenüber der Organisation auslegen würde. Man hielt augenscheinlich die Einheit (besser Gleichförmigkeit) für wichtiger als die Wahrheit. Fragen der Lehre konnte man wohl im inneren Führungszirkel der leitenden Körperschaft diskutieren, doch nirgendwo sonst. Und wenn die Debatte im engen Kreis auch noch so hitzig war, nach außen mußte der Schein der Einmütigkeit gewahrt werden, selbst wenn dabei schwere Differenzen unter den Teppich gekehrt wurden.

In der Heiligen Schrift fand ich nichts, womit diese Verstellung zu rechtfer­tigen gewesen wäre, denn der Beweis für ihre Echtheit lag ja gerade in ihrer Freimütigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit. Differenzen unter den ersten Christen wurden offen zugegeben, auch bei den Ältesten und Aposteln. Und was noch wichtiger war, in der Bibel gab es keinen Hinweis darauf, daß Diskussionen sich auf einen so begrenzten, nach außen abgeschirmten Kreis von Männern beschränken müßten, deren geheime Zweidrittelbe­schlüsse von allen Christen als „geoffenbarte Wahrheit“ zu akzeptieren seien. Die Wahrheit brauchte meiner Ansicht nach keine offene Diskussion zu fürchten und sich auch der sorgfältigen Nachforschung nicht zu entzie­hen. Wenn eine Lehre dagegen abgeschirmt werden müßte, verdiente sie es auch nicht, aufrechterhalten zu werden.

10.3.2 Eduard Dunlop, der Registrator der Gileadschule mit tiefster Erkenntnis der biblischen Zusammenhänge

Seit meiner Arbeit an dem Nachschlagewerk Hilfe zum Verständnis der [226] Bibel hatte ich einen engen Kontakt mit Edward Dunlap. Ich lernte ihn 1964 kennen, als ich einen zehnmonatigen Kursus an der Gileadschule absol­vierte. Er war damals Registrator der Schule und zugleich einer der vier Dozenten. Unsere Klasse (die 39.) umfaßte etwa 100 Personen, fast alle waren Mitarbeiter von Zweigbüros. Man kann wohl sagen, daß sein Unter­richt nach Meinung der Mehrzahl der Teilnehmer bei weitem am meisten zu einem tieferen Verständnis der Bibel beitrug.[18] Ed stammte aus Okla­homa und war von einer etwas urwüchsigen Erscheinung. Er hatte nur einfache Schulbildung, konnte aber meisterhaft die schwierigsten und kompliziertesten Sachverhalte in verständlicher Sprache erklären, ob es sich dabei nun um die Anwendung des mosaischen Gesetzes oder Forschun­gen auf dem Gebiet der Genetik handelte. Noch wichtiger für mich war aber seine einfache, schlichte Wesensart. Sieht man einmal von seiner Vorliebe für grelle bunte Krawatten ab, war er im Kern ein zurückhaltender, unauffälliger Mensch, was Aussehen, Verhalten und Redeweise anging. Ganz gleich, mit wieviel Verantwortung die Aufgabe verbunden war, die ihm aufgetragen war, er blieb stets derselbe.

Seine Persönlichkeit spiegelte sich meines Erachtens sehr gut in einer Äußerung, die er mir gegenüber bei einer Semesterabschlussprüfung machte. Wir hatten im Unterricht die Briefe des Apostels Paulus bespro­chen, und jede Woche gab es einen Test über den behandelten Stoff. Im allgemeinen wurde dabei auch nach dem wahrscheinlichen Abfassungsort und -zeitpunkt gefragt. Das war kein Problem, solange es nur um einen einzigen Brief ging. Als aber die Abschlußprüfung bevorstand, wurde mir bewußt, daß jetzt alle 13 Briefe des Apostels Paulus auf einmal an der Reihe waren, und es war erheblich schwieriger, die Orte und Zeiten für sie alle im Kopf zu behalten. In der Bibel sind sie nicht chronologisch angeordnet. Ich mühte mich lange damit ab und erdachte mir schließlich ein System, wie ich mir alle merken konnte.

Die Prüfung kam, und wir hatten zwei Stunden Zeit, alle Fragen zu beantworten. Ich war etwas früher fertig, und als ich aus dem Raum ging, begegnete ich Ed. Erfragte: „Na, wie war’s?“ Ich antwortete: „Ach, gar nicht so schlimm. Aber eines werde ich dir nie vergessen.“ Er wollte wissen, was ich damit meinte. Darauf sagte ich: „Ich habe mich wie wahnsinnig angestrengt, ein System zu entwickeln, wie ich Zeit und Ort der Nieder­schrift für jeden Brief im Gedächtnis behalten kann, und dann stellst du nicht eine einzige Frage darüber!“ Er nahm meine Antwort ernster, als sie gemeint war, und erwiderte: „Weißt du, warum ich darüber keine Fragen in der Abschlußprüfung stelle? Ich kann mir das selber alles nicht merken.“ Es gab an der Schule vier Dozenten: Ulysses Glass, Bill Wilkinson, Fred Rusk und Ed Dunlap. Man tut wohl keinem Unrecht, wenn man sagt, daß nur von [227] Ed eine solche Antwort hätte kommen können. Sie war typisch für seine bescheidene Art.

Er war der Organisation stets voll und ganz ergeben und hatte ebensolange wie ich im Vollzeitdienst gestanden. Und noch etwas anderes zeigt, was für ein Mensch er war: Ende der sechziger Jahre zog er sich eine Entzündung des großen dreigeteilten Gesichtsnervs zu, von den Medizinern Trigeminus­neuralgie genannt, eine der schmerzhaftesten Erkrankungen beim Men­schen überhaupt. Jeder kleine Windhauch, jede leichte Berührung, die den Nerv erregte, konnte die stechenden, fast blindmachenden Schmerzen auslösen. Verschlimmert sich das Leiden, kann das Opfer sich nicht einmal die Haare kämmen, die Zähne putzen oder essen, ohne dabei einen Anfall zu riskieren. Manche werden davon zum Selbstmord getrieben.

Ed litt darunter sieben Jahre. Manchmal besserte sich sein Zustand, dann wurde es wieder schlimmer. Während dieser Zeit gelangte Nathan Knorr, der Präsident, irgendwie zu der Auffassung (möglicherweise aufgrund von Bemerkungen Dritter), es handle sich gar nicht um ein körperliches Leiden, sondern mit Eds Gefühlsleben stimme etwas nicht. So kam er einmal zu ihm und unterhielt sich mit Ed, um ihn über sein Eheleben auszuforschen und über andere Dinge, die mit der Krankheit zusammenhingen. Ed versicherte ihm, dies alles habe mit seiner Krankheit absolut gar nichts zu tun; im Urlaub könne es ihm glänzend gehen und doch kämen dann plötzlich die Anfälle. Diesen Erklärungen zum Trotz teilte der Präsident ihm mit, er habe beschlossen, ihn für eine Weile in der Druckerei arbeiten zu lassen, damit er mehr körperliche Betätigung habe. Er solle in die Buchbinderei gehen.

Ed war damals über sechzig; seit einiger Zeit schon stand er unter starken Medikamenten, die ihm der Betriebsarzt verschrieben hatte, um die schmerzhaften Anfälle zu unterdrücken. Tage- und wochenlang mußte er wegen seines Leidens das Bett hüten. Und jetzt wurde er in die Buchbinderei versetzt, wo er am Fließband stand und ununterbrochen Material in eine Maschine eingeben mußte. Er tat das mehrere Monate hindurch ohne Widerrede und bemühte sich, das Beste aus seiner „theokratischen“ Zutei­lung zu machen. Wie er mir aber anvertraute, kam ihm dabei zum ersten Mal so richtig zu Bewußtsein, welche absolute Herrschaft die Organisation über sein Leben ausübte. Seine Versuche, die Krankheit näher zu erklären, wurden einfach übergangen, und dann wurde ihm ohne das geringste Mitgefühl genau der Arbeitsplatz zugewiesen, der für jemand mit seinem Leiden am ungeeignetsten war.

Ein paar Jahre später, als er schon fast völlig verzweifelt war, hörte er von einem Neurochirurgen in Pittsburgh, der glaubte, die Ursache dieses uralten Leidens gefunden zu haben, und der in der Mikrochirurgie so weit vorange­kommen war, daß er Abhilfe schaffen konnte. Ed ließ den operativen Eingriff vornehmen. Dazu mußte der Schädel teilweise geöffnet werden, um an die Arterie zu gelangen, die parallel zu dem entzündeten Nerv verlauft. Das führte endlich zu seiner Heilung. Er erwartete nicht, daß die Organisation [228] sich für den schweren Irrtum bei der Einschätzung seiner Krankheit und für die Behandlung, die er erfahren hatte, bei ihm entschuldigte. Sie tat es auch nicht.

Unsere Arbeitsplätze lagen all die Jahre hindurch, sowohl bei der Arbeit am Hilfe-Buch wie auch später, fast unmittelbar nebeneinander, und so unter­hielten wir uns regelmäßig. Jeder ließ den andern teilhaben an dem Interessanten, auf das er bei seinen Nachforschungen gestoßen war. Bei verschiedenen Buchprojekten hatten wir von der leitenden Körperschaft den Auftrag, sie gemeinsam zu erarbeiten, wie zum Beispiel beim Kommen­tar zum Jakobusbrief. Wir stimmten nicht in allem überein, doch tat das unserer Freundschaft und unserer gegenseitigen Achtung keinen Abbruch. Ich erwähne dies alles, weil Edward Dunlap zu den wenigen gehörte, die meine schweren Bedenken hinsichtlich der Organisation und besonders der Abläufe in der leitenden Körperschaft kannte. Er dachte darüber genauso. Wie auch ich konnte er das, was er sah, hörte und las, nicht mit der Bibel in Einklang bringen.

10.3.3 Himmlische oder irdische Hoffnung? Veränderte „Erkenntnis“ oder Neuauflagen alter Lügen die bei Hymenäus begannen?

Obwohl er der Organisation schon seit Anfang der dreißiger Jahre angehörte, zählte er sich fast die ganze Zeit hindurch nicht zu den „Gesalbten“. Ende der siebziger Jahre sprach ich ihn einmal daraufhin an, und er erzählte, im Wachtturm habe damals, als er neu dabei war, gestanden, es gebe zwei Klassen, die himmlisches Leben erhalten würden, die „Erwählten“ (die 144000) und die „große Schar“ (oder „große Volksmenge“ aus Offenbarung, Kapitel 7). Von der „großen Schar“ hieß es, das seien Christen mit geringe­rem Glauben als die „Erwählten“, die darum zwar auch himmlisches Leben erhalten, doch nicht zu denen gehören würden, die mit Christus als Könige und Priester herrschen sollten. Da die eine Klasse einen höheren Rang hatte als die andere, dachte Ed, wie es für ihn typisch war, er gehöre der niederen Klasse an, der „großen Schar“.

Dann kam das Jahr 1935, und auf dem Kongreß in Washington verkündete Richter Rutherford die „geoffenbarte Wahrheit“, daß nach der Bibel die „große Schar“ nicht zu himmlischem, sondern zu irdischem Leben bestimmt sei. Ed sagte, er habe immer die Hoffnung auf ein Leben im Himmel gehabt und geglaubt, es könne nichts Herrlicheres geben, als in der Gegenwart Gottes gemeinsam mit seinem Sohn zu dienen. Da nun die Organisation aber ihre Lehre geändert hatte, unterdrückte er diese Hoffnung und gab sich mit dem zufrieden, was er als einer aus der „großen Schar“ erhoffen sollte.

Erst im Jahr 1979 rang er sich zu dem klaren Entschluß durch, daß keine menschliche Organisation die Einladung der Heiligen Schrift ändern konnte, indem sie ein Jahr festlegte, von dem ab eine Hoffnung nicht mehr offenstehen sollte, die die Bibel jedem eröffnete, der sie ergreifen wollte, heiße er nun Tom, Dick, Harry oder Ed. So begann er 44 Jahre nach 1935, beim Abendmahl vom Brot und Wein zu nehmen, was bei Jehovas Zeugen nur die „Gesalbten“ tun.

Wenn gefragt wird, wie denn jemand weiß, ob er zur Gruppe der „Gesalbten“ [229] mit himmlischer Hoffnung gehört, so wird als Standardantwort auf die Worte des Apostels Paulus inRömer, Kapitel 8, Verse 16, 17, verwiesen:

„Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Wenn wir also Kinder sind, sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes, doch Miterben mit Christus, vorausgesetzt, daß wir mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.“

Gemäß der offiziellen Lehre können nur die zu den 144 000 Gehörenden dieses Zeugnis des Geistes haben, und dieses sage ihnen, daß sie zu der ausgewählten Gruppe der 144000 gehören, die allein himmlisches Leben erhoffen können. Alle übrigen könnten sozusagen nur „voraussichtliche“ Kinder Gottes sein, und ihre Hoffnung müsse sich auf die Erde beschränken. Als Ed den Text im Zusammenhang las, vom Beginn des Kapitels an, wurde ihm klar, daß Paulus hier tatsächlich von zwei Gruppen sprach. Diese unterschieden sich jedoch nicht durch ihre Hoffnung auf zukünftiges himmlisches oder irdisches Leben.

10.3.4 Von welchem Geist lässt du dich leiten? „Alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“!

Bei den zwei Gruppen oder Klassen handelte es sich vielmehr einerseits um diejenigen, die sich vom Geist Gottes leiten ließen, und andererseits um die, die sich vom sündigen Fleisch beherrschen ließen.

