Zeugen Jehovas gehen gegen das Buch „Ausstieg ins Leben“ vor

Im Frühjahr veröffentlichte Konja Simon Rohde das Buch „Ausstieg ins Leben“. Nun gehen Anwälte der Zeugen Jehovas gegen einzelne Aussagen vor.

Der Mercator-Verlag hat Ärger mit den Zeugen Jehovas. Im Frühjahr erschien in dem Duisburger Verlag das Buch von Konja Simon Rohde „Ausstieg ins Leben“. Rohde, gebürtiger Duisburger, berichtet in der Biografie, wie er in die Glaubensgemeinschaft hinein geboren wurde und wie ihm nach 32 Jahren der Absprung gelang.

Zu dem Buch hat die Journalistin Simone Lankhorst ein Nachwort geschrieben und ein Interview mit dem Diplom-Psychologen Dieter Rohmann geführt, der über die Zeugen Jehovas aufklärt. Nun bekamen Jutta und Sabine Nagels Post von einem Anwalt der Zeugen Jehovas. „Wir sollen eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Zwei Stellen in der Schilderung unseres Autoren wurden angemahnt und sieben Stellen in dem Gespräch“, erklärt Jutta Nagels. Für die beiden Schwestern, die den Mercator-Verlag erst vor kurzem übernommen haben, ist es das erste Mal, dass sie juristischen Ärger bekommen. „Mit dem Niederrhein-Führer befinden wir uns sicherlich sonst in ruhigerem Fahrwasser.“

Streitpunkt ist der Kontaktabbruch

Der Advokat der Zeugen Jehovas fordert, dass die Stellen entweder geschwärzt werden oder den Ausgaben ein so genannter Erratum-Zettel beigelegt wird. Auf diesem wollen die Zeugen Stellung beziehen. „Unter anderem wird widersprochen, dass es keinen Zwang von Seiten der Zeugen zum Kontaktabbruch gibt, wenn jemand aussteigt.

Aber das stimmt nicht“, erklärt Rohde. „Die Familie meines Vaters veranstaltet in jedem Jahr ein Treffen, zu dem er ausdrücklich deshalb nicht kommt, weil ich daran auch teilnehme. Das hat er meinem Onkel sogar schriftlich mitgeteilt. Außerdem gibt es einige Schriften, die selbst von den Zeugen Jehovas herausgegeben werden, in denen vom Kontaktabbruch die Rede ist.“ Weder von seiner Mutter noch von seinem Vater hat Rohde seit seinem Ausstieg „ein Tönchen“ gehört. Die Resonanz anderer Leser sei indes überwiegend positiv. „Es haben sich Leute gemeldet, die auch ausgestiegen sind. Oder solche, die mit dem Thema bisher nichts zu tun hatten und sich freuten, einmal einen Einblick zu bekommen.“

Nicht abschrecken lassen

Auch der Mercator-Verlag hat sich juristischen Beistand gesucht. „Außerdem haben wir uns vom Börsenverein des Buchhandels beraten lassen“, so Jutta Nagels. Laut Anwältin fallen die Passagen der Autobiografie unter „freie Meinungsäußerung“. Bei dem Interview sei es Auslegungssache, ob man die Stellen zusammenfasst oder von sieben einzeln ausgeht. Ungeachtet der juristischen Auseinandersetzung verkauft sich die zweite Auflage gut. „Nachdem wir auf Facebook darüber informierten, haben sich einige noch schnell ein Exemplar besorgt“, sagt Jutta Nagels. Auch künftig wollen sie und ihre Schwester sich nicht abschrecken lassen. „Wenn wir eine Geschichte gut finden, dann nehmen wir sie ins Programm auf.“

Quelle: waz

13. Anhang

13. Anhang

13 Anhang *
13.1.1 Zu Kapitel 2 *

Im Jahre 1988 wurde Hilfe … ersetzt durch das zweibändige Werk Insight on the Sctiptures (Einsichten über die Heilige Schrift, 1990/1992) mit nur ganz geringfügigen Veränderungen (vor allem Kürzungen beim Stichwort „Chronologie“, das von 27 auf 20 Seiten gekürzt wurde).

13.1.2 Zu Kapitel 3 *

[334]

Das obenstehende Dokument ist das Testament von Charles Taze Russell, dem Gründer der Watch Tower Society und ihrer Zeitschrift, erschienen im Wachtturm vom Februar 1917.

Es folgt der englische Originalwortlaut des Zitats aus dem Watch Tower vom 25. Apri11894:

„Having up to December 1, 1893, thirty-seven hundred and five (3.705) voting shares, out of a total of sixty-three hun­dred and eighty-three (6.383) voting shares. Sister Russell and myself, of course, elect the officers, and thus control the Society; and this was fully understood by the Directors from the first. Their usefulness, it was understodd, would come to the front in the event of our death.”“ [335]

Manche Zeugen Jehovas denken sicher, die Ernennungen von Ältesten in den Ortsversammlungen (Gemeinden) würden von der leitenden Körper­schaft selbst vorgenommen. Anfangs haben sich tatsächlich mehrere Mit­glieder der leitenden Körperschaft mit einem Mitarbeiter der Dienstabtei­lung zusammen hingesetzt und alle Ernennungen von Ältesten in den USA besprochen und weitergeleitet. Doch diese Praxis wurde nach relativ kur­zer Zeit aufgegeben, und von da an waren die Ernennungen Sache der Dienstabteilung. In anderen Ländern haben die jeweiligen Zweigbüros der Watch Tower Society die Ältestenernennungen von Anfang an alleine vor­genommen. Einzig die reisenden Vertreter und die Zweigkomitee-Mitglie­der (in den USA und anderswo) werden seither noch von der leitenden Kör­perschaft ernannt. Meines Erachtens geschieht dies, damit diese Männer in einem besonderen Sinn als „Vertreter der leitenden Körperschaft“ auftre­ten und damit größeren Einfluß und mehr Autorität als die örtlichen Älte­sten geltend machen können.

Was die Grundsätze zu widerlichen sexuellen Handlungen anbetrifft (siehe dazu die Seiten 48 bis 54), so ist die Organisation einige Jahre nach meinem Rücktritt aus der leitenden Körperschaft zu grundlegenden Aspekten ihrer früheren Leitlinien zurückgekehrt. Im Wachtturm vom 15. Juni 1983, Sei­ten 30,31, wird zwar festgestellt, daß es nicht Aufgabe der Ältesten sei, die intimen Angelegenheiten der Ehepaare in der Versammlung zu kontrollie­ren, nichtsdestoweniger wird aber festgelegt, daß jemand, der Handlungen unter Verheirateten befürwortet, die als widerliche sexuelle Handlungen eingestuft werden, oder sie selbst ausübt, nicht nur ungeeignet sei für das Ältestenamt oder andere von der Wachtturm-Gesellschaft zu vergebende Positionen, sondern dies könnte sogar zum Ausschluß aus der Versamm­lung führen. Als die Aufhebung der Grundsätze von 1972 durch die lei­tende Körperschaft beschlossen wurde, war Lloyd Barry nicht zugegen, und nach seiner Rückkehr äußerte er, daß er nicht für diese Rücknahme war. Da er der Schreibabteilung vorsteht und die Aufsicht über die Herstellung der Wachtturm-Schriften innehat, mag die weitgehende Rückwendung zu der alten Position zum Teil auch auf seinen Einfluß zurückzuführen sein. Doch wie dem auch sei, dieser Artikel von 1983 hat nicht zu der großen Anzahl von Verfahren vor den Rechtskomitees geführt, wie das bei der er­sten Bekanntgabe dieser Regelung im Jahr 1972 der Fall gewesen war. Es ist gut möglich, daß man damals genügend zu spüren bekommen hat, welch schlimme Folgen es hat, wenn die Ältesten ihrem Nachforschungsdrang allzusehr nachgeben. [336]

13.1.1 Zu Kapitel 4 *

Der Wachtturm vom 15. März 1990 enthält Artikel über die leitende Kör­perschaft und ihre Funktion. An diesen Artikeln fällt auf, daß sie die Ge­schichte der Organisation idealisierend darstellen. So ist von „fortschrei­tenden Verbesserungen“ die Rede, als handle es sich um einen stetigen und harmonischen Prozcß, durch den Jesaja 60: 17 erfüllt werde. Alles wird so dargestellt, als sei die leitende Körperschaft die ganze Geschichte der Wachtturm-Bewegung hindurch am Werke gewesen. In Wirklichkeit war es ganz anders, wie man den Kapiteln 3 und 4 des vorliegenden Buches ent­nehmen kann. In den ersten sieben Jahrzehnten der Geschichte der Organi­sation sprach niemand von einer leitenden Körperschaft, und man dachte an so etwas auch gar nicht. Russell hatte Vorkehrungen getroffen, daß nach seinem Tod alles von Komitees geleitet werden sollte, die sich in die Ver­antwortung und Autorität teilen. Ruthcrford schaffte sie sofort und gründ­lich wieder ab, erstickte jegliche Opposition im Keim und übte in den fol­genden beiden Jahrzehnten autokratisch als Präsident der Gesellschaft die Alleinherrschaft aus. Knorr behielt diese bei, lockerte aber das Klima ins­gesamt etwas auf; doch dann kam es zu einer Art Palastrevolution, in de­ren Verlauf dem Präsidenten die Macht aus den Händen gerissen wurde. So ging im Jahr 1976 die Autorität von einem Mann zu einer Gruppe über, und nach mehr als 50 Jahren nahmen wieder Komitees die Tätigkeit auf. Die­sen Zickzack-Kurs kann man wohl schwerlich als einen harmonischen Prozeß der „fortschreitenden Verbesserungen“ bezeichnen. [337]

13.1.2 Zu Kapitel 6 *

Aus dem Brief des Hauptbüros Brooklyn an den Zweig Mexiko vom 2. Juni 1960:

[338] Brief des Präsidenten an den Zweig Mexiko vom 5. September 1969:

[339] Nachdem die Wachtturm-Gesellschaft in Mexiko mehr als ein halbes Jahr­hundert lang den Status einer „kulturellen“ Vereinigung hatte, ist sie jetzt endlich zu dem einer religiösen Organisation übergegangen. Im Wacht­turm vom 1. Januar 1990 (Seite 7) gab sie bekannt, im Jahre 1989 habe sich der „Status der Zeugen“ Jehovas geändert. Es heißt, die Zeugen in Mexiko könnten jetzt zum ersten Mal die Bibel von Haus zu Haus einsetzen und die Zusammenkünfte mit Gebet eröffnen.

In der Zeitschrift wird gesagt, diese Änderung sei für die Zeugen in Mexiko „begeisternd“ gewesen, und sie hätten „vor Freude weinen“ müssen. Das sprunghafte Ansteigen der Zahl der „Verkündiger“ um über 17000 wird auf die Veränderung zurückgeführt.

Rein gar nichts wird dem Leser über den vorher bestehenden rechtlichen Status mitgeteilt, wie es zu diesem gekommen war und was zu dem Wech­sel geführt hat. Wer den Artikel liest, muß annehmen, daß die Wachtturm ­Organisation diese Veränderung des rechtlichen Status mit all ihren guten Auswirkungen schon immer gewollt habe. Man gewinnt den Eindruck, daß es die Regierung Mexikos oder deren Gesetze gewesen waren, die die Zeugen bislang davon abgehalten hatten, bei den Zusammenkünften zu beten oder bei ihrer Tätigkeit von Haus zu Haus die Bibel zu gebrauchen. An keiner Stelle wird dem Leser mitgeteilt, daß der Grund für diese Be­schneidung der Religionsausübung der Zeugen in Mexiko – und das min­destens ein halbes Jahrhundert lang – darin lag, daß ihre eigene Weltzen­trale dies so wollte und von sich aus einen anderen rechtlichen Status an­nahm. Der Leser erfährt nichts davon, daß diese „begeisternden“ Änderun­gen, die solche „Tränen der Freude“ hervorriefen, schon die ganze Zeit über zu haben waren, über viele Jahrzehnte hinweg, daß es lediglich eines Entschlusses der Organisation bedurft hätte, nicht länger den falschen Ein­druck zu erwecken, die Zeugen in Mexiko seien keine religiöse Organisa­tion, sondern eine kulturelle Vereinigung. Die Zeugen in Mexiko haben dies alles nur deshalb nicht tun können, weil ihre Weltzentrale sie ange­wiesen hatte, dies nicht zu tun, um den einmal gewählten Status der kul­turellen Organisation zu schützen. Diese Tatsachen sind den Verantwort­lichen der Organisation der Zeugen in Mexiko bekannt. Der überwiegen­den Mehrzahl der Zeugen außerhalb dieses Landes sind sie unbekannt, und der Wachtturm vom 1. Januar 1990 läßt sie darüber auch im unklaren. Dort wird ein bereinigtes Bild der Abläufe wiedergegeben, das ebenso irre­führend ist wie die vor 1989 herrschende Praxis, die Organisation als nicht religiöser Natur darzustellen, während man sehr wohl wußte, daß das nicht stimmte.

Die Bereitschaft der Wachtturm-Organisation, ihr jahrzehntelanges fal­sches Spiel aufzugeben, ist möglicherweise im Zusammenhang mit Ände­rungen der mexikanischen Verfassung zu sehen, die von den gesetzgeben­den Körperschaften des Landes schrittweise verabschiedet wurden. Wie Zeitungsberichten aus dem Jahr 1991 zu entnehmen ist, haben Kirchen jetzt wieder das Recht auf Eigentum an Grund lind Boden. Dies wirkt sich [340] nicht nur auf die katholische Kirche aus, sondern auch auf alle anderen Re­ligionsgemeinschaften.

Anmerkung zu Seite 131: Mir liegt eine Fotokopie der amtlichen Registrie­rung vom 10. Juni 1943 vor, in der das mexikanische Außenministerium (Secretaria de Relaciones Exteriores) die Registrierung der Vereinigung La Torre del Vigia genehmigt, und zwar als eine „nicht gewinnstrebende bür­gerliche Vereinigung zum Zwecke der Verbreitung von Wissenschaft, Bil­dung und Kultur“ („Asociacion Civil Fundada para la Divulgación Cienti­fica, Educadora y Cultural No Lucrativa“). Hierbei handelt es sich offen­sichtlich um die ursprüngliche Registrierung, was zur Folge hätte, daß diese Regelung gut 46 Jahre lang in Kraft war.

In den 1970er Jahren besuchten meine Frau und ich einen internationalen Kongreß in Mexico City, und wir wurden im Zweigbüro der Gesellschaft untergebracht. Präsident Knorr war ebenfalls anwesend und machte mit uns und weiteren Besuchern eine Führung durch die verschiedenen Ge­bäude, die zum Zweigbüro Mexiko gehörten. Während dieser Führung sprach er den rechtlichen Status einer „kulturellen Organisation“ in Me­xiko direkt an und erwähnte ausdrücklich, ein Hauptgrund für diesen un­gewöhnlichen Status liege darin, daß er es der Organisation ermögliche, die volle Verfügungsgewalt über ihr Eigentum im Land zu behalten. [341]

13.1.3 Zu Kapitel 7 *

Aus dem Watch Tower vom Januar 1881:

[342]

Aus dem Watch Tower vom 15. Juni 1911:

[343]

Aus dem Watch Tower vom 15. Januar 1892:

Aus dem Watch Tower vom Juli 1894:

[334]

13.1.4 Zu Kapitel 8 *

Auszüge aus der englischen Erstausgabe von The Finislied Mystery (Das vollendete Geheimnis):

Seiten 484 und 485:

[345]

Seite 513:

[346]

Seite 258:

Seite 542:

[347]  Aus dem Watch Tower vom 15. Juli 1922:

[348]

[349]

13.1.5 Zu Kapitel 10 *

Auf Seite 269-70 ist davon die Rede, wie Lyman Swingle sich für mich eingesetzt hatte und daß er als Folge der Ereignisse im Frühjahr 1980 von Lloyd Barry als Leiter der Schreibabteilung abgelöst wurde. Nach dem Tode Grant Suiters 1983 wurde Swingle als sein Amtsnachfolger als Sekre­tär-Kassierer ernannt. Damit wurde er wirksam aus der unmittelbaren Mitarbeit in der Schreibabteilung entfernt. Für mich steht es außer Frage, daß seine freimütigen Äußerungen über die mögliche Unhaltbarkeit eini­ger zentralen Lehren der Organisation, von denen einige in diesem Buch vorgetragen werden, es in den Augen vieler Mitglieder der leitenden Kör­perschaft geraten erschienen ließen, ihn von dort zu entfernen.

Am Ende von Kapitel l0 wird beschrieben, wie Edward Dunlap mit fast 70 Jahren aus der Brooklyner Zentrale verstoßen wurde, nachdem er der Orga­nisation fast eine halbes Jahrhundert lang gedient hatte. Wie berichtet, mußte er in seinen früheren Beruf als Tapezierer zurückkehren. Inzwi­schen ist er über 80 und hat diese Tätigkeit aufgeben müssen. Er geht jetzt drei Teilzeitbeschäftigungen nach, unter anderem gibt er Kurse an der Ok­lahoma Stare University. (Weitere Informationen finden sich im Folgeband zu diesem Buch, In Search of Christian Freedom, Seite 358.) Im Gegensatz zu Gerüchten, die in Zeugen kreisen kursieren, hat er kein Interesse daran, eine neue Organisation zu gründen oder sich mit irgendeiner bestehenden Gemeinschaft zusammenzutun, sondern findet sich einfach mit anderen zu gemeinsamen Bibelbetrachtungen zusammen. [350]

13.1.6 Zu Kapitel 11 *

Folgender Brief ist meine Erwiderung auf die Vorladung des Rechtskomitees der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas:

„12. November 1981

An die Ältestenschaft der
Versammlung Gadsden-Ost
der Zeugen Jehovas
2822 Fields Avenue
East Gadsden, AL 35903

Liebe Brüder,

Euer Brief vom 6. November erreichte mich am Dienstagnachmittag, 11. November. Da der Brief, den ich gerade schreibe, Euch vielleicht vor Samstag nicht mehr erreicht, will ich Theotis telefonisch benachrichtigen, damit die Brüder nicht ansonsten zum Saal fahren.

Ich habe Dan gebeten, Euch mitzuteilen, daß ich gerade einen Brief an die lei­tende Körperschaft geschrieben habe und es sehr schätzen würde, wenn Ihr die Antwort auf dieses Schreiben abwartet, bevor Ihr das Rechtsverfahren eröffnet.

Zu diesem Punkt äußert Ihr Euch in Eurem Brief gar nicht. Bitte laßt mich wissen, was Ihr in dieser Frage entschieden habt, falls sie besprochen wurde. Euch ist vielleicht bekannt, daß ich vierzig Jahre meines Lebens im Vollzeitdienst ver­bracht habe, als Pionier, Sonderpionier, Kreisaufseher, Bezirksaufseher, Missionar, Zweigaufseher, Bethelmitarbeiter und Mitglied der leitenden Körperschaft.

Ob diese vierzig Jahre in Eueren Augen Anlaß zur Geduld sein können, eine Nach­richt aus Brooklyn abzuwarten, weiß ich nicht. Ich hoffe es und wünschte, Euer Interesse an einer Antwort wäre so groß wie meine (Jak. 2:12, 13).

Stehen die drei Unterschriften unter Euerm Brief für die Mitglieder des Rechts­komitees? Falls das zutrifft, bitte ich die Ältestenschaft höflich, ihre Wahl zu überdenken. Den Äußerungen bei dem Treffen mit Wesley Benner und Dan entnehme ich, daß Dan als Ankläger in dieser Sache auftreten wollte, denn er sagte zu Be­ginn des Gesprächs, er habe gesehen, wie ich mit Peter Greqerson essen gegangen sei (und zwar vor mehreren Monaten, bevor der Watchtower vom 15. September 1981 erschienen war). Bis jetzt ist mir kein anderer Anklagepunkt bekannt geworden. Gibt es einen? (Darüber müßte ich Bescheid wissen, auch darüber, wer die Anklage erhebt, damit ich Zeugen für meine Seite stellen kann.) Doch wie dem auch sei, es spricht doch wohl jeder Rechtsauffassung Hohn, wenn der Ankläger mit zu Gericht sitzt. Auch andere Gründe würden dagegen sprechen, Dan in diese Position einzu­setzen, doch halte ich es nicht für notwendig, darauf noch extra einzugehen.

Wenn Ihr diese ganze Sache besprecht, wäre ich Euch auch sehr dankbar, wenn Ihr
zugleich erwägen würdet, das Rechtskomitee zu erweitern. Es NET um eine Anklage,
die sich auf einen neuen Grundsatz der leitenden Körperschaft bezieht (daß man Personen, die die Gemeinschaft verlassen neben, mit Ausgeschlossenen in einen Topf wirft, ist in den Veröffentlichungen bislang nur auf solche angewandt worden, die im Militär oder in der Politik aktiv geworden sind). Zudem habe ich erfahren, daß einige Älteste sich abfällig über mich geäußert haben. Wieweit diese Berichte stimmen, kann ich nicht beurteilen, da dies Ältesten nicht mit mir selbst ge­sprochen haben. Da hiermit aber doch die Frage der Vorverurteilung im Raum steht wäre es wohltuend zu wissen, daß zusätzliche Älteste beteiligt werden, damit so eine faire und unparteiische Verhandlung möglich sein wird. [351]

Der Brief ist zwar etwas lang geraten, doch berücksichtigt bitte, daß hier meine Hingabe Zu Gott und seinem Sohn und die Treue gegenüber seinem Wort in Frage ge­zogen werden. Empfangt meinen Dank dafür, daß Ihr die erwähnten Punkte berück­sichtigt. Mögen Jehova Gott und unser Herr Jesus Christus mit dem Geist sein,den Ihr zeigt (2. Tim. 4:22; Philemon 25).

Euer Bruder
Rt. 4, Box 440-F
Gadsden, AL 35904″

Es folgt der Einspruch gegen den Gemeinschaftsentzug durch das Rechtsko­mitee im vollen Wortlaut:

„8. Dezember 1981

An die Ältestenschaft
Versammlung Gadsden-0st

Liebe Brüder,

gegen den Gemeinschaftsentzugsbeschluss des von Euch eingesetzten Rechtskomitees lege ich hiermit Berufung ein.

In einer Veröffentlichung der Gesellschaft heißt es über Rechtsverfahren:
„Älteste in einem Rechtskomitee müssen alles sorgfältig abwägen, in dem Bewußt­sein, daB jeder Fall anders liegt. Statt nach starren Vemaltensregeln zu suchen, solltet ihr eher das Grundsätzliche berucksichtigen und jeden Fall einzeln wür­digen. In derselben Quelle heißt es über des Erteilen von Rat: „Geht sicher,daB euer Rat fest im Wort Gottes verankert ist. Nehmt euch genügend Zeit und be­müht euch, das Herz des Betreffenden zu erreichen. Nehmt euch Zeit, um zuzuhören. Seid sicher, daß ihr alle Tatsachen kennt. Erklärt, welche Anwendung die zugrunde liegenden Schrifttexte haben, und vergewissert euch, dass dies verstanden wird. Nehmt euch Zeit für Nachforschungen, wenn das nötig ist, bevor ihr Rat erteilt oder Fragen beantwortet. Wenn euch die Zeit dafür feht, kann es angebracht sein, einen anderen Ältesten um Mithilfe zu bitten.“ (Siehe die beigefügten Kopien.)
Ich glaube nicht, dass dies in meinem Fall bisher getan wurde. Es ist bedrückend, mit welch ungewönlicher Eile zu Werke gegangen wird, und dass es offensichtlich an Bereitschaft oder Fähigkeit mangelt, die „Anwendung der zugrunde liegenden Schrifttexte“ zu besprechen, damit sie „verstanden“ werden. Zum Geist der brüder­lichen Liebe passt meines Erachtens ein langmütiges Vorgehen besser als ein über­eiltes Mitgefühl und Verständnis sollten dazugehören statt starrem Befolgen von Anweiungen.

Meine Umstände sollten Euch nicht unbekannt geblieben sein. Nech 40 Jahren des Vollzeitdienstes, in denen ich Not und Armut, Hunger und Durst, Hitze und Kälte, Fieber und Auszehrung durchgemacht und im Gefängnis gesessen habe, von wütenden Pöbelrotten, Schusswechseln und kriegsähnlichen Zuständen bedroht wurde, mein Le­ben und meine Freiheit riskiert habe unter Diktaturen, wobei ich mich ständig bis zum letzten verausgabt habe, nach all dieser Zeit stand ich mit 58 Jahren vor dem Problem, Nahrung und Arbeit finden zu müssen, damit meine Frau und ich existieren können. Da ich gleich nach meinem Schulabschluss im Jahr 1940 in den Pionierdienst eingetreten war, fehlte mir jegliche Erfahrung in weltlicher Arbeit, und es fehl­ten jegliche Mittel zum Lebensunterhalt. Das Geld, des mir die Gesellschaft gab (und das anscheinend eine Art Abfindung für 40 Jahre des Dienstes sein sollte), ist weniger, als was die meisten in einem einzigen Jahre verdienen und konnte nur einen Teil unserer Anfangskosten abdecken.

Peter Gregorson gab mir Arbeit und bot mir einen Stellplatz für meinen Wohnwagen an, den ich gekauft und noch abzuzahlen habe. Damit wurde er mein Arbeit- und Wohnunggeber. Vor etwa sechs Monaten zog er sich unter Druck aus der Versammlung zurück. Einziger Anklagepunkt gegen mich war, wie Ihr wißt, daß ich mit Peter Gregerson in einem Restaurant am Ort zu Mittag gegessen habe.

Es gibt hier Älteste, die meinen, sie könnten mit Peter Gregerson essen gehen, ohne sich schuldig zu machen, da sie bei der Firma Warehouse Groceries angestellt seien, deren Inhaber er ist. Meine Beziehung zu ihm ist aber noch enger, denn ich bin noch mehr von ihm abhängig, weil ich nicht nur für seine Firma arbeite, sondern auch noch für ihn persönlich, denn ich bin unmittelbar auf seinem Grundstück tätig, so dass sich zwangsweise immer wieder Gespräche mit ihm ergeben, sei es nun in seinem Haus, bei den Mahlzeiten oder anderen Gelegenheiten. Ich kann nicht be­greifen, weshalb eine brüderliche Sichtweise hier nicht zu Verständnis und Mit- [354]

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gefühl führen sollte, wenn man meine Umstände berücksichtigt und sich bewußt macht, „daß Jeder Fall anders liegt“.

Von den beiden Zeugenaussagen bezog sich nur die eine auf Ereignisse nach der Veröffentlichung des Watchtowers vom 15. September 1981. Erst in dieser Nummer der Zeitschrift wurden solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, mit denen gleichgesetzt, die ausgeschlossen sind. Einer der Zeugen sagte, er habe mich mit Peter und Janet Gregerson im Restaurant gesehen, gab aber zu, dies sei schon im Sommer gewesen, also vor Veröffentlichung der Zeitschrift. Eine solche Zeugenaussage ist wohl bedeutungslos, es sei denn, man wollte die neue Regelung rückwirkend in Kraft setzen, ex post facto.

Die andere Aussage betraf ein weniger weit zurückliegendes Ereignis. Die Zeugin hatte gesehen, wie ich zusammen mit meiner Frau und Janet Gregerson (die nicht die Gemeinschaft verlassen hat) das Restaurant betrat; kurz darauf habe sie ge­sehen, wie Peter Gregerson hereingekommen sei. Dieselbe Zeugin hat nach der Ver­öffentlichlung des Watchtower vom 15. September 1981 mit Peter Gregerson zweimal im Restaurant gegessen, dazu noch in Anwesenheit eines Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost. In beiden Fällen hat Gregerson nicht darum gebeten, bei ihnen sitzen zu dürfen, sondern wurde von ihnen aufgefordert, sich zu ihnen zu setzen und sich zwanglos mit ihnen zu unterhalten. Dieser Vorfall schien es nicht wert gewesen zu sein, ein Rechtsverfahren einzuleiten, doch bei mir soll das eine Mal bereits ge­nügen. Ich erwähne das nur, weil Ihr in Euerem Brief vom 19. November sagt, die Ältesten, die meinen Fall verhandelten, seien ohne Vorurteile und gingen ganz neutral an die Sache heran. Angesichts der Inkonsequenz ihres Handelns fällt es mir schwer, daran zu glauben. Es weckt schwere Zweifel an den Beweggründen, die zu dem ganzen Rechtsverfahren und den Entscheidungen geführt haben.

Die gegen mich erhobene Anklage erscheint mir schwer verständlich, wenn man sich ansieht, was in Gadsden alles passiert. Man hätte Mühe, wollte man all die Gele­genheiten aufzählen, bei denen sich Älteste oder andere Zeugen mit Ausgeschlossenen oder solchen, die die Gemeinschaft verlassen haben, zum Essen zusammengesetzt oder sonstwie soziale Kontakte gepflegt haben. Doch einzig und allein gegen mich hat man daraus eine Anklage werden lassen. Nimmt man einmal an, es ginge nur darum, daß man bei einem eben habe anfangen müssen, so fragt sich, weshalb ich dann dieser eine sein soll, wenn lediglich die Aussage einer Zeugin vorliegt, die mich seit Erscheinen des Watchtower vom 15. September 1981 einmal irgendwo gesehen hat. Das alles läßt starke Zweifel an der Objekivität und der Unbefangenheit aufkommen.

Man könnte vielleicht sagen, ich hätte keine Reue darüber bekundet, daß ich mit Peter Greqerson essen gegangen bin. Um Reue zu bekunden, muß ich erst davon über­zeugt sein, daß ich eine Sünde gegen Gott begangen habe. Diese Überzeugung läßt sich nur aus Gottes Wort herleiten, denn es allein ist inspiriert und unfehlbar zuverlässig (2. Timotheus 3:16, 17). So wie ich die Bibel verstehe, ist Treue gegenüber Gott und seinem Wort das Wichtigste und steht über jeder anderen Treue, ganz gleich welcher Art (Apostelgeschichte 4:19, 20; 5:29). Mir scheint, es steht weder mir noch irgendeinem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen zu, etwas zu diesem Wort Hinzuzufügen, sonst würden sie „als Lügner erfunden“ werden oder gar von Gott mit Plagen heimgesucht werden (Sprüche 30:5, 6; Offenbarung 22:18, 19). Diese biblischen Warnungen kann ich nicht leichtnehmen. In Anbetracht der Ermahnungen der Bibel, andere nicht zu richten, habe ich eine gesunde Angst davor, mich selbst (oder jemand anders oder eine Gruppe) als Gesetzgeber zu machen und fühle mich gezwungen, das Richten allein dem Wort Gottes zu überlassen, um das tun zu können, muß ich sicher sein, nicht lediglich einem von Menschen erdachten Maßstab zu folgen, der sich selbst als göttlich hinstellt, aber in Wirklichkeit nicht inspiriert ist und von Gott nicht gestützt wird. Ich möchte mir nicht anmaßen und so unverschämt sein, jemand zu verurteilen, den Gott in seinem Wort nicht ebenso verurteilt (Römer 14:4, 10-12; Jakobus 4:11, 12) Siehe auch den Kommentar zum Jakobusbrief, Seite 161 bis 168) [355]

3
Ich versichere euch, daß ich meine Sünde demütig vor Gott bereuen werde, sobald Ihr mir aus der Bibel verstehen helft, daß das Einnehmen einer Mahlzeit mit Peter ­Gregersen eine Sünde ist. Diejenigen, die bisher mit mir Gesprochen heben, haben das, nicht getan, sonder nur auf die erwähnte Zeitschrift als ihre „Autorität“ verwiesen(diesen Ausdruck gebrauchte der Vorsitzführende des Rechtskomitees). Nach meinem Verständnis muß sich jegliche Autorität in der Christenversammlung aus Gottes Wort ableiten und fest in ihn verankert sein. Sprüche 17:15 sagt: „Wer irgend den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für ungerecht erklärt, ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“ Mir Liegt nichts daran, von Gott verabscheut Zu werden, und deshalb nehme ich das alles sehr ernst.

Ich stimme mit der Lehre der Bibel in 1. Korinther 5:11-13 und 2. Johannes 5:7-11 voll überein und habe denen, die mit mir gesprochen haben, gesagt, daß ich mit solchen Menschen, wie sie dort beschrieben werden, bösen Menschen und Anti­christen, weder Umgang pflegen noch essen noch sie in meinem Heus aufnehmen werde. Ich kann nur nicht erkennen, wie diese Schrifttexte auf den Mann Anwendung finden sollen, um den sich im vorliegenden Fall a11es dreht, nämlich Peter Gregerson. Er hat zwar unter Druck die Versammlung der Zeugen Jehovas verlassen, doch wie Euch bekannt ist, hat er in seinem Brief gesagt:

Gestern habe ich erfahren, daß ich viele Brüder in Gadsden und Umgebung in Unruhe versetzt habe, das hatte ich gerade vermeiden wollen.

Es trifft zwar zu, daß ich starke Zweifel an einigen Lehren der Watchtower Society habe, ich möchte aber zwei wichtige Dinge klarstellen:

Erstens habe ich darüber nicht von mir aus in der Versammlung gesprochen. Nicht einmal mit den Ältesten habe ich mich darüber ausgesprochen, weil ich befürchtete dadurch vielleicht unab­sichtlich Gerede in der Versammlung auszulösen. Ich habe darüber nur in vertraulichen Gesprächen geredet, und zwar mit ganz wenigen Menschen, fast alle davon aus meiner eigenen Familie.

Zweitens sind meine Ansichten über Jehova Gott, Jesus Christus und die klaren biblischen Lehren, die die Auferstehung unverändert geblieben.

Vor Jehova Gott als meinem Richter bin ich mir keines unchristlichen Wandels bewußt. Seit. Seit dem Winter 1931/32, vor nunmehr fast 50 Jahren, als mein Vater anfing, mich zu den Zusammenkünften mitzunehmen, bin ich regelmäßig Verkündiger und ich habe mich als Zeuge Jehovas sehr engagiert. Mein guter Ruf und mein Ansehen, sowohl bei Euch wie auch in der Stadt im Allgemeinen, sind mir sehr wichtig.

Damit nun mein guter Ruf erhalten bleiben kann und unter Euch keine weitere Unruhe aufkommt, ziehe ich mich aus der Organisation zurück.

Das ändert nichts an meiner Achtung vor dem, was die Watchtower Society an Gutem bewirkt. Auch meine Freundschaften mit Euch und meine Liebe zu Euch als Einzelnen bleiben davon unberührt. Eure Reaktion hierauf werde ich akzeptieren.“

(Damit endet die Übersetzung der Kopie von Peter Gregersons Brief. Es geht weiter im Text meines Schreibens an die Ältestenschaft.) [356]

„Wie er schreibt, ist, er sich keines „unchristlichen Wandels bewußt“, was bedeutet, daß er nicht zu denen gehört, die in 1. Korinther 5:11-13 beschrieben werden. Er sagt, daß er an Jehova Gott, an Jesus Christus und die klaren Lehren der Bibel glaubt, so daß man im auch nicht zu denen zählen kann, die in 2. Johannes 7-11 beschrieben sind. Soweit mir bekannt, hat niemand seine Äußerungen bezweifelt oder widerlegt. Würde ich ihn als bösen Menschen oder Antichristen behandeln, ohne daß dafür eine klare biblische Grundlage bestünde, so würde ich mich vor Gott schuldig machen.

Ich habe jeden Ältesten, der mit mir gesprochen hat, auch die drei Angehörigen des Rechtskomitees, einzeln gefragt, ob er denn Peter Gregerson als einen Men­schen ansehe, auf den die Beschreibung in 1. Korinther 5:11-13 und 2. Johannes 7-11 paßt, als bösen Menschen oder gar Antichristen. Auch sie selbst konnten sich nicht dazu durchringen, diese Texte auf ihn en anzuwenden, und dabei sind das die einzigen Texte, aus denen sich das Gebot herleitet, mit welcher Art Menschen ein Christ nicht zusammen essen sollte. Ist es denn wirklich fair von mir zu verlangen, ich solle diese Schriftstellen auf ihn anwenden und ihn damit als jemand ansehen, mit dem man nicht essen darf, wenn diejenigen, die über mich zu Gericht sitzen, dazu weder willens noch fähig sind? Bis heute erkenne ich nicht, daß diese Texte auf Peter Gregorson anwendbar sind. Das müßt Ihr mir zeigen.

Ich kann begreifen. daß die Ältesten davor zurückschrecken, Peter Gregerson zu den Leuten zu rechnen, die der inspirierte Apostel in 1. Korinther 5:11-13 aufzählt, nämlich Hurer, Habgierige, Götzendiener, Schmäher, Trunkenbolde und Erpresser. Ich kann mir auch kaum vorstellen, daß jemand von Euch auch nur im entferntesten an eine solche Möglichkeit denkt. Bitte berichtigt mich, wenn ich falsch liege.

Damit bleiben noch diejenigen, die in 2. Johannes 7-11 erwähnt werden, die Anti­christen. Könnt Ihr verstehen, weshalb ich ganz sicher sein muß, bevor ich diese Verse überhaupt auf irgend jemand anwende? Der Apostel Johannes, der diesen Be­griff als einziger verwendet, beschreibt einen solchen mit den Worten: „Wer ist der Lügner. wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, derjenige, der den Vater und den Sohn leugnet“ (1. Johannes 2:22). „Doch jede inspirierte Äußerung, die Jesus nicht bekennt, stammt nicht von Gott. Und dies ist die inspirierte Äußerung des Antichristen ••• “ (1. Johannes 4:3). „Denn viele Betrüger sind in die Welt ausgegangen. Personen, die das Kommen Jesu Christi im Fleisch nicht bekennen. Dies ist der Betrüger und der Antichrist“ (2. Johannes 7). Auf der Grundlage dieser Texte geben einige Bibelkommentare (die auch mehrfach in den Veröffentlichungen der Gesellschaft zitiert wurden) folgende Erläuterungen:

Barnes‘ Notes on the New Testament: „Aus diesen Texten wird deutlich, daß Johannes unter dem Begriff all jene verstand, die leugneten, daß Jesus der Messias war, oder daß der Messias im Fleische gekommen war. … Sie bezogen Stellung gegen ihn und vertraten Lehren, die dem Sohne Gottes vollständig widersprachen.“

Lange’s Commentary: „anti kann sowohl Feindschaft wie Ersatz bedeuten. Im ersten Fall bezeichnet es den Gegenspieler Christi, den Antichristus, im letzten Fall den vorgetäuschten Christus, den Schein- oder Pseudo­christus. … Die Antichristen leugnen, daß Jesus Christus ist; sie sagen, er sei nicht im Fleische gekommen, er sei nicht Gottes Sohn, er sei nicht von Gott. Die Lehre besteht in der Leugnung der Wahrheit, der Lüge, sie selbst sind Lügner und gemäß Johannes 8:44 die Kinder des Teufels, des Vaters der Lüge (1. Johannes 3:3-10) … Der Antichristus und die Antichristen müssen als ‚ausdrücklich mit Satan in Zusammenhang stehend gesehen werden‘, und die beiden Begriffe bedeuten hier nicht Ersatz, sondern Feindschaft gegenüber Christus …; der Antichristus war vor allem das Instrument und Werkzeug Satans.“

Glaubt jemand von Euch Ältesten ernsthaft, man kann Peter Gregerson zu dieser Gruppe Menschen zählen? [357]

Jesus Christus sagte, wer „ein unausprechliches Wort der Verachtung an seinen Bruder richtet wird dem höchsten Gerichtshof Rechenschaft geben müssen, während jeder, der sagt: ‚Du verächtlicher Tor‘, der feurigen Gehenna verfallen sein wird“ (Matthäus 5:22). Mir wäre es entschieden lieber, ein „verächtlicher Tor“ genannt zu werden, als „Antichrist“. Ganz bestimmt gibt es keinen schlimmeren Ausdruck in der Bibel. Wenn schon die ungerechtfertigte Benutzung des Ausdrucks „verächt­licher Tor“ dazu führen kann, daß man der Gehenna verfällt, wieviel mehr dann die Verwendung des Begriffs „Antichrist“, wenn sie ungerechterweise geschieht? Ein solch schweres Risiko will ich auf keinen Fall eingehen, und ich vertraue darauf, daß Ihr als einzelne gleichermaßen eine solche Abwägung vornehmt, In Matthäus 12:36 sagt Jesus: „Ich sage euch, daß die Menschen von jedem nutzlosen (acht­losen, Revised Standard Verson; unbegründeten, Jerusalem Bible) Ausspruch, den sie machen, am Gerichtstag Rechenschaft ablegen werden.“ Wer von uns dürfte es wagen derartige Warnungen auf die leichte Schulter zu nehmen? Und wie können wir meinen, andere dafür verantwortlich machen zu können, wenn wir fälschlicher­weise, ohne wirklichen Grund, jemanden, mit dem man nicht essen darf, als einen Menschen einstufen, der feindselig gegenüber Christus eingestellt ist? Der Sohn Gottes betont, daß wir in einem persönlichen Verhältnis zu ihm und zu seinem Vater stehen und damit auch persönlich verantwortlich sind: „Ich … bin (es), der Nieren und Herzen erforscht, und ich will euch, jedem einzelnen, gemäß euren Taten geben“ (Offenbarung 2:23).

Treue gegenüber Gott verpflichtet mich dazu, mein Gewissen von diesen Worten der Schrift Leiten zu lassen. Wenn ich meinem Gewissen so folge, bin ich dann ver­dammugswürdig? Es trifft zu, daß der Kreisaufseher bei mir zu Hause gesagt hat, die leitende Körperschaft könne die Gewissensentscheidunq des einzelnen aufheben. Zwar sagte er, und da möchte ich ihn wörtlich zitieren, er „plappere genau wie ein Papagei alles nach, was die leitende Körperschaf sagt“, doch diese Äußerung entstammt offensichtlich seinem eigenen Denken, denn mir ist keine Veröffentlichung der Gesellschaft bekannt, die so etwas sagen würde. Und was viel stärker zählt, ich kenne auch keine Schriftstelle, die diese Sichtweise stützen würde. Der inspirierte Apostel sagt uns, daß jemand, der Zweifel hat, „bereits verurteilt“ ist, selbst wenn die Tat in Ordnung ist, weil „alles, was nicht aus Glauben ist, Sünde“ ist (Römer 14:23). Wenn sich meine Gewissensentscheidunq ändern soll, so muß dies durch die Macht und Kraft des Wortes Gottes geschehen, nicht durch bloße menschliche Überlegungen, denn für mich gilt uneingeschränkt: „Gott werde als wahrhaftig erfunden, wenn euch jeder Mensch als Lügner erfunden werde.“ Ich möchte mich zu denen zählen, die nicht „das Wort Gottes verfälschen, sondern uns selbst durch das Kundmachen der Wahrheit jedem menschlichen Gewissen vor Gott empfehlen“ (Römer 3:4; 2.Korinther 4:2).

Ich habe dies alles so ausführlich gemacht, damit Ihr sehen könnt, wie schwer es mir fällt, ohne Vorbehalte und Gewissenskonflikte den Standpunkt zu akzeptieren, Peter Gregorson (dessen Brief ich zitiert habe) mache sich allein schon durch seinen Brief, ohne zusätzliche Belastungspunkte, automatisch zu einem bösen Menschen, mit dem ein Christ nicht mehr speisen dürfe. Habe ich die Schrifttexte, die mich jetzt von einer automatischen Verurteilung zurückhalten, falsch verstanden? Sagen sie etwas anderes, als was ich ihnen entnehme? Und werde ich dadurch, daß mein Gewissen mich treibt, Gottes Wort gegenüber wahrhaftig zu bleiben, selbst ein solcher böser Mensch, mit dem niemand essen darf? Drei unter Euch haben so entschieden. Zu ihrem Nutzen und aus Sorge um sie, aber auch für Euch andere schreibe ich diesen Brief. Sollte ich irren und Gottes Wort etwas anderes sagen, als was ich ihm entnehme, dann würde ich eine Zurechtweisung Eurerseits, die auf dasselbe inspirierte Wort gegründet ist, nicht nur akzeptieren, sondern sogar begrüßen.

Ich lege für jedes Mitglied der Ältestenschaft eine Kopie dieses Briefes bei, da das Rechtskomitee, das gegen mich entschieden hat, von ihr eingesetzt wurde. Darüber hinaus schicke ich Kopien an die leitende Körperschaft und auch an die Dienst­abteilung, da Eure Ernennung zu Ältesten von ihnen kommt. Wie Ihr wißt, schrieb ich am 5. November 1981 folgende Anfrage an die leitende Körperschaft:

Einige Älteste hier am Ort haben die Information im Watchtower vom 15.September 1981 als Aufforderung verstanden, von mir zu verlangen, ich solle meine Beziehung zu Peter Gregerson, dem Mann, auf dessen Grund und Boden ich wohne und für den ich arbeite, ändern. Sie sagen, [358] da er von sich aus die Gemeinschaft verlassen habe, solle ich ihn zu denen rechnen, mit denen man nicht essen sollte – böse Menschen und Antichristen-, andernfalls müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Da ich jetzt sechzig bin und über keine Geldmittel verfüge, ist es mir unmöglich , umzuziehen oder eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich wäre deshalb sehr dankbar zu erfahren, ob ihr mit den Äußerungen in dieser Nummer der Zeitschrift wirklich das meint, was da steht, daß es nämlich ein Grund für den Gemeinschaftsentzug ist, wenn man eine Einladung seines Wohnungs- und Arbeitgebers zum Essen annimmt. Sollte sie aber über das hinausgegangen sein, was mit der Veröffentlichung beabsichtigt war, so wäre ein Rat zur Mäßigung an sie eine sehr große Erleichterung für mich, da die Situation möglicherweise für mich sehr belastend wird. Ich bin für jede Klarstellung Eurerseits dankbar, ganz gleich, auf welchem Wege Ihr sie mir zukommen lässt.“

Ich habe Euch mehrfach, Zeit für die Beantwortung dieser Anfrage einzu­räumen. Bisher habt Ihr es nicht für angebracht gehalten, darauf einzugehen. Ich hoffe, daß Ihr es nunmehr tun werdet.

Mit freundlichen Grüßen“

Die Kopie für die leitende Körperschaft erhielt folgendes Begleitschreiben:
„11. Dezember 1981

An die
leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas
Brooklyn, New York

Liebe Brüder,

am 5. November 1981 schrieb ich Euch wegen einer Klarstellung bezüglich der neuen Linie, die im Watchtower vom 15. November vertreten wurde. Dort wurden Personen, die die Gemeinschaft verlassen hatten, mit Ausgeschlossenen gleichgestellt, und es wurden genaue Anweisungen gegeben, wie die Gesamtheit der Zeugen Jehovas solche Personen ansehen und behandeln solle. In meinem Brief gab ich meiner Sorge über die eventuellen Folgen dieses Artikels Ausdruck.

In der Zwischenzeit haben Älteste der Versammlung, mit der ich hier verbunden bin, diesen Artikel als „Autorität“ genannt, um mich auszuschließen, weil ich mit einem Mann, der die Gemeinschaft verlassen hat, in einem Restaurant eine Mahlzeit gemeinsam eingenommen habe. Der Mann ist mein Wohnung- und Arbeitgeber.

Ich lege eine Kopie meines Schreibens an die hiesige Ältestenschaft bei, in dem ich gegen die Entscheidung Berufung einlege. Sollte das Vorgehen des Rechts­komitees Eure Zustimmung haben und mit den Zielen des von Euch veröffentlichten Artikels übereinstimmen, so mag Euch dieser Brief nicht weiter interessieren. Wenn das aber nicht der Fall ist, und Euch diese Handlungsweise nicht recht ist (nicht deswegen, weil es sich um mich handelt, sondern weil es wahrscheinlich anzeigt, wie auf diese Veröffentlichung allgemein reagiert wird), dann wollt Ihr vielleicht etwas unternehmen, um die Auswirkungen des Artikels zu dämpfen. Die Firma Warehouse Groceries, bei der ich tätig bin, beschäftigt im Büro und in den zehn Ladengeschäften etwa 35 bis 40 Zeugen. Der Präsident der Finne hat die Gemeinschaft der Versammlung verlassen, ebenso der Leiter des Bereichs Non-­Food; andere dort Beschäftigte, darunter der Geschäftsführer eines der größeren Läden, sind ausgeschlossen,. Die mir erbetene Klarstellung könnte deshalb et­lichen Menschen in dieser Region eine Hilfe sein. [359]

Festzustehen scheint, daß diese neue Linie immer weitere Kreise ziehen und ständig mehr Menschen erfassen wird. Wendet man sie konsequent an, nicht nur selektiv und willkürlich wie in meinem Fall, so könnten in dieser Gegend ohne weiteres Dutzende ausgeschlossen werden, deren Namen einem sofort einfallen. Glaubt Ihr wirklich, daß das biblisch gerechtfertigt ist?

Da Ihr letzten Endes verantwortlich seid für das, was aus dem von Euch veröffentlichten Material wird, schien es mir angebracht, euch und der Dienstabteilung diese Zeilen zukommen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Rt, 4, Box 440-F
Gadsden, AL 359904″

Es folgt mein Brief vom 20. Dezember 1981, in dem ich um Veränderungen in dem von Kreisaufseher Wesley Brenner eingesetzten Berufungskomitee bitte:

„20. Dezember 1981
An die Ältestenschaft
der Versammlung Gadsden-Cst
Gadsden, Alabama

Liebe Brüder,

mit diesem Brief bitte ich um die Einsetzung eines anderen Berufungskomitees. Ich schicke eine Kopie an die Dienstabteilung der Leitenden Körperschaft und der Watchtower- Society, da ich um die Einsetzung eines Komitees bitte, das sich aus Brüdern von außerhalb dieser Gegend und dieses Kreises zusammensetzt. Folgende Gründe bewegen mich dazu:

Am 15. Dezember rief mich Theotis French an, um mitzuteilen, dass ein Berufungs­komitee ausgewählt worden sei, bestehend aus, Willie Anderson, Earl oder Felix Pamell (wer von beiden wußte er nicht) und Bruder Dibble (soweit ich mich entsinne, sagte er nicht, ob Vater oder Sohn). Ich sagte ihm, ich werde einen Brief schreiben, und daß ich zur Zusammensetzung dieses Komitees etwas zu sagen hätte. Ich fragte ihn, weshalb man keinen Ältesten aus der Versammlung Gadsten-­Ost genommen habe, und er antwortete, das werde nicht mehr so gehandhabt und er hätte den Kreisaufseher gebeten, die Auswahl vorzunehmen.

Am Freitag, 18. Dezember, schrieb ich an Theotis French mit der Bitte, mir end­gültig schriftlich die Namen derjenigen zu nennen, die für das Komitee ausge­wählt worden seien. Ich habe den Brief morgens zur Post gebracht. Abends rief er mich an und teilte mir mit, das Berufungskomitee werde am Sonntag die Ver­handlung durchführen. Ich sagte ihn, ich hätte ihn einen Brief geschrieben, den er in ein oder zwei Tagen erhalten müßte. Am Samstag abend rief er wieder an und sagte, er habe den Brief erhalten, und das Komitee wolle sich mit mir am Montag treffen, offensichtlich am 21. Dezember. Er nannte weder Zeit noch Ort, genau wie bei dem für Sonntag angesetzten Termin, gab mir aber die Namen der für das Komitee Ausgesuchten an: Willie Anderson, Earl Pamell und Rob Dibble. Ich bat ihn noch einmal darum, mir das schriftlich zu geben. Heute früh rief er noch einmal an sagte, das Berufungskomitee werde am Montag ver­handeln (wobei er wiederum Zeit und Ort nicht nannte). Ich erwiderte, das ein­gesetzte Komitee müßte mich eigentlich direkt anschreiben, statt im immer bei mir anrufen zu lassen, und sagte ihm, ich hätte Einwände gegen die Zusammen­setzung des Komitees und würde einen Brief schreiben, um die Einsetzung eines anderen Komitees zu erbitten. Darauf meinte er, das vorgesehene Komitee werde sich am Montag auf jeden Fall zusammensetzen. Ich sagte, daß ich in den 40 [360] Jahren meiner Tätigkeit ein so offensichtlich überstürztes Vorgehen noch nie erlebt hätte, worauf er erwiderte, der letzte Schulungskurs der Gesellschaft habe da Änderungen gebracht (welche, des sagte er nicht. Trotz all meiner Einwände gegen eine so rücksichtslose Eile sagte er, das Komitee werde die Verhand­lung durchführen, und alles, was ich zu sagen hätte, solle ich dann dort sagen. Ich wiederholte, daß ich die Einsetzung eines neuen Komitees verlangte.

Meines Erachtens habe ich für diese Bitte triftige Gründe. Ich werde sie im einzelnen darlegen, damit Ihr wie euch die Dienstabteilung genau informiert seid und damit das einmal festgehalten wird.

Während ich dem Diestkomitee der leitenden Körperschaft angehörte, gab es in Gadsden bei vielen Familien großen Wirbel wegen einer Angelegenheit, in die viele Jugendliche aus der Gegend verstrickt waren. Durch die Dienstabteilung erfuhr ich, daß das Komitee am Ort schwere Fehler bei der Abwicklung des Falls gemacht hatte, so daß die Einsetzung eines neuen Komitees nötig wurde, um alles zurechtzubügeln. Die ganze Sache ist mir noch frisch genug in Erinnerung, so daß ich Euch versichern kann, daß ich kein Vertrauen zu einer Komiteeverhandlung

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haben kann, die von jemand wie Bruder Anderson mit geführt wird, der in dem früheren Komitee, des so schwere Fehler gemacht hatte, eine so herausragende Rolle gespielt hatte. Darüber hinaus habe ich erfahren, und zwar sowohl durch Mitteilungen der Dienstabteilung wie auch später persönlich, daß Peter Gregor­son aktiv um die Revision der Entscheidungen der Ortsältesten bemüht gewesen war und damit maßgeblich dazu beitrug, dass die Gesellschaft ein Komitee mit Ältesten von außerhalb einsetzte. Nimmt man all dies zusammen, so erweckt die Wahl Bruder Andersons für mein Verfahren (in dem es vor allem um meine Be­ziehung zu Peter Gregerson geht) keine grossee Hoffnung auf ein umsichtiges, un­parteiisches, neutrales Verfahren. Vielleicht hat Bruder Anderson aus der Zurechtweisung des Berufungskomitees damals gelernt, doch die bisherige Verhandlungsführung des vorgesehenen Berufungskomitees, seine Hast, zu einem Urteil zu ge­langen, und die Formfehler bei der Arbeit lassen nur die schlimmsten Erinnerungen an alte Fehler aufkommen. Ich denke, Ihr könnt verstehen, daß ich gegen diese Wahl zu Recht etwas einzuwenden habe und sie für mich völlig unannehmbar ist.

Was die Wahl Earl Parnells betrifft, so sind die Gründe dafür Wirklich kaum noch nachvollziehbar. Ich möchte noch einmal betonen, daß in dem ganzen Fall vor allem um meine Beziehung zu Peter Gregerson geht, daß die Zeugenaussagen sich nur darauf beziehen, und dass das erste Komitee einen Gemeinschaftentzug wegen dieser Beziehung beschlossen hat. Wie soll man dann die Wahl Earl Parnells in mein Berufungskomitee noch vernünftig begründen können? Wie Ihr sehr gut wißt (und wie auch der Kreisaufseher weiß), ist er der Vater von Dana Parnell, der sich vor kurzem von Vicki Gregerson, der Tochter Peter Gregersons, hat scheiden lassen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, sollte es genügen zu sagen, daß die Beziehungen der beiden Familien zueinander, insbesondere die der beiden Väter seit einiger Zeit sehr angespannt sind. Über diese äusserst angespannte Situation war der Kreisaufseher ganz sicher informiert, denn während seines Gesprächs mit Peter Gregerson bei seinem vorletzten Besuch in Gadsden war von Dana Parnell die Rede. Jeder der auch nur durchschnittliches Vorstellungsvermögen besitzt, muß klar sein, daß die Wahl von Dana Parnell für ein Verfahren, in das Peter Greger­son verwickelt ist, jedes Gefühl für Fairneß und gesunden Menschenverstand Hohn spricht. Das kann einen bloß zu einer solchen Wahl getrieben haben? Welche Be­weggründe und Überlegungen stecken dahinter?

Die Umstände im Fall von Bruder Pamell spielen unvermeidlich auch in die des dritten Mitglieds im vorgesehenen Komitee hinein, nämlich Rob Dibble. Er ist Earl Parnells Schwiegersohn, da er mit Dana Parnells Schwester Dawn verheiratet ist. Falls nötig, so ließen sich meines Erachtens Zeugenaussagen finden, die be­stätigen, dass Rob Dibbles Frau sehr unter der Scheidung ihres Bruders von Peter Gregersons Tochter gelitten hat und sich auch laut darüber geäußert hat. Es erscheint unwahrscheinlich, daß sie diese Äußerungen nicht auch gegenüber ihrem Mann gemacht hat. Zu erwarten, daß er sich in einem Fall, bei dem es vor allem um Kontakte zu Peter Gregerson geht, innerlich frei und ungebunden fühlt und mit der notwendigen Unvoreingenommenheit an die Sache herangeht, das ist meiner Meinung nach mehr, als man erwarten kann. [361]

Angesichts dieser Sachlage bitte ich höflich um die Einsetzung eines anderen Komitees, bestehend aus Brüdern, die nicht aus dieser Gegend und nicht aus diesem Kreis sind. Ich könnte mir (mit vielleicht einer Ausnahme) kein Dreierkomitee vor­stellen, das weniger geeignet wäre für eine neutrale, vorurteilsfreie Verhandlung meines Berufungsverfahrens als das bisher ausgewählte. Es kann sein, daß der Kreis­aufseher sich für seine Entscheidung nicht genügend Zeit genommen hat, die von mir genannten Fakten angemessen zu würdigen. Es ließen sich zwar Argumente vortragen, die diese Fakten beiseiteschieben, doch die Liebe zu einer fairen und gerechten Vorgehensweise verbietet das. Diese Liebe wird, so hoffe ich, Euch zu der Einsicht führe, daß das Berufungskomitee untadelig sein, auf eigenen Beinen stehen können muß und keine solchen Rechtfertigungsversuche nötig haben darf (1. Timotheus 5:21, 22).

Möglicherweise wollt Ihr wegen dieser Fragen an die Gesellschaft schreiben. Ich würde das sehr begrüßen.

Zu Eurer Information teile ich Euch mit, daß ich heute Gäste erwarte, die über 800
Kilometer weit gereist sind und nur wenige Tage für und erübrigen können. Am Montag Nachmittag habe ich eine Verabredung in Birmingham, die bereits vor einigen Tagen vereinbart wurde, so daß ich wahrscheinlich erst am Abend wieder zu Hause sein werde. Im Verlauf der Woche werden wir eine Reise über die grenzen des Staates Georgia hinaus unternehmen, für die die Fahrkarten bereits vor einiger Zeit gekauft wurden , und zwar von denen die wir besuchen werden. In der Zeit um Neujahr herum werden uns Freunde von weit außerhalb besuchen, die mit dem Flugzeug angereist kommen. Doch nach dem 5. Januar werde ich Zeit haben, mich mit dem neugewählten Komitee zu treffen, was auch der Gesellschaft genügend Zeit für die Auswahl lässt.

Darf ich Euch darum bitten, dass ihr mit mir schriftlich Kontakt haltet, damit es in Zukunft nicht zu noch mehr Schwierigkeiten kommt, als wir bisher schon erlebt haben. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüssen
Rt. 4, Box 440-F
Gadsden, Al 35904″ [362]

Kopien dieses Briefes habe ich an die leitende Körperschaft und an die Dienstabteilung geschickt, zusammen mit folgendem Schreiben:

„20. Dezember 1981

Watchtower Bible and Tract Society
Brooklyn. New York

Betrifft: Dienstabteilung

Liebe Bruder,

hiermit beantrage ich die Einsetzung eines neuen Komitees für meine Berufungsverhandlung, das sich aus Brüdern zusammensetzt, die von ausserhalb Gadsdens und des Kreises, in dem es liegt, stammen. Die Gründe für diesen Antrag werden in dem beigefügten Brief an die Ältestenschaft der Versammlung Gadsden-Ost unter dem heutigen Datum erläutert.

Der Vorsitzende des ursprünglichen Rechtskomitees hat mir von Gesprächen mit Euch berichtet, so daß Ihr die Einzelheiten des Falls kennt.

Ich bitte um die Einsetzung von Brüdern außerhalb des Kreises zum Teil deswegen, weil es schon zu beträchtlichem Geschwätz und zur Ausbreitung von Gerüchten gekommen ist, die mir zum Teil zu Ohren gekommen sind. Doch darüber hinaus glaube ich auch, daß die Auswahl, die der von Euch eingesetzte Vertreter, der Kreisaufseher, getroffen hat, in Anbetracht der im beiliegenden Brief beschrie­benen Fakten nur seine Unfähigkeit beweist.

Wie bereits in meinem Schreiben von 8. Dezember 1981 erwähnt, in dem ich meine Berufung begründete, zeigte Bruder Benner während seines Besuches bei mir eine so starre Haltung, daß wenig Hoffnung für seine Fähigkeiten in derartigen Ange­legenheiten besteht. Wie er selbst sagte, glaubt er, das Gewissen des einzelnen könne „durch die leitende Körperschaft außer Kraft gesetzt werden“ (was doch nur die Bibel kann), und er beschrieb sich lang und breit als jemand, der wie ein Papagei nachplappert, was immer die leitende Körperschaft sagt. Diese Einstellung gibt Anlaß zur Sorge, erinnert sie doch fatal an die Mentalität, die in der Jüng­sten Geschichte in Deutschland zu so vielen Taten des Unrechts geführt hat, ganz zu schweigen von all den sehr religiös eingestellten Menschen durch die Jahrhun­derte hindurch, die ohne nachzudenken das akzeptierten, was ihnen ihre „Mutter“ Kirche befahl, und es dann ausführten. Die Auswahl, die er für das Berufungskomitee getroffen hat, zerstreut diese Sorgen keineswegs, sondern im Gegenteil, es verstärkt sie noch. Ich meine, das geht aus dem beigefügten Brief klar hervor.

Ich bitte Euch eindringlich, die in diesem Fall eingetretene offensichtliche Ent­gleisung zu beheben. Vielen Dank.

Hochachtungsvoll“

Mittlerweile hatte ich an die leitende Körperschaft dreimal geschrieben (am 5. November, am 11. Dezember und am 20. Dezember) und um eine Reaktion gebeten. In den acht Wochen, die zwischen der Abfassung des ersten Briefes und meinem endgültigen Ausschluß verstrichen, wurde keiner von ihnen beantwortet. Nicht einmal der Posteingang wurde mir bestätigt.[363]

13.1.7 Zu Kapitel 12 *

In den Jahren, die seit der Niederschrift dieses Kapitels verstrichen sind, hat sich nichts Wesentliches ereignet, das die dort getroffenen Feststellungen beeinflussen würde. Wie dort schon gesagt, habe ich zu keiner Zeit damit ge­rechnet, daß Scharen von Anhängern die Wachtturm-Organisation verlas­sen würden, sondern statt dessen weiteres Wachstum erwartet. Tausende neuer Anhänger werden jedes Jahr gewonnen, während zugleich Tausende anderer sich wieder verabschieden. Diese Fluktuation sowie eine gewisse Zunahme haben dazu geführt, daß ein hoher Prozentsatz der Anhänger heute neu in der Organisation ist und buchstäblich keine Ahnung hat, wel­che hohen Erwartungen einst für das Jahr 1975 geschürt worden waren, ganz zu schweigen von den anderen fehlgeschlagenen Voraussagen, die es davor gegeben hatte.

In den Veröffentlichungen der Wachtturm-Organisation werden weiterhin unermüdlich Behauptungen über das Jahr 1914 aufgestellt. Ist erst einmal das Jahr 2000 gekommen und man liest und schreibt diese Jahreszahl, da­nach 2001, 2002 und so weiter, wird allein schon der optische Eindruck das Jahr 1914 immer unhaltbarer machen. Früher oder später wird sich die Orga­nisation dann wohl einfach gezwungen sehen, irgendein „neues Verständ­nis“ vorzutragen. Dieses Jahr ganz fallenzulassen, kann sie sich kaum erlau­ben, denn es dient vielen Lehren, Deutungen von Prophezeiungen und An­sprüchen der Organisation als Stütze. In der Vergangenheit hat die Organisa­tion einigen Erfindungsreichtum bewiesen, wenn es um derartiges „neues Verständnis“ ging, und den wird sie diesmal sicher auch wieder aufbringen. Wie gut sie damit aber durchkommt, ob die Menschen in ihren Reihen end­lich anfangen, ihr kritisches Urteilsvermögen zu gebrauchen, das bleibt ab­zuwarten. Jede Änderung der Lehre über 1914 dürfte sich am stärksten auf diejenigen auswirken, die der Organisation schon ihr ganzes Leben lang an­gehören und deren Bereitschaft, weiterhin an das „Bevorstehen“ der neuen Ordnung zu glauben, wie sie es schon Jahrzehnt um Jahrzehnt um Jahrzehnt getan haben, allmählich erschöpft sein könnte.

Ein wichtigeres Ereignis, das sich seit der Abfassung der ersten Ausgabe die­ses Buches zugetragen hat, war der Tod von Frederick Franz am 22. Dezem­ber 1992 im Alter von 99 Jahren (geboren am 12. September 1893). Mit ihm ging gewissermaßen eine Ära zu Ende, denn er war der einzige in der leiten­den Körperschaft, der in dem für die Zeugen Jehovas so bedeutungsvollen Jahr 1914 bereits getauft war, und er war möglicherweise der einzige aus die­ser Gruppe, der den Gründer der Bewegung, Charles Taze Russell, noch per­sönlich erlebte. Er hatte bei weitem den größten Anteil an der Errichtung des Glaubensgebäudes aus der Zeit nach Rutherford und an der Formulie­rung der Verfahrensgrundsätze beim Gemeinschaftsentzug. Der göttliche „Prophetenmantel“, den Rutherford weitergereicht haben soll (siehe dazu die Seiten 86-88), geht mit ihm in die Versenkung. Sein Ableben könnte[364] meiner Meinung nach so manchem altgedienten Mitglied Anlaß sein, etwas ernsthafter über die Behauptungen bezüglich 1914 nachzudenken.

Nach meinem Rücktritt aus der leitenden Körperschaft und der späteren Trennung von der Organisation hatte ich mehrfach an meinen Onkel ge­schrieben, ohne dabei auf eine Antwort zu hoffen – die auch nie eingetrof­fen ist – und auch nicht an ihn als eine Autoritätsperson, sondern einzig aus Anteilnahme an ihm als Familienangehöriger und Mensch, um mich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen und ihm zu versichern, daß mein Inter­esse und meine Sorge für ihn nicht von Leitlinien oder Vorschriften eines menschlichen Systems bestimmt werden. Mein größter Wunsch war, daß wir uns hätten zusammensetzen und von Angesicht zu Angesicht miteinan­der reden können. Ich bin nämlich felsenfest davon überzeugt, daß er klar er­kannte, auf welch schwankendem biblischem Fundament viele der Lehren der Organisation standen. Er verfügte über eine enorme Intelligenz, konnte streng folgerichtig denken und brachte Bibelauslegungen zu Papier, die Hand und Fuß hatten. Doch da er beharrlich an einer menschengemachten Organisation festhielt, trat er als deren Hauptverteidiger auf, wann immer ihre Sonderlehren in Frage gezogen oder ihre Interessen bedroht schienen, selbst wenn das bedeutete, die Aussagen der Heiligen Schrift umzudeuten, damit sie scheinbar die Position der Religionsgemeinschaft stützten. In die­sen Fällen gebrauchte er seine Intelligenz letztlich für phantasiereiche Er­findungen und führte seine Leser mittels bloßer Rhetorik und reiner Plausi­bilitäten zu den gewünschten Schlußfolgerungen.

Ich finde das alles sehr traurig. Er erlebte mit, wie die Zahl der Mitverbunde­nen von wenigen Tausend auf mehrere Millionen anwuchs, wie die Welt­zentrale sich vom Umfang einiger Gebäude zu ganzen Häuserblocks mit vielgeschossigen Komplexen ausweitete, wie die Druckereien sich von ei­nem recht bescheidenen Anfang zu einem internationalen Verlagsimpe­rium entwickelten, doch nichts von all dem kann er mit ins Grab nehmen. Und ganz bestimmt haben auch alle diese materiellen Faktoren keinerlei Einfluß auf Gottes Gutheißung oder Mißbilligung ihm gegenüber. Schon Jahre vor seinem Tod hat man alle Bücher, die er einst geschrieben hatte, nicht mehr neu aufgelegt. Ihnen wird eines Tages der Status reiner Erinne­rungsstücke zugewiesen werden, wie das bereits mit den Schriften Ruther­fords und Russells geschehen ist. Seine höchst kreativen Deutungen bibli­scher Prophezeiungen, wie zum Beispiel denen Daniels, werden vielfach durch andere Deutungen ersetzt werden, einfach weil die Umstände es er­fordern. (Das hat schon angefangen mit seiner Deutung des „Königs des Nordens“ und des „Königs des Südens“ aus Daniel 11:29-45, wobei er den „König des Südens“ als die demokratischen Kräfte unter Führung der USA und den König des Nordens als die kommunistische Supermacht unter Füh­rung der Sowjetunion ansah. Über 30 Jahre lang wurde diese Ansicht vertre­ten, von seiner Abfassung des Buches Dein Wille geschehe auf Erden. auf Englisch 1958 erschienen, bis zum Erscheinen des Wachtturms vom 1. Sep­tember 1991, Seite 6. Die Spannung zwischen den Supermächten sollte [365] schließlich in ihren Todeskampf einmünden. Doch statt dessen kam Ende 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion, und im Wachtturm vom 1. No­vember 1993, Seite 21, wurde die Frage gestellt, die sich bereits viele Zeugen gestellt hatten: „Wer also ist der König des Nordens?“ – ohne daß der Schreiber darauf eine klare neue Antwort geben konnte.)

In einem Brief an meinen Onkel, den ich ihm am 28. Juni 1988 geschrieben hatte, nachdem mir von seinen gesundheitlichen Problemen berichtet wor­den war, bezog ich mich auf einige seiner – meiner Meinung nach — besten Bücher und Ansprachen, die treffende Aussagen enthielten, die, wenn man sie wirklich anwendete, zu einer Neubewertung oder gar Zurückweisung vieler heutiger Standpunkte und Behauptungen der Organisation führen würden. Unter anderem schrieb ich damals:

„Wir stehen beide vor dem Abschluß unseres Lebens. Mir steht ganz klar vor Augen, daß wir alle mit Sicherheit vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden, wie Paulus sagte, und daß jeder vor Gott wird Rechenschaft ablegen müssen. Sein Sohn wird dann als Richter „auch das im Dun­keln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenkundig machen, und dann wird indem sein Lob von Gott zuteil werden“ (Römer 14:10-12; I. Korinther 4:5). Da ich genau weiß, wie gut Du die Bibel kennst, kann ich unmöglich glauben, daß Du meinst, irgend­welche Organisationszugehörigkeit oder die Loyalität gegenüber den Interessen einer Organi­sation würden bei diesem Gericht über unsere Person einen entscheidenden Einflug haben, oder daß sie überhaupt je eine Bedeutung hätten.Je mehr ich altersmäßig voranschreite und je greifbarer mir mein Ende vor Augen steht, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß das Wert­vollste, was wir der Nachwelt überhaupt hinterlassen können, unser moralisches Erbe ist, und daß der Wert dieses moralischen Erbes sich an den Grundsätzen mißt, für die wir eingetreten sind, Grundsätze, die in keinem Fall geopfert oder aus zweckdienlichen Erwägungen weger­klärt werden können. Zu diesen rechnen vor allem um die vollständige, ungeteilte Hingabe ge­genüber Gott, die bedingungslose Unterwerfung gegenüber seinem Sohn als unserem einzigen Haupt, die Lauterkeit gegenüber der Wahrheit und unser mitfühlendes Interesse an anderen, nicht als Teil eines Systems, das wir stützen,sondern als einzelnen Menschen.“

Ich habe großes Interesse daran, ein solches moralisches Erbe zu hinterlassen; nichts anderes bewegt mich so in meinem Herzen. Es ist so, wie Paulus in Römer 14:7, 8 sagt: „Keiner von uns lebt für sich selbst. Genauso stirbt auch keiner für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und auch wenn wir sterben, geschieht es für den Herrn.“ Ich hoffe, daß wir, wenn auch vielleicht in sonst nichts, so doch wenigstens hierin übereinstimmen und gleichermaßen besorgt sind.

Wie schor, bei meinen anderen Briefen, blieb auch dieser unbeantwortet. Dennoch bin ich froh, ihn geschrieben zu haben. In Anbetracht des Todes meines Onkels bin ich nicht nur traurig über das, was geschehen ist, son­dern noch mehr über das, was hatte sein können.

Nach dem Tode von Frederick Franz ist ein neuer Präsident der Gesell­schaft ernannt worden, und wie bereits in Kapitel 12 (niedergeschrieben im Jahre 1983) als wahrscheinlicher Schritt angekündigt, wurde Milton Hen­schel von der leitenden Körperschaft am 30. Dezember 1992 als sein Nach­folger eingesetzt. Wie bereits gesagt, bringt die Stellung des Präsidenten dem Amtsträger ein gewisses zusätzliches Prestige unter den Zeugen Jeho­vas im allgemeinen, bedeutet aber keine besondere Macht oder Autorität mehr. Der Wechsel im Präsidentenamt hat also keinen besonderen Einflug [366] auf die Richtung, in die sich die Organisation weiterbewegt. Milton Hen­schel gehört zu den konservativeren Mitgliedern der leitenden Körper­schaft und hat bei Abstimmungen wie alle anderen Angehörigen dieses Gremiums nur eine einzige Stimme. Er verfügt zwar über Humor und ein gewinnendes Wesen, gibt sich aber oft in sich gekehrt und gleicht keinem der vorangegangenen vier Präsidenten, da er weder über deren Charisma verfügt noch über das Ausmaß an Führungseigenschaften, das die ersten drei von ihnen auszeichnete. Doch da das Amt all seiner Macht beraubt ist, die Rutherford ihm verliehen hatte, spielt das kaum eine Rolle. In Fragen der Lehre zählt seine Stimme in der leitenden Körperschaft bei weitem nicht so viel, wie etwa die von Fred Franz zählte. Henschel ist kein Buch­autor und auch kein besonders tiefschürfender Erforscher der Bibel, und wenn sich Änderungen der Lehre ergeben sollten, so ist es wenig wahr­scheinlich, daß sie von ihm ausgehen werden.

Der leitenden Körperschaft gehören jetzt weniger Männer an; ihre Zahl ist von einstmals 18 auf heute zehn gesunken. Das jüngste Mitglied, Gerriet Loesch, wurde im Juni 1994 ernannt. Er wurde 1941 in Österreich geboren, mithin 27 Jahre nach dem Jahr 1914, und wurde 1959 getauft, also 24 Jahre nach der Änderung von 1935, derzufolge der Ruf angeblich nur noch an die irdische statt die himmlische Klasse erging. Abgesehen von diesem 55jiihri­gen Mitglied, sind sie alle recht alt, und zumindest einige wurden nur wegen ihrer langjährigen Tätigkeit in der Weltzentrale oder im Vollzeitpredigt­dienst in diesen Kreis aufgenommen, nicht wegen ihrer bemerkenswerten persönlichen Eigenschaften oder Qualifikationen. Man meinte eben, sie würden sich gut „einfügen“ (oder zumindest keine Probleme bereiten). Ei­nige wurden vor ihrer Ernennung nur als für untergeordnete Aufgaben taug­lich angesehen. Damit will ich niemand herabsetzen, und wer mit mir ge­meinsam an der Auswahl neuer Mitglieder beteiligt war, weiß auch, daß dies der Wahrheit entspricht. Bis zur kürzlichen Ernennung Loeschs ver­spürte man anscheinend keine Lust, die Verstorbenen zu ersetzen, mögli­cherweise weil man sich in der bestehenden Zusammensetzung des Gremi­ums wohl fühlte und man, wie so häufig bei alten Menschen, alles vermei­den will, was eine Atmosphäre des Wechsels mit sich bringen könnte. Da ich jeden einzelnen kenne, zweifle ich nicht daran, daß mindestens einige die Machtprivilegien ihrer kleinen Gruppe ebenso ungern mit jemand an­ders teilen möchten, wie Rutherford und Knorr es mit ihrer Machtfülle als Einzelperson in früheren Zeiten gewollt hätten.

Eine nennenswerte Änderung ist vielleicht die Bekanntmachung im Wachtturm vom 15. April 1992 auf Seite 31, wonach an den Komiteesitzun­gen (nicht an den Plenarsitzungen) auch andere Personen teilnehmen dür­fen. Zwei Hauptartikel in dieser Wachtturm-Ausgabe bereiten den Boden für diese Ankündigung. Darin wird erläutert, daß man die Christen der heu­tigen Tage gemäß der Lehre der Wachtturm-Organisation in zwei große Gruppen einteilen könne: die „Bürger“ und die „Fremdlinge“, oder anders ausgedrückt: die geistigen luden und die geistigen Heiden. Das steht in krassem [367] Gegensatz zu den Schriften der Jünger Jesu, denen eine solche Tren­nung in verschiedene Klassen gänzlich fremd ist und die statt dessen die Gleichrangigkeit der Christen in ihrer Stellung vor Gott hervorheben. Pau­lus sagt, daß es in Christus weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freien gibt (Römer 10:12, Galater 3:28; Kolosser 3:11). Diese buchstäbliche Unterscheidung nach Rasse und Stand wird in der Wachtturm-Lehre ersetzt durch die Unterscheidung nach geistiger Rassenzugehörigkeit undgeistiger Unterordnung oder Knechtschaft. Dies geschieht, indem man die Vorkeh­rungen und Einrichtungen des Alten Bundes dem christlichen System über­stülpt und damit in geistigem Sinne sozusagen die Uhr zurückdreht in vor­christliche Zeiten, womit der grundlegende Wechsel, den Christus be­wirkte, null und nichtig gemacht wird. So sind die etwa 8700 Mitglieder der „Gesalbten“ die „Bürger“, die „geistigen Israeliten“, und bilden die „auser­wählte Rasse“ und die „königliche Priesterschaft“ aus 1. Petrus 2:9, wäh­rend die Millionen „anderer Schafe“ die „Fremdlinge“ sind, die „geistigen Heiden“, zu vergleichen mit den „Fremden“, die für die Israeliten „Mauern bauten“ oder „Bauern“ und „Winzer“ waren, wobei diese Dienste in der Bi­bel als ein Hinweis auf die Unterwürfigkeit gegenüber denen, die diese Dienste empfingen, gewertet werden.

Genaugenommen wird damit im Wachtturm vom 15. April 1992 noch eine dritte Klasse oder Unterklasse eingeführt, die der geistigen Nethinim lind Söhne der Diener Salomos. In den beiden Artikeln wird betont. diese Grup­pen seien in einen höheren Stand als den der einfachen Sklaverei gehoben worden; Nachschlagewerke werden zitiert, die von einem höheren sozialen Rang der Nethinim sprechen und davon, daß sie eine offizielle heilige Klasse bildeten, denen Vorrechte gegeben wurden. Es wird behauptet, ohne daß dies biblisch begründet wird, daß diese Situation aus dem Alten Testament in der heutigen Zeit eine Parallele habe. (Zu Anfang werden die Nethinim mit dem nichtlevitischen „Sängern und Sängerinnen“ am Tempel in Verbin­dung gebracht, doch später ist davon nicht mehr die Rede, zweifellos weil sich Frauen unter ihnen befanden. Willkürlich legt also der Verfasser des Aufsatzes fest, wie weit die angebliche „Parallele“ zu gehen habe. Das ist eindeutig nichts anderes als Manipulation.] Als nächstes wird eine Gruppe von Männern hervorgehoben, die besondere Vorrechte innehat, unter ande­rem „administrative Verantwortung“, und danach werden die „Nethinim“ und „Söhne der Diener Salomos“ der alten Zeit als Gegenbild von Zeugen Jehovas (Männern) der heutigen Zeit dargestellt, die reisende Aufseher, Mit­glieder von Zweigkomitees, Redaktionsmitarbeiter in der Weltzentrale, lei­tende Mitarbeiter in den Wohnheimen und Fabriken der Wachtturm-Ge­sellschaft oder bei Bauprojekten in verschiedenen Ländern sind. Ganz ein­deutig bleibt für die anderen „Fremdlinge“, die Millionen „geistiger Hei­den“ oder „anderer Schafe“, eine Position mit weniger Vorrechten und ge­ringerem Rang übrig. Die Artikel durchweht ein Geist der Vorliebe für be­sondere Vorrechte und Stellungen in einer Organisation, ein Geist, der seine Verkörperung findet in den höchsten Privilegien und Machtbefugnissen der [368] Mitglieder der leitenden Körperschaft, denen man nicht abstreiten kann, daß sie „eine Klasse für sich“ bilden.

Die neue Vorkehrung, der Anlaß für das Abfassen dieser Artikel, daß näm­lich auch andere Personen an den Zusammenkünften der Komitees der lei­tenden Körperschaft teilnehmen, ist in Wahrheit nur soweit neu, als es die Anzahl der Beteiligten betrifft. Schon sehr früh, gleich nach der Bildung der Komitees der leitenden Körperschaft 1976, wurden nämlich Männer aus dem Mitarbeiterstab der Weltzentrale als Sekretäre der fünf Komitees er­nannt (Personal-, Verlags-, Dienst-, Lehr- und Schreibkomitee), und diese fünf Männer (David Mercante, Don Adams, Robert Wallen, David Sinclair und Karl Adams) gehörten sämtlich zur Klasse der „Nicht-Gesalbten“. Diese Sekretäre waren nicht nur bei den jeweiligen Komiteesitzungen an­wesend, sondern durften auch an ihren Diskussionen teilnehmen, wenn auch nicht abstimmen. In der Bekanntmachung des Wachtturms vom 15. April 1992 wird nichts über das Stimmrecht gesagt, und man darf vermuten, das dies weiterhin den anwesenden Mitgliedern der leitenden Körperschaft vorbehalten bleibt. Die Plenarsitzungen der Körperschaft (an denen selbst die erwähnten Sekretäre nicht teilnahmen) bleiben offenbar weiterhin ein­zig den Mitgliedern der leitenden Körperschaft vorbehalten.

So bedeutet die neue Vorkehrung lediglich, daß nun zwei oder drei Fremde an den Komiteesitzungen anwesend sein werden, statt bisher nur einem. Eine so simple Änderung kann nur in einer Organisation, in der Rang und Vorrechte solch enormen Stellenwert haben, als so aufsehenerregend ange­sehen werden, daß sie eine weltweite Bekanntgabe erfordert. Letztlich dürfte hierbei nur die Einsicht der Mitglieder der leitenden Körperschaft zum Tragen gekommen sein, daß sie mit zunehmendem Alter und schlech­ter werdender Gesundheit immer weniger selbst werden tun können und ihre Zahl sich ganz ohne Zweifel bald noch weiter verringern wird. Der Jüngste, Gerrit Loesch, ist jetzt (im April 1996) 55, Ted Jaracz ist 70, Milton Henschel 75, Dan Sydlik 77, Lloyd Barry 79, Jack Barr 82, Albert Schroeder und Lyman Swingle sind 85, Carey Barber und Karl Klein beide 90 Jahre alt. Wie schon im Hinblick auf Änderungen beim Jahr 1914 gesagt, wäre es für die Organisation ein Unding, Männer aus den Reihen der „Nicht-Gesalb­ten“ direkt in die leitende Körperschaft aufzunehmen, ohne ihre Behaup­tungen zu untergraben, nach denen die „Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ allein aus „Gesalbten“ besteht und mit der Überwachung des ge­samten „Haushalts“ des Herrn betraut ist. Außerhalb dieser Körperschaft hat es keinerlei Bedeutung, ob jemand zu den „Gesalbten“ zählt, wenn es um die Ernennung als Ältester, reisender Aufseher, Mitglied eines Zweigko­mitees oder irgendeine andere Stellung in der Organisation geht. Aus eige­ner Erfahrung würde ich sagen, daß es ganz ohne Zweifel scharenweise „Nicht-Gesalbte“ in den verschiedensten Ländern gibt, die erheblich fähi­ger sind, die eine bessere Kenntnis der Bibel haben sowie eine größere Fähig­keit, diese Kenntnisse weiterzugeben, die tiefere Einsichten haben, sogar mehr Geistigkeit erkennen lassen als viele der derzeitigen Mitglieder der [369] leitenden Körperschaft. Würde man sie jedoch in den erlesenen Rang dieser Gruppe erheben, hieße das, geistige „Ausländer“ mit den geistigen „Bür­gern“ auf eine Stufe zu stellen, die geistigen „nichtlevitischen Helfer im Tempel“ der geistigen Klasse der „königlichen Priesterschaft“ gleichzuma­chen und ihnen einen vollen Anteil an der Verwaltung des Haushalts des Herrn gemeinsam mit der „Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ zu geben. Damit würde man alle Trennlinien, die in der Wachtturm-Lehre seit einem halben Jahrhundert oder länger aufgestellt werden, verwischen oder praktisch ganz aufheben. Meiner Meinung nach wird die leitende Körper­schaft das aber nicht tun, solange sie nach menschlichen Fähigkeiten dazu nur in der Lage ist. Genau wie beim fahr 1914 werden die überkommenen Ansichten, an denen man so glühend festhält, zu frustrierenden Fesseln, die das Gremium daran hindern, das zu tun, was die Umsicht und die prakti­schen Gegebenheiten normalerweise erfordern würden.

Die 8. englische Auflage von Der Gewissenskonflikt vom September 1994 ging ausführlich auf den Wachtturm vom 15. Februar 1994 ein, in dem Teile von Matthäus 24 auf den Beginn der „großen Drangsal“ angewendet wur­den. Die Schlußsätze lauteten:

„Das Bemerkenswerteste ist vielleicht, daß der Ausdruck „diese Generation“, den die Wacht­turm-Organisation so beständig gebraucht und der in Matthäus 24:34 und Lukas 2l:32 er­scheint, in diesen Artikeln nirgendwo auftaucht. Das ist höchst auffällig. Es ist schwer abzu­schätzen, ob die Organisation sich jetzt In der Lage sieht, die Erfüllung von Matthäus 24:29-31 auf einen Zeitpunkt nach dem Beginn der kommenden „großen Drangsal“ zu ver­legen und dennoch weiterhin Jesu Worte über „diese Generation“ drei Verse später der Zeit vom Jahr 1914 an zuzurechnen. Doch wie bereits gesagt, scheint es vernünftig anzunehmen, daß die leitende Körperschaft jedes Mittel dankbar aufgreifen wird, das ihr hilft, sich der im­mer schwieriger werdenden Lage zu entziehen, die dadurch entsteht, daß man den Begriff „diese Generation“ (einschließlich der begleitenden Worte, daß diese nicht vergehen wird, bis alle diese Dinge geschehen sind“) mit dem immer weiter entschwindenden Jahr 1914 ver­knüpft.

Abzuwarten bleibt, ob diese neue Deutung nur den Boden vorbereitet für eine grundlegende Wende in der Auslegung des Begriffs „diese Generation“, Am besten wäre natürlich eine Deutung, bei der man das Jahr 1914 einerseits als „den Beginn der letzten Tage“ beibehalten und andererseits zugleich den Begriff „diese Generation“ von dem Jahr 1914 erfolgreich abtrennen könnte. Wie schon gesagt, kann die Organisation unmöglich das Jahr 1914 vollstän­dig aufgeben, ohne eine Fülle von Lehren, die darauf aufbauen, zu untergraben. Ließe sich hingegen der Ausdruck „diese Generation“ aus dem Zusammenhang mit dem Jahr 1914 lö­sen und auf einen zukünftigen Zeitabschnitt unbekannten Datums verlegen, dann könnte es einfacher sein, gute Gründe für das Verstreichen der Zeit, den Anbruch des dritten Jahrtau­sends im Jahr 2000, selbst das Eintreffen des Jahres 2014 zu finden, insbesondere da die An­hänger es ohnehin gewohnt sind, alles anzunehmen, was ihnen der „treue und verständige Sklave“ vorsetzt.“

Ganze 14 Monate nach Erscheinen dieses Textes brachte der Wachtturm vom 1. November 1995 Artikel, in denen fast genau das getan wurde, was im Gewissenskonflikt von 1994 skizziert wurde. Wie umgedeutet, hat man den Begriff „diese Generation“ (Matthäus 24:34) nun vom Jahr 1914 abge­koppelt, das Datum selbst aber weiter als biblisch bedeutsam beibehalten. Dies wird ermöglicht durch eine neue Definition der Bedeutung des Wor­tes „Generation“ in diesem Bibeltext. Vor etwa 70 fahren stellte die Zeitschrift [370] Das Goldene Zeitalter in der englischen Ausgabe vom 20. Oktober 1926 einen Zusammenhang zwischen Jesu Worten über „diese Genera­tion“ und dem Jahr 1914 her (wie es von da an im Wachtturmgetan wur­de). Etwa 25 Jahre danach hieß es im Wachtturm vom 1. August 1951:

„Folglich ist es unsere Generation, die den Anfang und auch das Ende, den Abschluß dieser Dinge, Harrnagedon inbegriffen, sehen wird.“ In der Aus­gabe vom 1. September 1951 wurde „diesc Generation“ erneut mit dem fahr 1914 in Verbindung gebracht. Dort stand über Matthäus 24:34 zu le­sen:

„Diese Worte bezeichnen zweifellos das, was gemäß Markus 8:12 und Apostelgeschichte 13:26 (ZB) ein Geschlecht, das heißt eine „Generation“ im gewöhnlichen Sinn des Wortes, ausmacht, nämlich diejenigen, die in der angegebenen Zeitspanne leben.“

Weiter hieß es:

„Dies bedeutet daher, daß von 1914 an die betreffende Generation nicht vergeht, bis dies er­füllt ist, und dies inmitten einer großen Zeit der Drangsal.“

Über weitere 40 Jahre hinweg wurde in den Wachtturm-Publikationen das Wort „Generation“ aus Matthäus 24:34 im zeitbezogenen Sinn gedeutet. Immer wieder wurde auf das Älterwerden dieser Generation von 1914 ver­wiesen als klaren Beweis für die Kürze der noch verbleibenden Zeit.