Der Apostel hebt nicht den Gegensatz zwischen Leben im Himmel und Leben auf der Erde hervor, sondern den zwischen Leben und Tod überhaupt, zwischen Freundschaft mit Gott und Feindschaft mit Gott. In den Versen 6 bis 9 heißt es hierzu:

„Denn das Sinnen des Fleisches bedeutet Tod, das Sinnen des Geistes aber bedeutet Leben und Frieden, weil das Sinnen des Fleisches Feindschaft mit Gott bedeutet, denn es ist dem Gesetz Gottes nicht untertan und kann es tatsächlich auch nicht sein, So können denn die, die mit dem Fleisch in Übereinstimmung sind, Gott nicht gefallen. Ihr dagegen seid nicht in Übereinstimmung mit dem Fleisch, sondern mit dem Geist, wenn Gottes Geist wirklich in euch wohnt. Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, so gehört dieser ihm nicht an.“

In diesem Text ging es Paulus nicht um das Problem von himmlischem oder irdischem Leben, sondern einfach darum, ob jemand gemäß dem Geist Gottes lebte oder sich vom sündigen Fleisch leiten ließ. Paulus stellte klar, daß es nur eines gab: Entweder hatte man Gottes Geist und brachte dessen Früchte hervor, oder man stand in Feindschaft zu Gott und gehörte Christus nicht an. Ohne diesen Geist konnte es „Leben und Frieden“ nicht geben, nur den Tod. Hatte aber jemand den Geist Gottes, so war er ein Sohn Gottes, denn Paulus sagt (Vers 14):

„Denn alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes.“ [19] [230]

Dabei fiel Ed auf, daß Paulus nicht sagt, einige, sondern „ALLE, die durch Gottes Geist geleitet werden“, sind seine Söhne, seine Kinder. Wer durch den Geist geleitet wird, dem „bezeugt“ der Geist dies, wozu auch dessen Wirken in ihrem Leben zahlt, so wie es von Abel, Henoch, Noah und anderen in der Bibel ganz ähnlich heißt, sie „erlangten Zeugnis“, daß sie Gott wohlgefielen.[20]

Von welcher Tragweite dies alles war, wird sich im Verlauf der Schilderung der weiteren Ereignisse zeigen.

An dieser Stelle möchte ich nur noch anfügen, daß Ed meine hauptsächli­chen Bedenken teilte, besonders was den Dogmatismus und den autoritären Geist betraf, der in allem sichtbar wurde. Wie ich war er der Ansicht, daß die menschliche Autorität, sobald sie ihre Grenzen überschreitet, unweigerlich die Rolle Christi als Haupt der Versammlung überdeckt.

10.3.5 Rene Vasquez, Mitarbeiter der Dienstabteilung im Bereich spanischsprechende Versammlungen

Kurz nach meiner Rückkehr aus Afrika besuchte uns ein alter Freund in unserem Privatzimmer im Wohntrakt der Weltzentrale. Er hieß Rene Vazquez und war mir seit etwa 30 Jahren bekannt. Kennengelernt hatte ich ihn auf Puerto Rico in der Stadt Mayaguez, wo er bei seinem Vater und dessen zweiter Frau wohnte. Rene war damals noch ein Schüler. Sowohl sein Vater wie auch dessen Frau waren strikt dagegen, daß er mit Jehovas Zeugen die Bibel studierte. Ihr Widerstand wurde so heftig, daß Rene eines Abends nach seinem Bibelstudium, das bei Missionaren der Zeugen daheim abgehalten wurde, meinte, es nicht länger ertragen zu können. So übernach­tete er im Freien auf einer Parkbank. Tags darauf suchte er seinen Onkel und seine Tante auf und fragte sie, ob er zu ihnen ziehen dürfe. Sie erklärten sich einverstanden, und wenn sie auch nicht viel von den Zeugen Jehovas hielten, so waren sie doch tolerant. Nach seinem Schulabschluß nahm Rene sofort den Vollzeit- oder „Pionier-„Dienst auf.
Im Jahr 1953 besuchte er einen Kongreß in New York, worauf er sich einschloß, in den USA zu bleiben. In Michigan lernte er ein junges Mädchen kennen, heiratete und war mit ihr gemeinsam im Pionierdienst tätig. Sie wurden gebeten, als reisende Beauftragte der Gesellschaft die spanischspre­chenden Versammlungen im Westen der USA reihum zu besuchen. Später absolvierten sie die Gileadschule und wurden dann nach Spanien gesandt. Dort wurde Rene bald zum Bezirksaufseher ernannt. Offiziell war das Werk der Zeugen im Land verboten, und so mußten er und seine Frau Elsie bei ihren Reisen kreuz und quer durch Spanien ständig Angst haben, von der Polizei entdeckt, verhaftet und deportiert zu werden. Alle Versammlungen fanden heimlich statt. Nach jahrelanger Untergrundtätigkeit war Rene eines Tages mit den Nerven am Ende. Elsie und er waren inzwischen sieben Jahre in Spanien. Da seine Gesundheit angegriffen war, und weil Elsies Familie Beistand brauchte, kehrten sie in die USA zurück, mußten aber das Geld für die Reise selbst aufbringen, so daß sie bei ihrer Ankunft ohne einen roten Heller dastanden. [231]

Die einzige Arbeit, die Rene nun finden konnte, war in einem Stahlwerk, wo er schwere Lasten heben mußte. Da er sehr schmächtig gebaut war, brach er gleich am zweiten Tag zusammen und mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Er fand später eine andere Arbeit, und sobald sie ihre Schulden bezahlt hatten, gingen seine Frau und er wieder in den Pionierdienst. Im Laufe der Zeit wurde er Kreis- und Bezirksaufseher, und schließlich erhiel­ten sie eine Einladung zur Mitarbeit in der Weltzentrale in Brooklyn. Dort leitete Rene den Bereich der Dienstabteilung, von dem aus die spanischspre­chenden Gemeinden in den USA betreut wurden, in denen es ungefähr 30 000 Zeugen gab. Diese Stellung hatte er inne bis 1969; dann wurde Elsie schwanger, und das bedeutete für sie, daß sie ihren „Betheldienst“ auf­geben mußten.

Rene sagte mir damals, er wolle in New York bleiben, und zwar nicht, weil er die Stadt so sehr mochte, sondern weil er hoffte, dann irgendwann, sobald seine Umstände es gestatteten, wieder etwas für die Weltzentrale tun zu können. Nach ein paar Jahren arbeitete er zwei Tage pro Woche unentgelt­lich als Aushilfe wieder mit, übersetzte ins Spanische, führte Regie bei den Tonaufnahmen für die Kongreß-Bühnenstücke in Spanisch und machte in den zahlreichen spanischsprechenden Gemeinden in und um New York Kurzbesuche als Kreisaufseher. Früher war er eine Zeitlang in Portugal gewesen, und als in New York portugiesische Gruppen entstanden, frischte er seine Sprachkenntnisse auf und kümmerte sich auch um diese.

Ich glaube nicht, daß es in Renes über 30jähriger Tätigkeit in der Organisa­tion für irgend jemand in Puerto Rico, Spanien oder den USA je einen Grund gab, etwas an seinem Dienst zu bemängeln. Er war von Natur aus sanft, doch zugleich bestimmt, Er beherrschte die Kunst, fest zu bleiben und dabei doch nie hart zu sein. Dieser Beurteilung dürfte meines Erachtens niemand, der mit Rene Vazquez je zu tun hatte, widersprechen können, auch wenn heute seine Situation eine ganz andere ist, wie gleich zu berichten sein wird. Wenn er einen Fehler hatte, dann- wie er selber zugibt – den, daß er zu gutmütig war und keine Bitten abschlagen konnte, besonders von Seiten der Wacht­turm-Gesellschaft. Heute erkennt er, daß seine Familie darunter unnötig leiden mußte.

So hatten er und seine Frau beispielsweise jahrelang keinen richtigen Urlaub mehr gehabt und gerade alles für eine Reise nach Spanien vorberei­tet. Kurz vor der Abfahrt rief Harley Miller, der damalige Leiter der Dienstabteilung, an und bat Rene, während dieser Zeit im Kreisdienst tätig zu sein. Eine Zuteilung der „Organisation des Herrn“ hatte Rene nie abgelehnt, und so willigte er ein. Seine Frau fuhr dann mit ihrer Mutter nach Spanien.

Rene wohnte nicht weit vom Flughafen La Guardia, und Mitarbeiter der Dienstabteilung. unter ihnen Harle Miller, riefen ihn gewohnheitsmäßig an, um ihn zu bitten, sie vom Flughafen abzuholen und ins Bethel zurückzu­fahren, wenn sie am Wochenende von einer Vortragsreise mit dem Flugzeug eintrafen. Manchmal kamen die Maschinen um Mitternacht oder noch[232] später an. Für mich wollte Rene das ebenso tun, er bestand sogar darauf, und ich nahm sein Angebot an, bis ich erfuhr, in welchem Ausmaß man seine Hilfsbereitschaft ausnutzte. Für meine Begriffe ging das entschieden zu weit, und darum bemühte ich mich von da an – von seltenen Ausnahmen abgesehen – um andere Transportmöglichkeiten.

10.4 Eine Verschwörung oder eher Frustration einer kleinen Minderheit angesichts einer verkalkten, veränderungsscheuen Elite?
10.4.1 Drei Rädelsführer einer Verschwörung: Ray Franz, Ed Dunlop und Rene Vasques?, oder einfach Männer mit etwas mehr Charakterstärke dem Gewissen zu gehorchen?

Ich glaube, wenn man die leitende Körperschaft befragen könnte, wen sie als die Rädelsführer der „Verschwörung gegen die Organisation“, gegen die sie mit so massiven Mitteln vorging, bezeichnen würde, so kämen dabei wir drei heraus: Ed, Rene und ich. Dabei waren wir drei nie auch nur ein einziges Mal zusammen. Mit Rene habe ich mich in der fraglichen Zeit vielleicht zweimal länger unterhalten. Bei Ed und Rene war es genauso. Und welcher angeblich so schlimmen Missetaten haben wir uns schuldig gemacht? Ganz einfach: Wir haben miteinander und mit engen Freunden über die Bibel gesprochen.

An dem Abend, als Rene zu uns aufs Zimmer kam, nahm er gerade an einem Schulungskurs der Gesellschaft für Älteste teil. Wir unterhielten uns über seine Eindrücke, die im großen und ganzen gut waren. Dann aber sagte er:
„Mir kommt es fast so vor, als ob wir Zahlen anbeten. Manchmal wünschte ich, wir könnten die Berichte ganz abschaffen.“ Mit Berichten meinte er das Verfahren, daß jeder Zeuge regelmäßig zu Ende des Monats einen Vordruck ausfüllt, in dem seine „Zeugnistätigkeit“ erfaßt wird: wieviele Stunden er eingesetzt, wieviele Schriften er verbreitet hat, und weiteres mehr.[21]

Mir kamen dabei Gedanken aus dem Programm des letzten Bezirkskongres­ses über „Glaube und Werke“ in den Sinn, die ich ins Gespräch brachte, und ebenso die Worte des Apostels Paulus dazu im Römerbrief. Ich war der Meinung, daß Paulus hier vor allem dazu aufforderte, die Menschen im Glauben stark zu machen; danach würden sich die Werke von allein ergeben, weil echter Glaube tätig ist und Werke hervorbringt, genau wie das auch bei echter Liebe der Fall ist. Man kann Menschen ständig drängen, Werke zu tun, und unter Druck mögen sie dem auch folgen. Doch wie weiß man, daß diese Werke aus Glaube und Liebe getan wurden? Und wenn das nicht der Fall ist, wie können sie dann überhaupt noch Gott angenehm sein? Das führte zu der logischen Folgerung, daß sieh Werke des Glaubens spontan ergeben mußten. Sie durften nicht aus Routine getan werden und an eine bestimmte Form gebunden sein, so wie auch Taten der Liebe spontan sein und nicht lediglich als Pflichtübung absolviert werden sollten, [233] für die andere den Rahmen abgesteckt haben, Organisatorische Hilfen sind nicht verkehrt, doch sollten sie der Vereinfachung dienen und nicht unterschwellig Druckmittel sein, um denen, die sie nicht nutzten, Schuld­gefühle einzupflanzen. Je mehr man versucht, Mitchristen Vorschriften über ihre Handlungen zu machen, desto mehr nimmt man ihnen in Wahrheit die Möglichkeit, sich von Glaube und Liebe antreiben zu lassen. Ich gab zu, daß es erheblich schwieriger und mühseliger ist, den Glauben und die Wertschätzung der Menschen durch die Bibel zu stärken, als anfeuernde Reden zu halten oder anderen Schuldgefühle einzupflanzen. Doch der schwerere Weg war meiner Ansicht nach der einzig schriftgemäße und angebrachte.

Das war es im wesentlichen, was wir besprachen. Die Berichtszettel waren zwar der Auslöser, kamen dann aber gar nicht mehr vor. Als ich Rene einige Zeit darauf auf einem Gang im Bürogebäude traf, erzählte er mir, daß ihm seine Tätigkeit im Kreis- und Bezirksdienst vielmehr Freude mache, seit er alles im Lichte der Worte des Apostels im Römerbrief sehe; auch seine Gespräche mit Ältesten würden dadurch gehaltvoller.

10.4.2 Ein offenes, privates Gespräch und Lauscher als Denunzianten

Ein paar Wochen später waren meine Frau und ich bei ihnen zum Essen eingeladen. In unseren ersten Jahren in New York waren wir vier in dieselbe spanische Versammlung in Queens gegangen, hatten uns aber seither selten gesehen. Vor dem Essen und auch hinterher wollte Rene sich über Haupt­punkte des Römerbriefs unterhalten. Ich fühlte mich ihm gegenüber ver­pflichtet – wenn auch nicht in demselben Maß wie gegenüber meiner Frau –, offen auf seine Fragen einzugehen und nicht auszuweichen. Wir kannten uns seit 30 Jahren, und ich wußte, daß er aufrichtig um ein Verständnis der Bibel bemüht war. Ich sprach mit ihm als Freund, nicht als offizieller Vertreter der Organisation, und wenn ich mit ihm über Gottes Wort sprach, so war ich dafür vor allem Gott verantwortlich, nicht Menschen oder einer Organisation. Hätte ich mich davon zurückgehalten, mit jemand wie ihm über klare biblische Lehren zu sprechen, wie könnte ich dann noch das sagen, was Paulus gemäß Apostelgeschichte, Kapitel 20, Verse 26, 27, zu den Ältesten in Ephesus sagte:

„Darum rufe ich euch am heutigen Tag auf, zu bezeugen, daß ich rein bin vom Blut aller Menschen, denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Rat Gottes mitzuteilen.“

Paulus wußte, daß man deswegen in der Synagoge von Ephesus schlecht von ihm sprach.[22] Daß meine Äußerungen ähnliche Folgen haben könnten, war mir ebenfalls klar.

Unter anderem unterhielten wir uns über den ersten Abschnitt des achten Kapitels des Römerbriefes, von dem hier bereits die Rede war. Ich wollte wissen, wie er Vers 14 verstehen würde, wo von der Vater-Sohn-Beziehung zu Gott gesprochen wird, wenn er dabei den Textzusammenhang beachtete. [234]

Er hatte diesen Text nie im Zusammenhang untersucht (was wohl auf praktisch alle Zeugen Jehovas zutrifft), und als er das nun tat, war seine spontane Reaktion bewegend. Was für andere Menschen offensichtlich ist, kann einen Zeugen Jehovas packen wie eine Offenbarung. Rene sagte: „Jahrelang war mir, als ob ich dem heiligen Geist widerstand, wenn ich die Christlichen Griechischen Schriften (das Neue Testament) las. Immer bezog ich die Worte auf mich, hielt dann aber plötzlich inne und sagte zu mir: ,Das hat ja auf dich gar keine Anwendung; diese Worte gelten doch nur den Gesalbten.'“

Wir beide und Gott wissen, daß ich ihn nicht beeinflußt habe, die Sache in neuem Licht zu sehen. Das bewirkten die Worte des Apostels von alleine, sobald sie erst im Zusammenhang gelesen wurden. Als ich ihm später zufällig kurz begegnete, sagte er, für ihn sei von da an die Bibel insgesamt lebendig geworden und habe eine viel tiefere Bedeutung gewonnen.

So seltsam es sich anhören mag, aber wenn ein Zeuge Jehovas (der keiner der rund 9000 „Gesalbten“ ist) zu dem Schluß kommt, daß die Worte der Bibel von Matthäus bis zur Offenbarung tatsächlich an ihn persönlich gerichtet und direkt auf ihn anzuwenden sind, und das nicht nur „im erweiterten Sinne“, dann wird damit der Weg frei zu einer Flut von weiteren Fragen, Fragen, die schon lange gärten, die aber keiner zu stellen wagte.

Wenn ich mir anschaue, mit wie viel Aufwand in der letzten Zeit die Bibel und die Tatsachen hingebogen werden, damit die Interpretationen der Organisation aufrechterhalten werden können, dann bin ich froh, daß ich mich nicht von der Angst um die Anerkennung einer Organisation davon zurückhalten ließ, wenigstens einige Menschen in dieser Frage auf die Sicht der Bibel aufmerksam gemacht zu haben.

Am 4. März 1980 reichte ich ein Urlaubsgesuch beim Personal-Komitee der leitenden Körperschaft für die Zeit vom 24. März bis zum 24. Juli ein. Meine Frau und ich waren der Ansicht, daß wir wegen unseres Gesundheitszustan­des eine längere Ortsveränderung brauchten. Während dieser Zeit wollte ich mich auch nach Arbeit und Wohnung umtun für den Fall, daß wir unsere Tätigkeit in der Weltzentrale aufgeben sollten. Wir besaßen rund 600 Dollar auf dem Sparbuch und ein sieben Jahre altes Auto; das war unser ganzes Vermögen.

Als erstes ließen wir uns gründlich ärztlich untersuchen. Dabei stellte sich heraus, daß bei mir ein erhöhtes Herzinfarktrisiko bestand.

10.4.3 Einladung zu Peter Gregerson nach Alabama: Zweifel an 1914 und an 1975

Auf Bezirkskongressen im Bundesstaat Alabama hatten wir vor einigen Jahren einen Zeugen Jehovas namens Peter Gregerson kennengelernt. Seither hatte er uns mehrfach eingeladen, in der Versammlung Gadsden in Alabama Vorträge zu halten. Peter Gregerson hatte sich im Bereich Alabama und Georgia eine kleine Supermarktkette aufgebaut. Als meine Frau und ich bei einer Zonenreise auch nach Israel kamen, begleiteten Gregerson und seine Frau uns, und wir bereisten das Land der Bibel zwei Wochen lang gemeinsam.

Peter Gregerson hatte sich damals sehr besorgt darüber geäußert, welche [235] Folgen die Voraussagen (oder waren es nur „Andeutungen“?) über 1975 gehabt hatten. Seiner Meinung nach wäre es ein schwerer Fehler, wenn die Gesellschaft weiterhin auf dem Jahr 1914 so lautstark beharren würde. Die Enttäuschung nach 1975 wäre gar nichts im Vergleich zu der, die es geben würde, wenn man von 1914 abrücken müsse. Darin gab ich ihm recht, doch mehr wurde über das Thema nicht gesprochen.

Als er von unseren Urlaubsplänen horte, drängte er uns, eine Zeitlang bei ihnen zu wohnen. Er richtete einen Wohnwagen für uns her, der einem seiner Söhne gehörte, und bot mir an, ich könne sein Grundstück pflegen, so daß wir einen Teil unserer Unkosten abdecken und ich mich dabei zugleich körperlich betätigen könnte, wie es der Arzt empfohlen hatte.

Peter Gregerson war schon von Kindesbeinen an bei den Zeugen Jehovas. Seine Eltern hatten ihn zu den Versammlungen mitgenommen, seit er vier Jahre alt war; kurz vorher waren sie zu den Zeugen Jehovas gestoßen. Als junger Mann war er Vollzeit-Pionierprediger“ geworden, und selbst nach Heirat und Ankunft des ersten Kindes hatte er darum gerungen, im Vollzeitdienst zu bleiben, und sieh seinen Lebensunterhalt durch Hausmei­stertätigkeit verdient.[23] Die Gesellschaft hatte ihn in sogenannte Problem­gebiete in Illinois und Iowa geschickt, wo er Mißstände beheben und mehrere Gemeinden geistig stärken sollte. Im Jahr 1976 wurde er als einer der Vertreter der Ältesten nach Brooklyn zu Gesprächen mit der leitenden Körperschaft eingeladen, und ein paar Jahre später bat man ihn, einen Schulungskurs für Älteste in Alabama zu leiten.

10.4.4 Rücktritt Peter Gregersons vom Ältestenamt

Ein Jahr nach diesem Kurs faßte er aber den Entschluß, von seinem Ältestenamt in der Gemeinde zurückzutreten. Kurz vorher hatte er die Geschäftsleitung seiner Lebensmittelfilialkette an einen seiner Brüder übergeben und die freie Zeit für ein intensiveres Studium der Bibel einge­setzt. Einige Lehren der Organisation ließen ihm keine Ruhe, und er wollte ganz sicher gehen, daß sie wirklich stimmten, um so den Glauben zu erneuern, dem er sein ganzes Leben lang angehangen hatte. (Er war jetzt Anfang fünfzig.)

Es kam genau das Gegenteil dabei heraus. Je mehr er in der Bibel forschte, desto überzeugter wurde er, daß die theologischen Grundlagen der Organi­sation schwere Fehler enthielten. Darum entschied er sich gegen sein Ältestenamt. Mündlich formulierte er es mir gegenüber einmal so: „Ich kann mich einfach nicht mehr vor die Leute hinstellen und Zusammen­künfte leiten, in denen Dinge gelehrt werden, für die ich keine Grundlage in der Bibel entdecken kann. Da würde ich mir wie ein Heuchler vorkommen, und das läßt mein Gewissen nicht zu.“ Zwar hatte ich ihm empfohlen, seine Entscheidung zu überdenken, als ich davon erstmals erfuhr, doch ich konnte nicht leugnen, daß seine Fragen zu Recht bestanden. So respektierte ich seine Gewissensentscheidung und seinen Widerwillen gegen jede Form der Heuchelei. Er hatte den Scheideweg vor mir erreicht. [236]

Dies war der Mann, den die Organisation später als „Übeltäter“ einstufte, mit dem man nicht einmal essen durfte, und die Tatsache, daß ich 1981 mit ihm in einem Restaurant essen ging, führte zu meinem Rechtsverfahren und zum Ausschluß aus der Organisation.

Während wir uns in Gadsden erholten, im April 1980, hörte ich zum ersten Mal von Vorgängen in Brooklyn, die mir eigenartig vorkamen. Der erwartete Sturm war über uns hereingebrochen.

10.5 Inquisition *
10.5.1 Den Fallen der Pharisäer und Schriftgelehrten auszuweichen lernen: Geheime Ketzergerichte wie zur Inquisitionszeit!

„Als Jesus das Haus verlassen hatte, begannen die Schriftgelehr­ten und die Pharisäer, ihn mit vielerlei Fragen hartnäckig zu bedrängen; sie versuchten, ihm eine Falle zu stellen, damit er sich in seinen eigenen Worten verfange“ (Lukas 11:53, 54, Einheits­übersetzung).

Unter Inquisition versteht man dem Wortsinn nach eine Untersuchung, eine Ausforschung der Überzeugung und Ansichten eines Menschen.

Ziel der Inquisition im Mittelalter war es nicht, dem einzelnen beizustehen oder eine Grundlage für ein Gespräch mit ihm zu schaffen, sondern ihn als Ketzer zu überführen.

Zur Einleitung eines Verfahrens ist es nicht nötig, daß jemand Spaltungen hervorruft, heimtückische Handlungen begeht oder seine Auffassungen lautstark verkündet. Als Auslöser genügt bereits der bloße Verdacht. Irgendwelche Rechte billigt man dem Verdächtigten dabei praktisch keine zu; die Inquisitoren halten sich für vollauf berechtigt, auch die privatesten Dinge, wie Gespräche mit engsten Freunden, auszuforschen. Was die spanische Inquisition so verrufen machte, waren nicht allein die grausamen Methoden der Bestrafung, sondern in gleichem Maße die autori­täre Haltung und die selbstherrlichen Verhörmethoden, mit denen die Ketzergerichte die gewünschten Geständnisse herauspreßten. Die Folter und die grausamen Bestrafungen von damals sind heute verboten, doch die autoritäre Grundhaltung und die arroganten Verhörmethoden kann man sich offenkundig auch heute noch leisten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hier werde ich an einen Artikel in Erwachet! vom 22. April 1981 erinnert, der den Titel trug: „Den Wurzeln des Gesetzes auf der Spur“. Darin wurde hervorgehoben, wie vorbildlich das Mosaische Gesetz war. Unter anderem war zu lesen:

„Da das Gericht jeweils an den Stadttoren tagte, besteht keine Frage, daß es sich um ein öffentliches Verfahren handelte (5. Mose 16:18-20). Zweifellos beeinflußten die öffent­lichen Verfahren die Richter im Sinne der Sorgfalt und Gerechtigkeit – Merkmale, die bei Sitzungen unter Aus­schluß der Öffentlichkeit manchmal fehlen.“ [237]

Dieser Grundsatz wurde von der Gesellschaft in ihrer Zeitschrift in höch­sten Tönen gelobt. In der Praxis aber lehnte sie ihn vollständig ab. Es ist genau, wie Jesus sagte: „Sie selber tun gar nicht, was sie lehren.“[24] Die Fakten belegen, daß ihr „Sitzungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ lieber sind. So handelt nur, wer die Macht der Wahrheit fürchtet. Damit dient man nicht den Interessen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, sondern der Sache der Ankläger.

10.5.2 Verhör über persönliche Ansichten von Ed Dunlop durch Mitglieder der leitenden Körperschaft

Vier Wochen nach Antritt meines Erholungsurlaubs rief mich Ed Dunlap in Alabama an. Erst sprachen wir über allgemeines, und dann erzählte er mir, zwei Mitglieder der leitenden Körperschaft, nämlich Lloyd Barry und Jack Barr, seien in sein Büro gekommen und hätten ihn drei Stunden lang über seine persönlichen Ansichten ausgehorcht. Zwischendurch habe er sie gefragt: „Und was soll dieses Verhör?“ Darauf hatten sie ihm versichert, es handle sich nicht um ein Verhör, sondern sie wollten nur einmal wissen, wie er über verschiedenes denke.

Er erhielt keinerlei Erklärung darüber, was der Anlag für diese Befragung war. Sie behaupteten zwar, das Gespräch diene nur ihrer Information, aber Ed hatte doch stark den Eindruck, daß dies der Beginn einer inquisitorischen Aktion der Organisation war, der irgendjemand zum Opfer fallen sollte. Unter anderem wollte man von ihm Genaueres über seine Ansichten zur Organisation, zu den Lehren über 1914, über die zwei Klassen von Christen und über die himmlische Hoffnung wissen.