Nach der revidierten Definition jedoch gibt es keine Zeitbegrenzung oder einen klaren Anfang mehr für die „Generation“, sondern diese erkennt man jetzt statt an ihrem zeitlichen Bezug an ihren charakteristischen Be­sonderheiten, wie in der Beschreibung „ehebrecherische und sündige Ge­neration“ aus den Tagen Jesu. Bei dieser „Generation“ handelt es sich jetzt um „jene Erdbewohner, die zwar das Zeichen der Gegenwart Christi sehen, aber nicht auf ihren verkehrten Wegen umkehren“ und darum die Vernich­tung in Harmagedon verdienen.

Das Jahr 1914 wird nicht verworfen, denn das zu tun würde bedeuten, den Kern der theologischen Auffassungen und die wesentlichen Unterschei­dungsmerkmale der Religionsorganisation zu demontieren. Dieses fahr bleibt weiterhin der angebliche Zeitpunkt der Inthronisierung Christi im Himmel, der Beginn der zweiten, unsichtbaren Gegenwart Christi und auch der Anfang der „letzten Tage“ und der „Zeit des Endes“. Und es spielt, wenn auch verschwommen, noch eine Rolle in der neuen Definition für „diese Generation“, denn das „Zeichen der Gegenwart Christi“, das die zum Tode Verurteilten sehen und zurückweisen oder willentlich nicht zur Kenntnis nehmen, wurde angeblich vom Jahr 1914 an weltweit sichtbar.

Worin liegt dann der große Unterschied? Darin, daß man jetzt, um zu „die­ser Generation“ zu gehören, nicht mehr 1914 am Leben gewesen sein muß. Das angebliche Zeichen der Gegenwart Christi kann von jedem beliebigen Menschen zu jeder beliebigen Zeit zum ersten Mal gesehen werden, selbst heute, in den 1990er Jahren, oder auch erst im nächsten Jahrtausend, und immer noch würde er zu „dieser Generation“ zählen. Damit ist der Begriff [371] frei von der Verknüpfung mit einem bestimmten Anfangszeitpunkt, und das macht es deutlich einfacher, die peinliche Länge der seit 1914 verstri­chenen Zeit und die rapide abnehmende Zahl der heute lebenden Personen aus dieser Zeit zu erklären. (Allerdings könnte es immer noch Probleme ge­ben, wenn das Jahr 2014 hereinbricht.)

Das Impressum der Zeitschrift Erwacht! enthielt bis zur Ausgabe vom 22. Oktober 1995 folgende Aussage: „Diese Zeitschrift (stärkt) das Vertrauen zum Schöpfer, der verheißen hat, noch zu Lebzeiten der Generation, die die Ereignisse des Jahres 1914 erlebt hat, eine neue Welt zu schaffen, in der Frie­den und Sicherheit herrschen werden.“ Ab der Ausgabe vom 8.November 1995 wurde jeglicher Hinweis auf das fahr 1914 gestrichen, was vielleicht den augenfälligsten Beweis für diese deutliche Änderung der Lehre darstellt. Gleichzeitig wird damit auch angedeutet, daß „der Schöpfer“ seine“ Verheißung“ an die Generation von 1914 irgendwie nicht eingehalten hat.
Wie sich diese bedeutende Änderung auf die Anhänger auswirken wird, bleibt abzuwarten. Am stärksten werden sich meines Erachtens die älteren Mitverbundenen getroffen fühlen, die schon lange dabei sind und gehofft hatten, nicht sterben zu müssen, bevor sich ihre Erwartungen auf eine voll­ständige Erfüllung der Verheißungen Gottes verwirklichten. Sprüche 13:12 sagt: „Hingehaltene Hoffnung macht krank das Herz; ein Lebensbaum ist aber erfülltes Verlangen“ (Jerusalemer Bibel). Wenn bei irgend jemand das Herz krank wird, so ist das nicht die Schuld des Schöpfers, sondern derjeni­gen Menschen, die in ihm falsche Hoffnungen einpflanzten und falsche Er­wartungen in bezug auf ein bestimmtes Datum nährten.

Wer jünger ist oder sich erst vor kurzem angeschlossen hat, wird diese Än­derung wohl nicht als so gravierend ansehen. Schließlich ist sie in eine Sprache gekleidet, die keinerlei Zugeständnis eines Fehlers seitens der Or­ganisation enthält, sondern alles als „besseres Verständnis“ und „voran­schreitendes Licht“ verkleidet darstellt. Möglicherweise ist man sich nicht der intensiven Beharrlichkeit bewußt, mit der das Konzept der „Genera­tion von 1914“ jahrzehntelang vertreten wurde und wie überzeugt es als si­cherer Hinweis auf die „Nähe des Endes“ dargestellt wurde. Die Jüngeren und Neuen wissen vielleicht nicht, wie glühend man es als göttlichen, nicht menschlichen Ursprungs hinstellte, als einen Zeitplan, der sich nicht auf menschliche Versprechungen stütze, sondern auf „Gottes Ver­heißung“. Dieses 40 Jahre währende Verknüpfen Gottes und seines Wortes mit einem jetzt hinfälligen Konzept erhöht nur die Schwere der Verant­wortung. Man fühlt sich erinnert an die Worte Jehovas an Jeremia (23:21, Jerusalemer Bibel):

„Ich habe die Propheten nicht gesandt, und doch laufen sie. Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und doch prophezeien sie.“

Einer derartigen Änderung muß eine Entscheidung der leitenden Körper­schaft vorangegangen sein. Wie bereits erwähnt, wurden die zugrunde lie­genden Fragen dort bereits in den 1970er Jahren erörtert. Man fragt sich [372] wirklich, was in den Köpfen der Männer der leitenden Körperschaft heute vorgeht, welcher Verantwortung sie sich bewußt sind. Damals wie heute wußte jeder einzelne ganz genau, was die Organisation sich auf dem Gebiet der Verkündigung von Daten und Voraussagen alles schon geleistet hat. In den Veröffentlichungen wird das erklärt mit einem „brennenden Wunsch, die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu ihren Lebzeiten zu erleben“, als wenn man diesen brennenden Wunsch nicht auch hegen könnte, ohne sich gleich anzumaßen, Gott einen Zeitplan vorzuschreiben oder Voraussagen zu machen und sie Gott zuzuschreiben, als seien sie auf sein Wort gegrün­det. Sie wissen auch, daß die Führer der Organisation ihren Anhängern stän­dig neue Voraussagen auftischten, obwohl eine nach der anderen sich als Reinfall erwiesen hatte. Ihnen ist bewußt, daß die Leitung sich durchgängig geweigert hat, die volle Verantwortung für die Irrtümer zu übernehmen und einzugestehen, daß sie schlicht und einfach einen Fehler gemacht hat. Dem Verlust an Image und Autorität versuchte sie dadurch zu entgehen, daß sie den Anschein erweckte, die Fehler gingen auf das Konto der Anhänger. So hieß es in einem Artikel zu dem Thema „Falsche Voraussagen und wahre Prophezeiungen“ in Erwachet! vom 22. Juni 1995 auf Seite 9:

Die Bibelforscher – seit 1931 auch unter dem Namen Jehovas Zeugen bekannt – versprachen sich zudem von dem Jahr 1925 die Erfüllung großartiger biblischer Prophezeiungen. Sie vermu­teten, zu jener Zeit würde die irdische Auferstehung beginnen, und treue Männer der alten Zeit wie Abraham, David und Daniel würden zurückkehren. Was die neuere Zeit angeht, so mut­maßten viele Zeugen, daß die mit dem Anfang der Millenniumsherrschaft Christi verbunde­nen Ereignisse eventuell von 1975 an eintreten würden. Sie dachten, daß in jenem Jahr das siebte Jahrtausend der Menschheitsgeschichte anbreche.

Nach derselben Taktik verfährt man auch in der Wachtturm-Ausgabe vom 1. November 1995, die die neue Lehre über „diese Generation“ enthält (Seite 17):

Aus dem sehnlichen Wunsch heraus, das Ende des gegenwärtigen bösen Systems zu erleben, hat Jehovas Volk manchmal Vermutungen angestellt, wann die „große Drangsal“ beginnen wird, und dies sogar mit Berechnungen über die Länge der Lebensspanne der Generation seit 1914 verbunden. Doch wir wollen ein „Herz der Weisheit“ einbringen, nicht dadurch, daß wir darüber spekulieren, wie viele Jahre oder Tage eine Generation dauert, sondern dadurch, daß wir uns Gedanken machen, wie wir unsere Tage zählen, das heißt Jehova freudig lobpreisen (Psalm 90:12).

Damit weist die Leitung die Verantwortung von sich, die gerechterweise auf ihr lastet, und erteilt ihren Anhängern fromme Ratschläge über deren gei­stige Einstellung, so als hätte deren falsche geistige Einstellung das Problem verursacht. Sie erkennt nicht an, daß die Anhänger keinerlei eigene Ansich­ten erfinden und ihre Hoffnung nur deswegen mit bestimmten Daten ver­knüpften, weil die Führer der Organisation ihnen Dinge vorsetzten, die sol­che Hoffnungen eindeutig wecken sollten. Jedes der erwähnten Daten und alle damit verbundenen „Mutmaßungen“ und „Spekulationen“ und „Be­rechnungen“ stammten von den Führern nicht von den Anhängern. Das kommt einem vor wie eine Mutter, deren Kinder sich den Magen verderben [373] und die dann zu ihnen sagt: „Ihr habt nicht genügend darauf geachtet, was ihr eßt.“ Dabei haben die Kinder nur gegessen, was ihnen die Mutter vorge­setzt hat. Und sie hat es ihnen nicht nur vorgesetzt, sondern auch noch der­maßen darauf bestanden, daß sie die Speise als nahrhaft ansehen sollten, als etwas Besonderes, das man nirgendwo sonst bekommt, daß ihnen eine Strafe drohte, wenn sie sich irgendwie über das Essen beklagten.

Alle Mitglieder der leitenden Körperschaft wissen, daß jedem der Gemein­schaftsentzug drohte, der eine Lehre der Organisation über das Jahr 1914 of­fen in Frage stellte oder ablehnte, solange diese Lehren als gültig angesehen wurden. Jeder weiß, daß genau dieses „Herz der Weisheit“, für das man sich jetzt in dem Wachtturm-Artikel stark macht, ein „Herz“, das sich hütet vor Spekulationen in Verbindung mit Jahreszahlen und sich darauf konzen­triert, einfach jeden Tag des Lebens als Gott gewidmet zu leben, das Herz war, das einige Mitarbeiter der Brooklyner Weltzentrale zu vermitteln such­ten, lind daß man sie wegen ihrer Einstellung in genau dieser Frage als „Ab­trünnige“ brandmarkte. (Siehe dazu die Dokumentation im vorliegenden Werk, Seiten 214, 223, 238, 263, 268, 269, 277, 278.) Was in den Köpfen der heute beteiligten Mitglieder der leitenden Körperschaft vorgeht, kann ich nicht sagen. Aber hätte ich mit dabeigesessen und wäre mitverantwortlich für die jetzt vorgelegten Schriftsätze, in denen ein offenes und mannhaftes Eingeständnis und eine Übernahme der Verantwortung für die schwere Irre­führung und grobe Fehleinschätzung aufrechter Christen nicht enthalten sind, so hätte ich mir wohl zwangsläufig wie ein Feigling vorkommen müs­sen.

Da ich sie persönlich kenne, genügt es mir zu wissen, daß viele von ihnen aufrichtig meinen, Gott zu dienen. Leider glauben sie zugleich auch, daß die Organisation, der sie vorstehen, Gottes Mitteilungskanal ist und damit über allen anderen Religionsorganisationen auf Erden steht. Diesem Glaubens­satz ist es zuzuschreiben, daß sie es nicht über sich bringen können, den frü­heren und heutigen Mängeln der Organisation ins Angesicht zu sehen. Wie aufrichtig ihr Bemühen, Gott zu dienen, auch sein mag, es hat sie leider nicht dazu gebracht, die mögliche enttäuschende Wirkung ihrer fehlge­schlagenen Endzeitprohezeiungen auf ihre Anhänger abzuschätzen, und sie haben trotz aller Liebe zu Gott auch einen bemerkenswerten Mangel an Feingefühl dafür, wie sehr sie damit das Vertrauen der Menschen auf die Zu­verlässigkeit und den Wert des Wortes Gottes erschüttern.

Die neueste Änderung der Wachtturm-Lehre betrifft den Zivildienst. Im Wachtturm vom 1. Mai 1996 wird den Zeugen jetzt gestattet, sich in dieser Angelegenheit von ihrem Gewissen leiten zu lassen. Natürlich ist das eine erfreuliche Änderung, doch man kann nicht umhin, an all die Tausende von Männern zu denken, die seit den 1940er Jahren Zehntausende Lebensjahre im Gefängnis verbrachten, und daß Tausenden dieses Leiden nach 1978 hätte erspart bleiben können – hatte nicht Loyd Barry es sieh nach der Ab­stimmung anders überlegt, so daß die Zweidrittelmehrheit hinfällig wurde (siehe Seite 103 -104). So aber blieb alles beim alten. Meldungen von Amnesty [374] International zeigen, daß noch im Jahr 1988 in Frankreich „mehr als 500 Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, zur überwiegenden Zahl Zeugen Jehovas, in diesem Jahr im Gefängnis saßen“. In Italien waren im selben Jahr „ungefähr 1000 Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgrün­den, zumeist Zeugen Jehovas, in zehn Militärgefängnissen inhaftiert, weil sie den Militärdienst oder den zivilen Ersatzdienst verweigerten“. Aus den Berichten geht auch hervor, daß in Polen im Jahr 1986 bis zu 300 Zeugen Je­hovas wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis saßen“. Das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtbilds, doch er läßt eine gewaltige Vergeudung wertvoller Lebensjahre erkennen, einen unersetzlichen Verlust an Freiheit, denn diese Männer wären lieber bei ihren Freunden und Familien gewesen, hatten sich ihren Lebensunterhalt verdient oder wären lohnenswerteren Dingen nachgegangen, als hinter Gefängnismauern zu sitzen. Angesichts all dessen läßt der Wachtturm vom 1. Mai 1996 einfach in Form eines Erlasses verlauten, die Zeugen dürften sich von nun an von ihrem Gewissen leiten lassen, ohne wirklich zu erklären, weshalb ihnen dieses Recht über 50 Jahre lang vorenthalten blieb. Und, wie zu erwarten, gibt es keinerlei Entschuldi­gung für die Auswirkungen, die diese falsche Lehrmeinung ein halbes Jahr­hundert lang gehabt hat.

Man fragt sich, wie die Haltung zu anderen Fragen derzeit aussieht, zum Bei­spiel dem Blut und dem Gemeinschaftsentzug. Die Änderung beim Zivil­dienst ist eventuell dadurch gefördert worden, daß diese Frage in vielen Län­dern nicht mehr so drängend ist, weil es dort keine Wehrpflicht mehr gibt. Aus Spanien war 1996 zu hören, daß dort nur noch ein einziger Zeuge aus diesem Grund im Gefängnis sitzt. Meines Erachtens kann die Entscheidung ganz wesentlich von dem Bemühen geprägt gewesen sein, in verschiedenen Ländern (darunter Deutschland, Frankreich und Italien) einen besonderen rechtlichen Status zu erlangen oder zu behalten. Für mich sind alle diese Än­derungen lediglich ein Kurieren von Symptomen, ohne daß das Hauptleiden geheilt würde. Die eigentliche „Krankheit“, das ist die autoritäre. Struktur der Organisation mit ihren Folgewirkungen: daß man den Menschen vor­schreibt, was sie glauben dürfen und sollen, und daß man willkürliche Gren­zen festsetzt, wie weit sie sich von ihrem Gewissen leiten lassen dürfen. An den Symptomen herumzudoktern bedeutet für die leitende Körperschaft, daß sie ihre Autorität und die damit verbundene Machtfülle nicht aufzuge­ben braucht. [375]

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 13. Anhang

12. Kapitel: Ausblick

12. Kapitel: Ausblick

12 Ausblick *

12.1 Auf Gottes festehendes Versprechen bauen, statt auf Menschen zu vertrauen!
12.1.1 Das Leben des Einzelnen mag unbedeutend erscheinen, für Gott aber zählt jeder Gerechte tausendfach (Ps 91:7; Jes 66:22)

„Darum verliere ich nicht den Mut. Die Lebenskräfte, die ich von Natur aus habe, werden aufgerieben; aber das Leben, das Gott mir schenkt, erneuert sich jeden Tag. Die Leiden, die ich jetzt ertragen muß, wiegen nicht schwer und gehen vorüber. Sie werden mir eine Herrlichkeit bringen, die alle Vorstellungen übersteigt und kein Ende hat. Ich baue nicht auf das, was man sieht, sondern auf das, was jetzt noch keiner sehen kann. Denn was wir jetzt sehen, besteht nur eine gewisse Zeit. Das Unsicht­bare aber besteht ewig“ (2. Korinther4:16-18, Die Bibel in heutigem Deutsch).

Das also war mein Bericht. Ich habe dargelegt, welche Grundsatzfragen den Gewissenskonflikt in mir hervorriefen, und zu welchen Gefühlen, Reaktio­nen und Schlußfolgerungen das bei mir geführt hat. Jeder muß selbst abschätzen, was das für ihn bedeutet und zu welchen Entscheidungen ihn sein eigenes Gewissen geführt hätte.

Angesichts der mehr als fünf Milliarden Menschen auf der Erde und der endlosen Zahl vergangener Generationen erscheint das Leben des einzelnen höchst unbedeutend. Wir sind verschwindend kleine Tröpfchen in einem gewaltigen Strom. Und doch zeigt uns die christliche Lehre, daß jeder von uns, so klein und unbedeutend wir sein mögen, anderen in einem Maße Gutes tun kann, das unsere Kleinheit weit übersteigt.[1] Möglich wird das durch den Glauben und, wie der Apostel Paulus sagt, „die Liebe, die der Christus hat, drängt uns“.[2]

12.1.2 Brauchen wir um gottgefällig zu leben und Christ zu sein wirklich eine Organisation, eine Religion?

Wir brauchen dafür keine imposante Organisation, die uns dabei hilft, auch nicht ihre Leitung und Kontrolle, ihr Antreiben und ihren Druck. Die tiefe Wertschätzung für die unverdiente Güte Gottes, daß uns das Leben als „freie Gabe“ geschenkt wird, ohne daß dafür Werke nötig sind, sondern nur der Glaube, diese Wertschätzung genügt voll und ganz, um uns zu beflügeln. „Wenn Gott uns so sehr geliebt hat, dann müssen auch wir einander lieben.“[3] Wenn wir unsere Freiheit als Christen achten und lieben, werden wir auf andere Formen des Drängens gar nicht mehr ansprechen. Wir werden [316] uns auch keinem anderen Joch unterwerfen als dem, das uns in folgenden Worten angeboten wird:

„Kommt zu mir alle, die ihr euch abmüht und die ihr beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin mild gesinnt und von Herzen demütig, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“[4]

Wenn man am Ende seines Lebens Rückschau hält, dann wird man Befriedigung nur darin finden, daß man sein Leben zum Wohlergehen anderer eingesetzt hat, vor allem auf geistigem Gebiet, aber auch im seelischen, körperlichen und materiellen Bereich.

Ich kann nicht glauben, daß es besser ist, lieber nicht so genau Bescheid zu wissen, oder daß man anderen einen Gefallen tut, wenn man ihnen ihre Illusionen läßt. Früher oder später müssen die Illusionen sich der Wirklich­keit stellen, Je länger das hinausgezögert wird, desto größer kann der Schmerz sein, der mit der Ernüchterung einhergeht. Ich bin froh, daß es bei mir nicht noch länger gedauert hat.

Deswegen habe ich mich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. Ich habe mich aufrichtig bemüht, in allem genau zu sein. In Anbetracht dessen, was sich bereits abgespielt hat und was zu diesem Thema veröffentlicht und in Form von Gerüchten und übler Nachrede verbreitet worden ist, gehe ich davon aus, daß man versuchen wird, mich zu verunglimpfen und die Bedeutung des hier Gesagten herabzusetzen. Sobald man irgend etwas entdeckt, das als Fehler bezeichnet werden könnte, und sei es auch nur die Abweichung um einen einzigen Tag bei einem Datum, eine Differenz um eins bei einer Zahl, ein falsches Komma in einem Zitat, ein falsch geschrie­bener Name oder etwas ähnliches, so wird man mit Sicherheit darauf deuten und sagen: „Das Buch steckt voller Fehler!“ Doch ganz gleich, was man sagen wird, ich stehe zu dem, was ich geschrieben habe. Sollten Irrtümer enthalten sein, so wäre ich jedem dankbar, der mich darauf hinweist, und ich will alles in meiner Kraft stehende tun, um sie zu berichtigen.

12.1.3 Nur wenige Zeugen Jehovas kennen die Praxis des Herrschaftsapparates

Was wird die Zukunft den Zeugen Jehovas, ihrer Organisation und ihrer leitenden Körperschaft bringen? Diese Frage wird mir oft gestellt, doch eine Antwort darauf kann ich nicht geben. Man muß die Entwicklung abwarten. Nur bei einigen wenigen Dingen bin ich mir ziemlich sicher. So glaube ich nicht, daß die Menschen scharenweise die Organisation verlassen werden. In einer ganzen Anzahl Ländern gibt es derzeit einen deutlichen Zuwachs. Die meisten Zeugen Jehovas wissen einfach nicht, wie die Praxis des Herrschaftsapparats aussieht. Nach meinen Erfahrungen mit ihnen wäh­rend vieler Jahre und in vielen Ländern weiß ich, daß die Organisation für einen hohen Prozentsatz unter ihnen mit einer gewissen Aura umgeben ist, einem strahlenden Schein, der deren Verlautbarungen mehr Bedeutung verleiht, als man den Worten unvollkommener Menschen üblicherweise zubilligt. Die Lehren bekommen etwas Esoterisches, wobei mit esoterisch [317] etwas gemeint ist, das „nur Eingeweihten einsichtig und geistig zugänglich ist“, meistens einer kleinen, exklusiven Schar. Die meisten Zeugen denken, die Sitzungen der leitenden Körperschaft finden auf einer anderen Ebene statt und dort offenbare sich mehr als das normale Mag an Bibelverständnis und Weisheit. Schließlich hat man ihnen ja auch eingeimpft:

„Nachdem wir Nah­rung empfingen, bis wir die gegenwärtige geistige Kraft und Reife hatten, werden wir da plötzlich gescheiter als unsere früheren Fürsorger und verlassen das Licht und die Leitung der Organisation, die uns bemutterte?“[5]

Es gibt ständig Ermahnungen zur Demut, was heißen soll, daß man alles anzunehmen hat, was die Organisation einem sagt, so als stamme es von einer Quelle höherer Weisheit. Daß der Durchschnittszeuge nur eine sehr schwammige Vorstellung davon hat, wie die Leitung zu ihren Beschlüssen kommt, verstärkt die Aura esoterischer Weisheit nur, Man sagt ihm, er sei „mit der einzigen Organisation auf der Erde verbunden, … die die, tiefen Dinge Gottes‘ versteht“.[6]

12.1.4 Freundschaftsbande innerhalb der Organisation als Hemmschuh, um dem Gewissen Vorrang zu geben!

Nur wenige haben bisher vor den Problemen gestanden, die in diesem Buch behandelt werden, und damit auch vor dem Gewissenskonflikt. Ich ver­mute, viele würden sich dem lieber nicht aussetzen. Manche sagten mir, sie hätten so viele freundschaftliche Beziehungen innerhalb der Organisation und diese wollten sie nicht aufs Spiel setzen. Auch ich hatte viele gute Freunde und wollte sie nicht verlieren. Noch heute fühle ich mich den Menschen nahe, mit denen ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Doch für mich gab es grundsätzliche Fragen, die wichtiger waren als diese Freundschaften, Fragen zu Wahrheit und Ehrlichkeit, Anständigkeit und Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit.

Damit will ich nicht sagen, man solle auf Konfrontationskurs gehen und die Auseinandersetzung bewußt herbeiführen, wo es nicht nötig ist. Ich habe volles Verständnis für alle, deren Verwandtschaft praktisch nur aus Zeugen Jehovas besteht und die ganz genau wissen, wie verheerend es sich auf die Beziehungen in der Familie auswirken könnte, wenn Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter jetzt als „abtrünnig“ behandelt werden müßte, als jemand, der von Gott verworfen wurde und geistig unrein ist. Noch nie habe ich empfohlen, eine solche Situation mutwillig herbeizu­führen; auch in meinem eigenen Fall habe ich das zu vermeiden gesucht. Bleibt die derzeitige Atmosphäre in der Organisation aber bestehen, so wird es zunehmend schwerer werden, sich dem Konflikt zu entziehen, wenn man keine Kompromisse mit seinem Gewissen eingehen und anderen etwas vormachen will. Sonst muß man vielleicht so tun, als glaube man etwas, an das man gar nicht glauben kann, weil man es in Wahrheit für eine Verdrehung des Wortes Gottes hält, die unchristliche Frucht hervorbringt, indem sie Menschen schädigt. [318]

12.1.5 Untergetauchte werden verfolgt, um von ihnen zu hören, wie sie zur Organisation stehen: Keine Frage nach ihrem Verhältnis zu Jesus und mit Gott!

Ich kenne eine Reihe von Zeugen, die versucht haben, sich still zurückzu­ziehen, und einige, die „untergetaucht“ sind, indem sie in eine andere Gegend umzogen und niemand aus der Organisation etwas von ihrer neuen Anschrift sagten, in der Meinung, dadurch den Nachstellungen zu entge­hen. Ich könnte viele Fälle nennen, in denen alle diese Bemühungen nichts gefruchtet haben, da die Ältesten die Zeugen unerbittlich aufgespürt haben, einzig um von ihnen zu hören, wie sie zur „Organisation“ standen (nicht etwa zu Gott, Christus und der Bibel), Wer diesen Loyalitätstest, der in Form einer ultimativen Frage vorgelegt wird, nicht besteht, wird so gut wie immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und damit von seiner Familie und seinen Freunden, soweit sie der Organisation angehören, abgeschnitten. Charakteristisch dafür ist die Erfahrung einer jungen Frau aus dem Süden Michigans, die verheiratet ist und Kinder hat. Sie war von den Ältesten verhört worden, weil sie an einigen Lehren Zweifel hatte. Das hat sie so mitgenommen, daß sie keine Zusammenkünfte mehr besuchte. Monate später riefen die Ältesten an und forderten sie auf, noch einmal zu einer Sitzung zu kommen. Sie sagte, sie wolle das nicht noch einmal durchma­chen. Man drängte sie, doch zu kommen; es solle ihr wegen ihrer Zweifel beigestanden werden und das sei auch das letzte Mal. Ihr Ehemann, der kein Zeuge Jehovas war, riet ihr, zu gehen und es hinter sich zu bringen. So ging sie hin.

Sie berichtet: „Schon nach kaum zehn Minuten war mir klar, welches Ziel sie verfolgten.“ Eine halbe Stunde nach Eröffnung der Verhandlung war sie bereits ausgeschlossen. Allein schon die Schnelligkeit hat sie total verblüfft. „Ich konnte gar nicht fassen, was sie da taten. Ich saß die ganze Zeit heulend da und innerhalb einer halben Stunde hatten sie mich aus dem Königreich rausgeschmissen. Ich hätte erwartet, daß sie mit Tränen in den Augen mir zu Füßen fallen und mich stundenlang anflehen würden, damit das vermie­den werden könnte.“ Einer der fünf Ältesten, der während der Verhandlung eingenickt war, sagte nachher: „Die hat vielleicht Nerven! Zu sagen, sie wüßte nicht, ob das nun die Organisation Gottes sei oder nicht!“

12.2 Große Schuld lastet auf denen, die durch falsche Führung Familien und Einzelpersonen zerstören
12.2.1 Beim Ausschluss aus Gewissensgründen sind Zerrüttung der Familie und Seelenschmerzen sind allein der Organisation zuzuschreiben!

Kann man der Konfrontation nicht mehr ausweichen, so hilft es, sich zu vergegenwärtigen, daß die Zerrüttung der Familie und die seelischen Schmerzen allein der anderen Seite zuzuschreiben sind. Das geht einzig und allein auf das Konto einer Organisationspolitik, die jedem mit dem Hinaus­wurf droht, der sich ihr nicht fügt und Ausgeschlossene und solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, nicht so behandelt, als habe Gott sie verstoßen, wobei es egal zu sein hat, ob man sie sonst als aufrecht und gottergeben kannte. Die religiöse Intoleranz, die die Spaltung hervorruft und enge Familienbande zerreißt, geht nur von einer Seite aus. Sie hat wie in den Tagen Jesu ihren Ursprung nur dort, wo man das Abweichen aus Gewissensgründen mit Untreue gleichsetzt.[7] Dort auch hat man letztlich die eigentliche Verantwortung für den Kummer und das Leid zu tragen. [319]

12.2.2 Wachstum und Prosperität der Organisation nicht mit Segen Gottes verwechseln!

Viele Zeugen sind zwar sehr besorgt über das, was vorgeht, können sich aber nicht vorstellen, Gott ohne die Organisation zu dienen; sie brauchen das Gefühl der Geborgenheit und Stärke, das durch die große Zahl der Mitglie­der entsteht. Im Vergleich zu anderen religiösen Organisationen mögen Jehovas Zeugen nicht sehr zahlreich sein, dafür sind sie aber weit verbreitet. Ihre Gebäude; sind nicht so eindrucksvoll wie die des Vatikan oder anderer großer Religionen; doch die sich ausdehnende Weltzentrale, der mittler­weile ein ziemliches Stück Brooklyn gehört, die vielen Zweigbüros, denen vielfach große Druckereien angeschlossen sind, die alle für Millionen Dollar gekauft oder gebaut wurden und in denen Hunderte von Mitarbeitern tätig sind (in Brooklyn sind es etwa 2000), die großen Kongreßsäle und die vielen tausend Königreichssäle, von denen nicht wenige einen Wert von einer viertel Million Dollar haben, genügen, um einen Normalbürger zu beein­drucken. Jeder neue Ankauf und jede Erweiterung der Anlagen wird als Zeichen des Segens Gottes und als Beweis des geistigen Wohlergehens und des Erfolgs der Organisation gepriesen. Was allen aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit in besonderem Maße gibt, das ist die Lehre, Gott handle mit ihnen als einzigem Volk auf Erden, und die Leitung, die sie durch die leitende Körperschaft erfahren, sei die eines göttlichen „Kanals“. Verstärkt wird das Gefühl der engen Gemeinschaft noch dadurch, daß man alle Außenstehenden als „Weltmenschen“ ansieht.

12.2.3 In jeder Nation ist Gott der Mensch annehmbar, der ihn fürchtet! Dazu braucht es keine Organisation!

Darum ist es meines Erachtens für den normalen Zeugen Jehovas genauso schwer, sich vorzustellen, er könne Gott ohne all das dienen, wie es das für den Juden des 1. Jahrhunderts war, der an seine damaligen Einrichtungen gewöhnt war. Die eindrucksvollen Gebäude des Tempels und seine Vorhöfe in Jerusalem, die Gott hingegebenen Leviten und Priester, die dort zu Hunderten und Tausenden Dienst taten, ihr Anspruch, das allein auser­wählte Volk Gottes zu sein, wogegen alle anderen als unrein angesehen wurden, all das stand in krassem Gegensatz zu den Christen jener Tage, die keine großen Gebäude kannten, sich in einfachen Häusern trafen, keine abgesonderte Klasse von Priestern und Leviten hatten, und die demütig anerkannten, daß „in jeder Nation der Mensch, der (Gott) fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, (ihm) annehmbar ist“.[8]

Recht häufig hört man – insbesondere aus den Reihen der Ältesten der Zeugen Jehovas – die Hoffnung, es werde irgendeine Art von Reform geben, durch die alle Mißstände in Lehre und Praxis beseitigt werden. Manche vertreten die Ansicht, dazu werde es nach einem Wechsel in der Führungs­spitze kommen. Ein Angehöriger des Zweigkomitees eines großen Landes, der bereits vor Antritt meines Erholungsurlaubs im Frühjahr 1980 erkannt hatte, wie sehr ich unter der vorherrschenden Einstellung und der gesamten Situation in der Weltzentrale litt, sagte zu mir: „Gib nicht auf, Ray! Das sind alte Männer, die werden nicht ewig leben.“ Das war keineswegs hart und gefühllos oder zynisch gemeint, denn der, der das sagte, war ein sehr [320] warmherziger Mensch. Solche Äußerungen entspringen dem Glauben, daß irgendein Wechsel einfach kommen muß und daß auf einen Trend zu einer immer härteren Linie und einer immer dogmatischeren Haltung zwangs­läufig ein christlicheres Vorgehen und eine bescheidenere Präsentation der Glaubensinhalte folgen muß.

12.2.4 Wer auf Veränderungen hofft und darum ausharrt baut weiterhin auf Sand!

Ich glaube nicht, daß grundlegende Änderungen einfach deswegen kommen werden, weil die Männer an der Spitze der Organisation sterben. Dabei spreche ich von grundlegenden Änderungen, denn kleinere und größere Änderungen hat es gegeben, solange die Bewegung existiert, zum Teil als Folge des Todes Russells beziehungsweise Rutherfords. Der Grundrahmen blieb dabei aber unangetastet. Die Veränderungen in der Machtstruktur von 1975-76 stellen die größte Korrektur dar, die die Organisation in ihrer gesamten Geschichte erlebt hat. Die Macht wurde nun auf ein ganzes Kollegium verteilt. Viele neue Gesichter tauchten in der obersten Führung auf. Aber die traditionellen Glaubenssätze und die bisher geübten Praktiken haben sich noch stets als mächtig genug erwiesen, jeden Ansatz zu erstik­ken, der weggeführt hätte von spekulativer Bibelauslegung. Dogmatismus, talmudischer Gesetzlichkeit, Herrschaft durch eine Elite und Repressalien, hin zu einer schlichten Bruderschaft, die sich in den wesentlichen Dingen einig ist, im Nebensächlichen sich aber tolerant und nachgiebig verhält, und das sowohl im Glauben wie in der Lebenspraxis.

Fred Franz, der gegenwärtige Präsident, ist wie auch die früheren Präsiden­ten eine Führerpersönlichkeit, und sein persönlicher Einfluß ist sehr groß, auch wenn das Präsidentenamt durch die Dezentralisierung der Macht in den Jahren 1975-76 buchstäblich aller seiner Befugnisse beraubt wurde. Mittlerweile ist er weit über neunzig. Mit seinem Hinscheiden würde sich das Gesamtbild sicher verändern, denn keiner in der leitenden Körperschaft hat eine ähnlich charismatische Persönlichkeit wie er (oder wie Russell, Rutherford und Knorr, seine Vorgänger]. Das gesamte Lehrgebäude, das nach dem Tode Richter Rutherfords im Jahre 1942 aufgebaut wurde, ist praktisch sein Werk; auch die grundsätzliche Haltung in der Frage des Gemeinschaftsentzugs zählt dazu; das erhöht natürlich die Wahrschein­lichkeit, daß es Änderungen geben wird, wenn er nicht mehr da ist.

Ich neige aber zu der Auffassung, daß es sich höchstens um geringfügige Änderungen handeln kann und nicht um einen grundlegenden Wandel in den Lehren und Einstellungen der Organisation. Keines der dann verblei­benden Mitglieder der leitenden Körperschaft könnte neue Bibelausle­gungen so markant in Worte fassen und durch verzwickte Argumentations­ketten untermauern, wie Fred Franz es getan hat. Die meisten schreiben selbst sehr wenig, manche gar nichts. Einzig Lloyd Barry hat Bücher verfaßt. und diese sind lediglich Wiederholungen von bereits Gesagtem, ohne daß Neues hinzugefügt würde.[9] Die anderen Autoren gehören nicht der leitenden [321] Körperschaft an und zählen sich auch nicht zu den „Gesalbten“, Vergleicht man die Umstrukturierung von 1975-76 mit dem Versetzen von Zwischenwänden in einem Haus, dann könnte man zukünftige personelle Veränderungen höchstens mit dem Verrücken von Möbeln oder der Anschaffung einiger neuer Gegenstände vergleichen; das Haus bleibt in beiden Fällen dasselbe. Von den 14 Mitgliedern des Führungsgremiums haben Milton Henschel, Ted Jaracz und Lloyd Barry neben dem Präsidenten den größten Einfluß.[10] Sind sie sich in einer Sache einig, dann schließen sich ihnen Carey Barber, Martin Pötzinger, Jack Barr und George Gangas fast immer an, ohne nachzudenken. Albert Schroeder und Karl Klein zeigen zwar etwas mehr persönliches Profil als diese vier, würden aber wohl meistens konform gehen. Die Stimmen der bisher Genannten ergeben bereits die nötige Mehrheit.

Keinerlei Anzeichen irgend einer grundlegenden Reform während Jahrzehnten: Dieselben Irrtümer und Lügen werden immer erneut in leicht verändertem Gewand aufgetischt!

Geht man danach, wie die tonangebenden Mitglieder in der Vergangenheit gehandelt haben, so ist zu erwarten, daß sie einen konservativen Kurs steuern und allem widerstehen werden, das die gegenwärtig geltenden traditionellen Lehren, Methoden und Grundsätze nicht weiterführt und bestärkt. Die Veröffentlichungen der letzten Jahre lassen keinerlei Anzei­chen für irgendeine Reform erkennen, auf die manche so sehr setzen. Zwar sind viele Mitglieder der leitenden Körperschaft älter als 70 oder 80 Jahre, doch jede neue Berufung muß von den restlichen Mitgliedern gebilligt werden, besonders von den dominierenden unter ihnen. Es ist auch keine Frage, daß es immer schwieriger werden wird, geeigneten Ersatz zu finden, da die Anzahl der „gesalbten“ Männer zusehends schwindet. Möglicher­weise muß die leitende Körperschaft eines Tages ihr Prinzip aufgeben, nach dem nur Angehörige dieser Gruppe aufgenommen werden können. Das ließe sich aber mit der Lehre von der Sonderstellung des „treuen und verständigen Sklaven“ nur schwer vereinbaren, und darum wird man es so lange wie möglich hinausschieben. Vielleicht kommt ihnen dabei zustat­ten, daß sich ab und zu Jüngere in der Organisation zu den „Gesalbten“ zählen und dadurch mögliche Nachfolgekandidaten für das Führungsgre­mium werden.

Wer hofft, daß sich aus personellen Veränderungen Reformen ergeben werden, begebt meines Erachtens den Fehler zu meinen, der Istzustand sei das Werk der gegenwärtigen Führungsmannschaft. Die Personen sind nur von untergeordneter Bedeutung. Das Entscheidende ist die Grundannahme und das Leitbild, auf dem die ganze Bewegung ruht.

12.3 Im Supermarkt der Religionen finden wir stets jenes Weisswaschmittel, das uns befriedigt!
12.3.1 Was ist das Haupt-Unterscheidungsmerkmal der Zeugen Jehovas gegenüber anderen Religionen? Die Behauptung, dass Gottes Königreich 1914 auf der Erde aufgerichtet wurde!

Was die Glaubenslehren der Zeugen Jehovas von denen anderer Religionen vor allem unterscheidet, ist nicht ihre Ablehnung der Höllenqualen, der Unsterblichkeit der Seele oder der Dreieinigkeit; es ist auch nicht der [322] Gebrauch des Namens Jehova oder der Glaube an ein Paradies auf Erden. Das alles findet sich auch in anderen Religionsgemeinschaften.[11]

Das besondere Unterscheidungsmerkmal ist der Schlüssel-Lehrsatz über 1914 als das Jahr, in dem Christus seine aktive Herrschaft aufnahm, sein Gericht begann und – was das Wichtigste ist – die Watch Tower Society als offiziellen Mitteilungskanal erwählte, seine irdischen Interessen vollstän­dig einem „treuen und verständigen Sklaven“ unters teilte und damit dessen Vorstand praktisch absolute Macht verlieh. Jedes Abgehen von dieser grundlegenden Lehre hätte Auswirkungen auf das gesamte Lehrgebäude zur Folge und ist deshalb äußerst unwahrscheinlich, da schwer begründbar. In den letzten Jahren ist genau das Gegenteil der Fall gewesen. Mit aller Macht hat man versucht, alle Lehren, die mit dem Jahr 1914 zusammenhängen oder sich von ihm ableiten, durch Artikel im Wachtturm und anderen Veröffentlichungen zu stützen, um den Glauben an alles zu erhalten, das sich davon herleitet. Das betrifft vor allem die Ansprüche der Organisation auf ihre Führungsrolle. Gerade in jüngster Vergangenheit wurden größte Anstrengungen unternommen, die Machtstruktur zu festigen und die Loyali­tät ihr gegenüber zu vertiefen.

12.3.2 Das Jahr 2014 nähert sich bedenklich: Hundertjahrfeier für eine der verheerendsten Lüge zu erwarten! Der Kurs alles zu zentralisieren steuert auf den Höhepunkt zu.

Freilich wird es mit jedem Jahr, das verstreicht, schwieriger, diese Lehre und alle damit zusammenhängenden Ansprüche aufrechtzuerhalten. Im Jahr 1984 waren 70 Jahre seit 1914 vergangen. Irgendwann einmal wird man die Lehre von der „Generation“ von 1914 nicht mehr aufrechterhalten können, ohne sich völlig unglaubwürdig zu machen. Man könnte aber verschiedene Korrekturen oder „Verbesserungen“ vornehmen, wie sie zum Teil in Kapitel 9 besprochen wurden, so daß sich die Behauptungen in etwas veränderter Form beibehalten ließen.

Die Organisation steuert inzwischen wieder einen Kurs in Richtung auf eine Stärkung der Zentralgewalt (wieder ein Beispiel für „Kreuzen“), Durch das Organisationshandbuch vom Frühjahr 1983 wurde der vorsitzführende Aufseher praktisch wieder dauerhaft in seine Position innerhalb der Älte­stenschaft eingesetzt; dazu kamen weitere organisatorische Veränderun­gen, die der verstärkten Überwachung von oben her dienten. Abzuwarten bleibt, ob auch innerhalb der leitenden Körperschaft die Leitungsbefugnisse wieder stärker in einer Hand vereint werden, beispielsweise bei einem ständigen Vorsitzenden oder einer Art Gesamt-Koordinator. Den derzeiti­gen Präsidenten allerdings wird man kaum in eine solche Stellung wählen, da er an reiner Verwaltungstätigkeit nicht sonderlich interessiert ist. Als Kandidat für die Nachfolge bietet sich vor allem Milton Henschel an, und es scheint entschieden wahrscheinlicher, daß es eine Umstrukturierung des Gremiums geben wird, bei der er diese neue Stellung übernimmt. [323]

Ganz gleich, wie die Änderung aussehen wird, sie wird mit Sicherheit als Ergebnis göttlicher Führung verkündet werden. Und die alten Lehren und Vorkehrungen, die man verworfen hat, werden als „der Wille Gottes für jene Zeit“ hingestellt werden, vielleicht auch als eine Art Manöver des himmli­schen Kapitäns, Jesu Christi, der damit letztlich für alle das Beste wollte. Daß man den wirklichen Grund für die Änderungen eingesteht, daß nämlich die Lehren und Verfahrensweisen unbiblisch waren und man unter dem Druck der Umstände gezwungen war, absehbare kritische Situationen abzuwenden, weil eine Position unhaltbar geworden war – dieses Einge­ständnis braucht man genau wie in den vergangenen 100 Jahren der Geschichte dieser Organisation nicht zu erwarten. So handeln bestimmt keine Menschen, die die Schrift erforschen und aufgrund ihres besseren Verständnisses freimütig zugeben, sich geirrt zu haben und ihre Fehler berichtigen zu wollen.

Der Fehlschluss, dass Gott durch eine menschliche Organisation handeln müsse lässt den Blick auf die Aufgabe von „Spross“ verblassen!

Dabei wird endlos derselbe grundlegende Lehrsatz wiederholt werden, der als Leitbild alles Denken, Schreiben und Handeln durchzieht: Gott müsse mit den Menschen durch eine Organisation handeln und sein König Jesus Christus habe hierfür die Watch-Tower-Organisation auserkoren. Genau diese Grundannahme versperrt vielen klar denkenden Menschen den Blick auf das eigentliche Problem. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sie erkennen wohl, wie inkonsequent und ungerecht vieles gehandhabt wird, wie verkehrt zahlreiche Lehren und wie abwegig viele Argumente sind, welch unchristliche Grundhaltung die Herangehensweise so oft prägt. Doch die Summe von dem allen sehen sie nicht. Sie sehen den Teil, nicht das Ganze. Es sind Menschen in verantwortlicher Stellung darunter, denen es so geht. Wie an einen Strohhalm klammern sie sich an die Hoffnung – und bei mir war das nicht anders gewesen –, in der Zukunft werde es großartige Neuerungen geben, weil ihr ganzes Denken von diesem Leitbild über die Organisation geprägt ist. Sie meinen, Gott müsse einfach etwas tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen, da dieses Leitbild als richtig bewiesen werden müsse; Gott müsse doch zeigen, daß er dahintersteht. Dabei ist das Leitbild selbst die Wurzel all des Unrechts, das sie so beklagen. Das ganze Konzept stammt nicht von Gott. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß er meinen wird, es unterstützen zu müssen.
Hier fällt mir ein Ausspruch ein, den ein Freund gefunden hat:

„Gibt man eine unerfüllbare Hoffnung ein für allemal auf, so wird man dadurch entschädigt, daß man immer mehr Ruhe findet.“

Das hat sich bei mir bewahrheitet, und ich weiß, daß es bei vielen anderen genauso war. Anfangs mag der Schmerz sehr groß sein. Manchmal ist die Behandlung durch die Ältesten erniedrigend, wenn sie die Verhöre führen und einem die menschliche Würde nehmen, wenn sie sich groß aufspielen und sich anmaßen zu behaupten, man sei von Gott verworfen. Doch nach aller inneren Zerrissenheit kommt dann deutlich ein Augenblick der Erleichterung und des inneren Friedens. Das kommt zum einen von der [324] Gewißheit, nicht länger von diesen Menschen belästigt werden zu können, ihren Ausforschungen und dem Druck ihrer kirchlichen Rechtsverfahren entronnen zu sein. Mehr noch aber ist es die Wahrheit und das kompromiß­lose Festhalten an ihr, das einen auf neue und wunderbare Weise frei macht. Je verantwortungsbewußter man mit dieser Freiheit umgeht, desto besser wirkt sie sich auf einen aus.

12.3.3 Der Übergang aus der Sklaverei der Abhängigkeit hin zur christlichen Freiheit mag traumatisch sein: Es ist der einzig gangbare Weg um mit Jesus erneut verbunden zu sein! (Off 18:4)

Die größte Freiheit besteht darin, Gott und seinem Sohn zu dienen und zum Wohl aller Menschen tätig zu sein, ohne an die Weisungen unvollkomme­ner Menschen gebunden zu sein, sondern dabei allein dem Diktat des eigenen Gewissens zu folgen. Diese Freiheit bringt ein Gefühl mit sich, wie wenn man von einer schweren Last befreit wurde. Wer das deutlich spürt, der hat das Bedürfnis, denen, die ihm diese Freiheit gaben, nicht weniger, sondern noch mehr zu dienen.[12]

Sei der Übergang auch noch so traumatisch, er kann dazu führen, daß sich ein wirklich persönliches Verhältnis zu den beiden größten aller Freunde entwickelt. Beharrlich hat die Organisation sich selbst so sehr in den Vordergrund geschoben, so viel geistigen Raum eingenommen und so viel Aufmerksamkeit auf ihre eigene Bedeutung gelenkt, daß viele nie die Nähe zum himmlischen Vater erlangt haben, die sie eigentlich hätten haben sollen. Man hat die Organisation so sehr auf ein Podest gestellt, daß sie Gottes eigenen Sohn an Bedeutung überschattete und viele davon abhielt, die enge Beziehung zu ihm aufzubauen, die er ihnen anbietet, und ihnen von seiner mitfühlenden Persönlichkeit nur ein verzerrtes Bild vermittelte.[13] So ist es kein Wunder, daß viele nach ihrem Ausschluß sich erst einmal verloren vorkommen und ohne Halt, weil sie keiner sichtbaren Macht mehr unterstehen und ihr Leben nicht mehr von deren starrer Routine verplanen lassen müssen, dem einengenden Druck ihrer Grundsätze und Anweisun­gen nicht mehr ausgesetzt sind.

In gewissem Maße scheinen solche schmerzhaften Anpassungsvorgänge sogar notwendig, damit man einen klaren Begriff davon erhält, was es bedeutet, sich völlig auf Gott und seinen Sohn zu verlassen. Mir ist keiner bekannt, der nicht sicher durch diese Klippen hindurchgesteuert und gestärkt daraus hervorgegangen wäre, nachdem er erkannt hat, wie wichtig es ist, Gott ganz nahe zu sein, das Bibellesen sehr ernst zu nehmen und anderen ermutigend zur Seite zu stehen; das hat die Verbindung mit der einzig stabilen Grundlage des Glaubens, mit der Gabe Gottes, seinem Sohn, sehr gefestigt.[14] Besser als andere haben diese Menschen erkannt, welch inniges Verhältnis zu ihrem Herrn und Meister sie als seine Jünger haben, die er als seine engen Freunde ansieht, nicht als Schafe, die in Massentier­haltung in einer engen Umzäunung eingepfercht sind, sondern als Schafe, denen der Hirte sich einzeln zuwendet und individuelle Fürsorge angedei­hen läßt. Ganz gleich, wie alt sie sind und wie lange sie gebraucht haben, um [325] zu dieser Einsicht zu gelangen, diese Menschen fühlen sich wie neugeboren. Sie blicken glücklich und zuversichtlich in die Zukunft, denn ihre Hoffnun­gen und Ziele sind nicht mehr auf Menschen, sondern auf Gott gerichtet. Damit soll nicht gesagt sein, daß es keine Herde Gottes gäbe, keine Gemeinde mit Christus Jesus als ihrem Haupt. Der Sohn Gottes gab die Zusicherung, er werde wahre Nachfolger haben, und zwar nicht nur im 1. Jahrhundert oder in unserem 20. Jahrhundert, sondern auch in all den dazwischenliegenden Jahrhunderten, denn er sagte: „Ich bin bei euch alle Tage, bis diese Weltzeit sich vollendet.“[15] Er würde seine wahren Jünger erkennen, auch wenn sie unter das „Unkraut“, das kommen sollte, gemischt wären. Als Erkennungsmerkmal würde ihm dienen, was für Menschen sie sind, nicht ob sie irgendeiner Organisation angehören. Auch wenn man mit normalen menschlichen Mitteln nicht unterscheiden konnte, ob sie zu seiner Gemeinde zählten, so hat er sie doch all die Jahrhunderte hindurch gekannt und sie als ihr Haupt, ihr Herr und Meister, geleitet. Einer seiner Apostel sagt: „Aber das feste Fundament, das Gott gelegt hat, kann nicht erschüttert werden. Es trägt als Siegel die Inschrift: „Der Herr kennt die Seinen.“[16] Warum sollte das nicht auch heute noch so sein? Gottes Wort zeigt, daß es Menschen nicht zusteht – und ihnen auch gar nicht möglich wäre –, aus allen anderen Menschen die herauszusuchen, die den „Weizen“ darstellen, und sie hübsch ordentlich in einer einzigen Herde zusammenzubringen. Wer zu welcher Gruppe gehört, so zeigt die Bibel klar, wird sich erst beim Gericht des Sohnes Gottes erweisen.[17]

12.3.4 Gerechtigkeit gemäss Gottes Rechtsmasstab im „Königreich des Sohnes der Liebe“ anzuwenden macht uns für Gott annehmbar!

Es ist so angenehm, jetzt frei zu sein und nicht bei jedem Menschen, den man trifft, erst nach einem „Etikett“ schauen zu müssen, um zu wissen, wie man mit ihm umzugehen hat. Man fühlt sich nicht mehr genötigt, ihn entweder als Glaubensbruder oder als „Weltmensch“ einzusortieren, der entweder „in der Wahrheit“ oder „ein Teil der Organisation des Teufels“ ist, der wegen des Etiketts „Zeuge Jehovas“ automatisch ein „Bruder“ oder eine „Schwester“ ist, oder aber, weil dieses Etikett fehlt, lediglich jemand, dem man „predigt“, der im übrigen aber keiner freundschaftlichen Kontakte würdig ist. Stattdessen tut man, was nur recht und billig ist, man beurteilt nämlich jeden unvoreingenommen danach, was er oder sie als Mensch ist. Wenn man so handelt, fühlt man sich wohler, denn wir wissen, „daß Gott nicht parteiisch ist, sondern daß für ihn in jeder Nation der Mensch, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, annehmbar ist“.[18]

Für viele, die sich bemüht haben, der Stimme ihres Gewissens zu fol­gen, gehörte zu den schmerzhaftesten Erkenntnissen gewiß die, daß lang­jährige Freundschaften sehr schnell enden können und daß eine schein­bar von Liebe geprägte Atmosphäre unvermittelt in eisiges Mißtrauen [326] umschlagen kann. Eine Zeugin aus dem Süden der USA erkannte allmählich, wie weit sich die Organisation von den Lehren der Bibel entfernt hatte. Einer guten Bekannten sagte sie, daß sie trotzdem nicht daran denke, die Versammlung zu verlassen: „In unserer Versammlung sind so viele Men­schen, mit denen ich persönlich die Bibel studiert und die ich in die Versammlung gebracht habe. Ich liebe sie und auch die anderen aus ganzem Herzen, und deswegen meine ich, daß ich bleiben sollte. Ich kann doch nicht einfach Menschen, die ich liebe, im Stich lassen.“ Es dauerte nicht lange und die Ältesten merkten, daß sie bei einigen Lehren Zweifel hatte, und stellten ihre Loyalität in Frage. Beinahe schlagartig veränderte sich die allgemeine Einstellung ihr gegenüber. Sie wurde das Opfer versteckter Andeutungen und des Geschwätzes in der Versammlung. Sie sagt: „Auf einmal entdeckte ich, daß die vermeintliche tiefe Liebe nur von der einen Seite ausging. Einige, die mir sehr ans Herz gewachsen waren, zeigten mir plötzlich die kalte Schulter; sie wollten überhaupt nicht von mir wissen, was ich wirklich dachte.“

Werden die Ehrfurcht, Hingabe und Aufrichtigkeit eines Menschen gegen­über Gott in den Schmutz gezogen – was die übelste Verleumdung ist, die man sich denken kann -, dann ist es schon eine erschreckende Erfahrung, wenn jemand, den man bis dahin für einen echten Freund gehalten hat, zu einem sagt: „Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, und ich will es auch gar nicht wissen.“ Oder man hört, daß er zu anderen gesagt hat: „Ich kenne zwar die Fakten nicht, aber die Organisation wird schon ihre guten Gründe für ihr Vorgehen gehabt haben.“

Vielzuviele Male stellt sich heraus, daß die vielgepriesene Liebe, die Teil des „geistigen Paradieses“ sein soll, recht oberflächlich ist. Eine (noch aktive) Zeugin aus einem benachbarten Bundesstaat erzählte mir am Telefon, ihr Mann werde seit einiger Zeit von den Ältesten seiner Versammlung stark unter Druck gesetzt. Sie sagte: „Wenn sie auch nur das Geringste gegen ihn finden könnten, sie würden ihn am höchsten Baum aufhängen.“ Ich erwiderte, das erinnere mich an den Spruch: „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.“ Sie antwortete: „Du hast ja keine Ahnung, wie oft dieser Spruch bei uns schon gefallen ist.“

Mir geht es genauso, wie eine Person es mir in einem Brief geschrieben hat, die kaltherzig zurückgestoßen wurde:

„Meine Freude war so groß, daß selbst der Schmerz verblaßte, den ich empfand, als viele meiner langjährigen Freunde lieber solchen Geschichten glaubten, statt zu mir zu kommen und die Wahrheit herauszufinden … und ich wußte auch, daß sie das nur aus Angst taten. Ich kann ihnen wirklich von Herzen vergeben, denn ich weiß genau, was in ihnen vorgeht. Im besten Fall glauben sie, ich hätte Jehova verlassen (weil ich mich aus seiner Organisation zurückgezogen habe), und im schlimmsten Fall meinen sie, Satan habe mich in die Irre geführt. In beiden Fällen wäre es ihnen unmöglich, mit mir Verbindung aufzunehmen. Falls ich ihnen oder sonst irgend jemand in der Organisation wehgetan haben sollte, so tut mir das aufrichtig leid. Ich liebe sie sehr und würde alles in meiner Macht Stehende tun, um sie zu erreichen und ihnen zu erklären, was mit mir wirklich los ist.“ [327]

So denke auch ich. Wenn sich Gefühle der Zuneigung so leicht wie mit einem Schalter ein- und ausknipsen lassen, dann entspricht das nicht dem normalen Verhalten der Menschen, sondern ist das Ergebnis von Indoktrination.

12.4 Wie können wir für Gott annehmbar sein ohne innerhalb einer organisierten Religion zu sein?
12.4.1 Wenn alle Brücken abbrechen, dann bleibt doch jene zu Christus und damit zu Gott offen passierbar!

Doch wie dem auch sei, wer als Zeuge Jehovas der Stimme seines Gewissen folgt, kann erleben, daß buchstäblich alle seine Freundschaften aus und vorbei sind. Dann muß man sich wirklich die Einstellung des Psalmisten zu eigen machen:
„Falls mein eigener Vater oder meine eigene Mutter mich verließen, würde ja Jehova selbst mich aufnehmen.“ [19]

Nur ein klareres Bewußtsein der Freundschaft Gottes und seines Sohnes kann alles wettmachen und wird den Wert aller anderen Beziehungen ins rechte Licht rücken. Man kann sich getrost darauf verlassen, daß neue Freundschaften entstehen werden, sofern man bereit ist, die hierfür nötigen Anstrengungen zu unternehmen. Das mag zwar seine Zeit dauern, doch dafür werden sie wahrscheinlich viel stabiler sein, da die Zuneigung sich nicht auf die Mitgliedschaft in einer Organisation stützt, auf eine Art Vereinsgeist, sondern darauf, was für ein Mensch man ist, in welchem Maße man sieh wie ein Christ verhält, wie es bei einem im Innern aussieht. Ich habe meine Freunde durchaus nicht alle verloren, und für jeden, den ich doch verlor, habe ich einen neuen gewonnen. Es sind Menschen, die klar gesagt haben, daß sie Meinungsverschiedenheiten oder Unterschiede in den Ansichten nicht zum Abbruch der Freundschaft führen lassen wollen. So entspricht es dem biblischen Rat:

„Erhebt euch nicht über die anderen, sondern seid immer freundlich und geduldig. Bemüht euch dartun, die Einheit zu bewahren, die der Geist Gottes euch geschenkt hat. Der Frieden, der von Gott kommt, soll euch alle verbinden.“[20]

Wenn man so lange daran gewöhnt war, Zahlen einen hohen Stellenwert beizumessen und in Zuwachsraten die angebliche Führung und den Segen Gottes zu sehen, dann ist es vielleicht nicht so einfach, auf diesem Gebiet etwas bescheidener zu werden und seine Ansprüche zurückzuschrauben. Möglicherweise gewinnt man erst jetzt ein inniges Verhältnis zu der Zusicherung Jesu, er werde dort anwesend sein, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß das gemeinsame Lesen und Besprechen der Bibel mit nur einer oder zwei weiteren Personen äußerst befriedigend und ertragreich ist. Wenn es manchmal mehr Teilnehmer waren, waren zwar die Kommentare interes­santer und vielfältiger, doch Gottes Wort hat auch dann, wenn wir nur „zwei oder drei“ waren, dieselbe grundlegende stärkende und bereichernde Wirkung gehabt. Ich muß ehrlich sagen, das hat mir jedesmal mehr an [328] Behaltenswertem gegeben als die vielen anderen Gelegenheiten in der Vergangenheit, wo ich als Beauftragter der Organisation mit Hunderten, Tausenden und Zehntausenden zusammen war.

12.4.2 Nur wer frei ist, kann und will seinen Glauben überprüfen! (2.Kor 13:5, 6)

Man braucht Glauben, um darauf zu vertrauen, daß es so kommen wird. Damit verhält es sich ähnlich wie mit einem anderen Aspekt der Freiheit, den das Eintreten für die biblische Wahrheit mit sich bringt. Dann halten wir uns nämlich nicht mehr an die streng vorgeschriebene Kost, die uns eine menschliche Organisation vorsetzt, sondern können selber das Wort Gottes wiederentdecken und erkennen, was es eigentlich alles enthält. Man glaubt gar nicht, wie wohltuend es sein kann, die Bibel zu lesen und sie einfach für sich selbst sprechen zu lassen, unbeeinflußt von menschlichen Überliefe­rungen. Eine Zeugin aus den Südstaaten, die 47 Jahre lang regelmäßig jeden Monat ihren Tätigkeitsbericht abgegeben und ebenso lange alle Zusammen­künfte der Versammlung besucht hatte, berichtete, wie sehr das Bibellesen sie jetzt begeistert: „Nie habe ich den Wunsch verspürt, bis zwei Uhr morgens denWachtturm zu lesen, doch genau das erlebe ich jetzt mit der Bibel.“

Wer gewöhnt ist, an die Bibel mit komplizierten Auslegungen, verwickelten Argumentationssträngen und bildreichen allegorischen Deutungen heran­zugehen, hat eventuell anfangs etwas Mühe, die geradlinige Einfachheit der biblischen Botschaft zu erkennen und sie so zu akzeptieren. Es mag erst Schwierigkeiten machen zu begreifen, daß Jesus es tatsächlich so meinte, wie er es sagte, als er den Grundsatz aussprach: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das sollt auch ihr ihnen tun“ und dann fortfuhr: „- denn das ist das Gesetz und die Propheten?“[21] Das zeigt, daß die Absicht und der Sinn aller damals vorhandenen inspirierten Schriften darin lag, die Menschen lieben zu lehren. Es stimmt mit dem Ausspruch Jesu überein, an den beiden Geboten, Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben, „hängt das ganze Gesetz und die Propheten“.[22] Man beachte, daß hier nicht nur vom Gesetz, sondern auch von den Propheten die Rede ist.

12.4.3 Prophetie daraufhin untersuchen ob sie wirklich im Einklang mit Gottes Wort ist!

Die Prophetie ist also nicht dazu da, in spekulative Auslegungen gepackt und auf phantasievolle Weise mit bestimmten Jahreszahlen und Ereignissen der Gegenwart verknüpft zu werden (die man dann öfter auswechseln muß, weil sie schon bald nicht mehr passen), noch soll sie für den prahlerischen Beweis des angeblich besonderen Verhältnisses einer Organisation zu Gott herhalten. Alle Prophetie ist dazu da, uns zu dem „Sohn der Liebe Gottes“ zu führen, damit wir durch ihn lernen zu lieben und in der Liebe zu leben, so wie er in der Liebe lebte. Deshalb lesen wir auch: „Das Zeugnisgeben für Jesus ist das, was zum Prophezeien inspiriert.“[23]

Jedesmal, wenn die Bibel zu anderen Zwecken benutzt wird, jedesmal, wenn Dogmatismus und sektiererische Argumentationsweise diesen einfachen Sinn der Schriften verschleiern/und komplizieren, dann beweisen damit [329] diejenigen, die das tun, daß sie nicht begriffen haben, wozu die Bibel eigentlich da ist.

Wer meint, die erwähnten phantasievollen Auslegungen seien in Wahrheit „die tiefen Dinge Gottes“, verrät damit, daß er den Sinn dieses biblischen Ausdrucks nicht verstanden hat. Als der Apostel Paulus ihn (im ersten Korintherbrief gebrauchte, hatte er kurz vorher gesagt:

„Brüder, als ich zum erstenmal bei euch war und euch Gottes geheimnisvolle Wahrheit verkündete, tat ich dies ja auch nicht mit großartigen und tiefsinnigen Reden. Ich hatte mir vorgenommen, euch nichts anderes zu bringen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten. Als schwacher Mensch trat ich vor euch und war voller Angst und Sorge. Mein Wort und meine Botschaft wirkten nicht durch Redekunst und Gedankenreichtum, sondern weil Gottes Geist darin seine Kraft erwies. Euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes Macht.“[24]

Das ist genau das Gegenteil zu der Art von Lehre, die die Menschen von einer Organisation abhängig macht, die verwickelte und oft verwirrende Auslegungen von Prophezeiungen hervorbringt, die nur wenige erklären können, ohne gleichzeitig eine schriftliche Erläuterung in der Hand zu halten.

12.4.4 Sich in die Liebe des Christus hinein versenken: Das Erlernen wahrer Weisheit und ihrer Grundlagen!

Auch dies ist ein Segen, zu erkennen, daß die wahrhaft „tiefen Dinge“ der Bibel damit zu tun haben, etwas über die „Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ zu erfahren, die vor allem in seiner Barmherzigkeit durch Jesus Christus zum Ausdruck kommt, „daß er euch aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit beschenkt und euch durch seinen Geist innerlich stark macht … daß Christus durch das Vertrauen, das ihr zu ihm habt, in euch lebt, und daß ihr fest in der gegenseitigen Liebe wurzelt und euer ganzes Leben darauf baut … (und erkennt), wie unermeßlich die Liebe ist, die Christus zu uns hat und die alles Begreifen weit übersteigt. Dann wird die ganze göttliche Lebensmacht euch mehr und mehr erfül­len“.[25]

Das ist der Kern der „guten Botschaft“: daß Gott uns durch Christus und sein Loskaufsopfer Barmherzigkeit erwiesen hat. Das kann jeder nachprü­fen, der an Hand einer Konkordanz die über 100 Stellen in der Bibel nachschlägt, in denen der Ausdruck „gute Botschaft“ („gute Nachricht“, „Evangelium“) vorkommt. Achtmal ist von der guten Botschaft „vom Königreich“ die Rede, doch viele, viele Male von der guten Botschaft „über den Christus“. Dies deshalb, weil das Reich Gottes, der Ausdruck seiner königlichen Souveränität, sich ganz auf seinen Sohn und alles, was er durch ihn getan hat und noch tun wird, konzentriert. Nicht auf eine menschliche Organisation, sondern auf Jesus Christus sollen wir unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse richten, denn „in ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sorgsam verborgen?“[26] Was einem manchmal an Auslegung [330] biblischer Prophetie geboten wird, und sei es noch so kunstreich. geheimnis­umwoben oder ausgefallen formuliert, das ist wirklich reichlich schal und oberflächlich, sobald man die Ergebnisse von Studium, Nachsinnen und Gebet dagegenhält, bei denen es darum geht, die Tiefe der Barmherzigkeit, der Liebe und der Güte Gottes besser zu erfassen.

Es macht richtig Freude, in Gottes Wort lesen zu können, ohne in sich ständig den Drang zu spüren, bei jeder Passage müsse gleich ganz genau die Bedeutung festgelegt und jeder prophetische Ausspruch mit einer „amtli­chen“ Deutung versehen werden. Schließlich gilt auch heute noch, was Paulus schrieb:

„Denn wir erkennen teilweise, und wir prophezeien teilweise; wenn aber das Vollständige gekommen ist, wird das Teilweise weggetan werden …. Denn jetzt sehen wir mit Hilfe eines metallenen Spiegels in verschwommenen Umrissen, dann aber wird es von Angesicht zu Angesicht sein. Jetzt erkenne ich teilweise, dann aber werde ich genau erkennen, so wie ich genau erkannt worden bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.“[27]

Wenn durch unser Bibellesen unsere Liebe zu Gott, zu seinem Sohn und zu unseren Mitmenschen vertieft wird, dann hat es ganz sicher seinen Haupt­zweck erfüllt. Vieles in der Bibel ist so ausgedrückt, daß es mehrere Deutungen zuläßt, die alle gleichermaßen mit der übrigen Bibel in Einklang stehen und den Glauben, die Hoffnung und die Liebe in gleicher Weise fördern. Warum sollte man dann starrköpfig auf einer dieser Möglichkeiten als der einzig richtigen bestehen? Das ist der Irrweg der Sekten.

Sehr schön drückte das jemand von einer Insel im Pazifik aus. Sie schrieb mir:

„Ich will keine Lehre mehr glauben, die ich für falsch halte, und werde für das eintreten, was meiner Meinung nach richtig ist, doch ich kann nicht länger andere richten, die Gott lieben, und ich kann nicht mehr meinen, ich sei etwas Besseres als sie, weil ich Dinge weiß, die sie nicht wissen. Gott berücksichtigt, in welcher Ausgangsposition sich jeder befindet. In manchen Dingen haben wir alle verkehrte Ansichten, und wenn wir einander richten, uns vergleichen, miteinander in Konkurrenz treten und uns von anderen absondern, die auch Gott lieben und ihn suchen, dann folgen wir nicht Gottes Weg. Sein Weg ist die Liebe, die vereint und heilt und eine Menge Sünden und Irrtümer zudeckt. Irgendwann werden wir alle die ganze Wahrheit verstehen, doch bis es soweit ist, müssen wir mit anderen teilen, was wir haben, anderen helfen und Kraft geben, und keine Gräben ziehen.“

Wozu endlos über Einzelfragen debattieren, wenn die Bibel doch über so viele Dinge nichts Eindeutiges sagt? Wem hilft das denn? Die Kernfrage bleibt doch stets, was wir für Menschen sind. In welchem Maß spiegeln wir die Eigenschaften unseres himmlischen Vaters und seines Sohnes wieder? Ist unsere Lebensweise, unser Verhalten im Umgang mit anderen, ein lebendiges Beispiel für die Wahrheit der Bibel? Von Gott kann eine Lehre – [331] werde sie nun von einer Organisation oder von einem einzelnen Menschen verkündet – nur stammen, wenn sie bei uns bewirkt, daß wir gegen andere mitfühlend, rücksichtsvoll und hilfreich sind, denn „wir haben dieses Gebot von ihm, daß der, der Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“.[28]

Manche fragen: Wohin soll ich gehen? Was soll ich werden?

Ich spüre kein Verlangen, irgendwohin zu „gehen“, denn ich weiß, wer „Worte ewigen Lebens“ hat.[29] Ich bin dankbar für die stärkende Gemein­schaft mit allen, die mit mir persönlich oder brieflich in Kontakt stehen, und hoffe, auch weiterhin Menschen kennenzulernen, denen die Wahrheit wichtig ist, und zwar nicht bloß vom Aspekt der Lehre her, sondern als eine Lebensweise.[30]

Ich versuche also, ganz einfach Christ zu sein, ein Jünger des Gottessohns. Ich verstehe nicht, wie man irgend etwas anderes sein wollte. Und ich kann auch nicht begreifen, wie jemand hoffen kann, je mehr zu sein.

12.4.5 Rückblick auf die Vergangenheit und Fehler, die man inzwischen einsieht und abgelegt hat

Die Vergangenheit soll ruhen. Für vieles bin ich dankbar, bedauern muß ich nur weniges. Die Schwere von Fehlern sei damit nicht heruntergespielt. Wenn die Lebensuhr fast abgelaufen ist, kann sich umso schmerzlicher auswirken, was man in der Vergangenheit bei seinen Entscheidungen falsch gemacht hat. Die harten Zeiten, die ich durchgemacht habe, bedauere ich nicht, weil ich glaube, daß sie mich wertvolle Dinge gelehrt haben. Unangebracht dagegen war, daß ich einer menschlichen Organisation mein Vertrauen schenkte. Nachdem ich mich den größten Teil meines Lebens abgemüht hatte, Menschen zu Gott und seinem Sohn zu führen, mußte ich feststellen, daß diese Organisation mit ihnen umgeht, als wären sie ihreeigene Herde, die ihr zu gehorchen hat und ihr zu Willen sein muß. Dessenungeachtet bin ich froh zu wissen, daß ich sie stets ermuntert habe, ihren Glauben auf die sichere Grundlage des Wortes Gottes zu stellen. Ich hoffe, daß all die Mühe nicht vergebens gewesen sein wird.

Andere in meinem Alter denken an den Ruhestand, doch ich muß einen Neuanfang wagen, um für meine Frau und mich zu sorgen. Ich kann aber, genau wie der Bibelschreiber, „zuversichtlich sagen: ‚Der Herr steht mir bei; nun fürchte ich nichts mehr. Was könnte ein Mensch mir schon antun?’“[31] Ich bedauere in keiner Weise, der Stimme meines Gewissens gefolgt zu sein. Die guten Auswirkungen wiegen alles Unerfreuliche bei weitem auf.

So manche frühe Entscheidung, die ich auf Grund einer unrichtigen Darstellung des Willens Gottes getroffen habe, hat Auswirkungen, die sich wohl nicht mehr rückgängig machen lassen. Mir wird immer noch ganz unwohl, wenn ich daran denke, daß ich eine Frau zurücklassen muß, die weder Sohn noch Tochter hat, von denen sie Zuwendung und Unterstützung erhalten könnte, sowohl emotional wie wirtschaftlich. Wie weit ich selbst [332] dazu in den verbleibenden Jahren noch in der Lage sein werde, weiß ich nicht. Doch unsere Hoffnungen sind auf die fernere Zukunft gerichtet, nicht nur auf die unmittelbar vor uns liegende Zeit, und die Verheißungen Gottes für diese Zeit geben uns Herzensfrieden.

12.4.6 So wie ihr urteilt, so werdet ihr beurteilt werden!

Über diejenigen ein Urteil zu sprechen, die sich von mir distanziert haben, dazu fühle ich mich genauso wenig berechtigt, wie ich meine, daß sie ein Recht hatten, mich zu verurteilen. Ich will das auch gar nicht. Das ändert allerdings nichts daran, daß ihr Handeln mir zum Teil unbegreiflich ist. Ich wünsche ihnen von Herzen, daß die Zukunft ihnen bessere Zeiten beschert, denn meiner Meinung nach könnten sie viel tun, um ihren Horizont und ihre ganze Einstellung zum Leben zu erweitern, wodurch ihr gesamtes Dasein enorm bereichert und mit tieferem Sinn erfüllt würde.

Ich hoffe, ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Zwar werde ich bestimmt weitere machen, doch ich bin zuversichtlich, daß sie nicht mehr so schlimm sein werden, so daß es anderen wie mir zum Guten gereicht. Daß ich mich nicht persönlich entschuldigen kann bei manchen, denen ich auf irgendeine Weise Unrecht getan habe, tut mir leid, doch ich bete, daß kein bleibender Schaden entsteht, und ich vertraue Gott all die Dinge an, auf die ich keinen Einfluß habe. Meine Frau und ich hoffen, daß wir die verbleibenden Jahre in Frieden verbringen können und daß Gott unser vereintes Bemühen, ihm alle Tage zu dienen, segnen wird.

Edward Dunlap machte sich nach seinem Hinauswurf aus der Weltzentrale auf den Weg nach Oklahoma City, um mit 69 Jahren ein neues Leben zu beginnen. Als er in Alabama vorbeikam, unterhielten wir uns und er sagte:

„Ich glaube, alles was man tun kann, ist zu versuchen, ein christliches Leben zu führen und denen zu helfen, die man in seinem Alltag erreichen kann. Alles andere liegt in Gottes Hand.“

Ich bin dankbar dafür, daß ich Informationen weitergeben konnte, auf die andere meines Erachtens ein Anrecht haben. Noch viel mehr könnte gesagt werden, ja müßte vielleicht gesagt werden, damit man sich ein vollständiges Bild machen kann. Ob mir das vergönnt sein wird, weiß ich nicht.[32] Mir ge­nügt es, all das, was sich aus dem bereits Gesagten ergeben wird, in Gottes Hände zu legen. [333]

____________________________________

[1] 1. Korinther 3:6, 7; 2. Korinther 4:7, 15; 6:10.
[2] 2. Korinther 5:14.
[3] 1. Johannes 4:11 Die Bibel in heutigem Deutsch.
[4] Matthäus 11:28-30.
[5] Wachtturm vom 15. April 1952, S. 122.
[6] Wachtturm vom 1. Oktober 1973, S. 594.
[7] Matthäus 10:17, 21; Markus 13:9-12; Lukas 21:16.
[8] Apostelgeschichte 10:35
[9] Unter anderem hat Lloyd Barry die Bücher Die gute Botschaft, die Menschen glücklich macht (1976) und „Dein Königreich komme“ (1981) geschrieben.
[10] Zu diesen dreien wäre eigentlich Grant Suiter hinzuzuzählen gewesen, vor allem, weil er scholl so lange eine leitende Funktion in der Gesellschaft hatte. Im Jahre 1983 erlitt er je­doch einen tragischen Unfall, durch den er vollständig gelähmt wurde. Wenige Monate später starb er.
[11] Nicht nur die verschiedenen Bibelforscher-Vereinigungen, die teilweise international vertre­ten sind, sondern auch einige Gruppierungen der Church of God vertreten in diesen Punkten fast haargenau dieselben Glaubensansichten. Die Adventisten glauben, daß die Seele schläft, leugnen die ewige Qual und glauben an eine paradiesische Erde unter der Herrschaft des Königreiches Christi.
[12] Galater 5:1, 13, 14; 1. Korinther 9:1, 19; Kolosser 3:17; 23-25.
[13] Matthäus 11:28-30; Markus 9:36, 37; 10:13-16; Lukas 15:1-7; Johannes 15:11-15.
[14] Psalm31:11-16; 55:2-6,12-14, 22; 60:11,12; 94:17-22; Römer 5:1-11; 8:31-39.
[15] 15 Matthäus 28:20, Wilckens.
[16] 2. Timotheus 2:19, Einheitsübersetzung
[17] Vergleiche Matthaus 13:37-43 mit Römer 2:5-10, 16; 14:10-12, 1. Korinther 4:3-5, 2. Korinther 5:10; 10:12, 18; 2. Timotheus 4:1.
[18] Apostelgeschichte 10:34, 35.
[19] Psalm 27:10; vergleiche Psalm 31:11; 50:20; 69:8, 9, 20; 73:25, 28.
[20] Epheser 4:2, 3, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[21] Matthans 7:12, Jerusalemer Bibel.
[22] Matthäus 22:40 Jerusalemer Bibel.
[23] Offenbarung 19:10.
[24] 1. Korinther 2: 1-5,10, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[25] Römer 11:33; Epheser 3:16-19, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[26] Kolosser 2:3.
[27] 1. Korinther 13:9, 10, 12, 13.
[28] 1. Johannes 4:21
[29] Johannes 6:68.
[30] Johannes 3:18.
[31] Hebräer 13:6, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[32] Anm. d. Übers.: Ende 1991 erschien ein weiteres, 736 Seiten umfassendes Werk des Verfas­sers unter dem Titel In Serch of Christian Freedom (dt.: Auf der Suche nach christlicher Freiheit) (Commentary Press, Atlanta).

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 12. Kapitel: Ausblick

11. Kapitel: Nachspiel

11. Kapitel: Nachspiel

11 Nachspiel *

11.1 Bedrückende Wölfe, welche die Herde nicht schonen
11.1.1 Unbeugsame Härte mit äusserer Milde verschleiert. Dieselbe unbiblische Anwendung des Begriffs „Abrünnigkeit“ (Häresie) wie bei der Inquisition

„Ich weiß, daß nach meinem Weggang bedrückende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen werden“ (Apostelgeschichte 20:29).

Im Englischen gibt es die alte Wendung von der „eisernen Faust in einem Samthandschuh“, wodurch treffend beschrieben wird, wie Unbeugsamkeit mit äußerer Milde verschleiert werden kann. Die eiserne Strenge, die sich in der Vergehensweise der Mächtigen offenbarte, ist meines Erachtens nicht erst durch die Ereignisse des Frühjahrs 1980 hervorgerufen worden. Die Härte bestand bereits vorher, wie die Geschichte zeigt. Was im Frühjahr 1980 geschah, bewirkte nur, daß der Samthandschuh der Milde ausgezogen und die unbeugsame Härte darunter freigelegt wurde. Das bestätigen auch die nachfolgenden Geschehnisse.

Als das Rechtskomitee aus fünf Bethelältesten, das die Aufgabe erfüllte, die korrekterweise eigentlich die leitende Körperschaft selbst hatte wahrneh­men müssen, Ed Dunlap zum letzten Mal vorlud und ihm seinen Ausschluß mitteilte, sagte er:

„Wenn ihr das so entschieden habt, gut. Aber sagt nicht, es sei wegen Abtrünnigkeit gewesen! Ihr wißt, daß mit Abtrünnigkeit die Rebellion gegen Gott und Christus Jesus gemeint ist, und ihr wißtgenau, daß das bei mir nicht zutrifft.“

In der Augustnummer 1980 der US-Ausgabe des Mitteilungsblatts Our Kingdenn Ministry (deutsch: Unser Königreichsdienst, November 1980, S. 8), das monatlich allen Versammlungen zugeschickt wird, hieß es in einer Meldung auf der Titelseite, daß einer Reihe von Bethelmitarbeitern die Gemeinschaft entzogen wurde, die sich „abtrünnig gegen die Organisation verhalten“ hätten. Das stimmte zwar immer noch nicht, denn es hatte nicht einmal eine Rebellion gegen die Organisation stattgefunden, doch es kam der Wahrheit schon naher als Äußerungen, die anderswo zu hören waren. Am 28. Mai 1980 wurde mein Rücktrittsbrief der Bethelfamilie vorgelesen. Am 29. Mai wurden alle Bethelältesten zusammengerufen. Einer von ihnen war Jon Mitchell. Er arbeitete als Sekretär sowohl in der Dienstabteilung wie auch im Büro der leitenden Körperschaft. Ich hatte nur ein einziges Mal mit ihm zu tun gehabt, nämlich als er mir die Visa für meine Afrikareise beschaffte. Mit den Ausgeschlossenen hatte er nie ein Wort gesprochen, hatte aber im Büro einige Berichte der Rechtskomitees zu Gesicht bekommen [276] und den bürointernen Tratsch über die sogenannten Ketzerverfahren gehört. Über seine Eindrücke von der Zusammenkunft der Ältesten und den Ansprachen Schroeders und Barrys aus der leitenden Körperschaft berichtet er folgendes:

„Die Ansprache Schroeders behandelte das Thema Organisation. Er redete davon, wie reibungslos unsere Organisation funktioniere, und sagte, daß Leute, die meinten, sie könnten deren Regeln und Gebote nicht akzeptieren, lieber gehen und den Fortschritt hier nicht aufhalten sollten. (Um zu veranschaulichen, wie reibungslos alles in der Organisation laufe, hob er das Buch Branch Organisationhoch und sagte, in diesem Werk seien über 1000 Regelungen und Anweisungen für die Arbeit der Zweigbüros und der Brooklyner Zentrale enthalten.) Er betonte, es handle sich nicht um eine Hexenjagd, sondern offenbar laufe ein Selbstreinigungs­prozess ab.
Über die, die die Organisation verlassen haben, sagte er: ,Man kann nicht sagen, dag sie nicht an die Bibel glauben. Dazu müßte man ja Atheist sein. Sie verstehen sie nur anders.‘
Als er fertig war, durften die Bethelältesten Fragen stellen. Harold Jackson meldete sich und schlug die Einrichtung eines Forums oder eines offenen Gesprächskreise vor, in dem die strittigen Fragen erörtert werden sollten. Schroeder erwiderte darauf, so etwas sei nicht geplant. Wenn wir Fragen hatten, könnten wir sie schriftlich stellen. Warren Weil fragte an, ob man schon erwogen habe, die Brüder einen Treueeid ablegen zulassen. Dazu sagte Bruder Schroeder diesen Weg wolle man derzeit nicht beschreiten.
Der Vortrag von Lloyd Barry schien darauf abzuzielen, einige Glaubensansichten der sogenannten Abgefallenen zu widerlegen und zur Loyalität gegenüber der Organisation aufzurufen. Er las Sprüche 24:21, 22 vor und ermahnte uns eindring­lich, uns vor denen zu hüten, die für eine Veränderung sind‘. Mißbilligend sprach er sich darüber aus, daß einige sich zusammenfänden, um ein unabhängiges Bibelstudium zu betreiben. Er behauptete, manche täten dies sogar anstelle des gemeinsamen wöchentlichen Wachtturm- Studiums am Montagabend.
Ähnlich abfällig sprach er über diejenigen, die sich gerne auf Bibelkommentare von Schreibern der Christenheit stützten. (Mitarbeiter der Dienstabteilung hatten sich Barnes’ Notes on tlie New Testament zugelegt und ließen das Werk offen herumliegen, doch nach dieser Äußerung verschwand es schnell in den Schub­laden.) Barry sprach von dem reichen Erbe, das wir als Zeugen Jehovas halten, und war sichtlich betroffen darüber, daß einige es nicht so hoch einschätzten wie er und Auffassungen hätten, die dem Wachstum und dem Gedeihen der Organisation abträglich sein könnten.“

Obwohl Jon nie mit uns, die wir Zielscheibe dieser Ansprachen waren, über die strittigen Fragen oder überhaupt über die Bibel gesprochen hatte, fährt er fort:

„Diese Zusammenkunft und die darauf folgenden Ereignisse verstärkten in mir noch das Gefühl des Abscheus, das in mir hochkam, als ich von den Gemein­schaftsentzügen und der Entlassung von Bruder Franz zum ersten Mal gehört hatte.“

11.1.2 Kennzeichen der Abtrünnigkeit nach Ausformulierung der leitenden Körperschaft kennzeichnet jene selbst als wahre Abtrünnige und Gesetzlose!

Im Wachtower vom 1. August 1980 (Wachtturm vom 1. November 1980) sollte ein Artikel erscheinen, in dem die Kennzeichen für Abtrünnigkeit aufgezählt würden. Ich war mir aber bereits sehr gut im klaren darüber, was für Kennzeichen es wirklich gab, und mich bedrückte sehr, daß die Organisation diese Anzeichen selbst immer stärker aufwies, und zwar: [277]

„1) Die Unterdrückung des freien Bibellesens. Zwar würde es wohl kaum zu Bibelverbrennungen kommen, doch offensichtlich war die Möglichkeit, völlig frei die Bibel zu lesen und frei darüber zu sprechen, eingeschränkt. Weshalb ließ die leitende Körperschaft keine offene Diskussion der Streitfragen zu, wie es vorge­schlagen wurde, gerade weil es hier um Personen ging, die der Organisation viel an Substanz gegeben hatten und die wegen ihrer gründlichen Bibelkenntnis hohe Achtung genossen? Was wollte sie verbergen? Konnte die Wahrheit einer Prüfung nicht standhalten?
2) Die offensichtliche Betonungsverschiebung weg von der Bibel und hin zu unserem sogenannten reichen Erbe, d.h. den Traditionen unserer Organisation. Wie ich gut wußte, war dies eine Fehlentwicklung vieler religiöser Sekten, einschließlich der der Pharisäer gewesen. In Matthäus 15 und Markus 7 stehen die Worte Jesu, in denen er diese öffentlich rügte, weil sie ihrer Überlieferungen größeren Wert beimaßen als dem Wort Gottes. Der Vorschlag, man solle allen die Ablegung eines Treueeids abverlangen, um die Loyalität gegenüber der Organisation und ihren Überlieferungen sicherzustellen, ließ mich vor Schrecken erschauern. Doch er war in vollem Ernst vorgetragen worden.
3) Inquisirionsmethoden. Es war eindeutig, daß die leitende Körperschaft, deren Aufgabe ich mehr im Dienst für die Bruder gesehen hatte, sehr autoritär vorging und hier kurzen Prozess machen wollte. Wäre es nicht viel weiser und vernünftiger gewesen, etwas sorgsamer und bedächtiger vorzugehen, indem man die ganze Sache gründlich untersucht und das Für und Wider abgewogen hätte und dann erst, allmählich und behutsam, zu einer Entscheidung gekommen wäre?
Ich weiß noch, wie ich bei der Ältestenzusammenkunft dasaß und mir sagte: ,Hört auf! Nicht so übereilt! Merkt ihr denn nicht, was ihr da macht?’ So dachte ich, nicht weil ich der Organisation untreu war, sondern weil ich sehr an ihr hing und mir sehnlichst wünschte, sie auf einem starken Fundament der Wahrheit fest gegrün­det zu sehen.“

Genau wie er hoffte auch ich anfangs, die Vernunft werde die Oberhand gewinnen, sobald der Alptraum verflogen wäre. Ich hoffte, daß statt der aufgeladenen Atmosphäre, die fast einer hysterischen Belagerungsmentali­tät glich und aus der heraus ein kleines Häuflein gewissentreuer Menschen für eine riesige Bedrohung gehalten wurde, eine ruhigere, besonnenere Denkweise einkehren würde. Das Gegenteil war der Fall.

11.1.3 Es wird totale Anpassung von Kreis- und Bezirksaufsehern an die Lehren der Gesellschaft verlangt. Ältestenschaften unter argwöhnischer Beobachtung.

Die unglaublichen Forderungen nach totaler Anpassung, die nun erhoben wurden, kommen wohl nirgends besser zum Ausdruck als in einem Rund­schreiben, das die Dienstabteilung der Weltzentrale unter dem Datum vom 1. September 1980 an alle Kreis- und Bezirksaufseher, die reisenden Beauf­tragten der Gesellschaft, verschickte. Die ersten beiden Seiten dieses Briefes werden hier wiedergegeben. Von besonderem Interesse ist der Abschnitt „Die Herde schützen“ (die wichtigsten Punkte sind am Rand markiert). [278]

„SCG:SSF 1.September 1980

AN ALLE KREIS- UND BEZIRKSAUFSEHER
Liebe Brüder!