Er sagte seinen Befragern, in Bezug auf die Organisation bereite ihm besondere Sorgen, daß die Mitglieder der leitenden Körperschaft so wenig Bibelstudium betrieben. Seiner Meinung nach hatten diese Brüder gegen­über allen anderen eine Verpflichtung, das Erforschen der Schrift zu ihrer wichtigsten Tätigkeit zu machen und sich nicht übermäßig mit Papierkram und anderen Dingen zu beschäftigen, so daß das Bibelstudium zu kurz komme. Über 1914, so sagte er freimütig, dürfe man nicht dogmatisch reden, und fragte sie, ob denn die leitende Körperschaft selbst dieses Datum für unverrückbar und absolut feststehend hielt. Darauf antworteten sie, daß wohl ein oder zwei Mitglieder Zweifel hätten, doch insgesamt stehe die leitende Körperschaft voll hinter diesem Datum. Er sagte ihnen, bei Gesprä­chen mit den Mitarbeitern in der Schreibabteilung würde man feststellen können, daß fast alle zu verschiedenen Themen unterschiedlicher Auffas­sung wären.

10.5.3 Ausfragen der Mitglieder der Schreibabteilung über abweichende Ideen

An einem anderen Tag begannen Albert Schroeder und Jack Barr, jeden in der Schreibabteilung einzeln auszufragen. Keiner gestand irgendwelche Unsicherheiten in bezug auf bestimmte Lehren ein, doch wenn man sich sonst mit ihnen unterhielt, gab es ausnahmslos bei jedem einen Punkt, zu dem er eine abweichende Ansicht hatte.

Das Ironische an der ganzen Sache war, daß die Meinungen innerhalb der [238] leitenden Körperschaft über viele Themen deutlich auseinandergingen. Doch davon erwähnten die Befrager nichts.

Mir war bekannt, daß Lyman Swingle sich auf Zonenreise befand. Er war Koordinator des Schreibkomitees der leitenden Körperschaft und zugleich auch Koordinator der Schreibabteilung, und daß so massive Nachforschun­gen in seiner Abwesenheit begonnen wurden, erschien mir befremdlich. Die Untersuchungsführer hatten keinerlei Hinweis darauf gegeben, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sei, was eine derartig umfangreiche Unter­suchung erforderlich gemacht hätte. Das Fehlen jeglicher Erklärung für ihr Tun deutete nach meinen Erfahrungen mit der Organisation auf nichts Gutes hin, sondern ließ im Gegenteil für die Betroffenen das Schlimmste befürchten. Ich rief deshalb am Montag, den 21. April 1980, von Alabama aus in Brooklyn an und bat darum, mit Dan Sydlik von der leitenden Körperschaft zu sprechen. Der Mitarbeiter in der Telefonzentrale der Gesellschaft sagte mir, er sei nicht erreichbar. So bat ich darum, mit Albert Schroeder verbunden zu werden, der in dem Jahr Vorsitzender war, doch er war gleichermaßen nicht zu erreichen. Ich hinterließ dann bei der Vermitt­lung eine Nachricht, ich wäre dankbar, wenn mich einer der beiden anrufen würde.

Am nächsten Tag rief Albert Schroeder an.

Bevor ich auf das Gespräch und die Art und Weise eingehe, wie er in seiner Funktion als Vorsitzender der leitenden Körperschaft meine Fragen beant­wortete, möchte ich einen Überblick über die Ereignisse geben, die sich ­wie ich später erfuhr – bereits abgespielt hatten oder während des Gesprächs gerade stattfanden.

10.5.4 Humberto Godinez, der Denunziant, und wie Jesu Gebot umgangen wird Probleme friedlich zu lösen. Tonbandaufzeichnungen von Aussagen Dritter als Grundlage der Verfolgung.

Am 14. April, acht Tage vor Schroeders Rückruf, hatte ein Zeuge Jehovas in New York namens Joe Gould bei der Dienstabteilung in Brooklyn angerufen und mit Harley Miller gesprochen, einem Mitglied des Dienstabteilungsko­mitees.[25] Er erzählte Miller, einer seiner Arbeitskollegen, ein kubanischer Zeuge mit Namen Humberto Godinez, habe ihm von einem Gespräch berichtet, das dieser bei sich zu Hause mit einem Freund aus dem Bethel geführt habe. Nach seinen Worten habe dieser Bethelmitarbeiter in mehre­ren Punkten Ansichten geäußert, die von den Lehren der Organisation abwichen. Miller legte Gould nahe, von Godinez den Namen des Bethelmitarbeiters zu erfragen. Das tat er auch und fand heraus, daß er Cris Sanchez hieß. Darüber hinaus sagte Godinez, auch mein Name sowie Ed Dunlap und Rene Vazquez seien in dem Gespräch vorgekommen. Miller empfahl Gould und Godinez nicht, sie sollten sich um eine Klärung der Angelegenheit gemeinsam mit den Betroffenen bemühen, oder durch ein brüderliches Gespräch eine Lösung herbeizuführen suchen. Miller sprach nicht mit Ed Dunlap, den er gut kannte und der in einem Büro ihm gegenüber auf der anderen Seite der Straße arbeitete. Er rief auch nicht Rene Vazquez an, den er seit Jahren kannte und dessen freiwillige Chauffeurdienste er regelmäßig in [239] Anspruch nahm. Er setzte sich nicht mit Cris Sanchez in Verbindung, der in der Druckerei der Gesellschaft arbeitete und telefonisch zu erreichen war. Er sprach als erstes mit den Mitgliedern des Dienstabteilungskomitees und erkundigte sich, ob ihnen ähnliche Dinge bekannt geworden seien. Dann ging er zum Vorsitzenden der leitenden Körperschaft, Albert Schroeder.

Ihm wurde gesagt, er solle Godinez und seine Frau zu einer Unterredung zu sich in die Weltzentrale bitten. Kein Wort an Cris Sanchez, Ed Dunlap, Rene Vazquez oder an mich. Offenbar war das Vorsitzenden-Komitee der leiten­den Körperschaft der Auffassung, es sei nicht erstrebenswert, sich um die freundschaftliche Bereinigung der Angelegenheit zu bemühen und so zu verhindern, daß sie überhaupt ein großes Thema wurde.

Miller schlug in seinem Gespräch mit Godinez und seiner Frau vor, dieser solle Rene Vazquez anrufen und „taktvoll“ herausfinden, ob er sich zu der Sache äußern wolle. Es selbst zu tun, hielt Miller nicht für angebracht, und er hielt es auch nicht für ratsam, Ed Dunlap anzurufen oder kurz über die Straße zu gehen, um mit ihm zu reden. Man rief Rene an und erreichte, was man erreichen wollte: Er reagierte auf eine Weise, die man als belastend auslegen könnte. Dann wurde eine weitere Unterredung mit dem Ehepaar Godinez anberaumt, diesmal mit dem Vorsitzenden-Komitee der leitenden Körperschaft, bestehend aus Schroeder, Suiter und Klein. Dieses Gespräch fand am Dienstag, IS. April, statt. Noch immer waren Rene, Ed, Cris und ich nicht unterrichtet worden. Zwei Stunden dauerte die Unterredung; man nahm sie auf Tonband auf. Godinez berichtete, was er noch von der Unterhaltung mit Cris Sanchez wußte, seinem langjährigen Freund, Kuba­ner wie er. Diese hatte nach einem Essen im Hause der Familie Godinez stattgefunden, und es ging dabei um mehrere strittige Themen. Mehrfach erwähnte Godinez die Namen von Rene, Ed Dunlap und mir. Am Schluß der Tonbandaufnahme lobte jedes der drei Mitglieder der leitenden Körper­schaft – Schroeder, Suiter und Klein – das Ehepaar Godinez wegen dessen Loyalität und drückte (auf Band) seine Mißbilligung gegenüber denen aus, die im Verlauf des Gesprächs belastet worden waren.

Wie Miller unternahm auch das Vorsitzenden-Komitee der leitenden Kör­perschaft nichts, um mit Cris Sanchez zu sprechen, über den es nur aus zweiter Hand etwas gehört hatte. Es bemühte sich nicht mit Rene Vazquez, Ed Dunlap oder mir zu sprechen, über die es nur aus dritter Hand informiert worden war. Am nächsten Tag, Mittwoch, 16. April 1980, spielte das Vorsitzenden-Komitee die zweistündige Aufzeichnung des Gesprächs der gesamten leitenden Körperschaft in deren regulärer Sitzung in voller Länge vor (in Abwesenheit von Milton Henschel, Lyman Swingle und mir).

All das hatte sich eine Woche vor Schroeders Anruf bei mir abgespielt, und er rief auch nur deswegen bei mir an, weil ich darum gebeten hatte. Nachdem die leitende Körperschaft das Tonband angehört hatte, kam es zu der Befragung Ed Dunlaps und der gesamten Schreibabteilung. Die Ton­bandaufnahme war der auslösende Faktor, und das wussten die Mitglieder der leitenden Körperschaft, die die Befragungen durchführten (Barry, Barr [240] und Schroeder), auch. Und doch sagten sie nichts davon, auch dann nicht, als Barry und Barr von Ed Dunlap nach dem Grund für die Aushorchung gefragt wurden. Weshalb nicht? Dann ging alles sehr schnell. Man ging ganz gezielt vor und leistete ganze Arbeit. Als erstes wurden Cris Sanchez und seine Frau sowie Nestor Kuilan und dessen Frau verhört. Cris und Nestor arbeiteten gemeinsam in der spanischen Übersetzungsabteilung. in der Rene an zwei Tagen in der Woche tätig war.

Dann rief Harley Miller Rene an und bat ihn, in sein Büro herüberzukom­men, um – wie er zu ihm sagte – seinen „großen Wissensschatz in einigen Dingen kurz etwas anzuzapfen“.

10.5.5 Die großen Drahtzieher bleiben versteckt im Hintergrund

Auf Veranlassung der leitenden Körperschaft wurde für jede Einzelgruppe ein eigenes Untersuchungskomitee eingesetzt, das die Befragung durchfüh­ren sollte. Diesen Komitees gehörten bis auf Dan Sydlik nur Mitarbeiter der Weltzentrale an, die nicht zur leitenden Körperschaft zählten. Diese steu­erte alles durch ihr Vorsitzenden-Komitee, blieb aber selbst von nun an im Hintergrund. Um die Mitglieder der verschiedenen Untersuchungskomi­tees auf ihre Aufgabe vorzubereiten, ließ man ihnen jeweils Ausschnitte des zweistündigen Tonbands vorspielen, das die leitende Körperschaft zuvor angehört hatte. So kam es, daß die Mitglieder dieser Komitees bei ihren Verhören von Sanchez, Kuilan und Vazquez wiederholt meinen Namen und den von Ed gebrauchten. Das Vorsitzenden-Komitee hatte es aber immer noch nicht für angebracht gehalten, uns wenigstens von der Existenz einer solchen Tonbandaufnahme zu unterrichten. Weshalb nicht?

10.5.6 Privatgespräche, auf welche die Gesellschaft Anrechte anmeldet, selbst unter Drohung von Ausschluss

Die Fragen der Untersuchungskomitees zeigten klar, auf welches Ziel sie lossteuerten. Das Komitee, das Nestor Kuilan verhörte, forderte ihn auf, seine Privatgespräche mit Ed Dunlap und mir wiederzugeben. Er erwiderte, er glaube nicht, daß seine Privatgespräche irgendjemand anders etwas angingen, und sprach ihnen das Recht ab, darüber etwas zu erfahren. Dabei stellte er klar, daß er sie selbstverständlich informieren würde, wenn er meinte, es sei etwas Verkehrtes oder „Sündhaftes“ gesagt worden. Seine Befrager sagten ihm, er solle kooperieren oder sonst könne er sich auf einen Gemeinschaftsentzug gefaßt machen. Darauf antwortete er: „Gemein­schaftsentzug? Wofür denn?“ „Weil du Personen deckst, die vom Glauben abgefallen sind.“ Kuilan sagte: „Vom Glauben abgefallen? Wer ist hier vom Glauben abgefallen?“ Sie sagten, das werde gerade ermittelt, doch sie seien sieh ziemlich sicher, daß es solche Personen gebe.

Das ist gerade so, als ob man einem Mann Gefängnis androht, falls er nicht kooperiert und Informationen über andere preisgibt. Fragt er weshalb, sagt man ihm, er sei Mittäter bei einem Bankraub gewesen. Will er wissen, welche Bank ausgeraubt wurde und wer die Täter seien, erfährt er: „Äh, wir wissen zwar noch nicht, welche Bank überfallen wurde und wer es genau war, aber wir sind sicher, dass irgendwo eine Bank überfallen wurde, und wenn du unsere Fragen nicht beantwortest, werden wir dich als Komplize überführt ansehen und ins Gefängnis stecken lassen.“

Nestor berichtete, er habe während seiner Gileadschulzeit bei Ed Dunlap [241] gelernt und seither kenne er ihn, und mich kenne er, seit ich Missionar und Zweigaufseher in Puerto Rico war. Er bestätigte, mit uns beiden verschie­dentlich gesprochen zu haben, doch in diesen Gesprächen sei es um nichts Sündiges oder Schlechtes gegangen und daher seien sie seine Privatangele­genheit.