Wir wissen, daß ihr gemeinsam mit euren Frauen großen Nutzen aus den Bezirks­kongressen „Göttliche Liebe“ gezogen habt. Sie führten uns in beeindruckender Weise vor Augen, weshalb die Liebe die nützlichste Eigenschaft ist, die wir entwickeln können 1. Kor. 13:13). Die Liebe befähigt uns, trotz unserer Mängel und Fehler vereint zu bleiben Kol. 3:12-14).

Ihr könnt sicher sein, daß die Brüder, denen Ihr dient, durch Euer liebevolles Vorbild im Glauben erbaut und gestärkt werden. Bei uns sind etliche Briefe einge­gangen, in denen uns von der Liebe berichtet wird, die ihr, Brüder, und eure Ehe­frauen gezeigt habt. Eine Ältestenschaft schrieb über ihren Kreisaufseher: „(Er) ist wahrhaft dem Tun des Willens Jehovas ergeben … steht allen geistig bei … für alles offen. (Er) hat ein offenes Ohr und zeigt Einfühlungsvermögen gegenüber den Brüdern. Auf solche Brüder können wir uns verlassen, wenn in Zukunft die schweren Zeiten kommen werden.“

Ihr könnt zuversichtlich sein, daß die Brüder Eure Freundschaft, eure Gesellschaft und Eure Liebe schätzen werden, wenn Ihr Euch mit echter Sorge um die sie betreffenden Dinge kümmert (Phi 2:19-23, 29). Setzt daher auch weiterhin alles daran, auf liebevolle weise mit ihnen umzugehen. Setzt sie niemals unter Druck. Kanzelt sie nicht ab, Geht ihnen führend voran, wobei ihr eng mit ihnen zusammenarbeitet; ermahnt sie soweit sie dies brauchen. Habt Geduld, wenn sie scheinbar nur wenig Fortschritte machen. Dieser liebevolle, geduldige Umgang wird die Brüder erquicken (Matth. 11:28-30).

DIE HERDE SCHÜTZEN

Eine der Hauptaufgaben eines Aufsehers beim Hüten der ihm anvertrauten Herde Gottes besteht darin, diese vor Gefahren zu beschützen (Apg 20:28). In Apostelgeschichte 28:29 wird darauf hingewiesen, daß eine dieser Gefahren Menschen sein können, die vom Glauben abfallen. Dieses Thema Word im Wachtturm vom 1. August 1980 sehr gut behandelt. Ihr alle werdet Euch mit dem Inhalt der Studienartikel äußerst gründlich vertraut machen wollen. Ermuntert alle Ältesten und besonders die Dienstamtgehilfen, das ebenso zu tun. Verwendet Hauptpunkte daraus in euren Ansprachen. „Bleibt bei dem, was ihr gelernt habt“. [279]

Helft den Ältesten zu unterscheiden zwischen einem unruhestiftenden Abtrünnigen und einem Christen, der schwach im Glauben geworden ist und zweifelt. (2. Petr 2:??; Jud 22, 23). Gegen den ersteren sollte entschieden vorgegangen werden, nachdem längere Zeit hindurch versucht wurde, sein Denken zurechtzurücken (2. Joh 7-10). Andererseits sollte man jemand, der schwach geworden ist, liebevoll und geduldig beistehen, die genaue Erkenntnis zu erlangen, die seinen Glauben befestigt.

Seite 2

Bitte beachtet, daß ein Abgefallener seine Irrlehren nicht bei anderen zu verbreiten braucht, um ausgeschlossen zu werden. In der Wachtturm-Ausgabe vom 1. August 1980 heißt es auf Seite 17, Absatz 2: “Unser Word ‘Abfall’ ist die Wiedergabe des griechischen Ausdruck, der ‘Abscheiden’, ‘Trennung’, ‘Absonderung’, ‘Auswuchs’ und ‘Aufstand’ bedeutet. Wendet sich also ein getaufter Christ von den Lehren Jehovas, so wie sie vom treuen und verständigen Sklaven dargelegt werden ab, und glaubt er trotz biblischer Ermahnung weiterhin hartnäckig an eine andere Lehre, dann fällt er vom Glauben ab. Man sollte sich längere Zeit freundlich bemühen, sein Denken zurechtzurücken, wenn er aber nach einigen ausgedehnten Bemühungen immer noch an seiner falschen Lehren glaubt und der Auffassung , die ihm durch die Sklavenklasse zugekommen ist, zurückweist, dann sollten die entsprechenden rechtlichen Schritte eingeleitet werden.

Das soll nicht bedeuten, daß Ihr oder die Ältesten Euch sozusagen auf Hetzjagd begeben und die Glaubensansichten Eurer Brüder ausforschen solltet, doch wenn die Ältesten etwas hinreichend Auffälliges in dieser Hinsicht bemerken, dann wäre es angebracht, zum Schutz der Herde freundlich und unauffällig nachzuhacken. Wir können nicht genügend betonen, daß in diesen Fällen äußerst behutsam, taktvoll und freundlich vorgegangen werden muß (Jak. 1:19, 20)

ZUSAMMENARBEIT VERSCHIEDENER ÄLTESTENSCHAFTEN

Uns ist aufgefallen, daß bisweilen in größeren Städten mehre Versammlungen betroffen sind, wenn Unrechttun aufgedeckt wird. Die Älteste in diesen Ver­sammlungen müssen eng zusammenarbeiten. Sie sollten stets daran denken, die Ältesten in den anderen Versammlungen umgehend über Verkündiger zu informieren, bei denen vielleicht etwas unternommen werden muß. Jemand, der in eine Verfeh­lung hineingerutscht ist, braucht sofortigen Beistand. Jeder, der Sich in seiner Sünde verhärtet, muß mit Strenge getadelt und, falls das nichts bewirkt, aus der Versammlung ausgestoßen werden. Ihr tätet gut daran, die Ältestenschaften auf die Dinge aufmerksam zu machen, die Euch während des Schulungskurses im Herbst 1971 in Redeplan Nr. 13 unter der Überschrift „Älteste benötigen weiterhin Hilfe beim lösen versammlungsübergreifender Probleme“ vermittelt wurden. Die Ältesten in den betreffenden Versammlungen sollten über alles unterrichtet werden, was be­kannt ist und was sie zur Aufklärung brauchen. [280]

Schärft den Ältesten ein, daß sie vor Gott dafür verantwortlich sind, das Auf­treten und die Ausbreitung von Unrechttun in der Versammlung zu vermindern 1. Kor. 5:6-8). Die Rechtskomitees sollten sehr sorgfältig ermitteln, ob jemand wirklich reuig ist, bevor sie ihm Vergebung gewähren, nachdem er die Versammlung in Verruf gebracht hat. Im allgemeinen bringt jemand, der bereut, auch wirklich „Frucht hervor, die der Reue entspricht“ (Matt. 3:8). Laßt uns nicht vergessen, daß ein Mensch dieselbe Sünde wieder begehen wird, wenn dieselben Umstände wieder eintreten und nicht schon sein Herz angesprochen worden ist, mag der ihm erteilte Rat oder die Zurechtweisung noch so gut gewesen sein. Die Ältesten müssen Willens sein, in solchen Fällen durchzugreifen, um die Herde zu schützen.“In diesem Rundschreiben wird die offizielle Linie wiedergegeben. Es heißt allen Ernstes, wenn jemand etwas glaubt – es nicht vor anderen vertritt, sondern einfach glaubt –, das nicht mit den Lehren der Organisation übereinstimmt, so genüge das, um ihn als Abtrünnigen abzuurteilen!

Das Rundschreiben beschränkt die Abweichungen in den Glaubensansich­ten nicht auf die biblischen Grundlehren wie das Kommen des Sohnes Gottes als Mensch, das Loskaufsopfer. den Glauben an Jesu vergossenes Blut als Grundlage für die Rettung, die Auferstehung oder ähnlich grundlegende Bibellehren. Der Betreffende braucht noch nicht einmal die Lehre der Bibel abzulehnen, nur die „Lehren Jehovas, so wie sie vom treuen und verständi­gen Sklaven dargelegt werden“. Das ist dasselbe, wie wenn man sagt, wenn jemand der schriftlichen Willensäußerung eines Herrschers glaubt und sie befolgt, sei das kein sicheres Zeichen für Loyalität, vielmehr komme es darauf an, daß er das glaubt und tut, was der Überbringer der Botschaft, der im Dienst des Herrschers steht, als die seiner Meinung nach richtige Deutung des Gesagten verkündet.

11.1.1 Schnüffelpraxis auf allen Ebenen, um mittels Daumenschrauben „einheitliches Denken“ aller zu erreichen

Dem Geschäftszeichen im Briefkopf des Rundschreibens vom 1. September 1980 ist zu entnehmen, daß der Verfasser Leon Weaver hieß. Daraus darf man aber nicht schließen, diese Schnüffelpraxis entspringe dem Hirn eines Einzelnen, genausowenig wie es sich um eine spontane Fehlleistung han­deln konnte, für die man sieh hinterher schämt, weil sie voreilig, verletzend und total unchristlich war. Der Verfasser gehörte dem Komitee der Dienst­abteilung an, dessen weitere Mitglieder unter anderem Harley Miller, David Olson, Joel Adams und Charles Woody waren, allesamt erfahrene Führungs­persönlichkeiten in der Organisation, seit Jahrzehnten in verantwortlicher Stellung. Gemeinsam überwachen sie im Auftrag der leitenden Körper­schaft die Tätigkeit der über 8500 Versammlungen (Gemeinden) und aller Ältesten und Kreis- und Bezirksaufseher in den USA, also von etwa einem Viertel aller Zeugen Jehovas. Sie arbeiten eng mit dem Dienstkomitee der leitenden Körperschaft zusammen und sollten die Vorgaben der leitenden Körperschaft und ihre Denkweise genau kennen.

Damit aber wird die Position, die in dem Rundschreiben vertreten wird, nur umso erschreckender. Wie ich aus langjähriger Tätigkeit im Dienstkomitee [281] weiß, muss jedes Schreiben von solcher Bedeutung dem Dienstkomitee der leitenden Körperschaft zur Genehmigung vorgelegt werden, bevor es ver­sandt werden darf.[1] Hatte nur ein einziges Mitglied des Komitees Einwände dagegen erhoben, so hätte der Brief der gesamten leitenden Körperschaft zur Besprechung vorgelegt werden müssen.

11.1.2 Inquisitionsmethoden von oberster Führungsschicht aus sanktioniert: Abtrünnig ist, wer eine Lehre der Gesellschaft anzweifelt und wird dem Ausschluss unterworfen, was dem Sinne nach Todesstrafe bedeutet!

Wie auch immer, das Rundschreiben und die darin beschriebene Verfah­rensweise. die einen an die Haltung kirchlicher Oberer zu Zeiten der Inquisition erinnert, mußte von einer ganzen Anzahl verantwortlicher Mitarbeiter der Weltzentrale, einschließlich mehrerer Mitglieder der leiten­den Körperschaft, abgesegnet worden sein. Da hier persönliche Freundschaf­ten, Familienbande, persönliche Ehre und andere wichtige Interessen schwer beeinträchtigt werden konnten, sollte man annehmen, darf die Verlautbarung vom 1. September 1980 lange und sorgfältig durchdacht wurde, bevor man sie als offizielle Äußerung des „treuen und verständigen Sklaven“ Jesu Christi guthieß. Was dort gesagt wurde, ließe sich später nicht leichtfertig mit den Worten abtun: „Das haben wir doch alles nicht so gemeint, wie es auf den ersten Blick aussieht.“ Viele Menschen wurden und werden einzig aufgrund der hier eingeführten Gedankenüberwachung aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Nur weil sie im Innern nicht alle Auslegun­gen der Gesellschaft akzeptieren können, werden sie als Abtrünnige abge­stempelt.

Möglicherweise gab ein Vorfall in einer New Yorker Versammlung, der sich kurz vorher ereignet hatte, den Anstoß zu dem Vorgehen. Der bereits erwähnte Jon Mitchell, der einen Teil seiner Arbeitszeit auch in der Dienstabteilung zubrachte, berichtet:

„So um diese Zeit herum (die Rede ist vom Frühsommer 1980) erhielten wir von F. W. Franz eine bürointerne Mitteilung, die dieser anscheinend als Antwort auf eine Anfrage von Harold Jackson (einem Mitarbeiter der Dienstabteilung) verfaßt hatte. Offensichtlich gab es in einer spanischen Versammlung eine Pionierschwester (Vollzeitpredigerin), die nicht guten Gewissens lehren konnte, die Zahl 144 000 in Offenbarung 7 und 14 sei buchstäblich zu verstehen. Sie sagte, sie habe nicht vor, andere für diese Ansicht zu gewinnen oder abweichende Auffassungen öffentlich zu vertreten, doch sie wolle denen, mit denen sie die Bibel studiere, nicht beibringen, daß die 144 000 eine buchstäblich zu nehmende Zahl sei.
Bruder Jacksons Frage lief offenbar darauf hinaus, ob man einen solchen Menschen als abtrünnig ansehen solle oder nicht. In der Mitteilung wurde Wert darauf gelegt, daß diese Frau tatsächlich als eine Abtrünnige anzusehen sei und man ihr die Gemeinschaft entziehen solle, wenn sie sich nicht bereit erkläre das zu lehren, was ihr die Gesellschaft aufgetragen habe. Ich entsinne mich, daß jemand in der Dienstabteilung erzählte, was aus dem Fall geworden war. Er berichtete, die Frau habe ,widerrufen‘ (recanted). Ich war schockiert, wie man diesen Ausdruck ohne jedes Schamgefühl in den Mund nehmen konnte.“

11.2 „Der Mensch der Gesetzlosigkeit“, der sich in der Endzeit in Gottes Tempel setzt fällt durch Ablehnung von Gottes Geboten auf! (2.Thess 2:3-8)
11.2.1 Keinerlei Schulung der Zeugen wirkliches Unrecht gemäss Gottes GESETZ zu erkennen und zu bekämpfen! Einzig gültiger Rechtsmassstab ist das Gesetz der Religionsgemeinschaft!

Vielleicht meint man, daß die extreme Haltung, die in dem Rundbrief vom 1. September 1980 eingenommen und durch die reisenden Beauftragten der [282] Gesellschaft allen Ältesten übermittelt wurde, einen Sturm des Protests oder zumindest erkennbaren Widerspruch von Seiten der Ältesten und anderer Zeugen Jehovas hervorrief. Dazu waren sie aber zu gut geschult. Einige wenige haben den Mund aufgemacht, aber nur sehr vorsichtig, damit man sie nicht als abtrünnig abstempelte. Daß es keine lauten Proteste gab, lag sicher nicht daran, daß sie „durch Prüfung (feststellten) … , was der gute und annehmbare und vollkommene Wille Gottes ist“, wozu der Apostel auffordert.[2] Liest man den Absatz auf Seite 2 des Briefes noch einmal genauer durch, so stellt man fest, daß nicht eine einzige Bibelstelle angege­ben wurde, die belegen würde, daß die Methode der Gedankenüberwachung eine biblische Grundlage hätte. Christen sollen „jeden Gedanken gefangen (nehmen), um ihn dem Christus gehorsam zu machen“ und nicht Menschen oder einer Organisation.[3] Woher dann die Bereitschaft, sein Gewissen so vollständig der Überwachung zu unterwerfen?

11.2.2 Das Wort der Gesellschaft ist identisch mit Gottes Wort!? Der Tanz um das „goldene Kalb“

Das Konzept von „der Organisation“ ist dafür verantwortlich. Aus ihr erwächst der Glaube, daß alles, was die Organisation sagt, in welchem Zusammenhang auch immer, einem Spruch Gottes gleichkommt. Charak­teristisch für die Einstellung, die die Verlautbarungen der Gesellschaft (wie auch dieser Brief) hervorrufen, war ein Vorfall während einer Ältestenbe­sprechung anläßlich eines Kreiskongresses in Alabama. Bezirksaufseher Bart Thompson hielt ein Buch der Gesellschaft mit einem grünen Einband hoch und sagte: „Wenn die Gesellschaft mir sagen würde, dieses Buch sei nicht grün, sondern schwarz, dann würde ich sagen: ,Also, ich hätte glatt schwören können, es sei grün; aber wenn die Gesellschaft sagt, es ist schwarz, dann ist es schwarz“ Ähnliche Vergleiche haben auch andere Beauftragte der Gesellschaft angestellt.

Derartig haarsträubende Bekundungen blinden Gehorsams mögen vielen denkenden Zeugen sicher zuwider sein. Doch die meisten sind bereit, sich zu fügen oder sogar „rechtliche Schritte“ einzuleiten, wenn jemand Zweifel an den Aussagen der Gesellschaft laut werden lässt. Wieso eigentlich?

Ich versuche, mich in diese Menschen – zu denen ich auch die Mitglieder der leitenden Körperschaft rechne – einzufühlen, um sie zu verstehen. Nach den Erfahrungen, die ich als einer der ihren gemacht habe, glaube ich, daß sie Gefangene einer Idee sind. Das Bild, das sie von „der Organisation“ ha­ben, scheint fast so lebendig und übt solche Macht über sie aus, daß sie vollständig von ihm beherrscht werden. Es formt ihr Denken, ihre Einstellung und ihr Urteilsvermögen so sehr, daß sie sich in all ihrem Tun und Lassen nach ihm richten. Viele würden meines Erachtens ganz anders handeln, wenn sie lediglich Gott, Christus und die Bibel be­achteten und dazu die Interessen ihrer Mitchristen und Mitmenschen im Sinn hätten und nicht die Interessen einer Organisation. Doch das Kon­zept von der Organisation schiebt sich dazwischen und verändert ihr [283] Denken und ihre Ansichten so grundlegend, daß alles andere davon über­schattet wird.

11.2.3 „Die Organisation“, „die Gesellschaft“: Ein Götzenbild von Menschen geschaffen dem man dient und vor dem man sich niederbeugt: Die leitende Körperschaft!

So haben die Mitglieder des Führungsgremiums auch eher das Ideal und nicht die Wirklichkeit im Sinn, glaube ich, wenn sie an die Organisation denken und von ihr sprechen. Sie stellen sich die Organisation als etwas vor, das größer und bedeutender ist als sie; sie denken mehr an die Mitglieder­zahlen, an die weltweite Ausdehnung und den internationalen Charakter dieser Organisation. Dabei merken sie anscheinend gar nicht, daß damit mehr das Verbreitungsgebiet der Organisation beschrieben ist, weniger sie selber. Wenn aber „Loyalität gegenüber der Organisation“ gefordert wird, müßte doch eigentlich klar sein, daß dann nicht das Verbreitungsgebiet angesprochen ist, nicht die Tausende von Versammlungen und deren Mitglieder, die der Führung der Organisation unterstehen. Dann ist von Loyalität gegenüber der Leitung die Rede, von der die Autorität ausgeht und die die Lehren verkündet. Und diese entscheidende Funktion üben ganz allein die Mitglieder der leitenden Körperschaft aus, ob sie das nun zugeben oder lieber verdrängen wollen. Sie allein sind die Organisation. Jegliche andere Autorität, sei es die der Zweigkomitees. der Bezirks- und Kreisaufse­her oder der Ältestenschaften in den Ortsversammlungen, untersteht ihnen vollständig. Sie können ohne vorherige Anhörung von sich aus Änderungen vornehmen, Personen einsetzen oder absetzen. Der Apostel Paulus sagt in Römer, Kapitel 13, die irdischen Regierungen „stehen in ihren relativen Stellungen als von Gott angeordnet“. Damit ist der Sachverhalt genau beschrieben, denn jegliche Autorität in der Organisation steht „in ihrer relativen Stellung als von der leitenden Körperschaft angeordnet“ und unterliegt vollständig ihrer Herrschaftsgewalt.

Wie bereits gesagt, glaube ich nicht, daß die meisten von ihnen dies bedenken. Für sie bleibt die Organisation etwas Undefiniertes, Abstraktes, lediglich eine vage Idee ohne konkrete Gestalt. Anders als mit diesem trügerischen Verständnis der Organisation kann man kaum erklären, wie jemand einem Gremium mit solcher Machtfülle angehören kann, ohne dabei ein klares persönliches Verantwortungsbewußtsein für die Folgen der Entscheidungen zu kennen. Welches Leid er damit anderen zufügt, wie er dadurch Menschen in die Irre führt und was dabei herauskommt, berührt ihn gar nicht. Das Denken wird offenbar von der Devise beherrscht: „Das hat die Organisation getan, nicht wir.“ Und da die Organisation das auserwählte Werkzeug Gottes ist, wird die Verantwortung Gott zugescho­ben. Es war Sein Wille – auch wenn sich die Entscheidung oder die Lehre als verkehrt herausstellt und revidiert wird. Menschen mögen aus der Gemein­schaft ausgeschlossen oder sonstwie geschädigt worden sein, stets wird sich der einzelne, der die Entscheidung mit gefällt hat, von jeder persönlichen Verantwortung frei fühlen. Und sei auch noch so großes Unheil angerichtet worden, Gott wird es schon richten für die Organisation.

11.3 Die wahren Verantwortlichen der Organisation und deren verschlungenen Wege werden aufgedeckt.
11.3.1 Die feigen Mitläufer und Mittäter, die sich hinter der Organisation verstecken, sie hatten alle nicht den Mut ihr Gewissen sprechen zu lassen!

Ich will nicht verurteilen, sondern versuche, eine Erklärung dafür zu finden, weshalb Männer, die mir als aufrecht und im Grunde genommen mitfühlend [284] vertraut waren, sich an etwas beteiligen konnten, das sie meines Erachtens normalerweise abgelehnt hätten. Das oben beschriebene Konzept der Organisation ist meiner Meinung nach unheilvoll; es ist schädlich und tragisch zugleich. Die drakonischen Maßnahmen, die gegen die sogenann­ten Abtrünnigen ergriffen wurden, waren in meinen Augen fast ausnahms­los nicht nur ungerechtfertigt, sondern widerwärtig. Sie waren nicht nur des Christentums unwürdig, sondern jeder freien menschlichen Gesellschaft. Und dennoch hilft es mir, mich zu bemühen, die Täter zu verstehen, denn so kann ich von Gefühlen der Bitterkeit und des Grolls frei bleiben, sowohl gegenüber einzelnen wie der ganzen Gruppe. Bitterkeit hat nur niederrei­ßende Wirkung und schadet einem selbst. Ich würde jedem der Beteiligten, ohne Ausnahme, in meinem Haus Gastfreundschaft erweisen wollen, ohne Fragen zu stellen oder eine Entschuldigung zu erwarten. Weder mir noch irgend jemand, den ich kenne, war daran gelegen, die Beziehung zu ihnen oder sonst jemand abzubrechen, weil wir verschiedener Auffassung waren, Wir haben den Bruch nicht gewollt und auch nicht herbeigeführt.

Meine Anhörung vor der leitenden Körperschaft war auf Tonband aufge­zeichnet worden, und man hatte mir eine Kopie des Bandes versprochen. Was daraus wurde, ist meiner Meinung nach eine gute Veranschaulichung des eben Gesagten.

11.3.2 Die Tonbandaufzeichnungen der Sitzung als Zeugnis gegen die Gesellschaft

Etwa drei Wochen nach meiner Rückkehr nach Alabama ergab sich ein Anlaß, der leitenden Körperschaft zu schreiben, und dabei fragte ich wegen meiner Tonbandkopie an. Man antwortete mir mit folgendem Brief, datiert 26. Juni 1980: [285]

„26. Juni 1980
R. V. Franz
c/o P. V. Gregerson
Route 4, Box 444
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

Dein Brief von 14. Juni befindet sich in unseren Händen.

Wir haben in der Versandabteilung angefragt und erfahren, daß Deine Möbel fachgerecht verpackt und am 24. Juni in Brooklyn auf den Trans­port gegeben wurden. Sie sollten daher schon bald bei Dir eintreffen.

Zu Deiner Anfrage wegen des Tonbandes teilen wir mit, daß die Angelegen­heit bearbeitet wird. Sobald eine Kopie angefertigt werden kann, wirst Du sie zugesandt bekommen.
Wir sehen dem Eingang der beiden Verfahrensbroschüren entgegen, die Du uns zusenden wolltest. In Deinem Brief war auch die Rede von Ausar­beitungen zu dem Kongressvortrag, die Du an uns senden wolltest.

Möge Jehovas Segen mit Dir sein, Empfange Grüße unserer christlichen Liebe.

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Komitee“ [286]

Zwei Wochen verstrichen, und dann traf dieser Brief ein:

„10. Juli 1980

Mr. Raymund V. Franz
c/o P. V. Gregorson
Route 4, Box 444
Gadsden,AL 35904

Lieber Bruder Franz!

In Fortsetzung unseres Briefes vom 26. Juni teilen wir Dir mit:

Wir danken Dir für die Übersendung der Bücher Brach Organisation und Governing Body Proceture, die kürzlich hier eingingen. Die Versandabteilung hat uns wissen lassen, daß Deine Möbel übersandt wurden und bei Dir eingetroffen sind.

Was die Zusendung der Tonbandaufnahme vom 20. Mai angeht (wahrscheinlich meinst Du die Aufnahme der Sitzung der leitenden Körperschaft vom 21. Mai), so hatte das Vorsitzenden-Komitee erwähnt, daß „die Angelegenheit bearbeitet wird“.

Mittlerweile sieht die leitende Körperschaft es aber als ratsam an, keinerlei Kopien von Aufzeichnungen dieser Tage anzufertigen und herauszugeben. Angesichts der Tatsache, daß vertrauliches Material, welches den Mitgliedern der leitenden Körperschaft im April zugegangen war, auf irgendeine Weise in die Hände eines ausgeschlossenen Bethelmitarbeiters gelangt ist und weiterverbreitet wurde, hat die leitende Körperschaft beschlossen, daß es nicht angebracht ist, Aufzeichnungen ihrer Sitzungen (das betrifft Tonbandaufnahmen ebenso wie schrift­liche Sitzungsprotokolle) Personen außerhalb des Anwesens der Gesellschaft zu­kommen zu lassen. Darüber hinaus hat sich Dein Status geändert. Solltest Du etwas über die auf dem Band enthaltenen Dinge wissen wollen, so hätten wir nichts dagegen, es Dir hier im Bethel vorzuspielen.

Wiewohl wir Dir gegenüber mündlich (und auch schriftlich) geäußert haben, Dir eine Kopie der Aufnahme zu geben, hat sich doch die Situation grundlegend ge­ändert. Sicher kannst Du verstehen, daß die leitende Körperschaft dies als die beste Vorgehensweise ansieht. Wir vertrauen darauf, daß Du diese Regelung vernünftig finden wirst

In der Hoffnung, daß bei Dir alles in Ordnung ist, senden wir Dir Grüße unserer christlichen Liebe,

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Kommitee“ [287]

11.3.3 ”Euer Wort Ja bedeute einfach ja, euer Nein nein; denn was darüber hinausgeht, ist von dem, der böse ist.” Wer verlässt sich noch auf solche, die wortbrüchig sind? (Matthäus 5:37)

Es war gar nicht zu vermeiden, daß dieser Brief Erinnerungen an die Art und Weise aufsteigen ließ, wie die ganze Sache von Anfang an gehandhabt worden war, als das Vorsitzenden-Komitee alles ins Rollen brachte, was schließlich zu den Gemeinschaftsentzügen führte. Ich hatte gehofft, das sei vorbei gewesen. Worauf sich der Ausdruck „vertrauliches Material, welches den Mitgliedern der leitenden Körperschaft im April zugegangen war“, bezog, konnte ich mir nicht erklären, denn weder hatte ich während meines Aufenthaltes in Brooklyn jemand von den Ausgeschlossenen getroffen, noch hatte ich danach bis zu meiner Rückkehr nach Alabama jemand gesehen. Darum schrieb ich folgende Antwort:

„Watchtower Society
z.H. Vorsitzenden-Kommitee

Liebe Brüder,

ich bestätige den Eingang Eures Briefes vom 10. Juli. Die Möbelstücke sind bei uns in gutem Zustand eingetroffen und wir denken den Brüdern in der Versand­abteilung für ihre gute Arbeit.

Was Ihr mir über Eure Entscheidung, mir das Tonband von 21. Mai (ich hatte fälschlicherweise das das Datum 20. Mai genannt) nicht zuzusenden, schreibt, habe ich zur Kenntnis genommen. Euch muß aber klar sein, daß die Vereinbarung lautete, ich würde es ausgehändigt bekommen. Das hat der Vorsitzende zu Beginn der Sitzung ausdrücklich festgestellt. Es waren keine Bedingungen gestellt worden, die beispielsweise meinen Status betreffen, ob ich nun im Bethel bin oder außerhalb. Ihr habt damit die einzige Bedingung, von der ich meine Zustimmung zur Aufzeichnung der Sitzung abhängig gemacht habe, anerkannt – ohne Wenn und Aber. Da Ihr dieses euch schriftlich bestätigt habt, solltet Ihr zu Eurer Einwilligung stehen. was andere Leute getan haben, kann nicht als Begründung herangezogen werden, die Ab­machung mit mir zu brechen. Wenn Ihr Euch an die Übereinkunft nicht zu halten gedenkt, dann wäre es nur fair, wenn Ihr das Tonband und alle Kopien sowie Ab­schriften davon vernichtet. Wenn ich kein Anrecht auf eine Kopie haben soll, habt Ihr es auch nicht, da ich der Aufzeichnung nur unter der Bedingung zugestimmt habe, daß ich eine Kopie bekomme.

Ich bin mit der Durchsicht meiner Unterlagen noch nicht fertig, doch ich nehme en, daß sich darunter noch Material befindet, das an Euch zurückgehen soll; ich werde dies tun, sobald es mir möglich ist.

Einer baldigen Antwort Eurerseits zu der Angelegenheit mit dem Tonband blicke ich entgegen. Ich erwarte, daß Ihr mir entweder das Tonband zuschicken oder mir mitteilt, daß das Tonband und alle Kopien oder Abschriften davon vernichtet wurden.

Ich danke Euch dafür, daß Ihr Euch um diese Angelegenheit kümmert. Möge Gott Euch beistehen, die erhabenen Grundsätze seines Worte und die gute Botschaft von seinem Königreich in Treue hochzuhalten,

Mit Euch im Dienst Jehovas verbunden

R.V. Franz“ [288]

Drei Wochen später schrieb mir die leitende Körperschaft:

„Raymond Franz
c/o P. V. Gregerson
Route 4, Box 444
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

wir haben Deinen Brief vom 19. Juli erhalten, der auf den Brief des Vorsitzenden-Komitees vom 10. Juli an Dich Bezug nahm.

Die leitende Körperschaft hat entschieden, Dir die Bänder vom 21. Mai vorerst nicht zu schicken, wie bereits im Brief vom 10. Juli gesagt. Wie wir Dir darin schrieben, kannst Du Dir die Bänder im Bethel anhören, wenn Du wissen willst, was auf ihnen enthalten ist.

Empfange unsere Grüsse

Mit Dir im Dienst Jehovas verbunden

das Vorsitzenden-Komitee“

Man war nicht auf einen einzigen der von mir angesprochenen Punkte eingegangen. Mich überkam dasselbe Gefühl der Unwirklichkeit, das ich schon früher empfunden hatte. Es war kaum zu glauben, daß Leute in so verantwortungsvoller Position so unverantwortlich handeln konnten. Aus dem Brief sprach die Einstellung, alle Rechte gehörten ihnen (der Organisa­tion), und man könne die Rechte des einzelnen einfach übergehen und pauschal als belanglos abtun, wenn das im Interesse der Sache lag. Also schrieb ich ein weiteres Mal: [289]

„28. August 1980
An das
Vorsitzenden-Komitee
Broocklyn, New York

Liebe Brüder,

ich bestätige den Eingang Eures Briefes von 8. August, den Ihr mir als Antwort auf meinen Brief vom 19. Juli wegen der Übersendung des Tonbandes geschrieben habt.

In Eurem Brief wiederholt Ihr lediglich in verkürzter Form, was Ihr mir schen am 10. Juli geschrieben habt, geht aber auf die Argumente in meinem Brief vom 19. Juli überhaupt nicht ein.

Fest steht, daß Ihr aber die Aufzeichnung der Sitzung vom 21. Mai nur deshalb verfügt, weil Ihr unsere Vereinbarung gebrochen habt. Eine Vereinbarung einseitig und willkürlich mit neuen Bedingungen zu verknüpfen, widerspricht eindeutig jedem Rechtsmaßstab. In Eurem Brief vom 26. Juni habt Ihr zugegeben, daß Ihr mit mir vereinbart hattet, mir eine Kopie des Bandes zu geben, und ihr habt zugesagt, diese Kopie anzufertigen und mir zuzusenden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Status bereits geändert, und doch habt Ihr das später als Begründung dafür genommen, Eure Zustimmung zurückzuziehen. Die Gründe, die Ihr in eurem Brief vom 10. Juli für die Nichteinhaltung Eurer Zusage anführt, reichen als Rechtfertigung für einen Vertragsbruch Eurerseits in keiner Weise aus.

Bitte bedenkt die Folgen einer solchen Handlungsweise und denkt an den Grundsatz, der in 3. Mose 19:15 und in Römer 1:31 aufgezeigt wird. Da es Euch offensichtlich Unbehagen bereitet, eine Kopie des Bandes herauszugeben, habe ich Euch den einzig ehrenhaften Ausweg angeboten, nämlich das Band sowie alle Kopien und Abschriften zu beseitigen. Wenn Ihr das Band behalten wollt, dann könnt Ihr das anständigerweise nur tun, wenn ihr auch die Vereinbarung, auf Grund derer Ihr in seinen B­esitz gekommen seid, einhaltet. Ich zweifle nicht daran, daß ihr im umgekehrten Fall, wenn ich das Band in Händen hielte und Ihr darum bitten würdet, die Euch zugesprochene Kopie ausgehändigt zu bekommen, genau denselben Standpunkt ver­treten würde, wie ich jetzt (Matthäus 7:12).

Bitte seht dies als Ausdruck meiner Sorge um Euer geistiges Wohl an wie auch das aller Brüder. Wenn ich jetzt vielleicht auch nur noch einen unbedeutenden Status habe, so wäre ich doch dankbar, wenn Ihr die Punkte, die ich in diesem Brief und in dem vom 19. Juli angesprochen habe berücksichtigt.

Euer Bruder
R. V. Franz“

11.3.5 Eingeständnis der leitenden Körperschaft, dass alles Beweismaterial vernichtet wurde

Fast einen Monat später kam dann folgender Brief:

„GT/A 24. September 1960
Raymund V. Franz
Route 4, Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz!

Wir haben Deinen Brief vom 26. August 1980 erhalten und uns mit der Angelegenheit befaßt.

Hiermit unterrichten wir Dich davon, daß die Aufzeichnungen der Zusammen­kunft, vom 21. Mai, auf die Du Bezug nimmst, inzwischen zerstört worden sind. Dies geschah in Anwesenheit von drei Mitgliedern der leitenden Körperschaft als Zeugen. Es gab von den Bändern weder Abschriften noch irgendwelche Kopien. Die Bänder wurden vollständig zerstört.

Damit haben wir die von Dir geäußerten Wünsche erfüllt.

Deine Brüder

Für das Vorsitzenden-Komitee“

11.3.6 Gleiches Vorgehen wie in der Watergate-Affäre, wo Beweismaterial von höchster Autorität her vernichtet wurde, um jede Beteiligung an Unrecht zu leugnen. Ein Milliardenkonzern und dessen Abfindung für 40 Jahre treuer sklavischer Arbeit!

Wie aus dem vorgelegten Briefwechsel hervorgeht, bestanden meine „Wün­sche“ eigentlich darin, eine Kopie des Bandes zu erhalten, so wie es mir zugesagt worden war. Da sich die leitende Körperschaft davon eindeutig nicht trennen wollte (was einen etwas an die Watergate-Affäre erinnert), hatte ich einen anderen Weg vorgeschlagen, der schließlich auch beschrit­ten wurde. Immerhin war ich froh, daß die Sache geklärt war, und ich hoffte, in Zukunft nichts mehr mit der leitenden Körperschaft zu tun zu haben. Es sollte anders kommen.

Ein paar Wochen, nachdem ich wieder in Alabama war, schickte die Gesellschaft einen Scheck über 10 000 Dollar, als einen Beitrag, um mir zu helfen, „im Süden wieder Fuß zu fassen“. Ich hatte nicht darum gebeten, und so kam das Geld unerwartet und wurde dankbar angenommen. Ich nahm einen Kredit über weitere 5000 Dollar auf und kaufte einen Wohnwa­gen für uns. Peter Gregerson erlaubte uns, ihn auf seinem Grundstück aufzustellen. Ich war froh (und finanziell darauf angewiesen), auf seinem Grundstück harte körperliche Arbeit zu tun. Den ganzen Tag lang habe ich Rasen gemäht, Unkraut gejätet und Hecken geschnitten, wobei ich von Wespen und Hornissen gestochen, sowie unzählige Male von Feuerameisen [291]gebissen wurde. Ich habe kräftig geschwitzt dabei, besonders als es einmal 30 Tage hintereinander regelmäßig über 40 Grad waren. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals im Leben solchen Muskelkater gehabt zu haben wie in diesen Monaten. Doch ich war froh darüber, weil es mir half, über den seelischen Schmerz besser hinwegzukommen.

11.4 Das Ende des Albtraums: „Die Wahrheit wird euch frei machen“
11.4.1 Tägliches Bibellesen stärkt den bedrückten Geist und rückt unser direktes Verhältnis zu Gott ins Zentrum!

Was meiner Frau und mir aber am meisten half, das war unser tägliches Bibellesen. Wir lasen jeden Morgen vier Psalmen, bis wir mit allen durch waren. Wir hatten sie früher schon oft gelesen, aber jetzt erschienen sie uns beinahe wie neu. Sie hatten nun für uns einen ganz anderen Gehalt. Denn wenn es einen Teil der Bibel gibt, der das sehr persönliche Verhältnis zeigt, das zwischen Gott und seinen Dienern bestehen kann und soll, dann sind das gerade die Psalmen, und zwar in herausragender Weise. Was ihre Verfasser so vielfältig zum Ausdruck bringen, ihr innerer Aufruhr, ihre Seufzer, das Gefühl der Verlassenheit und Verzweiflung, ihr wiederholtes Eingeständnis, daß ihre Hoffnung letztlich und einzig nicht auf Menschen, sondern nur auf Jehova Gott als ihrem Fels und höchsten Zufluchtsort ruht – all das hat uns sehr berührt.

Ich hatte die Weltzentrale verlassen, weil ich keine Verwicklungen herauf­beschwören wollte. Daran lag mir nichts. Die Probleme kamen aber hinter uns her.

11.4.2 Vorschlag der Versammlung Gadsden zum Ältestenamt wird von der Gesellschaft abgelehnt. Die Gesellschaft beansprucht für sich Göttlichkeit.

Ein paar Monate fühlten wir uns in der Gemeinschaft der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas sehr wohl, nahmen an den Zusammen­künften und am öffentlichen Predigtwerk teil. Einige Monate nach meinem Zuzug schlug die Ältestenschaft mich der Gesellschaft zur Ernennung als Ältester vor. Sie erhielt kurz und bündig zur Antwort, dieGesellschaft sehe es nicht als ratsam an, mich für dieses Amt vorzuschlagen, auch nicht als Dienstamtgehilfe. Als einziger Grund wurde angegeben, daß die Nachricht über meinen Rücktritt (die in derselben englischen Ausgabe von Unser Königreichsdienst wie die Mitteilung über den Ausschluß mehrerer Bethel­mitarbeiter erschienen war) noch zu frisch sei. Der Geist, der aus dem Brief sprach, hat den vorsitzführenden Aufseher der Versammlung ganz schön betroffen gemacht, doch ich riet ihm, die ganze Sache einfach auf sich beruhen zu lassen.

Nach diesem Brief und nach den Informationen, die die Ältesten aufgrund des Rundbriefs der Gesellschaft vom 1. September 1980 erhielten (in dem stand, daß als Grund für einen Gemeinschaftsentzug schon das bloße Glauben von Dingen genüge, die nicht mit den veröffentlichten Lehren der Gesellschaft übereinstimmten) veränderte sich das Klima allmählich. Im Wachtturm erschienen nun Artikel, die eindeutig dazu bestimmt waren, die Debatte über den angeblichen Abfall vom Glauben zu intensivieren, statt Ruhe einkehren zu lassen. Von da bis zum Zeitpunkt des Niederschreibens dieses Berichts ist offensichtlich eine gezielte Kampagne veranstaltet wor­den, um in Wort und Schrift die scharfen Maßnahmen gegen die Brüder in Brooklyn zu rechtfertigen, die im Eilverfahren ausgeschlossen worden waren. Immer dogmatischer beanspruchte man göttliche Autorität und [292] forderte bedingungslose Gefolgschaftstreue. In jeder Ausgabe des Wacht­turms standen Artikel, die gezielt die strittigen Lehrpunkte behandelten und hartnäckig deren Richtigkeit behaupteten. Die Folge war eine allge­meine Verhärtung der Positionen statt einer Mäßigung. Dabei wurden im Verdrehen fremder Ansichten neue Rekorde aufgestellt.

11.4.3 Eine Athmosphäre der Angst wird geschürt, alle fürchten sich davor, als Abtrünnige zu gelten

Eine Atmosphäre voller Angst und Argwohn entstand. Älteste, die sonst eigentlich mäßigend auf andere eingewirkt hätten, scheuten sich, das zu tun, damit es ihnen nicht als Zeichen von Untreue ausgelegt würde. Jetzt gewannen diejenigen die Oberhand, die eher für hartes Durchgreifen waren, und sie nutzten die Gunst der Stunde. Es war wie zu Zeiten des US-Senators McCarthy in den frühen 50er Jahren, als jeder, der für Bürgerrechte und Freiheit eintrat und sich gegen die rücksichtslose Unterdrückung unliebsa­mer Anschauungen aussprach, der sehr realen Gefahr aussetzte, als Sympa­thisant der Kommunisten oder Mitläufer radikaler Gruppen eingestuft zu werden.

Unter diesen Umständen wurde die Teilnahme an den Zusammenkünften immer bedrückender für mich, denn ich mußte erleben, wie Gottes Wort mißbraucht wurde, indem ihm Aussagen unterschoben wurden, die darin nicht enthalten waren. Außerdem mußte man sich eine endlose Selbstbe­weihräucherung und Selbstrechtfertigung der Organisation anhören. Man sehnte sich nach der Redefreiheit in den Synagogen des 1. Jahrhunderts, als Menschen wie den Aposteln die Gelegenheit eingeräumt wurde, für die Wahrheit zu sprechen (obwohl das letztlich dazu führte, daß die Einstellun­gen sich verhärteten und die Tore der Synagogen ihnen ganz verschlossen blieben). Ich fühlte mich aber, wie ich es auch Peter Gregerson gegenüber formuliert habe, nur als Gast im Königreichssaal. Es war ihr Saal, ihre Zusammenkunft, ihr Programm, und mir lag es fern, ihre Aktivitäten durch Äußerungen von meiner Seite zu beeinträchtigen. So beschränkte ich meine Beiträge auf das Vorlesen wichtiger Schriftstellen. wobei ich einfach die Teile betonte, die jeweils etwas zum Thema sagten. Fast immer kam dann jemand aus der Versammlung zu mir, oft einer von den Älteren, und äußerte Wertschätzung dafür.

Als sich aber die Kreuzzugsstimmung weiter verstärkte, bekam ich immer mehr den Eindruck, daß es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis weitere Maßnahmen gegen mich ergriffen werden würden. Und so geschah es auch.

11.5 Das Verbrechen und die Strafe *
11.5.1 Kreuzzug gegen jeden, der als Abtrünniger gilt und jeden, der mit einem solchen irgenwelchen Verkehr pflegt

„Deshalb murrten sowohl die Pharisäer als auch die Schriftge­lehrten fortwährend und sprachen: „Dieser Mann heißt Sünder willkommen und ißt mit ihnen“ (Lukas 15:2).

Einmal Essengehen genügte. Und das kam so:

Rund sechs Monate nach meiner Rückkehr nach Alabama schickte die Gesellschaft einen neuen Kreisaufseher in das Gebiet. Vorher hatte ein [293] Mann diesen Posten innegehabt, der eher gemäßigt war und Probleme nicht so schnell aufbauschte. Stattdessen kam jetzt jemand, dem der Ruf größerer Aggressivität anhaftete. Etwa zur selben Zeit war Jas Rundschreiben der Gesellschaft an die Kreis- und Bezirksaufseher versandt worden, in dem davon die Rede war, daß jemand schon dann vom Glauben abgefallen sei, wenn er im Stillen etwas glaube, was nicht mit den Lehren der Organisation übereinstimme.

Bei seinem zweiten Besuch in der Versammlung Gadsden-Ost (im März 1981) vereinbarte der neue Kreisaufseher, der Wesley Benner hieß, ein Treffen mit Peter Gregerson und besuchte ihn zusammen mit Jim Pitchford, einem Ältesten aus der Versammlung. Als Grund gab Benner gegenüber Gregerson an, in der Stadt und im Kreis gebe es „viel Gerede“ über ihn. Gregerson bedauerte dies außerordentlich und fragte, woher die Informa­tion über das Gerede denn stamme. Erst wollte Benner nicht mit der Sprache herausrücken, doch als Gregerson darauf hingewiesen hatte, daß er dies wissen müsse, um Abhilfe schaffen zu können, sagte Benner, ein angeheira­teter Verwandter Gregersons sei die Quelle.

Gregerson stellte klar, daß er mit seinen Äußerungen äußerst zurückhal­tend gewesen sei und Gespräche über biblische Themen mit Leuten aus der Gegend ganz auf seine engsten Verwandten beschränkt habe. Er bereite ihm Sorge, daß nun Personen außerhalb dieses engen Familienkreises „viel Gerede“ verursachten, wie der Kreisaufseher gesagt hatte. Er fragte, wie das wohl kommen könne. Wesley Benncr wußte keine Erklärung.

11.5.2 Peter Gregerson, ehemaliger Ältester hatte irgend einer Lehre der Gesellschaft widersprochen. Tribunal vor dem Kreisaufseher.

Und worum ging es eigentlich bei dem Gerede? Benner erwähnte einen Punkt aus einem Wachtturm-Artikel, dem Gregerson widersprochen haben soll. Als wichtige Lehre konnte man ihn auf keinen Fall bezeichnen; es ging eigentlich mehr um eine reine Formsache.[4] Doch da Gregerson der Organi­sation widersprochen hatte, wurde sie wichtig. Der Kreisaufseher mußte nach einem langen Gespräch einräumen, daß es in diesem Punkt tatsächlich einen Fehler gegeben haben konnte. (Tatsache ist, daß er in allen fremdspra­chigen Ausgaben desWatchtower weggelassen wurde, doch die Leser der englischen Ausgabe wurden darüber nicht informiert.)

Gregerson sagte hinterher: „Mir ging es darum, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Ich habe getan, was ich tun konnte, damit das Gespräch ruhig und sachlich blieb.“ Als der Kreisaufseher und der ihn begleitende Älteste gingen, hatte Gregerson das Gefühl, die Sache sei in Freundschaft bereinigt worden, und er war froh darüber. Doch dem war nicht so.

11.5.3 Wachtturm-Artikel die ein Klima schaffen wie zur Zeit der Hexenverfolgung

Eine Woche später ließ der Kreisaufseher ihm ausrichten, er wolle sich [294] ein zweites Mal mit ihm treffen, um die Angelegenheit weiterzuverfolgen. Wie Gregerson mir sagte, glaubte er, die Zeit sei nun reif für eine Entschei­dung. Das Vorgehen der leitenden Körperschaft und ihrer Dienstabteilung hatte, insbesondere durch den Rundbrief vom 1. September 1980 und eine Serie von Wachtturm-Artikeln, ein geistiges Klima erzeugt, das an die Zeiten der Hexenverfolgung erinnerte. Er wäre naiv, meinte er, wenn er nicht sähe, daß man allem Augenschein nach darauf aus war, ihm die Gemeinschaft zu entziehen. Seiner Meinung nach spielte dabei mindestens zum Teil eine Rolle, daß er mit mir befreundet sei. Er sah für sich zwei Möglichkeiten: Entweder zog er sich selbst aus der Versammlung zurück, oder er ließ den Bestrebungen, ihn auszuschließen, freien Lauf, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Wünschenswert erschien ihm keine der beiden Mög­lichkeiten, doch vor die Wahl gestellt, glaubte er, die erste wählen zu müssen und sich freiwillig zurückzuziehen.

Ich entgegnete, so weit sei die Sache sicher noch nicht, doch er sagte, er habe alles sorgfältig erwogen- auch im Gebet -, und er habe das Gefühl, dies sei die vernünftigste Lösung. Die Familie machte ihm am meisten Sorgen. Von seinen sieben Kindern waren drei verheiratet, einige hatten selber Kinder, außerdem wohnten drei Brüder und zwei Schwestern von ihm mit vielen Nichten und Neffen in der Nähe. Sie alle waren Zeugen Jehovas.[5] Wenn er zuließ, daß es zum Gemeinschaftsentzug kam, so wären sie in einer sehr prekären Lage. Sie stünden vor der schweren Entscheidung, ob sie mit ihm, ihrem Vater, Großvater, Bruder und Onkel, weiter in Verbindung bleiben oder der Organisation gehorchen und jeden Kontakt mit ihm abbrechen sollten. Und dann beschäftigte er noch ungefähr 35 Zeugen in seinen Supermärkten. Ein freiwilliges Zurückziehen wäre für ihn günstiger, denn gemäß seinem Verständnis war er dann einfach kein Mitglied der Versamm­lung mehr, doch die drastische Beendigung aller Kontakte – wie beim Gemeinschaftsentzug verlangt – würde nicht nötig.[6]

11.5.4 Folge der Anfeindungen gegen Peter Gregersons: Seine Rücktrittserklärung von der Versammlung

Am 18. März 1981 reichte Gregerson seine Rücktrittserklärung ein, die [295] dann in der Versammlung vorgelesen wurde. Es fielen zwar die zu erwarten­den Bemerkungen, denn er war von Kindheit an ein Zeuge Jehovas gewesen und hatte der Versammlung jahrelang vorgestanden, doch insgesamt schien der Brief eine klärende Wirkung auszuüben, weil Gregerson darin friedlich seine Gründe darlegte und keine feindseligen Töne anschlug. Traf er von da an einen Zeugen Jehovas in Gadsden, so wurde er, von seltenen Ausnahmen abgesehen, mindestens freundlich behandelt. Und so wäre es wohl auch geblieben, wenn jeder sich von seinem eigenen Empfinden für Recht und Unrecht hätte leiten lassen. Die große Krise schien abgewendet.

Kein halbes Jahr später standen im Watchtower Artikel, die die Sachlage grundlegend veränderten. Es gab Kommentare wie: „Das ist haargenau auf dich und Peter Gregerson zugeschnitten, nur eure Namen haben sie ausgelassen.“ Ich glaube, die Situation in Gadsden gab nicht allein den Ausschlag, doch zumindest einen gewissen Einflug auf die Verfasser hat sie wohl gehabt. Und was brachten die Artikel Neues?

11.6 Der Fall Raymond Franz als Grundlage der Neudefinition durch die leitende Körperschaft des Umgangs mit jenen, welche ausgeschlossen sind und die die Versammlung freiwillig verlassen?
11.6.1 Der Umgang mit Ausgeschlossenen wird neu definiert: Auch jene die die Gemeinschaft freiwillig verlassen sind nun gemeinen Verbrechern gleichgestellt!

Im Jahr 1974 hatte ich von der leitenden Körperschaft den Auftrag erhalten, mehrere Artikel über den Umgang mit Ausgeschlossenen zu schreiben. (Das hatte sich damals wegen einer kurz zuvor gefällten Entscheidung des Gremiums als notwendig gezeigt.)[7] Durch diese – von der leitenden Körper­schaft genehmigten – Artikel wurde die bis dahin geübte Praxis stark abgemildert. Die Zeugen wurden aufgefordert, im Umgang mit Ausge­schlossenen barmherziger zu sein; besonders entschärft wurden die stren­gen Anweisungen für das Verhalten gegenüber ausgeschlossenen Familien­angehörigen.

Durch den Watchtower vom 15. September 1981 (Wachtturm vom 15. Dezember 1981) wurde das alles nicht nur rückgängig gemacht, sondern zum Teil trat sogar noch eine Verschärfung gegenüber der Situation vor 1974 ein. (Das war ein Beispiel für ein „Kreuzen“, das noch hinter die Ausgangsposition zurückführte.)[8]

Drastisch änderte sich die Lage für diejenigen, die von sich aus die Versammlung verlassen hatten (wie es Peter Gregerson einige Monate zuvor getan hatte). Zum ersten Mal wurde öffentlich die Anweisung ausgegeben, jeden, der dies tat, wie einen Ausgeschlossenen zu behandeln.[9] [296]

Als ich die Artikel las, hatte ich, angesichts meiner Erfahrungen mit der leitenden Körperschaft, besonders den letzten mit dem Vorsitzenden­ Komitee, kaum noch einen Zweifel mehr, wohin das alles führen würde. Lange brauchte ich auch nicht zu warten.

Der nun folgende Teil wird so ausführlich wiedergegeben, nicht weil es um meinen eigenen Fall geht oder weil es so ungewöhnlich ist, sondern weil es so typisch für die Methoden der Ältesten der Zeugen Jehovas in zahllosen solcher Fälle ist. Man sieht daran, welches Denken und welche Geisteshal­tung ihnen von ihrer zentralen Leitung eingeflößt wurde.

11.6.2 Die Geisteshaltung von Ältesten wird von Seiten der leitenden Körperschaft vergiftet: Anonymität der Denunzianten wird geschützt, damit das Recht auf Verteidigung arg beschnitten

Der Watchtower vom 15. September 1981 traf mehr als zwei Wochen vor dem Erscheinungsdatum ein. Schon wenige Tage später erhielt ich Besuch von einem der Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost der Zeugen Jehovas, Es war Dan Gregerson, der jüngste Bruder Peter Gregersons. Er fragte an, ob er sich gemeinsam mit einigen anderen Ältesten mit mir zu einem Gespräch zusammensetzen könne. Mir sei das recht, antwortete ich und fragte, worüber sie reden wollten. Er zögerte etwas und sagte dann nur, sie wollten mit mir sprechen, weil ich abfällige Äußerungen über die Organisation gemacht hätte. Als ich mich erkundigte, wer so etwas behaupte, meinte er, die Person wolle lieber anonym bleiben. (Solche anonymen Anschuldigun­gen sind gang und gäbe, und vom Beschuldigten wird erwartet, daß er das als normal und rechtens hinnimmt.)

Ich fragte ihn, ob er nicht der Meinung sei, daß hier der Rat Jesu Christi aus Matthaus. Kapitel 18, Verse 15 bis 17, anzuwenden sei (wo gesagt wird, daß jemand, der eine Beschwerde gegen einen Bruder hat, zuerst selbst zu dem Bruder gehen und das Problem mit ihm besprechen solle). Dan Gregerson gab mir recht. Ich schlug ihm vor, er als Ältester solle zu der Person gehen und ihr empfehlen, zu mir zu kommen und über die Sache zu reden, um so den Rat Jesu anzuwenden. Darauf antwortete er, die betreffende Person fühle sich hierfür nicht „geeignet“. Ich wies ihn darauf hin, daß es doch darum gar nicht gehe und daß ich keinerlei Interesse daran hätte, mit irgend jemand große Dispute zu führen, sondern ich wäre vielmehr dankbar davon zu erfahren, wenn ich jemanden beunruhigt habe, so daß ich mich bei ihm persönlich entschuldigen und die Angelegenheit bereinigen könne[10], Er erwiderte, ich müsse sehen, die Ältesten hätten auch die „Verantwortung, die Herde zu schützen und über die Interessen der Schafe zu wachen“. Dem stimmte ich voll und ganz zu und sagte, er sei sich bestimmt darüber klar, daß damit für die Ältesten die Aufgabe verbunden sei, jeden aus der Herde zu ermuntern, sich eng an das Wort Gottes zu halten und es im Leben anzuwenden. In dem vorliegenden Fall könnten sie der Person helfen einzusehen, daß sie Jesu Rat anwenden und zu mir gehen und mit mir reden müsse; dann könnte ich wissen, was sie verletzt habe, und mich gebührend entschuldigen.

11.6.3 Anschuldigung, mit einem der die Versammlung verlassen hat gegessen zu haben

Er sagte, er wolle dieses Thema fallenlassen. dafür wollten sie mit mir über [297] meinen „Umgang“ sprechen. Das könnten sie gern tun, erwiderte ich, und wir vereinbarten einen Termin zwei Tage später, zu dem er einen weiteren Ältesten mitbringen wollte. Dan Gregerson kam dann mit Theotis French zu mir und las als erstes die Bibelstelle aus 2. Korinther, Kapitel 13, Verse 7 bis 9, vor. Er informierte mich dann, sie seien gekommen, um mein Denken gemäß dem Watchtower vom 15. September 1981 „zurechtzubringen“, insbesondere was meinen Umgang mit seinem Bruder, Peter Gregerson, betraf, der inzwischen die Gemeinschaft verlassen hatte. Dan Gregerson hatte sich in einem Restaurant aufgehalten, als ich dort im August mit Peter Gregerson einmal essen war (unsere beiden Frauen waren ebenfalls mit dabei gewesen).

Ich fragte sie, ob ihnen bewußt sei, daß sie sieh gerade auf Peter Gregersons Grund und Boden aufhielten und daß er mein Hauswirt und obendrein mein Arbeitgeber war. Das wußten sie.

Wie in allen Dingen, so erklärte ich dann, ließe ich mich auch in Fragen des Umgangs von meinem Gewissen leiten und erläuterte den Rat des Apostels Paulus über die Bedeutung des Gewissens in Römer, Kapitell4. Ich sei gern bereit, alles zu tun, was die Bibel verlange, doch ich könne für die neue Lehrmeinung über solche, die die Gemeinschaft verlassen haben, keine Stütze finden. Ich fragte die beiden, wo das in der Bibel stehe.

Was jetzt kam, war leicht vorherzusagen: Als Beweis zitierte Dan Gregerson 1. Korinther, Kapitel 5. Ich zeigte ihm, daß der Apostel dort davon sprach, man solle keinen Umgang haben mit solchen, die Bruder genannt würden, aber Hurer, Götzendiener, Schmäher, Trunkenbolde und Erpresser seien. Mit solchen hatte ich keinen Umgang. Sicher wollten sie doch Peter Gregerson nicht dazu zählen? Darauf sagte keiner etwas.

Als nächstes las er 1. Johannes, Kapitel 2, Vers 19, vor: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie sind nicht von unserer Art gewesen; denn wenn sie von unserer Art gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.“ Auf die Frage, von wem in dem Text die Rede sei, gaben sie zu, daß Johannes von „Antichristen“ sprach. Genau dasselbe sei der Fall mit dem Text aus 2. Johannes, Verse 7 bis 11, fügte ich hinzu, wo der Umgang mit solchen Menschen behandelt wird. Ich versicherte ihnen, ich wolle auf keinen Fall etwas mit einem Antichristen zu tun haben, einem, der gegen Gott und Christus rebelliert hat. Unter meinen Bekannten befände sich aber auch niemand von dieser Sorte. Sie wollten doch bestimmt nicht sagen, Peter Gregerson sei ein Antichrist? Wieder keine Reaktion.[11]

11.6.4 Vollständige Unterordnung unter alles was der Wachtturm sagt gefordert und „Demütig die Leitung Gottes annehmen“: Ist dies wirklich identisch?

Damit war das biblische „Zurechtbringen“ durch diese beiden Hirten der Herde auch schon beendet. Danach bezogen sie sich nur noch auf den Watchtower. Sie wollten wissen, ob ich akzeptiere, was dort stand und ob ich mich der Leitung der Organisation unterstelle. Ich antwortete, es komme letztlich darauf an, was Gottes Wort zu einem Thema sage; manche [298]Lehren seien eindeutig fest in Gottes Wort verankert, andere dagegen könnten sich ändern.

Um das zu veranschaulichen, fragte ich Dan Gregerson, ob er sich vorstellen könne, daß die Organisation irgendwann einmal ihre Deutung der Worte Jesu über „diese Generation“ in Matthäus, Kapitel 24, ändern könne. (Daß innerhalb der leitenden Körperschaft von Schroeder, Klein und Suiter tatsächlich bereits eine Änderung vorgeschlagen worden war, derzufolge der Beginn „dieser Generation“ von 1914 auf 1957 verschoben werden sollte, ließ ich unerwähnt.) Seine Antwort: „Wenn die Organisation es einmal für richtig hält, das zu ändern, werde ich es akzeptieren.“ Das war zwar keine direkte Antwort, zeigte aber, daß er eine Änderung für möglich hielt. Als nächstes fragte ich ihn, ob er es für denkbar hielt, daß die Organisation eines Tages bei der Lehre vom Loskaufsopfer Jesu Christi für die Menschheit eine Änderung vornehmen könnte. Er guckte mich nur wortlos an. Ich sagte, ich sei sicher, daß er nicht damit rechne, denn diese Lehre habe eine stabile biblische Grundlage. Bei der anderen Lehre handle es sich um unser „gegenwärtiges Verständnis“, das sich ändern könne und ganz bestimmt nicht mit der Lösegeldlehre auf derselben Stufe stehe. Und genauso sähe ich den Stoff im Watchtower vom 15. September 1981 an, einschließlich der Anweisung, mit denen, die die Gemeinschaft verlassen hatten, keinen Umgang zu pflegen.

Nun sprach Gregerson davon, man müsse „demütig die Leitung Gottes annehmen“. Dem konnte ich mich von ganzem Herzen anschließen und fügte hinzu, sie seien bestimmt auch der Meinung, daß diejenigen, die Demut predigten, sie auch selbst als erste gegenüber anderen anwenden sollten.

Dann brachte ich als Veranschaulichung das Beispiel einer Gruppe von Leuten, die in einem Zimmer zusammensitzen und sich unterhalten. Einer sagt mit aller Entschiedenheit, wie er über verschiedene Dinge denkt. Als er fertig ist, meldet sich ein anderer und sagt, in vielem stimme er voll und ganz mit ihm überein. einiges könne er aber nicht so sehen, und zwar aus diesen und jenen Gründen. Darauf wird der erste Redner wütend und ruft die anderen Anwesenden dazu auf, den zweiten hinauszuwerfen, da er hier nicht her gehöre und man mit ihm nichts zu tun haben dürfe, denn er stimme mit ihm nicht in allen Punkten überein. „Wer muß hier wohl Demut lernen?“, fragte ich. Sie gaben keine Antwort. Die Unterredung war kurz danach beendet und sie gingen.

Am Abend kam Peter Gregerson zu mir herüber, um zu hören, wie es ausgegangen war. Ihm ging es sehr nahe, wie man jetzt gegen mich vorging, und er wußte, wohin es führen konnte. Er meinte, wenn ich es für besser hielte, keinen weiteren Kontakt mehr mit ihm zu haben, würde er das verstehen.

11.7 Erst in der Not zeigen sich wahre Gefährten! Unbeugsamer Druck, um jeder Veränderung bisheriger falscher und lügenhafter Lehren auszuweichen
11.7.1 Peter Gregerson zeigte sich früh bereit Unannehmlichkeiten durch die Organisation in Kauf zu nehmen, die im Gefolge der Ungnade gegenüber Ray Franz zu erwarten waren: Ein wahrer Gefährte liebt allezeit! (Spr 17:17)

Da erinnerte ich ihn an ein Gespräch, das wir eineinhalb Jahre vorher an einem Abend im Mai 1980 geführt hatten, kurz vor meiner Abreise nach Brooklyn zur letzten Sitzung mit der leitenden Körperschaft. Wir waren [299] allein in seinem Wagen gewesen und ich hatte ihm erzählt, daß ich mit Cynthia, meiner Frau, gesprochen und daß wir beschlossen hätten, nach dieser Sitzung lieber nicht nach Alabama zurückzukehren, sondern eher zu Verwandten von Cynthia zu gehen. Ich sagte, ich wüßte nicht, wie die Verhandlung ausgehen würde; man müsse mit dem Schlimmsten rechnen. Deswegen wolle ich ihm und seiner Frau keine Ungelegenheiten bereiten.[12] Unserer Ansicht nach würde man der Familie meiner Frau weniger Schwie­rigkeiten machen. Darauf antwortete er, daß ihnen sehr an unserer Rück­kehr gelegen sei, ja daß sie fest damit rechneten. Ich sprach ihm meinen Dank dafür aus, erinnerte aber an seine große Familie – Frau, Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Enkel, und dazu alle Angeheirateten, allesamt Zeugen Jehovas – und daran, daß meine Rückkehr viele Probleme und viel Unerfreuliches für sie von seiten der Organisation bedeuten könne.

Seine Reaktion darauf war: „Das ist mir schon klar, und glaube nicht, ich hätte nicht schon viel darüber nachgedacht. Doch wir haben das in der Familie besprochen und wir sind darüber schon hinaus. Für uns ist der Fall klar: Wir wollen, daß ihr wiederkommt, ganz gleich, wie es ausgeht.“ Wieviel diese Worte mir damals bedeuteten, läßt sich schwer beschreiben. Ich sagte ihm, ich sähe keinen Grund, jetzt, wo die umgekehrte Situation vorliege, anders zu handeln als er damals. Ich konnte doch nicht etwas unterstützen, wodurch ein Mensch als Sünder abgestempelt wurde, der lediglich gemäß seinem Gewissen gehandelt hatte, dem es um die Wahrheit ging und der sich für die Interessen anderer einsetzte.

11.7.2 Der Kreisaufseher Benner wird zur Galionsfigur bei der Hexenjagt: Wer ist ein „böser Mensch“? Wo das GESETZ abgelehnt wird folgt Menschengebot!

Nach dem Gespräch mit den beiden Ältesten, die mich hatten „zurechtbrin­gen“ wollen, hörte ich nichts mehr, bis einige Wochen später Kreisaufseher Benner eintraf. Er vereinbarte, mit Dan Gregerson zu mir zu kommen. Außerdem kam – auf eigenen Wunsch – Tom Gregerson mit, ein weiterer Bruder Peter Gregersons, der Zweitälteste der vier.

Das Gespräch lief wieder ganz nach dem vorhersehbaren Schema ab, außer daß der Kreisaufseher die Angewohnheit hatte, mich ständig zu unterbre­chen, bis ich ihn schließlich bitten mußte, als Gast in meiner Wohnung solle er mich doch wenigstens erst ausreden lassen, bevor er seine Kommen­tare abgebe.[13] Wieder stützte sich das „Zurechtbringen“ auf denWatchto­wer und nicht auf die Bibel. Und als ich fragte, ob sie meinten, Peter Gregerson gehöre zu den „bösen Menschen“, von denen in 1. Korinther, Kapitel 5, die Rede sei, oder er sei ein „Antichrist“, so wie der Apostel Johannes ihn beschreibt, wollte sich wieder keiner äußern.

Ich verwies auf Römer, Kapitel 14, wo der Apostel betonte, wie wichtig es für jeden sei, treu nach seinem Gewissen zu handeln. Jeder, der etwas tut [300] und dabei glaubt, es sei vielleicht nicht gemäß Gottes Willen, begeht eine Sünde, denn „alles, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde“. Mein Gewissen erlaube es mir nicht, Peter Gregerson als „bösen Menschen“ anzusehen oder zu behandeln, wenn doch alle meine Erfahrung mit ihm das Gegenteil belege. Das hätte den Grundsatz der Bibel verletzt, der sagt: „Wer den Bösen für gerecht erklärt und wer den Gerechten für böse erklärt – ja sie beide sind für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges.“[14]

11.7.3 Wessen Gewissen steht im Vordergrund? Das biblisch geschulte oder das durch den Wachtturm? Die organisationstreue interne Justiz arbeitet kalt, berechnend, ebenso wie die in der Welt

Benner sagte dazu, die Ältesten müßten sich genauso von ihrem Gewissen leiten lassen wie ich von meinem. Und wenn das meine Einstellung sei, dann müßten sie eben „die Konsequenzen ziehen und handeln“. (Anschei­nend ließ das Gewissen der Ältesten es nicht zu, das Gewissen eines anderen zu respektieren und Toleranz zu üben.) Welches Handeln er meinte, wurde im Anschluß daran klar. Er sagte, er betrachte sich nur als Überbringer dessen, was die Organisation ihm auftrage. Wörtlich: ,,Ich wiederhole (engl. „parrot“ = nachplappern) lediglich das, was die leitende Körperschaft mir aufgetragen hat.“ Er sagte das mit offensichtlichem Stolz; aus welchem Grund, weiß ich nicht.

Das Gespräch war bald vorbei und sie gingen wieder. Tom Gregerson schüttelte ungläubig den Kopf und meinte, das sei eine sehr aufschlußrei­che, doch deprimierende Erfahrung gewesen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, daß Menschen so reden könnten.

Vom 1. November an lief in Gadsden alles genauso ab wie schon zuvor in Brooklyn: Der Apparat der organisationsinternen Justiz setzte sich in Bewegung. Ständig riefen die Ältesten an, um zu allem möglichen eine Auskunft zu erhalten. Man teilte mir mit, daß ich vor ein Rechtskomitee kommen würde.

11.8 Nur die Definition der Bibel, wer als „böser Mensch“ und wer als „Abtrünniger“ gilt ist verbindlich! Klageerhebung gegen R.Franz aufgrund von Menschengebot.
11.8.1 Rücktritt aus den gesetzlichen Körperschaften (Incorporated = den Aktiengesellschaften) und Anfrage an die leitende Körperschaft, was wirklich mit Umgang mit „bösen Menschen“ gemeint sei

Ich hatte sowieso vorgehabt, an die leitende Körperschaft zu schreiben, um meinen Rücktritt aus den gesetzlichen Körperschaften zu erklären. (Sowohl in der pennsylvanischen wie auch der New Yorker Vereinigung war ich seit einigen Jahren Mitglied gewesen.)[15] Und so schrieb ich im Zusammenhang damit an die leitende Körperschaft am 5. November auch folgendes:

„Einige Älteste hier am Ort haben die Information im Watchtower vom 15. 5eptember 1981 als Aufforderung verstanden, von mir zu verlangen, ich solle meine Beziehung zu Peter Gregerson, dem Mann, auf dessen Grund und Boden ich wohne und für den ich arbeite, ändern. Sie sagen, da er von sich aus die Gemeinschaft verlassen habe, solle ich ihn zu denen rechnen, mit denen man nicht essen solle – böse Menschen und Antichristen -, andernfalls müßten sie mir die Gemeinschaft entziehen. Da ich jetzt bald sechzig bin und über keine Geldmittel verfüge, ist [301] es mir unmöglich, umzuziehen oder eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich wäre deshalb sehr dankbar zu erfahren, ob Ihr mit den Äußerungen in dieser Nummer der Zeitschrift wirklich das meint, was da steht, daß es nämlich ein Grund für den Gemeinschaftsentzug ist, wenn man eine Einladung seines Wohnungs- und Arbeitgebers zum Essen annimmt. Sollten sie aber über das hinausgegangen sein, was mit der Veröffent­lichung beabsichtigt war, so wäre ein Rat zur Mäßigung an sie eine sehr große Erleichterung für mich, da die Situation möglicherweise für mich sehr belastend wird. Ich bin für jede Klarstellung Eurerseits dankbar, ganz gleich, auf welchem Wege Ihr sie mir zukommen laßt.“

Am selben Tag kam ein Anruf von den Ältesten. Da sie dies in der letzten Zeit so häufig getan und sich dabei so wenig brüderlich gezeigt hatten, zuckten meine Frau und ich jedesmal zusammen, wenn das Telefon klingelte. Daher sagte ich ihr, falls wieder ein Anruf käme und ich wäre nicht da, sollte sie ihnen mitteilen, daß sie alles schriftlich machen sollten. Das sagte sie ihnen auch. Am nächsten Tag schrieb das offiziell eingesetzte Rechtskomitee einen Brief, der am 10. November 1981 bei uns eintraf. Viele Zeugen Jehovas wollen nicht glauben, daß ich wirklich deshalb ausgeschlossen wurde, weil ich mit Peter Gregerson einmal essen ging. Manche behaupten hartnäckig, das könne einfach nicht der Fall gewesen sein. Ich glaube, die Wiedergabe des sich nun entwickelnden Briefwechsels wird hier für Klärung sorgen. Der erste Brief, verfaßt vom Rechtskomitee, trug das Datum 6. November 1981.

11.8.2 Einziger Anklagepunkt des „Rechtsverfahrens“: Das Essen mit einer Person die die Gemeinschaft freiwillig verliess

Aus diesem Brief geht deutlich hervor, daß nur ein einziger Anklagepunkt die Grundlage des „Rechtsverfahrens“ war, und zwar, daß ich Umgang mit jemand hätte, der die Versammlung verlassen hat. [302]

„2822 Fields Avenue
East Gadsden, AL 35903
6. November 1981

Raymond V. Franz
Route 4,
Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

wie Du uns durch Deine Frau am Donnerstag aufgefordert hast, laden wir Dich hiermit zur Sitzung des Rechtskomitees am Samstag, 14. November, um 14 Uhr im Königreichssaal der Versammlung Gadsden-Ost. Zweck der Sitzung ist es, mit Dir über Deinen weiter bestehenden Umgang mit einer Person zu sprechen, die die Gemeinschaft der Versammlung verlassen hat.

Wenn Du zu der angegebenen Zeit nicht erscheinen kannst, so nimm bitte mit einem von uns Verbindung auf, damit ein anderer Termin vereinbart werden kann.

Deine Brüder“

In meiner Antwort schrieb ich den Ältesten, ich hätte mich an die leitende Körperschaft gewandt mit der Bitte, die Darstellung im Watchtower vom 15. September 1981 genauer zu erklären; ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, daß sie darauf keine Rücksicht genommen hätten; anscheinend wollten sie mir nicht genügend Zeit geben, eine Antwort zu erhalten. Außerdem wies ich darauf hin, daß es wohl nicht angebracht sei, Dan Gregerson in das Komitee aufzunehmen, nachdem er bereits als mein Ankläger aufgetreten sei. Ich äußerte die Hoffnung, man werde das Komitee erweitern, um eine faire und unparteiische Beratung dieser neuen Richtlinie der Organisation und ihrer Umsetzung zu ermöglichen.[16]

11.8.3 Überstürztes Rechtsverfahren, wo die leitende Körperschaft die Fäden zog. Machtmißbrauch zum vorsätzlichen Mord?

Ich schickte den Brief ab, und als ich eine Woche später, am Freitag, 20. November, von der Arbeit nach Hause kam, erzählte mir meine Frau, der Älteste Theotis French habe angerufen und mitgeteilt, das Rechtskomitee werde bereits am nächsten Tag, am Samstag nachmittag, die Verhandlung führen. Sie hätten mir das in einem Brief geschrieben. [303]

Am Nachmittag war in der Post eine Nachricht, daß ein Einschreibebrief vorläge. Ich konnte gerade noch mit dem Wagen zum Postamt rasen, um den Brief vor Schalterschluß abzuholen. Er trug das Datum des 19. November 1981.

„2822 Fields Avenue
East Gadsden,
AL 35903
19. November 1981

Raymond V. Franz
Route 4, Box 444F
Gadsden, AL 35904

Lieber Bruder Franz,

die Ältestenschaft hat Deinen Brief besprochen und möchte dazu Stellung nehmen.
Als erstes möchten wir Dich wissen lassen, daß wir darüber informiert waren, daß Du einen Brief an die Watchtower Society gerichtet hast, und daß wir ent­schieden hatten, mit der Anhörung vor dem Rechtskomitee zu beginnen.

Zweitens: Da Dan Gregerson Ankläger ist, hat die Ältestenschaft entschieden, ihn im Rechtskomitee durch Larry Johnson zu ersetzen.

Drittens: Außer Dan Gregerson gibt es noch weitere Personen, die in dieser Angelegenheit als Zeugen auftreten könnten, doch wir glauben, es ist nicht notwendig, ihre Namen preiszugeben, da Du zugibst, mit Personen Umgang zu pflegen, die die Gemeinschaft der Versammlung verlassen haben.

Viertens hat die Ältestenschaft entschieden, daß das Rechtskomitee aus drei Ältesten bestehen wird. Wir möchten Dir versichern, daß die dafür ernannten Brüder Dich nicht im vorhinein verurteilt haben und die Verhandlung mit einer objektiven Haltung angehen werden.

Schließlich, Bruder Franz, würde das eingesetzte Rechtskomitee mit Dir eine Zusammenkunft für Samstag, 21. November, um 16 Uhr im Königreichssal ver­einbaren wollen. Solltest Du nicht kommen können, so fordern wir Dich auf, einen der unten angegebenen Brüder zu benachrichtigen, um einen günstigeren Termin auszumachen.

Deine Brüder“

11.8.4 Unabhängiges und neutrales „Rechtskomitee“, das zum Vornherein aufgrund von Weisungen den Ausschluss geplant hat!?

Es war nicht nur der sehr förmliche Charakter dieses Briefes, der auffiel. Vielmehr enthielt er trotz der Schlußfloskel „Deine Brüder“ nicht einen Funken der Wärme, die man in einer christlichen Bruderschaft vorzufinden erwartet. Er hätte genausogut auch von einem Gericht kommen können, so sehr wird er von einer kalten, gesetzlichen Haltung beherrscht. Wenn sie mich wirklich noch nicht vorverurteilt hatten (wie es ausdrücklich gesagt [304] wird), dann hätte ganz sicher ein Geist brüderlicher Nächstenliebe aus dem Brief gesprochen, mitfühlende Anteilnahme an den vitalen Interessen des Menschen, an den er gerichtet war. Selbst wenn man unberücksichtigt läßt, daß ich praktisch mein gesamtes Leben im Dienst als Zeuge Jehovas eingesetzt habe und in der leitenden Körperschaft gewesen war, wenn man mein Alter und meine persönlichen Umstände außer Acht läßt, selbst dann hatte wenigstens eine Spur von liebevollem Interesse zu sehen sein müssen, sogar wenn sie mich als „einen der geringsten“ der Brüder Christi ansahen (nach Matthaus. Kapitel 25, Vers 40). Meines Erachtens darf man diese gefühllose Einstellung nicht den Briefschreibern anlasten. Sie hat ihren Ursprung anderswo. Der Brief war dafür nur ein Musterbeispiel.

Meine Frau hatte Theotis French schon am Telefon gesagt, daß wir am Samstag Besuch aus einem anderen Teil der USA erwarteten, den wir jetzt nicht mehr anrufen und daher unsere Plane nicht rückgängig machen konnten.
Am Montag danach, am 23. November, schrieb ich einen weiteren Brief, in dem ich meine Bestürzung darüber zeigte, mit welcher Eile und Rücksichts­losigkeit das Komitee verfuhr.

Am selben Nachmittag rief French an und teilte mit, das Komitee werde zwei Tage darauf, am Mittwoch, 25. November, abends eine Verhandlung durchführen und eine Entscheidung treffen, ganz gleich, ob ich nun da sei oder nicht. Es war jetzt sinnlos, den Brief, den ich geschrieben hatte, in den Postkasten zu werfen[17], Offenbar hatten sie es nun sehr eilig, und ich bezweifle, daß der Anstoß hierfür von ihnen selbst kam. Der Komiteevorsit­zende gab später zu, sie stünden mit Wesley Benner, dem Beauftragten der Gesellschaft, in Verbindung. Entsprechend auffällig glichen ihre Äußerun­gen und Einstellungen denen, die er bei mir zu Hause gezeigt hatte. Und es konnte nicht der geringste Zweifel bestehen, daß er seinerseits mit der Dienstabteilung in der Weltzentrale in Brooklyn in Verbindung stand, und diese wiederum mit der leitenden Körperschaft. Das ist keineswegs unge­wöhnlich; so läuft es normalerweise immer. Überrascht haben mich diese Methoden nicht, einfach nur bedrückt.

11.8.5 Trotz gravierender Verfahrensmängel mit dem Segen der leitenden Körperschaft als deren Diener der Rechtsfindung? Zuhörer werden ausgeschlossen, um keinerlei Zeugen zu haben. Diejenigen die das Licht scheuen lieben Finsternis!

Als Mittwoch, der 25. November, da war, entschloß ich mich, lieber zu der Verhandlung hinzugehen, als in meiner Abwesenheit entscheiden zu las­sen. French hatte gesagt, der Termin sei am „Mittwoch abend“. Nachmit­tags rief ich bei einem aus dem Komitee an, um die genaue Uhrzeit zu erfahren. Da sagte mir seine Frau, sie seien bereits im Königreichssaal. Ich rief dort an und erfuhr, daß die Sitzung am Nachmittag stattfinden würde. „Abend“ hieß offensichtlich eine beliebige Uhrzeit ab 15 Uhr. Ich sagte, davon hätte ich nichts gewußt und man habe mir keine genaue Uhrzeit genannt. Auf meine Bitte hin erklärten sie sich einverstanden, den Termin auf 18 Uhr zu verlegen.
Tom Gregerson hatte den Wunsch geäußert, mit mir zu gehen, und so rief [305] ich ihn an. Als wir im Königreichssaal ankamen, begaben wir uns ins Konferenzzimmer, wo sich die Ältesten French (als Vorsitzender), Bryant und Johnson aufhielten. Sie sagten Tom Gregerson, er könne nicht dabei sein, höchstens um Zeugenaussagen zu machen. Er antwortete, er wolle anwesend sein, da ungefähr 35 Zeugen Jehovas in der Firma Warehouse Groceries arbeiteten, bei der er in leitender Position tätig sei. Er müsse doch wissen, welche Haltung man in dieser Frage genau einnehme. Sie blieben bei ihrem Nein.

Nachdem er hinausgegangen war, eröffnete das Komitee die Sitzung und rief die Zeugen herein. Es waren zwei: Dan Gregerson und die Frau von Robert Daley.

Dan Gregerson sagte als erster aus. Er berichtete, er habe mich zusammen mit Peter Gregerson (und unseren Frauen) im Western Steak House gesehen. Damit war er fertig. Ich fragte ihn dann, wann das war, und er gab zu, es sei im Sommer gewesen, also bevor der Watchtower vom 15. September 1981 herausgekommen war, in dem die neue Anweisung stand, daß jeder, der von sich aus die Versammlung verlassen habe, wie ein Ausgeschlossener zu behandeln sei. Ich sagte dem Komitee, diese Zeugenaussage habe keinerlei Bedeutung, es sei denn, sie meinten, ein Gesetz könne rückwirkend in Kraft treten.

Dann wurde die andere Zeugin um ihre Aussage gebeten, Sie sagte im wesentlichen dasselbe wie Dan Gregerson, nur daß es sich um einen Zeitpunkt nach der Veröffentlichung desWatchtower vom 15. September 1981 gehandelt habe.

Ich gab bereitwillig zu, daß ich zu diesem Zeitpunkt mit Peter Gregerson essen gegangen war, und fragte sie, ob sie nicht ebenfalls, gemeinsam mit ihrem Mann (einem Ältesten der Versammlung Gadsden-Ost) mit Peter Gregerson essen war. (Dieser hatte sich eines Tages in Morrison’s Cafeteria zufällig gerade hinter Daley und seiner Frau angestellt. Da Daley in erster Ehe Peter Gregersons Stiefvater gewesen war – er hatte seine Mutter nach dem Tod des Vaters geheiratet -, stupste Gregerson ihn kurz an, worauf Daley sich umdrehte und mit ihm eine Unterhaltung anfing. Daley forderte ihn auf, sich zu ihnen zu setzen, und alle drei redeten beim Essen miteinan­der. Auch das hatte sich ereignet, nachdem der Watchtower vom 15. September 1981 erschienen war.)

Das versetzte die Zeugin in helle Aufregung und sie sagte, es sei schon wahr, aber sie habe einigen „Schwestern“ hinterher gesagt, sie wisse, daß es nicht richtig gewesen sei und daß sie es nie wieder tun werde. (Nach der Verhandlung erzählte ich das Peter Gregerson, und er rief aus: „Aber die haben doch sogar zweimal mit mir gegessen! Als ich einmal zu Morrison’s ging, saßen sie schon da und winkten, ich solle mich zu ihnen setzen.“ Vom zweiten Mal hatte die Zeugin nichts gesagt, und ich wußte damals nichts davon.)

Das war die gesamte „Beweislast“, die gegen mich vorlag. Die bei den Zeugen verließen den Raum. [306]

11.9 Despotismus und Machtmissbrauch durch interne Justiz der Zeugen Jehovas klar belegt: Leitende Körperschaft vor Gott und dessen Richter Jesus Christus angeklagt!
11.9.1 Der Wachtturm vom 15. September 1981 als einzig legitime Grundlage und höchste Autorität? Ein Hohn auf die Aussagen der Schrift!

Dann wurde ich gefragt, wie ich zu dem Watchtower vom 15. September 1981 stehe. Ich wollte wissen, weshalb sie nicht warteten, bis die leitende Körperschaft auf meine Anfrage vom 5. November geantwortet hätte. Da legte Theotis French, der Vorsitzende, seine Hand auf den Watchtower, der aufgeschlagen vor ihm lag, und sagte: „Mehr Autorität brauchen wir nicht.“

Ich fragte, ob sie sich nicht sicherer fühlen würden, wenn die leitende Körperschaft ihre Sichtweise bestätigt hätte. Er wiederholte, sie müßten sich an das halten, was veröffentlicht sei, und außerdem hätten sie sowieso in der ganzen Sache Brooklyn angerufen. Damit hörte ich von einem solchen Anruf zum ersten Mal. Das war dann wohl auch der Grund, warum French zwei Tage vorher am Telefon gemeint hatte, das Rechtskomitee glaube nicht, man müsse noch auf eine Antwort der leitenden Körperschaft warten! Sie gingen genauso heimlichtuerisch vor wie schon das Vorsitzenden­-Komitee vor ihnen und hielten es offenbar überhaupt nicht für nötig, mich wissen zu lassen, daß sie schon bei der Weltzentrale in Brooklyn angerufen hatten.

Ich erkundigte mich, ob sie mit jemand von der leitenden Körperschaft gesprochen hätten. Die Antwort war: „Nein, mit der Dienstabteilung. „Und was hatte man ihnen gesagt? French sagte, ihnen sei mitgeteilt worden: „Es hat sich nichts geändert; laßt euch nicht aufhalten.“

French sagte weiter: „So wie ich es sehe, hat die Gesellschaft sich die alte Position (aus dem Wachtturm des Jahres 1974) noch einmal kritisch unter die Lupe genommen und kehrt jetzt zu der vorher gültigen Position zurück.“ (Genauso hatte Kreisaufseher Benner sich mir gegenüber geäußert.) „Der Wachtturm hilft uns erkennen, wo wir einen klaren Trennstrich ziehen müssen“, meinte French weiter. Edgar Bryant fügte noch hinzu: „Wir versuchen alle, so zu handeln, wie es der Wachtturm von uns verlangt.“ Ich betonte, für mich sei die Bibel die Richtschnur. Sie war bis dahin von keinem der drei Ältesten auch nur erwähnt worden. Ich fragte, welche biblischen Gründe es gebe, Peter Gregerson als jemand einzustufen mit dem man nicht essen dürfe.

Johnson schlug 1. Korinther, Kapitel 5, auf, las ein paar Verse vor, stockte dann und brach ab, ohne dem Gelesenen eine Anwendung zu geben. Jeden einzelnen fragte ich dann, ob er ehrlich sagen könne, daß Peter Gregerson zu der Sorte Leute gehöre, die in solchen Texten beschrieben wurde, ein­schließlich der im Johannesbrief genannten „Antichristen“. French war ganz aufgeregt und sagte, ihm stehe es nicht zu, diesen Mann zu beurteilen; er wisse nicht genug über Peter Gregerson, um ein Urteil zu fällen. Ich fragte, wie sie dann von mir erwarten konnten, genau dieses Urteil zu fällen und die Konsequenzen zu ziehen, wenn sie selbst es nicht tun wollten, Darauf sagte er: „Wir sind nicht dazu hier, um von dir belehrt zu werden, Bruder Franz.“ Ich versicherte ihm, ich hätte nicht vor, sie zu belehren, sondern mein gesamter christlicher Lebenswandel werde in Frage gestellt und stände auf dem Spiel, und darum sei ich der Ansicht, ich hätte ein [307] Recht, mich dazu zu äußern. Weder Edgar Bryant noch Larry Johnson wollte klar sagen, was er über Peter Gregerson dachte, und dabei wurde es hier als „kriminelle“ Tat verhandelt, daß man mit ihm essen gegangen war.

11.9.2 Jene die als Richter amten, die keine im Zusammenhang mit dem Verfahren stehenden Fragen zu beantworten vermögen

Der Vorsitzende sagte dann, er sehe in weiteren Diskussionen keinen Sinn. Man rief Tom Gregerson herein, um herauszufinden, ob er irgendeine Aussage zu machen habe. Als er wissen wollte, welche Auswirkungen die in dem Watchtower beschriebene Position auf Beschäftigte seiner Firma haben würde, die Zeugen Jehovas seien und hin und wieder mit jemand, der die Gemeinschaft verlassen hat, auf Geschäftsreise gehen oder eine Mahlzeit einnehmen würden, antwortete Larry Johnson, sie seien jetzt nicht dazu da, diese Frage zu beantworten; das könne er ein andermal vortragen.[18] Tom Gregerson gab zurück, er stelle diese Frage nun schon zum wiederholten Male, habe auch den Kreisaufseher gefragt, und noch immer bleibe er ohne Antwort. Keine Reaktion. Die Verhandlung wurde geschlossen und wir gingen. Das Rechtskomitee blieb zurück, um die „Beweise“ zu erörtern. Etwa eine Woche später klingelte das Telefon und Larry Johnson teilte mir mit, das Komitee habe beschlossen, mir die Gemeinschaft zu entziehen. Mir stünden vom Tage des Anrufs an sieben Tage Frist zu, um Berufung einzulegen.