Als Albert Schroeder am 22. April meiner Bitte nachkam und mich anrief, lief die Justizmaschinerie der Organisation bereits auf vollen Touren, Als Vorsitzender der leitenden Körperschaft kannte er die Details besser als jeder andere, denn alle Untersuchungskomitees unterstanden dem Vorsit­zenden- Komitee.

Er wußte, daß sein Komitee der leitenden Körperschaft eine Woche vor meinem Anruf die schon erwähnte zweistündige Tonbandaufnahme vorge­spielt hatte.

Er wußte, daß sämtliche Untersuchungskomitees vor ihrem Einsatz genaue Instruktionen erhalten hatten, wobei man ihnen auch das Tonband in Auszügen vorgespielt hatte, und daß die Mitglieder dieser Komitees zu derselben Zeit, da er mit mir sprach, meinen Namen und den von Ed Dunlap in ihren Verhören verwendeten.

Er wußte, daß es in den Anhörungen der Komitees um den äußerst schwerwiegenden Vorwurf der Abtrünnigkeit ging. Er, der uns beide seine Brüder nannte und seit Jahrzehnten mit uns vertraut war, mußte um die sehr schweren Folgen wissen, die dieser Vorwurf für uns haben konnte. Und was sagte er mir am Telefon?

Nach der Begrüßung begann ich: „Sag mal, Bert, was geht da eigentlich in der Schreibabteilung vor?“

Er antwortete:

„Tja, weißt du, die leitende Körperschaft meinte, es sei angebracht, sich die Abteilung einmal näher anzusehen, um herauszufinden, wie man die Arbeitsab­läufe verbessern könnte, die Leistungsfähigkeit steigern könnte in der Abteilung, ­und – um zu sehen, ob es Brüder gibt, die in irgendwelchen Punkten Vorbehalte haben.“

Das letzte sagte er so ganz beiläufig, als wäre es nebensächlich. Er hatte eine klare Gelegenheit gehabt, mir zu sagen, was sich abspielte. Er nutzte sie nicht.

Darauf fragte ich, welchen Grund es denn für so umfangreiche Nachfor­schungen geben könne. Jetzt hatte er zum zweiten Mal die Gelegenheit, mir ehrlich zu sagen, was los war. Er antwortete:

„Äh, die Abteilung ist nicht so leistungsfähig, wie sie es eigentlich sein sollte. Das Buch für den Kongreß in diesem Sommer wird zu spät in die Druckerei kommen.“

Ein zweites Mal war er lieber ausgewichen, statt mir offen auf meine Frage zu antworten. Ich erwiderte ihm, das sei nichts Neues, doch im Jahr vorher seien der Kommentar zum Jakobusbrief (geschrieben von Ed Dunlap) wie auch das Buch Wähle den besten Lebensweg (von Reinhard Lengtat) Anfang Januar in die Druckerei gegangen, also früh genug. (Meine Aufgabe war es [242] gewesen, dafür zu sorgen, daß diese beiden Bücher rechtzeitig fertig wurden. An dem Buch für 1980, betitelt Der Weg zu wahrem Glück, schrieb gerade Gene Smalley, der noch nie ein Buch verfaßt hatte; dieses Projekt wurde nicht von mir betreut.) Abschließend sagte ich noch, ich könne nicht einsehen, daß dies ein Grund für solche Nachforschungen sei.

Schroeder fuhr fort:

„Und außerdem sind einige Brüder nicht so ganz zufrieden damit, wie ihre Artikel überarbeitet werden. Ray Richardson hat gesagt, er habe einen Artikel eingereicht (er nannte das Thema) und sei gar nicht erfreut über die Art und Weise, was man daraus gemacht habe.“

Ich sagte darauf: ,,Bert, wenn du auch nur ein bißchen was von Autoren weißt, dann dies, daß keiner es vertragen kann, wenn in seinem Werk herumgestrichen wird. Das ist doch nichts Neues! Das gibt es doch schon, seit es die Schreibabteilung gibt. Was sagt denn Lyman (Swingle, der Koordinator der Schreibabteilung) dazu?“

„Oh, Lyman ist zur Zeit nicht da.“

„Das weiß ich auch“, antwortete ich. „Er ist auf Zonenreise. Hast du ihm geschrieben?“

„Nein.“

Dann sagte ich: „Das kommt mir aber sehr merkwürdig vor, Bert. Nimm mal an, Milton Henschel (der Koordinator des Verlagskomitees, das für die gesamte Produktion der Druckerei zuständig ist) wäre auf Reisen, und nimm an, ein anderes Mitglied des Verlagskomitees wäre ebenfalls weg, meinetwegen Grant Suiter, und der leitenden Körperschaft käme zu Ohren, in der Druckerei laufe alles nicht so optimal. Meinst du, die leitende Körperschaft würde dann beschließen, die Druckerei und ihre Arbeitsab­läufe durch eine Untersuchung auf den Kopf zu stellen, während diese beiden Brüder abwesend sind?“ (Ich wußte, daß man an so etwas nicht einmal im Traum denken würde.)

Er zögerte etwas und sagte dann: „Es ist halt so, daß wir von der leitenden Körperschaft den Auftrag bekommen haben, und jetzt arbeiten wir eben einen Bericht für sie aus. Und den werden wir morgen vorlegen.“

Ich erwiderte: „Ich wäre dir dankbar, wenn du sie wissen ließest, wie ich darüber denke. Ich halte das für eine schwere Beleidigung von Lyman Swingle, menschlich gesehen und auch in Anbetracht seiner Position und seiner langen Dienstzeit, wenn man solche Aktionen unternimmt, ohne ihn zu konsultieren oder wenigstens zu informieren.“

Schroeder sagte, er wolle meine Äußerungen weitergeben. Ich fügte noch hinzu, wenn es irgendetwas gebe, das wirklich wichtig sei und worüber gesprochen werden müßte, könnte ich jederzeit kommen. „Das könntest du?“ fragte er. „Ja, natürlich könnte ich das. Ich brauchte nur ins Flugzeug zu steigen und rüberzufliegen.“ Er fragte, ob ich am kommenden Mittwoch da sein könne. Darauf sagte ich: „Und wofür soll das gut sein, wenn Lyman Swingle dann nicht da ist?“ Damit schloß das Gespräch.

10.5.7 Die Verantwortlichen halten sich verdeckt, das Untersuchungsgericht arbeitet im Finsteren

Mehrfach hatte der Vorsitzende der leitenden Körperschaft der Zeugen [243] Jehovas Gelegenheit gehabt, meine Bitte um Auskunft offen und ehrlich zu erfüllen und zu sagen: „Ray, wir haben das Gefühl, daß da eine schwerwie­gende Sache ins Rollen gekommen ist; es steht sogar der Vorwurf der Abtrünnigkeit im Raum. Wir meinen, du solltest wissen, daß dein Name da mit hineingezogen wird‘; und bevor wir irgendetwas unternehmen, dachten wir, vom christlichen Standpunkt gesehen sei es richtig, zuerst mit dir selbst zu reden.“

Stattdessen sagte er nichts, kein einziges Wort, aus dem hervorging, wie die Dinge standen. Den letzten Teil dieser Äußerung hatte er allerdings sowieso nicht mehr machen können, da er und die anderen Mitglieder des Vorsitzenden-Komitees bereits die ganze umfangreiche Maschinerie von Bandauf­zeichnungen, Untersuchungskomitees und Verhören in Gang gebracht hatten. Die Lagebeschreibung, die der Vertreter der leitenden Körperschaft mir gab, war also schlicht irreführend, ein reines Phantasieprodukt. Nur konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, wie sehr ich an der Nase herumgeführt wurde. Schon bald erfuhr ich mehr, doch fast ausschließlich durch Quellen außerhalb der leitenden Körperschaft.

War schon das Verhalten der leitenden Körperschaft und ihres Vorsitzen­den-Komitees mir gegenüber schwer begreiflich, so wird es vollends uner­klärlich, ja unentschuldbar, daß man zu Ed Dunlap, der doch direkt in der Weltzentrale arbeitete, nicht aufrichtig und ehrlich war. Schon der einfache Anstand hätte Barry und Barr bewegen müssen, ihm auf seine Fragen nach dem Zweck des Verhörs zu sagen, weshalb die leitende Körperschaft sie beauftragt hatte und welche schweren Anklagen erhoben wurden. Jesus Christus sagte, wir sollten andere so behandeln, wie wir von ihnen behan­delt werden wollten. Christliche Grundsätze hätten es zwingend erfordert, daß ihm jemand ins Angesicht sagt, welche Anschuldigungen über Abtrün­nigkeit hinter seinem Rücken erhoben wurden. Diejenigen, die die Vor­würfe kannten, wollten es nicht tun. Und sie taten das bewußt noch fast einen ganzen Monat lang nicht! Und dabei nannten sie seinen (und meinen) Namen erst gegenüber den Mitgliedern der Untersuchungskomitees, später gegenüber den Rechtskomitees, insgesamt über einem Dutzend Männern, und noch immer ging niemand von der leitenden Körperschaft zu ihm und teilte ihm mit, welche schweren Vorwürfe mit seinem Namen verbunden wurden. Und viele von ihnen hatten täglich mit ihm Kontakt!

Wie man eine solche Handlungsweise noch als christlich ansehen kann, weiß ich nicht.

10.6 Die eiserne Hand derer, welche ihre Macht lieben und missbrauchen
10.6.1 Erste Ausschliessungen aus der Gemeinschaft künden drohende Gerichte an: Die Köpfe von Cris Kuilan und dessen Frau, Rene und Else Vasquez rollen als erste

Am Freitag, den 25. April, ganze drei Tage nach Schroeders Anruf, wurden Cris Sanchez und seine Frau sowie Nestor Kuilan durch die von der leitenden Körperschaft eingesetzten Rechtskomitees aus der Gemeinschaft ausgestoßen, Ein anderes Rechtskomitee schloß Rene und Else Vazquez sowie einen Ältesten ihrer Nachbarversammlung aus der Organisation aus. Alle Namen außer dem des Ältesten wurden vor der gesamten Belegschaft der Weltzentrale verlesen mit dem Hinweis, daß ihnen die Gemeinschaft entzogen worden sei. Damit informierte die leitende Körperschaft über 1500 [244] Personen, hielt es aber nicht für angezeigt, auch mir etwas davon zu sagen. Natürlich habe ich es dann auch erfahren, aber nicht durch meine Amtskol­legen von der leitenden Körperschaft, sondern durch Anrufe der Betroffenen. Diane Beers, zehn Jahre lang Mitarbeiterin in der Weltzentrale und gut mit den Ehepaaren Sanchez und Kuilan bekannt, beschreibt in einem Brief, wie die Ereignisse der Woche vom 21. bis 26. April 1980 auf sie gewirkt haben:

„Ich glaube, was sich mir am stärksten eingeprägt hat, war die grausame Art und Weise, in der man mit den Brüdern verfuhr. Sie wußten nie, wann sie vor einem Komitee zur Verhandlung erscheinen sollten. Das Telefon klingelte plötzlich und Cris wurde geholt. Nachher kam er zurück, das Telefon klingelte wieder, und nun war Nestor an der Reihe. Und so ging das die ganze Zeit. Man ließ sie die ganze Woche über völlig im Unklaren. Norma erzählte mir einmal, das Komitee wolle mit ihr reden, ohne daß Cris dabei sei, und sie wisse nicht, was sie tun solle. Ich riet ihr, nie ohne Cris zu gehen, sonst hätte sie keinen Zeugen dafür, was man ihr gesagt und was sie geantwortet hat. Sie könnten alles Mögliche behaupten, und dann hätte sie keine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Langsam wurde offensichtlich, daß Norma gegen Cris ausgespielt werden sollte.

Am Freitagnachmittag (25. April) schließlich kreuzte das Komitee um 16.45 Uhr im 8. Stock auf, wo wir alle arbeiteten, und ging gleich ins Konferenzzimmer, das neben meinem Arbeitsplatz lag. Kurz darauf war Arbeitsschluß, und alle gingen heim. Ich blieb aber da, weil ich sehen wollte, wie es ausging. Nacheinander wurden Cris und Norma und Nestor und Toni hineingerufen; immer wenn einer herauskam, ging ich hin, um zu erfahren, wie der ,Schuldspruch‘ lautete. Ich weiß noch, wie ich in Nestors Büro ging, um mit ihm und Toni zu reden, und sie zu mir sagten, ich solle lieber gehen, sonst würde ich auch noch Ärger bekommen, weil ich mit ihnen zusammen gesehen worden sei. Ich ging zu Fuß nach Hause und mußte auf dem ganzen Weg gegen die Tränen ankämpfen. Ich konnte einfach nicht mehr, so schrecklich war es. Ich konnte nicht fassen, was da vor sich ging. Das ist ein Gefühl, das ich nie vergessen werde. Viele Jahre lang hatte ich hier ein Zuhause gefunden und mich wohlgefühlt, und jetzt kam ich mir völlig fremd vor. Ich mußte daran denken, wie Jesus sagte, an ihren Früchten werde man sie erkennen, und in meinen Augen hatte das, was ich in dieser Woche erlebt hatte, mit christlichem Handeln einfach nichts mehr zu tun. Es war so gefühllos und ohne Liebe. Diese Menschen hatten viele Jahre lang für die Gesellschaft gearbeitet, hatten einen guten Ruf und wurden von allen sehr geschätzt. Und doch zeigte man ihnen keine Barmherzigkeit. Das war unfaßbar für mich.