11.9.3 Brief zur Berufung gegen das Urteil des Ausschlusses mit klarer Begründung

Ich schrieb einen langen Brief, in dem ich meine Berufung begründete. Es schien mir am besten, alles schriftlich zu machen. Gesprochenes kann man schnell ändern, verdrehen oder einfach vergessen; Geschriebenes dagegen bleibt erhalten und läßt sich nicht so leicht übergehen. Meine Erlebnisse bei der Verhandlung zeigten deutlich, wie vergiftet das ganze Klima war, so daß kaum mit einer ruhigen und vernünftigen Erörterung der biblischen Grundsätze im Berufungsverfahren gerechnet werden konnte.

Ich erinnerte sie in meinem Brief an den von der Gesellschaft veröffentlich­ten Rat, die Ältesten eines Rechtskomitees sollten „die Dinge sorgfältig abwägen“, nicht nach „starren Verhaltensregeln“ suchen, sondern „stets das Grundsätzliche sehen“ und „sicher sein, daß der Rat fest in Gottes Wort verankert ist“; sie sollten „sich genügend Zeit nehmen und bemüht sein, das Herz des Betreffenden zu erreichen,“ und sollten „die Schrifttexte, die auf den Fall Anwendung finden, ausführlich besprechen und sicher sein, daß er (der Beschuldigte) sie auch versteht“. So hatte man es gesagt; getan wurde es nicht. (Und dabei wußten die Urheber dieses Rates, wie die Praxis aussah.) Die folgenden beiden Absätze geben den Kern meiner Stellung­nahme wahrscheinlich am besten wieder:

Man könnte vielleicht sagen, ich hätte keine Reue darüber bekundet, daß ich mit Peter Gregerson essen gegangen bin. Um Reue zu bekunden, muß ich erst davon über­zeugt sein, daß ich eine Sünde gegen Gott begangen habe. Diese Überzeugung läßt sich nur aus Gottes W

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 11. Kapitel: Nachspiel

10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

10 Zeit der Entscheidung *

10.1 Der überwältigende Gewinn Jesus als wahres Haupt zu erkennen, als einzigen Mittler zu Gott
10.1.1 Am Scheideweg: Einer Organisation die Treue halten und damit gegen das Gewissen zu entscheiden, oder eine undefinierte, unsichere Zukunft in Kauf nehmen?

„Aber dies alles, was mir früher als großer Vorzug erschien, habe ich durch Christus als Nachteil und Schaden erkannt. Ich betrachte überhaupt alles andere als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne“ (Philipper 3:7, 8, Die Bibel in heutigem Deutsch),

Ende 1979 war ich am Scheideweg angelangt.

Fast 40 Jahre lang hatte ich hauptberuflich im Dienst der Organisation gestanden, sie von ganz unten bis ganz oben durchlaufen. Die letzten 15 Jahre war ich in der Weltzentrale tätig gewesen, darunter neun Jahre als Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas weltweit.

Diese letzten neun Jahre waren die entscheidenden. In dieser Zeit holte die Realität meine Illusionen ein. Seither weiß ich, daß es stimmt, was ein inzwischen verstorbener Staatsmann einmal geäußert hat:

„Der große Feind der Wahrheit ist häufig nicht die vorsätzliche, betrügerische Lüge, sondern der Mythos: er hält sich zäh, klingt überzeugend und hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun.“

Langsam wurde mir klar, daß ich mein Leben großenteils auf nichts anderes gegründet hatte als genau dies, einen Mythos – „hält sich zäh, klingt überzeugend und hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun“. Nicht, daß sich meine Ansicht über die Bibel geändert hätte. Im Gegenteil, ich habe sie durch meine Erlebnisse eher noch mehr schätzen gelernt. Sie allein half mir, in den Dingen, die sich vor meinen Augen abspielten, einen Sinn zu sehen; mit ihrer Hilfe wurden mir die Einstellungen und Gedankengänge der anderen verständlich, und ich erkannte auch, warum ich in meinem Innern einen solchen Druck und solche Spannung fühlte. Alle Veränderung in mir erwuchs aus der Einsicht, daß ich die Bibel aus einer total sektiererischen Sicht heraus gesehen hatte – wovor ich mich eigentlich geschützt geglaubt hatte. Als ich die Heilige Schrift für sich selbst sprechen ließ, ohne daß alles erst durch den Trichter einer fehlbaren menschlichen Einrichtung als „Kanal“ gegangen war, machte ich die Entdeckung, daß sie erheblich an Aussagekraft gewann. Ich war höchst erstaunt darüber, wie viel Wichtiges mir vorher entgangen war.

Was sollte ich tun? Langsam aber sicher kam ich zu der Einsicht, daß der Organisation jegliche Flexibilität abhanden gekommen war (falls es sie je [215] gegeben hatte), daß sozusagen „die Weinschläuche alt und vertrocknet“ waren. Alles, was mir im Laufe der Jahre in der leitenden Körperschaft während der Sitzungen und auch sonst zu Ohren gekommen war, die Grundhaltung, die mir überall begegnete, deutete darauf hin. Man wurde immer verstockter gegenüber jeder biblischen Ermahnung zur Korrektur ihrer Lehren und ihrer Methoden beim Umgang mit denen, die zu ihr um Leitung aufblickten.[1] Heute wie damals bin ich der Ansicht, daß viele in der leitenden Körperschaft gute Menschen sind. In einem Telefongespräch sagte mir ein ehemaliger Zeuge: „Wir waren Mitläufer von Mitläufern.“ Ein anderer sagte: „Wir sind die Opfer von Opfern geworden.“ Beide hatten meines Erachtens recht. Charles Taze Russell übernahm Ansichten seiner Zeitgenossen und wurde deren Mitläufer; er wurde das Opfer der Mythen, die sie als „geoffenbarte Wahrheit“ verkündeten. Alle späteren führenden Köpfe der Organisation übernahmen diesen ursprünglichen Mythos und fügten ihren eigenen Teil hinzu, um das Gebilde auszubauen oder zu festigen. Gegenüber diesen Männern, die mir persönlich bekannt sind, fühle ich nicht Hag oder Erbitterung, sondern Mitleid, denn auch ich war ein solches „Opfer von Opfern“, ein „Mitläufer von Mitläufern“.

10.1.2 Autorität ja, autoritativ Nein! Am Ende der Hoffnung angelangt Veränderungen auf höchster Ebene veranlassen zu können.

Obwohl die Mitarbeit in der leitenden Körperschaft von Jahr zu Jahr schwieriger und belastender für mich wurde, besonders ab 1976, klammerte ich mich an die Hoffnung, alles würde sich zum Guten wenden. Schließlich mußte ich aber einsehen, daß alle Anzeichen gegen diese Hoffnung spra­chen.

Ich war kein Feind von Autorität, doch ich war gegen die extreme Form, in der sie bei uns angewandt wurde. Es konnte einfach nicht Gottes Wille sein, daß Menschen in der christlichen Gemeinschaft eine so allumfassende autoritäre Herrschaft über ihre Mitbrüder ausübten. Nach meinem Bibelverständnis gewährte Christus Autorität in der Gemeinde nur zum Dienen, nie zum Herrschen.[2]

Auch gegen eine „Organisation“ im Sinne einer geordneten Einrichtung hatte ich nichts, denn für mich gehörte so etwas einfach zur christlichen Gemeinde.[3] Doch meiner Meinung nach hatte eine solche Einrichtung ihrem ganzen Zweck und Wesen nach nur dafür da zu sein, den Brüdern zu helfen. Sie sollte ihren Interessen dienen, und nicht umgekehrt. Wie die Einrichtung im einzelnen aussah, war egal, doch sie mußte die Menschen aufbauen, damit sie keine geistigen Kleinkinder blieben, die von Menschen oder Institutionen abhingen, sondern fähig wurden, als voll erwachsene, reife Christen zu handeln. Sie sollten nicht bloß dazu erzogen werden, sich den Regeln und Anweisungen einer Organisation brav anzupassen, sondern Menschen werden, „die ihr Wahrnehmungsvermögen durch Gebrauch geübt haben zur Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht“.[4] Welche [216]Organisationsform man auch wählte, sie müßte zu einem Gefühl echter Bruderschaft führen, mit der freimütigen Rede und dem gegenseitigen Vertrauen, das wahre Bruderschaft kennzeichnet, und nicht zu einer Gesell­schaft, in der wenige regieren und die vielen anderen regiert werden. Und schließlich dürfte es Führung in dieser Einrichtung nur in der Form des beispielhaften Vorbilds geben, des Festhaltens am Wort Gottes, wobei die Weisungen des Herrn und Meisters so weitergegeben und eingeschärft würden, wie er sie gab, ohne sie den scheinbaren Interessen einer menschen­gemachten Organisation anzupassen und ohne daß man die anderen seine Macht spüren ließ, wie es die Großen dieser Welt tun.[5] Dies muß dazu führen, daß allein Christus Jesus das Haupt ist und nicht die Autorität irgendeines irdischen Herrschaftsapparats und seiner Funktionsträger über allem steht. Bei uns hatte ich den Eindruck, daß die Funktion Jesu Christi als aktives Oberhaupt überschattet und vollständig verschüttet wurde durch das autoritäre Gehabe, das ständige Eigenlob und die dauernde Selbstanpreisung der Organisation.

10.1.3 Das Wort der Schrift erneut über jedes Menschenwort stellt ist in Gefahr!

Darüber hinaus sah ich auch den Wert und die Notwendigkeit des Lehrens ein. Doch ich konnte es nicht akzeptieren, daß man die Auslegungen der Organisation, gegründet auf schwankendes menschliches Denken, gleich­rangig neben das stellte, was in Gottes unveränderlichem Wort selbst stand. Daß man den eigenen Traditionen so großes Gewicht beimaß, ja sogar das Wort Gottes verdrehte und zurechtstutzte, bis es zu diesen überkommenen Ansichten paßte, das hat mich seelisch stark belastet, genauso wie die Inkonsequenz im Handeln, die dazu führte, daß mit zweierlei Maß gemes­sen wurde. Was ich nicht akzeptieren konnte, war nicht die Lehre, sondern der Dogmatismus.

Ich habe meine Ansichten während meiner Tätigkeit in der leitenden Körperschaft nach Kräften vertreten. Das hat von Anfang an zu Schwierig­keiten geführt und mir Feindschaft eingebracht. Es endete mit Ablehnung und der Ausstoßung.

Im Herbst 1979 sollte ich im Rahmen einer „Zonenreise“ mehrere Zweigbüros in Westafrika besuchen, darunter einige in Ländern, deren Regierung die Tätigkeit der Zeugen Jehovas offiziell verboten hatte. Da ich wußte, wie schnell es passieren konnte, daß ich verhaftet und für längere Zeit ins Gefängnis gesteckt wurde, fühlte ich mich verpflichtet, einige meiner Sorgen mit meiner Frau zu besprechen. (Da es um ihre Gesundheit nicht sehr gut stand, hielt ich es für besser, die Reise allein zu unternehmen.) Sie hatte zwar zwangsläufig mitbekommen, daß ich seelisch sehr unter Druck stand, doch ich hatte ihr nie gesagt, welche Probleme mich eigentlich quälten. Dazu hatte ich mich nicht berechtigt geglaubt. Jetzt hingegen schien mir das nicht nur angebracht, sondern ich verspürte sogar eine Verpflichtung, mit ihr über die Dinge zu reden, die mir aufgefallen waren, gerade beim Lesen der Bibel. Wieso sollte ich mich von Menschen abhalten [217] lassen, mit der eigenen Frau Wahrheiten zu besprechen, auf die ich in Gottes Wort gestoßen war?

Wir kamen zu dem Schluß, daß es für uns das Beste sei, die Tätigkeit in der Weltzentrale aufzugeben. Unser innerer Friede und unsere Gesundheit erforderten es. Zudem hatten wir die schwache Hoffnung, doch noch ein Kind zu bekommen, und hatten bereits mit zwei Ärzten darüber gespro­chen, unter anderem mit Dr. Carlton, einem der Betriebsärzte.[6] Ich war 57 und wußte, daß es in diesem Alter äußerst schwierig sein würde, Arbeit zu finden. Doch ich vertraute darauf, daß sich schon irgendein Weg finden würde.

10.1.4 Neuer Wein gehört nicht in alte Weinschläuche! Korrupter und überalterter Machtapparat, unfähig zu wahren Korrekturen, der echten Wahrheit und Gerechtigkeit kaum zugeneigt

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich fühlte mich hin- und hergerissen. Einerseits dachte ich, durch mein Verbleiben in dem Gremium könnte ich wenigstens noch für andere die Stimme erheben, für die Heilige Schrift eintreten, für Mäßigung und Ausgeglichenheit plädieren, auch wenn man mich nur unwillig anhörte oder ignorierte. Andererseits spürte ich, daß mir nicht mehr viel Zeit dafür verbleiben würde, sondern daß man mir bald jeglichen Einfluß in der leitenden Körperschaft nehmen und mich mundtot machen würde. Genauso schwer wog, daß ich unbedingt aus dem schwelen­den Klima des Argwohns und der Verdächtigungen herauskommen und keinen Anteil mehr an diesem Machtapparat haben wollte, für den ich keine biblische Grundlage mehr finden und dessen Beschlüsse ich moralisch nicht befürworten konnte.

Wäre es mir um Sicherheit und Bequemlichkeit gegangen, so hätte ich mich ganz sicher entschieden zu bleiben, denn den Mitarbeitern in der Weltzen­trale wurden alle physischen Bedürfnisse erfüllt. Wegen unserer vielen Dienstjahre stünde uns die freie Auswahl unter den besseren Zimmern zu, die in den vielen Wohngebäuden der Gesellschaft von Zeit zu Zeit frei wurden.[7] Wir würden mehr als sechs Wochen Urlaub im Jahr haben, und diese könnten, da ich der leitenden Körperschaft angehörte, jederzeit mit Gastvorträgen in allen Teilen der USA und Kanadas verbunden werden, oder auch mit Zonenreisen in Gegenden rund um den Erdball. (Die Mitglieder der leitenden Körperschaft können ihren Urlaub regelmäßig an Orten verbrin­gen, von denen andere nur träumen.) Allein 1978 waren meine Frau und ich mehr als fünfzigmal mit dem Flugzeug unterwegs; im Laufe der Jahre hatten wir Reisen nach Mittel- und Südamerika, nach Asien, Europa, Afrika und in den Mittleren Osten unternommen.

10.1.5 Gewohnt vor Zehntausenden von interessierten Zuhörern zu reden, beständiger Ehrengast zu sein

Wäre es mein Ziel gewesen, angesehen und prominent zu sein, so hatte ich mir gar nicht mehr wünschen können. Pro Vortragseinladung, die ich im Monat annahm, mußte ich drei bis vier weitere ablehnen. Kam ich nach [218] Paris, Athen, Madrid, Lissabon, Mexiko City, Sao Paulo oder in fast jede andere Weltstadt, so brauchte ich nur dem dortigen Zweigbüro Bescheid zu geben, und schon wurde eine Veranstaltung organisiert, zu der Tausende von Zeugen Jehovas strömten. Vor Menschenmengen von 5000 bis 30 000 Personen zu sprechen wurde fast etwas Alltägliches. Wohin auch immer ein Mitglied der leitenden Körperschaft reist, praktisch immer ist er Ehrengast bei seinen Glaubensgenossen.[8]

Innerhalb der leitenden Körperschaft war es nicht schwer, allgemein geach­tet zu sein. Man mußte nur immer wieder neu seine vollständige Loyalität gegenüber der Organisation verkünden und sich, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei Abstimmungen und in Diskussionen auf die Seite der Mehrheit schlagen. Das ist gar nicht zynisch gemeint. Die wenigen anderen Mitglieder des Gremiums, die sich aus Gewissensgründen genötigt sahen, hin und wieder gegen eine traditionelle Leitlinie oder Lehre Stellung zu beziehen, können das bestätigen, auch wenn sie es vielleicht nicht laut sagen mögen.

Trotz allem waren mir Positionen in zwei der einflußreicheren Komitees der leitenden Körperschaft zugewiesen worden, im Schreibkomitee und im Dienstkomitee. Im Schreibkomitee hielt man es für richtig, mir die redak­tionelle Verantwortung (nicht das eigentliche Abfassen) für mehrere Bücher zu übertragen, die dann in vielen Sprachen in Millionenauflagen gedruckt wurden[9]

Das Geheimrezept, falls man es so nennen kann, wie sich eine prominente Position in der Organisation halten ließ, war nicht schwer zu erkennen. Mein Gewissen ließ es aber nicht zu, es anzuwenden.

10.1.6 Wenn unser Gewissen uns zum Feind aller anderen macht, wird dort Mitläufertum vom Machtapparat verlangt

Ich hätte blind gewesen sein müssen, um nicht zu sehen, wie sehr ich bei vielen aneckte mit meinen Äußerungen zu einigen Themen, auch wenn, wie ich meine, klare biblische Grundsätze mir den Weg wiesen. Manches Mal ging ich zur Sitzung mit dem festen Vorsatz, lieber gar nichts zu sagen, als Feindseligkeiten hervorzurufen. Wenn dann aber Fragen behandelt wurden, die einschneidende Folgen für das Leben vieler Menschen haben würden, konnte ich mich einfach nicht zurückhalten. Sonst hätte ich mich schuldig gefühlt. Ich machte mir nicht vor, daß ich mit meinen Worten viel ausrichten würde, denn aus Erfahrung wußte ich, daß meine Lage sich dadurch eher nur verschlechterte. Wenn ich aber nicht entschieden für die Grundsätze eintrat, die nach meinem Verständnis das Christentum erst ausmachten, wozu hätte ich dann überhaupt noch dort sitzen sollen? Was für einen Sinn hätte mein Leben dann noch gehabt? [219]

Etwa ab 1978 machte sich in der leitenden Körperschaft – wie bereits erwähnt – ein verändertes Klima bemerkbar. Die anfängliche Euphorie, von der die großen Umwälzungen in der Herrschaftsstruktur begleitet gewesen waren, war verflogen, Der Geist des brüderlichen Miteinander, der eine Zeitlang vorzuherrschen schien und zu Mäßigung und größerer Beweglich­keit im Denken geführt hatte, war ebenfalls deutlich geschwunden. Jeder hatte sich in seine Funktionen in den verschiedenen Komitees eingearbei­tet, und nach einiger Zeit wollten die ersten ihre Kräfte messen. Es bildeten sich deutliche Fraktionen heraus, so daß man Abstimmungsergebnisse oft mühelos vorhersagen konnte.

Erhoben beispielsweise Milton Henschel, Fred Franz, Ted Jaraez und Lloyd Barry die Hand, konnte man im allgemeinen sicher sein, daß auch Carey Barber, Martin Pötzinger, William Jackson, George Gangas, Grant Suiter und Jack Barr ihre Hand heben würden. Blieben die Hände der ersten Gruppe unten, war es gewöhnlich bei der zweiten ebenso. Bei einigen anderen war es wahrscheinlich, daß sie genauso stimmen würden, doch war ihr Abstim­mungsverhalten nicht so vorhersagbar. Bis auf seltene Ausnahmen ergab sich jedes Mal dasselbe Bild.

Nach diesem Schema verliefen die Abstimmungen besonders dann, wenn es um irgendeine der traditionellen Positionen oder Lehren ging. Man konnte vorher fast sicher sein, wer für die Beibehaltung der traditionellen Linie und gegen jede Änderung stimmen würde. Selbst in der Frage des Zivildienstes, die in einem anderen Kapitel bereits behandelt wurde, konnte diese Gruppe, obgleich sie überstimmt wurde, die Zweidrittelmehrheit blockieren, mit der die offizielle Haltung in dieser Frage geändert worden wäre.

Bei besonders strittigen Fragen gab es zumindest Anzeichen dafür, daß einige das Stimmverhalten anderer zu beeinflussen suchten. Meines Erach­tens hätte jemand, der Informationen verbreiten wollte, die nicht direkt zur laufenden Sitzung gehörten, dies am besten schriftlich tun und jedem ein Exemplar zukommen lassen sollen. Dann wären alle auf dem gleichen Informationsstand gewesen und die Karten hätten offen auf dem Tisch gelegen. Solche schriftlichen Vorlagen waren aber ziemlich selten und wurden dann auch kaum jemals Gegenstand der Diskussion.

10.2 Ausschlussverfahren vor Gerichtskomitees im Bethel Brooklyn
10.2.1 Traumatische Ereignisse in der Weltzentrale kündigen sich an: Die Jagd auf „Abtrünnige“ beginnt!

Was sich in der Sitzung der leitenden Körperschaft am 14. November 1979 abspielte, war meiner Ansicht nach schon eine Ankündigung der traumati­schen Ereignisse, die im Frühjahr 1980 die Weltzentrale erschütterten und in deren Gefolge mehrere Mitarbeiter wegen „Abtrünnigkeit“ aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurden und ich mich aus dem Führungsgre­mium zurückzog und die Weltzentrale verließ.

Vier unbedeutende Punkte standen an jenem Tag auf der Tagesordnung; alle Anträge gingen einstimmig über die Bühne. Aller Anschein von Harmonie verflog aber sehr schnell, als Grant Suiter sagte, er wolle eine Angelegenheit zur Sprache bringen, die zu beträchtlichem Gerede geführt habe. Er habe gehört, daß einige Mitglieder der leitenden Körperschaft sowie Mitarbeiter der Schreibabteilung in ihren Vorträgen Ansichten vertreten hätten, die [220] nicht mit den Lehren der Gesellschaft übereinstimmten, und das führe zu Verunsicherungen. Auch habe er gehört, fuhr er fort, daß Mitarbeiter der Weltzentrale Dinge sagten wie: „Wenn König Saul stirbt, wird sich alles ändern.“[10]

Ich hatte nie jemand in der Weltzentrale eine derartige Bemerkung machen hören. Grant Suiter sagte auch nicht, woher er seine Information hatte oder wer die Ursache des „Geredes“ sei, auf das er sich bezog, doch er wurde sehr aufgeregt. Seine Worte und sein Gesichtsausdruck spiegelten höchste Erregung. Zum ersten Mal fiel in einer Sitzung der leitenden Körperschaft das Wort „Abtrünnigkeit“.

Eine längere Diskussion entspann sich. Die meisten sagten, ihnen sei das völlig neu. Ich erklärte, viele Reden gehalten zu haben, sowohl in verschie­denen Teilen der USA wie auch in zahlreichen anderen Ländern, doch in keiner einzigen hätte ich etwas gesagt, das nicht mit den von der Organisa­tion veröffentlichten Lehren übereinstimmte. Falls irgendetwas Abwei­chendes gesagt worden sei, so wäre ein Beleg sicher leicht zu beschaffen, denn daß ein Vortrag eines Mitglieds der leitenden Körperschaft nicht von mindestens einem Zuhörer auf Band aufgenommen würde, das kam kaum vor. Auf Gerüchte brauchte man sich dann ganz bestimmt nicht zu stützen, denn in einem solchen Fall würde sicher jemand schreiben und um Klärung bitten. Auf meine Frage, ob er einen Fall aus den Reihen der leitenden Körperschaft oder der Schreibabteilung persönlich kenne, antwortete Grant Suiter lediglich, daß darüber geredet würde und daß Mitglieder von Zweig­komitees, die an Schulungskursen in der Weltzentrale teilnähmen, gesagt hätten, sie seien verunsichert, weil von den Dozenten ihrer Kurse Wider­sprüchliches zu hören gewesen sei.

10.2.2 Das Lehrkomitee und die Untersuchung: Begann das Königreich Jesu Christi bereits 33 u.Z.?

Es wurde beschlossen, das Lehrkomitee (dem die Schulungskurse unter­standen) mit einer Untersuchung zu beauftragen. In einer späteren Sitzung berichteten dessen Mitglieder, sie hätten keine Beweise für die genannten Vorwürfe gefunden. Die einzige Verunsicherung unter den Zweigmitarbei­tern habe es über einen Lehrpunkt gegeben, den Carey Barber im Unterricht behandelt habe. Er habe gesagt, das Königreich Christi habe im Jahre 33 U.Z. bei der Himmelfahrt zu herrschen begonnen, und das konnten manche mit der Lehre über 1914 nur schwer in Einklang bringen.[11] Schließlich kam man überein, daß alle Mitglieder der leitenden Körperschaft bei ihren Anspra­chen Vorsicht walten lassen sollten. Ausdrücklich wurde aber gesagt, dies sei kein Versuch, die privaten Gespräche, wie beispielsweise solche mit engen Freunden, in irgendeiner Weise zu reglementieren. Wie sich später zeigen sollte, konnte man sich darauf aber nicht berufen.

10.2.3 Gefährliches Glatteis: Irgendeine Lehre der Gesellschaft öffentlich oder privat in Zweifel zu ziehen!

Ich hielt diese Diskussion für bedeutsam. Grant Suiter hatte zwar auf [221] keinen konkreten Fall aus der leitenden Körperschaft hingewiesen, in dem jemand in einem Vortrag offiziell Meinungen vertreten hatte, die der veröffentlichten Lehre widersprachen, doch mir waren mehrere solcher Fälle bekannt. Erwähnt hatte ich bereits, daß Albert Schroeder auf seiner Europareise die Ansicht vertreten hatte, der Ausdruck „diese Generation“ könne eine andere Bedeutung haben als bislang offiziell verkündet. Das war uns gleich mehrfach von verschiedenen Orten berichtet worden. Genauso war bekannt, daß Fred Franz, der Präsident, eine neue Auslegung der „Schlüssel des Königreichs“ (Matthaus, Kapitel 16, Vers 19) eingeführt hatte, als er verschiedene Klassen der Gileadschule unterrichtete. Auch dies stand in Widerspruch zur bisher veröffentlichten Lehrmeinung der Organi­sation und war nicht vorher mit der leitenden Körperschaft abgesprochen worden. Diese Deutung wurde obendrein nicht als eine mögliche, sondern als die richtige vorgetragen.[12] Ganze Gileadklassen gingen in ihr Zuteilungsland mit dieser Ansicht, von der ihre Brüder alle noch nie gehört hatten.

Keiner dieser Fälle aber wurde in der Sitzung angesprochen, und mir lag auch nichts daran, davon anzufangen.[13] Ich spürte aber, daß da im Unter­grund etwas schwelte, das früher oder später zu Tage treten würde. Und wenn es so weit wäre, darüber hatte ich keinen Zweifel, dann würde es sich mit voller Wucht gegen mich und Edward Dunlap richten, der dem Gremium nicht angehörte, und nicht gegen einen der Genannten.

10.2.4 Ausstieg aus dem Dienstkomitee erwogen, um kein Stolperstein für andere zu sein?

Ich hatte schon erwogen, mich aus dem Dienstkomitee zurückzuziehen wegen der Einstellung, die mehrere seiner Mitglieder hatten, und nur noch im Schreibkomitee mitzuarbeiten. In einem Gespräch mit Robert Wallen, der Sekretär des Dienstkomitees war (aber nicht zur leitenden Körperschaft zählte), erwähnte ich, daß ich fast so weit sei, aus dem Komitee auszustei­gen.[14] Seine Reaktion war: „Das kannst du doch nicht machen! Es muß doch ein Gegengewicht in dem Komitee geben.“ Er bedrängte mich, meinen Entschluß rückgängig zu machen.

Doch dieselbe feindselige Einstellung, die in der Sitzung vom 14. November 1979 zu erleben gewesen war, kam auch in einer anderen Sitzung wieder zum Vorschein. Dieses Mal ging es, wie erwartet, direkt gegen mich. Lloyd Barry, der die Aufgabe hatte, jede Ausgabe des Wachtturms zusammenzustellen [222] und für die Veröffentlichung vorzubereiten, äußerte sich sehr besorgt darüber, daß ich eine ganze Anzahl von Wachtturm-Artikeln (er nannte die genaue Zahl), die durch das Schreibkomitee gegangen waren, nicht abgezeichnet hätte. (Jeder für die Veröffentlichung bestimmte Artikel ging erst an alle fünf Komiteemitglieder, und ihr Zeichen auf dem Deckblatt bedeutete ihre Zustimmung.) Ich verstand zwar nicht, weshalb er, statt mich vorher in einer Sitzung des Schreibkomitees daraufhin anzusprechen, das nun vor versammelter Mannschaft vorbrachte, gab aber zu, daß er recht hatte. Erstaunt war ich nur, die genaue Anzahl der Artikel, um die es ging, zu hören, denn ich hatte sie gar nicht gezählt. Er hatte es getan.

10.2.5 Fehlendes Zeichen der Zustimmung auf dem Deckblatt, wo das Gewissen mit dem Artikelinhalt nicht einig ging. Vom freiwilligen Rücktritt abgebracht.

Als Begründung sagte ich, daß ich in diesen Fällen ganz einfach aus Gewissensgründen nicht hatte mein Zeichen machen können. (Manche Artikel stammten vom Präsidenten und behandelten die Prophezeiungen Jeremias, wobei die angebliche prophetische Rolle der Organisation und bestimmte Daten, wie 1914 und 1919, stark herausgehoben wurden.) Ich hatte weder versucht, die Veröffentlichung dieser Artikel irgendwie zu behindern, noch hatte ich eine Streitfrage daraus machen wollen. Das Fehlen der Unterschrift bedeutete lediglich Enthaltung, nicht Widerspruch. Wenn das ein Problem sei, so erklärte ich vor allen Anwesenden, wenn es unerwünscht sei, daß jemand aus Gewissensgründen seine Unterschrift nicht gebe, dann sei die Lösung einfach: Man könne jemand anders für das Schreibkomitee einsetzen, dem es keine Gewissensbisse bereite, seine Zustimmung zu geben. Zugleich erwähnte ich, daß ich mit dem Gedanken gespielt hätte, von meinem Posten im Dienstkomitee zurückzutreten, um mehr Zeit für die Arbeit in der Schreibabteilung zu gewinnen. Ich überließ die Entscheidung ganz den anderen und sagte ihnen, daß mir jede Lösung recht sei.

Nach der Sitzung sprach mich Lyman Swingle, damals Koordinator sowohl des Schreibkomitees wie auch der Schreibabteilung. in seinem Büro an und meinte: „Das kannst du mir doch nicht antun! Wenn sie von sich aus einen anderen im Schreibkomitee einsetzen, meinetwegen. Aber biete ihnen bloß nicht selber den Rücktritt an!“ Er war richtig aufgebracht. Ich erwiderte, daß ich das alles der leitenden Körperschaft überlassen wolle; ich hätte aber die Zwistigkeiten satt und sei froh über alles, was den auf mir lastenden Druck wenigstens zum Teil reduziere. Noch einmal drängte er mich.

Man beließ mich in meinen Positionen.

Trotzdem hatte ich eine starke Vorahnung, daß sich etwas zusammen­braute. Doch daß ich mich nur sechs Monate später in einem Hexenkessel fast fanatischer Verfolgung wiederfinden würde, daß die leitende Körperschaft­ mit drastischen Maßnahmen einschreiten würde gegen etwas, das sie als Verschwörung großen Stils ansah, durch die die Organisation in ihren Grundfesten bedroht sei – das konnte ich damals noch nicht wissen. Im Folgenden will ich darlegen, was diese angebliche gefährliche Verschwö­rung eigentlich war, so daß jeder selbst abschätzen kann, wie „gewaltig“ deren Ausmaße waren, wie schwer die „Vergehen“ der Beteiligten waren, [223] welche Geschehnisse zu der sogenannten Säuberung im Frühjahr 1980 führten, und ob die Bedrohungsangst. die in der Organisation entstand und die bis zum heutigen Tage vorherrscht, wirklich begründet war.

10.2.6 Zweifel an der gängigen Lehrmeinung, Jesu sei nur Mittler der Gesalbten

Am 16. November 1979, einen Tag vor meiner Abreise nach Paris, der ersten Station in Richtung Westafrika. leitete der Präsident der Gesellschaft die morgendliche Bibeltextbesprechung. da er in dieser Woche gerade den Vorsitz hatte. In seinem Kommentar sagte er, einige zögen die Ansicht der Gesellschaft in Zweifel (die in einer der letztenWachtturm-Ausgaben erschienen war), daß Jesus Christus nur der Mittler der „Gesalbten“ sei und nicht auch der übrigen Millionen Zeugen Jehovas[15] Von diesen Zweiflern sagte er:

„Sie möchten alle miteinander vermengen und Jesus Christus zum Mittler für jeden Tom, Dick und Harry machen.“

Unwillkürlich mußte ich an all die Toms und Dicks und Harrys denken, die es unter den anwesenden Mitarbeitern der Weltzentrale gab, und ich fragte mich, was sie dabei wohl dachten. Mir war bekannt, daß über dieses Thema viel gesprochen wurde, zum Teil sehr negativ.

Der Präsident betonte dann, daß die Lehre der Gesellschaft richtig sei. Der einzige Bibeltext. den er dabei anführte, war aus Hebräer, Kapitel 12, und zwar die Worte:

„Was ihr erduldet, dient euch zur Züchtigung. Gott handelt mit euch als mit Söhnen. Denn welchen Sohn wird ein Vater nicht züchtigen? Wenn ihr aber ohne die Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, seid ihr wirklich illegi­time Kinder und nicht Söhne.“

Als Veranschaulichung gebrauchte er das Bild der Züchtigung eines Pferdes, das lernen soll, im Kreis zu gehen: „Hin und wieder sind vielleicht ein paar Peitschenhiebe nötig, um das Tier dazu zu bringen.“ Er forderte jeden, der die Lehre der Gesellschaft in diesem Punkt anzweifelte, auf stillzuhalten, die Züchtigung anzunehmen und „zu zeigen, daß er den Mummhat, weiter treu zu bleiben!“[16]

Am Abend desselben Tages flog ich nach Paris ab, doch noch tagelang fühlte ich mich angewidert, nicht nur von diesen Worten, sondern von der ganzen Haltung, mit der das Problem angegangen wurde, und von dem Geist, den ich bereits in den letzten Jahren erlebt hatte.

10.2.7 In New York wird ein „anderes Evangelium“ verbreitet als das des Jesus Christus!

Für mich ging aus der Bibel klar hervor, daß Jesus Christus seine Mittlerdienste jedem Tom, Dick und Harry anbot, um sie mit Gott zu versöhnen. Und er legte sein Leben für alle Menschen nieder als ein Loskaufsopfer, dessen Wohltaten allen und jedem zugänglich waren, der sie annehmen wollte. Das war genau das Gegenteil dessen, was dort in der Weltzentrale verkündet worden war. Es hatte den Anschein, als bekämen wir „ein [224] anderes Evangelium“ zu hören, nicht die gute Botschaft, die uns die inspirierten Bibelschreiber des 1. Jahrhunderts übermittelt hatten.

Das vorletzte Land in Afrika, das ich besuchte, war Mali. Die meisten Missionare dort stammten aus Frankreich. Nachdem ich mit großer Mühe in Französisch einige Punkte vorgetragen hatte, die ich in jedem Land mit den Missionaren besprach, fragte ich, ob Fragen bestünden. Als zweite Frage kam: „Der Wachtturm sagt, Jesus sei nur der Mittler für die Gesalbten, nicht für uns übrige. Könntest du uns das bitte näher erklären? Heißt das, daß er nicht einmal im Gebet unser Mittler ist?“

Hätte ich es darauf abgesehen Zweifel zu säen, so wäre das sicher eine günstige Gelegenheit gewesen. Ich bemühte mich aber, sie zu beruhigen, und verwies auf 1. Johannes, Kapitel 2, Vers 1, wo von Jesus als dem „Helfer“ derer gesprochen wird, für die er ein „Sühnopfer“ ist, auch für die „der ganzen Welt“. Selbst wenn sie Jesus nicht als ihren Mittler ansehen könnten, sagte ich, so doch bestimmt als ihren Helfer. Und sie könnten ganz sicher annehmen, daß er an ihnen ebenso sehr interessiert sei wie an sonst irgendjemand auf Erden.

Ich hatte den Eindruck, sie damit hinreichend beschwichtigt zu haben, und zugleich hatte ich die Aussagen des Wachtturm in keiner Weise in Zweifel gezogen.

Ein paar Tage später allerdings, als ich zum Flugplatz fahren wollte, um nach Senegal weiterzureisen, kamen die Missionare vorbei, um Abschied zu nehmen und eine der Missionarinnen trat zu mir und fragte: „Aber ist Jesus nicht wenigstens im Gebet unser Mittler?“ Ich konnte nichts weiter tun, als im Wesentlichen nur das zu wiederholen und noch einmal zu betonen, was ich bereits bei der Zusammenkunft im Missionarheim gesagt hatte.

Nach etwa drei Wochen traf ich wieder in Brooklyn ein. Mir war nichts zugestoßen in Afrika; nur einmal war nachts der Zug entgleist, als ich gerade auf der 20stündigen Fahrt von Wagadugu (Obervolta, seit 1984 Burkina Faso) nach Abidschan in der Elfenbeinküste war.

Am Morgen nach meiner Rückkehr saßen beim Frühstück neben mir ein Mitglied eines Zweigkomitees und seine Frau, die zu Besuch weilten. Kaum hatte die Mahlzeit begonnen, wollte die Frau wissen, ob sie mir eine Frage stellen könne. Ich erwiderte: „Fragen stellen kannst du. Ob ich sie dir beantworten kann, weiß ich nicht.“ Sie sagte, am Abend zuvor habe sie demWachtturm-Studium beigewohnt, in dem ein Artikel über die Mittlerrolle Christi behandelt worden sei. Und dann stellte sie haargenau dieselbe Frage wie die Missionarin in Mali. Ich gab ihr dieselbe Antwort.

Das folgende Wochenende mußte ich in New Jersey einen Vortrag halten, und hinterher kam eine Zuhörerin zu mir, eine aktive Zeugin, die sagte, sie habe einige Fragen. Es waren drei Fragen, und die zweite hatte mit der Mittlerrolle Christi zu tun. Und wieder gab ich dieselbe Antwort.

Ich erwähne diese Vorgänge, weil sie veranschaulichen, wie ich vorging, wenn mir in offizieller Funktion Fragen zu Lehrpunkten der Organisation gestellt wurden. Hatte ich Zweifel über die biblische Grundlage einer Lehre [225] der Organisation, so besprach ich diese nur mit alten, vertrauten Freunden, die (soweit es Männer waren) alle ein Ältestenamt bekleideten. Bis 1980 gab es außer meiner Frau nur vier oder fünf Menschen auf der Erde, die überhaupt etwas von meinen Bedenken wußten, und auch von ihnen kannte keiner alle Gründe für diese Bedenken. Dazu hätte es eines Buches wie diesem bedurft.

10.3 Auf dem Abstellgeleise im Sackbahnhof angelangt
10.3.1 Keine Bereitschaft der leitenden Körperschaft vorhanden sich Zweifelsfragen zu stellen. Dogmatismus, wo Bereitschaft zum Überprüfen notwendig wäre.

Ich war mir aber völlig sicher, daß es zahlreiche andere Zeugen Jehovas gab, die viele meiner Bedenken teilten.[17] Was ich in der leitenden Körperschaft erlebt hatte, gab keinen Anlaßzu der Annahme, daß man sich diesen Bedenken zu stellen gewillt war, geschweige denn ihnen die gebührende Aufmerksamkeit widmen würde, indem man in der Bibel sorgfältig nach­forschte und dann auf der Grundlage dessen, was man dabei fand oder nicht fand, eine Entscheidung traf, und nicht einfach nur auf der Grundlage der eingefahrenen traditionellen Ansichten.

Meine Erfahrungen ließen vielmehr erwarten, daß man jede offene Diskus­sion solcher Probleme für äußerst gefährlich halten und als Zeichen der Illoyalität gegenüber der Organisation auslegen würde. Man hielt augenscheinlich die Einheit (besser Gleichförmigkeit) für wichtiger als die Wahrheit. Fragen der Lehre konnte man wohl im inneren Führungszirkel der leitenden Körperschaft diskutieren, doch nirgendwo sonst. Und wenn die Debatte im engen Kreis auch noch so hitzig war, nach außen mußte der Schein der Einmütigkeit gewahrt werden, selbst wenn dabei schwere Differenzen unter den Teppich gekehrt wurden.

In der Heiligen Schrift fand ich nichts, womit diese Verstellung zu rechtfer­tigen gewesen wäre, denn der Beweis für ihre Echtheit lag ja gerade in ihrer Freimütigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit. Differenzen unter den ersten Christen wurden offen zugegeben, auch bei den Ältesten und Aposteln. Und was noch wichtiger war, in der Bibel gab es keinen Hinweis darauf, daß Diskussionen sich auf einen so begrenzten, nach außen abgeschirmten Kreis von Männern beschränken müßten, deren geheime Zweidrittelbe­schlüsse von allen Christen als „geoffenbarte Wahrheit“ zu akzeptieren seien. Die Wahrheit brauchte meiner Ansicht nach keine offene Diskussion zu fürchten und sich auch der sorgfältigen Nachforschung nicht zu entzie­hen. Wenn eine Lehre dagegen abgeschirmt werden müßte, verdiente sie es auch nicht, aufrechterhalten zu werden.

10.3.2 Eduard Dunlop, der Registrator der Gileadschule mit tiefster Erkenntnis der biblischen Zusammenhänge

Seit meiner Arbeit an dem Nachschlagewerk Hilfe zum Verständnis der [226] Bibel hatte ich einen engen Kontakt mit Edward Dunlap. Ich lernte ihn 1964 kennen, als ich einen zehnmonatigen Kursus an der Gileadschule absol­vierte. Er war damals Registrator der Schule und zugleich einer der vier Dozenten. Unsere Klasse (die 39.) umfaßte etwa 100 Personen, fast alle waren Mitarbeiter von Zweigbüros. Man kann wohl sagen, daß sein Unter­richt nach Meinung der Mehrzahl der Teilnehmer bei weitem am meisten zu einem tieferen Verständnis der Bibel beitrug.[18] Ed stammte aus Okla­homa und war von einer etwas urwüchsigen Erscheinung. Er hatte nur einfache Schulbildung, konnte aber meisterhaft die schwierigsten und kompliziertesten Sachverhalte in verständlicher Sprache erklären, ob es sich dabei nun um die Anwendung des mosaischen Gesetzes oder Forschun­gen auf dem Gebiet der Genetik handelte. Noch wichtiger für mich war aber seine einfache, schlichte Wesensart. Sieht man einmal von seiner Vorliebe für grelle bunte Krawatten ab, war er im Kern ein zurückhaltender, unauffälliger Mensch, was Aussehen, Verhalten und Redeweise anging. Ganz gleich, mit wieviel Verantwortung die Aufgabe verbunden war, die ihm aufgetragen war, er blieb stets derselbe.

Seine Persönlichkeit spiegelte sich meines Erachtens sehr gut in einer Äußerung, die er mir gegenüber bei einer Semesterabschlussprüfung machte. Wir hatten im Unterricht die Briefe des Apostels Paulus bespro­chen, und jede Woche gab es einen Test über den behandelten Stoff. Im allgemeinen wurde dabei auch nach dem wahrscheinlichen Abfassungsort und -zeitpunkt gefragt. Das war kein Problem, solange es nur um einen einzigen Brief ging. Als aber die Abschlußprüfung bevorstand, wurde mir bewußt, daß jetzt alle 13 Briefe des Apostels Paulus auf einmal an der Reihe waren, und es war erheblich schwieriger, die Orte und Zeiten für sie alle im Kopf zu behalten. In der Bibel sind sie nicht chronologisch angeordnet. Ich mühte mich lange damit ab und erdachte mir schließlich ein System, wie ich mir alle merken konnte.

Die Prüfung kam, und wir hatten zwei Stunden Zeit, alle Fragen zu beantworten. Ich war etwas früher fertig, und als ich aus dem Raum ging, begegnete ich Ed. Erfragte: „Na, wie war’s?“ Ich antwortete: „Ach, gar nicht so schlimm. Aber eines werde ich dir nie vergessen.“ Er wollte wissen, was ich damit meinte. Darauf sagte ich: „Ich habe mich wie wahnsinnig angestrengt, ein System zu entwickeln, wie ich Zeit und Ort der Nieder­schrift für jeden Brief im Gedächtnis behalten kann, und dann stellst du nicht eine einzige Frage darüber!“ Er nahm meine Antwort ernster, als sie gemeint war, und erwiderte: „Weißt du, warum ich darüber keine Fragen in der Abschlußprüfung stelle? Ich kann mir das selber alles nicht merken.“ Es gab an der Schule vier Dozenten: Ulysses Glass, Bill Wilkinson, Fred Rusk und Ed Dunlap. Man tut wohl keinem Unrecht, wenn man sagt, daß nur von [227] Ed eine solche Antwort hätte kommen können. Sie war typisch für seine bescheidene Art.

Er war der Organisation stets voll und ganz ergeben und hatte ebensolange wie ich im Vollzeitdienst gestanden. Und noch etwas anderes zeigt, was für ein Mensch er war: Ende der sechziger Jahre zog er sich eine Entzündung des großen dreigeteilten Gesichtsnervs zu, von den Medizinern Trigeminus­neuralgie genannt, eine der schmerzhaftesten Erkrankungen beim Men­schen überhaupt. Jeder kleine Windhauch, jede leichte Berührung, die den Nerv erregte, konnte die stechenden, fast blindmachenden Schmerzen auslösen. Verschlimmert sich das Leiden, kann das Opfer sich nicht einmal die Haare kämmen, die Zähne putzen oder essen, ohne dabei einen Anfall zu riskieren. Manche werden davon zum Selbstmord getrieben.

Ed litt darunter sieben Jahre. Manchmal besserte sich sein Zustand, dann wurde es wieder schlimmer. Während dieser Zeit gelangte Nathan Knorr, der Präsident, irgendwie zu der Auffassung (möglicherweise aufgrund von Bemerkungen Dritter), es handle sich gar nicht um ein körperliches Leiden, sondern mit Eds Gefühlsleben stimme etwas nicht. So kam er einmal zu ihm und unterhielt sich mit Ed, um ihn über sein Eheleben auszuforschen und über andere Dinge, die mit der Krankheit zusammenhingen. Ed versicherte ihm, dies alles habe mit seiner Krankheit absolut gar nichts zu tun; im Urlaub könne es ihm glänzend gehen und doch kämen dann plötzlich die Anfälle. Diesen Erklärungen zum Trotz teilte der Präsident ihm mit, er habe beschlossen, ihn für eine Weile in der Druckerei arbeiten zu lassen, damit er mehr körperliche Betätigung habe. Er solle in die Buchbinderei gehen.

Ed war damals über sechzig; seit einiger Zeit schon stand er unter starken Medikamenten, die ihm der Betriebsarzt verschrieben hatte, um die schmerzhaften Anfälle zu unterdrücken. Tage- und wochenlang mußte er wegen seines Leidens das Bett hüten. Und jetzt wurde er in die Buchbinderei versetzt, wo er am Fließband stand und ununterbrochen Material in eine Maschine eingeben mußte. Er tat das mehrere Monate hindurch ohne Widerrede und bemühte sich, das Beste aus seiner „theokratischen“ Zutei­lung zu machen. Wie er mir aber anvertraute, kam ihm dabei zum ersten Mal so richtig zu Bewußtsein, welche absolute Herrschaft die Organisation über sein Leben ausübte. Seine Versuche, die Krankheit näher zu erklären, wurden einfach übergangen, und dann wurde ihm ohne das geringste Mitgefühl genau der Arbeitsplatz zugewiesen, der für jemand mit seinem Leiden am ungeeignetsten war.

Ein paar Jahre später, als er schon fast völlig verzweifelt war, hörte er von einem Neurochirurgen in Pittsburgh, der glaubte, die Ursache dieses uralten Leidens gefunden zu haben, und der in der Mikrochirurgie so weit vorange­kommen war, daß er Abhilfe schaffen konnte. Ed ließ den operativen Eingriff vornehmen. Dazu mußte der Schädel teilweise geöffnet werden, um an die Arterie zu gelangen, die parallel zu dem entzündeten Nerv verlauft. Das führte endlich zu seiner Heilung. Er erwartete nicht, daß die Organisation [228] sich für den schweren Irrtum bei der Einschätzung seiner Krankheit und für die Behandlung, die er erfahren hatte, bei ihm entschuldigte. Sie tat es auch nicht.

Unsere Arbeitsplätze lagen all die Jahre hindurch, sowohl bei der Arbeit am Hilfe-Buch wie auch später, fast unmittelbar nebeneinander, und so unter­hielten wir uns regelmäßig. Jeder ließ den andern teilhaben an dem Interessanten, auf das er bei seinen Nachforschungen gestoßen war. Bei verschiedenen Buchprojekten hatten wir von der leitenden Körperschaft den Auftrag, sie gemeinsam zu erarbeiten, wie zum Beispiel beim Kommen­tar zum Jakobusbrief. Wir stimmten nicht in allem überein, doch tat das unserer Freundschaft und unserer gegenseitigen Achtung keinen Abbruch. Ich erwähne dies alles, weil Edward Dunlap zu den wenigen gehörte, die meine schweren Bedenken hinsichtlich der Organisation und besonders der Abläufe in der leitenden Körperschaft kannte. Er dachte darüber genauso. Wie auch ich konnte er das, was er sah, hörte und las, nicht mit der Bibel in Einklang bringen.

10.3.3 Himmlische oder irdische Hoffnung? Veränderte „Erkenntnis“ oder Neuauflagen alter Lügen die bei Hymenäus begannen?

Obwohl er der Organisation schon seit Anfang der dreißiger Jahre angehörte, zählte er sich fast die ganze Zeit hindurch nicht zu den „Gesalbten“. Ende der siebziger Jahre sprach ich ihn einmal daraufhin an, und er erzählte, im Wachtturm habe damals, als er neu dabei war, gestanden, es gebe zwei Klassen, die himmlisches Leben erhalten würden, die „Erwählten“ (die 144000) und die „große Schar“ (oder „große Volksmenge“ aus Offenbarung, Kapitel 7). Von der „großen Schar“ hieß es, das seien Christen mit geringe­rem Glauben als die „Erwählten“, die darum zwar auch himmlisches Leben erhalten, doch nicht zu denen gehören würden, die mit Christus als Könige und Priester herrschen sollten. Da die eine Klasse einen höheren Rang hatte als die andere, dachte Ed, wie es für ihn typisch war, er gehöre der niederen Klasse an, der „großen Schar“.

Dann kam das Jahr 1935, und auf dem Kongreß in Washington verkündete Richter Rutherford die „geoffenbarte Wahrheit“, daß nach der Bibel die „große Schar“ nicht zu himmlischem, sondern zu irdischem Leben bestimmt sei. Ed sagte, er habe immer die Hoffnung auf ein Leben im Himmel gehabt und geglaubt, es könne nichts Herrlicheres geben, als in der Gegenwart Gottes gemeinsam mit seinem Sohn zu dienen. Da nun die Organisation aber ihre Lehre geändert hatte, unterdrückte er diese Hoffnung und gab sich mit dem zufrieden, was er als einer aus der „großen Schar“ erhoffen sollte.

Erst im Jahr 1979 rang er sich zu dem klaren Entschluß durch, daß keine menschliche Organisation die Einladung der Heiligen Schrift ändern konnte, indem sie ein Jahr festlegte, von dem ab eine Hoffnung nicht mehr offenstehen sollte, die die Bibel jedem eröffnete, der sie ergreifen wollte, heiße er nun Tom, Dick, Harry oder Ed. So begann er 44 Jahre nach 1935, beim Abendmahl vom Brot und Wein zu nehmen, was bei Jehovas Zeugen nur die „Gesalbten“ tun.

Wenn gefragt wird, wie denn jemand weiß, ob er zur Gruppe der „Gesalbten“ [229] mit himmlischer Hoffnung gehört, so wird als Standardantwort auf die Worte des Apostels Paulus inRömer, Kapitel 8, Verse 16, 17, verwiesen:

„Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Wenn wir also Kinder sind, sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes, doch Miterben mit Christus, vorausgesetzt, daß wir mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.“

Gemäß der offiziellen Lehre können nur die zu den 144 000 Gehörenden dieses Zeugnis des Geistes haben, und dieses sage ihnen, daß sie zu der ausgewählten Gruppe der 144000 gehören, die allein himmlisches Leben erhoffen können. Alle übrigen könnten sozusagen nur „voraussichtliche“ Kinder Gottes sein, und ihre Hoffnung müsse sich auf die Erde beschränken. Als Ed den Text im Zusammenhang las, vom Beginn des Kapitels an, wurde ihm klar, daß Paulus hier tatsächlich von zwei Gruppen sprach. Diese unterschieden sich jedoch nicht durch ihre Hoffnung auf zukünftiges himmlisches oder irdisches Leben.

10.3.4 Von welchem Geist lässt du dich leiten? „Alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“!

Bei den zwei Gruppen oder Klassen handelte es sich vielmehr einerseits um diejenigen, die sich vom Geist Gottes leiten ließen, und andererseits um die, die sich vom sündigen Fleisch beherrschen ließen.

Der Apostel hebt nicht den Gegensatz zwischen Leben im Himmel und Leben auf der Erde hervor, sondern den zwischen Leben und Tod überhaupt, zwischen Freundschaft mit Gott und Feindschaft mit Gott. In den Versen 6 bis 9 heißt es hierzu:

„Denn das Sinnen des Fleisches bedeutet Tod, das Sinnen des Geistes aber bedeutet Leben und Frieden, weil das Sinnen des Fleisches Feindschaft mit Gott bedeutet, denn es ist dem Gesetz Gottes nicht untertan und kann es tatsächlich auch nicht sein, So können denn die, die mit dem Fleisch in Übereinstimmung sind, Gott nicht gefallen. Ihr dagegen seid nicht in Übereinstimmung mit dem Fleisch, sondern mit dem Geist, wenn Gottes Geist wirklich in euch wohnt. Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, so gehört dieser ihm nicht an.“

In diesem Text ging es Paulus nicht um das Problem von himmlischem oder irdischem Leben, sondern einfach darum, ob jemand gemäß dem Geist Gottes lebte oder sich vom sündigen Fleisch leiten ließ. Paulus stellte klar, daß es nur eines gab: Entweder hatte man Gottes Geist und brachte dessen Früchte hervor, oder man stand in Feindschaft zu Gott und gehörte Christus nicht an. Ohne diesen Geist konnte es „Leben und Frieden“ nicht geben, nur den Tod. Hatte aber jemand den Geist Gottes, so war er ein Sohn Gottes, denn Paulus sagt (Vers 14):

„Denn alle, die durch Gottes Geist geleitet werden, diese sind Söhne Gottes.“ [19] [230]

Dabei fiel Ed auf, daß Paulus nicht sagt, einige, sondern „ALLE, die durch Gottes Geist geleitet werden“, sind seine Söhne, seine Kinder. Wer durch den Geist geleitet wird, dem „bezeugt“ der Geist dies, wozu auch dessen Wirken in ihrem Leben zahlt, so wie es von Abel, Henoch, Noah und anderen in der Bibel ganz ähnlich heißt, sie „erlangten Zeugnis“, daß sie Gott wohlgefielen.[20]

Von welcher Tragweite dies alles war, wird sich im Verlauf der Schilderung der weiteren Ereignisse zeigen.

An dieser Stelle möchte ich nur noch anfügen, daß Ed meine hauptsächli­chen Bedenken teilte, besonders was den Dogmatismus und den autoritären Geist betraf, der in allem sichtbar wurde. Wie ich war er der Ansicht, daß die menschliche Autorität, sobald sie ihre Grenzen überschreitet, unweigerlich die Rolle Christi als Haupt der Versammlung überdeckt.

10.3.5 Rene Vasquez, Mitarbeiter der Dienstabteilung im Bereich spanischsprechende Versammlungen

Kurz nach meiner Rückkehr aus Afrika besuchte uns ein alter Freund in unserem Privatzimmer im Wohntrakt der Weltzentrale. Er hieß Rene Vazquez und war mir seit etwa 30 Jahren bekannt. Kennengelernt hatte ich ihn auf Puerto Rico in der Stadt Mayaguez, wo er bei seinem Vater und dessen zweiter Frau wohnte. Rene war damals noch ein Schüler. Sowohl sein Vater wie auch dessen Frau waren strikt dagegen, daß er mit Jehovas Zeugen die Bibel studierte. Ihr Widerstand wurde so heftig, daß Rene eines Abends nach seinem Bibelstudium, das bei Missionaren der Zeugen daheim abgehalten wurde, meinte, es nicht länger ertragen zu können. So übernach­tete er im Freien auf einer Parkbank. Tags darauf suchte er seinen Onkel und seine Tante auf und fragte sie, ob er zu ihnen ziehen dürfe. Sie erklärten sich einverstanden, und wenn sie auch nicht viel von den Zeugen Jehovas hielten, so waren sie doch tolerant. Nach seinem Schulabschluß nahm Rene sofort den Vollzeit- oder „Pionier-„Dienst auf.
Im Jahr 1953 besuchte er einen Kongreß in New York, worauf er sich einschloß, in den USA zu bleiben. In Michigan lernte er ein junges Mädchen kennen, heiratete und war mit ihr gemeinsam im Pionierdienst tätig. Sie wurden gebeten, als reisende Beauftragte der Gesellschaft die spanischspre­chenden Versammlungen im Westen der USA reihum zu besuchen. Später absolvierten sie die Gileadschule und wurden dann nach Spanien gesandt. Dort wurde Rene bald zum Bezirksaufseher ernannt. Offiziell war das Werk der Zeugen im Land verboten, und so mußten er und seine Frau Elsie bei ihren Reisen kreuz und quer durch Spanien ständig Angst haben, von der Polizei entdeckt, verhaftet und deportiert zu werden. Alle Versammlungen fanden heimlich statt. Nach jahrelanger Untergrundtätigkeit war Rene eines Tages mit den Nerven am Ende. Elsie und er waren inzwischen sieben Jahre in Spanien. Da seine Gesundheit angegriffen war, und weil Elsies Familie Beistand brauchte, kehrten sie in die USA zurück, mußten aber das Geld für die Reise selbst aufbringen, so daß sie bei ihrer Ankunft ohne einen roten Heller dastanden. [231]

Die einzige Arbeit, die Rene nun finden konnte, war in einem Stahlwerk, wo er schwere Lasten heben mußte. Da er sehr schmächtig gebaut war, brach er gleich am zweiten Tag zusammen und mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Er fand später eine andere Arbeit, und sobald sie ihre Schulden bezahlt hatten, gingen seine Frau und er wieder in den Pionierdienst. Im Laufe der Zeit wurde er Kreis- und Bezirksaufseher, und schließlich erhiel­ten sie eine Einladung zur Mitarbeit in der Weltzentrale in Brooklyn. Dort leitete Rene den Bereich der Dienstabteilung, von dem aus die spanischspre­chenden Gemeinden in den USA betreut wurden, in denen es ungefähr 30 000 Zeugen gab. Diese Stellung hatte er inne bis 1969; dann wurde Elsie schwanger, und das bedeutete für sie, daß sie ihren „Betheldienst“ auf­geben mußten.

Rene sagte mir damals, er wolle in New York bleiben, und zwar nicht, weil er die Stadt so sehr mochte, sondern weil er hoffte, dann irgendwann, sobald seine Umstände es gestatteten, wieder etwas für die Weltzentrale tun zu können. Nach ein paar Jahren arbeitete er zwei Tage pro Woche unentgelt­lich als Aushilfe wieder mit, übersetzte ins Spanische, führte Regie bei den Tonaufnahmen für die Kongreß-Bühnenstücke in Spanisch und machte in den zahlreichen spanischsprechenden Gemeinden in und um New York Kurzbesuche als Kreisaufseher. Früher war er eine Zeitlang in Portugal gewesen, und als in New York portugiesische Gruppen entstanden, frischte er seine Sprachkenntnisse auf und kümmerte sich auch um diese.

Ich glaube nicht, daß es in Renes über 30jähriger Tätigkeit in der Organisa­tion für irgend jemand in Puerto Rico, Spanien oder den USA je einen Grund gab, etwas an seinem Dienst zu bemängeln. Er war von Natur aus sanft, doch zugleich bestimmt, Er beherrschte die Kunst, fest zu bleiben und dabei doch nie hart zu sein. Dieser Beurteilung dürfte meines Erachtens niemand, der mit Rene Vazquez je zu tun hatte, widersprechen können, auch wenn heute seine Situation eine ganz andere ist, wie gleich zu berichten sein wird. Wenn er einen Fehler hatte, dann- wie er selber zugibt – den, daß er zu gutmütig war und keine Bitten abschlagen konnte, besonders von Seiten der Wacht­turm-Gesellschaft. Heute erkennt er, daß seine Familie darunter unnötig leiden mußte.

So hatten er und seine Frau beispielsweise jahrelang keinen richtigen Urlaub mehr gehabt und gerade alles für eine Reise nach Spanien vorberei­tet. Kurz vor der Abfahrt rief Harley Miller, der damalige Leiter der Dienstabteilung, an und bat Rene, während dieser Zeit im Kreisdienst tätig zu sein. Eine Zuteilung der „Organisation des Herrn“ hatte Rene nie abgelehnt, und so willigte er ein. Seine Frau fuhr dann mit ihrer Mutter nach Spanien.

Rene wohnte nicht weit vom Flughafen La Guardia, und Mitarbeiter der Dienstabteilung. unter ihnen Harle Miller, riefen ihn gewohnheitsmäßig an, um ihn zu bitten, sie vom Flughafen abzuholen und ins Bethel zurückzu­fahren, wenn sie am Wochenende von einer Vortragsreise mit dem Flugzeug eintrafen. Manchmal kamen die Maschinen um Mitternacht oder noch[232] später an. Für mich wollte Rene das ebenso tun, er bestand sogar darauf, und ich nahm sein Angebot an, bis ich erfuhr, in welchem Ausmaß man seine Hilfsbereitschaft ausnutzte. Für meine Begriffe ging das entschieden zu weit, und darum bemühte ich mich von da an – von seltenen Ausnahmen abgesehen – um andere Transportmöglichkeiten.

10.4 Eine Verschwörung oder eher Frustration einer kleinen Minderheit angesichts einer verkalkten, veränderungsscheuen Elite?
10.4.1 Drei Rädelsführer einer Verschwörung: Ray Franz, Ed Dunlop und Rene Vasques?, oder einfach Männer mit etwas mehr Charakterstärke dem Gewissen zu gehorchen?

Ich glaube, wenn man die leitende Körperschaft befragen könnte, wen sie als die Rädelsführer der „Verschwörung gegen die Organisation“, gegen die sie mit so massiven Mitteln vorging, bezeichnen würde, so kämen dabei wir drei heraus: Ed, Rene und ich. Dabei waren wir drei nie auch nur ein einziges Mal zusammen. Mit Rene habe ich mich in der fraglichen Zeit vielleicht zweimal länger unterhalten. Bei Ed und Rene war es genauso. Und welcher angeblich so schlimmen Missetaten haben wir uns schuldig gemacht? Ganz einfach: Wir haben miteinander und mit engen Freunden über die Bibel gesprochen.

An dem Abend, als Rene zu uns aufs Zimmer kam, nahm er gerade an einem Schulungskurs der Gesellschaft für Älteste teil. Wir unterhielten uns über seine Eindrücke, die im großen und ganzen gut waren. Dann aber sagte er:
„Mir kommt es fast so vor, als ob wir Zahlen anbeten. Manchmal wünschte ich, wir könnten die Berichte ganz abschaffen.“ Mit Berichten meinte er das Verfahren, daß jeder Zeuge regelmäßig zu Ende des Monats einen Vordruck ausfüllt, in dem seine „Zeugnistätigkeit“ erfaßt wird: wieviele Stunden er eingesetzt, wieviele Schriften er verbreitet hat, und weiteres mehr.[21]

Mir kamen dabei Gedanken aus dem Programm des letzten Bezirkskongres­ses über „Glaube und Werke“ in den Sinn, die ich ins Gespräch brachte, und ebenso die Worte des Apostels Paulus dazu im Römerbrief. Ich war der Meinung, daß Paulus hier vor allem dazu aufforderte, die Menschen im Glauben stark zu machen; danach würden sich die Werke von allein ergeben, weil echter Glaube tätig ist und Werke hervorbringt, genau wie das auch bei echter Liebe der Fall ist. Man kann Menschen ständig drängen, Werke zu tun, und unter Druck mögen sie dem auch folgen. Doch wie weiß man, daß diese Werke aus Glaube und Liebe getan wurden? Und wenn das nicht der Fall ist, wie können sie dann überhaupt noch Gott angenehm sein? Das führte zu der logischen Folgerung, daß sieh Werke des Glaubens spontan ergeben mußten. Sie durften nicht aus Routine getan werden und an eine bestimmte Form gebunden sein, so wie auch Taten der Liebe spontan sein und nicht lediglich als Pflichtübung absolviert werden sollten, [233] für die andere den Rahmen abgesteckt haben, Organisatorische Hilfen sind nicht verkehrt, doch sollten sie der Vereinfachung dienen und nicht unterschwellig Druckmittel sein, um denen, die sie nicht nutzten, Schuld­gefühle einzupflanzen. Je mehr man versucht, Mitchristen Vorschriften über ihre Handlungen zu machen, desto mehr nimmt man ihnen in Wahrheit die Möglichkeit, sich von Glaube und Liebe antreiben zu lassen. Ich gab zu, daß es erheblich schwieriger und mühseliger ist, den Glauben und die Wertschätzung der Menschen durch die Bibel zu stärken, als anfeuernde Reden zu halten oder anderen Schuldgefühle einzupflanzen. Doch der schwerere Weg war meiner Ansicht nach der einzig schriftgemäße und angebrachte.

Das war es im wesentlichen, was wir besprachen. Die Berichtszettel waren zwar der Auslöser, kamen dann aber gar nicht mehr vor. Als ich Rene einige Zeit darauf auf einem Gang im Bürogebäude traf, erzählte er mir, daß ihm seine Tätigkeit im Kreis- und Bezirksdienst vielmehr Freude mache, seit er alles im Lichte der Worte des Apostels im Römerbrief sehe; auch seine Gespräche mit Ältesten würden dadurch gehaltvoller.

10.4.2 Ein offenes, privates Gespräch und Lauscher als Denunzianten

Ein paar Wochen später waren meine Frau und ich bei ihnen zum Essen eingeladen. In unseren ersten Jahren in New York waren wir vier in dieselbe spanische Versammlung in Queens gegangen, hatten uns aber seither selten gesehen. Vor dem Essen und auch hinterher wollte Rene sich über Haupt­punkte des Römerbriefs unterhalten. Ich fühlte mich ihm gegenüber ver­pflichtet – wenn auch nicht in demselben Maß wie gegenüber meiner Frau –, offen auf seine Fragen einzugehen und nicht auszuweichen. Wir kannten uns seit 30 Jahren, und ich wußte, daß er aufrichtig um ein Verständnis der Bibel bemüht war. Ich sprach mit ihm als Freund, nicht als offizieller Vertreter der Organisation, und wenn ich mit ihm über Gottes Wort sprach, so war ich dafür vor allem Gott verantwortlich, nicht Menschen oder einer Organisation. Hätte ich mich davon zurückgehalten, mit jemand wie ihm über klare biblische Lehren zu sprechen, wie könnte ich dann noch das sagen, was Paulus gemäß Apostelgeschichte, Kapitel 20, Verse 26, 27, zu den Ältesten in Ephesus sagte:

„Darum rufe ich euch am heutigen Tag auf, zu bezeugen, daß ich rein bin vom Blut aller Menschen, denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Rat Gottes mitzuteilen.“

Paulus wußte, daß man deswegen in der Synagoge von Ephesus schlecht von ihm sprach.[22] Daß meine Äußerungen ähnliche Folgen haben könnten, war mir ebenfalls klar.

Unter anderem unterhielten wir uns über den ersten Abschnitt des achten Kapitels des Römerbriefes, von dem hier bereits die Rede war. Ich wollte wissen, wie er Vers 14 verstehen würde, wo von der Vater-Sohn-Beziehung zu Gott gesprochen wird, wenn er dabei den Textzusammenhang beachtete. [234]

Er hatte diesen Text nie im Zusammenhang untersucht (was wohl auf praktisch alle Zeugen Jehovas zutrifft), und als er das nun tat, war seine spontane Reaktion bewegend. Was für andere Menschen offensichtlich ist, kann einen Zeugen Jehovas packen wie eine Offenbarung. Rene sagte: „Jahrelang war mir, als ob ich dem heiligen Geist widerstand, wenn ich die Christlichen Griechischen Schriften (das Neue Testament) las. Immer bezog ich die Worte auf mich, hielt dann aber plötzlich inne und sagte zu mir: ,Das hat ja auf dich gar keine Anwendung; diese Worte gelten doch nur den Gesalbten.'“

Wir beide und Gott wissen, daß ich ihn nicht beeinflußt habe, die Sache in neuem Licht zu sehen. Das bewirkten die Worte des Apostels von alleine, sobald sie erst im Zusammenhang gelesen wurden. Als ich ihm später zufällig kurz begegnete, sagte er, für ihn sei von da an die Bibel insgesamt lebendig geworden und habe eine viel tiefere Bedeutung gewonnen.

So seltsam es sich anhören mag, aber wenn ein Zeuge Jehovas (der keiner der rund 9000 „Gesalbten“ ist) zu dem Schluß kommt, daß die Worte der Bibel von Matthäus bis zur Offenbarung tatsächlich an ihn persönlich gerichtet und direkt auf ihn anzuwenden sind, und das nicht nur „im erweiterten Sinne“, dann wird damit der Weg frei zu einer Flut von weiteren Fragen, Fragen, die schon lange gärten, die aber keiner zu stellen wagte.

Wenn ich mir anschaue, mit wie viel Aufwand in der letzten Zeit die Bibel und die Tatsachen hingebogen werden, damit die Interpretationen der Organisation aufrechterhalten werden können, dann bin ich froh, daß ich mich nicht von der Angst um die Anerkennung einer Organisation davon zurückhalten ließ, wenigstens einige Menschen in dieser Frage auf die Sicht der Bibel aufmerksam gemacht zu haben.

Am 4. März 1980 reichte ich ein Urlaubsgesuch beim Personal-Komitee der leitenden Körperschaft für die Zeit vom 24. März bis zum 24. Juli ein. Meine Frau und ich waren der Ansicht, daß wir wegen unseres Gesundheitszustan­des eine längere Ortsveränderung brauchten. Während dieser Zeit wollte ich mich auch nach Arbeit und Wohnung umtun für den Fall, daß wir unsere Tätigkeit in der Weltzentrale aufgeben sollten. Wir besaßen rund 600 Dollar auf dem Sparbuch und ein sieben Jahre altes Auto; das war unser ganzes Vermögen.

Als erstes ließen wir uns gründlich ärztlich untersuchen. Dabei stellte sich heraus, daß bei mir ein erhöhtes Herzinfarktrisiko bestand.

10.4.3 Einladung zu Peter Gregerson nach Alabama: Zweifel an 1914 und an 1975

Auf Bezirkskongressen im Bundesstaat Alabama hatten wir vor einigen Jahren einen Zeugen Jehovas namens Peter Gregerson kennengelernt. Seither hatte er uns mehrfach eingeladen, in der Versammlung Gadsden in Alabama Vorträge zu halten. Peter Gregerson hatte sich im Bereich Alabama und Georgia eine kleine Supermarktkette aufgebaut. Als meine Frau und ich bei einer Zonenreise auch nach Israel kamen, begleiteten Gregerson und seine Frau uns, und wir bereisten das Land der Bibel zwei Wochen lang gemeinsam.

Peter Gregerson hatte sich damals sehr besorgt darüber geäußert, welche [235] Folgen die Voraussagen (oder waren es nur „Andeutungen“?) über 1975 gehabt hatten. Seiner Meinung nach wäre es ein schwerer Fehler, wenn die Gesellschaft weiterhin auf dem Jahr 1914 so lautstark beharren würde. Die Enttäuschung nach 1975 wäre gar nichts im Vergleich zu der, die es geben würde, wenn man von 1914 abrücken müsse. Darin gab ich ihm recht, doch mehr wurde über das Thema nicht gesprochen.

Als er von unseren Urlaubsplänen horte, drängte er uns, eine Zeitlang bei ihnen zu wohnen. Er richtete einen Wohnwagen für uns her, der einem seiner Söhne gehörte, und bot mir an, ich könne sein Grundstück pflegen, so daß wir einen Teil unserer Unkosten abdecken und ich mich dabei zugleich körperlich betätigen könnte, wie es der Arzt empfohlen hatte.

Peter Gregerson war schon von Kindesbeinen an bei den Zeugen Jehovas. Seine Eltern hatten ihn zu den Versammlungen mitgenommen, seit er vier Jahre alt war; kurz vorher waren sie zu den Zeugen Jehovas gestoßen. Als junger Mann war er Vollzeit-Pionierprediger“ geworden, und selbst nach Heirat und Ankunft des ersten Kindes hatte er darum gerungen, im Vollzeitdienst zu bleiben, und sieh seinen Lebensunterhalt durch Hausmei­stertätigkeit verdient.[23] Die Gesellschaft hatte ihn in sogenannte Problem­gebiete in Illinois und Iowa geschickt, wo er Mißstände beheben und mehrere Gemeinden geistig stärken sollte. Im Jahr 1976 wurde er als einer der Vertreter der Ältesten nach Brooklyn zu Gesprächen mit der leitenden Körperschaft eingeladen, und ein paar Jahre später bat man ihn, einen Schulungskurs für Älteste in Alabama zu leiten.

10.4.4 Rücktritt Peter Gregersons vom Ältestenamt

Ein Jahr nach diesem Kurs faßte er aber den Entschluß, von seinem Ältestenamt in der Gemeinde zurückzutreten. Kurz vorher hatte er die Geschäftsleitung seiner Lebensmittelfilialkette an einen seiner Brüder übergeben und die freie Zeit für ein intensiveres Studium der Bibel einge­setzt. Einige Lehren der Organisation ließen ihm keine Ruhe, und er wollte ganz sicher gehen, daß sie wirklich stimmten, um so den Glauben zu erneuern, dem er sein ganzes Leben lang angehangen hatte. (Er war jetzt Anfang fünfzig.)

Es kam genau das Gegenteil dabei heraus. Je mehr er in der Bibel forschte, desto überzeugter wurde er, daß die theologischen Grundlagen der Organi­sation schwere Fehler enthielten. Darum entschied er sich gegen sein Ältestenamt. Mündlich formulierte er es mir gegenüber einmal so: „Ich kann mich einfach nicht mehr vor die Leute hinstellen und Zusammen­künfte leiten, in denen Dinge gelehrt werden, für die ich keine Grundlage in der Bibel entdecken kann. Da würde ich mir wie ein Heuchler vorkommen, und das läßt mein Gewissen nicht zu.“ Zwar hatte ich ihm empfohlen, seine Entscheidung zu überdenken, als ich davon erstmals erfuhr, doch ich konnte nicht leugnen, daß seine Fragen zu Recht bestanden. So respektierte ich seine Gewissensentscheidung und seinen Widerwillen gegen jede Form der Heuchelei. Er hatte den Scheideweg vor mir erreicht. [236]

Dies war der Mann, den die Organisation später als „Übeltäter“ einstufte, mit dem man nicht einmal essen durfte, und die Tatsache, daß ich 1981 mit ihm in einem Restaurant essen ging, führte zu meinem Rechtsverfahren und zum Ausschluß aus der Organisation.

Während wir uns in Gadsden erholten, im April 1980, hörte ich zum ersten Mal von Vorgängen in Brooklyn, die mir eigenartig vorkamen. Der erwartete Sturm war über uns hereingebrochen.

10.5 Inquisition *
10.5.1 Den Fallen der Pharisäer und Schriftgelehrten auszuweichen lernen: Geheime Ketzergerichte wie zur Inquisitionszeit!

„Als Jesus das Haus verlassen hatte, begannen die Schriftgelehr­ten und die Pharisäer, ihn mit vielerlei Fragen hartnäckig zu bedrängen; sie versuchten, ihm eine Falle zu stellen, damit er sich in seinen eigenen Worten verfange“ (Lukas 11:53, 54, Einheits­übersetzung).

Unter Inquisition versteht man dem Wortsinn nach eine Untersuchung, eine Ausforschung der Überzeugung und Ansichten eines Menschen.

Ziel der Inquisition im Mittelalter war es nicht, dem einzelnen beizustehen oder eine Grundlage für ein Gespräch mit ihm zu schaffen, sondern ihn als Ketzer zu überführen.

Zur Einleitung eines Verfahrens ist es nicht nötig, daß jemand Spaltungen hervorruft, heimtückische Handlungen begeht oder seine Auffassungen lautstark verkündet. Als Auslöser genügt bereits der bloße Verdacht. Irgendwelche Rechte billigt man dem Verdächtigten dabei praktisch keine zu; die Inquisitoren halten sich für vollauf berechtigt, auch die privatesten Dinge, wie Gespräche mit engsten Freunden, auszuforschen. Was die spanische Inquisition so verrufen machte, waren nicht allein die grausamen Methoden der Bestrafung, sondern in gleichem Maße die autori­täre Haltung und die selbstherrlichen Verhörmethoden, mit denen die Ketzergerichte die gewünschten Geständnisse herauspreßten. Die Folter und die grausamen Bestrafungen von damals sind heute verboten, doch die autoritäre Grundhaltung und die arroganten Verhörmethoden kann man sich offenkundig auch heute noch leisten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hier werde ich an einen Artikel in Erwachet! vom 22. April 1981 erinnert, der den Titel trug: „Den Wurzeln des Gesetzes auf der Spur“. Darin wurde hervorgehoben, wie vorbildlich das Mosaische Gesetz war. Unter anderem war zu lesen:

„Da das Gericht jeweils an den Stadttoren tagte, besteht keine Frage, daß es sich um ein öffentliches Verfahren handelte (5. Mose 16:18-20). Zweifellos beeinflußten die öffent­lichen Verfahren die Richter im Sinne der Sorgfalt und Gerechtigkeit – Merkmale, die bei Sitzungen unter Aus­schluß der Öffentlichkeit manchmal fehlen.“ [237]

Dieser Grundsatz wurde von der Gesellschaft in ihrer Zeitschrift in höch­sten Tönen gelobt. In der Praxis aber lehnte sie ihn vollständig ab. Es ist genau, wie Jesus sagte: „Sie selber tun gar nicht, was sie lehren.“[24] Die Fakten belegen, daß ihr „Sitzungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ lieber sind. So handelt nur, wer die Macht der Wahrheit fürchtet. Damit dient man nicht den Interessen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, sondern der Sache der Ankläger.

10.5.2 Verhör über persönliche Ansichten von Ed Dunlop durch Mitglieder der leitenden Körperschaft

Vier Wochen nach Antritt meines Erholungsurlaubs rief mich Ed Dunlap in Alabama an. Erst sprachen wir über allgemeines, und dann erzählte er mir, zwei Mitglieder der leitenden Körperschaft, nämlich Lloyd Barry und Jack Barr, seien in sein Büro gekommen und hätten ihn drei Stunden lang über seine persönlichen Ansichten ausgehorcht. Zwischendurch habe er sie gefragt: „Und was soll dieses Verhör?“ Darauf hatten sie ihm versichert, es handle sich nicht um ein Verhör, sondern sie wollten nur einmal wissen, wie er über verschiedenes denke.

Er erhielt keinerlei Erklärung darüber, was der Anlag für diese Befragung war. Sie behaupteten zwar, das Gespräch diene nur ihrer Information, aber Ed hatte doch stark den Eindruck, daß dies der Beginn einer inquisitorischen Aktion der Organisation war, der irgendjemand zum Opfer fallen sollte. Unter anderem wollte man von ihm Genaueres über seine Ansichten zur Organisation, zu den Lehren über 1914, über die zwei Klassen von Christen und über die himmlische Hoffnung wissen.

Er sagte seinen Befragern, in Bezug auf die Organisation bereite ihm besondere Sorgen, daß die Mitglieder der leitenden Körperschaft so wenig Bibelstudium betrieben. Seiner Meinung nach hatten diese Brüder gegen­über allen anderen eine Verpflichtung, das Erforschen der Schrift zu ihrer wichtigsten Tätigkeit zu machen und sich nicht übermäßig mit Papierkram und anderen Dingen zu beschäftigen, so daß das Bibelstudium zu kurz komme. Über 1914, so sagte er freimütig, dürfe man nicht dogmatisch reden, und fragte sie, ob denn die leitende Körperschaft selbst dieses Datum für unverrückbar und absolut feststehend hielt. Darauf antworteten sie, daß wohl ein oder zwei Mitglieder Zweifel hätten, doch insgesamt stehe die leitende Körperschaft voll hinter diesem Datum. Er sagte ihnen, bei Gesprä­chen mit den Mitarbeitern in der Schreibabteilung würde man feststellen können, daß fast alle zu verschiedenen Themen unterschiedlicher Auffas­sung wären.

10.5.3 Ausfragen der Mitglieder der Schreibabteilung über abweichende Ideen

An einem anderen Tag begannen Albert Schroeder und Jack Barr, jeden in der Schreibabteilung einzeln auszufragen. Keiner gestand irgendwelche Unsicherheiten in bezug auf bestimmte Lehren ein, doch wenn man sich sonst mit ihnen unterhielt, gab es ausnahmslos bei jedem einen Punkt, zu dem er eine abweichende Ansicht hatte.

Das Ironische an der ganzen Sache war, daß die Meinungen innerhalb der [238] leitenden Körperschaft über viele Themen deutlich auseinandergingen. Doch davon erwähnten die Befrager nichts.

Mir war bekannt, daß Lyman Swingle sich auf Zonenreise befand. Er war Koordinator des Schreibkomitees der leitenden Körperschaft und zugleich auch Koordinator der Schreibabteilung, und daß so massive Nachforschun­gen in seiner Abwesenheit begonnen wurden, erschien mir befremdlich. Die Untersuchungsführer hatten keinerlei Hinweis darauf gegeben, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sei, was eine derartig umfangreiche Unter­suchung erforderlich gemacht hätte. Das Fehlen jeglicher Erklärung für ihr Tun deutete nach meinen Erfahrungen mit der Organisation auf nichts Gutes hin, sondern ließ im Gegenteil für die Betroffenen das Schlimmste befürchten. Ich rief deshalb am Montag, den 21. April 1980, von Alabama aus in Brooklyn an und bat darum, mit Dan Sydlik von der leitenden Körperschaft zu sprechen. Der Mitarbeiter in der Telefonzentrale der Gesellschaft sagte mir, er sei nicht erreichbar. So bat ich darum, mit Albert Schroeder verbunden zu werden, der in dem Jahr Vorsitzender war, doch er war gleichermaßen nicht zu erreichen. Ich hinterließ dann bei der Vermitt­lung eine Nachricht, ich wäre dankbar, wenn mich einer der beiden anrufen würde.

Am nächsten Tag rief Albert Schroeder an.

Bevor ich auf das Gespräch und die Art und Weise eingehe, wie er in seiner Funktion als Vorsitzender der leitenden Körperschaft meine Fragen beant­wortete, möchte ich einen Überblick über die Ereignisse geben, die sich ­wie ich später erfuhr – bereits abgespielt hatten oder während des Gesprächs gerade stattfanden.

10.5.4 Humberto Godinez, der Denunziant, und wie Jesu Gebot umgangen wird Probleme friedlich zu lösen. Tonbandaufzeichnungen von Aussagen Dritter als Grundlage der Verfolgung.

Am 14. April, acht Tage vor Schroeders Rückruf, hatte ein Zeuge Jehovas in New York namens Joe Gould bei der Dienstabteilung in Brooklyn angerufen und mit Harley Miller gesprochen, einem Mitglied des Dienstabteilungsko­mitees.[25] Er erzählte Miller, einer seiner Arbeitskollegen, ein kubanischer Zeuge mit Namen Humberto Godinez, habe ihm von einem Gespräch berichtet, das dieser bei sich zu Hause mit einem Freund aus dem Bethel geführt habe. Nach seinen Worten habe dieser Bethelmitarbeiter in mehre­ren Punkten Ansichten geäußert, die von den Lehren der Organisation abwichen. Miller legte Gould nahe, von Godinez den Namen des Bethelmitarbeiters zu erfragen. Das tat er auch und fand heraus, daß er Cris Sanchez hieß. Darüber hinaus sagte Godinez, auch mein Name sowie Ed Dunlap und Rene Vazquez seien in dem Gespräch vorgekommen. Miller empfahl Gould und Godinez nicht, sie sollten sich um eine Klärung der Angelegenheit gemeinsam mit den Betroffenen bemühen, oder durch ein brüderliches Gespräch eine Lösung herbeizuführen suchen. Miller sprach nicht mit Ed Dunlap, den er gut kannte und der in einem Büro ihm gegenüber auf der anderen Seite der Straße arbeitete. Er rief auch nicht Rene Vazquez an, den er seit Jahren kannte und dessen freiwillige Chauffeurdienste er regelmäßig in [239] Anspruch nahm. Er setzte sich nicht mit Cris Sanchez in Verbindung, der in der Druckerei der Gesellschaft arbeitete und telefonisch zu erreichen war. Er sprach als erstes mit den Mitgliedern des Dienstabteilungskomitees und erkundigte sich, ob ihnen ähnliche Dinge bekannt geworden seien. Dann ging er zum Vorsitzenden der leitenden Körperschaft, Albert Schroeder.

Ihm wurde gesagt, er solle Godinez und seine Frau zu einer Unterredung zu sich in die Weltzentrale bitten. Kein Wort an Cris Sanchez, Ed Dunlap, Rene Vazquez oder an mich. Offenbar war das Vorsitzenden-Komitee der leiten­den Körperschaft der Auffassung, es sei nicht erstrebenswert, sich um die freundschaftliche Bereinigung der Angelegenheit zu bemühen und so zu verhindern, daß sie überhaupt ein großes Thema wurde.

Miller schlug in seinem Gespräch mit Godinez und seiner Frau vor, dieser solle Rene Vazquez anrufen und „taktvoll“ herausfinden, ob er sich zu der Sache äußern wolle. Es selbst zu tun, hielt Miller nicht für angebracht, und er hielt es auch nicht für ratsam, Ed Dunlap anzurufen oder kurz über die Straße zu gehen, um mit ihm zu reden. Man rief Rene an und erreichte, was man erreichen wollte: Er reagierte auf eine Weise, die man als belastend auslegen könnte. Dann wurde eine weitere Unterredung mit dem Ehepaar Godinez anberaumt, diesmal mit dem Vorsitzenden-Komitee der leitenden Körperschaft, bestehend aus Schroeder, Suiter und Klein. Dieses Gespräch fand am Dienstag, IS. April, statt. Noch immer waren Rene, Ed, Cris und ich nicht unterrichtet worden. Zwei Stunden dauerte die Unterredung; man nahm sie auf Tonband auf. Godinez berichtete, was er noch von der Unterhaltung mit Cris Sanchez wußte, seinem langjährigen Freund, Kuba­ner wie er. Diese hatte nach einem Essen im Hause der Familie Godinez stattgefunden, und es ging dabei um mehrere strittige Themen. Mehrfach erwähnte Godinez die Namen von Rene, Ed Dunlap und mir. Am Schluß der Tonbandaufnahme lobte jedes der drei Mitglieder der leitenden Körper­schaft – Schroeder, Suiter und Klein – das Ehepaar Godinez wegen dessen Loyalität und drückte (auf Band) seine Mißbilligung gegenüber denen aus, die im Verlauf des Gesprächs belastet worden waren.

Wie Miller unternahm auch das Vorsitzenden-Komitee der leitenden Kör­perschaft nichts, um mit Cris Sanchez zu sprechen, über den es nur aus zweiter Hand etwas gehört hatte. Es bemühte sich nicht mit Rene Vazquez, Ed Dunlap oder mir zu sprechen, über die es nur aus dritter Hand informiert worden war. Am nächsten Tag, Mittwoch, 16. April 1980, spielte das Vorsitzenden-Komitee die zweistündige Aufzeichnung des Gesprächs der gesamten leitenden Körperschaft in deren regulärer Sitzung in voller Länge vor (in Abwesenheit von Milton Henschel, Lyman Swingle und mir).

All das hatte sich eine Woche vor Schroeders Anruf bei mir abgespielt, und er rief auch nur deswegen bei mir an, weil ich darum gebeten hatte. Nachdem die leitende Körperschaft das Tonband angehört hatte, kam es zu der Befragung Ed Dunlaps und der gesamten Schreibabteilung. Die Ton­bandaufnahme war der auslösende Faktor, und das wussten die Mitglieder der leitenden Körperschaft, die die Befragungen durchführten (Barry, Barr [240] und Schroeder), auch. Und doch sagten sie nichts davon, auch dann nicht, als Barry und Barr von Ed Dunlap nach dem Grund für die Aushorchung gefragt wurden. Weshalb nicht? Dann ging alles sehr schnell. Man ging ganz gezielt vor und leistete ganze Arbeit. Als erstes wurden Cris Sanchez und seine Frau sowie Nestor Kuilan und dessen Frau verhört. Cris und Nestor arbeiteten gemeinsam in der spanischen Übersetzungsabteilung. in der Rene an zwei Tagen in der Woche tätig war.

Dann rief Harley Miller Rene an und bat ihn, in sein Büro herüberzukom­men, um – wie er zu ihm sagte – seinen „großen Wissensschatz in einigen Dingen kurz etwas anzuzapfen“.

10.5.5 Die großen Drahtzieher bleiben versteckt im Hintergrund

Auf Veranlassung der leitenden Körperschaft wurde für jede Einzelgruppe ein eigenes Untersuchungskomitee eingesetzt, das die Befragung durchfüh­ren sollte. Diesen Komitees gehörten bis auf Dan Sydlik nur Mitarbeiter der Weltzentrale an, die nicht zur leitenden Körperschaft zählten. Diese steu­erte alles durch ihr Vorsitzenden-Komitee, blieb aber selbst von nun an im Hintergrund. Um die Mitglieder der verschiedenen Untersuchungskomi­tees auf ihre Aufgabe vorzubereiten, ließ man ihnen jeweils Ausschnitte des zweistündigen Tonbands vorspielen, das die leitende Körperschaft zuvor angehört hatte. So kam es, daß die Mitglieder dieser Komitees bei ihren Verhören von Sanchez, Kuilan und Vazquez wiederholt meinen Namen und den von Ed gebrauchten. Das Vorsitzenden-Komitee hatte es aber immer noch nicht für angebracht gehalten, uns wenigstens von der Existenz einer solchen Tonbandaufnahme zu unterrichten. Weshalb nicht?

10.5.6 Privatgespräche, auf welche die Gesellschaft Anrechte anmeldet, selbst unter Drohung von Ausschluss

Die Fragen der Untersuchungskomitees zeigten klar, auf welches Ziel sie lossteuerten. Das Komitee, das Nestor Kuilan verhörte, forderte ihn auf, seine Privatgespräche mit Ed Dunlap und mir wiederzugeben. Er erwiderte, er glaube nicht, daß seine Privatgespräche irgendjemand anders etwas angingen, und sprach ihnen das Recht ab, darüber etwas zu erfahren. Dabei stellte er klar, daß er sie selbstverständlich informieren würde, wenn er meinte, es sei etwas Verkehrtes oder „Sündhaftes“ gesagt worden. Seine Befrager sagten ihm, er solle kooperieren oder sonst könne er sich auf einen Gemeinschaftsentzug gefaßt machen. Darauf antwortete er: „Gemein­schaftsentzug? Wofür denn?“ „Weil du Personen deckst, die vom Glauben abgefallen sind.“ Kuilan sagte: „Vom Glauben abgefallen? Wer ist hier vom Glauben abgefallen?“ Sie sagten, das werde gerade ermittelt, doch sie seien sieh ziemlich sicher, daß es solche Personen gebe.

Das ist gerade so, als ob man einem Mann Gefängnis androht, falls er nicht kooperiert und Informationen über andere preisgibt. Fragt er weshalb, sagt man ihm, er sei Mittäter bei einem Bankraub gewesen. Will er wissen, welche Bank ausgeraubt wurde und wer die Täter seien, erfährt er: „Äh, wir wissen zwar noch nicht, welche Bank überfallen wurde und wer es genau war, aber wir sind sicher, dass irgendwo eine Bank überfallen wurde, und wenn du unsere Fragen nicht beantwortest, werden wir dich als Komplize überführt ansehen und ins Gefängnis stecken lassen.“

Nestor berichtete, er habe während seiner Gileadschulzeit bei Ed Dunlap [241] gelernt und seither kenne er ihn, und mich kenne er, seit ich Missionar und Zweigaufseher in Puerto Rico war. Er bestätigte, mit uns beiden verschie­dentlich gesprochen zu haben, doch in diesen Gesprächen sei es um nichts Sündiges oder Schlechtes gegangen und daher seien sie seine Privatangele­genheit.

Als Albert Schroeder am 22. April meiner Bitte nachkam und mich anrief, lief die Justizmaschinerie der Organisation bereits auf vollen Touren, Als Vorsitzender der leitenden Körperschaft kannte er die Details besser als jeder andere, denn alle Untersuchungskomitees unterstanden dem Vorsit­zenden- Komitee.

Er wußte, daß sein Komitee der leitenden Körperschaft eine Woche vor meinem Anruf die schon erwähnte zweistündige Tonbandaufnahme vorge­spielt hatte.

Er wußte, daß sämtliche Untersuchungskomitees vor ihrem Einsatz genaue Instruktionen erhalten hatten, wobei man ihnen auch das Tonband in Auszügen vorgespielt hatte, und daß die Mitglieder dieser Komitees zu derselben Zeit, da er mit mir sprach, meinen Namen und den von Ed Dunlap in ihren Verhören verwendeten.

Er wußte, daß es in den Anhörungen der Komitees um den äußerst schwerwiegenden Vorwurf der Abtrünnigkeit ging. Er, der uns beide seine Brüder nannte und seit Jahrzehnten mit uns vertraut war, mußte um die sehr schweren Folgen wissen, die dieser Vorwurf für uns haben konnte. Und was sagte er mir am Telefon?

Nach der Begrüßung begann ich: „Sag mal, Bert, was geht da eigentlich in der Schreibabteilung vor?“

Er antwortete:

„Tja, weißt du, die leitende Körperschaft meinte, es sei angebracht, sich die Abteilung einmal näher anzusehen, um herauszufinden, wie man die Arbeitsab­läufe verbessern könnte, die Leistungsfähigkeit steigern könnte in der Abteilung, ­und – um zu sehen, ob es Brüder gibt, die in irgendwelchen Punkten Vorbehalte haben.“

Das letzte sagte er so ganz beiläufig, als wäre es nebensächlich. Er hatte eine klare Gelegenheit gehabt, mir zu sagen, was sich abspielte. Er nutzte sie nicht.

Darauf fragte ich, welchen Grund es denn für so umfangreiche Nachfor­schungen geben könne. Jetzt hatte er zum zweiten Mal die Gelegenheit, mir ehrlich zu sagen, was los war. Er antwortete:

„Äh, die Abteilung ist nicht so leistungsfähig, wie sie es eigentlich sein sollte. Das Buch für den Kongreß in diesem Sommer wird zu spät in die Druckerei kommen.“

Ein zweites Mal war er lieber ausgewichen, statt mir offen auf meine Frage zu antworten. Ich erwiderte ihm, das sei nichts Neues, doch im Jahr vorher seien der Kommentar zum Jakobusbrief (geschrieben von Ed Dunlap) wie auch das Buch Wähle den besten Lebensweg (von Reinhard Lengtat) Anfang Januar in die Druckerei gegangen, also früh genug. (Meine Aufgabe war es [242] gewesen, dafür zu sorgen, daß diese beiden Bücher rechtzeitig fertig wurden. An dem Buch für 1980, betitelt Der Weg zu wahrem Glück, schrieb gerade Gene Smalley, der noch nie ein Buch verfaßt hatte; dieses Projekt wurde nicht von mir betreut.) Abschließend sagte ich noch, ich könne nicht einsehen, daß dies ein Grund für solche Nachforschungen sei.

Schroeder fuhr fort:

„Und außerdem sind einige Brüder nicht so ganz zufrieden damit, wie ihre Artikel überarbeitet werden. Ray Richardson hat gesagt, er habe einen Artikel eingereicht (er nannte das Thema) und sei gar nicht erfreut über die Art und Weise, was man daraus gemacht habe.“

Ich sagte darauf: ,,Bert, wenn du auch nur ein bißchen was von Autoren weißt, dann dies, daß keiner es vertragen kann, wenn in seinem Werk herumgestrichen wird. Das ist doch nichts Neues! Das gibt es doch schon, seit es die Schreibabteilung gibt. Was sagt denn Lyman (Swingle, der Koordinator der Schreibabteilung) dazu?“

„Oh, Lyman ist zur Zeit nicht da.“

„Das weiß ich auch“, antwortete ich. „Er ist auf Zonenreise. Hast du ihm geschrieben?“

„Nein.“

Dann sagte ich: „Das kommt mir aber sehr merkwürdig vor, Bert. Nimm mal an, Milton Henschel (der Koordinator des Verlagskomitees, das für die gesamte Produktion der Druckerei zuständig ist) wäre auf Reisen, und nimm an, ein anderes Mitglied des Verlagskomitees wäre ebenfalls weg, meinetwegen Grant Suiter, und der leitenden Körperschaft käme zu Ohren, in der Druckerei laufe alles nicht so optimal. Meinst du, die leitende Körperschaft würde dann beschließen, die Druckerei und ihre Arbeitsab­läufe durch eine Untersuchung auf den Kopf zu stellen, während diese beiden Brüder abwesend sind?“ (Ich wußte, daß man an so etwas nicht einmal im Traum denken würde.)

Er zögerte etwas und sagte dann: „Es ist halt so, daß wir von der leitenden Körperschaft den Auftrag bekommen haben, und jetzt arbeiten wir eben einen Bericht für sie aus. Und den werden wir morgen vorlegen.“

Ich erwiderte: „Ich wäre dir dankbar, wenn du sie wissen ließest, wie ich darüber denke. Ich halte das für eine schwere Beleidigung von Lyman Swingle, menschlich gesehen und auch in Anbetracht seiner Position und seiner langen Dienstzeit, wenn man solche Aktionen unternimmt, ohne ihn zu konsultieren oder wenigstens zu informieren.“

Schroeder sagte, er wolle meine Äußerungen weitergeben. Ich fügte noch hinzu, wenn es irgendetwas gebe, das wirklich wichtig sei und worüber gesprochen werden müßte, könnte ich jederzeit kommen. „Das könntest du?“ fragte er. „Ja, natürlich könnte ich das. Ich brauchte nur ins Flugzeug zu steigen und rüberzufliegen.“ Er fragte, ob ich am kommenden Mittwoch da sein könne. Darauf sagte ich: „Und wofür soll das gut sein, wenn Lyman Swingle dann nicht da ist?“ Damit schloß das Gespräch.

10.5.7 Die Verantwortlichen halten sich verdeckt, das Untersuchungsgericht arbeitet im Finsteren

Mehrfach hatte der Vorsitzende der leitenden Körperschaft der Zeugen [243] Jehovas Gelegenheit gehabt, meine Bitte um Auskunft offen und ehrlich zu erfüllen und zu sagen: „Ray, wir haben das Gefühl, daß da eine schwerwie­gende Sache ins Rollen gekommen ist; es steht sogar der Vorwurf der Abtrünnigkeit im Raum. Wir meinen, du solltest wissen, daß dein Name da mit hineingezogen wird‘; und bevor wir irgendetwas unternehmen, dachten wir, vom christlichen Standpunkt gesehen sei es richtig, zuerst mit dir selbst zu reden.“

Stattdessen sagte er nichts, kein einziges Wort, aus dem hervorging, wie die Dinge standen. Den letzten Teil dieser Äußerung hatte er allerdings sowieso nicht mehr machen können, da er und die anderen Mitglieder des Vorsitzenden-Komitees bereits die ganze umfangreiche Maschinerie von Bandauf­zeichnungen, Untersuchungskomitees und Verhören in Gang gebracht hatten. Die Lagebeschreibung, die der Vertreter der leitenden Körperschaft mir gab, war also schlicht irreführend, ein reines Phantasieprodukt. Nur konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, wie sehr ich an der Nase herumgeführt wurde. Schon bald erfuhr ich mehr, doch fast ausschließlich durch Quellen außerhalb der leitenden Körperschaft.

War schon das Verhalten der leitenden Körperschaft und ihres Vorsitzen­den-Komitees mir gegenüber schwer begreiflich, so wird es vollends uner­klärlich, ja unentschuldbar, daß man zu Ed Dunlap, der doch direkt in der Weltzentrale arbeitete, nicht aufrichtig und ehrlich war. Schon der einfache Anstand hätte Barry und Barr bewegen müssen, ihm auf seine Fragen nach dem Zweck des Verhörs zu sagen, weshalb die leitende Körperschaft sie beauftragt hatte und welche schweren Anklagen erhoben wurden. Jesus Christus sagte, wir sollten andere so behandeln, wie wir von ihnen behan­delt werden wollten. Christliche Grundsätze hätten es zwingend erfordert, daß ihm jemand ins Angesicht sagt, welche Anschuldigungen über Abtrün­nigkeit hinter seinem Rücken erhoben wurden. Diejenigen, die die Vor­würfe kannten, wollten es nicht tun. Und sie taten das bewußt noch fast einen ganzen Monat lang nicht! Und dabei nannten sie seinen (und meinen) Namen erst gegenüber den Mitgliedern der Untersuchungskomitees, später gegenüber den Rechtskomitees, insgesamt über einem Dutzend Männern, und noch immer ging niemand von der leitenden Körperschaft zu ihm und teilte ihm mit, welche schweren Vorwürfe mit seinem Namen verbunden wurden. Und viele von ihnen hatten täglich mit ihm Kontakt!

Wie man eine solche Handlungsweise noch als christlich ansehen kann, weiß ich nicht.

10.6 Die eiserne Hand derer, welche ihre Macht lieben und missbrauchen
10.6.1 Erste Ausschliessungen aus der Gemeinschaft künden drohende Gerichte an: Die Köpfe von Cris Kuilan und dessen Frau, Rene und Else Vasquez rollen als erste

Am Freitag, den 25. April, ganze drei Tage nach Schroeders Anruf, wurden Cris Sanchez und seine Frau sowie Nestor Kuilan durch die von der leitenden Körperschaft eingesetzten Rechtskomitees aus der Gemeinschaft ausgestoßen, Ein anderes Rechtskomitee schloß Rene und Else Vazquez sowie einen Ältesten ihrer Nachbarversammlung aus der Organisation aus. Alle Namen außer dem des Ältesten wurden vor der gesamten Belegschaft der Weltzentrale verlesen mit dem Hinweis, daß ihnen die Gemeinschaft entzogen worden sei. Damit informierte die leitende Körperschaft über 1500 [244] Personen, hielt es aber nicht für angezeigt, auch mir etwas davon zu sagen. Natürlich habe ich es dann auch erfahren, aber nicht durch meine Amtskol­legen von der leitenden Körperschaft, sondern durch Anrufe der Betroffenen. Diane Beers, zehn Jahre lang Mitarbeiterin in der Weltzentrale und gut mit den Ehepaaren Sanchez und Kuilan bekannt, beschreibt in einem Brief, wie die Ereignisse der Woche vom 21. bis 26. April 1980 auf sie gewirkt haben:

„Ich glaube, was sich mir am stärksten eingeprägt hat, war die grausame Art und Weise, in der man mit den Brüdern verfuhr. Sie wußten nie, wann sie vor einem Komitee zur Verhandlung erscheinen sollten. Das Telefon klingelte plötzlich und Cris wurde geholt. Nachher kam er zurück, das Telefon klingelte wieder, und nun war Nestor an der Reihe. Und so ging das die ganze Zeit. Man ließ sie die ganze Woche über völlig im Unklaren. Norma erzählte mir einmal, das Komitee wolle mit ihr reden, ohne daß Cris dabei sei, und sie wisse nicht, was sie tun solle. Ich riet ihr, nie ohne Cris zu gehen, sonst hätte sie keinen Zeugen dafür, was man ihr gesagt und was sie geantwortet hat. Sie könnten alles Mögliche behaupten, und dann hätte sie keine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Langsam wurde offensichtlich, daß Norma gegen Cris ausgespielt werden sollte.

Am Freitagnachmittag (25. April) schließlich kreuzte das Komitee um 16.45 Uhr im 8. Stock auf, wo wir alle arbeiteten, und ging gleich ins Konferenzzimmer, das neben meinem Arbeitsplatz lag. Kurz darauf war Arbeitsschluß, und alle gingen heim. Ich blieb aber da, weil ich sehen wollte, wie es ausging. Nacheinander wurden Cris und Norma und Nestor und Toni hineingerufen; immer wenn einer herauskam, ging ich hin, um zu erfahren, wie der ,Schuldspruch‘ lautete. Ich weiß noch, wie ich in Nestors Büro ging, um mit ihm und Toni zu reden, und sie zu mir sagten, ich solle lieber gehen, sonst würde ich auch noch Ärger bekommen, weil ich mit ihnen zusammen gesehen worden sei. Ich ging zu Fuß nach Hause und mußte auf dem ganzen Weg gegen die Tränen ankämpfen. Ich konnte einfach nicht mehr, so schrecklich war es. Ich konnte nicht fassen, was da vor sich ging. Das ist ein Gefühl, das ich nie vergessen werde. Viele Jahre lang hatte ich hier ein Zuhause gefunden und mich wohlgefühlt, und jetzt kam ich mir völlig fremd vor. Ich mußte daran denken, wie Jesus sagte, an ihren Früchten werde man sie erkennen, und in meinen Augen hatte das, was ich in dieser Woche erlebt hatte, mit christlichem Handeln einfach nichts mehr zu tun. Es war so gefühllos und ohne Liebe. Diese Menschen hatten viele Jahre lang für die Gesellschaft gearbeitet, hatten einen guten Ruf und wurden von allen sehr geschätzt. Und doch zeigte man ihnen keine Barmherzigkeit. Das war unfaßbar für mich.

An dem Abend hatten wir Versammlung, aber ich bin einfach nicht hingegangen, denn ich war zu aufgebracht. Als Leslie (die Zimmergenossin) nach der Versamm­lung zurückkam, unterhielten wir uns noch, und auf einmal klopfte es. Es muß so gegen 11 Uhr gewesen sein. Toni Kuilan war es. Sie war noch gar nicht richtig drin, da brach sie schon schluchzend zusammen. Sie wollte nicht, daß Nestor erfuhr, wie sehr sie das alles mitnahm. Wir saßen zusammen und heulten und redeten. Wir sagten ihr, daß sie und Nestor noch genauso unsere Freunde seien wie vorher. W

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 10. Kapitel: Zeit der Entscheidung

9. Kapitel: 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“

9. Kapitel: 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“

9 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“ *
9.1 Der Glaube an Prophezeiungen werden untergraben, sie werden auf die Zukunft verschoben!
9.1.1 Die Spekulation mit der Vergesslichkeit der Anhänger

„Eure Sache ist es nicht, Zeiten oder Termine zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apostelgeschichte 1:7, Wilckens).

Wahrend der zweiten Hälfte von Rutherfords Präsidentschaftszeit ließ man die meisten der älteren Zeitprophezeiungen. die in der ersten Hälfte so emsig propagiert worden waren, nach und nach fallen oder verschob sie. Der Anfang der „letzten Tage“ wurde von 1799 auf 1914 verlegt.

Der Beginn der Gegenwart Christi wurde von 1874 gleichfalls auf 1914 verschoben, so wie es 1922 bereits mit dem offiziellen Beginn der aktiven Königreichsherrschaft Christi im Jahr 1878 getan worden war.

Der Beginn der Auferstehung wurde von 1878 auf 1918 hinausgeschoben. Eine Zeitlang hieß es sogar, das Jahr 1914 habe das „Ende der Welt“ gebracht in dem Sinne, daß Gott den weltlichen Nationen das Herrschaftsrecht entzogen habe. Doch bald war davon nicht mehr die Rede; das „Ende“ oder „der Abschluß des Systems der Dinge“ (wie es in der Neuen-Welt-Überset­zung heißt) soll jetzt in der Zukunft liegen.

9.1.2 Der Spuk um Dinge, die im „unsichtbaren Bereich“ stattfinden sollen

Da es dabei immer nur um Dinge ging, die unsichtbar waren, kam es ganz auf die Glaubwürdigkeit der vorgetragenen Auslegung an. Nach einer Sitzung der leitenden Körperschaft, in der es um diese Zeitprophezeiungen und deren Verschiebungen ging, sagte Bill Jackson mit einem Lächeln zu mir: „Früher haben wir immer gesagt: Man braucht das Datum nur von einer Schulter auf die andere zu legen.“

Erst nach Rutherfords Tod 1942 wurde das Jahr 606 v. u. Z. nicht mehr als Beginn der 2520 Jahre angesehen. Merkwürdigerweise hatte 60 Jahre lang niemand bemerkt oder zugegeben, daß 2520 Jahre, ab 606 v. u. Z. gerechnet, eigentlich bis 1915 dauern.

Sang- und klanglos wurde dann der Ausgangspunkt um ein Jahr zurückver­legt auf 607 v. u. Z., so daß man das Jahr 1914 als Ende der 2520 Jahre beibehalten konnte. Historisches Beweismaterial dafür, daß die Zerstörung Jerusalems bereits ein Jahr eher als angegeben stattgefunden hätte, war keines aufgetaucht. Einzig der Wunsch der Organisation, das Jahr 1914 als Schlüsseldatum beizubehalten, auf das man so lange hingewiesen hatte (ganz im Gegensatz zu 1915), veranlagte die Zurückverlegung der Zerstörung [191] Jerusalems um ein Jahr. Auf dem Papier ist das ja auch weiter kein Problem.

9.1.3 Man irrte auch mit dem Ende der 6000-Jahrperiode um gute 100 Jahre: Nun war es 1975. Dann erzeigte sich auch dies erneut als Irrtum!

Mitte der 1940er Jahre entschied man dann, daß die zu Russells und Rutherfords Zeiten verwendete Chronologie die Zeitspanne bis zur Erschaf­fung Adams um mindestens 100 Jahre verkehrt angab. Im Jahr 1966 liess die Organisation verlauten, 6000 Jahre Menscheitsgeschichte endeten 1975 und nicht 1874, wie man zuvor gesagt hatte.

Dies wurde im Sommer 1966 in einem Buch veröffentlicht, das den Titel trug Ewiges Leben – in der Freiheit der Söhne Gottes, verfaßt von Fred Franz. In Kapitel 1 war darin vom Jubeljahr die Rede, das schon bei den Voraussagen über 1925 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Es wurde (wie auch damals schon) die Ansicht vertreten, die Menschheit solle sechs „Tage“ zu je 1000 Jahren in Unvollkommenheit leben, worauf ein siebenter „Tag“ von 1000 Jahren folge, in dessen Verlauf die Vollkommenheit wiedererlangt werden würde – ein großes Jubeljahr der Befreiung von der Versklavung unter Sünde, Krankheit und Tod. Auf den Seiten 29 und 30 konnte man lesen:

„Seit der Zeit Usshers ist ein intensives Studium der biblischen Chronologie betrieben worden. In diesem zwan­zigsten Jahrhundert wurde ein unabhängiges Studium durchgeführt, das nicht blindlings den traditionellen chro­nologischen Berechnungen der Christenheit folgte, und die [30]veröffentlichte Zeittafel, die von diesem unabhängigen Studium herrührt, gibt das Datum der Erschaffung des Menschen mit 4026 v.u.Z. an. Gemäss dieser zuverlässigen Bibelchronologie werden 6000 Jahre, von der Zeit der Erschaffung des Menschen an, mit dem Jahre 1975 enden, und die „siebente Periode von eintausend Jahren Menschheitsgeschichte beginnt im Herbst des Jahres 1975 u.Z. Sechstausend Jahre der Existenz des Menschen auf Erden werden bald vorüber sein, ja, innerhalb dieser Generation. Jehova Gott ist ewig, wie das in Psalm 90:1, 2 (NW) gesagt wird: „O Jehova, du selbst hast dich von Generation zu Generation als unsere wirkliche Wohnung erwiesen. Ehe die Berge selbst geboren waren oder du die Erde und da, ertragfähige Land wie unter Geburtswehen hervorbringen ließest, ja, von unabsehbarer Zeit zu unab­sehbarer Zeit bist du Gott. So sind vom Standpunkt Jehovas Gottes aus diese verflossenen sechstausend Jahre der Existenz des Menschen wie nur sechs Tage von vierund­zwanzig Stunden, denn in diesem gleichen Psalm (Verse 3, 4, NW) heißt es weiter: Du lässt den sterblichen Men­schen zurückkehren zu zerfallener Materie und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschensöhne.‘ Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er ver­gangen ist, und wie eine Wache in der Nacht. So erreichen wir nicht viele Jahren innerhalb unserer Generation das was Jehova Gott als den siebenten Tag der Existenz des Menschen ansehen könnte.“ [192]

Welche Bedeutung sollte das haben? Folgendermassen wurde der Gedanken­gang weitergeführt:

„Wie Passend es für Jehova Gott sein würde, diese kommende siebente Periode von tausend Jahren zu einer [31] Sabbbatperiode der Ruhe und Befreiung zu machen, zu einem grossen Jubelsabbat, um Freiheit auf der ganzen Erde allen ihren Bewohnern auszurufen! Das würde für die Menschen äusserst zeitgemäss sein. Es würde auch von Gott aus sehr zeitgemäss sein, denn erinnere dich bitte daran, die Menschheit hat nur noch das vor sich, was das letzte Buch der Heiligen Schrift über die Tausendjahrherrschaft Jesu Christi über die Erde , die Milleniumsherrschaft Jesu Christi sagt. Prophetisch sagte Jesus Christus, als er vor neunzehnhundert Jahren auf der Erde war, über sich selbst: „ Denn der Sohn des Menschen ist Herr über den Sabbat“ (Matthäus 12:8) Es würde sich nicht nur lediglich um Zufall oder Wahrscheinlichkeit handeln, sondern es würde gemäss dem liebenden Vorhaben Jehovas Gottes sein, dass die Herrschaft Jesu Christi, des ‚Herrn über den Sabbat?, parallel mit dem siebenten Millenium der Existenz des Menschen läuft.“

Hatte die Organisation damit platt verkündet, 1975 sei der Beginn des Millenniums? Das nicht, doch dieser Absatz war der Höhepunkt, auf den die gesamte umständliche Beweisführung des Kapitels zusteuerte.

9.1.4 1975 als das für Gott passende Jahr für den Beginn des Millenniums angezeigt

Klare, uneingeschränkte Aussagen über 1975 macht der Verfasser nicht, doch er fühlt sich so frei, es als „passend“ und „von Gott aus sehr zeitgemäß“ zu bezeichnen, wenn Gott das Millennium zu genau jenem Zeitpunkt beginnen ließe. Wenn ein unvollkommener Mensch sagt, was für den allmächtigen Gott passend ist und was nicht, so muß vorausgesetzt werden, daß er sich seiner Sache sehr sicher ist und daß es sich nicht nur um seine persönliche Ansicht handelt. Schon allein die Klugheit würde das zwingend gebieten. Noch unzweideutiger ist die dann folgende Aussage, es „würde gemäß dem liebenden Vorhaben Jehovas Gottes sein, daß die Herrschaft Jesu Christi, des Herrn über den Sabbat‘, parallel mit dem siebenten Millennium der Existenz des Menschen läuft“, und von diesem siebenten Millennium war zuvor gesagt worden, es beginne 1975.

Im Jahr darauf erschien in Erwachet!, der Begleitzeitschrift des Wacht­turms, in der Ausgabe vom 22. April 1967 ein Artikel mit der Überschrift „Wie lange wird es noch dauern?“ Dort wurde unter „1975 sind 6000 Jahre abgelaufen“ ebenfalls erklärt, daß das Millennium die letzten 1000 Jahre eines 7000jährigen Ruhetages Gottes umfasse. Weiter hieß es dann (Seite 19, 20):

„Die Tatsache, daß wir uns dem Ende der ersten 6000 Jahre Menschheits­geschichte nähern, ist daher von großer Be­deutung. [193] Fällt Gottes Ruhetag mit der Zeit zusam­men, die seit der Erschaffung des Menschen vergangen ist? Offenbar. Die zuverlässigsten Untersuchungen der biblischen Zeitrechnung, die mit vielen Daten, die die Weltgeschichte anerkennt, übereinstimmt, zeigen, daß Adam im Herbst des Jahres 4026 v, u.Z. erschaffen wurde. In jenem Jahr konnte auch Eva er­schaffen worden sein, und gleich darauf mußte Gottes Ruhetag begonnen haben. In welchem Jahr wären dann die ersten 6000 Jahre Menschheitsgeschichte und auch die ersten 6000 Jahre des göttlichen Ruhetages zu Ende? Im Jahre 1975. Das ist beachtenswert, besonders wenn man bedenkt, daß im Jahre 1914 die „letzten Tage“ begannen und daß die Geschehnisse unserer Tage, durch die sich biblische Prophezeiungen erfüllen, diese Ge­neration als die letzte dieser bösen Welt kennzeichnen. Wir können daher erwarten, daß sich in naher Zukunft Dinge abspielen werden, die alle, die an Gott und seine Ver­heißungen glauben, begeistern werden. Es bedeutet, daß wir im Laufe verhältnismäßig weniger Jahre Zeugen von der Erfüllung der restlichen Prophezeiungen sein werden, die mit der .Zeit des Endes“ zu tun haben.“

Im Wachtturm vom 1. August 1968 wurden diese Erwartungen weiter geschürt. Erst wurde im wesentlichen derselbe Gedankengang wie in dem eben erwähnten Artikel vorgetragen, und dann war zu lesen (Seite 464):

„In der unmittelbaren Zukunft werden sich die Ereignisse überstürzen, denn dieses alte System geht seinem vollständigen Ende entgegen. Es dauert höchstens noch ein paar Jahre bis sich der letzte Teil der biblischen Pro­phezeiung über diese „letzten Tage“ erfüllen wird und die Menschen, die dann noch am Leben sind, durch die herrliche Tausendjahrherrschaft Christi befreit werden. Schwere Zeiten, aber zugleich auch wunderbare Zeiten stehen uns bevor!“ [194]

Heute, 20 Jahre später, fragt man sich, was denn mit „der unmittelbaren Zukunft“ gemeint sein könnte. Wie viele Jahre sind „höchstens noch ein paar Jahre“?

9.1.5 „Die Kürze der verbleibenden Zeit“ sollte die Erwachet!-Leser auf das Jahr 1975 einstimmen

Und noch ein weiteres Mal wurde die Kürze der verbleibenden Zeit hervorgehoben, diesmal in der Erwachet!-Ausgabe vom 8. April 1969 in einem Artikel mit der Überschrift „Was werden die 1970er Jahre bringen?“, der wie folgt beginnt (Seite 13):

„DIE Tatsache, daß mehr als vierundfünf­zig Jahre der Zeitspanne, die als die .letzten Tage“ bezeichnet wird, verflossen sind, ist hoch bedeutsam: im Höchstfall dauert es nur noch wenige Jahre, bis Gott das verderbte System der Dinge, dar jetzt die Erde beherrscht, vernichten wird.“

Im selben Artikel wird an anderer Stelle über das Jahr 1975 als den Abschluß von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte gesagt (Seite 14):

„Die Tatsache, daß wir in den letzten paar Jahren dieser .Zeit des Endes“ leben, kann noch auf eine andere Weise nachgewiesen werden. (Dan. 12:9) Die Bibel zeigt, daß 6000 Jahre Menschheitsgeschichte bald abge­laufen sind.“

Immer wieder zitierten die Wachtturm-Veröffentlichungen Aussprüche von Prominenten oder von angeblichen Experten auf irgendeinem Gebiet, die sich auf 1975 bezogen, so beispielsweise Dean Acheson, den früheren US-Außenminister, der 1960 gesagt hatte:

„Ich bin über das, was vor sich geht, ausreichend unterrichtet, um mit Sicherheit sagen zu können, daß diese Welt heute in 15 Jahren (oder bis 1975) zu gefährlich sein wird, um darin zu leben.“

Mehrfach wurde das Buch Famine -1975! (Hungersnot – 1975!) zitiert, das zwei Ernährungswissenschaftler geschrieben hatten, besonders die folgen­den Auszüge:

„Bis 1975 wird die Welt von einer beispiellosen Katastrophe heimgesucht werden. Der Hunger, wie es noch keinen gegeben hat, wird in den unterentwickelten Ländern grassieren.“

„Ich sage ein bestimmtes Jahr voraus, nämlich 1975; in diesem Jahr werden wir uns in der neuen Krise in ihrer ganzen furchtbaren Bedeutung befinden.“

„Bis 1975 werden in vielen Hungerländern Rechtlosigkeit, Anarchie, Militärdik­tatur, galoppierende Inflation, Zusammenbruch des Verkehrswesens, Chaos und Unruhen an der Tagesordnung sein.“

Drei Jahre, nachdem Fred Franz in dem Buch Ewiges Leben – in der Freiheit der Söhne Gottes erstmals die Aufmerksamkeit auf 1975 gelenkt hatte, [195] verfaßte er eine weitere Schrift, mit dem Titel Tausend Jahre Frieden nahen![1] Darin drückte er sich noch eindeutiger und genauer aus als zuvor, sofern das überhaupt noch möglich war. Auf den Seiten 25 und 26 dieser 1969 veröffentlichten 32seitigen Broschüre stand:

„Vor einiger Zeit haben ernsthafte Erforscher der Bibel deren chronologische Angaben neu überprüft. Nach ihren Berechnungen wird die Menschheit um die Mitte der 1970er Jahre sechs Millionen auf der Erde sein. Das siebente Millennium nach Adams Erschaffung durch Jehova Gott würde somit in weniger als zehn Jahren beginnen. Der Herr Jesus Christus kann nur „Herr über den Sabbat“ sein, wenn die tausend Jahre seiner Herrschaft die siebente Periode einer Reihe von Tausendjahrperi­oden oder Millenien ist. (Matthäus 12:8) Dann ist seine Herrschaft nämlich eine Sabbatherrschaft.“

9.2 Das Sabbatjahr in dem erneut keine Freiheit ausgerufen wurde!
9.2.1 Jene die das Sabbatgebot leugnen machen sich stark für den „Herrn des Sabbats“

Die Beweiskette ist ganz simpel: So wie der Sabbat die siebente Periode nach sechs Perioden der Mühsal war, so wird Christi Tausendjahrherrschaft ein sabbatgleiches Millennium sein, das auf die sechs Millennien der Mühsal und des Leidens folgt. Die Darstellung ist in keiner Weise unbestimmt oder mehrdeutig gehalten. Das kommt am besten auf Seite 26 zum Ausdruck:

„Der Herr Jesus Christus kann nur ‚Herr über den Sabbat’ sein, wenn die tausend Jahre seiner Herrschaft die siebente Periode einer Reihe von Tausendjahrperioden oder Millennien ist.“

So wie man für Gott festgelegt hatte, was zu tun für ihn „passend“ oder „sehr zeitgemäß“ wäre, so wird hier Christus vorgeschrieben, wie er zu handeln hat. Damit er das sein kann, was er gesagt hat, nämlich „Herr über den Sabbat“, muß seine Herrschaft das siebente in einer Folge von Millen­nien sein. Menschliches Denken schreibt das dem Sohn Gottes vor. Im Jahre 1975 würden 6000 Jahre enden; demnach muß die Herrschaft Christi das darauf folgende siebente Jahrtausend umfassen. Damit hatte der „Sklave“ letztlich das Programm umrissen, das sein Herr und Meister auszuführen hätte, wollte dieser seinem Wort treu bleiben.

Das ganze glich auffällig dem, was in Richter Rutherfords Broschüre Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben gestanden hatte, womit dieser sich, wie er selbst zugab, lächerlich gemacht hatte. Diesmal war nur der Stil eleganter. Es war, als hätte man die Uhr um rund ein halbes [196] Jahrhundert zurückgedreht, auf die Zeit vor 1925. Die gleichen Gedanken wie damals waren wieder zu hören, nur diesmal auf 1975 bezogen.[2]

Als die siebziger Jahre anbrachen, wurden die Erwartungen weiter ange­heizt. In Erwachet! vom 22. April 1972 war wieder die Rede von sechs Perioden der Mühsal und Arbeit, gefolgt von einer siebenten (Sabbat-) Periode der Ruhe. Dann hieß es:

„Da in diesem Jahrzehnt 6000 Jahre der Menschheitsge­schichte enden werden, besteht die herrliche Hoffnung, daß ein großartiger Sabbat der Ruhe und Erquickung nahe ist.“

Auf der vorhergehenden Seite war folgende Graphik zu sehen:

„Da wir uns Mitte der 1970er Jahre dem Zeitpunkt nähern, da 6000 Jahre der Menschheitsgeschichte enden, besteht die herrliche Hoffnung bald von dem gegenwärtigen Druck befreit zu werden.“

9.2.1 Wer beständig falsche Hoffnungen weckt, die nie erfüllt werden, der richtet sich und andere zugrunde (Spr 10:28; 11:7)

All diese Aussagen beabsichtigen sehr deutlich, Hoffnung und Spannung zu wecken und zu schüren. Sie sollen ganz und gar nicht übersteigerte Erwartungen dämpfen oder abbauen helfen. Wohl stand meist noch ein einschränkender Satz dabei wie: „Aber wir sagen das nicht mit Bestimmt­heit“ oder: „Wir legen damit kein Datum fest“ und: „Wir wissen Tag und Stunde nicht.“ Zu bedenken ist aber, daß die Organisation nicht unerfahren auf diesem Gebiet war. Seit dem Tag ihrer Gründung hatte sie immer wieder Hoffnungen hinsichtlich bestimmter Termine geweckt, die sieh stets zerschlugen, wenn der Zeitpunkt heranrückte. Hinterher versuchte man in den Veröffentlichungen der Gesellschaft, die Schuld an den Fehlschlägen nicht den Verbreitern, sondern den Empfängern der Botschaft zuzuschrei­ben, die eben zuviel erwartet hätten. Die Verantwortlichen in der Organisa­tion hätten nun wirklich sehen müssen, welche Gefahr ihr Vorgehen barg, hätten wissen müssen, wie empfänglich Menschen nun einmal dafür sind, sich in grossartige Hoffnungen hineinzusteigern.

Zwar hüteten sich die leitenden Herren sehr, den Beginn des Millenniums ausdrücklich für ein bestimmtes Jahr vorauszusagen, doch es war ihnen [197] recht, daß in den ZeitschriftenWachturm und Erwachet! Wendungen wie „in verhältnismäßig wenigen Jahren“, „in der unmittelbaren Zukunft“, „in höchstens noch ein paar Jahren“, „nur noch einige wenige Jahre“, „die wenigen letzten Jahre“ im Hinblick auf die Tausendjahrherrschaft gebraucht wurden, und zwar sämtlich im Zusammenhang mit der Jahreszah 1975. Hatten diese Worte irgendeinen Sinn? Oder waren sie absichtlos, unbedacht geäußert worden? Darf man mit den Hoffnungen, den Plänen, den Gefühlen der Menschen leichtfertig umgehen? Zu alledem kommt noch, dass im Wachtturm vom 15. November 1968 sogar zu verstehen gegeben wurde, man solle die zur Vorsicht mahnenden Worte Jesu nicht überbewerten:

„15. November 1963
35 Eines steht fest: Die biblische Chronolo­gie, die durch die Erfüllung biblischer Prophezeiungen bestätigt wird, zeigt, daß 6000 Jahre Menschheitsgeschichte bald, ja noch in unserer Generation, enden werden (Matth. 24:14) Es ist daher jetzt nicht an der Zeit, gleichgültig zu sein und in den Tag hinein­zuleben. Es ist nicht an der Zeit, mit dem Gedanken zu spielen, Jesus habe ja gesagt: „Von jenem Tage und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matth. 24:36) Im Gegenteil, wir sollten uns ständig vor Augen halten, daß das gewalt­same Ende des gegenwärtigen Systems der Dinge eilends herannaht. Täuschen wir uns nicht: Es genügt, daß nur der Vater „Tag und Stunde“ kennt!“

Wie könnte ein „treuer und verständiger Sklave“ jemals etwas Derartiges sagen? Das hieß doch im Kern: „Schon recht, mein Herr sagt so und so, aber das braucht ihr nicht so ernst zu nehmen. Im Gegenteil, das was ich sage, soll euch als Richtschnur im Leben dienen.“

9.2.2 Die Watchtower braucht mehr kostenlose Arbeiter, um ihre Umsätze hochzutreiben: Einladung angesichts dem Ende im Jahr 1975 Haus und Hof zu verkaufen!

Einige der eindeutigsten Aussagen kamen aus der Dienstabteilung der Weltzentrale. Dort wird der Königreichsdienst geschrieben, ein monatli­ches Mitteilungsblatt, das nur für die Zeugen und nicht für die Öffentlich­keit bestimmt ist. In der Ausgabe vom April 1968 wurde dazu angespornt, den Vollzeitpredigtdienst („Pionierdienst“) zu ergreifen:

„In Anbetracht der kurzen verbleibenden Zeit möchten wir dies so oft tun, wie es die Umstände erlauben. Bedenkt, liebe Brüder, daß nur noch ungefähr 90 Monate verbleiben, bis 6000 Jahre der Existenz des Men­schen hier auf Erden voll sind.“ [198]

In der US-Ausgabe des Königreichsdienstes für Mai 1974 hieß es, nachdem auf die „kurze verbleibende Zeit“ verwiesen worden war:

„Es gehen Berichte über Brüder ein, die Haus und Habe verkaufen, um die restliche Zeit in diesem alten System im Pionierdienst zu verbringen. Bestimmt ist dies eine vorzügliche Art und Weise, die kurze Zeit, die bis zum Ende der verderbten Welt noch bleibt, zu verbringen (1. Joh. 2:17).“

Nicht wenige Zeugen handelten so. Sie verkauften ihr Geschäft, gaben ihren Arbeitsplatz auf, verkauften Haus und Hof und zogen in andere Gegenden, in „Gebiete, wo Hilfe dringender benötigt“ wurde, wobei sie sich ausrechne­ten, daß ihr Geld ja bis 1975 reichen würde.

Andere, darunter altere Leute, liegen sich ihre Versicherungen auszahlen und verkauften Wertpapiere. Manche schoben Operationen auf, weil sie hofften, mit dem Kommen des Millenniums erübrigten sich diese.

Als 1975 verstrichen und das Geld verbraucht oder das Leiden schlimmer geworden war, mußten sie zusehen, wie sie mit der harten Realität fertig wurden, und von vorn anfangen, so gut es eben ging.

9.2.3 Die Statistiken scheinen Präsident Knorr und Fred Franz Recht zu geben: Leichtgläubigkeit ist lernbar

Was tat sich während dieser Zeit in den Köpfen der Männer in der leitenden Körperschaft?

Einige altere Mitglieder des Kollegiums hatten die Enttäuschungen der Jahre 1914 und 1925 selbst miterlebt. ebenso daß Anfang der vierziger Jahre große Erwartungen geweckt worden waren. Die meisten, so mein Eindruck, nahmen erstmal eine abwartende Haltung ein. Zur Zurückhaltung aufrufen mochten sie nicht, denn eine starke Zunahme war zu verzeichnen, wie die Statistik über die Zahl der Getauften von 1960 bis 1975 zeigt:

Jahr

1960
1961
1962
1963
1964
1965
1966
1967

Getaufte

69 027
63 070
69 649
62 798
68 236
64 393
58 904
74 981

Jahr

1968
1969
1970
1971
1972
1973
1974
1975

Getaufte

82 842
120 805
164 193
149 808
163 123
193 990
297 872
295 073

Von 1960 bis 1966 war die Steigerungsrate fast Null. Ab dem Jahr 1966 jedoch, nachdem man 1975 zum Thema gemacht hatte, kam es, wie die Tabelle deutlich zeigt, zu einem phänomenalen Wachstumsschub.

Soweit ich mich entsinnen kann, hat sich in den Jahren 1971 bis 1974, während ich Mitglied der leitenden Körperschaft war, niemand aus diesem Personenkreis mit deutlicher Sorge über die hochfliegenden Erwartungen geäußert, die man geweckt hatte. Ich will nicht verhehlen, daß auch ich anfangs sehr bewegt war, als 1966 das Buch Ewiges Leben – in der Freiheit[199] der Söhne Gottes ein strahlendes Bild des nahe bevorstehenden tausendjäh­rigen Jubeljahrs gezeichnet hatte. Noch will ich behaupten, ich hätte zu Anfang nicht ebenfalls einen Anteil an der Kampagne zur Publikmachung des Jahres 1975 gehabt. Doch mit jedem Jahr, das auf 1966 folgte, erschien mir die ganze Vorstellung immer unwirklicher. Je mehr ich in der Bibel las, desto weniger stimmte für mich das Konzept. Es paßte einfach nicht zu dem, was Jesus Christus selbst gesagt hatte, unter anderem zu folgenden Aussprü­chen:

„Von jenem Tag und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater.“
„Wacht deshalb beharrlich, weil ihr nicht wißt, an welchem Tag euer Herr kommt.“
„Deswegen erweist auch ihr euch als solche, die bereit sind, denn zu einer Stunde, da ihr es nicht denkt, kommt der Sohn des Menschen.“
„Haltet ständig Ausschau, bleibt wach, denn ihr wißt nicht, wann die bestimmte Zeit da ist.“
„Es ist nicht eure Sache, über die Zeiten oder Zeitabschnitte Kenntnis zu erlangen, die der Vater in seine eigene Rechtsgewalt gesetzt hat.“[3]

Allerdings konnte man kaum etwas machen, wenn man in der Weltzentrale einer Organisation tätig war, die vor Freude über den gewaltigen Erfolg fast überschäumte. Ich konnte zwar einige Artikel, die ich zu bearbeiten hatte, im Ton etwas zu mässigen versuchen, aber das war auch schon alles. Nur im privaten Rahmen, in Vorträgen und Gesprächen, bemühte ich mich, auf die oben zitierten Schriftstellen zu verweisen.

Eines Sonntags im Jahr 1974 kam mein Onkel, damals Vizepräsident, abends in unser Zimmer, nachdem meine Frau und ich von einer Vortrags­verpflichtung aus einem anderen Teil des Landes zurückgekehrt waren. (Da sein Augenlicht extrem schwach war, lasen wir ihm jede Woche die Wachtturm-Studienartikel laut vor.) Meine Frau erwähnte, daß ich in meinem Vortrag an dem Wochenende die Brüder davor gewarnt hatte, ihre Erwartungen für 1975 zu hoch zu schrauben. Spontan erwiderte er: „Ja, warum sollten sie denn keine großen Erwartungen haben? Das muß einen doch begeistern!“

Für mich steht außer Zweifel, daß in der ganzen leitenden Körperschaft der Vizepräsident von der Richtigkeit dessen, was er geschrieben hatte (und worauf andere sich verlassen hatten), am festesten überzeugt war. An einem anderen Abend, im Sommer 1975, beteiligte sich ein älterer griechischstäm­miger Bruder namens Peterson (ursprünglich Papagyropoulos) wie sonst auch an unserem Vorlesen. Hinterher sagte mein Onkel zu ihm: „Weißt du, 1914 war es ganz ähnlich. Bis in den Sommer hinein war alles ruhig. Dann, auf einmal, ging es los, und der Krieg brach aus.“

9.2.4 1975: „Ein Jahr gewaltiger Möglichkeiten, übergrosser Wahrscheinlichkeiten“

Zuvor, etwa Anfang 1975, hatte Präsident Knorr eine Reise um die Welt gemacht. Vizepräsident Franz hatte ihn begleitet und in allen seinen [200] Ansprachen in den verschiedenen Ländern das Jahr 1975 zum Hauptthema gemacht. Nach ihrer Rückkehr wollten die anderen Mitglieder der leitenden Körperschaft, denen aus vielen Ländern von der aufwühlenden Wirkung des Vortrags berichtet worden war, einen Tonbandmitschnitt davon hören, der in Australien angefertigt worden war.[4]

Der Vizepräsident bezeichnete in seinem Vortrag 1975 als „ein Jahr gewalti­ger Möglichkeiten, übergroßer Wahrscheinlichkeiten“. Er sagte seinen Zuhörern, sie befänden sich nach dem jüdischen Kalender „bereits im 5. Mondmonat des Jahres 1975“, und es verblieben nur noch weniger als sieben Mondmonate. Mehrmals hob er hervor, daß das jüdische Jahr mit Rasch ha Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, am 5. September 1975 zum Abschluß komme.

Er gab zu, daß sehr viel geschehen müßte in so kurzer Zeit, sollte bis dahin der endgültige Abschluß kommen, fügte dann aber hinzu, daß es auch rund ein Jahr länger dauern könne, weil zwischen Adams und Evas Erschaffung vielleicht noch etwas Zeit verstrichen sei. Er ging auf die enttäuschten Erwartungen von 1914 und 1925 ein und zitierte die Worte Rutherfords: „lch habe mich lächerlich gemacht.“ Die Organisation habe gelernt, fuhr er fort, keine „gewagten, detaillierten Voraussagen“ zu machen. Am Schluß appellierte er an seine Zuhörer, andererseits auch keine unangemessene Einstellung zu entwickeln und zu meinen, bis zur bevorstehenden Vernich­tung könne es „noch Jahre dauern“, und viel Energie darauf zu verwenden, eine Familie zu gründen, ein florierendes Geschäft aufzubauen oder viel­leicht an einer Hochschule eine mehrjährige Ingenieurausbildung zu absol­vieren.

Nachdem die leitende Körperschaft sich das Band angehört hatte, gab es besorgte Stimmen, hier seien, wenn auch keine „gewagten, detaillierten Voraussagen“, so doch immerhin gewisse Voraussagen gemacht worden, und die daraus entstandene Aufregung zeige klar, wozu das führe.

Damit war zum ersten Mal auf einer Sitzung der leitenden Körperschaft Besorgnis geäußert worden. Unternommen wurde aber gar nichts. Der Vizepräsident wiederholte viele Punkte aus seinem Vortrag bei der nächsten Abschlußfeier der Gileadschule, am 2. März 1975.[5]

9.3 Die Unglaubwürdigkeit einer weltweiten Organisation so offen wie noch nie zuvor
9.3.1 Erneut verging das Jahr 1975 mit unerfüllten Hoffnungen und abgrundtiefer Enttäuschung für viele!

Das Jahr 1975 ging vorüber, genau wie 1881, 1914, 1918, 1920, 1925 und die vierziger Jahre. In der Öffentlichkeit wurde von anderer Seite viel darüber gesagt und geschrieben, wie die Erwartungen der Organisation in Verbin­dung mit 1975 unerfüllt geblieben waren. Auch in den Reihen der Zeugen Jehovas wurde viel darüber gesprochen. Meines Erachtens ist dabei aber der eigentliche Kern des Problems fast nie zur Sprache gekommen. Meiner Meinung nach ging es um weit mehr als um die gewissenhafte oder schlampige Arbeitsweise eines einzelnen Menschen oder auch um die Vertrauenswürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit einer Organisation, beziehungsweise [201] die Denkfähigkeit oder Leichtgläubigkeit ihrer Mitglieder. Was hier eigentlich am schwersten wog, so meine ich, waren das Ansehen Gottes und seines Wortes. Welche Folgen hat es, wenn Menschen derartige Voraussagen machen und behaupten, sie täten dies auf biblischer Grund­lage, wenn sie Beweisführungen mit Texten aus der Bibel untermauern, wenn sie gar vorgeben, Gottes „Mitteilungskanal“ zu sein – und sich dann ihre Voraussagen als falsch herausstellen? Wird Gott dadurch geehrt, oder stärkt es den Glauben an ihn und an die Zuverlässigkeit seines Wortes? Oder ist nicht genau das Gegenteil der Fall? Sehen sich nicht manche Leute einmal mehr gerechtfertigt, die Botschaft der Bibel und ihre Lehren gering zu achten? Diejenigen unter den Zeugen, die einschneidende Änderungen in ihrem Leben vorgenommen hatten, konnten sich in den meisten Fällen wieder fangen und weiterleben. auch wenn ihre Hoffnungen sich zerschla­gen hatten. Das konnten aber nicht alle. In jedem Fall jedoch war der angerichtete Schaden verheerend.

Im Jahr 1976, ein Jahr, nachdem das weithin ausposaunte Datum verstrichen war, fingen einzelne Mitglieder der leitenden Körperschaft an, darauf zu drängen, man solle durch irgendeine Verlautbarung eingestehen, daß die Organisation sich geirrt und falsche Erwartungen geweckt habe. Andere meinten, das sollten wir nicht tun, da es „nur den Gegnern Munition liefern“ würde. Milton Henschel hielt es für das Ratsamste, die Sache einfach totzuschweigen; nach einiger Zeit würden dann auch die Brüder nicht mehr davon reden. Für ein Votum zugunsten einer Eingeständniser­klärung fehlte eindeutig die Mehrheit. Ein Artikel im Wachtturm vom 15. Oktober jenes Jahres bezog sich zwar auf enttäuschte Erwartungen, doch mußte er die Stimmungslage innerhalb der leitenden Körperschaft wider­spiegeln, so daß kein klares Eingeständnis der Verantwortung der Organisa­tion möglich war.

Im Jahr 1977 kam das Thema wieder zur Sprache. Zwar wurden diesmal von neuem dieselben Argumente vorgetragen, doch nun wurde ein Antrag angenommen, demzufolge in eine Kongreßansprache eine Stellungnahme eingearbeitet werden solle. Ich bin überzeugt, daß Ted Jaracz und Milton Hcnschcl hinterher mit Lloyd Barry, der die Ansprache ausarbeiten sollte, geredet und ihm gesagt haben, wie sie darüber dachten, Wie dem auch sei, als der Vortrag fertig vorlag, war darin von 1975 keine Rede, Ich weiß noch, wie ich Lloyd daraufhin ansprach und er erwiderte, er habe das einfach nicht in seinen Stoff einarbeiten können. Fast zwei Jahre später, im Jahr 1979, nahm sich die leitende Körperschaft des Themas noch einmal an. Mittler­weile war offenkundig geworden, daß es wegen 1975 eine gewaltige Glaub­würdigkeitslücke gegeben hatte.

9.3.2 Das Watergate der Zeugen Jehovas; der Mühlstein am Hals der leitenden Körperschaft!

In diese Richtung zielten Äußerungen zahlreicher Mitarbeiter in der Welt­zentrale. Einer beschrieb 1975 als einen „Mühlstein“, der uns um den Hals hänge. Robert Wallen, einer der Sekretäre der leitenden Körperschaft, schrieb: [202]

„Seit 39 Jahren bin ich getaufter Zeuge Jehovas, und ich werde mit Jehovas Hilfe auch weiterhin treu dienen. Ich wäre aber unehrlich, wollte ich behaupten, ich sei nicht enttäuscht. Denn wenn ich weiß, daß meine Gedanken über 1975 durch das hervorgerufen wurden, was ich in den Veröffentlichungen las, und mir dann letzten Endes gesagt wird, ich selbst hätte falsche Schlüsse gezogen, dann ist das meiner Ansicht nach weder anständig noch ehrlich. Wenn wir doch wissen, daß wir keine Unfehlbarkeit haben, dann ist es meines Erachtens nur angemessen, daß Fehler, die unvollkommene, doch gottesfürchtige Menschen gemacht haben, auch berichtigt werden.“

Raymond Richardson, Schreibabteilung:

„Fühlen sich die Menschen nicht durch Demut angezogen und haben eher Vertrauen, wenn jemand offen und ehrlich ist? Die Bibel selbst gibt das beste Beispiel für Offenheit. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb wir sie für wahr halten.“

Fred Rusk, ebenfalls Schreibabteilung:

„Wenn den Brüdern auch vielleicht ein paar mahnende Worte mit auf den Weg gegeben wurden, sie sollten nicht sagen, Harmagedon käme 1975, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Zeitschriften und die anderen Veröffentlichungen etliche Artikel enthielten, in denen mehr als nur angedeutet wurde, daß das alte System in der Mitte der siebziger Jahre durch Jehovas neues System ersetzt werden würde.“

Merton Campbell. Dienstabteilung:

„Neulich rief eine Schwester aus Massachusetts von ihrer Arbeitsstelle aus an. Sie und ihr Mann arbeiten, weil sie krank waren und jetzt die sich anhäufenden Arztrechnungen begleichen müssen. Sie sagte, sie seien so zuversichtlich gewesen, 1975 käme das Ende, so daß sie jetzt Mühe hätten, mit der Last dieses alten Systems fertig zu werden. Dieser Fall ist typisch; ähnliches hören wir von vielen Brüdern, mit denen wir zu tun haben.“

Harold Jackson, gleichfalls Dienstabteilung:

„Was wir jetzt brauchen, ist nicht eine Verlautbarung darüber, daß wir uns wegen 1975 geirrt haben, sondern eine Erklärung, weshalb wir so lange geschwiegen haben, wo doch das Leben so vieler Menschen davon betroffen war. Wir sehen uns inzwischen einem Vertrauensschwund gegenüber, und das kann verhängnisvoll werden. Wenn wir uns überhaupt äußern, dann ohne Umschweife, offen und ehrlich gegenüber den Brüdern.“

Howard Zenke, dieselbe Abteilung:

„Wir wollen doch auf keinen Fall, daß die Brüder etwas lesen oder hören und sich dann sagen, daß unser Vorgehen dem bei einem ,Watergate‘ gleichkommt.“

Andere Kommentare lauteten ähnlich. Ironischerweise hatten manche, die jetzt am schärfsten kritisierten, vor 1975 am lautesten von diesem Jahr gesprochen und die „äußerste Dringlichkeit der Zeit“ betont, ja sogar einige der bereits zitierten Artikel verfaßt oder den Abschnitt im Königreichsdienst genehmigt, in dem alle gelobt wurden, die beim Herannahen von 1975 Haus und Habe verkauften. Viele der dogmatischsten Äußerungen [203] über 1975 stammten von reisenden Beauftragten der Gesellschaft (Kreis ­und Bezirksaufseher), die sämtlich der Dienstabteilung unmittelbar unter­standen.

9.3.3 Kein Eingeständnis nötig! Um sich nicht der Kritik auszusetzen geht man zur Tagesordnung über. Erst die negative Statistiken rufen zur Einsicht!

In der Sitzung der leitenden Körperschaft am 6. März 1979 wurden erneut dieselben Argumente gegen die Veröffentlichung jeglicher Stellungnahme vorgetragen: die Organisation setze sich damit nur weiterer Kritik von Gegnern aus; nach dem Ablauf von so viel Zeit sei ohnehin keine Entschul­digung mehr nötig; damit erreiche man in Wirklichkeit sowieso nichts. Doch diesmal wurden die Argumente weniger unerbittlich vorgetragen als vorher, Besonders ein Umstand trug dazu bei: Seit zwei Jahren zeigte die Statistik weltweit schwere Rückschläge an.

Das kommt in den Jahresberichten über die Gesamtzahl der im Zeugnis­werk Aktiven zum Ausdruck:

Jahr

1970
1971
1972
1973
1974
1975
1976
1977

Gesamtzahl der Berichtenden

1 384 782
1 510 245
1 596 442
1 656 673
1 880 713
2 062 449
2 138 537
2 117 194

Prozent Zunahme gegenüber Vorjahr

10,2
9,1
5,7
3,8
13,5
9,7
3,7
-1,0

Dieser Rückgang schien mehr als alles andere Eindruck auf die Mitglieder der leitenden Körperschaft zu machen: Mit 15 gegen 3 Stimmen wurde beschlossen, eine Stellungnahme zu veröffentlichen, in der wenigstens andeutungsweise eingeräumt wird, daß die Organisation für den Irrtum mitverantwortlich ist. Sie erschien im Wachtturm vom 15. Juni 1980.

Fast vier Jahre hatte die Organisation gebraucht, um durch ihre ausführen­den Organe einzugestehen, daß sie falsch gehandelt und ein volles Jahrzehnt hindurch falsche Erwartungen geweckt hatte. So offen allerdings konnte das in der Verlautbarung nicht gesagt werden, auch wenn es die Wahrheit war. Jeder Entwurf mußte für die Körperschaft als Ganzes akzeptabel sein, damit er gedruckt werden konnte. Ich weiß das, denn mir wurde aufgetragen, die Stellungnahme abzufassen. Wie schon so oft vorher durfte ich mich nicht davon leiten lassen, was mir am Herzen lag oder was meiner Meinung nach die Brüder hören sollten, sondern allein davon, was die Zustimmung von zwei Dritteln der leitenden Körperschaft finden würde.

Heute wird dieses ganze jahrzehntelange Schüren von Erwartungen über 1975 als unbedeutend abgetan. Wiederum handelte die Organisation nach [204] der Maxime Russells von 1916: „Der Gedanke … übte zweifellos einen anspornenden und heiligenden Einfluß auf Tausende aus, von denen demge­mäß alle den Herrn preisen können selbst um des Fehlers willen.“

9.4 1914 und „diese Generation“ *
9.4.1 Das Unbehagen betreffend unerfüllter Prophetie steigert sich von Jahr zu Jahr!

„Denn das Lager hat sich als zu kurz erwiesen, um sich darauf auszustrecken, und das gewebte Laken ist zu schmal, wenn man sich einwickelt“ (Jesaja 28:20).

In der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas herrscht ein beträchtliches Unbehagen über die letzte verbleibende wichtige Zeitprophezeiung. Der zeitliche Rahmen, der zur Erfüllung dieser Prophezeiung zur Verfügung steht, wird immer knapper, wenn die vorausgesagten Ereignisse alle eintref­fen sollen. Mit jedem Jahr, das vergeht, verstärkt sich dieses Unbehagen noch.

Das Jahr 1914, über drei Jahrzehnte hinweg das Enddatum in den Voraussa­gen der Organisation, ist nun der Standpunkt jener Prophezeiung, die den Hauptantrieb für die „Dringlichkeit“ der Tätigkeit der Zeugen Jehovas ausmacht. Von jenem Jahr an sollen die Worte Jesu Christi ihre Anwendung gefunden haben: „Wahrlich, ich sage euch, daß diese Generation auf keinen Fall vergehen wird, bis alle diese Dinge geschehen.“ Man beachte die im folgenden Zitat unterstrichenen Gedanken:

Jesus sprach offensichtlich von Personen die alt genug waren, um das, was sich beim Beginn der “letzten Tage” ereignete, mit Verständnis zu verfolgen. Jesus sagte, daß einige der Per­sonen, die lebten, als das .Zeichen der letzten Tage“ in Erscheinung trat, noch leben wür­den, wenn Gott dieses böse System vernichten würde.

Wenn wir annehmen, fünfzehnjährige Jugendliche genügend Verständnis hatten, um die Bedeutung dessen zu begreifen, was 1914 geschah, wären die jüngsten „dieser Generation“ heute ungefähr siebzig Jahre alt. Die meisten der Generation, von der Jesus sprach, sind somit bereits gestorben. Die anderen, die noch leben, nähern sich dem Grei­senalter. Und man denke daran, daß Jesus sagte, für diese böse Welt werde das Ende kommen, ehe alle, die zu dieser Generation gehören, gestorben seien. Das allein zeigt schon, daß es bis zu dem vorhergesagten Ende nicht mehr viele Jahre sein können. [205]

Als dies in der Zeitschrift Erwachet! vom 8. April 1969 (Seiten 13, 14) erschien, also vor 1975, lag die Betonung darauf, wie schnell die Generation von 1914 auslief, wie wenig Zeit dieser Generation noch verblieb. Jedem Zeugen Jehovas, der damals die Ansicht vertreten hätte, alles könne noch zwanzig oder dreißig Jahre so weitergehen, wäre dies als Zeichen einer schlechten Einstellung, als Mangel an starkem Glauben ausgelegt worden, Der Akzent verschob sich, sobald 1975 vorbei war. Jetzt bemühte man sich zu zeigen, daß die Lebensdauer der Generation von 1914 doch nicht so kurz war, wie man meinen könnte, und daß sie noch recht lange währen könne. So war im Wachtturm vom 1. Januar 1979 nicht mehr von denen die Rede, die das Geschehen im Jahr 1914 „mit Verständnis verfolgen“ konnten, sondern von denen, die die Ereignisse damals „beobachten konnten“. Einfaches Sehen ist etwas anderes als Verstehen. Damit ließ sich logischer­weise auch die Altersuntergrenze der Angehörigen „dieser Generation“ herabsetzen.

9.4.2 Erneutes Umerklären, was jene Generation sei, die alle Zeichen sehen würde

Auf derselben Linie lag es, als zwei Jahre später, im Wachtturm vom 15. Januar 1981, ein Artikel aus der Zeitschrift U. S. News & World Report zitiert wurde, in dem es hieß, daß das Alter von zehn Jahren „das Alter ist, in dem man anfängt, Ereignisse im Gedächtnis zu bewahren“. Wenn das zutreffe, las man weiter in dem Artikel, „dann leben heute noch mehr als 13 Millionen Amerikaner, die sich an den Ersten Weltkrieg erinnern können“. Für „Erinnern“ genügt ebenfalls bereits ein geringeres Alter als für „Ver­ständnis“ (das im oben zitierten Erwachet! von 1969 auf „fünfzehnjährige Jugendliche“ angesetzt wird). In Wahrheit dauerte der 1. Weltkrieg bis 1918, wobei die USA erst 1917 in die Kampfhandlungen eintraten. Es ist also gar nicht gesagt, daß sich das in dem Nachrichtenmagazin genannte Alter von zehn Jahren überhaupt auf 1914 bezog.

Durch unterschiedliche Berechnungsansätze kann man zwar hier und da noch ein Jahr herausschinden, doch ändert das nichts daran, daß die Generation der Zeit um 1914 im Aussterben begriffen ist. Unter alten Leuten ist die Sterblichkeit nun einmal am größten. Dessen war sich die leitende Körperschaft auch bewußt, denn das Thema wurde in ihren Sitzungen mehrfach behandelt.

So kam der ganze Komplex in der Sitzung am 7. Juni 1978 zur Sprache, Die Vorgeschichte war folgende: Albert Schroeder hatte an die anderen Mitglie­der eine Bevölkerungsstatistik der USA verteilt, aus der hervorging, daß im Jahr 1978 nur noch weniger als ein Prozent derjenigen Menschen lebten, die 1914 zwanzig Jahre und älter waren. Der Hauptgrund, der zur Behandlung des Themas geführt hatte, war aber ein anderer.

Der Zentrale in Brooklyn war zu Ohren gekommen, daß Schroeder wahrend seiner Besuche in mehreren europäischen Ländern die Ansicht vertreten hatte, der Ausdruck „diese Generation“, den Jesus in Matthaus. Kapitel 24, Vers 34, gebrauchte, beziehe sich auf die Generation der „Gesalbten“, und diese sei so lange nicht vergangen, wie noch einige aus dieser „Generation“ am Leben seien. Dies stand natürlich im Widerspruch zur Lehre der [206] Organisation und war nicht von der leitenden Körperschaft gebilligt worden.

Als nach Schroeders Rückkehr die Angelegenheit zur Sprache kam, wurde seine Deutung zurückgewiesen. Man beschloß, in einer der nächsten Wachtturm-Ausgaben eine „Frage von Lesern“ einzurücken, in der die gängige Lehrmeinung über „diese Generation“ ausdrücklich bestätigt wurde.[6] Bemerkenswert ist, daß Schroeder in keiner Form dafür getadelt oder zurechtgewiesen wurde, daß er bei seinem Aufenthalt in Europa eine nicht genehmigte abweichende Auffassung vorgetragen hatte.

9.4.3 Die Dokumentation von Jonsson betreffend der falschen Chronologie war der ganzen leitenden Körperschaft vorgelegen! Kenntnis eines Irrtums macht den Vertreter zum Lügner! Das Jahr 607 v.u.Z. hat keinerlei historische Grundlage!

Während der Sitzungen am 6. März und 14. November 1979 stand das Thema wiederum auf der Tagesordnung. Da die Frage immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses rückte, fotokopierte ich die ersten 20 Seiten der Abhandlung eines Ältesten aus Schweden, worin die Geschichte der Spekula­tionen zur Chronologie detailliert wiedergegeben und die eigentliche Quelle der 2520-Jahr-Berechnung und des Endzeit-Termins 1914 enthüllt wurde. Jedes Mitglied des Gremiums erhielt eine Kopie, doch abgesehen von einem beiläufigen Kommentar hielt keiner es für angebracht, über den Stoff zu sprechen.

Der Leiter der Schreibabteilung, Lyman Swingle, kannte diese Unterlagen bereits. Er wies die anderen auf einige dogmatische, eindringliche Passagen in Wachtturm-Ausgaben des Jahres 1922 hin, wobei er einzelne Absätze laut vorlas. Er sagte, er sei 1914 zu jung gewesen, um sich noch an viel zu erinnern (damals war er gerade vier Jahre alt), doch die Diskussionen über das Jahr 1925 in seinem Elternhaus seien ihm fest im Gedächtnis haften geblieben.[7] Und er wisse auch, was 1975 los gewesen sei. Noch einmal wolle er mit einem Datum nicht getäuscht werden.

Ich verwies in dieser Sitzung darauf, daß das Basisdatum der Gesellschaft, das Jahr 607 v. u. Z., keinerlei historische Grundlage habe. Hinsichtlich 1914 und der damals lebenden Generation fragte ich, wie wir die Worte, die Jesus im Zusammenhang damit sprach, auf die Leute anwenden sollten, die 1914 lebten. Sie lauteten: „Erkennt auch ihr, wenn ihr alle diese Dinge seht, daß er nahe an den Türen ist“, und: „Wenn aber diese Dinge zu geschehen anfangen, dann richtet euch auf und hebt eure Häupter empor, denn eure Befreiung naht“. In den Veröffentlichungen hieß es doch immer wieder, diese Worte hätten von 1914 an ihre Erfüllung gefunden, und zwar auf Christen, die 1914 am Leben gewesen seien. Wer unter ihnen kann aber damit überhaupt gemeint gewesen sein? Solche, die damals 50 Jahre alt waren? Die wären heute (d. h. 1979, zum Zeitpunkt der Debatte) 115. Soll­ten nur die höchstens Vierzigjährigen gemeint sein? Sie wären nun 105. Und die Dreißigjährigen 95. Selbst ein Zwanzigigjähriger von damals wäre [207] 1979 schon 88 Jahre alt gewesen. (Inzwischen wäre er über 100, falls er noch am Leben ist.)

Wenn also jene aufrüttelnden Worte „hebt eure Häupter empor, denn eure Befreiung naht, sie steht vor der Tür“, den Menschen aus dem Jahre 1914 galten und bedeuteten, sie konnten hoffen, das Ende zu erleben, so müßte diese bewegende Ankündigung logischerweise eingeschränkt werden:

„Jawohl, ihr könnt das miterleben, vorausgesetzt allerdings, ihr seid noch jung und habt ein sehr langes Leben.“ Als Beispiel verwies ich auf meinen Vater, der – Jahrgang 1891 – im Jahr 1914 gerade ein junger Mann von 23 Jahren war. Er erreichte das hohe Alter von 86 Jahren und war schon zwei Jahre tot. Die Erfüllung der Voraussagen hatte er nicht erlebt.

So fragte ich, wie sinnvoll es sei, Jesu Worte in Matthaus 24, Verse 33 und 34, auf das Jahr 1914 anzuwenden, wenn nur Kinder und Jugendliche hören konnten, deren Erfüllung zu erleben. Keiner ging direkt darauf ein.

9.4.4 Statt Einsicht und Abkehr von der Lüge Verhärtung und Suche nach weiteren Ausflüchten, wie die Umschreibung „gegenwärtige Wahrheit“

Einige allerdings bekräftigten die geltende Lehre der Organisation über „diese Generation“ und das Jahr 1914. Lloyd Barry zeigte sich bekümmert darüber, daß über diese Lehre innerhalb des Kollegiums Zweifel beständen. Zu den Textpassagen aus den Wachtturm-Ausgaben von 1922, die Lyman Swingle vorgelesen hatte, sagte er, er könne darin nichts Anstößiges entdecken; das sei die „gegenwärtige Wahrheit“ für die Brüder damals gewesen.[8] Über das Alter der Generation von 1914 meinte er, in einigen Teilen der Sowjetunion würden die Leute 130 Jahre alt. Er drängte darauf, gegenüber den Brüdern eine einheitliche Position zu beziehen, damit sie weiterhin die Dringlichkeit der Zeit sähen. Andere äußerten sich ähnlich. Als mir das Wort erteilt wurde, entgegnete ich, man müsse doch wohl im Sinn behalten, daß das, was heute als „gegenwärtige Wahrheit“ gelehrt werde, im Laufe der Zeit“ vergangene Wahrheit“ werden könne, und daß die „gegenwärtige Wahrheit“, die dann deren Platz einnehme, ihrerseits wie­derum durch „zukünftige Wahrheit“ ersetzt werden könne. Wenn man den Begriff der Wahrheit derart strapaziere, so schloß ich, werde er schlicht sinnlos.

9.5 Wer weiß, dass etwas irrig ist und nicht nach Wahrheit wie nach Gold und Silber gräbt, der macht sich der bewussten Lüge schuldig
9.5.1 Auftragserteilung Seitens der leitenden Körperschaft zur Suche nach der Wahrheit betreffend 1914 abgelehnt!

Wenn unsere heutige Deutung nicht stimme, wurde darauf erwidert, wie sollten Jesu Worte dann zu verstehen sein? Als der offensichtlich Angespro­chene antwortete ich, nach meiner Meinung gebe es eine Erklärung, die sowohl mit der Schrift als auch mit den Tatsachen übereinstimme. Bevor man aber etwas darüber sage, müsse alles sorgfältig erforscht und abgewo­gen werden. Ich sagte, ich könnte mir vorstellen, daß es Brüder gebe, die für diese Arbeit befähigt seien, doch sie benötigten einen Auftrag von der leitenden Körperschaft, um ans Werk zu gehen. Ich fragte, ob die leitende Körperschaft diesen Auftrag erteilen wolle. Es kam keine Antwort. Damit war die Sache erledigt.

Am Schlug vertraten alle Mitglieder des Gremiums bis auf wenige Ausnahmen [208] die Meinung, das Jahr 1914 und die damit verbundene Lehre über „diese Generation“ solle weiterhin hervorgehoben werden. Der Koordina­tor des Schreibkomitees, Lyman Swingle, sagte dazu: „Also gut, wenn ihr das so wollt. Aber zumindest wißt ihr, daß Jehovas Zeugen das Jahr 1914 von den Adventisten übernommen haben – und zwar mit allem Drum und Dran!“

Was mich vielleicht am meisten beunruhigte, war das Bewußtsein, daß die Organisation einerseits von den Brüdern nachdrücklich verlangte, felsen­fest an ihre Interpretationen zu glauben, während andererseits zugleich Männer in leitender Stellung bekannten, daß sie selber den Voraussagen im Zusammenhang mit dem Jahr 1914 kein volles Vertrauen schenkten.

9.5.2 Präsident Knorr erklärt seine Unsicherheit betreffend 1914 unumwunden: Jeder andere wird als „Abtrünniger“ ausgeschlossen!

Ein vielsagendes Beispiel hierfür bot sich in der Sitzung vom 19. Februar 1975, in der die Tonbandaufnahme des Vortrags von Fred Franz über 1975 vorgespielt wurde. Hinterher entspann sich eine Diskussion um die Unge­wißheit von Zeitprophezeiungen. Der damalige Präsident, Nathan Knorr, meldete sich dabei mit folgendem Beitrag zu Wort:

„Bei manchen Dingen bin ich mir sicher: Ich weiß, daß Jehova unser Gott ist, daß Christus Jesus sein Sohn ist, dass Jesus sein Leben als ein Lösegeld für uns gab, daß es eine Auferstehung gibt. Bei anderen Dingen bin ich mir nicht so sicher. Zum Beispiel bei 1914. Davon reden wir schon sehr lange. Es mag sein, daß wir recht haben. Ich will es hoffen.“[9]

Bei dieser Sitzung ging es um das Jahr 1975; daher überraschte es, daß in dem Zusammenhang das viel grundlegendere Jahr 1914 angeschnitten wurde. Wie bereits gesagt, äußerte sich der Präsident während einer offiziellen Sitzung vor allen Mitgliedern der leitenden Körperschaft und nicht in einer privaten Unterhaltung.

Noch vor der großen Debatte über 1914 (in der Vollsitzung am 14. Novem­ber 1979) hatte das Schreibkomitee besprochen, ob es ratsam sei, das Jahr 1914 weiterhin so herauszustellen.[10] Es wurde vorgeschlagen, wir sollten wenigstens nicht mehr so auf dem Datum „herumreiten“. Soweit ich mich entsinne, war es Karl Klein, der uns an die bisweilen übliche Methode erinnerte, eine bestimmte Lehre einfach eine Zeitlang nicht mehr zu erwähnen; dann erregt es nicht so großes Aufsehen, wenn eine Änderung kommt.

Es ist beachtlich, daß das Schreibkomitee einstimmig beschloß, in bezug auf 1914 im wesentlichen genau nach diesem Muster zu verfahren. Der Beschluß hatte allerdings keinen langen Bestand, da in der Vollsitzung der leitenden Körperschaft am 14. November 1979 klar wurde, daß die Mehrheit das Datum weiter wie gehabt betont sehen wollte. [209]

Daß die Zweifel an dieser Lehre nicht nur auf Brooklyn beschränkt waren, zeigte ein Vorfall während meiner Reise nach Westafrika im Herbst 1979. In Nigeria fuhr ich mit zwei Mitgliedern des Zweigkomitees und einem langgedienten Missionar zur Besichtigung eines Grundstücks, das die Gesellschaft für den Bau eines neuen Zweigbüros erworben hatte. Auf der Rückfahrt fragte ich sie, für wann sie mit dem Umzug in das neue Gebäude rechneten. Sie erwiderten, es könne wegen der umfangreichen Vorarbeiten, dem Räumen des Geländes, dem Einholen der Baugenehmigung und schließlich wegen des Bauens selbst gut und gern 1983 werden, bis das so weit sei.

Das veranlaßte mich, sie zu fragen: „Stellen die Brüder im Lande eigentlich Fragen wegen der Länge der Zeit, die seit 1914 verstrichen ist?“ Einen Augenblick war Stille. Dann sagte der Zweigkoordinator: „Nein, die nige­rianischen Brüder stellen solche Fragen selten. Aber WIR tun das.“ Und sogleich fiel der langgediente Missionar ein: „Bruder Franz, könnte es sein, daß Jesus mit ,dieser Generation‘ nur die Menschen damals meinte, die die Zerstörung Jerusalems miterlebten? In dem Fall würde alles zusammen­passen.“

Ganz offensichtlich paßte für ihn bei der derzeitigen Lehre nicht alles zusammen. Ich erwiderte bloß, das sei wohl eine Möglichkeit, doch sonst könne man weiter nichts darüber sagen. Nach meiner Rückkehr erzählte ich in der leitenden Körperschaft von diesem Gespräch, denn es schien mir ein Indiz dafür, daß es weltweit Zweifel gab, und das bei geachteten Männern in verantwortlicher Position. Was mir in Nigeria gesagt wurde und die Art und Weise, wie es gesagt wurde, zeigte, daß es dort interne Diskussionen gegeben hatte, lange bevor ich eingetroffen war.

Kurz nach meiner Rückkehr aus Afrika hob Lloyd Barry (in der Sitzung vom 17. Februar 1980) noch einmal hervor, für wie wichtig er die Lehre über 1914 und „diese Generation“ hielt. Lyman Swingle sagte, daß die Angelegenheit in den Augen der Brüder mit der Leserfrage von 1978 (dt.: 1979) nicht abgetan sei. Albert Schroeder berichtete, in der Gileadschule und in den Schulungskursen für Zweigkomiteemitglieder sei 1984 als neues Datum zu hören, da dann siebzig Jahre seit 1914 verstrichen seien (wobei der Zahl siebzig offenbar besondere Bedeutung beigemessen wurde). Das Gremium beschloß, die Sache in der nächsten Sitzung weiter zu behandeln.

9.5.3 Neues Konzept, neue Lüge was „jene Generation“ bedeutet: Sie ab 1957 zu rechnen, ab dem 1.Sputnik und dessen „Himmelserscheinungen“ erhält nicht die Stimmenmehrheit

Dabei legte das Komitee des Vorsitzenden, bestehend aus Albert Schroeder (Vorsitzender), Karl Klein und Grant Suiter, ein höchst ungewöhnliches Dokument auf den Tisch. Jedes Mitglied der leitenden Körperschaft erhielt ein Exemplar. Auf eine Kurzformel gebracht, schlugen die drei vor, der Ausdruck „diese Generation“ solle sich nicht auf Menschen beziehen, die 1914 lebten, sondern erst ab 1957 zählen, also 43 Jahre später!

Und so sah das Dokument, das die drei der leitenden Körperschaft unterbrei­teten, genau aus (Übersetzung des englischen Originals): [210]

„Vorlage für die leitende Körperschaft zur Sitzung am Mittwoch, 5. März 1980

Problem: Was ist „diese Generation“ (genea’) (Mt 24:34; Mk 13:30; Luk 21:32)

TWNT (viele Kommentare) sagt: genea’ „bedeutet meist Zeitgenossenschaft“. Bd.1, S.563.

Die meisten sagen, genea’ bedeute etwas anderes. als genos; genos bedeutet Nachkommenschaft, Volk, Rasse, Siehe TWNT Bd.1, S. 585 (genos in 1 Pe 2:9)

Antwort lässt sich mit der Frage in Mt 24:33 verknüpfen. Was ist gemeint mit „Wenn ihr alle diese Dinge seht“?

Lange’s Commentary (Bd.8) vertritt Ansicht, mit „diese Dinge“ sei nicht 70 u.Z. gemeint, auch nicht die parousie von 1914, sondern die in den Versen 29,30 angesprochenen Himmelserscheinungen, die, wie wir heute erkennen, mit dem Raumfahrtzeitalter 1957 begannen. Demnach wäre es denn die Generation der Menschen, die sei t 1957 am Leben ist.

Drei Abschnitte
Lange ’se Commentary teilt Matthäus 24 in „drei Zyklen“ ein.
1. Zyklus – Matth. 24:1-14
2. Zyklus – Matth. 24:15-28
3. Zyklus – Mattl1. 24:29-44 (synteleia oder Abschluß)
(siehe Bd. 8, S. 421, 424, 427)
Stützt sich darauf, daß auch Frage in Mt 24:3 dreiteilig.
Der Wachtturm und Gottes tausendjähriges Königreich (ka)
Haben neuerdings Matthäus 24 ebenfalls sozusaqen in drei Abschnitte aufgeteilt

(1) Matth. 24:3-22 Hat parallele Erfüllungen im 1. Jahrhundert und heute seit 1914 (Siehe w.75, S. 273, ka S. 205)
(2) Matth. 24:23-28 Zeitabschnitte bis Christi parousie von 1914 hinein (Siehe w75, S. 275)
(3) Matth. 24:29-44 „Himmelserscheinungen“ haben seit Beginn des Raumfahrtszeitalters 1957 buchstäbliche Erfüllung und schließen Christi erkomenon ein (Kommen als Urteilsvollstrecker zu Beginn der „großen Drangsal“. (Siehe w75, p.275,Abs.18; ka S.323-328)

„Alle diese Dinge“ würden sich dann auf die im Text zuletzt genannten Einzel­merkmale des zusammengesetzten Zeichens beziehen, nämlich die Himmelserscheinungen gemäß Versen 29 und 30.

Wenn dies so richtig ist:
Dann würde sich “diese Generation“ auf heute lebende Menschen beziehen, die im Jahr 1957 in einem verständigen Alter waren.

* Im Grundgedanken bestätigt durch C. T. Russell im Berean-Commentary, S. 217:
„genre, Leute, die zur selben Zeit leben und Zeugen der gerade erwähnten Zeichen sind.“ Bd. 4, S. 604.

Komitee des Vorsitzenden 3.3.80″

Im Jahr 1957 wurde der erste russische Sputnik in eine Erdumlaufbahn geschossen. Anscheinend meinte das Vorsitzenden-Komitee, dieses Ereig­nis könne den Beginn der Erfüllung folgender Worte Jesu anzeigen:

“ … wird die Sonne verfinstert werden, und der Mond wird sein Licht nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden.“[11] [211]

Gestützt auf diese Deutung, lautet die Schlußfolgerung des Komitees:

„Dann würde sich ‚diese Generation‘ auf heute lebende Menschen beziehen, die 1957 in einem verständigen Alter waren.“

Die drei schlugen nicht vor, 1914 fallenzulassen. Das Jahr würde auch weiterhin das „Ende der Zeiten der Nationen“ bedeuten. Doch „diese Generation“ wäre erst von 1957 ab zu rechnen.

Diese neue Deutung des Begriffs könnte angesichts der schnell schwinden­den Zahl der Angehörigen der Generation von 1914 sicher sogar noch günstiger sein als der Hinweis auf Leute in einem bestimmten Teil der Sowjetunion, die 130 Jahre werden sollen. Wenn man 1957 statt 1914 als Ausgangsjahr nimmt, holt man 43 zusätzliche Jahre für die Dauer „dieser Generation“ heraus.

Nach dem Statut der leitenden Körperschaft mußte über jede Empfehlung, die ein Komitee zur Beschlußfassung vorlegt, unter allen Mitgliedern des Komitees vollständige Übereinstimmung bestehen (andernfalls waren die unterschiedlichen Auffassungen dem Gremium zur Klärung vorzutragen). Die drei Mitglieder des Vorsitzenden-Komitees müssen sich also über die Vorlage der neuen Ansicht über 1957 einig gewesen sein.

Würde man sie heute über diese Vorlage befragen, wäre die Antwort wohl: „Das war doch nur als Vorschlag gedacht.“ Das kann sein, doch dann war er ernst gemeint. Und wenn Albert Schroeder, Karl Klein und Grant Suiter der leitenden Körperschaft einen derartigen Vorschlag unterbreiteten, dann müssen sie selbst bereit gewesen sein, diese Veränderung vorzunehmen. Wenn ihr Glaube an die uralte Lehre der Gesellschaft über „diese Genera­tion“ (mit 1914 als Ausgangspunkt) tatsächlich stark und unerschütterlich gewesen wäre, so hätten sie bestimmt nie und nimmer ihre neue Interpreta­tion vorgebracht.

Die leitende Körperschaft akzeptierte die von den drei Mitgliedern vorge­schlagene Auslegung nicht. Wie die Wortmeldungen zeigten, hielten viele sie für verstiegen. Doch ändert das nichts an der Tatsache, daß Schroeder, Klein und Suiter als Glieder der leitenden Körperschaft ihre Vorstellung als ernstgemeinte Beschlußvorlage auf den Tisch gelegt hatten, wodurch sie verrieten, wie wenig sie selbst von der Unangreifbarkeit der bestehenden Lehrmeinung überzeugt waren.

9.5.4 1914 bleibt der Angelpunkt der Lehre der Zeugen Jehovas!

Bis zum heutigen Tage jedoch veröffentlicht die „prophetengleiche“ Orga­nisation selbstsicher markige und eindringliche Abhandlungen über 1914 und „diese Generation“ als biblisch belegte Tatsachen, und alle Zeugen Jehovas werden angehalten, ihr volles Vertrauen darauf zu setzen und diese Botschaft weltweit zu verbreiten. Offenbar, um Besorgnis über die stark abnehmende Zahl der zur Generation von 1914 Gehörenden zu beschwich­tigen, hieß es in demselben Wachturm in dem angedeutet wurde, die Altersgrenze für diese Gruppe könne auf zehn Jahre herabgesetzt werden: [212]

„Und falls das böse System dieser Welt bis zur Jahrhundertwende bestehenbleiben würde ­was aber in Anbetracht der Entwicklung der Welt­verhältnisse und in Anbetracht der Erfüllung biblischer Prophezeiungen höchst unwahrscheinlich ist -, wären immer noch einige von der Generation, die den Ersten Weltkrieg erlebt hat, am Leben.“

Zur Jahrhundertwende werden die Zehnjährigen von 1914 sechsundneunzig Jahre alt sein. Doch einige von ihnen werden wohl noch am Leben sein, und offenbar meinte man, das sei alles, was für die Erfüllung der Worte Jesu nötig sei. Vorausgesetzt ist dabei allerdings die Annahme, Jesus habe seine Worte unmittelbar an zehnjährige Kinder gerichtet.

9.5.5 „Wie man sich bettet, so liegt man“, 1914 erweist sich als zu kurzer Lacken

Was die leitende Körperschaft in Zukunft zu diesem Thema beschließen wird, weiß ich nicht. Sie hat das Jahr 1914 mit neuem Elan groß herausge­stellt, und so, wie sie sich damit gebettet hat, wird sie auch liegen. Doch die Lebensdauer der Generation von 1914 erweist sich als ein Ruhelager. das zu kurz ist, um bequem zu sein, und die Erklärungen und Begründungen, mit denen man das Lehrgebäude bespannen will, sind wie ein gewobenes Laken, das zu schmal ist, um die harte, kalte Wirklichkeit abzuhalten.

Möglich ist natürlich, daß man sich eines Tages genötigt fühlt, etwas zu ändern, doch glaube ich nicht, daß dies geschieht, solange die Statistik weltweit noch wenigstens einen geringen Zuwachs verzeichnet. Ich glaube auch kaum, daß man auf das Jahr 1957 als Beginn „dieser Generation“ zurückgreifen wird, wie Schroeder, Klein und Suiter vorgeschlagen haben. Es bleiben aber noch andere Möglichkeiten. Die leitende Körperschaft könnte die historische Beweislage anerkennen und die Zerstörung Jerusa­lems zwanzig Jahre später stattfinden lassen, als das bisher mit dem Jahr 607 v. u. Z. geschieht. Damit würden die Heidenzeiten (sofern man die 2520­Jahr-Deutung beibehält) um das Jahr 1934 enden. Dem Jahr 1914 ist aber solch gewaltige Bedeutung beigemessen worden und es hängen so viele andere Teile der Lehre damit zusammen, daß dieses Vorgehen auch unwahrscheinlich ist. Als attraktiver könnte sich vielleicht Albert Schroeders Idee herausstellen, den Begriff auf die Klasse der „Gesalbten“ anzuwenden (ein Gedanke, der schon seit vielen Jahren in der Organisation herumspukt). Jedes Jahr gibt es einige – manche darunter recht jung -, die erstmals zu der Überzeugung gelangen, daß sie zu der „gesalbten“ Klasse gehören. So ließe sich die Lehre über „diese Generation“ fast endlos weiter beibehalten.