An dem Abend hatten wir Versammlung, aber ich bin einfach nicht hingegangen, denn ich war zu aufgebracht. Als Leslie (die Zimmergenossin) nach der Versamm­lung zurückkam, unterhielten wir uns noch, und auf einmal klopfte es. Es muß so gegen 11 Uhr gewesen sein. Toni Kuilan war es. Sie war noch gar nicht richtig drin, da brach sie schon schluchzend zusammen. Sie wollte nicht, daß Nestor erfuhr, wie sehr sie das alles mitnahm. Wir saßen zusammen und heulten und redeten. Wir sagten ihr, daß sie und Nestor noch genauso unsere Freunde seien wie vorher. W

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

9. Kapitel: 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“

9. Kapitel: 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“

9 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“ *
9.1 Der Glaube an Prophezeiungen werden untergraben, sie werden auf die Zukunft verschoben!
9.1.1 Die Spekulation mit der Vergesslichkeit der Anhänger

„Eure Sache ist es nicht, Zeiten oder Termine zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apostelgeschichte 1:7, Wilckens).

Wahrend der zweiten Hälfte von Rutherfords Präsidentschaftszeit ließ man die meisten der älteren Zeitprophezeiungen. die in der ersten Hälfte so emsig propagiert worden waren, nach und nach fallen oder verschob sie. Der Anfang der „letzten Tage“ wurde von 1799 auf 1914 verlegt.

Der Beginn der Gegenwart Christi wurde von 1874 gleichfalls auf 1914 verschoben, so wie es 1922 bereits mit dem offiziellen Beginn der aktiven Königreichsherrschaft Christi im Jahr 1878 getan worden war.

Der Beginn der Auferstehung wurde von 1878 auf 1918 hinausgeschoben. Eine Zeitlang hieß es sogar, das Jahr 1914 habe das „Ende der Welt“ gebracht in dem Sinne, daß Gott den weltlichen Nationen das Herrschaftsrecht entzogen habe. Doch bald war davon nicht mehr die Rede; das „Ende“ oder „der Abschluß des Systems der Dinge“ (wie es in der Neuen-Welt-Überset­zung heißt) soll jetzt in der Zukunft liegen.

9.1.2 Der Spuk um Dinge, die im „unsichtbaren Bereich“ stattfinden sollen

Da es dabei immer nur um Dinge ging, die unsichtbar waren, kam es ganz auf die Glaubwürdigkeit der vorgetragenen Auslegung an. Nach einer Sitzung der leitenden Körperschaft, in der es um diese Zeitprophezeiungen und deren Verschiebungen ging, sagte Bill Jackson mit einem Lächeln zu mir: „Früher haben wir immer gesagt: Man braucht das Datum nur von einer Schulter auf die andere zu legen.“

Erst nach Rutherfords Tod 1942 wurde das Jahr 606 v. u. Z. nicht mehr als Beginn der 2520 Jahre angesehen. Merkwürdigerweise hatte 60 Jahre lang niemand bemerkt oder zugegeben, daß 2520 Jahre, ab 606 v. u. Z. gerechnet, eigentlich bis 1915 dauern.

Sang- und klanglos wurde dann der Ausgangspunkt um ein Jahr zurückver­legt auf 607 v. u. Z., so daß man das Jahr 1914 als Ende der 2520 Jahre beibehalten konnte. Historisches Beweismaterial dafür, daß die Zerstörung Jerusalems bereits ein Jahr eher als angegeben stattgefunden hätte, war keines aufgetaucht. Einzig der Wunsch der Organisation, das Jahr 1914 als Schlüsseldatum beizubehalten, auf das man so lange hingewiesen hatte (ganz im Gegensatz zu 1915), veranlagte die Zurückverlegung der Zerstörung [191] Jerusalems um ein Jahr. Auf dem Papier ist das ja auch weiter kein Problem.

9.1.3 Man irrte auch mit dem Ende der 6000-Jahrperiode um gute 100 Jahre: Nun war es 1975. Dann erzeigte sich auch dies erneut als Irrtum!

Mitte der 1940er Jahre entschied man dann, daß die zu Russells und Rutherfords Zeiten verwendete Chronologie die Zeitspanne bis zur Erschaf­fung Adams um mindestens 100 Jahre verkehrt angab. Im Jahr 1966 liess die Organisation verlauten, 6000 Jahre Menscheitsgeschichte endeten 1975 und nicht 1874, wie man zuvor gesagt hatte.

Dies wurde im Sommer 1966 in einem Buch veröffentlicht, das den Titel trug Ewiges Leben – in der Freiheit der Söhne Gottes, verfaßt von Fred Franz. In Kapitel 1 war darin vom Jubeljahr die Rede, das schon bei den Voraussagen über 1925 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Es wurde (wie auch damals schon) die Ansicht vertreten, die Menschheit solle sechs „Tage“ zu je 1000 Jahren in Unvollkommenheit leben, worauf ein siebenter „Tag“ von 1000 Jahren folge, in dessen Verlauf die Vollkommenheit wiedererlangt werden würde – ein großes Jubeljahr der Befreiung von der Versklavung unter Sünde, Krankheit und Tod. Auf den Seiten 29 und 30 konnte man lesen:

„Seit der Zeit Usshers ist ein intensives Studium der biblischen Chronologie betrieben worden. In diesem zwan­zigsten Jahrhundert wurde ein unabhängiges Studium durchgeführt, das nicht blindlings den traditionellen chro­nologischen Berechnungen der Christenheit folgte, und die [30]veröffentlichte Zeittafel, die von diesem unabhängigen Studium herrührt, gibt das Datum der Erschaffung des Menschen mit 4026 v.u.Z. an. Gemäss dieser zuverlässigen Bibelchronologie werden 6000 Jahre, von der Zeit der Erschaffung des Menschen an, mit dem Jahre 1975 enden, und die „siebente Periode von eintausend Jahren Menschheitsgeschichte beginnt im Herbst des Jahres 1975 u.Z. Sechstausend Jahre der Existenz des Menschen auf Erden werden bald vorüber sein, ja, innerhalb dieser Generation. Jehova Gott ist ewig, wie das in Psalm 90:1, 2 (NW) gesagt wird: „O Jehova, du selbst hast dich von Generation zu Generation als unsere wirkliche Wohnung erwiesen. Ehe die Berge selbst geboren waren oder du die Erde und da, ertragfähige Land wie unter Geburtswehen hervorbringen ließest, ja, von unabsehbarer Zeit zu unab­sehbarer Zeit bist du Gott. So sind vom Standpunkt Jehovas Gottes aus diese verflossenen sechstausend Jahre der Existenz des Menschen wie nur sechs Tage von vierund­zwanzig Stunden, denn in diesem gleichen Psalm (Verse 3, 4, NW) heißt es weiter: Du lässt den sterblichen Men­schen zurückkehren zu zerfallener Materie und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschensöhne.‘ Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er ver­gangen ist, und wie eine Wache in der Nacht. So erreichen wir nicht viele Jahren innerhalb unserer Generation das was Jehova Gott als den siebenten Tag der Existenz des Menschen ansehen könnte.“ [192]

Welche Bedeutung sollte das haben? Folgendermassen wurde der Gedanken­gang weitergeführt:

„Wie Passend es für Jehova Gott sein würde, diese kommende siebente Periode von tausend Jahren zu einer [31] Sabbbatperiode der Ruhe und Befreiung zu machen, zu einem grossen Jubelsabbat, um Freiheit auf der ganzen Erde allen ihren Bewohnern auszurufen! Das würde für die Menschen äusserst zeitgemäss sein. Es würde auch von Gott aus sehr zeitgemäss sein, denn erinnere dich bitte daran, die Menschheit hat nur noch das vor sich, was das letzte Buch der Heiligen Schrift über die Tausendjahrherrschaft Jesu Christi über die Erde , die Milleniumsherrschaft Jesu Christi sagt. Prophetisch sagte Jesus Christus, als er vor neunzehnhundert Jahren auf der Erde war, über sich selbst: „ Denn der Sohn des Menschen ist Herr über den Sabbat“ (Matthäus 12:8) Es würde sich nicht nur lediglich um Zufall oder Wahrscheinlichkeit handeln, sondern es würde gemäss dem liebenden Vorhaben Jehovas Gottes sein, dass die Herrschaft Jesu Christi, des ‚Herrn über den Sabbat?, parallel mit dem siebenten Millenium der Existenz des Menschen läuft.“

Hatte die Organisation damit platt verkündet, 1975 sei der Beginn des Millenniums? Das nicht, doch dieser Absatz war der Höhepunkt, auf den die gesamte umständliche Beweisführung des Kapitels zusteuerte.

9.1.4 1975 als das für Gott passende Jahr für den Beginn des Millenniums angezeigt

Klare, uneingeschränkte Aussagen über 1975 macht der Verfasser nicht, doch er fühlt sich so frei, es als „passend“ und „von Gott aus sehr zeitgemäß“ zu bezeichnen, wenn Gott das Millennium zu genau jenem Zeitpunkt beginnen ließe. Wenn ein unvollkommener Mensch sagt, was für den allmächtigen Gott passend ist und was nicht, so muß vorausgesetzt werden, daß er sich seiner Sache sehr sicher ist und daß es sich nicht nur um seine persönliche Ansicht handelt. Schon allein die Klugheit würde das zwingend gebieten. Noch unzweideutiger ist die dann folgende Aussage, es „würde gemäß dem liebenden Vorhaben Jehovas Gottes sein, daß die Herrschaft Jesu Christi, des Herrn über den Sabbat‘, parallel mit dem siebenten Millennium der Existenz des Menschen läuft“, und von diesem siebenten Millennium war zuvor gesagt worden, es beginne 1975.

Im Jahr darauf erschien in Erwachet!, der Begleitzeitschrift des Wacht­turms, in der Ausgabe vom 22. April 1967 ein Artikel mit der Überschrift „Wie lange wird es noch dauern?“ Dort wurde unter „1975 sind 6000 Jahre abgelaufen“ ebenfalls erklärt, daß das Millennium die letzten 1000 Jahre eines 7000jährigen Ruhetages Gottes umfasse. Weiter hieß es dann (Seite 19, 20):

„Die Tatsache, daß wir uns dem Ende der ersten 6000 Jahre Menschheits­geschichte nähern, ist daher von großer Be­deutung. [193] Fällt Gottes Ruhetag mit der Zeit zusam­men, die seit der Erschaffung des Menschen vergangen ist? Offenbar. Die zuverlässigsten Untersuchungen der biblischen Zeitrechnung, die mit vielen Daten, die die Weltgeschichte anerkennt, übereinstimmt, zeigen, daß Adam im Herbst des Jahres 4026 v, u.Z. erschaffen wurde. In jenem Jahr konnte auch Eva er­schaffen worden sein, und gleich darauf mußte Gottes Ruhetag begonnen haben. In welchem Jahr wären dann die ersten 6000 Jahre Menschheitsgeschichte und auch die ersten 6000 Jahre des göttlichen Ruhetages zu Ende? Im Jahre 1975. Das ist beachtenswert, besonders wenn man bedenkt, daß im Jahre 1914 die „letzten Tage“ begannen und daß die Geschehnisse unserer Tage, durch die sich biblische Prophezeiungen erfüllen, diese Ge­neration als die letzte dieser bösen Welt kennzeichnen. Wir können daher erwarten, daß sich in naher Zukunft Dinge abspielen werden, die alle, die an Gott und seine Ver­heißungen glauben, begeistern werden. Es bedeutet, daß wir im Laufe verhältnismäßig weniger Jahre Zeugen von der Erfüllung der restlichen Prophezeiungen sein werden, die mit der .Zeit des Endes“ zu tun haben.“

Im Wachtturm vom 1. August 1968 wurden diese Erwartungen weiter geschürt. Erst wurde im wesentlichen derselbe Gedankengang wie in dem eben erwähnten Artikel vorgetragen, und dann war zu lesen (Seite 464):

„In der unmittelbaren Zukunft werden sich die Ereignisse überstürzen, denn dieses alte System geht seinem vollständigen Ende entgegen. Es dauert höchstens noch ein paar Jahre bis sich der letzte Teil der biblischen Pro­phezeiung über diese „letzten Tage“ erfüllen wird und die Menschen, die dann noch am Leben sind, durch die herrliche Tausendjahrherrschaft Christi befreit werden. Schwere Zeiten, aber zugleich auch wunderbare Zeiten stehen uns bevor!“ [194]

Heute, 20 Jahre später, fragt man sich, was denn mit „der unmittelbaren Zukunft“ gemeint sein könnte. Wie viele Jahre sind „höchstens noch ein paar Jahre“?