Genau weiß ich nur, daß ich es unglaublich finde, wie die leitende Körperschaft vorgeht. Für meine Begriffe ist es erschütternd, daß der Welt derartige Zeitprophezeiungen verkündet wurden als etwas, worauf man bauen kann und soll, wonach man sein Leben einrichtet, wenn doch dieselben Leute, die das veröffentlichten, genau wußten, daß in ihren eigenen Reihen nicht alle von der Richtigkeit dieser Lehre felsenfest überzeugt waren. Sicht man diese Haltung vor dem Hintergrund einer [213] jahrzehntelangen Tradition des Festlegens und Umstoßens von Daten, so wird sie vielleicht etwas verständlicher.[12]

Noch empörender erscheint mir aber, daß Albert Schroeder, Karl Klein und Grant Suiter vom Vorsitzenden-Komitee nur zwei Monate, nachdem sie ihre neue Ansicht über „diese Generation“ vorgelegt hatten, unter anderem auch die Annahme oder Ablehnung der Lehre über den Beginn der Gegen­wart Christi im Jahre 1914 als maßgebend dafür ansahen, ob Einzelpersonen (einschließlich Mitarbeiter der Weltzentrale) der Abtrünnigkeit schuldig seien und daher den Ausschluß verdienten. Sie taten dies, obwohl sie sehr genau wußten, daß sie selbst gerade kurz vorher die eng damit verbundene Lehre über „diese Generation“ in Zweifel gezogen hatten. Doch davon soll im nächsten Kapitel die Rede sein. [214]

____________________________________

[1] Jesaja 5:20.
[2] Im Kommentar zu Kapitel 24:25, 26 heißt es im englischen Original: „Und im Jahr 19I8, wenn Gott die Kirchen … “ (englischer Text siehe Anhang).
[3] In der viertletzten Zeile dieses Zitats heißt es in der englischen Ausgabe nicht: „dürften die drei Jahre darstellen, während welcher …“, sondern: „stellen die drei Jahre von 1917 bis 1920 dar, während welcher …“ (sieheAnhang),
[4] Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben, S. 98, 100, 104
[5] 1. Johannes 1:5.
[6] Wacht·Turm Oktober 1922, S. 156.
[7] Wacht-Turm Oktober 1922, S. 157.
[8] Unter ihnen war Alvin Franz, der Bruder meines Vaters und der Jüngste der vier Söhne der Familie Franz.
[9] Einige Jahre nach Herausgabe des Buches im Jahre 1942 wurde das Haus verkauft. Auf einem großen Kongreß der Zeugen Jehovas 1950 im Yankee Stadium in New York hielt Fred Franz eine Ansprache, in der die angekündigte Wiederkehr der „Fürsten“ vor Harmagedon offiziell fallengelassen wurde; dafür sagte man jetzt, die von der Gesellschaft in den Versammlungen ernannten Diener erfüllten diese Fürstenrolle bereits. [1] Der Text ist auch im Wachtturm vom 1. Januar 1970 enthalten.
[2] Es stimmt zwar, daß auf Seite 25 der schwammigere Ausdruck „um die Mitte der 1970er Jahre“ gebraucht wird, doch das Jahr 1975 war bereits als biblisch gegründeter Zeitpunkt eingeführt worden und war als solcher bei allen Zeugen Jehovas weltweit fest im Sinn verankert.
[3] Zitiert nach Matthaus 24:36, 42, 44; Markus 13:33; Apostelgeschichte 1:7.
[4] Das war in der Sitzung vom 19. Februar 1975.
[5] Siehe Wachtturm vom 1. August 1975.
[6] Siehe Wachtturm vom 1.Januar 1979.
[7] Von den derzeitigen Mitgliedern der leitenden Körperschaft waren Karl Klein und Carey Barber im Jahr 1914 gerade 9 Jahre alt, Lyman Swingle 4, Albert Schroeder 3, Jack Barr 1. Lloyd Barry ist Jahrgang 1910, Dan Sydlik, Milton Henschel, Ted Jaracz und Gerrit Loesch wurden erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs geboren.
[8] Der Ausdruck „gegenwärtige Wahrheit“ wurde zu Zeiten Russells und Rutherfords viel gebraucht und stützte sich auf eine fehlerhafte Übersetzung von 2. Petrus 1:12 in der Neuen-­Welt-Übersetzung heißt es zutreffender „die Wahrheit …, die in euch vorhanden ist“.
[9] Das scheint bei Präsident Knorr nicht einfach einer Augenblicksstimmung entsprungen zu sein, denn einer seiner engeren Vertrauten, George Couch, vertrat dieselbe Ansicht in genau denselben Worten. Da ich beide näher kannte, erscheint es mir wahrscheinlicher, daß Couch das von Knorr übernommen hatte, als umgekehrt.
[10] Im Schreibkomitee waren damals Lloyd Barry, Fred Franz, Raymond Franz, Karl Klein und Lyman Swingle.
[11] Matthäus 24:29
[12] Im Gegensatz zu dem, was mancherorts behauptet wird, hat die leitende Körperschaft dem Jahr 1914 nie einen großen Wert beigemessen. Die erwähnte Sitzung vom Februar 1980 war nach meiner Erinnerung das einzige Mal, daß dieses Jahr überhaupt erwähnt wurde, und auch das nur in Zusammenhang mit Gerüchten.

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 9. Kapitel: 1975: „Der passende Zeitpunkt für Gottes Eingreifen“

8. Kapitel: Rechtfertigung und Einschüchterung

8. Kapitel: Rechtfertigung und Einschüchterung

8 Rechtfertigung und Einschüchterung *

8.1 Das wahre, tragische Erbe Russells sind die unerfüllten Zeitprophezeiungen!
8.1.1 Das selbst ernannte „Mundstück Gottes“ nahm den Mund zu voll!

„Je mehr einer redet, desto leichter versündigt er sich; wer Verstand hat, hält seine Zunge im Zaum“ (Sprüche 10:19, Die Bibel in heutigem Deutsch).

Charles Taze Russell, der sich als „Gottes Mundstück“ bezeichnet hatte, starb 1916. Er hinterließ ein Erbe von Zeitprophezeiungen, von denen nicht eine einzige sich so erfüllt hatte, wie er es gesagt hatte. Des weiteren hinterließ er Tausende verwirrter Anhänger.

Im Buch Licht (Band Eins), veröffentlicht 1931, Seite 199, wird diese Situation wie folgt beschrieben:

„Das ganze Volk des Herrn blickte dem Jahre 1914 mit freudiger Erwartung entgegen. Als diese Zeit gekommen und vorübergegangen war, da bemächtigte sich seiner große Enttäuschung, Kummer und Traurigkeit, und das Volk des Herrn wurde sehr geschwächt. Es wurde besonders von der Geistlichkeit und deren Bundesgenossen verhöhnt und mit Spott überhäuft, weil es so viel über 1914 ausgesagt hatte, was da alles geschehen werde, und sich seine Prophezeiungen nicht erfüllt hätten.“

Als 1914 und 1915 vorbei und die menschlichen Reiche und Institutionen nicht sämtlich gestürzt waren, das Königreich Christi nicht die Herrschaft über die ganze Erde angetreten hatte, die Gesalbten nicht zu himmlischem Leben verwandelt worden waren, „Babylon die Große“ nicht vernichtet und das Volk Israel nicht zum christlichen Glauben bekehrt war- all das war für 1914 vorhergesagt worden –, erhoben sich bei den Watch-Tower-Anhängern schwere Zweifel. Den Ausbruch des 1. Weltkriegs hatte es zwar gegeben, doch zu der vorausgesagten weltweiten Anarchie hatte er nicht geführt. Russell versuchte kurz vor seinem Tode im Oktober 1916 in einem Vorwort zu einer Neuausgabe von Die Zeit ist herbeigekommenherunterzuspielen, daß sich die Vorhersagen für 1914 nicht erfüllt hatten, es war nicht mehr so wichtig. Folgender Auszug läßt gut erkennen, wie er die Sache sah:

Der Autor gibt zu, dass er in diesem Buch den Gedanken nahe legt, dass des Herrn Heilige erwarten dürfen, am Ende der Zeiten der Nationen bei ihm zu sein in Herrlichkeit. Dies war ein Fehler, den zu machen sehr natürlich war, Doch der Herr überwaltete ihn zum Segen seines Volkes. Der Gedanke, dass die Kirche vor Oktober 1914 in Herrlichkeit vereint sein würde, übte zweifellos einen anspornenden und heiligenden Einfluss auf Taufende aus, von denen demgemäss alle den Herrn preisen können, selbst um des Fehlers willen. Viele können allerdings ihrer Dankbarkeit gegenüber dem Herrn auch deshalb Ausdruck verleihen, dass die Hoffnungen der Kirche nicht in der von uns erwarteten Zeit erfüllt werden, und dass wir, des Herrn Volk, weiterhin Gelegenheit haben, unsere Heiligung zu vollenden und mit unserem Herrn seinem Volke seine Botschaft zu bringen.

8.1.2 Gott und Christus die Schuld am eigenen Fehler der Spekulation zugeschoben!

Es war ein bequemer Ausweg, sich aus der Verantwortung zu stehlen, indem man Gott und Christus mit hineinzog in die Fehler und sagte, Gott „überwaltete“ einige Voraussagen, wenn man doch eigentlich selbst Schuld daran war, fälschlich als „Gottes Daten“ ausgegeben zu haben, was gar nicht die Daten Gottes, sondern schlicht Produkte unbefugten menschlichen Spekulierens waren. Durch ihren „anspornenden und heiligenden Einfluß“ werden selbst verkehrte Voraussagen noch verdienstvoll, so daß „alle den Herrn preisen können, selbst um des Fehlers willen“. Nach dieser Methode könnte man auch weiterhin falsche Voraussagen machen, wegen der „anspornenden“ Wirkung. Man muß dabei an die Aussage eines wahren Propheten in der Bibel denken, der Gottes Worte wie folgt wiedergibt:

„Wehe denen, die sagen, daß Gutes böse sei und Böses gut sei, denen, die Finsternis als Licht hinstellen und Licht als Finsternis, die Bitteres als Süßes hinstellen und Süßes als Bitteres“.[1]

Solange Russell am Leben war, und auch noch einige Jahre nach seinem Tod, blieben seine Anhänger zuversichtlich. Als aber der Krieg aus war und das Leben sich normalisierte, stiegen mit jedem ablaufenden Jahr neue Fragen über die von ihm vorgelegte Zeitrechnung auf.

Das war das Erbe, das Richter Rutherford antrat. (Im Januar 1917 war er auf der Jahreshauptversammlung der Gesellschaft zu deren Präsident gewählt worden.) Zwei Möglichkeiten standen ihm zur Wahl: Entweder machte er reinen Tisch und gab freimütig den Irrtum zu, oder er versuchte, die Voraussagen seines Vorgängers zu rechtfertigen. Er entschied sich für das Rechtfertigen. Um den Vertrauensschwund in den Reihen der Wachturm­-Leser wettzumachen, handelte Rutherford rasch und ließ 1917, im Jahr nach Russells Tod, ein Buch mit dem Titel Das vollendete Geheimnis heraus­bringen.

In diesem Buch wurde versucht, einige der Dinge, die für 1914 erwartet worden waren, auf 1918 zu verschieben, indem man eine Parallele zur Niederschlagung des jüdischen Aufstandes durch die Römer zog. Die Römer zerstörten Jerusalem im Jahr 70, doch der Kampf kam erst im Jahr 73, dreieinhalb Jahre später, zum Abschluß. So hing man diese Zeitspanne an das Jahr 1914 an und präsentierte in dem Buch Das vollendete Geheimnis nunmehr das Jahr 1918 als Datum von höchster Bedeutung.

8.1.3 Kann man etwas hineinlesen, das offen und deutlich verkündet wird?

Was sich dann ereignen sollte, ist in den folgenden Auszügen unterstrichen worden. Man beachte beim Durchlesen, welche Sprache verwendet wird, [162] und frage sich, ob man etwas in das Buch hineinliest, was nicht darin steht, wenn man sagt, es enthalte klare Voraussagen und wecke Erwartungen, die niemals erfüllt wurden.

„Die weiter zu Off. 2:1 gegebenen Erklärungen zeigen, daß die Eroberung Judäas nicht vor dem Passah des Jahres 73 n.Chr. stattgefunden hat, und die oben angeführten Schriftstellen deuten darauf hin, daß der Frühling 1918 ein noch größeres Maß von Bedrängnis über die Christenheit bringen wird, als dies im Herbst des Jahres 1914 der Fall war. Auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit, bei brausendem Meer und Wasserwogen (die aufbrausenden unzufriedenen Völkermassen), indem die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen. (Luk. 21:25-26) Prüfe die Tabellen über die Parallelen der Heilszeitordnungen der Schriftstudien, Band II, S. 238-239; ändere 37 in 40, 70 in73 und 1914 in 1918, wie vorstehend begründet, so wird es, wie wir glauben, richtig sein und sich in der Bälde mit großer Macht und Herrlichkeit erfüllen (Mark. 13: 16-20) Es war bis nach Oktober 1915 ganz unmöglich, vorauszusehen, ob unser Herr das Jahr 70 oder 73 n.Chr. als unseren Wegweiser in Bezug auf den Abschluß des jüdischen Staatswesens bestimmt hatte.

Überdies sehen wir nun auch mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit die vorausgesagten Zeichen und des Herrn Wort versichert uns, daß, wenn wir dies geschehen sehen, wir daran erkennen sollen „daß sein Königreich nahe ja vor der Tür ist und unsere Erlösung naht.“ (Luk. 21:25-36; Mark. 13:27-30.)
Möglicherweise bringt auch das Jahr 1980 etwas, das für das natürliche Israel von besonderem Interesse sein mag. Es wären dann gerade 70 Jahre nach 1910, da Pastor Russell sein großes Zeugnis von den Juden im Hippodrome in New York ablegte.
Wenn nun die Wehen im Frühling 1918 über die Namenchristenheit kommen sollen (Jes. 66:8), und wir unmittelbar vor diesem, von dem Propheten erwähnten Ereignis stehen, was sollte da die Erwartung der kleinen Herde sein? – Das in der Weissagung genannte symbolische „Weh“ ist eine Bezugnahme auf die Zeit großer Trübsal; dieses „Weh“ kommt auf die Namen-Christenheit, die „große Babel“, aus welcher zu entfliehen etliche würdig geachtet sind. (Luk 21:36)“

Die Nationen der Christenheit sollten 1918 also eine „Bedrängnis“ erleiden, die größer wäre als die zu Beginn des 1. Weltkriegs im Jahr 1914. In Wahrheit wurde in jenem Jahr der Krieg durch einen Waffenstillstand beendet. Außerdem wird in dem Buch vorausgesagt, der Überrest der „Gesalbten“, die „letzten Glieder der Eliasklasse“, würden in jenem Jahr zu himmli­schem Leben verwandelt, wie auf Seite 71 und 72 zu lesen ist:

Die Himmelfahrt fand 40 Tage nach Christi Auferstehung statt. Das bestätigt die Hoffnung der Kirche hinsichtlich ihrer Verherrlichung – 40 Jahre (Ein Jahr für einen Tag) nach der Auferweckung der schlafenden Heiligen im Frühjahr 1878. Die sieben Tage vor der Flut mögen sieben Jahre darstellen und zwar von 1914-1921, eine Jahrwoche, in deren Mitte die letzten Glieder des Messias hinter den Vorhang gehen. Die „große Schar“-Klasse wird am Schluß dieser Woche eingegangen sein; den die Tatsache, das die erste Hälfte derselben so besonders gekennzeichnet ist, läßt uns ein um dreieinhalb Jahre verlängertes Zeugnisablegen ….“ [163]

„… durch diese große Schar-Klasse erwarten. Es scheint des himmlischen Vaters Art und Weise zu sein, sein Werk von den ersten Anfängen der Schöpfung an in halben und ganzen Wochen zu vollbringen. Das Datum des Bundes mit Abraham, 2045 v.Chr. bildet die Mitte (jeder Teil derselben derselben von 2081 Jahren Dauer), zwischen dem Fall Adams (4127 v.Chr.) und der Bekehrung des Cornelius, 36 n.Chr. [72]
Das letzte noch gehaltene vorbildliche Jubeljahr Israels 626. v.u.Z. steht in der Mitte (jeder Teil 2500 Jahre) zwischen Adams Fall 4127 v.Chr. und dem Anfang der Zeiten der Wiederherstellung, 1874 n.Chr. (Siehe B.)
Die Gefangenschaft 606 v.Chr. bezeichnet den Anfang der Zeiten der Nationen als Mittelpunkt (von zweimal 2500 Jahren Länge) zwischen dem Schluß des Tausenjahrtages Adams, 3127 v.Chr. und dem Ende der Zeiten der Nationen, 1914 n.Chr.

Die Gefangenschaft markiert die Mitte (jeder Teil 3520 Jahre) zwischen dem Fall Adams, 4127 v.Chr. und der vollen Wiederherstellung zu göttlicher Gnade, 2914 nach Chr.
Christi Tod (33 n.Chr.) bezeichnet die Mitte (jeder Teil von 1845 Jahren Länge), zwischen Jakobs Tod, 1813 v.Chr. und dem Wiederbeginn der Gnade für Israel, 1878 n.Chr.
Der Tod Christi 33 n.Chr. bildet die Mitte (jeder dreieinhalb Jahre) zwischen seiner Taufe 29 n.Chr. und der Bekehrung des Kornelius, 36 u.Z.
Die Auferweckung der schlafenden Heiligen im Jahre 1878 fand genau in der Mitte (dreieinhalb Jahre) zwischen dem Anfang der Zeiten der Wiederherstellung im Jahre 1874, und dem Schluß der hohen Berufung, im Jahre 1881, statt. Somit dürfen wir die Erwartung hegen, daß die Verherrlichung der kleinen Herde im Frühling des Jahres 1918 stattfinden wird. Das wäre wiederum die Mitte zwischen dem Schluß der Zeiten der Nationen und dem Ende des himmlischen Weges, 1921 n.Chr.“
Wie schon bei der Prophezeiung über 1881 geschah auch diesmal nichts. Wohl am drastischsten wurde die Vernichtung der Kirchen der Christenheit und ihrer Mitglieder für das Jahr 1918 beschrieben. Ihre Leichname sollten herumliegen, ohne daß sie beerdigt würden. Zwei von mehreren Stellen, an denen diese Prophezeiung steht, finden sich im zweiten Teil des Buches auf den Seiten 181 und 182:

„Die Kirchen müssen aufhören zu sein
24, 20-21: Und ich sprach zu ihnen: Das Wort Jehovas ist zu mir geschehen also: Sprich zum Hause Israel. So sprach der Herr , Jehova: Siehe, ich werde mein Heiligtum entweihen, den Stolz eurer Stärke, die Lust eurer Augen und das Verlangen eurer Seele; und eure Söhne und eure Töchter, die ihr zurückgelassen habt, werden durchs Schwert fallen. – Gott gibt die Erklärung: Es war ein Bild oder Gleichnis von dem, was mit der Namenchristenheit geschehen sollte. Bis 1878 ist die Namenkirche in gewissem Sinne Gottes Heiligtum oder Tempel gewesen, aber von dann an beseitigte er sie durch einen Schlag oder eine Plage von zugelassenen Irrlehren und Verfehlungen.“

An dieser Stelle erscheint in der englischen Ausgabe folgender Einschub, der in der deutschen Ausgabe weggelassen wird: „Dies sollte 1918 seinen Höhepunkt erreichen.“ [164] Weiter heißt es dann in der deutschen Ausgabe:

„Die Kirche war die Stärke der Christenheit, das, worin ihr Leben sich vereinigte, und woraus ihre Einrichtungen aufgebaut wurden. Sie war die Lust der Augen des Volkes. Sie war das, was alle Christen liebten. Nichtdestoweniger mußte Gott den Mißbrauch offenbar machen, welchen das Kirchentum mit der christlichen Lehre getrieben hatte, und er mußte die Kirchenorganisationen ihm gegenüber zu einer Toten werden lassen, zu etwas Unreinem, das nicht berührt und nicht betrauert werden sollte. Und die „Kinder der Kirche“ werden umkommen durch das Schwert des Krieges, der Revolution und Anarchie; und durch das Schwert des Geistes sollen sie leben lernen, daß ihre Hoffnung auf ein Leben auf geistiger Stufe verloren, – daß die Tür geschlossen ist.
24, 22. Dann werdet ihr tun, wie ich getan habe: den Bart werdet ihr nicht verhüllen und Brot der Leute nicht essen. – So weltenweit und furchtbar werden die Unruhen sein, daß die Toten buchstäblich unbegraben und unbeweint herumliegen werden.

Pastor Russell tot, aber wieder sprechend
24, 25-26. Und du, Menschensohn, siehe, an dem Tage, da ich von ihnen wegnehmen werde ihre Stärke, die Freude ihrer Pracht, die Lust ihrer Augen und die Sehnsucht ihrer Seelen, ihre Söhne und Töchter: an jenem Tag wird ein Entronnener zu dir kommen, um es deine Ohren vernehmen zu lassen. – Und nach dem Jahre 1918, wenn Gott die Kirchen insgesamt und die Kirchenmitglieder zu Millionen vernichtet, da wird es sein, daß Entronnene die werke Pastor Russells bekommen werden und durch dieselben die Bedeutung des Sturzes der „Christenheit“ erfahren.
24, 27. An jenem Tag wird dein Mund aufgetan werden gegen den Entronnenen, und du wirst reden und nicht mehr verstummen. Und so sollst ihnen zu einem Wahrzeichen werden; und sie werden wissen, daß ich Jehova bin. – Pastor Russells Stimme ist im Tode verstummt; im Vergleich zu dem, was kommen wird, ist seine Stimme stumm. In der Zeit der Revolution und Anarchie wird sie sprechen und sie wird denen, die der Vernichtung jenes Tages entrinnen, nicht mehr stumm sein. Pastor Russell wird „ihnen zu einem Wahrzeichen sein“, wird ihnen von der göttlichen Bestimmung der Trübsal erzählen, wenn sie seine Bücher befragen, die in der Anzahl von zehn Millionen über die Christenheit verbreitet wurden. Seine Worte werden ihnen ein Zeichen der Hoffnung sein, die sie befähigt, die glänzende Seite der Wolke zu erkennen und mit einem Vorempfinden hinzuschauen auf das glorreiche Königreich Gottes, welches hergestellt werden soll. Dann „werden sie Jehova erkennen“.“[2] [165]

Nicht nur die Kirchen der Christenheit, auch ihre Regierungen gingen einem katastrophalen Untergang entgegen:

31, 15. So spricht der Herr, Jehova: An dem Tage, da er in den Scheol hinabfuhr, machte ich ein Trauern: Ich verhüllte um seinetwillen die Tiefe, und ich hielt dessen Fluten zurück, und die großen Wasser wurden gehemmt; und den Libanon hüllte ich in Schwarz um seinetwillen, und seinetwegen verschmachteten alle Bäume des Feldes. – Nach dem Jahre 1918, wenn die Christenheit als System  mit ihn folgenden revolutionären Republiken in die Vergessenheit (Scheol) hinabsinken soll, wir Gott Trauern verursachen. Er Word für kurze Zeit die drohenden Wogen der Anarchie zurückhalten und die Nationen wegen der Christenheit trauern lassen, und alle durch Menschenhand gemachten Systeme (Bäume) der Welt (Feld) werden dahinsiechen wegen des Falles der Christenheit. – S. 384, 364.

31, 16. Von dem Getöse seines Falles machte ich Nationen erbeben, als ich ihn in den Scheol hinabfahren ließ zu denen, welche in die Grube hinabgefahren sind. Und alle Bäume Edens, das Auserwählte und Beste des Libanon, alle Wassertrinkenden, trösteten sich in den untersten Örtern der Erde. – Gott Word die Nationen durch die riesenhaften Revolutionen erschüttern lassen, wenn er die weltliche Christenheit als organisiertes System niederwerfen Word in die Vergessenheit (wie er es mit den Juden in dem Gleichnis vom reichen Mann tat).
31, 17. Auch sie fuhren mit ihm in den Scheol hinab zu den von dem Schwert Erschlagenen, die als Seine Helfer in seinem Schatten saßen unter den Nationen. – Aber auch sie sollen mit der Christenheit in die Vergessenheit (Scheol) (S. 384, 364) hinabfahren, so gut wie diejenigen, welche ihre Macht bildeten, welche inmitten des Volkes unter ihrem Schutze wohnten.“
In der englischen Ausgabe wurde dies alles für 1918 vorausgesagt. Dort beginnt der Kommentarteil zu Kapitel 31, Vers 15, mit den Worten: „Im Jahr 1918 … “ In der deutschen Fassung wird daraus: „Nach dem Jahr 1918 … “ Doch weder das eine noch das andere trat ein. Aber auch für das Jahr 1920 wurden gewaltige Dinge vorausgesagt: Die gigantischen Revolutionen, die 1918 ausbrechen sollen, würden 1920 ihren Höhepunkt erreichen im Verschwinden jeglicher geordneten Regierungsgewalt. Nach der englischen Ausgabe heißt es (Originaltext siehe Anhang):

„16:20 Und jede Insel entfloh. – Selbst die Republiken werden im Herbst des Jahres 1920 verschwinden.
Und Berge wurden nicht gefunden. – Jedes Königreich auf Erden wird vergehen, von der Anarchie verschlungen werden.“ [166]

Die deutsche Ausgabe sagt hingegen:

„16:20. Und jede Insel entfloh. – Selbst die Republiken, die in der Bibelsprache als Inseln dargestellt werden, werden nicht zu bestehen vermögen in diesem grossen Erdbeben.
Und Berge wurden nicht gefunden. – Berge symbolisieren in der Bildersprache der Heiligen Schrift stets Königreiche. Alle Königreiche der Erde werden untergehen, so wie im Bilde ein riesenhaftes Erdbeben alle in seinem Bereich liegenden Berge verschlingen würde. Nach dem Erdbeben wird man sie nicht mehr finden, sie werden aufgehört haben zu existieren. Wie gewaltig sind doch diese Bilder, und die Menschheit wird erzittern, wenn sie sehen wird, mit welch mathematischer Genauigkeit sie sich erfüllen.
16:21. Und grosse Hagelsteine … fallen aus dem Himmel. – Wahrheiten, grosse gewaltige, unleugbare und unwiderlegbare Wahrheiten, kernig und zermalmend in ihrer Wucht. Das wird eine letzte Manifestation sein, wie Band VII der „Schriftstudien“ sich bei den Verehrern des Tieres und seines Bildes fühlbar machen wird. – Off. 11:19; Jes. 30:30; Hes. 13:11; Jos. 10:11.

Wie ein Talent schwer.- Ein Zentner schwer (Mal. 3:10.) Eine andere Vorstellung vom Eindruck, den Band VIII auf die Anbeter des Tieres und seines Bildes machen mag, gibt die Betrachtung der letzten der ägyptischen Plagen: Das Sterben aller Erstgeburt, aufgezeichnet in 2.Mose 11 und 12. Sobald die Plage angefangen hatte, was das ägyptische Volk, von Pharao an bis hinab zum letzten Untertanen, ängstlich bemüht, die scheidenden Gäste ja nicht mehr aufzuhalten und bereit, alle Kostbarkeiten an Silber (die grosse Schar) und an Gold (die kleine Herde) dran zu geben. Sie werden dann in der furchtbaren Drangsal erkennen, dass Jehova mit diesem Volke (den wahren gegenbildlichen Israeliten) ist. Die drei Tage, während welcher Pharaos Heerscharen das Volk Israel in die Wüste verfolgten, dürften die drei Jahre darstellen, während welcher Zeit alle Diener Satans im Meere der Anarchie schliesslich untergehen werden. Die Räder werden von ihren Wagen – Organisationen – fallen.“[3]
So sollten also selbst die radikalen Elemente, die 1918 die Revolutionen im Bereich der Christenheit angezettelt und die arbeiterfreundlichen und sozialistischen Regierungen hervorgebracht hätten, den Untergang ihrer Bewegungen erleben. Dies geschähe im Jahr 1920 durch anarchistische Kräfte, genauso, wie sie zuvor selber den Sturz der bestehenden Regierungen innerhalb der Christenheit herbeigeführt hatten.

„35, 11. Darum, so war ich lebe, spricht der Herr, Jehova, werde ich handeln nach deinem Zorn und nach deiner Eifersucht, und wie du infolge deines Hasses gegen sie gehandelt hast; und ich werde mich unter ihnen kundtun, sobald ich dich gerichtet habe. – Darum wird Gott“ … [167]

… „mit der sozialistischen Arbeiterordnung der Dinge ebenso verfahren, wie sich die Sozialisten usw. gegen das Kirchentum und die Christenheit in Zorn und Wut und mit gehässigem Neide richten werden. Wie sie mithelfen, die Christenheit niederzuwerfen, so werden die Anarchisten sie niederwerfen.
35, 12. Und du wirst wissen, daß ich, Jehova, alle deine Schmähungen gehört habe, welche du gegen die Berge Israels ausgesprochen hast, indem du sagst: Sie sind verwüstet, uns sind sie zur Speise gegeben! – Die Arbeiter usw. werden erfahren, daß Gott herrscht in den Angelegenheiten der Menschen, und daß der Allmächtige auf ihre Äußerungen gegen die Nationen (Gebirge) der Christenheit (Israel) achten wird, wenn die Arbeiter nach dem Falle des Kirchentums sprechen werden: „Die Nationen sind verwüstet worden und uns und dem arbeitenden Volk zur Aufteilung übergeben worden.“ [268]
35, 13. Und ihr habt mit eurem Munde gegen mich groß getan und eure Worte gegen mich gehäuft; ich habe es gehört. – Während die Sozialisten und die mit den ihrigen verwandten Bewegungen grausam gegen den Kapitalismus und heimlich gegen die Christenheit reden, so haben sie in Wirklichkeit gegen eine von Gott zugelassene Ordnung gesprochen, in welcher Gott war – durch das Vorhandensein seines Heiligen Geistes in solchen treuen Christen, die in den Systemen waren. Indem sie sagen, daß sie die Welt aus dem Dunkel der bösen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zustände herausführen sollen, rühmen sie sich, ohne es zu wissen, gegen Gott, indem sie sich anmaßen, das auszuführen, was Gott schon vorher durch seine getreue Kirche hinauszuführen beabsichtigte, und was durch irgendein geringeres Werkzeug absolut unmöglich vollführt werden kann. Gott wird an den Worten der Sozialisten, Syndikalisten, Arbeiter usw. nicht achtlos vorübergehen. Er wird sie hören und sich ihrer zwecks gerechter Vergeltung erinnern.

35, 14. So spricht der Herr Jehova: Wenn die ganze Erde sich freut, werde ich die Verwüstung bereiten. – Wenn die Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge kommen, wird ein Ding, das nicht wiederhergestellt wird, der Sozialismus, die Arbeiterbewegung sein. Wenn die ganze Gesellschaft sich über die Neuordnung der Dinge, die von Gott verordnet ist, freuen wird, dann wird der sozialdemokratische Staat gänzlich und für immer vergangen sein.
35, 15. Wie du deine Freude hattest an dem Erbteil des Hauses Israel, darum, daß es verwüstet war, ebenso werde ich dir tun: Eine Wüste sollst du werden, Gebirge Seir und ganz Edom insgesamt! Und sie werden wissen, daß ich Jehova bin. – Wie die geistig gesinnten Abtrünnigen der Christenheit, die für die Radikalen und Revolutionären Partei ergreifen werden, sich freuen werden über das Erbe der Verwüstung, das nach 1918 über die Christenheit kommen wird, so wird Gott mit der erfolgreichen revolutionären Bewegung verfahren: Sie wird gänzlich vernichtet werden, „insgesamt“. Keine einzige Spur soll die Verwüstung der weltenweiten , allumfassenden Anarchie voraussichtlich um das Jahr 1921 herum überdauern. (Off. 11, 7-13)“ [168]

Von einer „weltenweiten, allumfassenden Anarchie voraussichtlich um das Jahr 1921 herum“ ist die Rede. Im englischen Original wird sie sogar für den Herbst 1920 angekündigt, ohne den Zusatz „voraussichtlich“. Doch der eindrucksvollen, aufrüttelnden Sprache und der großen Zuversicht zum Trotz erfüllte sich gar nichts. Wie 1914, so verstrichen auch 1918, 1920 und 1921, ohne daß es zu der vorhergesagten „Bedrängnis“ für die Christenheit, dem Sturz ihrer Regierungen und der Vernichtung ihrer Kirchen oder der Aufnahme der Gesalbten in den Himmel gekommen wäre.

Stattdessen wurden 1918 Präsident Rutherford und sechs weitere leitende Mitarbeiter der Gesellschaft angeklagt und unter den verschärften Bedin­gungen des Kriegsrechts zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil das Buch Das vollendete Geheimnis und andere Veröffentlichungen umstürzlerische Äusserungen enthalten haben sollen. Im darauffolgenden Jahr, 1919, wurden sie entlassen und in allen Anklagepunkten freigesprochen.

So konnten sie das Jahr 1920 in Freiheit erleben, das Jahr, in dem bis zum Herbst alle Republiken und „jedes Königreich auf Erden … von der Anarchie verschlungen“ sein würden, wie es in der englischen Fassung des Buches Das vollendete Geheimnis heißt. Als dieses Jahr anbrach, hatte man aber bereits neue Voraussagen erarbeitet und verkündet. Ohne den Ablauf des Jahres 1920 überhaupt abzuwarten, wurde ein neues Jahr genannt, dem jetzt entgegengeblickt werden sollte.

8.2 „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“: Die Lügen rund um das Jahr 1925
8.2.1 Propheten die nicht von Gott gesandt sind und doch von sich aus prophezeien!

„Ich habe die Propheten nicht gesandt, dennoch sind sie gelaufen. Ich habe nicht zu ihnen geredet, dennoch haben sie prophezeit“ (Jeremia 23:21).

Im Jahr 1920 veröffentlichte der Präsident der Watch Tower Society, Rutherford, eine Broschüre mit dem Titel Millionen jetzt lebender Men­schen werden nie sterben. Die Organisation gebraucht diesen eingängigen Slogan bis zum heutigen Tage. Damals aber war er Teil einer neuen Voraussage durch den Watch-Tower-Präsidenten. Der ganze Kern dieser Behauptung, Millionen damals lebender Menschen würden nie sterben, war gestützt auf ein neues Datum: 1925. Man beachte, was die unterstrichenen Passagen dieser Broschüre aus den Seiten 79, 80, 81, 87 und 88 (Ausgabe Zürich und Bern 1920) über dieses Jahr sagen:

„Eine einfache Berechnung dieser Jubeljahre bringt uns zu dieser wichtigen Tat­sache: Siebenziq Jubeljahre zu je fünfzig Jahren würde uns zu einer Gesamtanzahl von 3500 Jahren bringen. Da diese Zeitperiode 1573 vor dem Jahre 1 beginnt, würde notwendigerweise im Herbst des Jahres 1925 zu Ende gehen. Zu welcher Zeit das Vorbild endet und das große Gegenbild beginnen muß. Was sollten wir also zu jener Zeit erwarten? Im Vorbilde mußte eine volle Wiederherstellung stattfinden; daher muß das große Gegenbild den Beginn der Wiederherstellung [169] aller Dingemarkieren. Das menschliche Geschlecht zum Leben zurückzubringen ist es haupt­sächlich, was wiedergebracht werden soll; und da an­dere Schriftstellen der Tatsache bestimmt Ausdruck geben, daß eine Auferstehung Abrahams, Isaaks, Jakobs und anderer treuen des allen Bundes stattfinden wird, und daß diese die erste Gunsterweisung empfan­gen werden, können wir erwarten, im Jahre 1925 Zeuge zu sein von der Rückkehr dieser treuen Männer Israels dem Zustande des Todes, indem sie auferweckt und zur vollkommenen Menschlichkeit wiederhergestellt sein werden, um gemacht. zu werden zu sichtbaren gesetzlichen Vertretern der neuen Ordnung der Dinge auf Erden.

Wenn das Messianische Königreich einst aufgerichtet ist, werden Jesus und seine verherrlichte Kirche diese zusammen den grossen Messias bilden werden, die Segnungen dem Volke zuwenden, die es so lange ersehnt und erhofft und um dies gebeten hat, Und wenn jene Zeit kommt, wird Frieden da sein und nicht Krieg, wie der Prophet es so schön ausdrückt: Es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses Jehovas feststehen auf dem Gipfel der Berge und erhaben sein über die Hügel. Und Völker werden zu ihm strömen; und viele Nationen werden hingehen und sagen; Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berge Jehovas und zum Hause des Gottes Jakobs! Und er wird uns belehren aus seinen Wegen, und wir wollen wandeln auf seinen Pfaden. Denn von Zion wird ausgehen das Gesetz, und das Wort Jehovas von Jerusalem. Und er wird richten zwischen vielen Völkern und Recht sprechen mächtigen Natio­nen bis in die Ferne. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugmessern schmieden. und ihre Speere zu Win­zermessern: nicht wird Nation wider Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Und sie werden sitzen. ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und niemand wird sie aufschrecken. Denn der Mund Jehovas der Heerscharen hat geredet“. – Micha 4, 1-4.
Irdische Herrscher.

Wie wir hier vorausgehend dargelegt haben, ist der Beginn des grossen Jubeljahr-Züklus mit dem Jahr 1925 fällig. Zu jener Zeit soll die irdische Phase des Königreiches vorhanden sein. Im elften Kapitel des Hebräerbriefes nennt der Apostel Paulus eine lange Reihe von glaubenstreuen Männern, die vor der Kreu­zigung des Herrn und vor dem Beginn der Herauserwählung [170] der Kirche starben. Diese können niemals einen Teil der himmlischen Klasse bilden; sie hatten keine himmlischen Hoffnungen; aber Gott hält etwas Vorzügliches für sie in Bereitschaft. Sie sollen als vollkommene Menschen auferweckt werden und gemäss seiner Verheissung, die Fürsten oder Herrscher auf Erden bilden. (Psalm 45, 16; Jesaja 32, 1; Mat­thäus 8, 11.) Daher können wir vertrauensvoll erwar­ten, dass mit 1925 die Rückkehr Abrahams, Isaaks, Jakobs und der Glaubenstreuen Propheten des alten Bundes eintreten wird, besonders derjenigen, deren Namen von dem Apostel in Hebräer 11 genannt werden – zu dem Zustande menschlicher Vollkommenheit.

Wiederum sagt er: „Der da lebt und an mich glaubt wird nicht sterben in Ewigkeit“. Johannes 11, 26.) Glauben wir dem Ausspruch des Meisters? Wenn dem so ist, dann haben (wenn die Zeit für die Welt gekommen ist, es zu erfahren) diejenigen, welche glau­ben und natürlich den Bedingungen Gehorsam leisten, die absolute und positive Aussage Jesu, dass sie nie­mals sterben werden.

Auf das zuvor dargelegte Argument gestützt, das also die alte Ordnung der Dinge, die alte Welt, zu Ende geht und daher verschwindet, und dass die neue Ordnung hereinbricht, und dass das Jahr 1925 die Auferweckung der treuen Überwjnder des alten Bundes und den Beginn der Wiederherstellung markiert, ist es vernünftig zu schliessen, dass Millionen jetzt auf Erden lebender Menschen im Jahre 1925 noch auf Erden sein werden. Sodann auf die Verheissungen, die in dem Worte Gottes niedergelegt sind, gestützt, müssen wir zu dem positiven und unbestreitbaren Schluss kommen, dass Millionen jetzt Lebender nie sterben werden.

Natürlich bedeutet es nicht, dass jeder leben wird: denn einige werden sich weigern, dem göttlichen Ge­setz zu gehorchen; aber solche, die böse gewesen sind und sich wieder der Gerechtigkeit zuwenden und ihr gehorchen, werden leben und nicht sterben. Hierzu haben wir die positive Darlegung des Propheten Jeho­vas, der sagte: „Wenn aber ein Gesetzloser umkehrt von seiner Gesetzlosigkeit. die er begangen hat, und Recht und Gerechtigkeit übt: er wird seine Seele am Leben erhalten. Sieht er es ein und kehrt um von allen seinen Übertretungen, die er begangen hat, so soll er gewisslich leben, er soll nicht sterben“. ­Hesekiel 18,. 27. 28.“

Das war die Grundlage für den sogenannten „Millionenfeldzug“, eine zweijährige weltweite Kampagne, durch die der Inhalt dieser Broschüre bekanntgemacht werden sollte. Im Buch Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben [171] (Seite 98) steht darüber: „In allen Großstädten wurden große Plakate aufgestellt, auf denen in auffallender Schrift die Worte standen: ,Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!'“

8.2.2 Ein neues Jahr prophetischer Erfüllungen wurde für 1925 weltweit vorhergesagt

Unterstützt wurden diese Aktivitäten durch Zeitungsanzeigen. Alle öffent­lichen Vorträge von Wachtturm-Rednern drehten sich um dieses Thema.[4] Noch heute spricht die Gesellschaft von dieser weltweiten Aktion, bei der alle Kräfte mobilisiert wurden. Sogar den spektakulären Slogan verwendet sie ab und an noch. Worüber sie ihre Leserschaft nicht informiert, ist die Tatsache, daß, die eigentliche Grundlage und der zentrale Gehalt der Behauptung, „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“, die Voraussagen über das Jahr 1925 waren, die sich als vollständig falsch erwiesen.

Im Jahr 1921 brachte Rutherford sein erstes richtiges Buch heraus, betitelt Die Harfe Gottes. (erste deutsche Ausgabe 1922). Darin betonte er, wie zuversichtlich die Gesellschaft weiterhin glaubte, 1799 stelle den Beginn der „Zeit des Endes“ dar, sowie daran, daß Christus seine unsichtbare Gegen­wart im Jahr 1874 begann. In den folgenden Ausschnitten (aus der deutschen Ausgabe von 1926) werden die für jene Zeiten charakteristischen Entwick­lungen, Erfindungen und Zustände auf Erden als unbestreitbare Beweise zur Bestätigung dieser Jahreszahlen herangezogen:

„Es liegt nicht in der Absicht dieser Abhandlung auf eine ins Einzelne gehende Auseinandersetzung biblischer Chronologie einzugehen. Der Wahrheitssucher kann eine umfassende Betrachtung über diese Frage im Band 2 und 3 der Schrift-Studien finden. (Nähere Empfehlung siehe hinten) Die Absicht hier ist die, auf gewisse, wichtige geschichtliche Daten hinzuweisen und dann zu sehen, wieviel und welche biblische Prophezeiung innerhalb dieser Zeitpunkte erfüllt worden ist. Chronologie hängt in gewissem Masse wenigstens von genauer Berechnungen ab, und es liegt immerhin eine gewisse Möglichkeit vor, Versehen zu machen. Erfüllte Prophezeiung ist das wirkliche Geschehen vorausgesagter Dinge, die nun in Wirklichkeit existieren und endgültig festgelegt sind. Wahrnehmbare Tatsachen [217] widersprechen sich nicht. Sie stehen als stumme und doch beredte Zeugen da, deren Zeugnis als unbestreitbar angenommen werden muss.

Zwei wichtige Zeitpunkte gibt es hier, die wir nicht durcheinander werfen dürfen, sondern klar auseinanderhalten müssen, nämlich den Beginn „der Zeit des Endes“ und die „Gegenwart des Herrn“. „Die Zeit des Endes“ umfaßt einen Zeitraum vom Jahre 1799 an, wie zuvor angedeutet, bis zur Zeit des vollständigen Sturzes von Satans Reich und der Einsetzung des Königreiches des Messias. Die Zeit der zweiten Gegenwart des Herrn aber datiert von 1874 an, wie zuvor bemerkt. Die letzte Periode liegt natürlich innerhalb der Erstgenannten und fällt in den letzten Teil der Periode, die wir als die „Zeit des Endes“ kennen.“ [172]

8.2.3 Wie viel Phantasie und Dummheit ist erträglich, um so genannte „Wahrheit“ zu dokumentieren?

I“Seit jener Zeit hat es in starkem Vorwärtsstreben eine entsprechend große Zunahme an Kenntnis auf allen Gebieten gegeben, und in der Tat ist das Gleiche der Fall auf allen Gebieten des menschlichen Wissens. Die öffentlichen Schulen, lange vom Papsttum, bekämpft, haben Mittel in die Hand bekommen, allgemeine Bildung unter den Massen zu verbreiten und dem Volke in allen Lebenslagen eine Mehrung an Wissen und Erkenntnis zugänglich zu machen. Höhere Schulen und Universitäten sind in der ganzen Welt Allgemeingut des Volkes geworden. Mit der Zunahme von Wissen auf allen möglichen Gebieten gingen zahlreiche Erfindungen Hand in Hand die dem Menschen jetzt zur Verfügung stehen, Zeit und Arbeit sparende Maschinen usw.
Vor 1799 waren z.B. die Transportmittel derart, daß man nur eine kurze Strecke am Tage reisen konnte. Man mußte entweder mit Pferden oder Ochsen fahren oder zu Fuß wandern; und wenn man das Meer durchkreuzen wollte, mußte man sich des Segelschiffes, das nur langsam vorankam, bedienen. Im Jahre 1831 wurde die erste Lokomotive erfunden. Solch wunderbarer Fortschritt ist seitdem in dieser Beziehung gemacht worden, dass man jetzt fast jeden Teil der Erde in schneller Fahrt mit einem Eisenbahnfahrzeug bereisen kann. Später kamen die elektrischen Maschinen und elektrischen Motorwagen und Gasmaschinen, und heute gibt es ein gewaltiges hin und herreisen auf jedem Teil der Erde. Es ist nichts ungewöhnliches mehr, daß man mit einer Geschwindigkeit von 120 und 160 Kilometern die Stunde fährt, und besonders trifft dies auf das Flugzeug zu, welches eine völlig moderne Erfindung ist.

Gottes Prophet bezeichnete diese Zeit als „den Tag des Rüstens Gottes.“ In Nahum 2:1-6 beschreibt der Prophet eine Vision eines Eisenbahnzuges in schneller [220] Fahrt als ein anderes Anzeichen der Vorbereitung für die Einsetzung von Christi Königreich.
Im Jahre 1844 wurde der Telegraph erfunden und später das Telephon. Diese Instrumente wurden zuerst unter Anwendung von Leitungsdrähten benutzt, mittels elektrischen Stromes kann man bekanntlich durch Drähte gesprochene Botschaften über die ganze Erde senden. Jetzt aber können aufgrund späterer Erfindungen sogar die Drähte völlig entbehrt werden, und Meldungen schwirren durch die Luft über die ganze Erde hinweg unter Benutzung von Instrumenten ohne Drähte.
Die große Mehrung von Wissen und Erkenntnis und das gewaltige Hinundherrennen der Menschen auf verschiedenen Teilen der Erde ist ohne Frage eine Erfüllung der Prophezeiungen, die über die „Zeit des Endes“ Zeugnis gibt. Diese physischen Tatsachen können nicht bestritten werden und sind genügend, um jeden vernünftig denkenden Menschen davon zu überzeugen, daß wir seit 1799 in der „Zeit des Endes“ leben.
Den letzten Teil der „Zeit des Endes“ bezeichnet Jesus als eine Zeit der Ernte, weil er sagt: „Die Ernte ist das Ende der Welt [Zeitalter].“ Er erklärte, daß er zu jener Zeit gegenüber sein würde. Mit dem Jahre 1874 beginnt der letzte Teil der „Zeit des Endes“. Mit dem Jahre 1874 beginnt, wie zuvor ausgeführt, die Zeit der“ … [173]

.. „zweiten Gegenwart des Herrn. Der Apostel Paulus zählt in einem seiner Briefe viele Dinge auf, die in Bezug auf Israel geschahen, und sagt, dass „sie geschrieben wurden zu unserer Ermahnung, auf welche das Ende der Welt (des Zeitalters) gekommen ist.“ (1. Korinther 10:11) Es muss somit angenommen werden, dass diese Dingen in der „Zeit des Endes“ verstanden werden würde.
Das vom Herrn angewandte Sinnbild der im Osten aufgehenden Sonne, das er gebraucht, um zu zeigen wie er zur Zeit seiner Gegenwart sein würde, ist ein weiterer Beweis für das immer mehr zunehmende Licht in der Zeit seiner Gegenwart, und gemäss der Prophezeiung hat dies auch stattgefunden. Die arbeitenden Klassen sind bisher stets niedergetreten und von finanziellen, kirchlichen und politischen Machthabern in Unterwürfigkeit geholten worden. Es war im Jahre [221] 1874, beim Beginn der zweiten Gegenwart unseres Herrn, als die ersten Arbeiterorganisation der Welt ins Leben gerufen wurde.

Von diesem Zeitpunkt an hat es eine wunderbare Zunahme an Licht und Kenntnis gegeben, und die seitdem gemachten Erfindungen und Entdeckungen sind zu zahlreich, um sie hier alle aufzählen zu können, doch seien einige derer, die seit 1874 ans Licht gekommen sind, als weiterer Beweis der Gegenwart des Herrn seit jener Zeit genannt, wie folgt. Additionsmaschinen, Aluminium, antiseptische Chirurgie, automatische Bahnkuppelung, automatische Pflüge, Automobile, bewegliche Bilder, drahtlose Telegraphie. Des dunklen Airila, Dynamit, Eisenbahnsignale, elektr. Eisenbahnen, elektr. Schweissmethoden, Erntemaschinen, Isolatoren, feuerlose Kochapparate, Gasmaschinen, grosse Erkenntnis über den göttlichen Plan der Zeitalter, Induktions-Motoren, korrespondenz-Schulen, künstliche Farben, Leuchtgas, Luftschiffe, Nordpol, Panamakanal, pasteursche Schutzimpfung, Radium, Rahm-Separatoren, rauchloses Pulver, riesenhohe Geschäftsgebäude, Röntgen-Strahlen, Schreibmaschine, Schuhnähmaschine, Setzmaschine, Sprechmaschine, spezielle Eisenfabriken, Streichholzmaschine, Südpol, Telefon, Untergrundbahn, Unterseeboote, Vakuum-Teppichreiniger, Zelluloid, Zweiräder usw. usw.“

8.2.4 Sind dies „ohne Frage Erfüllung biblischer Prophezeiungen“ im Zusammenhang mit der Endzeit?

Besonders bemerkenswert ist die Aussage auf Seite 220, wo nach der Aufzählung von Dingen wie dem Entstehen von Bibelgesellschaften, der Zunahme der Höheren Schulen und Universitäten, der modernen Trans­portmittel, des Telegrafen und des Telefons, die alle zu einer großen Mehrung des Wissens und zu einem „gewaltigen Hinundherrennen“ geführt hätten, gesagt wird:

„(Dies) ist ohne Frage eine Erfüllung der Prophezeiung, die über die ‚Zeit des Endes’ Zeugnis gibt. Diese physischen Tatsachen können nicht bestritten werden und sind genügend, um jeden vernünftig denkenden Menschen davon zu überzeugen, dass wir seit 1799 in der ‚Zeit des Endes’ leben.“

Was „ohne Frage“ ist, ist logischerweise unfehlbar. Zwar wird nicht direkt gesagt, es sei unfehlbar, doch im Grunde wird genau das behauptet. Und falls jemand zweifelt oder nicht überzeugt ist, so gehört er eben nicht [174] zu den „vernünftig denkenden Menschen“. Auch das ist Einschüchterung durch Argumente. Die klare, stabile Wahrheit hat es nicht nötig, solche Waffen einzusetzen.

Diese neuen Voraussagen und wortreichen Bekräftigungen einiger alter Jahreszahlen mögen vielleicht einen gewissen „anspornenden und heiligen­den“ Effekt gehabt haben, doch das Vertrauen zu den Endzeitterminen der Gesellschaft, das viele einmal gehabt hatten, war 1922, acht Jahre nach 1914, ziemlich aufgebraucht. Die Methoden, mit denen die Weltzentrale jetzt versuchte, dieses Problem zu lösen, sind sehr aufschlußreich. Sie bilden ein Muster, nach dem auch in neuerer Zeit verfahren wurde, als nämlich 1975 vorbei war.

Statt ihre Ansprüche hinsichtlich der Bibelauslegung zu reduzieren oder die eigene Autorität etwas bescheidener zu sehen, verlangte die Organisation noch viel nachdrücklicher, daß jeder auf ihrer Linie blieb; immer dogmati­scher wurden die Behauptungen über die Genauigkeit ihrer Zeitrechnung. Die Losung hieß Loyalität gegenüber den Lehren des „treuen und klugen Knechts“ (womit damals ausdrücklich Pastor Russell gemeint war], Wer die auf seinen Lehren basierende Chronologie anzweifelte (die ihrerseits auf den Lehren von N. H. Barbour, John Aquila Brown und anderen aufbaute), der wurde als jemand hingestellt, dem es nicht nur an Glauben mangelte, sondern der sich etwas auf seine eigene Weisheit einbildete, der stolz, egoistisch, ehrgeizig, eigensinnig und vom Teufel in die Irre geführt war und den Herrn verleugnete. Wer dem Zeugnis der Geschichtsschreiber der alten Zeit eine gewisse Berechtigung nicht absprechen mochte, wenn dieses den Daten der Organisation widersprach, der verließ sich auf „Vertreter des Reiches Satans“.

Wer das nicht glauben kann, der lese die Äußerungen, die in schöner Regelmäßigkeit im Wachturm der Jahrgänge 1922 und 1923 auftauchen. Beachtenswert ist der wiederholte Gebrauch von Ausdrücken wie „unbe­streitbar“, „über jeden Zweifel hinaus richtig“, „von Gott bestätigt“, „absolut und uneingeschränkt zutreffend“, „unbestreitbar feststehend“, „feststehende Gewißheit“, „göttlichen Ursprungs“ – alles Ausdrücke, die auf die Zeitrechnung bezogen waren, unter anderem auf 1799 (den Beginn der letzten Tage), 1874 (den Beginn der unsichtbaren Gegenwart Christi), 1878 (den Beginn der Auferstehung der Gesalbten), 1881 (die Zeit, zu der Russell in vollem Umfang Gottes Verwalter wurde), ebenso wie für 1914, 1918 und das neueste prophetische Datum 1925, von dem es im Wacht­Turm vom (1.) Januar 1923 auf Seite 15 heißt, es werde „sogar noch schärfer von der Bibel gekennzeichnet“ als 1914. Die wichtigsten Passagen sind als Hilfe zum schnellen Auffinden unterstrichen.

Aus dem Wacht-Turm vom Juni 1922:

„Die Zeit der Ernte
Jesus sagte, dass das Zeitalter mit ernte endigen würde, und dass er zu jener Zeit gegenwärtig sein und seine Boten aussenden würde, die Auserwählten zu sammeln“ … [175]

… „(Matthäus 13, 24-30; 24, 31.) Es war zu erwarten, daß der Herr einen Zeugen auf der Erde haben würde, der zur Zeit der Ernte die Tatsache seiner Gegenwart sowie der Ernte, verkündigte. Hier ist ein weiterer Beweis, der entscheidend ist. Diese Tatsachen reden lauter als Worte. Es war Br. Russell, der die Zeit der Ernte und die Gegenwart des Herrn der Ernte verkündigte. Er war es, der zuerst durch das Land ging und ausrief: die Ernte ist gekommen; gehet auf das Feld der Arbeit. Und Tausende die den Kriegsruf vernommen haben, stimmen mit ein in die Verkündigung dieser Botschaft.
Jesus sagte deutlich, daß er zur Zeit seiner Gegenwart einen klugen [engl. Übers. weisen] und getreuen Knecht haben würde, um durch ihn dem Haushalt des Glaubens die Speise zur rechten Zeit auszuteilen. Jeder der heute eine Erkenntnis des göttlichen Planes der Zeitalter hat, muß wahrheitsgemäß antworten, daß er diese Erkenntnis dem Bibelstudium anhand von Br. Russells Schriften verdankt, und daß er vorher nicht wusste, daß Gott einen Heilsplan hat. Jeder, der sich heute des Lichts über Gottes Wort erfreut, erkennt, daß der Herr ihm die Wahrheit brachte durch die Dienstbarkeit und das Werk, welches Br. Russell unmittelbar nach erfolgter Wiederkunft des Herrn begann.“

8.2.5 Von welchem Gott stammte Russells „Weisheit“? Vom „Vater der Lüge“?, bestimmt aber nicht vom dem „Gott, der nicht lügen kann“ (Tit 1:2)

Unter der Überschrift“ Weise vor Gott“ (was auf Russell gemünzt war) ist in dem Artikel abfällig von denen die Rede, die „glauben, daß sie mehr Weisheit als andere besitzen“, und es heißt, solche äußerten gewöhnlich „Behauptungen in dogmatischer Form“. Wenige Absätze weiter fängt man an, „unbestreitbare Tatsachen“ über 1799 und 1874 vorzutragen. Was bei anderen unter Dogmatismus fällt, ist offenbar aufrichtige Überzeugung, wenn es von den Schreibern der Zeitschrift praktiziert wird.

„Weise von Gott
War Bruder Russell weise? Was die Welt unter weise versteht, besonders die weltliche Geistlichkeit, so war er es nicht. Gott sei Dank, dass er es nicht wahr. Hätte er grosse weltliche Weisheit besessen, solche wie sie von seinen Verleumdern angewandt wird, würde ihn der Herr niemals gebraucht haben. Es ist zu bemerken, dass die sogenannten, studierten Geistlichen Bruder Russell beschuldigen, dass er nicht griechische und hebräische Sprache studiert habe. Diese Anschuldigung ist wahr. Die Tatsachen beweisen ohne Zweifel, dass die Mehrzahl der Männer, die eine Kenntnis des Griechischen und Hebräischen besitzen, sich selbst zu wichtig nehmen. Sie fangen an zu denken, dass sie soviel wissen, dass sie unbedingt etwas tun müssen, was das über den Haufen wirft, was ein anderer getan hat. Sie verlassen die Wege des Herrn und vertrauen ihrem eigenen Verstand, dem Worte Gottes entgegen (Sprüche 3, 5.6) Sie sprechen und schreiben gewöhnlich in folgenden Phrasen, dass ein gewöhnlicher Verstand es nicht fassen kann; dadurch wünschen sie mit ihrem eigenen Wissen vor den Augen anderer zu glänzen. Weil sie glauben, dass sie mehr Weisheit als andere besitzen, so machen sie ihre Behauptungen in dogmatischer Form, ohne Rücksicht, ob sie richtig oder falsch sind; sie vertrauen darauf, dass ihre Aussagen von anderen heruntergeschluckt werden, weil diese nicht fähig sind, die vermutliche Weisheit zu beurteilen.“ [176]

„Unbestreitbare Tatsachen beweisen deshalb, dass die „Zeit des Endes“ im Jahre 1799 begann, dass des Herrn zweite Gegenwart 1874 begann, und dass die Ernte darauf folgte und helleres Licht auf das Wort Gottes fiel. In Verbindung hiermit lasst uns auf die Worte Jesu merken: „Wer ist nun der treue und kluge [engl. weise] Knecht, den sein Herr über sein Gesinde [engl. Haushalt] gesetzt hat, um ihnen die Speise zu geben zur rechten Zeit? Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, also tuend finden wird. (Matthäus 24, 45. 46.)“

8.3 Wehe denen, die an der „offiziellen Wahrheit“ Zweifel zu zeigen beginnen!
8.3.1 Verunglimpfung all jener als „Ehrgeizige“, die Zweifel an der „offiziellen Wahrheit“ hegen

Einen Monat später, in der Ausgabe vom Juli 1922, zog man wieder gegen Leute zu Felde, die an den Lehren der Organisation zweifelten, und zwar mit derselben Taktik:

Dann und wann erhebt sich auch unter den Menschen irgend jemand, der dem Herrn, wenigstens für einige Zeit nachgefolgt ist, ein Mass von Schönheit der Ordnung und des Charakters und möglicherweise auch des Ansehens besitzt, der zuviel von sich selbst hält. Er wird immer mehr davon überzeugt, dass der Herr ihn berufen hat, die göttlichen Dinge zu verwalten und das Volk Gottes aus der Wüste zu führen. Wenn er auf diesem Wege fortfährt, so kommt er in seinen eigenen Gedanken zu der Überzeugung, dass der Herr einen Fehler beging, indem er Bruder Russell als jenen Knecht erwählte und dieser Zweifel führt endlich zu dem Schluss, dass Bruder Russell überhaupt nicht „jener Knecht“ war. Er beginnt anzuzweifeln, was Bruder Russell schrieb und er hebt sich selbst hervor. Er missachtet das Wort des Herrn: „Vertraue auf Jehova mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand. Erkenne ihn auf allen deinen Wegen und er wird gerade machen deine Pfade.“ – Sprüche 3, 5. 6

Indem ein solcher die Mahnung nicht beachtet und durch den schlauen Einfluss des Widersachers geleitet wird , redet er sich selbst ein, dass es seine erste Pflicht sei, alles zu verwerfen, was Bruder Russell gelehrt hat, dass es seine Pflicht sei, den Blick der Kirche in die rechte Richtung zu lenken. Er beginnt zu schreiben und das Geschriebene durch Darstellungen auf Karten zu unterstützen, um seine Ansichten festzusetzen. Wenn er dieses anderen unterbreitet und dann darüber belehrt wird, dass seine Gedanken falsch sind, so bildet er sich ein, dass man ihn hindern will, sein Licht scheinen zu lassen und verwirft solche Belehrung.  Er ist so durchaus davon überzeugt, dass er das Volk zu belehren hat und verwerfen muss, was bisher gelehrt worden ist, indem er beginnt seine Gedanken zu veröffentlichen und die Schriften an die Geweihten zu senden. Seine Beweise scheinen solchen, die sie nur oberflächlich prüfen, passend zu sein, und zwar sind das besonders solche,  die vergessen haben, was sie gelehrt worden sind. So steigen in den Gemütern einiger derer, die solche Dinge lesen, Zweifel auf. Jetzt ist die Prüfung da.“

8.3.2 Steht die Loyalität gegenüber Russell auf selber Stufe mit Loyalität gegenüber Jesus und Gott?

Loyalität gegenüber den Lehren der Gesellschaft, die von Russell übernom­men worden waren, wurde gleichgestellt mit Loyalität gegenüber Gott und Christus. Wer die Lehren Russells ablehnt, hieß es, verwirft damit Christus. So unglaublich das klingt, diese Behauptung wird in derselben Ausgabe des Wacht-Turms genau so aufgestellt: [177]

„Jesus sagte deutlich, daß er während seiner zweiten Gegenwart in der Kirche einen treuen und klugen Knecht habe, durch welchen er dem Haushalt des Glaubens die Speise zur rechten Zeit geben würde. Wir haben überwältigende Beweise von der zweiten Gegenwart des Herrn, von der Zeit der Ernte und auch davon, daß der Dienst „jenes Knechtes“ von Bruder Russell ausgefüllt wurde. Das ist durchaus keine Menschenverehrung. Es hat nichts zu sagen, was Bruder Russell war, ob er ein Doktor, ein Mörtelträger oder ein Hemden-Verkäufer war. Petrus war ein Fischer, Paulus ein Rechtsgelehrter. Aber das ist ganz unwesentlich. Vor allen Dingen waren diese Männer auserwählte Gefäße des Herrn, unbeachtet seines irdischen Berufes war Bruder Russell vor allen Dingen der Knecht des Herrn. Darum, wenn er und sein Werk verworfen werden, so ist es gleichbedeutend mit einer Verwerfung des Herrn, nach dem Grundsatz, der vorher erwähnt wurde.“

8.3.3 Ist wirklich jeder ein Abtrünniger, der der Gesellschaft und ihrer Chronologie mißtraut? Missbrauch mit biblischen Begriffen!

Ein halbes Jahrhundert später, in den 1980er Jahren, wurde genau derselbe Gedankengang auf sogenannte „Abtrünnige“ angewendet. Damals wie heute ging es vor allem um die Zeitrechnung; sie bildete die Glaubensprü­fung, die erweisen sollte, ob jemand wirklich ein wahrer Christ war. In derselben Ausgabe des Wacht-Turms wurde auch die Warnung ausgesprochen, daß ein Anzweifeln der Chronologie der Gesellschaft, einschließlich der Jahreszahlen 1799, 1874, 1914 und 1925 schließlich „zu einer Verwer­fung Gottes und unseres Herrn Jesus Christus und des Blutes, womit wir erkauft sind“, führen würde:

„Wieder ist eine Prüfung da. Diesmal ist es wegen der Chronologie; und wer dieser Führung folgt, wird finden, daß der weg des Zweifels und des Widerspruchs zum Bezweifeln der Gegenwart des Herrn, der Zeit der Ernte, des Dienstes „jenes Knechtes“ und dessen, der diesen Dienst ausführte, der Beweis des Endes der Welt, der Aufrichtung des Königreiches, der Nähe der Wiederherstellung des Menschen und schließlich zu einer Verwerfung Gottes und unseres Herrn Jesus Christus und des Blutes, womit wir erkauft sind, führt.“

8.3.4 Dummdreiste Verteidigung der gezinkten Chronologie mit äußerst zweifelhaften Argumenten!

In jeder Nummer ging es jetzt um die Chronologie der Gesellschaft. Jeder gegenteilige Beweis wurde niedergemacht und dafür die Genauigkeit des Zeitrechnungssystems der Gesellschaft gepriesen. Das Jahr 1914 war ledig­lich ein Baustein in dem Berechnungssystem, und im Wacht-Turm hieß es hartnäckig, daß alle Jahreszahlen stimmten (einschließlich der in Verbin­dung damit erhobenen Behauptungen); sie seien das Ergebnis göttlicher Führung. Daher gebe es keinen Grund, ein einziges von ihnen anzuzweifeln. Ein Zitat aus dem Wacht-Turm vom August 1922:

„Chronologie
Wir haben in der Chronologie zweifellos das, was man nur haben kann, bezüglich der Daten 1874, 1914, 1918 und 1925. Einige erheben den Anspruch, neues Licht gefunden zu haben, und zwar in Verbindung mit der Periode, der „70 Jahre der Verwüstung und Israels Gefanggenschaft“ … [178]

… „in Babylon“; und trachten nun eifrig danach, anderen Glauben zu machen, dass Bruder Russell im Irrtum war.“

Die Leser wurden gewarnt, sich nicht leichtfertig Beweisen weltlicher Geschichtsschreibung zu öffnen, die der Chronologie der Gesellschaft widersprachen. Hervorhebenswert ist der Schluß des folgenden Absatzes:

„Einige ihrer besten Autoritäten, wie z.B. Josephus und Ptolomäus, werden manchmal als ganz unzuverlässlich erfunden. Diese Männer lebten während der ersten zwei Jahrhunderte nach Christi Geburt. Man hatte viel Schwierigkeit, ihre Urkunden in Zusammenhang zu bringen, denn vollständige Daten waren nicht zu bekommen. Zweifellos haben die Gelehrten das Beste unter den jeweiligen beschränkte Umständen getan; und ihre Arbeit wird als das Beste, was die Weltgeschichte nur zu bieten vermag, angenommen. Geschichtsschreiber haben von diesen und von anderen gewisse Daten entnommen; aber die allgemeine Annahme bedeutet keineswegs absolute Genauigkeit. Um dem Leser jedoch von ihrer Weisheit eine gewisse Überzeugung zu geben, wurden ihre Schlußfolgerungen oft in sehr positiver Sprache gemacht, und der Forscher ist geneigt, diese dann ohne weitere Prüfung anzunehmen, als wären sie Tatsachen.“

8.3.5 Welcher Gott gab Russell nun wirklich den Stempel der Anerkennung?

Man vergleiche diese Worte mit der Sprache, die dann im Wacht-Turm gebraucht wird, um andere zur Annahme des eigenen Zeitrechnungssy­stems zu bewegen:

„Der Stempel mit Gottes Anerkennung
Es war nach dieser Rechnungsweise, daß die Daten 1874, 1914, und 1918 festgelegt wurden, und Gott hat den Stempel seines Siegels über jegliche Erwartung einer Zeitrechnung aufgedrückt, Welchen weiteren Beweis hätten wir noch nötig?
Bei der Anwendung desselben Maßstabes, anfangend mit dem Einzuge der Kinder Israels in Kanaan, und die vollen 70 Zyklen von 50 Jahren zusammenzählend, wie es klar durch Jehovas Sendung der Juden nach Babylon für volle 70 Jahre angedeutet wurde, da fällt es uns nicht schwer, 1925, wahrscheinlich im Herbst, als den Anfang des gegenbildlichen Jubeljahres festzulegen. 1925 kann ebensowenig bezweifelt werden, als wie das Jahr 1914.

Die Tatsache, daß sich 1914 nicht alles verwirklichte, nach welchem ausgeschaut wurde, ändert die Chronologie nicht im geringsten. Es war sehr leicht für den begrenzten Geist, größere Schlußfolgerungen zu ziehen, daß sich nämlich alles um diesen Zeitpunkt drehe, weil dieses Datum so außerordentlich bedeutungsvoll war, und so haben viele die Neigung gehabt, mehr zu erwarten, als wie wirklich vorausgesagt worden war. So geschah es 1844, 1874, 1878 sowohl als auch 1914 und 1918. Zurückschauend können wir nun leicht erkennen, daß jene Daten, welche klar in der heiligen Schrift enthalten waren, vom Herrn zweifellos nur gegeben wurden, um Gottes Volk zu ermutigen, wie sie es auch getan haben. Andererseits waren aber auch Prüfungen und Sichtungen damit verknüpft, wenn nicht alles sich ereignete, was einige erwartet hatten, 1925 wird, als Datum, sich wiederum nicht verschieben, selbst wenn wiederum nicht alles sich ereignen wird, was einige zu erwarten sehen“ [179]

Wieder einmal wurde der Herr dafür verantwortlich gemacht, daß sich die Erwartungen hinsichtlich früherer. Endzeitprophezeiungen nicht erfüllt hatten, als ob jene Daten „vom Herrn zweifellos nur gegeben wurden, um Gottes Volk zu ermutigen“. Man sieht nichts Verkehrtes in der Annahme, Gott und Christus gebrauchten Lügen zur Ermutigung ihrer Diener. Dabei sagt uns die Bibel, daß „Gott Licht ist, und in Gemeinschaft mit ihm gibt es gar keine Finsternis“.[5] Der Gedanke, Gott oder sein Sohn könnten sich des Irrtums bedienen, um die Christen zu leiten, ist der Bibel fremd. Er dient einzig dem Zweck, die Zweifelnden einzuschüchtern und als Menschen hinzustellen, die sich über Gott beklagen.

8.3.6 Die Verschiebung nur eines einzigen Jahres innerhalb der Chronologie sei verhängnisvoll!

Großes Aufheben wurde davon gemacht, daß eine Verschiebung in der Zeitrechnung der Gesellschaft selbst um nur ein einziges Jahr verhängnis­voll wäre, daß sie „das ganze System der Chronologie über den Haufen werfen würde“.[6] Tatsache ist, daß die Gesellschaft die meisten Jahreszahlen für die vorchristliche Zeit in neuerer Zeit wesentlich verschoben hat.

Um die Korrektheit der damals als „Chronologie gegenwärtiger Wahrheit“ bezeichneten Darstellungen zu beteuern, schien kein Eigenschaftswort extrem, keine Behauptung verstiegen genug. Beim Lesen der nun folgenden Behauptungen aus dem Wacht-Turm vom Oktober 1922 muß man im Sinn behalten, daß der weitaus überwiegende Teil inzwischen verworfen wurde:

„Weiterer Beweis für die Chronologie gegenwärtiger Wahrheit
Auf mathematischem Gebiet gilt eine wohlbekannte Regel, welche man „das Gesetz der Wahrscheinlichkeiten“ nennt. Im täglichen Leben stößt man häufig auf eine Anwendung dieser Regel in solchen Fällen, in denen es sich darum handelt, zweifelhafte Fragen zu schlichten. Wenn in einer Familie mit mehreren Kindern eine gewisse Art von Unfug verübt wird, so sprechen die Wahrscheinlichkeiten – in der Tat die Gewißheit – dafür, daß ein bestimmtes Kind den Unfug verübt hat und daß die anderen es gewiß nicht getan haben. Wenn zur Nachtzeit ein einzelnes Haus in einer eigenartigen weise beschädigt wird, dann kann es nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit ein reiner Unfall oder Zufall gewesen sein; wenn aber zwei Häuser auf dieselbe Art beschädigt werden, so war es wahrscheinlich nicht ein Zufall oder Unfall, sondern die beabsichtigte Tat irgendeiner Person; wenn der Schaden aber drei oder mehr Häusern in derselben Weise zugefügt ist, so tritt die Sache aus dem Bereich der Möglichkeiten des Zufalls oder Unfalls in die Gewißheit einer beabsichtigten Tat.

   Die Chronologie gegenwärtiger Wahrheit möchte vielleicht nur ein Zufall sein, wenn nicht die Wiederholung in den zwei großen Zyklen von 1845 und 2520 Jahren da wären, welche die Sache aus dem Bereich des Zufalls herausnehmen und in das der Gewißheit bringen. Wenn es in diesen Zyklen nur ein oder zwei einander entsprechende Daten oder Zeitpunkte gäbe, so möchte dies möglicherweise ein bloßes zufälliges Zusammentreffen sein; wo sich aber die Übereinstimmung von Zeitpunkten und Ereignissen zu Dutzenden zeigen, da kann dies unmöglich“ … [180]

„durch Zufall kommen, sondern muß seinen Grund in den Plan oder Vorsatz des einen persönlichen Wesens haben, der eines solchen Planes fähig ist – Jehova selbst: und die Chronologie selbst muß richtig sein.
In den Gängen der großen Pyramide von Gizeh möchte das Übereinstimmen von ein oder zwei Messungen mit der Chronologie gegenwärtiger Wahrheit vielleicht eine Sache des Zufalls sein, aber das Übereinstimmen von Dutzenden von Messungen beweist, daß derselbe Gott sowohl die Pyramide als auch den Plan ersann – beweist aber auch zugleich die Richtigkeit der Chronologie.
Das Übereinstimmen der Chronologie mit den Messungen der Stiftshütte und des Tempels Hesekiels , stempelt ferner die Chronologie als wahr.
Auf Grund solcher und so vieler Übereinstimmungen – im Einklang mit den solidesten und erprobtesten Gesetzen, von denen die Wissenschaft Kenntnis hat – bekräftigen wir es, dass vom Standpunkt der Schrift, der Wissenschaft und der Geschichte die Chronologie gegenwärtiger Wahrheit über jeden Zweifel hinaus richtig ist. Ihre Zuverlässigkeit ist durch die Daten oder Zeitpunkte und Ereignisse der Jahre 1874, 1914 und 1918 überreichlich bestätigt worden. Die Chronologie gegenwärtiger Wahrheit ist eine sichere Grundlage, auf welche sich das geweihte Kind Gottes stützen mag, um kommende Dinge zu ergründen. 1. Petri 1, 11. 12; Johannes 16, 13.“

8.3.7 Eine Chronologie die auf den Sand der Lüge, statt auf den Fels biblischer Wahrheit gebaut ist!

In dem Artikel hieß es, die Chronologie stehe „fest und unbeweglich wie ein Fels, gestützt auf das Wort Gottes“, und es wurde betont, es handle sich hier „um Glauben an Jehova und an sein inspiriertes Wort“.[7] Beharrlich wurde der göttliche Ursprung der heute weitgehend verworfenen Chronologie hervorgehoben, und zwar seien nicht nur einzelne Teile, sondern alle“absolut zutreffend“. Sie trug den „Stempel der Anerkennung Gottes, des Allmächtigen“. So sagte der Watch Tower vom 15. Juli 1922 unter der Überschrift „Der feste Strang der Chronologie“ (Originalwortlaut siehe Anhang):

„Als erstes läßt sich feststellen, daß die Chronologie der gegenwärtigen Wahrheit­ – wie andere Chronologien – eine Kette von Jahreszahlen ist. Das heißt, man weiß, um wieviel Jahre jedes Datum nach dem vorhergehenden und vor dem folgenden liegt, wobei jeder Schritt durch die zuverlässigsten verfügbaren Beweise abgesi­chert ist. Wäre das aber schon alles, was an Beweis für die Glaubwürdigkeit der Chronologie vorzubringen ist, dann könnte man sie nicht mit Recht als zuverlässi­ger als die weltlichen Chronologien bezeichnen. Bis hierher ist sie eine Kette, die nicht starker ist als ihr schwächstes Glied. Die Jahreszahlen der Chronologie der gegenwärtigen Wahrheit stehen aber, so läßt sich nachweisen, in einem festen Verbund miteinander. Diese inneren Zusammenhänge verleihen der Chronologie eine viel größere Stabilität, als das bei anderen der Fall ist. Zum Teil sind sie von so bemerkenswerter Art, daß daraus klar erkennbar wird, hier handelt es sich um eine Chronologie von Gott lind nicht von Menschen. Dadurch, daß die Chronologie der gegenwärtigen Wahrheit göttlichen Ursprungs ist und von Gott bestätigt wurde, bildet sie eine Kategorie für sich allein, als absolut und uneingeschränkt zutreffend. [181]

UNBESTREITBAR FESTSTEHEND
Wenn eine Jahreszahl durch mehrere Beweislinien gestützt wird, dann steht sie als gesichert fest. Das wissenschaftliche Gesetz der Wahrscheinlichkeiten verleiht den Strängen der Chronologie eine viel größere Festigkeit, als dies mehrere einzelne Beweislinien insgesamt tun könnten. Auf diese Gesetzmäßigkeit verläßt man sich in wichtigen Fragen uneingeschränkt. Gibt es nämlich für einen Sachverhalt nur einen einzigen Indizienbeweis, so könnte es sich auch um einen Zufall handeln; liegen zwei Beweise vor, so kann man ihn fast sicher als wahr annehmen; und gibt es mehr als zwei Beweise, so ist es gewöhnlich unmöglich, daß es sich um ein Zufallsergebnis handelt oder daß der Sachverhalt nicht wahr ist. Liegen zusätzlich noch andere Beweise vor, so wird aus der Wahrscheinlichkeit feststehende Gewißheit. Vor Gericht findet dieser Grundsatz in den gewichtigsten Angelegenheiten tagtäg­lich von neuem Anwendung. Die Aussage eines einzelnen Zeugen läßt sich anzweifeln, doch die von zwei oder drei hißt die Wahrheit als unbestreitbar feststehen. ,Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll jede Sache festgestellt werden‘ (2. Korinther 13:1). Bei der Chronologie der gegenwärtigen Wahrheit gibt es zwischen den Jahreszah­len so viele Verknüpfungen und Wechselbeziehungen, daß es sich nicht mehr lediglich um eine Kette, sondern umeinen starken Strang von Jahreszahlen handelt. aus einzelnen kleineren Strängen fest zusammengefügt. Da“ Ganze ist ein von Gott zu einer Einheit verwobenes System, in dem die meisten Jahreszahlen eine auffällige Beziehung zu anderen haben. Damit ist erwiesen, daß das System nicht von Menschen stammen kann.

BEWEIS FÜR GÖTTLICHEN URSPRUNG
Es wird klar gezeigt werden, daß die Chronologie gegenwärtiger Wahrheit unbe­streitbare Beweise für das Vorauswissen Gottes um die Hauptdaten bietet und daß darin der Beweis für ihren göttlichen Ursprung liegt, sowie damit, daß es sich bei dem System nicht um eine menschliche Erfindung, sondern um die Entdek­kung einer göttlichen Wahrheit handelt. Der Beweis besteht in den vielen inneren Beziehungen zwischen den Daten. Ohne diese Beziehungen bestünde kein Unterschied zwischen dieser Chronologie und weltlichen Systemen, doch mit ihnen, so glauben wir, trägt sie den Stempel der Anerkennung Gottes, des Allmächtigen.“ Um den göttlichen Ursprung des vorgelegten chronologischen Systems zu beweisen, stützte man sich vor allem auf Parallelen. Dabei wandte man parallele Zeitabläufe von 1845 Jahren und von 2520 Jahren auf etliche Jahreszahlen und geschichtliche Ereignisse an. In der eben zitierten Ausgabe des Watch Tower heißt es über dieses System der Parallelen: „Parallelen dieser Art beweisen den göttlichen Ursprung der Chronologie gegenwärtiger Wahrheit, denn in ihnen zeigt sich ein Vorherwissen. Im angeführten Beispiel sind die Spaltung Israels und die der Christenheit, die 2520 Jahre auseinander liegen, ein Beweis dafür, daß bei der Zulassung der ersteren die letztere vorhergewußt wurde. Dem ist so, weil zwischen den beiden Ereignissen eine Beziehung hinsichtlich des Zeitpunkts und der Art besteht. Findet man heraus, daß es eine ganze Reihe oder ein System paralleler Daten gibt, von denen jeweils zwei 2520 Jahre auseinander liegen, wird das Vorherwissen offensichtlich. Es wäre absurd, wollte man behaupten, der aufgedeckter Zusam­menhang sei nicht das Ergebnis göttlicher Fügung, Gott allein verfügt über ein solches Vorauswissen, und das beweist, daß er die Zeiten und Ereignisse überwaltete, [182] so daß sie zu einem wunderschönen, harmonischen Ganzen verwoben wurden, zu großartig, um das Ergebnis eines Zufalls oder eine Erfindung von Menschen zu sein“

Obwohl das System von Parallelen so offensichtlich dem göttlichen Vorher­wissen entstammte und es „absurd“ wäre, dessen Zuverlässigkeit und Bedeutung zu leugnen, hat die Organisation es inzwischen gänzlich ver­worfen.

8.4 Lügen bedingen stets neue Lügen, wenn die alten sich als das erweisen, was sind!
8.4.1 Die zentrale Rolle der Organisation Watchtower am Kongreß in Cedar Point 1922 ins rechte Licht gerückt: Die alleinigen Vertreter des Königs, der seit 1878 „gegenwärtig“ sei! Nun wird aber das Jahr 1914 ins Zentrum gerückt.

Alle diese Artikel, in denen man sich so bemühte, jeden Zweifel an den Endzeitvoraussagen zu unterdrücken, die eine so zentrale Rolle in den Lehren der Organisation spielten, sollten die Leser des Wachtturms anscheinend auf ein bevorstehendes Ereignis vorbereiten. Offenbar sollte damit eine bestimmte Erwartungshaltung vor dem Kongreß in Cedar Point (Ohio) aufgebaut werden, der in jenem Jahr stattfand. Auf diesem Kongreß im Jahr 1922, der immer wieder als Meilenstein in der Geschichte der Organisation hervorgehoben wird, ging es im Hauptvortrag um genau die Dinge, für die in den Artikeln im Wachtturm bereits der Grund gelegt war. Die Organisation zitiert heute einen kleinen Ausschnitt aus diesem Vortrag, um damit das Jahr 1914 zu stützen. Dabei unterschlägt sie die Tatsache, daß die Jahre 1799 und 1874 in den Gedankengängen eine ebenso große Rolle spielten und die Zuhörerschaft genauso zu den angestrebten Schlußfolgerungen führen sollten. Das zeigen die folgenden Redeauszüge, die dem Wacht-Turm vom 15. Januar 1923 entnommen wurden:

„Biblische Prophezeiungen zeigen, daß zweite Geschehen des Herrn im Jahre 1874 zu erwarten sein würde. Die in Erfüllung gegangenen Prophezeiungen zeigen über jede Zweifel hinaus, daß er im Jahre 1874 wirklich zurückkehrte. Die Erfüllung von Prophezeiungen zeigt sich in offenkundigen Erscheinungen oder Tatsachen, und diese Tatsachen sind unbestreitbar. Alle treuen Wächter sind mit diesen Tatsachen vertraut, wie sie in der Schrift dargelegt, und wie sie in der von dem besonderen Knecht des Herrn gegebenen Auslegung klargemacht sind.
Jesus selbst erklärte, daß er in der Zeit seiner Gegenwart unter dem Volke ein Erntewerk leiten, während dessen er die Treuen und ihm Gegebenen zu sich einsammeln würde. Seit einer Reihe von Jahren ist dies Werk im Gang gewesen und nähert sich seiner Vollendung. Jesus erklärte ferner, daß er während seiner Gegenwart jemanden haben werde, welcher das Amt eines treuen und klugen Knechtes ausfüllte, durch welchen der Herr seinem Volke Speise zur rechten Zeit bringen würde. Alle Tatsachen beweisen, daß diese Prophezeiungen in Erfüllung gegangen sind.

Tag der Vorbereitung
Warum ist der König gekommen? In dem Zweck, um sein Königreich aufzurichten und als König zu herrschen. Er hatte aber ein besonderes Werk zu tun, ehe seine Herrschaft begann, und dies besondere Werk ist ein Werk der Vorbereitung. Da die Glieder seines Leibes mit ihm an seiner Herrschaft teilhaben sollen, so müssen diese vorher eingesammelt werden. Die Zeiten der Nationen unter der Kontrolle des Fürsten dieser Welt endeten endeten am 1. August 1914. Vor diesem Zeitpunkt wäre es für den Herrn, den König der Herrlichkeit, nicht richtig und nicht gut möglich gewesen, seine große Macht an sich zu nehmen und zu herrschen (Hesekiel 21:32 – nach der Elberfelder Bibel; Parallelbibel, Luther und Schmoller 21:27.) Da der Herr seit 1874 gegenwärtig gewesen ist, so geht aus den tatsächtlichen Beweisen, wie wir sie jene erkennen, hervor, daß die Zeit von 1874 bis 1914 der Tag der“ … [183]

„Vorbereitung ist. Dies vergrößert in seiner Weise gegen den Gedanken, daß die “Zeit de Endes” von 1799 bis 1914 läuft. Betreffs der Zeit von 1799 bis 1874 konnte nicht gesagt werden, daß es ein Tag der Vorbereitung war, sondern ein Tag zunehmenden Lichtes. Es ist vernunftwiedrig zu dem Schluß zu kommen, daß der König mit dem Werk der Vorbereitung begann, ehe er gegenwärtig war.
Sechstausend Jahre lang hat Gott dieses Königreich vorbereitet. Seit neunzehnhundert Jahren hat er die Königreichsklasse aus der großen Menschenwelt herausgesammelt. Seit 1874 ist der König der Herrlichkeit gegenwärtig gewesen , und während dieser Zeit hat er ein großes Erntewerk verrichtet und hat die Tempelklasse zu sich eingesammelt, Seit 1914 hat der König der Herrlichkeit seine Macht an sich genommen und herrscht. Er hat die Lippen der Tempelklasse geläutert und sendet sie hinaus mit der Botschaft. Die Wichtigkeit der Botschaft des Königreiches kann nicht stark genug hervorgehoben werden. Es ist die Botschaft aller Botschaften. Es ist die Botschaft des Tages, ja, die Botschaft der Stunde. Es ist die Pflicht derer, welche des Herrn sind, sie in alle Welt hinauszurufen. Das Königreich der Himmel ist nahe gekommen; der König regiert; Satans Reich bricht zusammen; Millionen jetzt Lebender werden nie sterben.

Glaubt ihr es? Glaubt ihr, daß der König der Herrlichkeit gegenwärtig ist, und daß er seit 1874 gegenwärtig gewesen ist? Glaubt ihr daß er während dieser Zeit sein Erntewerk geleitet hat? Glaubt ihr, daß er während dieser Zeit einen treuen und klugen Knecht gehabt hat, durch welchen er sein Werk leitete und den Haushalt des Glaubens mit geistiger Speise versorgte? Glaubt ihr, daß der Herr jetzt in seinem Tempel ist, die Nationen der Erde richtend? Glaubt ihr, daß der König der Herrlichkeit seine Herrschaft begonnen hat?
Dann zurück in das Feld o ihr Söhne des höchsten Gottes! Umgürtet euch mit eurer Waffenrüstung! Seid nüchtern, seid wachsam, seid tätig, seid tapfer! Seid treue und glaubensstarke Zeugen für den Herrn! Seht mutig vorwärts in dem Kampfe, bis jede Spur Babylons wüst und öde gemacht ist! Verkündet die Botschaft weit und breit! Die Welt muß es wissen, daß Jehova Gott ist, und daß Jesus Christus König der Könige und Herr der Herren ist! Dies ist der Tag aller Tage. Siehe, der König regiert! Ihr seid seine öffentlichen Verkündiger, um seine Botschaft überallhin bekannt zu machen, Deshalb verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich.
Diese Ansprache mit ihren glühenden Aufrufen zur Loyalität gegenüber den Lehren und der Chronologie Pastor Russells ist bedeutsam, da sich in ihr allen Beschwörungen zum Trotz gerade die ersten Anzeichen eines allmäh­lichen Abrückens von diesen Lehren zeigen. Russell hatte in Band 2 derSchriftstudien, betitelt Die Zeit ist herbeigekommen, gelehrt:
„Da das Jahr 1878 die Parallele der Zeit ist, da er (Christus I im Vorbilde seine Macht und Autorität [an) sich nahm, so bezeichnet es die Zeit für das thatsächliche Ansichnehmen der Gewalt als König der Könige von seiten unseres gegenwärtigen, unsichtbaren Herrn – die Zeit, da er seine große Gewalt an sich nahm, um zu herrschen.““

Diese – unsichtbaren – Ereignisse verschob Rutherford in seiner Ansprache in Cedar Point von 1878 auf 1914, ein Jahr, das nichts von dem gebracht hatte, was man vorausgesagt und erhofft hatte. Damit war der Anfang gemacht. Nach und nach sollten fast alle Ereignisse, denen man Jahreszah­len vor 1914 zugewiesen hatte, auf 1914 oder danach verschoben werden.

8.4.2 Der Jubeljahrzyklys von je 50 Jahren sollte auf das Jahr 1925 fallen: Das grosse Jubeljahr! Den Juden wurde Hoffnung gemacht Gottes Wohlwollen erneut zu erlangen

Gemäß der Broschüre Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben lehrte die Organisation nun, daß der Jubeljahrzyklus (der nach dem [184] mosaischen Gesetz aus Abschnitten zu je 50 Jahren bestand, von denen jeweils das fünfzigste ein Jubeljahr war), auf das Jahr 1925 als den Zeitpunkt hinwies, in dem die Herrschaft Christi vollständig offenbar werden und die Propheten der alten Zeit auf die Erde zurückkehren sollten. Im Jahr 1924 veröffentlichte die Organisation ein Buch für junge Menschen, betitelt Der Weg zum Paradiese. Man beachte, in welch zuversichtlichem Ton dort den jungen Leuten diese Voraussagen vorgetragen wurden, auch die Wiederherstellung des irdischen Jerusalem als Hauptstadt für die Menschheit gehörte dazu:

„214 Der Weg zum Paradiese
Demütigung für die Juden sein, wenn sie erkennen werden, was sie verfehlt haben
Das Bürgerliche oder zivile Jahr der Juden beginnt im Herbst, ungefähr an unserem 1.Oktober. Das Jahr 1926 würde darum ungefähr am 1.Oktober 1925 beginnen. Es würde darum ganz vernünftig sein, zu erwarten, daß kurz nach diesem Zeitpunkt die Gnade Gottes zum jüdischen Volke zurückkehrt. Viele Juden schauen heute schon voller Verlangen nach ihrem alten Heimatlande Palästina. Gottes Zeit , für welche er die Herrschaft der Nationen zugelassen hatte, war, wie wir bereits gesehen haben, im Jahre 1914“ … [185]

8.4.3 Auferstehung von vorchristlichen Fürsten für 1925 auf der Erde vorausgesagt

„Fürsten auf der ganzen Erde 215

abgelaufen. Da nun das jüdische Volk als Nation die Gunst Gottes verlor, als es Jesus kreuzigte, und seit 1914 die Nationen von Gott nicht mehr als Nationen anerkannt werden, wird Christus bald beginnen, mit jedem einzelnen Menschen zu handeln, und zwar wird er zuerst mit den Juden durch die alten Überwinder beginnen. Wir dürfen darum bald nach 1925, dem letzten vorbildlichen Jubeljahr, die Auferweckung von Abel, Henoch, Noah, Melchisedek, Abraham, Isaak, Jakob, Hiob, Moses, Samuel, David, Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel, Johannes dem Täufer und vielen anderen erwarten, die im 11. Kapitel des Hebräerbriefes erwähnt werden.
Diese werden gewissermaßen auf der Erde den Kern des neuen Königreiches bilden. Eines der ersten Dinge die geschehen müssen, wird sein, Jerusalem zur Hauptstadt der Welt herzurichten. Das wird ein großes Werk sein, aber es wird auch viele willige Arbeiter geben. Die Zeitungen berichten uns, wie sich die Aufmerksamkeit bereits auf Palästina richtet und wie Tausende von Juden versuchen dorthin zurückzukehren. Durch Anlegen besserer Straßen und Anbau von Feldern ist bereits ein beträchtliches Werk getan worden. Wir dürfen jedoch nicht erwarten, daß viel systematische Arbeit begonnen werden wird, ehe die „Fürsten“ auferstanden sind und ihren Platz eingenommen haben.

Von der Hauptstadt eines Landes sollte es eine breite und schnelle Verbindung nach allen Teilen des Landes geben. Wenn Jerusalem die Hauptstadt der Welt sein wird, muß es von dort eine schnelle Verbindung nach allen Richtungen geben. Das Königreich Christi soll in 1000 Jahren alles Böse entfernen, das in 6000 Jahren entstanden ist. Die althergebrachten Methoden werden dabei nicht genügen. Schon sehen wir große Veränderungen vor sich gehen. Mittels der drahtlosen Telegraphie und des Radios können jetzt Botschaften um die ganze Erde getragen [216] werden und bis die Fürsten auferstanden sein werden, werden diese Erfindungen noch bedeutend vervollkommnet sein.
Es wird dadurch die ganze Menscheit sozusagen „in einem Raume“ sein. Was soll das heißen? Wenn wir Jesaja 2:3 und Sacharja 14:16, 17 lesen, sehen wir, daß es ein Leichtes für alle Völker sein wird „nach Jerusalem hinauf zu ziehen“. Die Fürsten werden leicht ihre Anweisungen in alle Teile der Erde senden können. Wir können uns vorstellen, dass alle Völker, wenn z.B. Abraham einige allgemeine Belehrungen zu geben haben wird, aufmerksam seinen Worten lauschen werden, ganz als ob“… [186]

… „er in einem Saale von einer Rednertribüne aus zu ihnen reden würde.
Wenn jemand wünschen wird, Jerusalem zu besuchen und die Fürsten von Angesicht zu sehen, oder wenn die Fürsten andere Erdteile besuchen wollen, werden vollkommene Fahrzeuge, vielleicht Aeroplane bereit sein, in denen man in kürzester Zeit von allen Teilen der Erde nach Jerusalem oder umgekehrt gelangen kann. Es wird in der Tat eine neue Welt sein, herrlich gemacht, in jeder Beziehung – Sacharja 14:20, 21; Offenbarung 21; Psalm 72 und 145.
Die Alttestamentlichen Überwinder werden aber auch, wenn es nötig ist, „die eiserne Rute“ gebrauchen, um die Eigensinnigen und Ungehorsamen zurecht zu bringen. Alle werden lernen müssen, daß keine Ungerechtigkeit mehr zugelassen ist, denn Gerechtigkeit wird die Grundlage des neuen Königreiches sein. – Psalm 37:1, 2, 9, 10, 38.

Zweifellos werden viele Knaben und Mädchen, die dieses Buch lesen, es erleben, wenn Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Moses und viele andere der treuen Männer der alten Zeit in der Herrlichkeit ihrer „besseren Auferstehung“ hervorkommen werden, vollkommen an Geist und Leib. Es wird nicht lange dauern, bis sie der Christus ihrer Macht- und Ehrenstellungen als seine irdischen Vertreter [217] einsetzen kann. Zwar wird ihnen die Welt mit ihren Einrichtungen zuerst fremd sein, aber sie werden sich bald an alle Neuerungen gewöhnen. Zuerst werden sie viele merkwürdigen Überraschungen erleben, denn sie sahen nie zuvor Dampfmaschinen, Automobile, elektrisches Licht, Telephon, Flugmaschinen, Luftschiffe, Radio und viele andere Dinge, an die wir gewöhnt sind.
Welch ein Vorrecht haben wir, zu dieser Zeit leben und das Ende der alten Ordnung , sowie das Kommen der neuen Weltordnung sehen zu dürfen! Von allen bisherigen Zeiten der Geschichte der Erde ist die heutige die Wunderbarste.“

Es ist wohl nicht nötig, eigens zu betonen, daß die Jugendlichen, an die diese Schrift gerichtet war, heute alte Menschen sind, Männer und Frauen von weit über siebzig oder achtzig Jahren.

8.4.4 Erneuter Reinfall im Jahre 1925: Zieht ein chronischer Lügner daraus Rückschlüsse?

Wenn auch die Gesellschaft ab und zu den griffigen Slogan „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“ noch verwendet und darauf hin­weist, daß die Zahl der Zeugen Jehovas jetzt in die Millionen geht, so verfälscht sie damit doch das Gesagte. Die Behauptung, „Millionen jetzt le­bender Menschen werden nie sterben“, bezog sich nicht auf Menschen in den 1990er Jahren, sondern in der ersten Hälfte der 1920er Jahre, Damals lebte nur ein Bruchteil der über fünf Millionen Zeugen Jehovas von heute. Nur wenn die Zahl der über 70 Jahre alten Zeugen Jehovas heute über zwei Millionen läge, ließe sich dieser Voraussage ein Anschein von Richtigkeit geben. [187]

Das Jahr 1925, auf das sich der Slogan und die Voraussagen stützten, brachte nichts von den vorhergesagten Dingen. Die Lehre hatte keinen Gehalt, sie war reine Schaumschlägerei, ein prophetisches Phantasiegebilde.

Und trotzdem war alles, was im Wachtturm und anderen Schriften erschien, angeblich „Speise zur rechten Zeit“, die Gott durch seinen Mitteilungskanal zur Verfügung stellte, der behauptete, er stünde unter der besonderen Leitung und Billigung Jesu Christi, des jetzt regierenden Königs. Man sprach, so hieß es, als Gottes“ wahrer Prophet“.

Daß aber 1925 verstrich und die neuesten Voraussagen sich als falsch erwiesen, zeigte, daß die Voraussagenden sich nicht als“ treuer und verstän­diger Sklave“ erwiesen hatten. Sie hatten sieh nicht treu und bescheiden an Gottes Wort gehalten, dem allein Ausdrücke wie „unbestreitbar“, „absolut und uneingeschränkt zutreffend“, „unbestreitbar feststehend“ zukommen. Ebensowenig war es verständig, derartig dogmatische Behauptungen jahre­lang weltweit auszuposaunen, wie Rutherford es letztlich auch zugab, als er eingestand, sich lächerlich gemacht zu haben.

Die einschüchternde Sprache, die im angeblichen „Kanal“ Gottes, dem Wachtturm, gebraucht wurde, der Vorwurf des Ehrgeizes, des Stolzes und der Untreue gegenüber Christus, gerichtet gegen die, die diesem vermessenen Weg nicht folgen mochten, all das sorgte sicherlich dafür, daß die Mehrzahl ihrem Führer mit seinen, wie er zugab, lächerlichen Behauptun­gen die Stange hielt. Viele aber glaubten, einem so verantwortungslosen Weg nicht mehr folgen zu können, und so erlitt die Organisation nach 1925 einen starken Rückgang in der Zahl ihrer Anhänger.[8]

Wie wird die Situation des Jahres 1925 in den Veröffentlichungen der Organisation heute dargestellt? Im Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1975 wurde das Problem nicht bei der Organisation gesehen, die die Information verbreitete, sondern bei den „Brüdern“, die sie lasen:

Das Jahr 1925 kam und verstrich. Die gesalbten Nachfolger Jesu wa­ren als Gruppe immer noch auf der Erde. Die Treuen der alten Zeit – Abraham, David und andere – waren nicht auferweckt worden, um Fürsten auf der Erde zu sein (Ps 45:10). Anna MacDonald erinnert sich: Das Jahr 1925 war für viele Brüder ein trauriges Jahr. Einige strauchelten; ihre Hoffnungen waren enttäuscht worden. Sie hatten gehofft, daß einige der alttestamentlichen ‚Überwinder‘ auferstehen würden. Statt dies als eine Wahrscheinlichkeit anzusehen, lasen sie hinein, daß dies mit Sicherheit kommen würde, und manche bereiteten alles für ihre lieben Angehörigen vor, da sie deren Auferstehung erwarteten.

Läßt sich dieses Abschieben der Verantwortung auf die „Brüder“, die sich so große Hoffnungen gemacht hätten und dann enttäuscht worden seien, im geringsten rechtfertigen, wenn man all die hier ausgebreiteten Belege aus dem Wachtturm kennt? [188] Im Jahrbuch 1980 (das im selben Jahr herauskam, in dem Präsident Franz den Mitarbeitern des Hauptbüros von Rutherfords persönlicher Bemerkung berichtete) wird die Angelegenheit in ähnlich schiefem Licht dargestellt.

Dort wird von einem Besuch Rutherfords anläßlich eines Kongresses in der Schweiz im Mai 1926 berichtet, bei dem auch eine Fragestunde stattfand. In dieser kam unter anderem folgendes zur Sprache:

Frage: Sind die Alttestamentlichen Überwinder schon auferstanden?

Antwort: Sicherlich sind sie noch nicht auferstanden. Niemand hat sie gesehen. Es wäre töricht, eine gegenteilige Behauptung aufzustellen. Im Millionen- und Trostbüchlein wurde gesagt, daß man sie vernünftigerweise kurz nach 1925 erwarten dürfe. Aber dies wurde nur als Meinung aus­gesprochen.

Jeder hat das Recht, Ansichten zu äußern. Doch Männer, die den Anspruch erheben, das Sprachrohr Gottes auf Erden zu sein, haben mit Sicherheit nicht das Recht, etwas als Privatmeinung auszugeben und dabei zu behaup­ten, ihre Worte würden durch die Bibel gestützt und seien als ihr ebenbürtig anzunehmen. Wenn man auf der ganzen Welt Äußerungen als Gottes Botschaft an die Menschheit verbreitet, als „geistige Speise zur rechten Zeit“, dann sind diejenigen, die sie veröffentlichen, weder treu noch verständig, wenn sie verantwortungslos unwahre Ansichten von sich geben, hartnäckig an ihnen festhalten und andere herabsetzen, die nicht ihrer Meinung sind, oder, schlimmer noch, deren Treue und Ergebenheit gegen­über Gott in Zweifel ziehen.

Im Jahr 1930 ließ die Organisation in San Diego [Kalifornien] ein Gebäude errichten, das Beth Sarim genannt wurde. In dem Buch Die Neue Welt, geschrieben von Fred Franz, steht darüber:

Der Herr Jesus ist nun als Richter zum Tempel gekommen, und die Überrestglieder seines „Leibes“, die noch auf Erden weilen, sind in den Tempelzustand der vollkommenen Einheit mit ihm versammelt worden. (Maleachi 3:1-3) Demzufolge können jene treuen Menschen der alten Zeit_jetzt irgendwann zurückerwartet werden. Die Heilige Schrift gibt guten Grund zu dem Glauben, daß dies kurz vor dem Ausbruch Harmagedons ge­schehen werde. In dieser Erwartung ist im Jahre 1930 in San Diego Kalifornien ein Haus gebaut worden, über welches die religiösen Feinde in der breiten Öffentlichkeit böswillig vieles geredet haben. Es trägt den Namen „Beth Sarim“, was „Haus der Fürsten“ bedeutet. Zur Zeit wird es als Wohnstätte für die [189] zurückkehrenden Fürsten verwaltet. Die jüngsten Geschehnisse zeigen, daß die Religionisten der gegenwärtigen, dem Untergang geweihten Welt we­gen des Zeugnisses, das durch dieses  „Haus der Fürsten“ für die neue Welt gegeben wird, mit den ,Zähnen knirschen‘. Diese Religionisten und ihre Bundesgenossen wird es nicht freuen, daß jene treuen Menschen der alten Zeit zurückkehren, um nach Recht und Gerechtigkeit über das Volk zu herrschen.„[9]

Im Jahr 1941, gerade 16 Jahre nach 1925, versicherte Präsident Rutherford als leitender Kopf der Organisation auf einem Kongreß in St. Louis (Mis­souri) – in einem zurückliegenden Kapitel war davon bereits die Rede – jungen Menschen von neuem, sehr bald würden die treuen Mariner und Frauen aus biblischen Zeiten zurückkehren. Sie würden den jungen Leuten bei der Wahl ihrer Ehegefährten zur Seite stehen, so daß es ratsam wäre, nicht vorher zu heiraten. Im Watchtower, der über diesen Vortrag berich­tete, wurde das bei diesem Anlaß freigegebene Buch Kinder bezeichnet als „das Werkzeug, das der Herr für ihren wirkungsvollsten Einsatz in den vor Harmagedon verbleibenden Monaten zur Verfügung gestellt hatte“.

Annähernd 300 Monate später, im Jahr 1966, tauchte ein neues Datum auf: 1975. [190]

____________________________________

[1] Jesaja 5:20.

[2] Im Kommenta

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 8. Kapitel: Rechtfertigung und Einschüchterung

7. Kapitel: Voraussagen und Vermessenheit

7. Kapitel: Voraussagen und Vermessenheit

7 Voraussagen und Vermessenheit *

7.1 Falsche Propheten als das denunzieren, was sie wirklich sind: Lügner!
7.1.1 Wenn sich Prophezeiung nicht bewahrheitet hat der Prophet mit Vermessenheit gehandelt!

„Wenn der Prophet im Namen Jehovas redet, und das Wort trifft nicht ein oder bewahrheitet sich nicht, so ist dieses das Wort, das Jehova nicht geredet hat. Mit Vermessenheit hat der Prophet es geredet. Du sollst vor ihm nicht erschrecken“ (5. Mose 18:22).

Der verheißenen Wiederkunft Christi Jesu erwartungsvoll entgegenzublic­ken, ist sicher besser, als ihr gegenüber gleichgültig zu sein. Die ersten Christen jedenfalls standen diesem von ihnen so ersehnten Ereignis ganz und gar nicht gleichgültig gegenüber.

Vor einiger Zeit beantwortete Walter Graham, Pressesprecher der Zeugen Jehovas vom Zweigbüro in Kanada, im Rahmen einer Fernsehsendung Fragen über nicht erfüllte Voraussagen zur Wiederkunft Christi. Er meinte, wenn Jehovas Zeugen hierin ein Verschulden treffe, dann sei das allein zurückzuführen auf ihre „brennende Sehnsucht danach, zu erleben, wie Gottes Name auf Erden gerechtfertigt wird und sein Königreich über die Erde herrscht“.

Wenn sich jemand aus einer Augenblicksstimmung heraus zu einer Äuße­rung hinreißen läßt, dann ist das nur menschlich, wie wohl jeder einräumen wird; ebenso wenn das klare Urteilsvermögen einmal durch Wunschdenken oder allzu große Begeisterung getrübt wird, was dann zu voreiligen Schlüs­sen verführt. Das ist uns allen irgendwann im Leben schon einmal unterlau­fen. Wenn es wirklich nur darum ginge, dann brauchte man wahrlich kein großes Aufhebens davon zu machen.

Doch damit lässt sich die Sache meines Erachtens nicht abtun. Es geht um mehr als nur einen normalen, zufälligen Ausrutscher, der jedem passieren kann, und die Folgen haben eine erheblich größere Dimension. Vor allem, weil durch diese Voraussagen die zentralen Lebensinteressen vieler Men­schen entscheidend beeinträchtigt wurden.

7.1.2 Die Lüge um „die Klasse der Gesalbten“ und ihre Verantwortung für fortgesetztes falsches Prophezeien im Namen Jehovas

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt dabei die Tatsache, daß die leitende Körperschaft die Zeugen Jehovas oder zumindest „die Klasse der Gesalbten“ (zu der alle Mitglieder der leitenden Körperschaft gehören) in der Rolle eines Propheten sieht, der von Gott in diese verantwortungsvolle Position eingesetzt wurde.

So erschien im Wachtturm vom 1. Juli 1972 auf Seite 389 ein Artikel „Sie werden wissen, daß ein Prophet unter ihnen gewesen ist“. Darin wurde die [135] Frage gestellt, ob es in der heutigen Zeit einen Propheten gebe, durch den Jehova Gott den Menschen helfe, „der sie vor Gefahren warnt und der Künftiges verkündigt“. Als Antwort darauf wurde gesagt: Ja, wie die Fakten zeigen, gibt es einen solchen Propheten.

„DEN PROPHETEN ERKENNEN
Diese Fragen können bejaht werden. Wer ist dieser Prophet? Dieser “Prophet“ war kein einzelner Mensch, sondern eine Körperschaft von Männern und Frauen. Es war die kleine Gruppe der Fußstapfennachfolger Jesu Christi, die damals als Internationale Bibelforscher bekannt waren. Heute sind sie als christliche Zeugen Jehovas bekannt. Sie verkündigen immer noch ein Warnung, und es haben sich ihnen in dem ihnen aufgetragenen Werk Hunderttausende, die auf ihre Botschaft gehört und ihr geglaubt haben, an­geschlossen und haben ihnen geholfen. Natürlich ist es leicht, zu sagen, diese Gruppe handle als ein „Prophet“ Gottes. Es ist etwas anderes, das zu beweisen. Die einzige Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, den Bericht zu überprüfen. Was geht daraus her­vor?“

7.1.3 Jene die offen zugeben, dass sich der Prophet Rutherford lächerlich gemacht hat und darin unverändert weiterfahren

Diesen „Bericht“ näher anzusehen, lohnt sich. Daß dabei einige Fehler zutage treten, leugnet man nicht einmal in der Weltzentrale. Eines Morgens im Jahre 1980, als Präsident Fred Franz gerade den Vorsitz bei der täglichen Bibeltextbesprechung hatte, erzählte er der Belegschaft von seinen Erinne­rungen an das, was man für das Jahr 1925 erwartet hatte, für das man das volle Offenbarwerden der Wiederkehr Christi und seiner irdischen Herr­schaft angekündigt hatte. Er sagte, später habe Richter Rutherford über seine eigenen Voraussagen geäußert: „Ich habe mich lächerlich gemacht.“[1] Die Organisation tut aber so, als seien diese Versehen lediglich ein Beispiel für menschliche Unvollkommenheit und zugleich Anzeichen einer starken Sehnsucht, die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu erleben.

Meiner Meinung nach zeigt der „Bericht“, daß es um mehr geht als das. Daß ein einzelner Mann sich „lächerlich“ macht, weil er ein Ereignis herbei­sehnt, das mag ja noch angehen. Ganz anders sieht die Sache aber aus, wenn er andere bedrängt, sich seiner Ansicht anzuschließen, wenn er sie kriti­siert, falls sie das nicht tun, und sogar ihren Glauben und ihre Beweggründe anzweifelt, wenn sie die Sache nicht so sehen wie er. [136]

Und bedeutend ernster wird es, wenn eine Organisation sich als Gottes Sprachrohr für die Menschheit ausgibt und diesen Fehler macht, und das nicht nur ein paar Tage oder Monate lang, sondern über Jahre und Jahrzehnte hinweg, und das wiederholte Male und weltweit. Die Verantwortung für das, was man dadurch anrichtet, läßt sich nicht mit einem Achselzucken abtun und indem man sagt: „Es ist nun mal keiner vollkommen.“

Vollkommen ist zwar niemand, doch wir alle sind verantwortlich für unser Tun. Und das umso mehr, wenn sich
dieses Tun einschneidend auf etwas so Wichtiges und Persönliches auswirkt wie das Verhältnis, das andere Men­schen zu Gott haben.

7.1.4 Uneinigkeit im Inneren betreffend Jahreszahlen, entschlossene Härte gegen Abweichler

Nicht minder schwer wiegt es, wenn sich eine Gruppe Männer über die Voraussagen zu einem bestimmten Jahr nicht einigen kann und dennoch gegenüber ihrer Anhängerschaft so tut, als seien sie sich alle einig in ihrer Erwartung, und obendrein noch von den Anhängern verlangt, unerschütter­lich an diese Vorhersagen zu glauben.

Auch hier wieder hat mich die Mitarbeit in der leitenden Körperschaft sehen gelehrt, daß dies wirklich den Tatsachen entsprach. Während der ersten 20 Jahre meiner Tätigkeit als Zeuge Jehovas hatte ich höchstens eine vage Vorstellung davon, daß irgendwelche Voraussagen in der Vergangenheit nicht eingetroffen waren. Mir war das einfach nicht wichtig. Literatur, die unsere Lehren in diesem Punkt angriff, interessierte mich nicht. Ab Ende der 1950er Jahre wurden diese Fehlschläge in einigen Veröffentlichungen der Gesellschaft erwähnt, wie in dem Buch Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (einer Darstellung der Geschichte der Organisation) und in dem Werk Faith on the March (Der Glaube im Vormarsch) von Alexander H. MacMillan, an dessen Herausgabe die Gesellschaft mitgewirkt hatte. Dies geschah aber in einer Weise, daß man denken mußte, es sei alles nicht so schlimm gewesen, und so sah auch ich die Sache an.

Erst Ende der 1970er Jahre erfuhr ich, was eigentlich daran war, und zwar nicht aus sogenannten „gegnerischen Schriften“, sondern aus der Wacht­turm-Literatur selbst und auch von geachteten aktiven Zeugen Jehovas, unter ihnen auch Kollegen in der leitenden Körperschaft.

7.2 Dreh- und Angelpunkt des Lehrgebäudes der Zeugen Jehovas ist 1914!
7.2.1 Errichtete Russell ein künstliches, ein usurpiertes Königreich Gottes unter Jesu Führung Jesu 1914?

Das Jahr 1914 ist ein Dreh- und Angelpunkt, auf den sich ein wichtiger Teil des Lehrgebäudes und der Herrschaftsansprüche der Zeugen Jehovas stützt. Mit diesem Jahr sind folgende ihrer derzeit gültigen Glaubensansichten verknüpft:

„Mit 1914 begann – unsichtbar für Menschenaugen – die Gegenwart Jesu Christi. Damit begann eine Gerichtszeit für alle Namenchristen und für die Welt.
1914 trat Jesus Christus seine aktive Herrschaft über die ganze Welt an und sein Reich übernahm offiziell die Macht.
1914 begannen die „letzten Tage“ oder die „Zeit des Endes“, von der die Bibel spricht.
Die Generation, die 1914 am Leben und alt genug war zu verstehen, was passierte, ist die Generation, die „auf keinen Fall vergehen wird, bis alle diese Dinge geschehen“, einschließlich der Vernichtung des heute herrschenden Systems der Dinge. [137]
Dreieinhalb Jahre nach 1914, im Jahre 1918, begann die Auferstehung der seit den Tagen der Apostel verstorbenen Christen.
Etwa zur selben Zeit (1918) gingen die damals lebenden wahren Nachfolger Christi in die geistige Gefangenschaft von Babylon der Großen, und im darauf folgenden Jahr wurden sie freigelassen. Zu diesem Zeitpunkt anerkannte Christus Jesus sie kollektiv als seinen „treuen und verständigen Sklaven“ an, der in seiner Gunst steht und als sein Beauftragter sein Werk auf Erden leitet, sich seiner irdischen Interessen annimmt. Sie wurden damit der einzige Kanal, durch den er seinen Dienern in der ganzen Welt Leitung und Erleuchtung zukommen läßt.
Seit dieser Zeit geht der abschließende Teil des „Erntewerks“ vor sich, durch das alle Menschen schließlich in zwei Klassen eingeteilt werden, in „Schafe“ und „Ziegenböcke“, was für sie entweder Rettung oder Vernichtung bedeutet.“

7.2.2 Wird der Glaube an 1914 gebrochen, so fällt das ganze auf Sand gebaute Lehrgebäude zusammen

Untergräbt man den Glauben an die grundlegende Bedeutung des Jahres 1914, so bringt das auch den ganzen Überbau der Lehre, der sich darauf stützt, ins Wanken, Darüber hinaus verminderte das auch den Anspruch auf eine besondere Autorität auf seiten derer, die sich als offizielle Sprecher­gruppe der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ verstehen.

Läßt man die besondere Bedeutung dieses Jahres einfach fallen, so könnte das buchstäblich den Zusammenbruch des darauf errichteten Lehr- und Machtapparats bedeuten. Daran zeigt sich die zentrale Stellung dieses Jahres.

Und dabei sind nur wenige Zeugen heute darüber informiert, daß die im Wachtturm und anderen Veröffentlichungen wiedergegebenen Vorhersagen beinahe ein halbes Jahrhundert lang, von 1879 bis Ende der 1920er Jahre, im wesentlichen genau das Gegenteil von allen oben genannten Glaubensleh­ren besagten. Mir jedenfalls ist das bis vor wenigen Jahren nichtbewußt gewesen. Dann fand ich heraus, daß der „Kanal“ des Wachtturms diese Ereignisse 50 Jahre lang sämtlich mit anderen Jahreszahlen in Verbindung gebracht hatte, und einzig deshalb, weil sich die ursprünglichen Erwartun­gen für 1914 alle nicht erfüllten, legte man für die Erfüllung dieser angeblich prophetischen Ereignisse neue Jahreszahlen fest.

7.2.3 Auf offensichtlicher Lüge aufgebaute Chronologie der „offiziellen Wahrheit“

Wie bereits in einem vorhergehenden Kapitel beschrieben, ergab die Nach­forschungsarbeit in Verbindung mit dem Buch Hilfe zum Verständnis der Bibel, daß das von der Gesellschaft angegebene Jahr für die Zerstörung Jerusalems durch Babylon, 607 v. u. Z., allen bekannten historischen Tatsa­chen widersprach. Trotz der fehlenden Beweise vertraute ich weiter auf die Richtigkeit dieser Jahreszahl, weil ich annahm, sie sei durch die Bibel abgesichert. Ohne das Jahr 607 v. u. Z. wäre das entscheidende Jahr 1914 in Frage gestellt. Ich nahm an, die historischen Beweise seien unzulänglich, und diese Linie vertrat ich auch in dem Buch.

Im Jahre 1977 schickte dann ein Zeuge Jehovas aus Schweden namens Carl Olof Jonsson umfangreiches Material an die Weltzentrale als Ergebnis seiner Nachforschungen über Bibelchronologie und damit verbundene Spekulationen. Jonsson war Ältester und seit über 20 Jahren als Zeuge Jehovas aktiv.

Da ich etwas eigene Erfahrung beim Erforschen der Chronologie hatte, war [138] ich beeindruckt, wie eingehend er sich mit diesem Gebiet befaßt und wie umfassend und sachlich er es dargestellt hatte. Im Grunde wollte er die leitende Körperschaft auf Schwachpunkte in ihren Berechnungen hinwei­sen, die zum Jahr 1914 als dem Abschluß der „Zeiten der Heiden“ führten, ein Ausdruck, den Jesus in Lukas, Kapitel21, Vers 24, gebraucht (die Neue­-Welt-Übersetzung spricht dort von den „bestimmten Zeiten der Na­tionen“).

Kurz zusammengefaßt, kommt man auf das Jahr 1914 folgendermaßcn:

Im Buch des Propheten Daniel taucht im vierten Kapitel der Ausdruck „sieben Zeiten“ auf, der dort auf den babylonischen König Nebukadnezar bezogen ist und einen Zeitraum von sieben Jahren Geistesgestörtheit bezeichnet, die der König durchmachen würde.[2] Nach der Lehre der Gesell­schaft standen diese „sieben Zeiten“ prophetisch für etwas Größeres, und zwar für die Zeit von der Zerstörung Jerusalems (die die Gesellschaft auf das Jahr 607 v.u.Z. festlegt) bis zum Ende der „Zeiten der Heiden“, worunter die Zeitspanne zu verstehen sei, in der die Heidennationen „ohne Unterbre­chung“ über die gesamte Erde herrschen würden.

7.2.4 Der fatale Irrtum der Adventisten, daß „ein Tag Jahr für ein Jahr“ gerechnet werden müsse

Die „sieben Zeiten“ werden als sieben Jahre zu je 360 Tagen gedeutet. Sieben mal360 ergibt 2520 Tage. Man bezieht aber noch andere Prophezei­ungen mit ein, in denen der Ausdruck „ein Tag für ein Jahr“ vorkommt.[3] Wendet man diese Rechenvorschrift an, so werden die 2520 Tage zu 2520 Jahren, die von 607 v. u. Z. bis 1914 u. Z. dauerten.

Wie bereits erwähnt, hängen von dieser Berechnung die derzeitigen Lehren der Gesellschaft über den Beginn der Herrschaft Christi, über die „letzten Tage“, den Beginn der Auferstehung und damit verwandte Dinge zusam­men. Nur wenige Zeugen Jehovas sind in der Lage, die etwas verwickelten Anwendungen und Kombinationen von Bibeltexten zu erklären, doch das Ergebnis des Gedankengangs und der Rechnung wird von ihnen so akzep­tiert.

Die meisten Zeugen Jehovas glauben, diese Deutung des Jahres 1914 sei mehr oder weniger eine besondere Errungenschaft ihrer Organisation, und sie meinen, Pastor Russell, der erste Präsident der Gesellschaft, habe sie als erster veröffentlicht. Auf der Umschlaginnenseite eines Buches der Gesell­schaft (Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben) heißt es:

1870 Charles Taze Russell beginnt mit einer kleinen Gruppe von Freunden die Bibel zu studieren.
1877 Das Buch „Drei Welten“ (engl.) erscheint, das Jahr 1914 als das Ende der „Heidenzeiten“ kennzeichnet,

Hier wie auch im Buchinnern wird der Eindruck erweckt, das englische Buch „Drei Welten“, an dem Russcll Mitverfasser war, sei das erste Werk gewesen, das diese Lehre über 1914 enthielt. [139]

7.3 Die schmale Grenzlinie zwischen Irrtum und Lüge wurde schon früh überschritten!
7.3.1 Der schedische Älteste Jonsson beweist der Weltzentrale verschiedensten gravierenden Irrtum und Beschönigungen: Tag-Jahr Regel eines jüdischen Rabbis

Dieser Meinung war auch ich, bis die Ausarbeitung des schwedischen Ältesten in der Weltzentrale einging. Ich erkannte dann, wieviele Fakten in den Veröffentlichungen der Gesellschaft ignoriert oder beschönigt worden waren.

Als erstes ging Jonsson der langen Geschichte der Spekulationen in Sachen Zeitrechnung auf den Grund. Er zeigte auf, daß die willkürliche Anwendung der Regel „ein Tag für ein Jahr“ auf verschiedene Prophezeiungen der Bibel sich bis auf jüdische Rabbiner des ersten Jahrhunderts zurückverfolgen ließ. Im 9. Jahrhundert begann eine Gruppe jüdischer Rabbiner mit Berechnun­gen und Voraussagen in bezug auf die im Buch Daniel vorkommenden Zeitabschnitte von 1290, 1335 und 2300 Tagen unter Anwendung dieser Tag-Jahr-Regel, wobei stets der Zeitpunkt des Erscheinens des Messias ausgerechnet wurde.[4]

Unter den Christen geschah dies erstmals im 12. Jahrhundert, zuerst durch einen Mönch, den Abt Joachim von Fiore. Jetzt deutete man mit Hilfe der Methode „ein Tag für ein Jahr“ nicht nur die Zeitabschnitte aus dem Buch Daniel, sondern auch die in Offenbarung, Kapitel 11, Vers 3, und Kapitel 12, Vers 6, genannten 1260 Tage. Im Laufe der Zeit kamen verschiedene Ausleger auf etliche Jahreszahlen, unter anderem das Jahr 1260, dann 1360 und später verschiedene Zeitpunkte im 16. Jahrhundert. Da das Datum stets verstrich, ohne daß die angekündigten Ereignisse eingetreten waren, muß­ten regelmäßig Neudeutungen und Anpassungen vorgenommen werden.

Im Jahre 1796 sagte George Bell in einer Londoner Zeitschrift den Nieder­gang des „Antichristen“ (worunter er den Papst verstand) voraus. Dies sollte sich „1797 oder 1813“ ereignen, wobei er seine Voraussage auf eine Auslegung der 1260 Tage stützte, aber einen anderen Ausgangspunkt als die anderen Ausdeuter annahm (einige hatten von der Geburt Christi an zu zählen begonnen, andere ab der Zerstörung Jerusalems, wieder andere von der Gründung der katholischen Kirche an). Seine Vorhersage wurde wäh­rend der Ereignisse im Gefolge der Französischen Revolution niederge­schrieben. Nur kurze Zeit später trat ein aufsehenerregendes Ereignis ein: der Papst wurde von französischen Truppen gefangengesetzt undmußte ins Exil gehen.

Viele Menschen sahen darin eine höchst beachtliche Erfüllung biblischer Prophetie und erkannten das Jahr 1798 als das Ende der prophetischen 1260 Tage an. Das führte zu der Ansicht, die „letzten Tage“ seien ab dem folgenden Jahr, dem Jahr 1799, zu zählen.

7.3.2 John Aquila Brown inspiriert William Miller, die Adventisten und Russells Bibelforscher und die Theorie der „sieben Zeiten“

Weitere Umsturzereignisse in Europa sorgten für eine Flut neuer Vorhersa­gen. Einer ihrer Verfasser war ein Engländer namens John Aquila Brown. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veröffentlichte er eine Deutung der 2300 Tage aus Daniel, Kapitel12, derzufolge diese im Jahr 1844 enden würden. Diese [140] Auffassung machte sich auch William Miller, der Pionier der Adventbewe­gung in den USA, zu eigen.

Wir werden noch sehen, welche Rolle diese Berechnungen später in der Geschichte der Zeugen Jehovas spielten.

Doch von John Aquila Brown stammt auch noch eine weitere Deutung, die in enger Beziehung zu dem Jahr 1914 und seiner Rolle in den Glaubensleh­ren der Zeugen Jehovas steht. Inwiefern?

Aus den Beweisen geht hervor, daß Brown der wahre Urheber der Auslegung der „sieben Zeiten“ aus Daniel, Kapitel 4, ist, der Auslegung, mit der man durch Anwendung der Tag-Jahr-Regel zu den 2520 Jahren kommt.

Brown veröffentlichte seine Deutung erstmals im Jahr 1823, und nach seiner Methode wurden aus den „sieben Zeiten“ die 2520 Jahre, und zwar auf genau dieselbe Weise, wie es heute in der Wachtturm-Literatur steht. Das war 29 Jahre, bevor Charles Taze Russell geboren wurde, 47 Jahre, bevor er seine Bibelstudiengruppe gründete, und mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem Erscheinen des Buches „Drei Welten“.

Von alledem hatte ich keine Ahnung, bis ich das gelesen hatte, was der Gesellschaft aus Schweden zugesandt worden war.

John Aquila Brown allerdings hatte seine 2520 Jahre mit dem Jahre 604 v. u. Z. einsetzen lassen, so daß sie 1917 endeten. Er prophezeite, dann werde „die volle Herrlichkeit des Königreiches Israel vollendet sein“.
Und wieso wurde dann aber 1914 so wichtig?

Nachdem sich die Erwartungen in Verbindung mit dem Jahr 1844 nicht erfüllt hatten, spalteten sich etliche adventistische Gruppen. Die meisten legten ein neu es Jahr für die Wiederkunft Christi fest. Eine dieser Gruppen bildete sich um N. H. Barbour aus Rochester im Staat New York.

Barbour studierte die Werke John Aquila Browns, übernahm einen Großteil seiner Deutungen, verschob aber den Anfang auf das Jahr 606 v. u. Z. und kam so auf das Abschlußjahr1914. (Hierbei hat er sich allerdings verrech­net, denn das wären nur 2519 Jahre.)

7.3.3 Russell als gewiefter Kopierer und Assembler verschiedener Lehren erweist sich als geschäftstüchtig

Für seine Anhänger brachte Barbour ab 1873 eine Zeitschrift heraus, die er zunächst The Midnight Cry (Der Mitternachtsruf und später Herold of the Morning (Herold des Morgens) nannte. Auf der übernächsten Seite ist das Titelblatt des Herold of the Morning vom Juli 1878 abgebildet, erschienen ein Jahr vor Herausgabe der ersten Nummer der Zeitschrift Watch Tower. Man beachte unten rechts in der Ecke die Worte „,Times of the Gentiles‘ end in 1914“ („Ende der ,Heidenzeiten‘ im Jahr 1914“).

Die Kopie wurde von einem (nicht allgemein zugänglichen) Original aus den Unterlagen der Weltzentrale in Brooklyn angefertigt. Daß es sich dort befindet, zeigt, daß einige Mitarbeiter dort gewußt haben müssen, daß der Watch Tower eindeutig nicht die erste Zeitschrift war, in der das Jahr 1914 als Ende der Heidenzeiten ausgegeben und veröffentlicht wurde. Die Lehre wurde in Wahrheit aus der adventistischen Literatur des N. H. Barbour übernommen.

7.3.4 Mitherausgeber adventistischer Zeitschriften: Fortsetzung von Irrtum und offensichtlicher Lüge. Umdeutung von Jesu Kommen als im Geiste, statt im Fleische!

Hervorzuheben ist auch, daß C. T. Russell zu der Zeit, im Juli 1878, bei [141] dieser adventistischen Zeitschrift, dem Herald of the Morning, Mitheraus­geber geworden war. Russell erklärt selbst, wie er mit N. H. Barbour in Verbindung trat und wie es kam, daß er dessen Zeitrechnung übernahm, die Barbour seinerseits zum großen Teil von John Aquila Brown hatte, ein­schließlich der Deutung der „sieben Zeiten“ in Daniel, Kapitel 4. Die Erklärung Russells findet sich im Wacht Turm vom April 1907:

„Im Januar 1876 wurde meine Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf den Gegenstand der prophetischen Zeit gelenkt, und wie sehr sie mit diesen Lehren und Hoffnungen verknüpft ist. Es kam dies so: Ich erhielt ein Blatt genannt „Der Herold des Morgens“ von seinem Verfasser, Mr. N.H. Barbour, zugesandt. Sofort beim Öffnen sah ich Am Titelbilde, daß es von adventistischer Seite kam und ich prüfte den Inhalt mit etwas Neugierde, um zu sehen, was nun die von ihnen für das Verbrennen der Welt bestimmte Zeit sein würde. Aber welch eine Überraschung und Befriedigung für mich, aus dem Inhalte zu sehen, daß des Verfassers Augen anfingen aufgetan zu werden hinsichtlich derselben Gegenstände, die unsere Herzen inAllegheny seit einigen Jahren so hoch erfreut hatten – das der Zweck der Wiederkunft des Herrn nicht Zerstörung ist, sondern die Segnung aller Geschlechter auf der Erde, und das Sein Kommen gleich dem Diebe sein würde, nicht im Fleische, sondern als ein Geistwesen, den Menschen unsichtbar: und daß das Versammeltwerden seiner Kirche und die Trennung des „Weizen“ von der „Spreu“ am Ende dieses Zeitalters stattfinden würde, ohne daß die Welt es gewahr werden würde.

Ich war erfreut zu sehen, daß andere, gleich uns, Fortschritte gemacht hatten, staunte aber, die in sehr vorsichtiger Form gehaltene Behauptung zu finden, daß der Verfasser annahm, der Herr sei den Prophezeiungen nach schon in der Welt gegenwärtig (ungesehen und unsichtbar), und daß das Erntewerk des Einsammelns des Weizens schon an der Zeit sei, – und daß: diese Ansicht durch die Zeit-Prophezeiungen bestätigt werde, die er erst vor wenigen Monaten als nicht zugetroffen angesehen hatte.

Hier war ein neuer Gedanke: Konnte es sein, daß die Zeit-Prophezeiungen, die ich wegen ihres Mißbrauchs durch die Adventisten so lange verachtet hatte, wirklich gegeben waren, um anzuzeigen, wann der Herr unsichtbar gegenwärtig sein würde, um sein Reich aufzurichten – eine Sache, die wie ich klar sah auf keine andere Weise erkannt werden könnte? Es erschien milde gesagt, als etwas Vernünftiges, ja sehr Vernünftiges, zu erwarten, daß der Herr die Seinigen über den Gegenstand belehren würde – besonders, da er verheißen hatte, daß die Getreuen nicht mit der Welt in Finsternis gelassen werden sollten, und daß, obgleich der Tag des Herrn über alle anderen kommen würde wie ein Dieb in der Nacht (verstohlener Weise, unbemerkt) diese bei den wachenden, ernsten Heiligen doch nicht der Fall sein würde. – (1.Thess. 5, 4)“

7.1 Wie manches „Ende von 6000 Jahren“ gibt es in unfehlbarer Chronologie?
7.1.1 Das Verbrennen der Welt am Ende von 6000 Jahren sollte 1873 sein: Eine „wichtige Wahrheit“

„Ich erinnere mich, gewisser Beweisführungen, deren sich mein Freund Jonas Wendell und andere Adventisten bedient hatten, um darzutun, daßdas Jahr 1873 der Zeitpunkt des Verbrennens der Welt usw. sein würde – indem die Chronologie der Welt zeigte, daß die sechstausend Jahre seit Adam mit Anfang des Jahres 1873 endeten – sowie andere Beweisführungen, die der Schrift entnommen waren und das gleiche bestätigen sollten. Konnte es sein, daß diese Beweisführungen in Bezug auf die Zeit, die ich als der Beachtung nicht wert übergangen hatte, wirklich eine wichtige Wahrheit enthielten, die sie falsch angewendet hatten?“

Man beachte, daß Russell bis hierher sagt, daß er sich um Zeitprophezeiun­gen nicht scherte, sie sogar „verachtet hatte“. Was tat er als nächstes?

 7.1.2 Endzeit des „Evangeliumszeitalters“ mit 1874 als Beginn umschrieben

„Begierig zu lernen, von woher es auch sei, was irgend Gott zu lehren haben würde, schrieb ich sofort an Mr. Barbour, teilte ihm meine Harmonie über andere Punkte mit und wünschte besonders zu wissen, warum, und aufgrund welcher Schriftbeweise er glaubte, daß Christi Gegenwart und die Endzeit des Evangeliumszeitalters im Herbst 1874 seinen Anfang genommen habe. Die Antwort zeigte, daß meine Vermutung richtig gewesen war, daßnämlich die Beweisgründe für die Zeit, die Chronologie usw. die gleichen waren, die die Adventisten im Jahre 1873 gebraucht hatten, und daß Mr. Barbour und Mr. J.H. Paton zu Michigan, sein Mitarbeiter, bis dahin voll und ganz Adventisten gewesen waren; als jedoch das Jahr 1874 vorüberging, ohne daß die Welt im Brande vernichtet wurde, und ohne daß sie Christum im Fleische sahen, waren sie für eine Zeit lang wie verstummt. Sie hatten die Zeitprophezeiungen geprüft, die anscheinend unerfüllt vorübergegangen waren, und es war ihnen nicht gelungen, einen Fehler darin zu entdecken, weshalb sie angefangen hatten zu denken, die Zeit könne etwa doch richtig sein und ihre Erwartungen sachlich. Die Anschauungen über Widerherstellung und Segnung für die Welt, die ich und andere lehrten, könnten in etwa die zu erwartenden Dinge sein.

Es scheint, daß nicht lange nach ihrer Enttäuschung im Jahre 1874 ein Leser des „Herold des Morgens“, der die Diaglott Übersetzung besah, darin etwas bemerkte, das ihm merkwürdig vorkam –, daß in Matth. 24, 27. 37 und 39 das in der gewöhnlichen Übersetzung mit „Kommen“ wiedergegebene Wort mit „Gegenwart“ übersetzt worden war. Das war der Leitfaden; und indem sie ihm gefolgt waren, wurde sie durch die prophetische Zeit zu richtigen Ansichten hinsichtlich des Zwecks und der Art und Weise der Wiederkunft des Herrn geleitet. Ich, im Genteil, wurde zuerst zu richtigen Ansichten über den Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft des Herrn geleitet, und danach zu der Prüfung der Zeit für diese Dinge, nach den Anhaltspunkten, die Gottes Wort dafür bot. So führt Gott seine Kinder oft von verschiedenen Ausgangspunkten zur Wahrheit; aber wo das Herz ernst und vertrauensvoll ist, muß das Ergebnis dasselbe sein und werden alle solche Herzen zusammengezogen werden.“

7.1.3 „Neue Erkenntnis“ oder einfach Neuauflage einer alten Lüge? 1874 Beginn der „Gegenwart des Herrn“ und des Erntewerkes. Barbour überzeugt Russell

„Indes gab es keine Bücher oder anderen Veröffentlichungen, die die Zeit-Prophezeiungen, so weit wir sie damals verstanden darlegten, und deshalb zahlte ich Hr. Barbour die Reisekosten, damit er mich in Philadelphia (wo ich mich während des Sommers 1876 geschäftlich aufhielt) besuchte, um mir, wofern es ihm möglich wäre, völlig und schriftgemäss zu beweisen, daß die Prophezeiungen auf 1874 als die Zeit hindeuteten, mit der des Herrn Gegenwart und „die Ernte“ angefangen habe. Er kam und seine Beweise befriedigten mich. Positiv überzeugt und willig dem Herrn geweiht, erkannte ich sofort, daß die besonderen Zeiten, in denen wir leben, auf unsere Pflicht und Arbeit als Christi Jünger von größter Tragweite seien; ferner, daß, weil wir in der Endzeit leben, das Erntewerk getan werden müsse; und daß die „gegenwärtige Wahrheit“ die Sichel sei, durch welche der Herr von uns ein Einsammlungs- und Erntewerk allethalben unter seinen Kindern erwarte.“

Damit hat sich also Russells Ansicht über Zeitvoraussagen durch den Besuch des Adventisten Barbour (der zur Splittergruppe der Second Adven­tists zählte) geändert. Russell wurde Mitherausgeber von Barbours Zeit­schrift Herold of the Morning. Von da an waren Zeitprophezeiungen ein auffallendes Merkmal der Schriften Russells sowie der Zeitschrift Watch Tower,die er später gründete.[5]

7.1.4 Falsche Prophezeiung für 1874 wird nun auf 1914 umgedeutet: Der ‚Emphatic Diaglott’ als Quelle des Wortes „Gegenwart“ anstelle Jesu „Wiederkehr“. Jesu „geistige“ statt der erwarteten „fleischlichen“ Wiederkehr. Das Zeichen des „Antichristen“ gemäß Johannes erfüllt sich! (2.Joh 7)

Die Deutung der „sieben Zeiten“ und das Jahr 1914, beides Dinge, die Russell übernommen hatte, hingen eng mit dem Jahr 1874 zusammen, das bei Barbour und seinen Anhängern eine große Rolle spielte. (Das Jahr 1914 lag noch Jahrzehnte in der Zukunft, während 1874 gerade erst verstrichen war.) Sie glaubten, 1874 seien 6000 Jahre Menschheitsgeschichte zu Ende gegangen, und erwarteten die Wiederkunft Christi für dieses Jahr. Als nichts geschah, waren sie enttäuscht. Wie die schon zitierten Texte zeigen, fiel dann einem adventistischen Artikelschreiber für Barbours Zeitschrift, dessen Name mit B.W. Keith angegeben wurde, beim Lesen einer Überset­zung des Neuen Testaments (Emphatic Diaglott) auf, daß diese an den Stellen, wo von Christi Wiederkehr die Rede war, das Wort „Gegenwart“ statt „Kommen“ gebrauchte. Keith erzählte Barbour von seiner Idee, daß Christus tatsächlich 1874 wiedergekehrt sei, aber unsichtbar, und daß Christus nun unsichtbar gegenwärtig sei und ein Werk des Richtens durchführe,

Gegen eine unsichtbare Gegenwart kann man nur schwer argumentieren, geschweige denn sie widerlegen. Das ist ungefähr so, wie wenn einem ein Freund sagt, er wisse, daß seine verstorbene Mutter ihm unsichtbar [145] erscheine und ihn tröste, und man versucht dann, ihm zu beweisen, daß das nicht stimmt.

Das Konzept einer unsichtbaren Gegenwart ermöglichte es also dem Kreis von Adventisten um N. H. Barbour zu sagen, „die Zeit (1874) könne etwa doch richtig sein und ihre Erwartungen falsch“.[6] Diese Ansicht machte sich auch Russell zu eigen.

Heute glauben und lehren die über fünf Millionen Zeugen Jehovas, Jesu unsichtbare Gegenwart habe 1914 begonnen. Sehr wenigen ist bewußt, daß die Watch Tower Society in ihrer Rolle als Prophet fast 50 Jahre lang verkündet hatte, diese unsichtbare Gegenwart habe 1874 begonnen. Sogar noch im Jahre 1929, fünfzehn Jahre nach 1914, lehrte sie das.[7]

7.2 Millionen von irregeführten Menschen die auf „offizielle Wahrheit“ vertrauen, statt gesunden Menschenverstand und der einfachen Bibellogik zu folgen
7.2.1 Die Lüge um 1878 und um 1914: Unsichtbarer Stolperstein für Millionen von Zeugen Jehovas!

Jehovas Zeugen heute glauben, daß Christus seine Königreichsherrschaft offiziell 1914 angetreten hat. Der Wachtturm lehrte jahrzehntelang, dies sei 1878 geschehen.[8]

Jehovas Zeugen heute glauben, daß „die letzten Tage“ und die „Zeit des Endes“ ebenfalls 1914 begannen. Im Wachtturm wurde ein halbes Jahrhun­dert lang gelehrt, die „letzten Tage“ hätten 1799 begonnen (wobei man die von George Bell 1796 veröffentlichte Bibelauslegung übernahm).

Heute glauben sie, die Auferstehung der gesalbten Christen, die seit den Tagen Christi verstorben sind, habe 1918 angefangen. Über 40 Jahre hatte der Wachtturm gelehrt, sie habe 1878 angefangen.

Gegenwärtig glauben sie, seit 1914 und besonders seit 1919 sei das große „Erntewerk“ im Gange, das seinen Höhepunkt und Abschluß in der Vernichtung des gegenwärtigen Systems und all derer finden werde, die auf ihr Predigen nicht günstig reagiert haben. Im Wachtturm wurde stattdessen von Anfang an gelehrt, daß die „Ernte“ von 1874 bis 1914 dauern würde und daß sich im Jahr 1914 die Vernichtung aller menschlichen Einrichtungen auf Erden ereignen werde.

7.2.2 „Unumstößliche Wahrheiten“ die durch veränderbare „offizielle Wahrheit“ beständig umgestoßen werden!

Heute legt die Organisation den Fall „Babylons der Großen“ (des „Welt­reichs der falschen Religion“) auf das Jahr 1919 fest. Wenigstens vier Jahrzehnte lang wies der Wachtturm diesem Ereignis das Jahr 1878 zu und sagte, im Jahr 1914 oder 1918 sei Babylons vollständige Zerstörung fällig. Aus welchem Grund mußten diese wichtigen prophetischen Lehren, die man so lange vertreten und die so viele Menschen geglaubt hatten, geändert werden? Es war genau derselbe Grund wie bei all den vielen Voraussagen seit dem 13. Jahrhundert: die öffentlich verkündeten Erwartungen erfüllten sich nicht.

Einige mögen dies als bloße Behauptung abtun wollen, Schließlich hat heute kaum noch ein Zeuge Jehovas Zugang zu alten Ausgaben des [146] Wachtturms, und selbst wenn heute in den Veröffentlichungen der Gesellschaft von der Vergangenheit der Organisation die Rede ist, läßt man die diese Lehren, die so lange vertreten wurden, einfach unter den Tisch fallen oder gibt sie verkürzt, bisweilen entstellt wieder. Niemand erkennt aus diesen Darstellungen, mit welcher Zuversicht und Überzeugung diese Ansichten einst vorgetragen wurden. Im folgenden sei daher ein Teil der Beweise aus dem „Bericht“ dieser Organisation, die für sich die Rolle eines neuzeitlichen Propheten in Anspruch nimmt, vorgestellt.

7.2.3 Das Phantasiegebilde um die „Braut des Christus“: Sind es 12 oder sind es 144.000 Bräute? Wer ist nun „die Braut“ und wer die „Brautjungfrauen“? Wer erntet, wer wird geerntet?

Geht man die frühesten Ausgaben der Zeitschrift Watch Tower durch, von 1879 an, so fällt einem vor allem auf, daß die Schreiber für ihre Zeit den Eintritt bedeutender Ereignisse erwarteten. Wenn sie auch glaubten, das Jahr 1914 stelle den Abschluß der „Heidenzeiten“ dar, so spielte dieses Jahr doch in ihrem Denken kaum eine Rolle. Man dachte viel mehr an 1874 und die Auffassung, daß Christus damals seine unsichtbare Gegenwart begon­nen und danach seine Königreichsherrschaft angetreten hatte. Sie erwarte­ten daher, sehr bald zu einem Leben im Himmel überzuwechseln. Damit wäre bald keine Möglichkeit mehr, ein Teil der „Braut Christi“ zu werden. Darüber hinaus erwarteten sie, daß die Welt lange vor 1914 eine Zeit großer Unruhen erleben werde, die sich verschlimmern und in einen Zustand des Chaos und der Anarchie übergehen werde. Im Jahr 1914 wäre dann der endgültige Abschlußerreicht und Jesus Christus werde die volle Herrschaft über die Erde ergriffen haben) so daß sein Reich alle menschlichen Herrschaftssysteme ersetze.

Die folgende Passage aus dem Watch Tower vom Januar 1881 (englischer Originaltext siehe Anhang) veranschaulicht das gut:

„Wir erkennen überdies, daß die Ernten des jüdischen und des Evangeliumszeital­ters nicht nur Parallelen in Bezug auf ihren Anfangszeitpunkt, sondern auch hinsichtlich ihrer Dauer aufweisen. Waren es damals insgesamt 40 Jahre, gerech­net von der Salbung Jesu (zu Beginn der damaligen Erntezeit, 30 n. Chr.) bis zur Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr., so beginnt unsere heutige 1874 und schließt mit dem ‚Tage des Zorns‘ und dem Ende der ,Heidenzeiten‘ 1914, was eine gleichartige, parallel verlaufende Zeitperiode von 40 Jahren darstellt. Die ersten sieben Jahre der jüdischen Erntezeit galten besonders der Einsammlung des reifen Weizens aus jener Kirche; dreieinhalb Jahre davon fanden in seiner Gegenwart als Bräutigam statt und die anderen dreieinhalb Jahre, nachdem er als König zu ihnen gekommen und in die Herrlichkeit eingegangen war, alles aber geschah unter seiner Oberaufsicht und seiner Leitung, Wie Johannes es gesagt hatte, läuterte er durch Wasser, sammelte seinen Weizen ein und verbrannte die Spreu, Und so erfüllt sieh jetzt die Parallele: Wir stellen fest (wie bereits gezeigt wurde siehe ,Tages Anbruch‘), daß das Gesetz und die Propheten ihn als beim Höhepunkt der ,Jubeljahr-Zyklen‘ im Jahr 1874 anwesend zeigen, Und die Parallelen zeigen uns, daß damals die Ernte begann unddaß das Einsammeln der Braut an ihren Ort der Sicherheit eine Parallelzeit von sieben Jahren beanspruchen wird, bis zum Abschluß im Jahre 1881. Doch wie, wann und weshalb wurde das ‚Haus der Diener‘ dazu gebracht, über Christus zu straucheln? Können wir das ermitteln, so sollte uns das als Schlüssel dafür dienen, wie, wann [147] und warum das Haus des Evangeliumszeitalters strauchelt, besonders in Anbe­tracht der Tatsache, daß so zahlreiche Einzelheiten des Schlußwerkes des früheren Zeitalters das genaue Muster für das jetzige abgeben.“

„Wir glauben, daß Christus jetzt gegenwärtig ist, und zwar in dem Sinn, daß er mit dem Werk begonnen hat, seine große Macht und Regierungsgewalt an sich zu nehmen. Als erstes wird innerhalb der jetzt lebenden Kirche des Unkraut vom Weizen getrennt und der Weizen aus allen Zeitaltern mit ihm zur Herrschaft in seinem Reich versammelt. ,Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Throne zu sitzen‘ und ‚dem will ich Macht geben über die Heiden‘, bis ihm alle Dinge unterworfen sind. Es erscheint auch passend, daß das Werk damit beginnt, daß er die Braut zu sich nimmt und die beiden eins werden.“

7.2.4 „Wie lange, o Herr?“ Stand die Verwandlung bereits für den Herbst des Jahres 1881 bevor?

Das eigentliche Basisjahr für den Watch Tower damals war ganz klar das Jahr 1874. Von diesem Jahr an war Christus gegenwärtig. Innerhalb der folgenden 40 Jahre würde er sein gesamtes Erntewerk abschließen. Aus diesem Grunde dachte man, es müsse sehr schnell zu dramatischen Ereig­nissen kommen, vielleicht sogar noch in jenem Jahr 1881, wie es in einem anderen Artikel mit der Überschrift „Wie lange, o Herr?“ erläutert wurde. Hier ein Auszug:

„Dies ist eine Frage, die sich ohne Zweifel viele stellen, nämlich: ‚Wie nahe steht ‚unsere Verwandlung bevor!‘ Viele von uns blicken dieser Verwandlung schon seit Jahren freudig entgegen, und immer noch denken wir mit Freude an die Zeit, da wir gemeinsam bei Jesus sein und ihn von Angesicht sehen werden. In dem Artikel über unsere Verwandlung in der Dezemberausgabe gaben wir der Meinung Ausdruck, der Zeitpunkt sei näher, als viele annähmen. Wir wollen zwar nicht versuchen, den Beweis für einen bestimmten Zeitpunkt unserer Verwandlung zu erbringen, schlagen aber vor, einige Hinweise zu untersuchen, die augenscheinlich auf eine Verwandlung vom irdischen in den geistigen Zustand noch in der ersten Hälfte 1881 oder im Herbst hindeuten, Die Hinweise darauf, daßunsere Verwand­lung dann stattfinden wird, gewinnen noch an Kraft, da wir erkannt haben, daß die Verwandlung zu Geistkörpern nicht die Hochzeit ist. Als wir noch glaubten, die Hochzeit sei die Verwandlung, und zugleich wußten, daß von 1878 an dreieinhalb Jahre der besonderen Gnade gegenüber der Namenkirche (die nun verödet daliegt) liefen, konnten wir keine Verwandlung für das erste Halbjahr 1881 erwarten, solange diese dreieinhalb Jahre noch andauerten. Seit wir aber erkennen, daß der Einzug zur Hochzeit nicht nur das Bereitmachen für die Verwandlung einschließt (durch das Erkennen seiner Gegenwart), sondern daß zum Einzug auch die Verwandlung selbst gehört, gewinnen die Hinweise, daß wir innerhalb der erwähn­ten Zeit Einzug halten (oder verwandelt) werden, zunehmend an Beweiskraft und verdienen es, von allen Interessierten genau untersucht zu werden. Neben dem direkten Beweis dafür, daß unsere Verwandlung naht, ist auch die Tatsache,daß die Art und Weise der Verwandlung jetzt verstanden wird, ein Hinweis darauf, daß wir uns kurz vor der Zeit der Verwandlung befinden, denn Wahrheit ist .Speise zur rechten Zeit‘ und wird nur verstanden, wenn sie gebraucht wird. Man wird sich daran erinnern, daß nach dem Frühjahr 18 78(als nach unserem Verständnis Jesus als König kommen sollte) alle Gespräche um das Thema der Heiligkeit oder des Hochzeitsgewandes kreisten. Daß wir uns mit dem Hochzeitsgewand befaßten, war zum einen eine Parallele zum Ende des jüdischen Zeitalters und zu der Gnade, die der jüdischen Nation damals erwiesen wurde (was die Gegenwart des Königs voraus­setzte), zum andern war es auch ein Beweis für die Richtigkeit der Deutung, [148] denn ‚da ging der König hinein, die Gäste zu besehen‘ (Matth. 22, 11), und deswegen waren alle besorgt zu erfahren, wie sie vor ihm standen. Da die Besichtigung der Gäste das letzte Geschehnis vor unserer Verwandlung ist, die ihrerseits der Hochzeit vorausgeht, und wir alle uns gegenwärtig mit der Verwandlung befassen, hat es den Anschein, daß die Zeit hierfür nahe ist. Im Folgenden werden wir das Beweismaterial vorlegen, das wir aus den Vorbildern und Prophezeiungen gewonnen haben, und das auf eine Verwandlung der Heiligen und das Schließen der Tür zumhohen Rufe im Jahr 1881 hinzuweisen scheint.“

7.2.5 Die Türe schliesst sich für die „Brautklasse“, um sich nur beständig erneut zu öffnen?

Dann folgten detaillierte Gedankengänge, die den Herbst des Jahres 1881 als die wahrscheinliche Zeit für ihre Verwandlung zu himmlischem Leben hervorhoben, die Zeit, zu der sich „die Tür der Gelegenheit, zur Braut zu gehören, schließt“. Das wäre mithin 35 Jahre vor dem Jahr 1914 gewesen, das damals als der Endpunkt angesehen wurde, an dem alles vorbei wäre. Die Verwandlung der zur „Brautklasse“ gehörenden gesalbten Christen im Herbst 1881 zu himmlischem Leben fand offensichtlich nicht wie erwartet statt. Mit den Jahren wurde der Spannungsbogen größer, und das Jahr 1914 gewann etwas an Bedeutung, war aber immer noch der Endpunkt, an dem die Beseitigung der irdischen Regierungen und die Vernichtung der „Namenchristenheit“ abgeschlossen sein sollte. Man glaubte nämlich, Christus habe seine volle Herrschaftsmacht im Jahr 1878 auszuüben begonnen, wie das in Russells Buch The Time Is At Hand aus dem Jahr 1889 (deutsch: Die Zeit ist herbeigekommen, Elberfeld 1900) gezeigt wird:

„Dem jüdischen Hause stellte sich Jesus auf dreierlei Weise dar – als Bräutigam (Joh. 3:29), als Schnitter (Joh. 4:35, 38) und als König (Matth. 21:5, 9, 4). Dem christlichen Hause stellte er sich in derselben dreifachen Weise dar. (2 Kor. 11:2; Offb. 14:14, 15 und 17:14.)  Zum jüdischen Hause kam er am Anfang der damaligen Ernte (am Anfang seiner Amtstätigkeit) als Bräutigam und Schnitter; und gerade vor seiner Kreuzigung stellte er sich als ihren König vor, indem er in der Gerichts-Ankündigung gegen sie, da er ihr Haus der Verödung anheim gab, und in dem vorbildlichen Akt der Reinigung ihres Tempels, königliche Autorität ausübte.

(Luk 19:41-46; Mark. 11:13-17.)  Gerade so war es in dieser Ernte: Die Gegenwart unseres Herrn als Bräutigam und Schnitter wurde während der ersten 3 ½ Jahre von 1874-1878 erkannt. Seit jener Zeit ist es mannigfach offenbar geworden, daß in 1878 die Zeit vorhanden war, da königliches Gericht am Hause Gottes beginnen sollte. Hier findet Offb. 14:14-20 Anwendung, wo unser Herr als der gekrönte Schnitter zu schauen ist. Da das Jahr 1878 die Parallele der Zeit ist, da er im Vorbilde seine Macht und Autorität in sich nahm, so bezeichnet es die Zeit für das thatsächlicheAnsichnehmen der Gewalt als König der Könige von Seiten unseres gegenwärtigen, unsichtbaren Herrn – die Zeit, da er seine große Gewalt an sich nahm, um zu herrschen, was in der Prophezeiung eng mit der Auferstehung der Getreuen und dem Anfang der Trübsal und des Zorns über die Nationen verbunden ist. (Off 11:17, 18)“

7.2.6 Der Bräutigam, der Schnitter und der König: Freizügig kopiert man von den Adventisten ohne selbst wirklich nachzuforschen um Sinn und Unsinn zu unterscheiden

Sie wussten nicht die Zeit ihrer Heimsuchung
(Lu 19:44; Matth 24:38, 39)
Unser Herr als drei Persönlichkeiten dargestellt – als Bräutigam, als Schnitter und als König (Joh 3:29; 4:16, 38; Matth. 21:5, 9, 4; 2 Kor 11:2; Offb. 14:14, 19 und 17:14)

Eine Advent-Bewegung zur Zeit der Geburt Jesu, dreissig Jahre ehe er kam, um als Messias bei der Taufe gesalbt zu werden. Matth. 2:1-16; Apg. 10:37, 38
Tatsächliche Gegenwart des Herrn als Bräutigam und Schnitter, im Oktober des Jahres 29.

Drei und einhalb Jahre später, im Jahre 33, nahm er Macht und Titel als König an.

Eine Advent-Bewegung im Jahre 1844, 30 Jahre vor der eigentlichen Zeit seiner Gegenwart zur Erweckung und Prüfung seiner Kirche Matth. 25:1
Tatsächliche Gegenwart des Herrn als Bräutigam und Schnitter, im Oktober 1874

Drei und einhalb Jahre später, im Oktober 1878, nahm er Macht und Titel als König an.

Gericht – das erste Werk des Königs

Gänzliche Zerstörung des jüdischen Gemeinwesens, in 37 Jahren nach Israels Verwerfung oder in 40 Jahren vom Anfang der Ernte, im Jahre 70.

Gänzliche Zerstörung des nominellen Christentums, in 37 Jahren nach seiner Verwerfung oder in 40 Jahren vom Anfang der Ernte, im Jahre 1914.

7.3 „Wer einmal lügt dem glaubt man nicht, selbst wenn er auch die Wahrheit spricht“. Was aber, wenn Lüge zur „offiziellen Wahrheit“ wird, unter Glaubenszwang?
7.3.1 Das Verlegen aller Geschehnisse in den Geistbereich als Freipass für jede Form von Lüge!

Selbst noch nach der Jahrhundertwende, zu Anfang des 20, Jahrhunderts, wurde die Aufmerksamkeit vor allem auf 1874 und 1878 als die zentralen Jahre gelenkt, um die sich alles drehte, Seit 1799 bereits, so hieß es, befinde man sich in den „letzten Tagen“, seit 1874 in der „Erntewerkzeit“, Christus übe seine Königsmacht seit 1878 aus und die Auferstehung habe damals begonnen, Diese Behauptungen galten unverändert. All das bezog sich auf unsichtbare Geschehnisse, im Gegensatz zur vorhergesagten „Verwand­lung der Heiligen zu himmlischem Leben“, die für 1881 erwartet worden war. Da diesen Behauptungen keine sichtbaren Beweise widersprachen, konnte man sie weiterhin verkünden, und so geschah es auch,

Im Jahre 1911, drei Jahre vor 1914, verkündete der Watch Tower immer noch die Wichtigkeit der Jahre 1874, 1878 und 1881. „Babylon die Große“ sei 1878 gefallen, und für Oktober 1914 sei ihr „vollständiges Ende“ zu erwarten, Eine Anpassung nahm man allerdings in der Frage des „Schlie­ßens der Tür“ der Gelegenheit, Teil der himmlischen Königreichsklasse zu werden, vor. Zwar war dieser Zeitpunkt auf 1881 festgelegt worden, doch jetzt ließ man die Leser des Watch Tower wissen, die „Tür“ sei noch „weit geöffnet“, und zwar in der Ausgabe vom 15. Juni 1911 (Originalfassung siehe Anhang):

„Bei Berücksichtigung dieser Parallelen erkennen wir 1874 als den Beginn der Ernte: und der Einsammlung der ‚Erwählten‘ von den vier Winden des Himmels; wir erkennen 1878 als die Zeit, zu der Babylon offiziell verworfen, Laodicea ausgespien wurde, die Zeit, von der gesagt wird: ‚Babylon ist gefallen‘ – gefallen aus der göttlichen Gnade, Die Parallele für 1881 weist augenscheinlich darauf hin, das bis zu diesem Datum den Menschen in Babylon immer noch gewisse Gnadenerweise zukamen, wenn auch das System bereits verworfen war; und seit jenem Datum scheint uns dieses Verhältnis auf keinen Fall ein gutes, sondern in vielerlei Hinsicht eindeutig ein schlechtes, aus dem man sich nur mit Mühe befreien konnte, mit Hilfe des Herrn Gnade und Wahrheit. Und in Übereinstimmung mit dieser Parallele wird im Oktober 1914 das vollständige Ende Babyöons eintreten, wenn sie ‚wie ein großer Mühlstein ins Meer geschleudert‘, als System vollständig zerstört sein wird, [150] Um auf das zuvor Gesagte zurückzukommen: Es erscheint uns zugegebenermaßen vernünftig anzunehmen, daß das Aufhören der Gnadenerweise gegenüber dem fleischlichen Israel das Aufhören der besonderen Gnade unseres Evangeliumszeit­alters vorschattet. d.h. der Einladung zum hohen Rufe, Darum sind wir der Auffassung, daß der offene oder allgemeine ‚Ruf‘ zur Erlangung der Königreichseh­ren in unserer Zeit im Oktober 1881 aufhörte, Wir unterscheiden aber, wie bereits in den Schriftstudien gezeigt, zwischen dem Ende des ‚Rufes‘ und dem Schließen der ‚Tür‘, und glauben, daß die Tür, die Einlaß in die Königreichsklasse gewährt, noch nicht verschlossen wurde, sondern noch eine Zeit lang weit geöffnet bleibt. Auf diese Weise soll Gelegenheit geboten werden, diejenigen hinauszustoßen. die den ‚Ruf’ angenommen haben, die aber von dessen Vorrechten und Gelegenheiten zur Selbstaufopferung keinen Gebrauch machen, und dafür andere eintreten zu lassen, damit sie deren Kronen erhalten, in Einklang mit Offenbarung 3:11. Darum ist die Gegenwart, gerechnet von 1881 bis zum vollständigen Schließen der Tür der Gelegenheit, sich im Dienst des Herrn zu opfern, eine Zeit der ‚Sichtung’ aller derer, die bereits unter der göttlichen Gnade stehen und ein Bundesverhältnis zu Gott haben“

Jetzt stand das Abschlußjahr 1914 kurz bevor. Mit dem Eintreten dieses Jahres wäre die Ernte vorbei, die letzten Tage hätten ihren Abschluß erreicht, dann würden sich ihre Hoffnungen vollständig erfüllen, Was sagte die Wachtturm-Literatur für das Jahr 1914 genau voraus?

7.3.2 25 Jahre vor 1914 wurden kommende Schlüsselereignisse vorhergesagt: Alles erweist sich nur als religiöse Phantasie und Interpretation, statt der Logik der Schrift wirklich zu folgen!

Im Buch The Time ls At Hand (Die Zeit ist herbeigekommen), veröffent­licht 25 Jahre vor 1914, wurden die folgenden sieben Punkte genannt:

„… sein. Es wird allmählich aufgerichtet werden, und zwar während einer großen Trübsalzeit, mit der das christliche Zeitalter schließt, und in welcher die gegenwärtigen Herrschaften verzehrt und unter großer Konfusion oder Verwirrung dahinfallen werden.
In diesem Kapitel liefern wir den biblischen Nachweis, daß das völlige Ende der Zeiten der Heiden (Nationen), daß das volle Ende ihrer Herrschaft, mit dem Jahre 1914 erreicht sein wird; und daß dieses Datum die äußerste Grenze der Herrschaft unvollkommener Menschen sein wird.Und wem dies als eine in der Schrift fest begründete Thatsache nachgewiesen ist, der wird auch erkennen, daß dadurch Folgendes bewiesen ist: –

Erstens, daß dann das Königreich Gottes, für welches unser Herr uns beten lehrte: „Dein Reich komme,“ volle und universelle, weltweite Herrschaft erreicht haben und „aufgerichtet,“ oder auf Erden festgegründet, sein wird.
Zweitens beweist es, daß er, dem das Recht, diese Herrschaft an sich zu nehmen, gebührt, dann als der neue Herrscher der Erde gegenwärtig sein wird; und nicht nur dies, sondern auch, daß er einen beträchtlichen Zeitraum vor jenem Datum gegenwärtig sein wird, weil derUmsturz dieser nationalen Obrigkeit direkt darauf zurückzuführen ist, daß er „Wie Töpfergeschirr sie zerschmettern“ (Psa. 2:9; Off 2:27), und an ihrerStatt sein eigenes, gerechtes Regiment aufrichten wird. Drittens beweist es, daß etliche Zeit vor dem Ablauf von 1914 n.Chr. das letzte Glied der göttlich anerkannten Kirche (Herauswahl) Christi, das „königliche Priestertum,“ „der Leib Christi,“ mit dem Haupte verherrlicht sein wird“ …

„denn jedes Glied soll mit Christus herrschen; als Miterbe des Königreiches mit ihm; und dieses kann nicht ohne die völlig aufgerichtete Vollzahl seiner Glieder stattfinden.
Viertens beweist es, daß von jener Zeit an Jerusalem nicht länger von den Nationen zertreten sein, sondern sich aus dem Staub der göttlichen Ungnade zur Ehre erheben wird; denn die „Zeiten der Nationen“ sind dann erfüllt oder vollendet.
Fünftens beweist es, daß mit jenem Datum, oder auch früher, Israels Blindheit anfangen wird, sich wegzuwenden; denn ihre „Blindheit zum Teil“ sollte so lange dauern, „bis daß die Vollzahl der Nationen eingegangen sein würde“ (Röm. 11:25), oder in anderen Worten, bis die volle Zahl derer aus den Nationen herausgewählt wäre, die Glieder des Leibes oder der Braut Christi sein sollen“.
Sechstens beweist es, daß die große „Zeit der Trübsal,“ „desgleichen nicht gewesen, seitdem ein Volk ist,“ ihren schließlichen Höhepunkt erreichen und an jenem Zeitpunkt enden wird; und dann werden die Menschen gelernt haben, stille zu sein und zu erkennen, daß Jehova Gott ist, unddaß er auf Erden hoch erhöht werden wird. (Psa. 46:11)

Der Zustand der Dinge, von dem in symbolischer Sprache als von brausenden Wogen des Meeres, schmelzender Erde, fallenden Bergen und brennenden Himmeln geredet wird, wird dann vergangen sein, und „die neuen Himmel und eine neue Erde“ mit ihrem Friedenssegen werden dann von der durch Trübsal zerschlagenen Menschheit erkannt werden; und der Gesalbte des Herrn und seine rechtmäßige und gerechte Oberhoheit wird dann allmählich anerkannt werden; zuerst von einer Schar von Kindern Gottes, die aus großer Trübsal gekommen sind – die Klasse die auf der Karte der Zeitalter in Band 1 von Millenium-Tages Anbruch mit m und t bezeichnet sind (Siehe auch Seite 240 und 244); darauf von Israel nach dem Fleische; und dann von der ganzen Menschheit.
Siebtens beweist es, daß das in Macht ein- und aufgerichtete Reich Gottes vor jenem Datum in der Welt sein und das heidnische Standbild (Dan. 2:34) geschlagen und zermalmt, bis Macht dieser Könige verzehrt, haben wird. In demselben Masse wird seine Macht und Herrschaft aufgerichtet, als durch seine verschiedentlichen Einflüsse und Werkzeuge die gegenwärtigen Gewalten – die bürgerlichen und kirchlichen, das Eisen und der Thon – zermalmt und zerstreut werden.“

7.3.3 Bemerkenswerte Veränderung der Schriften vor und nach 1914: Die „offizielle Wahrheit“ wird umformuliert und prophetischer Wahn übertüncht

So stand es in der Ausgabe von vor 1914. Eine Ausgabe aus der Zeit nach 1914 weist demgegenüber bemerkenswerte Veränderungen auf. Wie aus den wiedergegebenen Zitaten ersichtlich, hieß es in der Ausgabe von vor 1914 über dieses Jahr, „daß dieses Datum die äußerste Grenze der Herrschaft unvollkommener Menschen sein wird“. Es wurde gesagt, in diesem Jahr werde das Reich Gottes „volle und universelle, weltenweite, Herrschaft erreicht haben und ‚aufgerichtet‘, oder auf Erden festgegründet, sein“.

In der Ausgabe, die nach 1914 veröffentlicht wurde, hat man dies wie folgt umformuliert: [152]

Zeiten der Nationen 78
… (gegen)wärtigen Herrschaften verzehrt und unter großer Verwirrung dahinfallen werden.
In diesem Kapitel liefern wir den biblischen Nachweis, daß das völlige Ende der Zeiten der Heiden (Nationen) d.i. das volle Ende ihrer Herrschaft, mit dem Jahre 1914 erreicht sein wird; und daß dieses Datum die Auflösung der Herrschaft unvollkommener Menschen bringen wird. Und wem dies als eine in der Schrift fest begründete Tatsache nachgewiesen ist, der wird auch erkennen, daß dadurch folgendes bewiesen ist:
Erstens, daß dann das Königreich Gottes, für das unser Herr uns beten lehrte: „Dein Königreich komme“, anfangen wird, die Herrschaft an sich zu nehmen und „aufgerichtet“ oder auf Erden festgegründet zu werden.“

Unter Punkt drei stand in der Erstausgabe, die letzten Angehörigen des „Leibes Christi“ würden vor dem Ende des Jahres 1914 mit dem Haupt verherrlicht. Auch hier wird der Text in der späteren Ausgabe anders gefaßt und jeder Hinweis auf das Jahr 1914 beseitigt:

„Drittens beweist es, daß einige Zeit vor dem Ende des Sturzes das letzte Glied der göttlich anerkannten Kirche Christi, das „königliche Priestertum“, „der Leib Christi“, mit dem Haupte verherrlicht sein wird: denn jedes Glied soll mit Christo herrschen, als Miterbe des Königreiches mit ihm; und dieses kann nicht ohne die völlig aufgerichtete Vollzahl seiner Glieder stattfinden.“

Nachdem das Datum verstrichen und nichts passiert war, hat man sich also in späteren Ausgaben deutlich bemüht, die ganz krassen Fälle von Nichter­füllung der sehr klaren Prophezeiungen über 1914 zu vertuschen. Nur wenige Zeugen Jehovas haben heute eine Vorstellung davon, wie umfassend die Voraussagen waren, die für dieses Jahr aufgestellt wurden, Kaum einer, der weiß, daß sich nicht ein einziger der ursprünglichen sieben Punkte so erfüllte, wie man es verkündet hatte. Von diesen Erwartungen ist in den heutigen Veröffentlichungen der Gesellschaft nur noch ganz am Rande die Rede; einige läßt man ganz unerwähnt.[9]

7.3.4 Kein heutiger Zeuge weiß mehr, was zuerst als feststehende, unveränderliche Wahrheit existrierte: Der Lügner schiebt die Schuld von sich! Stets waren es die blinden Getreuen, die etwas in die Literatur „hineingelesen“ haben

Liest man die neuere Literatur der Gesellschaft, so könnte man meinen, Russell, der erste Präsident der Watch Tower Society, habe gar nicht genau gesagt, was 1914 alles geschehen würde. Die weitgesteckten Erwartungen und dogmatischen Behauptungen, so wird angedeutet, gingen auf das Konto anderer Leute, nämlich seiner Leser. Ein Beispiel hierfür findet sich in dem offiziellen Werk zur Geschichte der Organisation, Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben, auf Seite 52: [153]

„Ohne Zweifel waren viele in die­ser Zeit voreilig in ihren Erklärungen über das, was zu erwarten war. Einige haben Ge­danken in den Watch Tower oder Wachtturm hineingelesen, die gar nicht darin standen, und obwohl es notwendig war, daß Russell auf die Gewißheit hinwies, daß am Ende der „Zeiten der Nationen“ eine große Änderung zu erwar­ten sei, ermutigte er doch seine Leser, die Er­eignisse mit offenem Sinn zu betrachten, be­sonders was den Faktor Zeit betraf.“

In dem Buch wird aus dem Watch Tower zitiert, doch bei genauer Prüfung stellt man fest, daß die angegebenen TextsteIlen diesen Gedanken gar nicht stützen. Das einzige Zitat, in dem vom „Faktor Zeit“ konkret die Rede ist, stammt aus einem Watch Tower des Jahres 1893, wo es heißt:

„Ein großer Sturm nähert sich, Obschon man nicht genau wissen mag, wann er losbrechen wird, scheint es doch vernünftig zu sein, anzunehmen,daß es höchstens noch zwölf bis vierzehn Jahre dauern kann, bis es so weit ist.“

Damit wird die aufgestellte Behauptung überhaupt nicht bewiesen, sondern lediglich bestätigt, was auch aus den anderen Schriften Russells hervorgeht, daß für ihn nämlich feststand, es werde vor 1914 zu weltweiten Unruhen kommen – gemäß den zitierten Passagen nicht später als 1905 oder 1907 -, und daß diese Entwicklungen schließlich bis 1914 zur Vernichtung aller Regierungen auf Erden führen würden.

7.3.5 Mahnung zur Vorsicht, als sich die Katastrophe bereits abzeichnete? Verantwortlichkeit für Dogmatismus bleibt unverändert bestehen!

Zwei Jahre vor Anbruch des Jahres 1914 ermahnte der Watch Tower seine Leser allerdings doch etwas zur Vorsicht.

Im Buch Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (Seite 53) wird eine Äußerung Russells aus dem Jahrgang 1912 (deutsch: Wacht Turm vom Februar 1913) zitiert:

„Es bietet sich hier sicherlich Gelegenheit für kleine Meinungsverschiedenheiten über diesen Gegenstand, und es geziemt sich, einander den größten Spielraum zu lassen. Die Lehnsherrschaft der Nationen mag im Oktober 1914 oder im Oktober 1915 zu Ende gehen. Und die Periode des grüßten Kampfes und der An­archie, „dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht“, mag das abschließende Ende der Zeiten der Nationen oder der Anfang des Messianischen Königreiches sein,
Aber wir erinnern alle unsere Leser wieder daran, daß nicht wir irgend etwas über die Zeiten der Nationen prophezeit haben, welche in einer Zeit der Drangsal zu Ende gehen, noch über die herrliche Epoche, die dieser Katastrophe bald folgen wird. Wir haben nur angegeben, was die Schrift sagt, indem wir unsere Mei­nung über kommende Dinge äußerten und es unseren Lesern anheimstellten, daß jeder für sich selbst ent­scheide und darüber urteile, was diese bedeuten. Diese [154] Prophezeiungen bedeuten für uns immer noch dasselbe … Einige geben jedoch positive Erklärungen über Dinge ab, die sie wissen, und über Dinge, die sie nicht wissen, Wir folgen niemals diesem Beispiel, sondern erklären nur das, was wir aus diesem oder jenem Grunde so oder so glauben.“

So sieht das Bild aus, das die Gesellschaft vermitteln will. Man vergleiche das mit anderen Verlautbarungen im Watch Tower und anderen Schriften, die in der Literatur der Gesellschaft heute mit keiner Silbe mehr erwähnt werden, Und dann frage man sich, ob es wahr ist, daß man die Gesellschaft nicht dafür verantwortlich machen kann, wenn dogmatische Behauptungen aufgestellt wurden, ob es wirklich andere waren, die in diese Veröffentli­chungen eine Gewißheit „hineingelesen“ haben, die nie beabsichtigt gewe­sen sei, besonders im Zusammenhang mit 1914 und den Ereignissen, die dann stattfinden sollten.

In dem Buch Die Zeit ist herbeigekommen (veröffentlicht in Englisch 1889, in Deutsch 1900) lesen wir auf Seite 95 folgendes:

„Es ist wahr, es heißt große Dinge erwarten, wenn man behauptet, wie wir thun, dass in den kommenden sechs und zwanzig Jahren alle gegenwärtigen Regierungen gestürzt und aufgelöst sein werden; aber wir leben in einer besonderen und sonderbaren Zeit, in dem „Tage Jehovas,“ in dem sich die Dinge schnell entwickeln; und es stehet geschrieben: „Der Herr wird eine abgekürzte Sache thun (kurzen Prozess machen) auf Erden“ (Röm. 9:28. Siehe Band 1, Kap. 15.)

Im Hinblick auf diesen starken biblischen Beweis in Betreff der Zeiten der Nationen betrachten wir es als feststehende Wahrheit, daß dasschließliche Ende der Reiche dieser Welt und die volle Herstellung des Königreiches Gottes um 1914 vollzogen sein wird. Dann wird das seit dem Fortgang ihres Herrn bis jetzt fortwährende Gebet der Kirche (Herauswahl), „Dein Reich komme,“ erhört sein; und unter seiner weisen und gerechten Verwaltung wird die Erde mit der Herrlichkeit des Herrn, mit Erkenntnis, Gerechtigkeit und Friede, erfüllt sein (Psa. 72:19; Jes. 6:3; Hab. 2:14); und der Wille Gottes wird dann geschehen „auf Erden wie im Himmel“.“

Wenn man nicht nur sagt, etwas sei wahr, sondern man betrachte es als „feststehende Wahrheit“, heißt das dann nicht gerade dasselbe, wie, man weiß, daß es so ist? Gibt man damit nicht „positive Erklärungen“ ab? Der Unterschied, wenn es denn überhaupt einen gibt, kann nicht sehr groß sein, Im seinen Buch heißt es auf Seite 97:

7.4 1914 das Schlüsseldatum, worum sich der ganze Lügenzirkus dreht
7.4.1 Das Ende der Schlacht Gottes vom Tag Harmagedons wurde fest auf das Jahr 1914 verkündet!

Zeiten der Nationen 97
sich nimmt, um zu herrschen, Word bildlich (Offb. 19:15) als einer dargestellt, dessen Schwert aus seinem Munde ging, „daß er damit die Nationen schlage“ und er wird sie weiden mit eiserner Rute.“ Dieses Schwert ist die Wahrheit (Eph. 6:17); und die jetzt lebenden Heiligen wie auch manche aus der Welt werden jetzt als Streiter [155] des Herrn verwandt, um Irrtümer und Böses zu stürzen. Doch niemand schließe daraus voreilig, daß eine friedliche Belehrung der Nationen hier abgebildet sei, denn viele Schriftstellen, wie Offb. 1§1:17, 18; Dan. 12:1; 2 Thess. 2:8; Ps 149 und 47, lehren das grade Gegenteil.
Man verwundere sich aber nicht, wenn wir in den nachfolgenden Kapiteln Beweise beibringen, daß das Aufrichten des Königreiches Gottes schon angefangen habe, daß in der Prophezeiung aufgezeichnet stehe, dass das Jahr 1878 die Zeit sei, da die Ausübung seiner Macht beginnen sollte und daß die „Schlacht des grossen Tages Gottes des Allmächtigen“ (Offb. 16:14), die im Jahre 1914 zu Ende gehen soll, bereits angefangen hat.

Das schon geschärfte Schwert der Wahrheit soll jedes schlechte System und alle üble Einrichtung – bürgerliche, gesellschaftliche, wie wirtschaftliche, wie kirchliche – schlagen. Nein mehr, wir sehen sogar, daß das Schlagen schon begonnen hat. Freiheit des Denkens, bürgerliche und religiöse Freiheit und Menschenrechte, lange Zeit unter Königen und Kaisern, Päpsten, Synoden, Konzilien, Traditionen und Glaubenssatzungen aus dem Auge verloren, werden gewürdigt und hervorgezogen, wie nie zuvor. Der innere Kampf ist schon in der Gärung begriffen. Es wird nicht lange dauern, da bricht es wie ein verzehrendes Feuer hervor, und menschliche Systeme und Irrtümer, die Jahrhundertelang die Wahrheit in Felsen schlugen und die seufzende Kreatur unterdrückten, müssen vor ihm schmelzen.“

Zwei Jahre nach Veröffentlichung dieses Werkes brachte Russell im Jahr 1891 ein weiteres Buch heraus, betitelt“ Thy Kingdom Come“ (deutsch: „Dein Königreich komme“, 1898), in dem wir auf Seite 146 lesen:

7.4.2 Babylons Verschwinden definitiv mit 1914 festgelegt!

„Der Fall, die Plagen, die Zerstörung, usw., die, wie vorausgesagt, über das mystische Babylon kommen sollten, wurden in der großen Trübsal und dem nationalen Untergang vorgeschattet, die über das fleischliche Israel kamen, und die mit seinem gänzlichen Sturz im Jahre 70 endeten. Und die Dauer des Fallens ist gleichfalls dementsprechend; denn von der Zeit an, da unser Herr sagte: „Euer Haus wird euch wüste gelassen,“ im Jahre 33 , bis zum Jahre 70 waren 36 ½ Jahre; und so sind vom Jahre 1878 bis zum Ende des Jahres 1914 ebenfalls 36 ½ Jahre. Und mit dem Ende des Jahres 1914 wird, was Gott Babylon nennt und was die Menschen Christentum nennen, verschwunden sein, wie schon aus der Weissagung gezeigt wurde.“

7.4.3 1882 hatte die endgültige „Schlacht“ bereits begonnen, die 1914 ihr Ende finden wird! Lug und Trug!