9.1.5 „Die Kürze der verbleibenden Zeit“ sollte die Erwachet!-Leser auf das Jahr 1975 einstimmen

Und noch ein weiteres Mal wurde die Kürze der verbleibenden Zeit hervorgehoben, diesmal in der Erwachet!-Ausgabe vom 8. April 1969 in einem Artikel mit der Überschrift „Was werden die 1970er Jahre bringen?“, der wie folgt beginnt (Seite 13):

„DIE Tatsache, daß mehr als vierundfünf­zig Jahre der Zeitspanne, die als die .letzten Tage“ bezeichnet wird, verflossen sind, ist hoch bedeutsam: im Höchstfall dauert es nur noch wenige Jahre, bis Gott das verderbte System der Dinge, dar jetzt die Erde beherrscht, vernichten wird.“

Im selben Artikel wird an anderer Stelle über das Jahr 1975 als den Abschluß von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte gesagt (Seite 14):

„Die Tatsache, daß wir in den letzten paar Jahren dieser .Zeit des Endes“ leben, kann noch auf eine andere Weise nachgewiesen werden. (Dan. 12:9) Die Bibel zeigt, daß 6000 Jahre Menschheitsgeschichte bald abge­laufen sind.“

Immer wieder zitierten die Wachtturm-Veröffentlichungen Aussprüche von Prominenten oder von angeblichen Experten auf irgendeinem Gebiet, die sich auf 1975 bezogen, so beispielsweise Dean Acheson, den früheren US-Außenminister, der 1960 gesagt hatte:

„Ich bin über das, was vor sich geht, ausreichend unterrichtet, um mit Sicherheit sagen zu können, daß diese Welt heute in 15 Jahren (oder bis 1975) zu gefährlich sein wird, um darin zu leben.“

Mehrfach wurde das Buch Famine -1975! (Hungersnot – 1975!) zitiert, das zwei Ernährungswissenschaftler geschrieben hatten, besonders die folgen­den Auszüge:

„Bis 1975 wird die Welt von einer beispiellosen Katastrophe heimgesucht werden. Der Hunger, wie es noch keinen gegeben hat, wird in den unterentwickelten Ländern grassieren.“

„Ich sage ein bestimmtes Jahr voraus, nämlich 1975; in diesem Jahr werden wir uns in der neuen Krise in ihrer ganzen furchtbaren Bedeutung befinden.“

„Bis 1975 werden in vielen Hungerländern Rechtlosigkeit, Anarchie, Militärdik­tatur, galoppierende Inflation, Zusammenbruch des Verkehrswesens, Chaos und Unruhen an der Tagesordnung sein.“

Drei Jahre, nachdem Fred Franz in dem Buch Ewiges Leben – in der Freiheit der Söhne Gottes erstmals die Aufmerksamkeit auf 1975 gelenkt hatte, [195] verfaßte er eine weitere Schrift, mit dem Titel Tausend Jahre Frieden nahen![1] Darin drückte er sich noch eindeutiger und genauer aus als zuvor, sofern das überhaupt noch möglich war. Auf den Seiten 25 und 26 dieser 1969 veröffentlichten 32seitigen Broschüre stand:

„Vor einiger Zeit haben ernsthafte Erforscher der Bibel deren chronologische Angaben neu überprüft. Nach ihren Berechnungen wird die Menschheit um die Mitte der 1970er Jahre sechs Millionen auf der Erde sein. Das siebente Millennium nach Adams Erschaffung durch Jehova Gott würde somit in weniger als zehn Jahren beginnen. Der Herr Jesus Christus kann nur „Herr über den Sabbat“ sein, wenn die tausend Jahre seiner Herrschaft die siebente Periode einer Reihe von Tausendjahrperi­oden oder Millenien ist. (Matthäus 12:8) Dann ist seine Herrschaft nämlich eine Sabbatherrschaft.“

9.2 Das Sabbatjahr in dem erneut keine Freiheit ausgerufen wurde!
9.2.1 Jene die das Sabbatgebot leugnen machen sich stark für den „Herrn des Sabbats“

Die Beweiskette ist ganz simpel: So wie der Sabbat die siebente Periode nach sechs Perioden der Mühsal war, so wird Christi Tausendjahrherrschaft ein sabbatgleiches Millennium sein, das auf die sechs Millennien der Mühsal und des Leidens folgt. Die Darstellung ist in keiner Weise unbestimmt oder mehrdeutig gehalten. Das kommt am besten auf Seite 26 zum Ausdruck:

„Der Herr Jesus Christus kann nur ‚Herr über den Sabbat’ sein, wenn die tausend Jahre seiner Herrschaft die siebente Periode einer Reihe von Tausendjahrperioden oder Millennien ist.“

So wie man für Gott festgelegt hatte, was zu tun für ihn „passend“ oder „sehr zeitgemäß“ wäre, so wird hier Christus vorgeschrieben, wie er zu handeln hat. Damit er das sein kann, was er gesagt hat, nämlich „Herr über den Sabbat“, muß seine Herrschaft das siebente in einer Folge von Millen­nien sein. Menschliches Denken schreibt das dem Sohn Gottes vor. Im Jahre 1975 würden 6000 Jahre enden; demnach muß die Herrschaft Christi das darauf folgende siebente Jahrtausend umfassen. Damit hatte der „Sklave“ letztlich das Programm umrissen, das sein Herr und Meister auszuführen hätte, wollte dieser seinem Wort treu bleiben.

Das ganze glich auffällig dem, was in Richter Rutherfords Broschüre Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben gestanden hatte, womit dieser sich, wie er selbst zugab, lächerlich gemacht hatte. Diesmal war nur der Stil eleganter. Es war, als hätte man die Uhr um rund ein halbes [196] Jahrhundert zurückgedreht, auf die Zeit vor 1925. Die gleichen Gedanken wie damals waren wieder zu hören, nur diesmal auf 1975 bezogen.[2]

Als die siebziger Jahre anbrachen, wurden die Erwartungen weiter ange­heizt. In Erwachet! vom 22. April 1972 war wieder die Rede von sechs Perioden der Mühsal und Arbeit, gefolgt von einer siebenten (Sabbat-) Periode der Ruhe. Dann hieß es:

„Da in diesem Jahrzehnt 6000 Jahre der Menschheitsge­schichte enden werden, besteht die herrliche Hoffnung, daß ein großartiger Sabbat der Ruhe und Erquickung nahe ist.“

Auf der vorhergehenden Seite war folgende Graphik zu sehen:

„Da wir uns Mitte der 1970er Jahre dem Zeitpunkt nähern, da 6000 Jahre der Menschheitsgeschichte enden, besteht die herrliche Hoffnung bald von dem gegenwärtigen Druck befreit zu werden.“

9.2.1 Wer beständig falsche Hoffnungen weckt, die nie erfüllt werden, der richtet sich und andere zugrunde (Spr 10:28; 11:7)

All diese Aussagen beabsichtigen sehr deutlich, Hoffnung und Spannung zu wecken und zu schüren. Sie sollen ganz und gar nicht übersteigerte Erwartungen dämpfen oder abbauen helfen. Wohl stand meist noch ein einschränkender Satz dabei wie: „Aber wir sagen das nicht mit Bestimmt­heit“ oder: „Wir legen damit kein Datum fest“ und: „Wir wissen Tag und Stunde nicht.“ Zu bedenken ist aber, daß die Organisation nicht unerfahren auf diesem Gebiet war. Seit dem Tag ihrer Gründung hatte sie immer wieder Hoffnungen hinsichtlich bestimmter Termine geweckt, die sieh stets zerschlugen, wenn der Zeitpunkt heranrückte. Hinterher versuchte man in den Veröffentlichungen der Gesellschaft, die Schuld an den Fehlschlägen nicht den Verbreitern, sondern den Empfängern der Botschaft zuzuschrei­ben, die eben zuviel erwartet hätten. Die Verantwortlichen in der Organisa­tion hätten nun wirklich sehen müssen, welche Gefahr ihr Vorgehen barg, hätten wissen müssen, wie empfänglich Menschen nun einmal dafür sind, sich in grossartige Hoffnungen hineinzusteigern.

Zwar hüteten sich die leitenden Herren sehr, den Beginn des Millenniums ausdrücklich für ein bestimmtes Jahr vorauszusagen, doch es war ihnen [197] recht, daß in den ZeitschriftenWachturm und Erwachet! Wendungen wie „in verhältnismäßig wenigen Jahren“, „in der unmittelbaren Zukunft“, „in höchstens noch ein paar Jahren“, „nur noch einige wenige Jahre“, „die wenigen letzten Jahre“ im Hinblick auf die Tausendjahrherrschaft gebraucht wurden, und zwar sämtlich im Zusammenhang mit der Jahreszah 1975. Hatten diese Worte irgendeinen Sinn? Oder waren sie absichtlos, unbedacht geäußert worden? Darf man mit den Hoffnungen, den Plänen, den Gefühlen der Menschen leichtfertig umgehen? Zu alledem kommt noch, dass im Wachtturm vom 15. November 1968 sogar zu verstehen gegeben wurde, man solle die zur Vorsicht mahnenden Worte Jesu nicht überbewerten:

„15. November 1963
35 Eines steht fest: Die biblische Chronolo­gie, die durch die Erfüllung biblischer Prophezeiungen bestätigt wird, zeigt, daß 6000 Jahre Menschheitsgeschichte bald, ja noch in unserer Generation, enden werden (Matth. 24:14) Es ist daher jetzt nicht an der Zeit, gleichgültig zu sein und in den Tag hinein­zuleben. Es ist nicht an der Zeit, mit dem Gedanken zu spielen, Jesus habe ja gesagt: „Von jenem Tage und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matth. 24:36) Im Gegenteil, wir sollten uns ständig vor Augen halten, daß das gewalt­same Ende des gegenwärtigen Systems der Dinge eilends herannaht. Täuschen wir uns nicht: Es genügt, daß nur der Vater „Tag und Stunde“ kennt!“

Wie könnte ein „treuer und verständiger Sklave“ jemals etwas Derartiges sagen? Das hieß doch im Kern: „Schon recht, mein Herr sagt so und so, aber das braucht ihr nicht so ernst zu nehmen. Im Gegenteil, das was ich sage, soll euch als Richtschnur im Leben dienen.“

9.2.2 Die Watchtower braucht mehr kostenlose Arbeiter, um ihre Umsätze hochzutreiben: Einladung angesichts dem Ende im Jahr 1975 Haus und Hof zu verkaufen!

Einige der eindeutigsten Aussagen kamen aus der Dienstabteilung der Weltzentrale. Dort wird der Königreichsdienst geschrieben, ein monatli­ches Mitteilungsblatt, das nur für die Zeugen und nicht für die Öffentlich­keit bestimmt ist. In der Ausgabe vom April 1968 wurde dazu angespornt, den Vollzeitpredigtdienst („Pionierdienst“) zu ergreifen:

„In Anbetracht der kurzen verbleibenden Zeit möchten wir dies so oft tun, wie es die Umstände erlauben. Bedenkt, liebe Brüder, daß nur noch ungefähr 90 Monate verbleiben, bis 6000 Jahre der Existenz des Men­schen hier auf Erden voll sind.“ [198]

In der US-Ausgabe des Königreichsdienstes für Mai 1974 hieß es, nachdem auf die „kurze verbleibende Zeit“ verwiesen worden war:

„Es gehen Berichte über Brüder ein, die Haus und Habe verkaufen, um die restliche Zeit in diesem alten System im Pionierdienst zu verbringen. Bestimmt ist dies eine vorzügliche Art und Weise, die kurze Zeit, die bis zum Ende der verderbten Welt noch bleibt, zu verbringen (1. Joh. 2:17).“

Nicht wenige Zeugen handelten so. Sie verkauften ihr Geschäft, gaben ihren Arbeitsplatz auf, verkauften Haus und Hof und zogen in andere Gegenden, in „Gebiete, wo Hilfe dringender benötigt“ wurde, wobei sie sich ausrechne­ten, daß ihr Geld ja bis 1975 reichen würde.

Andere, darunter altere Leute, liegen sich ihre Versicherungen auszahlen und verkauften Wertpapiere. Manche schoben Operationen auf, weil sie hofften, mit dem Kommen des Millenniums erübrigten sich diese.

Als 1975 verstrichen und das Geld verbraucht oder das Leiden schlimmer geworden war, mußten sie zusehen, wie sie mit der harten Realität fertig wurden, und von vorn anfangen, so gut es eben ging.

9.2.3 Die Statistiken scheinen Präsident Knorr und Fred Franz Recht zu geben: Leichtgläubigkeit ist lernbar

Was tat sich während dieser Zeit in den Köpfen der Männer in der leitenden Körperschaft?

Einige altere Mitglieder des Kollegiums hatten die Enttäuschungen der Jahre 1914 und 1925 selbst miterlebt. ebenso daß Anfang der vierziger Jahre große Erwartungen geweckt worden waren. Die meisten, so mein Eindruck, nahmen erstmal eine abwartende Haltung ein. Zur Zurückhaltung aufrufen mochten sie nicht, denn eine starke Zunahme war zu verzeichnen, wie die Statistik über die Zahl der Getauften von 1960 bis 1975 zeigt:

Jahr

1960
1961
1962
1963
1964
1965
1966
1967

Getaufte

69 027
63 070
69 649
62 798
68 236
64 393
58 904
74 981

Jahr

1968
1969
1970
1971
1972
1973
1974
1975

Getaufte

82 842
120 805
164 193
149 808
163 123
193 990
297 872
295 073

Von 1960 bis 1966 war die Steigerungsrate fast Null. Ab dem Jahr 1966 jedoch, nachdem man 1975 zum Thema gemacht hatte, kam es, wie die Tabelle deutlich zeigt, zu einem phänomenalen Wachstumsschub.

Soweit ich mich entsinnen kann, hat sich in den Jahren 1971 bis 1974, während ich Mitglied der leitenden Körperschaft war, niemand aus diesem Personenkreis mit deutlicher Sorge über die hochfliegenden Erwartungen geäußert, die man geweckt hatte. Ich will nicht verhehlen, daß auch ich anfangs sehr bewegt war, als 1966 das Buch Ewiges Leben – in der Freiheit[199] der Söhne Gottes ein strahlendes Bild des nahe bevorstehenden tausendjäh­rigen Jubeljahrs gezeichnet hatte. Noch will ich behaupten, ich hätte zu Anfang nicht ebenfalls einen Anteil an der Kampagne zur Publikmachung des Jahres 1975 gehabt. Doch mit jedem Jahr, das auf 1966 folgte, erschien mir die ganze Vorstellung immer unwirklicher. Je mehr ich in der Bibel las, desto weniger stimmte für mich das Konzept. Es paßte einfach nicht zu dem, was Jesus Christus selbst gesagt hatte, unter anderem zu folgenden Aussprü­chen:

„Von jenem Tag und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“
„Wacht deshalb beharrlich, weil ihr nicht wißt, an welchem Tag euer Herr kommt.“
„Deswegen erweist auch ihr euch als solche, die bereit sind, denn zu einer Stunde, da ihr es nicht denkt, kommt der Sohn des Menschen.“
„Haltet ständig Ausschau, bleibt wach, denn ihr wißt nicht, wann die bestimmte Zeit da ist.“
„Es ist nicht eure Sache, über die Zeiten oder Zeitabschnitte Kenntnis zu erlangen, die der Vater in seine eigene Rechtsgewalt gesetzt hat.“[3]

Allerdings konnte man kaum etwas machen, wenn man in der Weltzentrale einer Organisation tätig war, die vor Freude über den gewaltigen Erfolg fast überschäumte. Ich konnte zwar einige Artikel, die ich zu bearbeiten hatte, im Ton etwas zu mässigen versuchen, aber das war auch schon alles. Nur im privaten Rahmen, in Vorträgen und Gesprächen, bemühte ich mich, auf die oben zitierten Schriftstellen zu verweisen.

Eines Sonntags im Jahr 1974 kam mein Onkel, damals Vizepräsident, abends in unser Zimmer, nachdem meine Frau und ich von einer Vortrags­verpflichtung aus einem anderen Teil des Landes zurückgekehrt waren. (Da sein Augenlicht extrem schwach war, lasen wir ihm jede Woche die Wachtturm-Studienartikel laut vor.) Meine Frau erwähnte, daß ich in meinem Vortrag an dem Wochenende die Brüder davor gewarnt hatte, ihre Erwartungen für 1975 zu hoch zu schrauben. Spontan erwiderte er: „Ja, warum sollten sie denn keine großen Erwartungen haben? Das muß einen doch begeistern!“

Für mich steht außer Zweifel, daß in der ganzen leitenden Körperschaft der Vizepräsident von der Richtigkeit dessen, was er geschrieben hatte (und worauf andere sich verlassen hatten), am festesten überzeugt war. An einem anderen Abend, im Sommer 1975, beteiligte sich ein älterer griechischstäm­miger Bruder namens Peterson (ursprünglich Papagyropoulos) wie sonst auch an unserem Vorlesen. Hinterher sagte mein Onkel zu ihm: „Weißt du, 1914 war es ganz ähnlich. Bis in den Sommer hinein war alles ruhig. Dann, auf einmal, ging es los, und der Krieg brach aus.“

9.2.4 1975: „Ein Jahr gewaltiger Möglichkeiten, übergrosser Wahrscheinlichkeiten“

Zuvor, etwa Anfang 1975, hatte Präsident Knorr eine Reise um die Welt gemacht. Vizepräsident Franz hatte ihn begleitet und in allen seinen [200] Ansprachen in den verschiedenen Ländern das Jahr 1975 zum Hauptthema gemacht. Nach ihrer Rückkehr wollten die anderen Mitglieder der leitenden Körperschaft, denen aus vielen Ländern von der aufwühlenden Wirkung des Vortrags berichtet worden war, einen Tonbandmitschnitt davon hören, der in Australien angefertigt worden war.[4]

Der Vizepräsident bezeichnete in seinem Vortrag 1975 als „ein Jahr gewalti­ger Möglichkeiten, übergroßer Wahrscheinlichkeiten“. Er sagte seinen Zuhörern, sie befänden sich nach dem jüdischen Kalender „bereits im 5. Mondmonat des Jahres 1975“, und es verblieben nur noch weniger als sieben Mondmonate. Mehrmals hob er hervor, daß das jüdische Jahr mit Rasch ha Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, am 5. September 1975 zum Abschluß komme.

Er gab zu, daß sehr viel geschehen müßte in so kurzer Zeit, sollte bis dahin der endgültige Abschluß kommen, fügte dann aber hinzu, daß es auch rund ein Jahr länger dauern könne, weil zwischen Adams und Evas Erschaffung vielleicht noch etwas Zeit verstrichen sei. Er ging auf die enttäuschten Erwartungen von 1914 und 1925 ein und zitierte die Worte Rutherfords: „lch habe mich lächerlich gemacht.“ Die Organisation habe gelernt, fuhr er fort, keine „gewagten, detaillierten Voraussagen“ zu machen. Am Schluß appellierte er an seine Zuhörer, andererseits auch keine unangemessene Einstellung zu entwickeln und zu meinen, bis zur bevorstehenden Vernich­tung könne es „noch Jahre dauern“, und viel Energie darauf zu verwenden, eine Familie zu gründen, ein florierendes Geschäft aufzubauen oder viel­leicht an einer Hochschule eine mehrjährige Ingenieurausbildung zu absol­vieren.

Nachdem die leitende Körperschaft sich das Band angehört hatte, gab es besorgte Stimmen, hier seien, wenn auch keine „gewagten, detaillierten Voraussagen“, so doch immerhin gewisse Voraussagen gemacht worden, und die daraus entstandene Aufregung zeige klar, wozu das führe.

Damit war zum ersten Mal auf einer Sitzung der leitenden Körperschaft Besorgnis geäußert worden. Unternommen wurde aber gar nichts. Der Vizepräsident wiederholte viele Punkte aus seinem Vortrag bei der nächsten Abschlußfeier der Gileadschule, am 2. März 1975.[5]

9.3 Die Unglaubwürdigkeit einer weltweiten Organisation so offen wie noch nie zuvor
9.3.1 Erneut verging das Jahr 1975 mit unerfüllten Hoffnungen und abgrundtiefer Enttäuschung für viele!

Das Jahr 1975 ging vorüber, genau wie 1881, 1914, 1918, 1920, 1925 und die vierziger Jahre. In der Öffentlichkeit wurde von anderer Seite viel darüber gesagt und geschrieben, wie die Erwartungen der Organisation in Verbin­dung mit 1975 unerfüllt geblieben waren. Auch in den Reihen der Zeugen Jehovas wurde viel darüber gesprochen. Meines Erachtens ist dabei aber der eigentliche Kern des Problems fast nie zur Sprache gekommen. Meiner Meinung nach ging es um weit mehr als um die gewissenhafte oder schlampige Arbeitsweise eines einzelnen Menschen oder auch um die Vertrauenswürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit einer Organisation, beziehungsweise [201] die Denkfähigkeit oder Leichtgläubigkeit ihrer Mitglieder. Was hier eigentlich am schwersten wog, so meine ich, waren das Ansehen Gottes und seines Wortes. Welche Folgen hat es, wenn Menschen derartige Voraussagen machen und behaupten, sie täten dies auf biblischer Grund­lage, wenn sie Beweisführungen mit Texten aus der Bibel untermauern, wenn sie gar vorgeben, Gottes „Mitteilungskanal“ zu sein – und sich dann ihre Voraussagen als falsch herausstellen? Wird Gott dadurch geehrt, oder stärkt es den Glauben an ihn und an die Zuverlässigkeit seines Wortes? Oder ist nicht genau das Gegenteil der Fall? Sehen sich nicht manche Leute einmal mehr gerechtfertigt, die Botschaft der Bibel und ihre Lehren gering zu achten? Diejenigen unter den Zeugen, die einschneidende Änderungen in ihrem Leben vorgenommen hatten, konnten sich in den meisten Fällen wieder fangen und weiterleben. auch wenn ihre Hoffnungen sich zerschla­gen hatten. Das konnten aber nicht alle. In jedem Fall jedoch war der angerichtete Schaden verheerend.

Im Jahr 1976, ein Jahr, nachdem das weithin ausposaunte Datum verstrichen war, fingen einzelne Mitglieder der leitenden Körperschaft an, darauf zu drängen, man solle durch irgendeine Verlautbarung eingestehen, daß die Organisation sich geirrt und falsche Erwartungen geweckt habe. Andere meinten, das sollten wir nicht tun, da es „nur den Gegnern Munition liefern“ würde. Milton Henschel hielt es für das Ratsamste, die Sache einfach totzuschweigen; nach einiger Zeit würden dann auch die Brüder nicht mehr davon reden. Für ein Votum zugunsten einer Eingeständniser­klärung fehlte eindeutig die Mehrheit. Ein Artikel im Wachtturm vom 15. Oktober jenes Jahres bezog sich zwar auf enttäuschte Erwartungen, doch mußte er die Stimmungslage innerhalb der leitenden Körperschaft wider­spiegeln, so daß kein klares Eingeständnis der Verantwortung der Organisa­tion möglich war.

Im Jahr 1977 kam das Thema wieder zur Sprache. Zwar wurden diesmal von neuem dieselben Argumente vorgetragen, doch nun wurde ein Antrag angenommen, demzufolge in eine Kongreßansprache eine Stellungnahme eingearbeitet werden solle. Ich bin überzeugt, daß Ted Jaracz und Milton Hcnschcl hinterher mit Lloyd Barry, der die Ansprache ausarbeiten sollte, geredet und ihm gesagt haben, wie sie darüber dachten, Wie dem auch sei, als der Vortrag fertig vorlag, war darin von 1975 keine Rede, Ich weiß noch, wie ich Lloyd daraufhin ansprach und er erwiderte, er habe das einfach nicht in seinen Stoff einarbeiten können. Fast zwei Jahre später, im Jahr 1979, nahm sich die leitende Körperschaft des Themas noch einmal an. Mittler­weile war offenkundig geworden, daß es wegen 1975 eine gewaltige Glaub­würdigkeitslücke gegeben hatte.

9.3.2 Das Watergate der Zeugen Jehovas; der Mühlstein am Hals der leitenden Körperschaft!

In diese Richtung zielten Äußerungen zahlreicher Mitarbeiter in der Welt­zentrale. Einer beschrieb 1975 als einen „Mühlstein“, der uns um den Hals hänge. Robert Wallen, einer der Sekretäre der leitenden Körperschaft, schrieb: [202]

„Seit 39 Jahren bin ich getaufter Zeuge Jehovas, und ich werde mit Jehovas Hilfe auch weiterhin treu dienen. Ich wäre aber unehrlich, wollte ich behaupten, ich sei nicht enttäuscht. Denn wenn ich weiß, daß meine Gedanken über 1975 durch das hervorgerufen wurden, was ich in den Veröffentlichungen las, und mir dann letzten Endes gesagt wird, ich selbst hätte falsche Schlüsse gezogen, dann ist das meiner Ansicht nach weder anständig noch ehrlich. Wenn wir doch wissen, daß wir keine Unfehlbarkeit haben, dann ist es meines Erachtens nur angemessen, daß Fehler, die unvollkommene, doch gottesfürchtige Menschen gemacht haben, auch berichtigt werden.“

Raymond Richardson, Schreibabteilung:

„Fühlen sich die Menschen nicht durch Demut angezogen und haben eher Vertrauen, wenn jemand offen und ehrlich ist? Die Bibel selbst gibt das beste Beispiel für Offenheit. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb wir sie für wahr halten.“

Fred Rusk, ebenfalls Schreibabteilung:

„Wenn den Brüdern auch vielleicht ein paar mahnende Worte mit auf den Weg gegeben wurden, sie sollten nicht sagen, Harmagedon käme 1975, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Zeitschriften und die anderen Veröffentlichungen etliche Artikel enthielten, in denen mehr als nur angedeutet wurde, daß das alte System in der Mitte der siebziger Jahre durch Jehovas neues System ersetzt werden würde.“

Merton Campbell. Dienstabteilung:

„Neulich rief eine Schwester aus Massachusetts von ihrer Arbeitsstelle aus an. Sie und ihr Mann arbeiten, weil sie krank waren und jetzt die sich anhäufenden Arztrechnungen begleichen müssen. Sie sagte, sie seien so zuversichtlich gewesen, 1975 käme das Ende, so daß sie jetzt Mühe hätten, mit der Last dieses alten Systems fertig zu werden. Dieser Fall ist typisch; ähnliches hören wir von vielen Brüdern, mit denen wir zu tun haben.“

Harold Jackson, gleichfalls Dienstabteilung:

„Was wir jetzt brauchen, ist nicht eine Verlautbarung darüber, daß wir uns wegen 1975 geirrt haben, sondern eine Erklärung, weshalb wir so lange geschwiegen haben, wo doch das Leben so vieler Menschen davon betroffen war. Wir sehen uns inzwischen einem Vertrauensschwund gegenüber, und das kann verhängnisvoll werden. Wenn wir uns überhaupt äußern, dann ohne Umschweife, offen und ehrlich gegenüber den Brüdern.“

Howard Zenke, dieselbe Abteilung:

„Wir wollen doch auf keinen Fall, daß die Brüder etwas lesen oder hören und sich dann sagen, daß unser Vorgehen dem bei einem ,Watergate‘ gleichkommt.“

Andere Kommentare lauteten ähnlich. Ironischerweise hatten manche, die jetzt am schärfsten kritisierten, vor 1975 am lautesten von diesem Jahr gesprochen und die „äußerste Dringlichkeit der Zeit“ betont, ja sogar einige der bereits zitierten Artikel verfaßt oder den Abschnitt im Königreichsdienst genehmigt, in dem alle gelobt wurden, die beim Herannahen von 1975 Haus und Habe verkauften. Viele der dogmatischsten Äußerungen [203] über 1975 stammten von reisenden Beauftragten der Gesellschaft (Kreis ­und Bezirksaufseher), die sämtlich der Dienstabteilung unmittelbar unter­standen.