Im Jahr darauf, 1892, stellte der Watch Tower in der Ausgabe vom 15. Januar fest, die endgültige „Schlacht“ habe bereits begonnen und werde 1914 ihren Abschluß finden (Originalwortlaut siehe Anhang):

„Wohl waren wir angenehm überrascht (angesichts gegenteiliger reißerischer Berichte, die man so häufig liest), daß die Lage in Europa so war, wie wir sie hier beschreiben – in Einklang mit dem, was wir gemäß der Schrift erwarten mußten-, doch wir vertrauen Gottes Wort und der darauf scheinenden gegenwärtigen Wahrheit so sehr, daß wir nicht an deren Zeugnis gezweifelt hätten, auch wenn der äußere Anschein etwas anderes nahegelegt hätte. Der Zeitpunkt für den Abschluß jener ‚Schlacht’ wird in der Schrift ganz klar auf den Oktober 1914 festgelegt. Sie [156] ist bereits im Gange, und zwar seit Oktober 1874. Bislang war es vor allem eine Schlacht der Worte und eine Zeit der Mobilisierung der Kräfte für den Kampf: bei Kapital, Gewerkschaften, Militärs und Geheimbünden.
Eine derartige Zeit der Zusammenschlüsse wie die heutige hat es noch nie gegeben. Nicht nur verbünden sich die Nationen miteinander, um sich gegen andere Nationen zu schützen, auch diverse Fraktionen innerhalb jeder Nation organisieren sich, um ihre jeweiligen Interessen zu schützen. Doch bisher sondie­ren die verschiedenen Fraktionen nur die Lage, prüfen die Stärke ihrer Gegner und sind um die Vervollkommnung ihrer Pläne und um Verstärkung vor dem bevorste­henden Kampf bemüht, der in den Augen vieler unvermeidbar scheint, ohne daß sie etwas vom Zeugnis der Bibelwüßten. Andere machen sich noch immer selbst etwas vor, indem sie sagen: ,Friede! Friede!‘, wenn es doch keinen Frieden geben kann, bevor nicht Gottes Königreich die Herrschaft übernimmt und die Ausfüh­rung seines Willens auf Erden erzwingt, so wie er schon im Himmel geschieht.
Mit dieser Phase der Schlacht werden sich alle Seiten auch künftig befassen müssen, mit unterschiedlichem Ausgang; alles muß sorgfältig organisiert werden. Der Endkampf wird vergleichsweise kurz sein, dafür furchtbar und entscheidend. Allgemeine Anarchie wird die Folge sein. Die Ansichten der großen Generäle der Welt stimmen in vieler Hinsicht mit den Voraussagen des Wortes Gottes überein: ,Wehe dem Menschen oder der Nation, die den nächsten Krieg in Europa anzettelt, denn es wird sich um einen Auslöschungskrieg handeln.‘ Nicht nur nationale Zwistigkeiten werden ihn auslösen, sondern auch soziale Mißstände, Herrsch­sucht und Klassengegensätze. Und wenn er nicht durch die Aufrichtung des Reiches Gottes in den Händen seiner erwählten und dann verherrlichten Kirche zu einem Ende gebracht würde, hätte er die Auslöschung der menschlichen Rasse zur Folge (Matth. 24:22)“.

7.4.4 Die Arbeiterunruhen von 1874 als untrügliches Zeichen des kommenden Endes; 1914 Ende der Bedrängnis vorhergesagt!

Folgender kurzer Artikel, erschienen im Watch Tower vom Juli 1894, offenbart, daß man die Weltlage der damaligen Zeit als deutlichen Beweis dafür ansah, daß die Welt sich in ihren Todeszuckungen befand und der letzte Atemzug 1914 kommen werde (Originaltext siehe Anhang):

„KANN ES NOCH BIS 1914 DAUERN?
Vor 17 Jahren sagten die Leute, als sie die Abhandlungen zur Zeitrechnung in den Millennium-Tagesanbruch-Bänden lasen: ‚Das hört sich schon ganz vernünftig an, aber zu solch radikalen Änderungen kann es bis Ende 1914 auf keinen Fall kommen. Hätten Sie nachgewiesen, daß das in 100 oder 200 Jahren kommen würde, wäre es viel wahrscheinlicher gewesen.‘
Welche Veränderungen sind seither eingetreten, und wie beschleunigt sich das Tempo von Tag zu Tag?
,Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!‘
Heute, angesichts der jüngsten Arbeiterunruhen und der drohenden Anarchie, fragen die Leser an, ob das Jahr 1914 nicht verkehrt sei. Ihrer Meinung nach kann die gegenwärtige Lage dem Druck gar nicht mehr so lange standhalten.
Wir sehen keinen Grund, die Zahlen zu ändern, und wir könnten das auch gar nicht, selbst wenn wir es wollten. Es handelt sich, so glauben wir, um Gottes Daten, nicht die unseren. Man behalte aber im Sinn, das Ende des Jahres 1914 ist nicht das Datum für den Beginn, sondern für das Ende der Zeit der Bedrängnis. Wir sehen keinen Grund, von unserer Ansicht abzurücken, die im Watch Tower vom 15. Januar 1892 niedergelegt wurde. Wir empfehlen, dies noch einmal nachzulesen.“

Es ist zwar richtig, daß hier das Wort „Ansicht“ gebraucht wird, doch was besagt das, wenn man im gleichen Atemzug davon spricht, daß hinter diesen [157] Jahreszahlen Gott selbst steht? Und wer wollte „Gottes Daten“ anzwei­feln?

Heute würde die Organisation sagen, all das sei nebensächlich, vergleicht man es mit dem, was ihrer Meinung nach die Hauptsache war: mit der Voraussage des „Endes der Heidenzeiten“ für 1914 habe die Gesellschaft ja doch recht gehabt. Das ist auch die einzige der frühen Auffassungen über 1914, an der man heute noch festhält. Das aber stellt die wohl gröbste Verdrehung der Tatsachen dar. In Wahrheit nämlich ist das einzige, woran man festhält, die Bezeichnung „Ende der Heidenzeiten“. Der Inhalt, den dieser Ausdruck heute erhält, weicht vollständig von dem ab, was die Watch Tower Society damit in den 40 Jahren vor 1914 verband.

7.4.5 Alle glaubten vor 1914 an das verkündete vollständige Ende der Heidenzeiten. Was ist die „offizielle Wahrheit“ heute?

Jene 40 Jahre hindurch dachten alle, die mit der Watch Tower Society verbunden waren, beim „Ende der Heidenzeiten“ an den vollständigen Sturz aller irdischen Regierungen, deren gänzliche Beseitigung und als Ersatz dafür die Aufrichtung der Königreichsherrschaft Christi über die ganze Erde. Es sei an die Worte auf Seite 95 im Buch Die Zeit ist herbeigekommenerinnert, wo behauptet wird, „daß in den kommenden sechs und zwanzig Jahren (gerechnet ab 1889) alle gegenwärtigen Regierun­gen gestürzt und aufgelöst sein werden“. Und weiter: „In Hinblick auf diesen starken biblischen Beweis in betreff der Zeiten der Nationen betrach­ten wir es als feststehende Wahrheit, daß das schließliche Ende der Reiche dieser Welt und die volle Herstellung des Königreiches Gottes um 1914 vollzogen sein wird.“

Heute hat der Ausdruck „Ende der Heidenzeiten“ (oder „bestimmte Zeiten der Nationen“) eine ganz andere Bedeutung. Man versteht darunter nicht das tatsächliche Ende der Herrschaft menschlicher Regierungen infolge ihrer Vernichtung durch Christus, sondern jetzt heißt es, dies sei das Ende ihrer „ununterbrochenen Herrschaft“ über die Erde. Die „Unterbrechung“ sei dadurch gekommen, daß Christus 1914 unsichtbar die König­reichsmacht an sich genommen und zu regieren begonnen habe und nun seine Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf die Erde richte (was in Wahrheit genau das ist, was man vorher über das Jahr 1874 gesagt hatte). Da hier wieder auf den Bereich des Unsichtbaren zurückgegriffen wird, in dem sich das alles zugetragen haben soll, läßt sich schwer etwas gegen eine solche Theorie vorbringen. Die Tatsache, daß die Herrschaft der irdischen Regierungen seit 1914 absolut unverändert geblieben ist, scheint nicht von Belang zu sein. Ihre Zulassung zur Macht sei abgelaufen, sagt man jetzt, da der unsichtbare König sie unsichtbar aufgehoben habe, und damit sei das Ende der ihnen bestimmten Zeit gekommen.

7.4.6 Nur ein gekündigter Pachtvertrag gegenüber den Nationen? Säumiger Gerichtsvollzieher?

Das hört sich alles so an, als verkünde man 40 Jahre lang, ein unerwünschter Grundstückspächter werde zu einem bestimmten Zeitpunkt vertrieben und für alle Zeiten ferngehalten werden, und wenn der angekündigte Tag dann kommt und geht und der verhaßte Bewohner immer noch da ist und weitermacht wie bisher, wird das wegerklärt mit den Worten: „Also, seinen Pachtvertrag habe ich gekündigt, und in meinen Augen ist das schon [158] genauso, als wäre er wirklich ausgezogen. Und außerdem behalte ich das Grundstück jetzt scharf im Auge.“ Immerhin, je näher 1914 kam, desto vorsichtiger wurden die Voraussagen. Zwar hatte Russell gesagt, es würde vor dem Oktober 1914 zu Aufruhr und weltweiter Anarchie kommen, doch später, im Jahr 1904, schrieb er in der Ausgabe des Wacht-Turms vom August 1904 auf Seite 110:

„Weltweite Anarchie unmittelbar nach Oktober 1914

Etwas, was auf den ersten Blick höchst geringfügig und durchaus nicht zur Sache verwandt zu sein scheint, hat unsere Überzeugung betr. Die Zeit geändert, in der universale Anarchie gemäss den prophetischen Zahlen zu erwarten ist. Wir erwarten nun, dass die Anarchie, die den Abschluss bilden wird zur grossen Zeit der Drangsal, die den Segnungen des Milleniums vorausgehen wird, nach Oktober 1914 stattfinden wird – sehr bald darnach nach unserem Dafürhalten – „in einer Stunde“, „plötzlich.““

Und obwohl er 1894 bekräftigt hatte, die vorgetragenen Zahlen seien „Gottes Daten, nicht die unseren“, sagte er nun, sieben Jahre vor 1914, in der Ausgabe des Watch Tower vom 1. Oktober 1907, nochmals abgedruckt in der Ausgabe vom 15. Dezember 1913 und erstmals übersetzt erschienen in der deutschen Ausgabe vom März 1914, Seiten 41, 42:

7.5 Wer der Chronologie Russells und der Watchtower nicht mehr glaubt ist ein Abgefallener?! 
7.5.1 Absolute Sicherheit was die Chronologie Russells betrifft? Wer öfters lügt dem glaubt man nicht …

„Ein lieber Bruder fragt: Können wir absolut sicher sein, daß die in den Schriftstudien enthaltene Chronologie richtig ist – daß das Erntewerk im Jahre 1874 begonnen hat und im Jahre 1914 n.Chr. in einer weltumfassenden großen Drangsal, in der alle gegenwärtigen Einrichtungen gestürzt werden, enden wird, und daß auf diese Drangsal die Herrschaft der Gerechtigkeit des Königs der Herrlichkeit und seiner Braut, der Herauswahl folgen wird? Unsere Antwort – wie wir sie auch häufig in den Schriftstudien und im Wachtturm, sowie mündlich und schriftlich dargelegt haben – ist: Wir haben niemals behauptet, daß unsere Berechnungen unfehlbar seien. Wir haben niemals gesagt, daß dieselben sich auf Wissen, auf unbestreitbare Beweise, Tatsachen oder Erkenntnis gründen; wir haben vielmals stets darauf bestanden, daß sie sich auf Glauben gründen.“

7.5.2 Haben die, welche der Chronologie anzweifeln fehlenden Glauben oder nicht eher fehlende Leichtgläubigkeit?

Im selben Artikel wird aber unterstellt, daß jemand, der diese Berechnungen anzweifle, nicht genug Glauben habe. Es heißt:

„Wir erinnern wiederum daran, daß die schwachen Punkte der Chronologie ergänzt werden durch die verschiedenen Prophezeiungen, die in einer so bemerkenswerten Weise darin verwoben sind, daß der Glaube an die Chronologie fast zu einer Erkenntnis darüber wird, daß die Chronologie richtig ist. Die Veränderung eines einzigen Jahres würde die [159] schönen Parallelen aus dem Einklang bringen, weil einige der Prophezeiungen von einem Zeitpunkt in der Zeitrechnung vor Christo und einige von einem Zeitpunkt in der Zeitrechnung nach Christo an messen, während einige Prophezeiungen sich auf beide Zeitrechnungen erstrecken. Wir glauben, daß Gott es so beabsichtigt hat, daß die Prophezeiungen „zur rechten Zeit“ verstanden werden sollten. Wir glauben, daß wir sie jetzt verstehen; und sie reden zu uns durch die Chronologie. Besiegeln sie nicht dadurch die Chronologie? Dem Glauben gegenüber ja, aber sonst nicht.

Es heißt in der Schrift: „Die Verständigen werden es verstehen“, und der Herr ermahnt uns, zu wachen, damit wir die Dinge verstehen möchten. Und es ist diese Chronologie , die uns, die wir sie im Glauben anzunehmen vermögen und auch annehmen, überzeugt, daß das Gleichnis von den zehn Jungfrauen jetzt in der Erfüllung begriffen ist – daß der erste Ruf im Jahre 1844, und der zweite Ruf: „Siehe, der Bräutigam (ist gegenwärtig)!“ im Jahre 1874 gehört wurde.“

Welchen Wert hat es, oder, anders formuliert, wieviel Demut zeigt es, wenn man eingesteht, fehlbar zu sein, zugleich aber durchblicken läßt, daß nur diejenigen Glauben bekundeten und zu den ,Verständigen, die es verstehen werden‘, gehörten, die mit diesen Ansichten übereinstimmten? Müßten dann nicht logischerweise all die, die den „Ruf“ 1844 und 1874 nicht befolgt haben, zu den „törichten Jungfrauen“ des Gleichnisses gerechnet werden? Vorher hatte es im selben Artikel geheißen:

7.5.3 Gottes Zeiten und Zeitabläufe sind gegeben! Wahres Verständnis aber ist erst zum Ende hin zu erwarten durch jene, die sich von Lüge und Sünde reinigen! (Da 12:4, 9, 10) 

„Gottes Zeiten und Zeitabläufe sind gegeben, damit sie zu dieser unserer Zeit nur für diejenigen überzeugend sein möchten, die Gotteseigentümliche Verfahrensweise durch ihr Vertrautsein mit ihm erkennen können.“

Wer also Zweifel an der Zeitrechnung der Gesellschaft äußert, bei dem wurde unterschwellig sofort das Verhältnis zu Gott in Frage gestellt, obendrein noch der Glaube und die Verständigkeit. Diese Form geistiger Einschüchterung wird in noch viel stärkerem Maße angewendet, seitdem das Jahr 1914 verstrichen ist, ohne daß die weltweit verkündeten Erwartun­gen eingetroffen wären. [160]

____________________________________

[1] Englischer Wortlaut: „I know I made an ass of myself „. Dieser Ausspruch Rutherfords wird im Wachtturm vom 15. Dezember 1984 auf Seite 26 zitiert.
[2] Daniel 4:17, 23-33.
[3] 4. Mose 14:34; Hesekiel 4:6.
[4] Daniel 8:14; 12:11, 12. Das vollständige Ergebnis der Nachforschungen von Carl Olof Johnsson liegt uns auf deutsch veröffentlicht vor unter dem Titel Die Zeiten der Nationen näher be­trachtet (Oros-Verlag, Altenberge bei Münster 1992, 276 Seiten).
[5] Nachdem Russell sich mit Barbour getroffen hatte, schrieb er einen Artikel für die von George Storrs (auch einem Adventisten) herausgegebene Zeitschrift The Bible Examiner, worin Russell das von Barbour ermittelte Jahr 1914 vorstellte. Russells eigene Zeitschrift trug wie so viele Zeitschriften der Second Adventists das Wort „Herold“ im Titel: Zion’s Watch Tower and herald of Christ‘,s presence (Zions Wacht Turm und Herold der Gegenwart Christi – die 1874 begonnen haben soll).
[6] Der bereits zitierte Wacht Turm vom April 1917 zeigt, daß man genau dieses Argument tatsächlich vorbrachte.
[7] Siehe das Buch Prophezeiung (englisch 1929, deutsch 1930), S. 70. Im Wachtturm vom 15. November 1974 wird diese Auffassung erwähnt, doch ohne: den Hinweis, daß sie auch noch nach dem Jahr 1914 vertreten wurde.
[8] Eine Änderung dieser Ansicht setzte beim Kongreß in Cedar Point (Ohio) im Jahre 1922 ein, acht Jahre nach 1914.
[9] Dasselbe gilt für die Behauptungen, die über 1878 und 1881 aufgestellt worden waren. Gemeinsam mit denen über 1799 und 1874 wurden sie schließlich allesamt als unzutreffend fallengelassen.

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 7. Kapitel: Voraussagen und Vermessenheit

6. Kapitel: Zweierlei Mass

6. Kapitel: Zweierlei Mass

6 Zweierlei Mass *

6.1 Die Gesetzeslehrer und die Pharisäer die Dinge lehren die sie selbst nicht tun
6.1.1 Frommer Betrug wird bei andern Religionen verurteilt, eigene Heuchelei übertüncht

„Die Gesetzeslehrer und Pharisäer sind die berufenen Ausleger des Gesetzes, das Mose euch gegeben hat. Ihr müßt ihnen also gehorchen und tun, was sie sagen. Aber nach ihren Handlungen dürft ihr euch nicht richten, denn sie selber tun gar nicht, was sie lehren“ (Matthäus 23:2, 3, Die Bibel in heutigem Deutsch).

In den Veröffentlichungen der Watch Tower Society finden sich viele anregende, interessante Artikel, darunter solche, die den Glauben an einen Schöpfer stärken, die den Weg zu einem angenehmen Familienleben wei­sen, zu Aufrichtigkeit im Leben anspornen, den Wert der Demut und anderer Tugenden hervorheben, all dies auf biblischer Grundlage. In ande­ren Artikeln werden frommer Betrug und religiöse Heuchelei in scharfer Form verurteilt. Als Beispiel sei auf der nächsten Seite der Anfang eines Artikels aus dem Wachtturm abgebildet.

Man kann der Watch Tower Society bestimmt nicht nachsagen, daß sie bei anderen Religionen und deren Führern jemals „die Verbrechen und die Übertretungen der gerechten Gesetze und Grundsätze Gottes entschuldigte und ,übertünchte“‘. Die Wachtturm-Veröffentlichungen waren stets forsch als erste zur Stelle, wenn es galt, Heuchelei und Fehlverhalten anderer öffentlich anzuprangern. Sie wiesen darauf hin, daß die religiösen Führer heute das Volk ebenso täuschten wie die Pharisäer in Jesu Tagen. Man selber, so wurde betont, halte sich streng an die Maßstäbe von Gerechtigkeit und moralischer Integrität und sei im Umgang mit allen anderen aufrichtig und ehrlich.

Genau aus diesem Grund erschien mir so unglaublich, was ich erfuhr, als in der leitenden Körperschaft die Frage des Zivildienstes erörtert wurde. Es war eine Information, die aus Mexiko stammte. War schon die Meldung an sich empörend, so war der Gegensatz zum Vorgehen der Organisation in einem anderen Fall umso himmelschreiender, und zwar im Fall des ostafrikani­schen Landes Malawi (früher Njassaland).

6.1.2 Zwei unterschiedliche Massstäbe in Zivildienstfragen: Malawi und Mexiko

„Kann man mit Gott übereinstimmen und
DENNOCH DIE TATSACHEN VERHEIMLICHEN

WOZU führt es, wenn einer Lüge nicht widersprochen wird? Trägt Stillschweigen nicht dazu bei. daß eine Lüge als Wahr­heit verbreitet wird. und besteht dadurch nicht die Gefahr, daß viele Menschen leichter unter ihren Einfluß kommen und möglicherweise ernsten Schaden erleiden?

‚Was geschieht. wenn einen schlechten Wandel oder ein unsittliches Verhalten duldet, statt es bloßzustellen oder zu verurteilen? Ist es nicht so, als ob man einer ansteckende Krank­heit verheimliche, ohne sich zu bemühen, sie auszuheilen und ihre Ausbreitung zu verhin­dern?

Kann man sagen. es sei lieblos, wenn jemand Menschen vor einer drohenden Gefahr, die sie nicht wahrnehmen warnt oder wenn er sie darauf aufmerksam macht, daß sie von Per­sonen irregeführt werden, die sie als ihre Freunde betrachten?

Sie mögen es vorziehen. die Warnung in den Wind zu schlagen. Oder vielleicht nehmen sie sie sogar übel, Enthebt ihn das aber der Ver­antwortung, die Betreffenden zu warnen? Wenn du zu den Menschen gehörst, die Gott treu bleiben möchten, solltest du dich mit solchen Fragen auseinandersetzen. Wieso? Weil Diener Gottes zu allen Zeiten in Situationen kamen, in denen sie sich mit sol­chen Fragen auseinandersetzen mußten, Sie waren verpflichtet Unwahrheit und Verbrechen bloßzustellen und die Menschen vor Ge­fahren und vor Täuschung zu warnen – nicht nur in einem allgemeinen Interesse, sondern ganz besonders im Interesse der reinen An­betung. Es wäre viel leichter für sie gewesen. Stillschweigen zu bewahren oder nur das zu sagen, was die Menschen gern hören wollten. Ihre Treue zu Gott und ihre Liebe zum Näch­sten bewog sie jedoch zu reden. Sie erkannten, daß „offene Zurechtweisung besser ist als ver­borgene Liebe“ (Spr 27:5).

DAS BLEIBEDE MUSTER

Betrachten wir, in welcher Lage sich das Volk Israel in alter Zeit befand und welches Beispiel Gottes Propheten damals gaben. Das Verbrechen hatte in dieser Nation überhand­genommen. Unehrlichkeit, Gewalttaten, Unsittlichkeit und Heuchelei brachten Schmach auf den Namen des Gottes. den die Israeliten anzubeten vorgaben. Hieß das Volk die von Gott kommende Zu­rechtweisung will­kommen? Ganz und gar nicht, denn die Bibel zeigt, daß man zu den Propheten Gottes sagte:

„ ,Ihr sollt nicht sehen‘ und zu denen, die [in­spirierte] Visionen ha­ben: ,Ihr sollt nicht irgendwelche geraden Dinge in Visionen für uns schauen. Redet glatte Dinge zu uns, schaut in Visionen trügerische Dinge. Weicht ab vom Wege’“ (Jes 30:9-11)

Möchtest du, daß die Tatsachen unter den Teppich gekehrt werden … oder wünschst du die Wahrheit zu erfahren?

Gerade das tat die Mehrheit der religiösen Führer, die darauf aus war, beliebt zu sein, lind die Verbrechen und die Übertretung der gerechten Gesetze und Grundsätze Gottes entschuldigte und „übertünchte“. Was Gott aber von seinen wahren Propheten erwartet, wird durch die Worte veranschaulicht, die er an den Propheten Hesekiel richtete:

„Was nun dich betrifft, o Menschensohn, zu einem Wächter habe ich dich für das Haus Israel gemacht, und aus meinem Munde sollst du das …..“ (Der Wachtturm – 15. April 1974, Seite 227 [112])

Zum besseren Verständnis ist es nötig, den Hintergrund kurz zu erläutern. In Malawi sahen sich Jehovas Zeugen seit dem Jahr 1964 einer Verfolgung gegenüber, die in Ausmaß und Gewalt in der neueren Geschichte ihresglei­chen sucht. Landesweit brachen in mehreren Wellen brutale und heimtückische Angriffe von Pöbelhaufen über sie herein: 1964, 1967, 1972 und noch [111] einmal im Jahr 1975. Beim ersten Schub wurden 1081 malawischen Fami­lien die Hütten abgebrannt oder sonstwie zerstört, auf 588 Feldern wurde die Ernte vernichtet. Während der Attacken im Jahr 1967 wurden mehr als tausend Zeuginnen Jehovas vergewaltigt, eine Frau dabei von sechs ver­schiedenen Männern, ihre 13jährige Tochter von drei Männern. Bei minde­stens 40 dieser Frauen kam es daraufhin zu Fehlgeburten. Die Behörden ließen allen diesen Wellen der Gewalt völlig freien Lauf. Schläge, Folterun­gen und Morde nahmen so überhand, daß Tausende Familien Haus und Hof verließen und in die angrenzenden Länder flüchteten. Nach genaueren Schätzungen flohen 1972 insgesamt 8975 Menschen nach Sambia und 11600 nach Mosambik. Bei Abebben der Gewalttätigkeiten kehrten sie nach und nach wieder in ihr Land zurück. Die nächste Angriffswelle zwang sie dann erneut zur Flucht. Zu allem Unglück kam noch hinzu, daß in den Flüchtlingslagern die Kleinkinder wegen mangelnder medizinischer Versor­gung starben.[1]

Woran entzündeten sich diese wiederkehrenden Ausbrüche der Gewalt? Die Zeugen Jehovas weigerten sich, eine Mitgliedskarte der herrschenden politischen Partei des Landes zu kaufen. Malawi ist ein Einparteienstaat, der von der Malawi Congress Party beherrscht wird, und zwar durch deren Vorsitzenden Dr. H. Kamuzu Banda, der als Präsident auf Lebenszeit über das Land herrscht. Das Zweigbüro der Gesellschaft teilte den Zeugen Jehovas auf Anfrage mit, der Erwerb einer solchen Mitgliedskarte stelle eine Verletzung der christlichen Neutralität dar, sei also ein Kompromiß und damit Untreue gegenüber Gott. Diese Haltung wurde von der Weltzentrale bestätigt und in den Veröffentlichungen der Watch Tower Society genaue­stens erläutert. Die überwiegende Mehrzahl der Zeugen in Malawi hielt sich daran, auch wenn dafür ein hoher Preis gezahlt werden mußte.

Die Brutalität, mit der in Malawi gegen wehrlose Menschen vorgegangen wurde, ist durch nichts zu rechtfertigen. Darüber kann bei mir kein Zweifel bestehen. Die Regierung und die Parteiführung waren fest entschlossen, dafür zu sorgen, daß jedermann sich ihrer Anweisung fügte, eine Mitglieds­karte bei sieh zu führen. Den Besitz dieser Karte sah man als sichtbaren Beweis für Staatstreue an. Die Methoden, mit denen man dieses Ziel verwirklichte, waren verwerflich und kriminell.

Worüber bei mir aber ernste Zweifel bestehen, das ist die Haltung, die das Zweigbüro einnahm und die dann vom Hauptbüro in Brooklyn bestätigt wurde. Für diese Zweifel gibt es mehrere Gründe.

6.1.1 Terroraktionen in Malawi gegen Jehovas Zeugen und deren Hintergründe

Im Jahr 1975 erhielt ich den Auftrag, Material über die neuesten Terror­aktionen gegen Jehovas Zeugen in Malawi zur Veröffentlichung zusammen­zustellen. Als Begründung, weshalb Jehovas Zeugen die Frage des Erwerbs der Parteimitgliedskarte so wichtig war, gab ich das an, was bereits darüber [113] gesagt worden war: Diese Haltung sei vergleichbar mit der Haltung der Christen der ersten Jahrhunderte, die sich weigerten, dem „Genius“ des römischen Kaisers eine Prise Weihrauch auf einem Altar als Opfer darzu­bringen.[2] Während ich dies schrieb, überkam mich ein Gefühl der Unsicher­heit darüber, ob die Situation hier wirklich genau die gleiche war. Das Darbringen von Weihrauch auf dem Altar wurde ganz sicher als Akt der Anbetung angesehen. War aber der Kauf einer Parteimitgliedskarte genauso zweifelsfrei ein Akt der Anbetung? Ich fand nichts, das diesen Gedanken eindeutig nahelegte. Handelte es sich dann aber um eine Verletzung der christlichen Neutralität, einen Bruch der Lauterkeit gegenüber Gott?

6.2 Welcher Art „polis“, Staatsgebilde oder Stadtverwaltung soll loyal gedient werden?
6.2.1 Jedes politische Gebilde ist „polis“, Stadt- und Staatsverwaltung

Ein ganz klares Bild habe ich mir damals nicht machen können, und auch heute möchte ich mich hierin nicht dogmatisch festlegen. Ich fragte mich aber, ob die Organisation, deren leitender Körperschaft ich jetzt angehörte, den Kauf einer solchen Karte denn wirklich so eindeutig und entschieden verurteilen und als einen Akt der Untreue gegenüber Gott einstufen durfte. Folgendes ging mir dabei durch den Kopf:

Dreh- und Angelpunkt der ganzen Sache war, daß es sich um eine „politi­sche“ Karte handelte, die die Mitgliedschaft in einer „politischen“ Partei bedeutete. Der Ausdruck „politisch“ bezeichnet in den Augen vieler und besonders von Zeugen Jehovas etwas von vornherein Böses. Korrupte Politiker haben im Laufe der Jahrhunderte für einen unangenehmen Beige­schmack dieses Wortes gesorgt. Das gleiche ließe sich aber auch von einem Wort wie „fromm“ sagen, das Bilder scheinheiliger Heuchelei in einem aufsteigen läßt, wie sie manche religiösen Leute zur Schau tragen. Und doch bezeichnet das Wort „fromm“ eigentlich gläubige Gottergebenheit, aufrich­tige Hingabe; das ist seine Grundbedeutung. Für das Wort „Politik“ werden folgende Grundbedeutungen angegeben:

„Auf die Durchsetzung bestimmter Ziele und Zwecke insbesondere im staatlichen für alle Gesellschaftsmitglieder verbindlichen Bereich und auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Verhalten und rationales Handeln von Individuen, Gruppen, Organisationen, Parteien, Klassen, Parlamenten und Regierungen.“[3]

Mir war bekannt, daß die Wörter „politisch“ und „Politik“ sich vom griechischen Wort polis herleiteten, das einfach Stadt bedeutete. Das griechische polites hieß Bürger, das Eigenschaftswort politikos „die Bürger oder den Staat betreffend“. Diese Wörter gelangten in die englische (und die deutsche) Sprache über das Lateinische und Französische. Das lateinische Wort politia bedeutet einfach „Bürgerschaft, Regierung, Staatsverwaltung“. Auch das Wort „Polizei“ leitet sich von daher ab.

Daraus wird deutlich, daß nach der Grundbedeutung des Wortes jegliche Regierung politisch ist. Jede Regierung auf der Erde ist ein politisches Gebilde; jedes Volk, das unter einer bestimmten Regierungsform organisiert [114] ist, stellt ein „Gemeinwesen“ (griechisch politeia) dar. Wer Binger eines Landes ist, muß Mitglied oder Angehöriger eines politischen Staates sein, was für ihn Vorteile hat, aber auch mit Pflichten verbunden ist. In welchem Ausmaß man sich den Forderungen des politischen Staates unterwirft, kann verschieden sein. Staatsangehöriger ist man in jedem Fall. Von eben diesen politischen Staaten und deren Herrschern schreibt der Apostel Paulus in Römer, Kapitel 13, und ermahnt die Christen, ihnen als „Gottes Dienern“ untertan zu sein. Zwar stimmt es, daß politisches Handeln korrupt werden kann (und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Rom als politisches Staatsgebilde äußerst korrupt wurde), doch bedeu­tet das allein noch nicht, daß alles Politische damit auch gleich an sich schon böse sei. Ebensowenig heißt es, daß damit die Staatsbürgerschaft, die Mitgliedschaft in einem politischen Staat oder einem Land, schon etwas Schlechtes sei. Die politischen Parteien, die um die Macht wetteifern, sind es, die vor allem für die zusätzliche Bedeutung des Wortes „Politik“ verantwortlich sind, die aber nur eine Neben- und nicht die Grundbedeu­tung ist: „Taktierendes, berechnendes Verhalten derjenigen, die für sich selbst Macht, Ansehen, Stellung suchen.“ Das ist wirklich verwerflich, aber nicht, weil alles politische Handeln verwerflich ist, denn ohne politisches Handeln gibt es keine Regierung.

6.2.2 Was ist, wenn die „polis“ ein Einparteienstaat ist? Wo beginnt Gehorsam gegenüber der „obrigkeitlichen Gewalt“, wo endet sie?

Das bringt mich zum zweiten Grund für meine Zweifel. Ich kann es verstehen, wenn jemand aus Gewissensgründen nichts mit den politischen Kämpfen und dem rücksichtslosen Wettbewerb zu tun haben möchte, der Parteipolitik gemeinhin kennzeichnet. Was mich aber im Falle Malawis nachdenklich macht, ist die Tatsache, daß es sich hierbei um einen Einparteienstaat handelt. Die Herrschaft wird von der Malawi Congress Party ausgeübt; andere Parteien sind nicht zugelassen. Damit wird sie faktisch gleichbedeutend mit der Regierung, den „obrigkeitlichen Gewal­ten“. Wenn jemand aber Staatsbürger und damit Mitglied des nationalen politischen Gemeinwesens sein konnte, ohne seine Lauterkeit gegenüber Gott zu verletzen, wie sollte dann die Lauterkeit verletzt sein, wenn man dem Verlangen der Regierung nachkam (das von allen Instanzen vom Staatsoberhaupt abwärts erhoben wurde), daß jeder eine Mitgliedskarte der herrschenden Partei erwerben solle? Damals wie heute frage ich mich, wo da überhaupt ein großer Unterschied liegt.

Vor allem weiß ich nicht, ob Abraham, Daniel, Jesus und die Apostel sowie die ersten Christen das Erfüllen einer solchen Forderung der Regierung, hätte es sie unter ähnlichen Bedingungen zu ihrer Zeit gegeben, ebenso angesehen hätten, wie die Organisation es heute darstellt. Zwar ist richtig, daß der Erwerb der Mitgliedskarte in Malawi nicht pcr Gesetz. gefordert wurde. Wäre diese Äußerlichkeit aber für Jesus Christus entscheidend gewesen, wenn alle Autoritäten im Land diese Forderung erhoben hätten?[4] [115] Wie hätten die Christen des ersten Jahrhunderts die Sache gesehen, ange­sichts der Ermahnung des Apostels: „Erstattet allen, was ihnen gebührt: dem, der die Steuer verlangt, die Steuer; dem, der den Tribut verlangt, den Tribut; dem, der Furcht verlangt, die Furcht; dem, der Ehre verlangt, die Ehre“?[5]

6.2.3 Jesu Worte was seine Ansicht zu Dienstleistungen gegenüber Staatsgewalt betrifft

Sicher sieht es in den Augen mancher so aus, als mache man Kompromisse oder gebe klein bei, wenn man diesen Forderungen der politischen Gewalten nachkommt – damals wie heute. Ich bin mir sicher, daß es für viele gläubige Juden der Tage Jesu genauso schandbar war, dem Verlangen eines Offiziers des verhaßten römischen Reiches nachzukommen, wenn er verlangte, man solle ein Gepäckstück eine Meile weit tragen. Viele hätten sich eher bestrafen und mißhandeln lassen, als sich zu fügen. Und doch sagte Jesus, man solle sich unterwerfen und nicht nur eine Meile, sondern sogar zwei gehen![6] Dieser Rat weckte bei vielen Zuhörern bestimmt Widerspruch, da er nach kriecherischer Unterwerfung klang statt nach strikter Verweigerung der Zusammenarbeit mit fremden, heidnischen Machthabern.

Über eines war ich mir schlief Weh im klaren, und das war, daß ich wirklich ganz sicher sein wollte, eine Position zu beziehen, die nicht bloß menschli­chem Denken entstammte, sondern fest in Gottes Wort verankert war. Erst dann war daran zu denken, sie vor anderen und öffentlich zu vertreten, ganz besonders, wenn man die Konsequenzen bedachte, die das hatte. Mir schien gar nicht mehr so sicher, daß die Bibel die offizielle Haltung im Fall Malawis so klar und unmißverständlich stützte. Wenn jemand es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, eine solche Mitgliedskarte zu kaufen, dann war das für mich nachvollziehbar, und wenn sich das Gewissen regte, dann sollte der Betreffende sich auch weigern, der Aufforderung nachzu­kommen. Das wäre im Einklang mit dem Rat des Apostels Paulus in Römer, Kapitel 4, Verse 1-3 und Vers 23.[7] Doch die eigene Gewissensentscheidung für andere verbindlich zu machen oder diese Position als starre Vorschrift auszugeben, nach der sich andere zu richten hätten, das ließ sich meiner Meinung nach durch nichts rechtfertigen; dazu waren die Hinweise, die die Bibel und die äußeren Umstände des Falls boten, zu dürftig.

6.3 Zwei vollkommen unterschiedliche Masse werden von der leitenden Körperschaft angewendet
6.3.1 Strenge und unnachgiebige Haltung derer, die selbst nicht einen Finger rühren

Mit dieser Kenntnis der Umstände in Malawi im Sinn muß man sich dem zuwenden, was während der Diskussionen der leitenden Körperschaft über die Frage des Zivildienstes bekannt wurde. Viele der Äußerungen zu diesem Thema spiegelten die strenge, unnachgiebige Haltung, die man den Zeugen Jehovas in Malawi abverlangte. Unter anderem war zu hören: [116]

„Wenn auch nur der leiseste Verdacht eines Kompromisses oder Zweifels besteht, dann sollten wir es nicht tun. Kompromisse darf es nicht geben … Und noch einmal muß klar gemacht werden, daß es die Haltung der Neutralität ist, die von Jehova gesegnet wird, indem wir ,kein Teil der Welt sind‘ und uns von den Bereichen Religion, Politik und Militär fernhalten, sie weder direkt noch indirekt unterstützen. Wir wollen keine Grauzo­nen, wir wollen genau wissen, wo wir als kompromißlose Christen zu stehen haben.“[8]
„Die Ausführung ziviler Tätigkeit an Stelle von Wehrdienst ist … eine still­schweigende Anerkennung der Verpflichtungen gegenüber der Kriegsmaschinerie des Cäsars …. Deshalb kann von einem Christen nicht verlangt werden, er solle den militärischen Komplex unterstützen, weder direkt noch indirekt.“[9]
„Wenn ein Zeuge Jehovas zu einem Richter sagt, er sei bereit, in einem Kranken­haus oder einer vergleichbaren Institution Dienst zu tun, dann geht er mit ihm einen Handel ein und verletzt seine Lauterkeit gegenüber Gott.“[10]
„Zustimmung zum Zivildienst stellt eine Form der moralischen Billigung des ganzen Systems dar.“[11]
„Wir sollten weltweit einheitlich vorgehen und in dieser Angelegenheit eine entschiedene Position einnehmen …. Wenn wir den Brüdern soviel Spielraum lassen, kriegen wir Probleme …. Das Gewissen der Brüder muß erzogen werden.“[12]
„Wenn wir Cäsar nachgeben, dann wird kein Zeugnis gegeben.“[13]
„Wer Ersatzdienst macht, will sich nur drücken.“[14]

6.3.2 Ein ganz anderer Maßstab für ähnliches und schlimmeres Verhalten in Mexiko

Mir erscheint höchst bemerkenswert, daß diese strengen, unnachgiebigen Äußerungen von Menschen kamen, die zugleich Bescheid wußten über die Lage in Mexiko. In der Übersicht mit den Ergebnissen der Umfrage unter den Zweigbüros, die ich an alle Mitglieder der leitenden Körperschaft verteilte, war auch ein Bericht des Zweigbüros in Mexiko. Darin stand folgende Passage über die „Bescheinigung über abgeleisteten Wehrdienst“ („Identity Cartilla for Military Service“):

„Die Bescheinigung über abgeleisteten Wehrdienst wird üblicherweise durch die Teilnahme an einjährigen Wehrübungen erworben. Inhaber der Bescheinigung sind verpflichtet, sich zu melden, wenn das Land sie ruft, sei es bei einer Mobi1machug oder auch nur zur Feststellung der Personalstärke (Artikel 136 bis 139, Seite 5).

Obwohl es dem Militär und den Einberufungsbehörden gesetzlich verboten ist, diese Bescheinigung illegal auszustellen, beispielsweise gegen Zahlung eines Geldbetrags, wird die Regel doch von der großen Mehrzahl der Beamten nicht eingehalten (Artikel 50 und 51, Seite 21; Artikel 3, Seite 29; Anweisung Nr. 1 vom 16. September 1977, Seite 2, Absätze 3 und 4).

Fast jeder kann unter beliebigem Vorwand um den Militärdienst herumkommen, indem [117] er einem Beamten Geld gibt, damit er sein angeblich regelmäßiges erscheinen zu den wöchentlichen Übungen und Unterrichtsstunden bescheinigt, so dass man am Ende eine gültige Bescheinigung in Händen hat. In Mexiko ist dies gang und gäbe. Die mexikanische Regierung bemüht sich, die Beamten davon abzuhalten, Bescheini­gungen für Leute auszustellen, die keine Wehrübungen geleistet haben, sofern kein im Gesetz genannter Grund dafür vorliegt. Vor kurz em sagte ein General bei der Abnahme des Treuegelöbnisses vor 100 000 jungen Wehrpflichtigen. in Anwesenheit des Präsidenten der Republik, Licenciado Jose Lopez Portillo, die Armee werde keine ungesetzlichen Machenschaften beim Erwerb der Wehrdienstbescheinigung mehr dulden. Wörtlich: „Wir haben die feste Zusage gegeben, die letzten Auswüchse ungesetzlichen Handelns innerhalb des Militärs binnen kurzem zu beseitigen, und wir werden dafür sorgen. daß alle Jungen Männer zu ihrer Einberufungsbehörde gehen und dort ihre Bescheinigung erhalten“ (EL Heroido, 5. Mai 1976).“

Wie standen Jehovas Zeugen zu „ungesetzlichen Machenschaften“ in Verbindung mit diesem Gesetz? Im Brief des Zweigkomitees heißt es weiter:

„Junge Verkündiger haben in Mexiko mit dem Militärdienst keine Probleme. Die Wehrgesetze sind zwar sehr streng, doch gewöhnlich werden sie lasch angewendet. Meldet sich ein Verkündiger im wehrpflichtigen Alter nicht freiwillig zur Musterung, so fordert man ihn auch nicht dazu auf. Wer andererseits seine „Cartilla“ hat und Reservist ist, wird nie einberufen. Er muß lediglich seine „Cartilla“ abstempeln lassen, wenn er sich von einer Einheit zu einer anderen versetzen lässt; doch das ist nicht mit irgendwelchen Zeremonien verbunden, sondern bedeutet nur, daß man sich in einem Büro meldet, in dem die „Cartilla“ abgestempelt wird.

Die „Cartilla“ ist zu einem Ausweispapier geworden. Man legt sie vor, wenn man sich um einen Arbeitsplatz bewirbt, wenngleich das nicht Vorschrift ist. Man braucht sie nur, wenn man sich einen Reisepass ausstellen lassen will. Ohne „Cartilla“ darf man das Land nur mit Sondererlaubnis der Militärbehörden verlassen, Verkündiger, die eine „Cartilla“ haben wollen, gehen zu einer der Einberufungsbehörden, um sich registrieren zu lassen und ihre „Cartilla“ ausgestellt zu bekommen. Natürlich ist diese dann nicht vollständig, d.h. noch nicht gültig. Hierfür sucht man jemand auf, der Einfluß hat, oder geht direkt zu einem Beamten, läßt ihm einen bestimmten Betrag zukommen, je nachdem, wieviel verlangt wird, und so kommt man in den Besitz seiner Bescheinigung über abgeleisteten Wehrdienst; jedenfalls läuft es bei den meisten so ab.“

Kurz zusammengefaßt: In Mexiko müssen Männer im wehrpflichtigen Alter innerhalb eines Jahres eine bestimmte Zeit Kriegsdienst ableisten. Bei der Musterung erhält der Wehrpflichtige einen Wehrpaß, in dem fortlaufend die Teilnahme an der wöchentlichen militärischen Schulung eingetragen wird. Bescheinigt ein Beamter die Teilnahme, ohne dass der Wehrpflichtige wirklich anwesend war, so macht er sich strafbar. Die Beamten sind aber bestechlich, und das nutzen in Mexiko viele Männer aus. Nach Auskunft [118] des Zweigkomitees ist es auch unter Zeugen Jehovas in Mexiko gang und gäbe. Und weshalb? Man beachte, was in dem Brief weiter gesagt wird:

„Die Gesellschaft hat sich mit der Haltung der Brüder in dieser Frage vor Jahren befaßt, und uns liegen Informationen vor, die wir als Maßstab genommen haben, seit die Brüder bei der Gesellschaft angefragt haben. (Siehe beigefügte Kopie)“

Was war das für eine Information, die die Gesellschaft zugesandt hatte und nach der sich das Zweigbüro in Mexiko seit Jahren gerichtet hatte? Auf welchem Wege war sie dorthin gelangt? Wie ist das zu vereinbaren mit der Haltung im Fall Malawis und den strengen, unnachgiebigen Äußerungen von Angehörigen der leitenden Körperschaft, die sogar vor dem „leisesten Verdacht eines Kompromisses“ gewarnt und jede Form von „moralischer Billigung“ des Militärapparats abgelehnt hatten, „weder direkt noch indi­rekt“?

6.3.3 Die Brüder in Mexiko selbst verunsichert über zweideutiges toleriertes Verhalten

Wenige Tage nach der Sitzung der leitenden Körperschaft vom 15. Novem­ber 1978, in der es zu der Pattsituation in Sachen Zivildienst gekommen war, flog ich nach Mexiko. Ich sollte die Zweigbüros in Mexiko und einigen anderen Ländern Mittelamerikas besuchen. Das Zweigkomitee von Mexiko brachte von allein die Sprache auf das Verfahren, das in dem Bericht erwähnt wurde. Die Mariner im Komitee sagten, viele Zeugen Jehovas in Mexiko machten sich Gewissensbisse, weil die Zeugen in Malawi einer so schreck­lichen Verfolgung ausgesetzt seien wegen ihrer Weigerung, eine Parteimit­gliedskarte zu kaufen. Sie betonten aber, sie hätten den Zeugen in Mexiko genau das geraten, was dem Zweigbüro von der Weltzentrale gesagt worden sei. Und was war das? Manchem fällt es vielleicht schwer zu glauben, daß ein derartiger Rat tatsächlich gegeben wurde, doch hier sind die Beweis­stücke, die das Zweigkomitee vorlegte. Als erstes dieser Brief:

„4. Februar 1960 Nr. 123
N. H. Knorr
Brooklyn 1,
New York

Lieber Bruder Knorr!

Wir haben zwei Probleme. zu denen wir gem. Anweisungen von der Gesellschaft hätten. Als erstes haben wir den Fall eines Versammlungsdieners, der eine Tochter hat, die verheiratet ist und mit ihrem Mann bei ihrem Vater wohnt. Die Tochter und der Schwiegersohn waren Verkündiger, doch dem Schwieger­sohn wurde die Gemeinschaft entzogen, weil er eine andre Frau hatte. Im Laufe der Jahre wuchsen vor diesem Schwiegersohn zwei Familien heran, eine von seiner angetrauten Frau und Schwester in der Wahrheit, in deren elterlichem Haus er mit wohnte, und eine von der anderen Frau, die auch Kinder von ihm hat. Ihm ist natürlich seit langem die Gemeinschaft entzogen worden, doch in der Versammlung gab es viel Verwirrung und Meinungsverschiedenheiten, weil der Schwiegervater dieses bösen Mannes, der ja der Versammlungsdiener ist, ihm gestattet, mit seiner Tochter in seinem Haus zu wohnen. Im Lauf der Jahre ist die Verkündigerzahl gesunken und die Versammlung ist in einem sehr schlechten Zustand. Die Frage lautet: Ist die Tochter berechtigt, mit diesem Mann zusammenzuleben? [119] Er ist zwar ihr angetrauter Ehemann, unterhält aber zu seiner Zeit Beziehungen zu einer anderen Frau, mit der er auch Kinder hat. Ist es richtig, wenn der Schwiegervater es diesem Mann gestattet, mit seiner Tochter (einer Glaubensschwester) in seinem Haus zu wohnen? Wir würden gern wissen, wie die Gesellschaft in einen solchen Fall vorgeht, damit wir wissen, was wir zu tun haben.

Eine andere Sache, die vorzutragen wäre, betrifft das Gesetz, nach dem man als Teil der militärischen Ausbildung an Exerzierübungen teilnehmen muß. Nach Einjähriger Teilnahme erhält man eine Bescheinigung, in der dies bestätigt wird, und die wiederum die Grundlage dafür ist, einen Pass oder eine Fahrerlaubnis ausgestellt zu bekommen, sowie für viele weitere Rechtsgeschäfte. Den Brüdern ist die christliche Haltung der Neutralität klar, doch viele geben bestimmten Beamten Geld, und diese verschaffen ihnen dann die Exerzierbescheinigung. Ist es richtig, dies zu tun? Wenn ein Bruder tatsächlich am Exerzieren teilnimmt, wenden wir den Grundsatz an, daß Er Kompromisse gemacht hat, und ernennen ihn mindestens drei Jahre lang nicht zum Diener. Es gibt aber Brüder, die vielleicht Diener oder Kreisdiener sind und eine Exerzierbescheinigung besitzen und sie ab und zu für Rechtsgeschäfte verwenden, aber nicht an der Wehrübung teilgenommen haben. Wie handelt man hier richtig? Unter den Brüdern ist es schon lange Sitte den Geldbetrag zu zahlen und sich eine solche Bescheinigung zu besorgen, und viele von ihnen dienen heute als Versammlungs- und Kreisdiener. Sind sie schuldig? Oder ist dies lediglich etwas, das zu diesem verderbten System der Dinge gehört? Sollen wir darüber hinweggehen oder sollen wir etwas unternehmen? In diesem Land gibt es so vieles, das nicht ganz legal ist. Man kann von e einem Polizisten wegen der Verletzung einer Verkehrsvorschrift angehalten werden, und er erhält eine kleine „mordia“ oder Bestechung von 40 Cents. Jeder weiß, daß er dazu kein Recht hat, und doch gibt man ihm seine 5 Pesos, um nicht zum Polizeirevier gehen und 50 Pesos zahlen zu müssen und dabei noch viel Zeit zu vergeuden. Das ist hier so üblich; alle machen das. Ist es mit der Exerzierbescheinigung dasselbe? Wir würden Deinen Rat in dieser Sache sehr schätzen.

Mit Dir im Dienst für Jehova verbunden“

Diesen Brief schrieb das Zweigbüro in Mexiko an den Präsidenten der Gesellschaft. Im zweiten Absatz steht die Frage, die das Zweigbüro beant­wortet haben wollte: Ist es richtig, Bestechungsgelder zu zahlen, um an eine gefälschte Militärbescheinigung heranzukommen? (Die Kopie wurde vom Durchschlag des Originalschreibens aus den Akten des Zweigbüros angefer­tigt, weshalb die Unterschrift fehlt.)

6.3.4 Der Stein des Anstosses, der Ehebruch des Ehemannes: Er soll aus dem Haus gejagt werden

Und wie wurde die Anfrage beantwortet? Die Gesellschaft schrieb einen zweiseitigen Brief, datiert 2. Juni 1960. Es folgt die Übersetzung der Seite, die mir das Zweigkomitee vorgelegt hat und auf der die Gesellschaft ihre Stellungnahme zu der Frage abgibt (Kopie des englischen Originals siehe Anhang):

„La Torre Del Vigia
Calzada Melchor Ocampo No. 712
Mexico 4, D.F.

Mexico

2. Juni 1960 (157) Seite 2

… Weg einzuschlagen, als oben beschrieben, wäre nicht nötig. Der hauptsächliche Stein des Anstoßes, nämlich der Ehebruch des Mannes, wäre beseitigt. Sowohl dem Versammlungsdiener wie auch seiner Tochter muß die Angelegenheit daher ganz klar und unmißverständlich dargelegt werden. Darauf muß der Versammlungsdiener im Interesse der Versammlung den ersten Schritt in die richtige Richtung tun. Wenn er sich weigert, den ehebrecherischen Schwiegersohn aus dem Haus zu [120] jagen, wird er selbst zu einem Stein des Anstoßes, denn er gibt der Versammlung weiterhin Anlaß zum Anstoß und stört ihre Einheit und den Frieden ihrer Mitglieder. Will er diesen Weg nicht einschlagen, so muß er seines Postens als Versammlungsdiener enthoben werden.

Was nun diejenigen betrifft, die durch Zahlung eines Geldbetrags an die verantwortlichen Beamten vom Ableisten des Militärdienstes entbunden sind, so ist dies das Gleiche, was auch in anderen lateinamerikanischen Ländern geschieht, wo sich die Brüder durch Geldzahlung an einen Militärbeamten frei­kaufen, um sich ihren Freiraum für theokratische Tätigkeit zu erhalten. Wenn Angehörige des militärischen Apparats bereit sind, sich gegen Entrichtung einer Gebühr auf ein solches Verfahren einzulassen, dann ist das die Verantwortung dieser Vertreter des Staates. Das Geld fließt in diesem Fall nicht dem Militär­apparat zu, sondern geht an die daran beteiligte Einzelperson über, Wenn das Gewissen einiger Brüder es ihnen gestattet , sich darauf einzulassen, damit. sie größere Freiheit haben, so besteht unsererseits kein Einwand dagegen. Für den Fall allerdings, daß sie wegen dieser Handlungsweise Schwierigkeiten bekommen sollten, müßten sie diese selbst tragen. Wir können ihnen dann keine Hilfestellung gewähren. Wenn aber diese Handlungsweise dort Sitte ist und die Inspektoren sie billigen, indem sie keine Nachforschungen über den Wahrheitsgehalt der Bescheinigungen anstellen, dann kann man über diese Sache hinweggehen wegen der daraus entstehenden Vorteile. Im militärischen Ernstfall müßten die Brüder, die Inhaber einer solchen Bescheinigung sind , eine Entscheidung treffen, der sie sich nicht durch Geldzahlung entziehen können, sondern die unzweideutig zeigt, auf welcher Seite sie stehen. Dann wird ihr Glaube geprüft und dann müssen sie beweisen, daß sie sich in dieser entscheidenden Prüfung als Christen neutral verhalten.

Treu mit Euch im Königreichsdienst verbunden“

Der Brief des Zweigbüros war zwar an Präsident Knorr gerichtet, doch die Antwort mit dem Stempelschriftzug der Gesellschaft darunter stammte offenbar von Vizepräsident Franz, der – wie bereits erwähnt – von Präsident Knorr immer dann um Hilfe gebeten wurde, wenn es galt, allgemeine Leitlinien aufzustellen, wie in diesem Fall. Der Stil ist typisch für den des Vizepräsidenten.

6.3.5 Ist eine Bestechung bloss eine „Bezahlung eines Geldbetrages“?

Es lohnt sich, einmal die Ausdrucksweise in diesem Brief näher zu untersu­chen. Aufschlußreich wäre auch, sich noch einmal die zuvor wiedergegebe­nen Äußerungen der Mitglieder der leitenden Körperschaft zur Frage des Zivildienstes anzusehen und sie damit zu vergleichen. Dort handelte es sich um unverblümte, sogar aggressive Worte, bei denen nicht erst lange um Formulierungen gerungen und kein Blatt vor den Mund genommen wurde. In diesem Antwortschreiben der Gesellschaft auf die Anfrage des Zweiges in Mexiko wird das Wort „Bestechung“ vermieden und stattdessen von „Zahlung eines Geldbetrags“ und „Entrichtung einer Gebühr“ gesprochen. Es wird betont, daß das Geld einer Privatperson zukommt und nicht „dem Militärapparat“, womit anscheinend angedeutet werden soll, daß dadurch der moralische Wert der Transaktion gehoben wird. In dem Brief heißt es, das Verfahren sei „dort Sitte“ und man könne „über diese Sache hinwegse­hen wegen der daraus entstehenden Vorteile“, solange die Inspektoren sich nicht für „den Wahrheitsgehalt der Bescheinigungen“ interessieren. Am Schluß wird davon gesprochen, daß die Lauterkeit irgendwann in der Zukunft einmal einer „entscheidenden Prüfung“ unterzogen werden mag. [121] Dieselbe Aussage, formuliert im Stil der Sprache während der Sitzungen der leitenden Körperschaft über das Zivildienstproblem, hätte wohl ungefähr so geklungen:

„Auch in anderen lateinamerikanischen Ländern zahlen Jehovas Zeugen Beste­chungsgelder an korrupte Beamte. Wenn sich Angehörige des Kriegsapparates bestechen lassen, müssen sie das Risiko selbst tragen, Wenigstens geht das Geld nicht unmittelbar an den Kriegsapparat, sondern nur an einen Oberst oder einen anderen Offizier, der es einsteckt. Wenn sich das Gewissen von Brüdern, die sich mit einem Beamten auf einen solchen Handel einlassen, nicht regt, so haben wir auch nichts dagegen. Gibt es nachher aber Ärger, dürfen sie nicht auf unsere Hilfe zählen. Da jeder das dort so macht und die Inspektoren sich nicht über die gefälschten Papiere aufregen, könnt Ihr im Zweigbüro ebenfalls ein Auge zudrüc­ken. Im Falle eines Krieges gibt es dann schon Gelegenheit, sieh über die Frage der Neutralität Gedanken zu machen.
Treu mit Euch im Königreichsdienst verbunden Eure Brüder…“

Ich will hier nicht sarkastisch sein und glaube auch nicht, daß dies ein Beispiel für Sarkasmus ist. Der Text gibt meines Erachtens in fairer Weise den Rat der Gesellschaft an das Zweigbüro in Mexiko in normaler Alltags­sprache wieder, ohne beschönigende Wendungen, eben in der Ausdrucks­weise, die in den genannten Sitzungen des Gremiums üblich war.

Ein Grund, weshalb mich diese Information persönlich so sehr schockiert hat, ist, daß zur selben Zeit, da in dem Brief davon gesprochen wird, die Gesellschaft erhebe „keinen Einwand“, wenn sich Zeugen Jehovas in Mexiko ihrer Einberufung „durch Geldzahlung entziehen“, zu genau dersel­ben Zeit junge Männer in der Dominikanischen Republik scharenweise wertvolle Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbrachten, weil sie sich weigerten, an gerade solchen Übungen teilzunehmen. Einige wurden wegen ihrer Weigerung zwei- oder dreimal verurteilt, wie zum Beispiel Leon Glass und sein Bruder Enrique, so daß sie bis zu neun Jahren ihres jungen Lebens im Gefängnis zubrachten. Während dieser Jahre waren der Präsident und der Vizepräsident der Gesellschaft in der Dominikanischen Republik und haben sogar das Gefängnis besucht, in dem viele junge Männer eingesperrt waren. Es ist für mich unfaßbar, wie man über die Lage dieser Gefängnisin­sassen in der Dominikanischen Republik Bescheid wissen und trotzdem zugleich derart mit zweierlei Maß vorgehen konnte.

Im Jahr 1964, vier Jahre nach diesem Brief an den Zweig in Mexiko, brachen die ersten Verfolgungen über Jehovas Zeugen in Malawi herein und es kam die Frage auf, wie man sich zu dem Erwerb der Parteimitgliedskarte stellen sollte. Das Zweigbüro in Malawi vertrat die Position, dies sei eine Verlet­zung der christlichen Neutralität, also ein Kompromiß, der eines wahren Christen nicht würdig sei. Der Weltzentrale war diese offizielle Position bekannt. Kurz darauf ebbte die Welle der Gewalttat ab, brach aber im Jahr 1967 so heftig über Jehovas Zeugen herein, daß sie zu Tausenden aus ihrem Heimatland vertrieben wurden. Im Hauptbüro Brooklyn gingen Berichte über entsetzliche Grausamkeiten in immer größerer Zahl ein.[122]

6.4 Willkür in der Anwendung vom Rechtsmaßstab führt zu gravierender Ungleicheit
6.4.1 Im einen Land werden Gesetzesübertretung toleriert, im anderen muß Folter als Konsequenz akzeptiert werden!

Welche Wirkung hatten die Berichte dort, und wie wirkten sie sich auf das Gewissen derer aus, die die Anweisungen an Mexiko kannten? In Malawi wurden die Glaubensgenossen geschlagen und gefoltert, Frauen vergewal­tigt, Häuser und Felder zerstört, und ganze Familien flohen dafür außer Landes, daß sie fest entschlossen die Position der Organisation vertraten, es sei moralisch verwerflich und stelle einen Verrat dar, wenn man eine Parteimitgliedskarte kaufe. Zur selben Zeit bestachen ihre Glaubensbrüder in Mexiko die Militärbeamten, damit diese ihnen bescheinigten, sie hätten ihre Kriegsdienstpflicht erfüllt, obwohl sie nie an Schulungen teilgenom­men hatten, und wenn sie sich an das Zweigbüro wandten, hielt man sich dort an die Anweisung der Gesellschaft. Kein Wort wurde darüber verloren, daß diese Handlungsweise den Grundsätzen der Organisation oder dem Wort Gottes widersprach. Und wie reagierte die Führungsspitze der Organi­sation, die über alles genauestens Bescheid wußte! Hier die Fakten:

Neun Jahre nach dem ersten Brief sandte das Zweigbüro in Mexiko einen zweiten, ebenfalls an Präsident Knorr adressierten Brief, der das Datum des 27. August 1969 trug. Diesmal wurde ein Punkt hervorgehoben, der nach Meinung der Verfasser übersehen worden war. Die Seiten 3 und 4 werden auszugsweise wiedergegeben, so wie sie mir von den Mitarbeitern des Zweigbüros vorgelegt wurden. Die Teile, die dem Zweigbüro wichtig waren, habe ich unterstrichen.

„Frage: In den Zusammenkünften des Zweiges im Juni haben wir die Angelegenheit erörtert, die auf Seite 33 und 34 des Buches „Aid to Answering“ dargestellt ist. Angesichts der Art und Weise, wie hier in der Vergangenheit in der Frage des Wehrdienstes vorgegangen wurde, habe ich einige Brüder darauf Aufmerksam ge­macht; doch da es sein kann, daß ich nicht über alle Details informiert bin, dachten wir es sei das Baste, nichts zu unternehmen, sondern anzufragen und eine Antwort abzuwarten. Die Nachforschung in unseren Unterlagen förderte einen Brief vom 4. Februar 1960 (Nr. 123) in dem die Frage gestellt wurde, was in den zahlreichen Fällen zu tun sei, in denen jemand einen Geldbetrag entrichtet, um eine Wehrdienstbescheinigung zu bekommen. In der Frage wird aber nichts davon gesagt, daß der Inhaber dieses Dokuments damit der ersten Reserve angehört und im Notfall einberufen wird, wenn die unter Waffen stehenden Truppen nicht mehr Herr der Lage werden können. Unsere Frage lautet daher; Ändert das etwas an dem Verfahren in dieser Angelegenheit, das Ihr in Eurem Brief vom 2. Juni 1960, Seite 2, dargelegt habt, als Ihr die erwähnte Frage beantwortet? In Eurem Brief hieß es: „Was nun diejenigen betrifft, die durch Zahlung eines Geldbetrags an die verantwortlichen Beamten von Ableistung des Militärdienstes entbunden sind, so ist dies das Gleiche, was auch in anderen lateinamerikanischen Ländern geschieht, wo sich die Brüder durch Geldzahlung an einen Militiärbeamten freikaufen, um sich ihren Freiraum für theokratische Tätigkeit zu erhalten. Wenn Angehörige des militärischen Apparats bereit sind, sich gegen Ent­richtung einer Gebühr auf ein derartiges Verfahren einzulassen, dann ist das die Verantwortung dieser Vertreter des Staates. Das Geld fließt in diesem Fall nicht ….“ [123]

„Watch Tower Bible and Tract Society
Office of the President
124 Columbia Heights
Brooklyn, New York 11201

27. August 1959 Seite 4 Nr. 182

… dem Militärapparat zu, sondern geht an die daran beteiligte Einzelperson über. Wenn das Gewissen einiger Brüder es ihnen gestattet, sich darauf einzulassen, damit sie größere Freiheit haben, so besteht unsererseits kein Einwand dagegen. Für den Fall allerdings, daß sie wegen dieser Handlungsweise Schwierigkeiten be­kommen sollten, müßten sie diese selbst tragen. Wir können ihnen dann keine Hilfe­stellung gewähren. Wenn aber diese Handlungsweise dort Sitte ist und die Inspek­toren sie billigen, indem sie keine Nachforschungen über den Wahrheitsgehalt der Bescheinigungen anstellen, dann kann man über diese Sache hinwegsehen wegen der daraus entstehenden Vorteile. Im militärischen Ernstfall müßten die Brüder, die Inhaber einer solchen Bescheinigung sind, eine Entscheidung treffen der sie sich nicht durch Geldzahlung entziehen können, sondern die unzweideutig zeigt, auf welcher Seite sie stehen. Dann wird ihr Glaube geprüft und dann müssen sie beweisen, daß sie sich in dieser entscheidenden Prüfung als Christen neutral verhalten.”

Wir haben uns an das, was Ihr geschrieben habt, bisher gehalten, doch uns scheint, daß es so nicht bleiben kann, wenn man berücksichtigt, daß diese Brüder der ersten Reserve angehören. Andererseits liegt anscheinend der Segen Jehovas auf seinen Dienern hier im Land, da des Werk in den letzten Jahren sehr guten Fortschritt gemacht hat, und das, obwohl die meisten Kreis- und Bezirksdiener so verfahren sind, ebenso die Bethelmitarbeiter. Wir wären Euch sehr dankbar für eine Nachricht, ob wir in dieser Angelegenheit in Zu­kunft anders verfahren sollen als bisher oder nicht. Wenn sich etwas ändert, dann können die Brüder keinen Reisepaß mehr bekommen, doch zu Kongressen im Lande selbst können sie immer noch fahren. Was wird mit denen, die der ersten Reserve angehören, falls eine Veränderung im Verfahren vorgenommen wird? Was sollen wir mit ihnen machen? Wir warten Eure Antwort ab.

Die Bauarbeiten an unserem neuen Gebäude schreiten gut voran, wir denken, daß es bis zu den Kongressen, die dort geplant sind, fertiggestellt sein wird und dann dem Preise Jehovas und der Erbauung der Brüder dienen kann,

Euer Bruder und Mitdiener“

Das Antwortschreiben, datiert 5. September 1969, trägt den Unterschrifts­stempel der New Yorker Vereinigung, doch das Geschäftszeichen vor dem Datum weist aus, daß es vom Präsidenten durch einen seiner Sekretäre geschrieben wurde (das Zeichen „A“ steht für Präsident, „AG“ für einen der Sekretäre). Beim Lesen dieser Antwort darf man nicht vergessen, daß die Weltzentrale genauestens darüber informiert war, welch schreckliche Qua­len die Zeugen Jehovas in Malawi 1964 und 1967 bereits durchgemacht [124] hatten, weil sie sich standhaft weigerten, eine Parteimitgliedskarte zu kaufen, wie das die Regierung ihres Landes verlangte. (Englischer Original­text siehe Anhang.)

„A/AG 5. September 1969

Zweig Mexico

Liebe Brüder!

Euer Brief vom 27. August (182) ist in unseren Händen. Ihr habt darin eine Frage bezüglich der Brüder gestellt, die sich haben erfassen lassen und jetzt der ersten Reserve angehören.

Der Brief vom 4. Februar 1960 (123), den Ihr erwähnt, behandelt das Thema bereits erschöpfend. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Die Verantwortung trägt jeder selbst. Sollte er je einberufen werden, wird er sich entscheiden müssen. Vorher braucht nichts unternommen zu werden. Bis dahin können die Brüder, die sich haben registrieren lassen und eine Gebühr entrichtet haben, ihren Dienst ungehindert durchführen. Wir billigen das zwar nicht, doch es ist ihr Gewissen, nicht unseres, das ihnen gestattet, so zu handeln. Wenn ihr Gewissen das zuläßt und sie sich keine Kompromisse zuschulden kommen lassen, dann könnt Ihr den Fall als erledigt ansehen. Für Euch besteht kein Grund, irgendwelche Fragen zu beantworten oder einzelnen etwas zu erklären oder Euch gar auf Diskussionen einzulassen. Eines Tages kommt diese Frage vielleicht auf uns zu und dann müssen sie sich entscheiden, wie der Brief sagt. Dann müssen sie selbst die Entscheidung treffen. Wir können nicht für jeden Menschen in der Welt Ent­scheidungen fällen. Wenn ihr Gewissen es zuläßt, so zu handeln und der ersten Reserve anzugehören, dann muß das ihre Sorge sein , falls sie sich Sorgen machen. Es geht nicht an, daß das Büro der Gesellschaft sich darüber den Kopf zerbricht.

Die Gesellschaft hat stets den Standpunkt vertreten, daß man die: Gesetze halten muß. Wenn diejenigen so gehandelt haben, wie Ihr es in Eurem Brief schildert , ohne daß ihr Gewissen sich regt, dann lassen wir die Sache auf sich beruhen. Es gibt für uns keinen Anlass, die Gewissensentscheidung eines anderen Menschen zu treffen, oder darüber“ zu diskutieren oder in Streit zu geraten. Falls die Betreffenden keine Kompromisse machen, indem sie etwa Dienst mit der Waffe tun, und wenn ihr Handeln es ihnen ermöglicht, weiterhin ihre Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden, dann liegt die Entscheidung bei ihnen. Die Versammlungsaufseher brauchen erst dann einzuschreiten, wenn jemand davon abweicht. Laßt darum alles so, wie es ist und wie es seit Februar 1960 gehandhabt wird und geht nicht weiter darauf ein.

Möge Jehovas reicher Segen mit Euch sein

Eure Brüder“

Was das Ganze so vollkommen unbegreiflich macht, ist die Tatsache, daß die Organisation die Zugehörigkeit zum Militär stets haargenau so angese­hen hat wie die Mitgliedschaft in einer politischen Organisation. Jeder [125] Zeuge Jehovas, der in eines dieser Lager überwechselt, wird automatisch als jemand eingestuft, der „die Gemeinschaft der Versammlung verlassen hat“. Dabei hatte das Zweigbüro in Mexiko glasklar gesagt, daß alle Zeugen Jehovas, die (mittels Bestechung) in den Besitz einer vollständig ausgefüll­ten Kriegsdienstbescheinigung gelangt waren, von da ab der ersten Reserve des Militärs angehörten. In Malawi riskierten die Glaubensbrüder Kopf und Kragen, verloren Haus und Hof, weil sie sich an die Parole hielten, die die Organisation für ihr Land ausgegeben hatte. In Mexiko gab es ein derartiges Risiko überhaupt nicht, und trotzdem verfuhr man hier mit der größten Nachsicht. Männliche Glaubensangehörige durften dort der ersten Reserve der Armee angehören und zugleich Kreis- und Bezirksaufseher und Mitglie­der der Bethelfamilie sein! Das sagt der Bericht des Zweigkomitees aus­drücklich (und außerdem zeigt er auch, wie verbreitet die Sitte, durch Bestechung an die Bescheinigung heranzukommen, unter den Zeugen Jehovas war). Es heißt darin weiter:

„Wie im oben angeführten Brief aus Brooklyn erwähnt, müssen die Brüder selbst entscheiden und nach ihrem Gewissen handeln. Trotzdem ist es angebracht, einmal klarzustellen, wie verbreitet in der Organisation in Mexiko das Verfahren ist, sich die Bescheinigung auf diese weise (durch Geldzahlung) zu beschaffen. Die Unannehmlichkeiten, die jemand ohne diese Bescheinigung hat, bestehen darin, daß er das Land nicht verlassen kann (was die Brüder in unserem Land häufig tun, um Kongresse in den USA zu besuchen) und daß er etwas Schwierigkeit hat, Arbeit zu bekommen, bei der das Dokument benötigt wird. Davon abgesehen, haben die jungen Männer keinen zwingenden Grund, sich eine solche Bescheinigung zu besorgen. Es ist aber so einfach, sie zu bekommen und andere junge Männer um Auskunft zu bitten, die sie bereits haben. Von diesen erfahren sie dann, wie man vorgeht, und sie denken dann nicht einmal darüber nach, ob es denn für sie selbst richtig ist, das Dokument auf diese Weise zu beschaffen.“

Daß diese Beschreibung den Tatsachen entspricht, können buchstäblich Tausende von Zeugen Jehovas in Mexiko bestätigen. Alle Mitglieder des Zweigkomitees in Mexiko wissen es. Und alle Mitglieder der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas wissen darüber Bescheid, welche offizielle Position die Weltzentrale in dieser Frage eingenommen hat. Doch außer­halb Mexikos hatten nur die wenigsten eine Ahnung davon, was vorging. Und in Malawi weiß wahrscheinlich kein einziger Zeuge Jehovas etwas darüber.

6.4.2 Doppelmoral an oberster Stelle der Hierarchie etwas Selbstverständliches

Einen klareren Fall von Doppelmoral kann ich mir nicht vorstellen. Ein Denken, in dem Platz ist für die in Mexiko vertretene Position, und das zugleich so energisch und dogmatisch verlangt, die Ableistung von Zivil­dienst sei zu verurteilen, weil dies“ von der Regierung als Erfüllung der Wehrdienstpflicht angesehen wird“ und „eine stillschweigende Anerken­nung der Verpflichtungen gegenüber der Kriegsmaschinerie des Cäsars“ darstelle, ist derart verdreht, daß ich es nicht nachvollziehen kann. Diesel­ben Männer, die solches in den Sitzungen der leitenden Körperschaft sagten und verlangten, es dürfe „keine Grauzonen“ geben, und daß „das Gewissen der Brüder erzogen werden muß“, wußten dabei genau darüber Bescheid, daß es unter Jehovas Zeugen in Mexiko seit über 20 Jahren gang lind gäbe ist, sich durch Bestechung ein Dokument zu verschaffen, in dem ihnen die [126] Teilnahme am Kriegsdienst bescheinigt wird, und daß die Weltzentrale dazu offiziell verkündete, dies bliebe ihrem Gewissen überlassen.

Und trotz alldem plädierten einige Mitglieder (zum Glück war dies in mehreren Sitzungen nur eine Minderheit] noch für die Beibehaltung der bisherigen Praxis, einen Mann als jemand einzustufen, „der die Organisa­tion verlassen hat“, wenn er auf die Frage des Richters, ob er bereit sei, in einem Krankenhaus zu arbeiten, offen und ehrlich antwortet, sein Gewis­sen würde dies zulassen. Sie sprachen sich dafür aus, obwohl ihnen zugleich bewußt war, daß in Mexiko Älteste, Kreisaufseher. Bezirksaufseher und Mitarbeiter des Zweigbüros Beamte bestachen, um einen gültigen Wehrpaß zu bekommen, in dem stand, daß sie nun der ersten Reserve des Militärs angehörten, der „Kriegsmaschinerie“.

Ein Mitglied der leitenden Körperschaft, das sich für die bisherige Verfah­rensweise stark machte, erzählte davon, daß Richard Abrahamson vom Zweigkomitee in Dänemark über den Zivildienst einmal gesagt habe:

„Mich schaudert bei dem Gedanken, diesen jungen Männern freie Wahl zu lassen.“ Und dabei hatte es in der offiziellen Anweisung der Weltzentrale an den Zweig in Mexiko geheißen, wenn junge Brüder ein Bestechungsgeld für ein Dokument bezahlten, das sie der ersten Reserve zuweist, „dann muß das ihre Sorge sein, falls sie sich Sorgen machen. Es geht nicht an, daß das Büro der Gesellschaft sich darüber den Kopf zerbricht.“ Weiter unten in dem Brief stand: „Es gibt für uns keinen Anlaß, die Gewissensentscheidung eines anderen Menschen zu treffen.“

Weshalb hat man diese Position nicht auch in Malawi vertreten? Ich bezweifle stark, daß die Mehrzahl der Zeugen Jehovas dort zu denselben Schlüssen gelangt wäre wie die Mitarbeiter ihres Zweigbüros. Ebenso zweifelhaft ist, daß auch nur ein einziger Einheimischer aus Malawi (damals noch Njassaland) an dieser Grundsatzentscheidung mitgewirkt hat. Tragen die leitenden Männer in der Organisation eigentlich überhaupt keine Verantwortung für diesen eklatanten Widerspruch in ihren Anwei­sungen?

6.4.3 Wie gewohnt, die eigene Verantwortung wird auf die Schulter der anderen geschoben. Gott richtet aber schlussendlich unparteiisch.

Bemerkenswert ist, was die Watch Tower Society darüber sagte, wer letztlich die Verantwortung dafür trug, daß die Behörden in Malawi die hohen Grundsätze ihrer Verfassung nicht einhielten: Präsident Banda. Wörtlich heißt es über die Mißhandlung der Zeugen in seinem Land:

„Wenn er es weiß und zu­läßt, daß diese Gewalttaten fortgesetzt wer­den, dann muß er als Führer des Landes und Führer der MCP auch die Verantwortung für das tragen, was in seinem Land und im Namen seiner politischen Partei vorgeht. Gleicherweise können Parlaments- und Parteimitglieder, die die Jugendlichen ent­weder zu Gewalttaten angestiftet oder ihre [127] Augen vor den Geschehnissen verschlossen haben, nicht von Schuld freigesprochen wer­den. Können Zivilbeamte, Polizeibeamte, Ju­stizbeamte und andere verantwortliche Amts­personen, die um ihrer Stellung willen das, was in Malawi vorgeht. durch ihr Stillschwei­gen gutheißen, sich selbst von Schuld frei­sprechen?“ [15]

Der Maßstab, den die Organisation an die Handlungen der Behörden in Malawi anlegte, muß auf jeden Fall auch für sie selbst gelten. Hätte die leitende Körperschaft wirklich geglaubt, die Anweisung in Malawi sei korrekt, so hätte sie sich gedrängt fühlen müssen, die Position, die in Mexiko eingenommen wurde, zurückzunehmen. Schließlich war ihr ja bekannt, was über die Behörden in Malawi und deren Verantwortung geschrieben worden war. Wenn man an der starren Position in Malawi festhält, muß man von ihrer Richtigkeit felsenfest überzeugt sein, ohne den geringsten Zweifel, daß dies für einen Christen die einzig mögliche Position ist, weil sie fest und unerschütterlich in Gottes Wort verankert ist. Billigte man die Position, die in Mexiko galt, in irgendeiner Form, so leugnete man damit, daß man überhaupt dieser Überzeugung war. Bestand andererseits die Auffassung, das Vorgehen in Mexiko sei in Ordnung oder zumindest hinnehmbar, daß nämlich jeder sein Gewissen selbst entscheiden ließ, ob er sich eine Militärbescheinigung beschaffen sollte oder nicht (auch wenn das auf ungesetzlichem Wege geschah), dann sollte man den Glaubensbrüdern in Malawi dasselbe Recht zur eigenen Gewissensentscheidung eingeräumt haben, dazu noch in einer Angelegenheit, die mit keinerlei Bestechung, Ungesetzlichkeit oder Fälschung verbunden war. Leute, die keine klare Stellung beziehen und „die Augen vor den Geschehnissen verschlossen haben“, sie „durch ihr Stillschweigen gutheißen“, vielleicht „um ihrer Stellung willen“, tun genau dasselbe, was sie bei den Verantwortlichen in Malawi verurteilen ließen.

Wie reagierte die leitende Körperschaft, als die Informationen aus Mexiko auf dem Tisch lagen? Die Anweisungen für Mexiko waren von nur zwei Männern abgefaßt worden, doch jetzt wußte das ganze Gremium davon,[16] Zeigte sich Verantwortungsgefühl? Wie stand man zu der offensichtlichen Unvereinbarkeit dieser Position mit der für Malawi gültigen?

6.4.4 Kompromisslos auf der einen Seite, kompromissbereit auf der anderen: Gesetzesdenken, das auf Lücken aufbaut!

Als ich die Sprache auf diesen Sachverhalt brachte, fiel von seiten all derer, die sich so kernig und kompromißlos gegen den Zivildienst ausgesprochen hatten, kein Wort der Entrüstung oder der Mißbilligung. Wenn jemand vorher vollmundig dagegen war, „auch nur den Verdacht“ eines Kompromisses [128] entstehen zu lassen, erhob er jetzt nicht die Stimme, in Mexiko müsse anders verfahren werden. Wiewohl bereits die dritte und vierte Welle der Gewalt über die Zeugen Jehovas in Malawi hereingebrochen waren (1972 und 1975), zeigte sich keiner bestürzt darüber, daß die dort angewand­ten Maßstäbe denen in Mexiko völlig entgegensetzt waren. Die meisten konnten anscheinend akzeptieren, daß man in Mexiko so verfuhr, während sie zugleich verlangten, für Menschen anderswo habe ein völlig anderer Maßstab zu gelten.

Ich wiederhole: Meines Erachtens geht es im Kern nicht darum, welche Einzelpersonen gerade beteiligt sind und welche Persönlichkeit sie haben. In bin zu der Einsicht gekommen, daß eine solche Haltung in Wahrheit typisch ist für jeden Machtapparat. der das Christentum vom Gesetzesden­ken her angeht. Dieses läßt die Beteiligten zwar erkennen, daß zweierlei Maß angewendet wird, doch das bereitet ihnen keine besondere Gewissens­bisse. Es spricht sehr für die Brüder in Mexiko, daß ihnen ihr Gewissen schlug, als sie von den schweren Leiden hörten, die ihre Glaubensbrüder zu ertragen hatten, weil sie sich weigerten, legal einen Geldbetrag für eine Parteimitgliedskarte der herrschenden Regierung zu zahlen, während sie sich selbst illegal durch Bestechung ihren Wehrpaß besorgten. „Denen da oben“ im Elfenbeinturm dagegen waren solche Gefühlsregungen eigenartig fremd; sie spürten gar nicht, welche Wirkung eine solche Doppelmoral auf die Menschen hatte. Auch das ist meines Erachtens Auswirkung dieses Systems, und es ist einer der Gründe, weshalb ich es so abstoßend finde. Im Herbst 1978 wußten alle Mitglieder der leitenden Körperschaft, was in Mexiko gespielt wurde. Fast ein Jahr später, im September 1979, nahm das Gremium die Diskussion über die noch offene Frage des Zivildienstes wieder auf; Anlaß dafür war diesmal ein Brief aus Polen.

Milton Henschel sprach sich für ein äußerst behutsames Vorgehen aus und warnte davor, daß der Zivildienst „eine Falle zur Indoktrinierung der Brüder“ sein könne; er befürwortete den Ausweg, den viele Zeugen Jehovas in Polen wählten, die freiwillig im Kohlenbergbau arbeiteten, um der‘ Einberufung zu entgehen. Lloyd Barry drängte wiederum darauf, wir müß­ten die Position vertreten, daß Jehovas Zeugen „mit dem ganzen Militärap­parat nichts zu tun haben dürfen“. Ted Jaracz sagte: „Unsere Brüder werden in Schwierigkeiten kommen, und sie blicken zu Jehovas Organisation um Leitung auf.“ Er meinte, wir dürften hierin nicht uneins sein und sollten bei den Brüdern nicht den Eindruck erwecken, als sage die leitende Körper­schaft, die Ableistung des Zivildienstes sei völlig in Ordnung. Carey Barber vertrat die Ansicht: „Hier gibt es keinen Spielraum für Gewissensentschei­dungen. Darin dürfen wir uns einfach nicht beirren lassen. Nachgeben kommt überhaupt nicht in Frage.“ Fred Franz sagt: „Unser Gewissen muß biblisch geschult sein.“ Noch einmal machte er sich für die traditionelle Haltung der vollständigen Ablehnung jedes Zivildienstes stark.

Ewart Chitty gehörte dem Kollegium jetzt nicht mehr an; auf Wunsch der leitenden Körperschaft hatte er seinen Rücktritt eingereicht. Grant Suiter [129] war in der Sitzung nicht anwesend. Am 15. November hatten beide für eine Änderung gestimmt. Dafür gab es zwei neue Mitglieder: Jack Barr aus England und Martin Pötzinger aus der Bundesrepublik Deutschland. Beide waren am 15. September 1979 anwesend. Als es schließlich zur Entschei­dung kam, waren beide Seiten gerade gleich stark, acht stimmten für eine Änderung, acht dagegen (einschließlich der beiden Neuen).

6.4.5 Bedenken betreffend Bestechungsgelder werden weiterhin unter den Teppich gekehrt!

Am 3. Februar 1980 kam der Punkt erneut auf die Tagesordnung. Mehr als ein Jahr war seit meinem Besuch in Mexiko verstrichen, und Albert Schroeder hatte dem Land einen weiteren Jahresbesuch abgestattet. Das Zweigkomitee in Mexiko hatte ihm wiederum seine Bedenken an der Praxis geäußert, durch Bestechung an gefälschte Militärpapiere zu kommen, und Schroeder berichtete über die unveränderte Sachlage. Aus den Kommenta­ren während der Sitzung wurde deutlich, daß keine Zweidrittelmehrheit zustande kommen würde, und so wurde erst gar kein Antrag zur Abstim­mung gestellt.

Die Sache wurde zu den Akten gelegt. Vom November 1977, als der Brief von Michel Weber, dem Ältesten in Belgien, einging, bis zum Februar 1980 hatte die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas sich sechs Sitzungen lang erfolglos um eine Lösung bemüht.

Wie aber stand es um die Menschen, die von der weiter geltenden Richtlinie betroffen waren und die der Watchtower als „das Fußvolk“ bezeichnet hatte? Konnten auch sie diese Frage „zu den Akten“ legen? Die Unfähigkeit dieses Gremiums, seine unabdingbare Zweidrittelmehrheit zustande zu bringen, bedeutete für alle männlichen Zeugen Jehovas weltweit, die gemäß ihrem Gewissen gehandelt und den Zivildienst als gerechte Forderung des Staates akzeptiert hatten, daß sie dies nur um den Preis tun konnten, als Außenstehende angesehen zu werden, wie Ausgeschlossene. Es bedeutete auch, daß die leitende Körperschaft als Ganzes willens war, die schon 20 Jahre lang bestehende Regelung in Mexiko weiter laufen zu lassen, während eine vollständig andere Position in Malawi unverändert beibehalten wurde.

6.5 Zweierlei Gewichtssteine zum Wiegen *
6.5.1 Wirtschaftliche Interessen vor religiöser Disziplin?

„Zweierlei Gewichtssteine sind für Jehova etwas Verabscheu­ungswürdiges, und eine betrügerische Waage ist nicht gut“ (Sprü­che 20:23).

Die Denkweise einiger Mitglieder der leitenden Körperschaft wird viel­leicht verständlich, betrachtet man einige weitere Umstände der Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Mexiko. Als Folge der mexikanischen Revolution ist es nach der Verfassung jeder religiösen Organisation untersagt, Eigentum an Immobilien zu haben. Das läßt sich darauf zurückführen, daß die katholi­sche Kirche jahrhundertelang über riesige Ländereien und andere Besitztü­mer im Land verfügte. Kirchliche Gebäude und Grundstücke unterstehen damit der Obhut des Staates, der den Religionsorganisationen deren Nutzung [130] gestattet. Ausländische Missionare und kirchliche Würdenträger erhalten in Mexiko keine Erlaubnis zur Amtsausübung, da es in der Vergangenheit eine Ausbeutung durch Geistliche aus fremden Nationen gegeben hatte. Welche Auswirkung hat das auf Jehovas Zeugen gehabt? Die Administration der Weltzentrale der Zeugen Jehovas hat vor langer Zeit entschieden, daß sich Jehovas Zeugen in Mexiko wegen der dortigen Gesetzeslage nicht als religiöse, sondern als kulturelle Organisation ausge­ben. Die ortsansässige Vereinigung, La Torre del Vigia, wurde bei der Regierung in Mexiko in diesem Sinne eingetragen. (Siehe auch den An­hang.) Daher kommt es, daß Jehovas Zeugen in Mexiko nicht sagen, sie hielten religiöse oder biblische Zusammenkünfte ab, sondern kulturelle Versammlungen. In diese Zusammenkünften wird nicht gebetet und ge­sungen, genausowenig wie auf den Kongressen. Bei ihrer Tätigkeit von Tür zu Tür haben sie nur Wachtturm-Literatur dabei (von der sie sagen, die Watch Tower Society stelle sie ihnen „als Hilfsmittel für ihre kulturelle Arbeit“ zur Verfügung).

Eine Bibel haben sie nicht mit, da das zeigen würde, daß sie eine religiöse Tätigkeit ausführen. Örtliche Gruppen der Zeugen Jehovas heißen nicht Versammlung oder Gemeinde, sondern „Freundeskreis“ (compania). Es wird nicht vom Taufen gesprochen, dafür wird dasselbe unter dem Namen „das Symbol“ durchgeführt.

Diese Doppelzüngigkeit rührt nicht daher, daß man in einem totalitären Land lebt, in dem die Freiheit der Religionsausübung mit harten Maßnah­men unterdrückt wird.[17] Man will damit vor allem die Einschränkungen umgehen, die der Staat den Religionsorganisationen in bezug auf die Verfügung über ihr Eigentum an Immobilien auferlegt hat. Man sollte auch nicht meinen, Jehovas Zeugen in Mexiko selbst seien auf diese Verfahrens­weise verfallen. Sie wurde in der Weltzentrale in Brooklyn ausgeheckt und von dort in die Tat umgesetzt. (Siehe auch den Anhang.)

6.5.2 Brüder mit unterschiedlichen Massstäben was gut und was schlecht ist unterschiedlichen Ländern

Interessant ist hierbei eine Gegenüberstellung: In Mexiko haben Jehovas Zeugen in ihren Zusammenkünften das Beten und Singen bewußt von sich aus abgeschafft, während sie in den Vereinigten Staaten lieber einen Prozeß nach dem anderen bis zum Obersten Gerichtshof durchfochten, als bestimmte Aspekte ihrer Tätigkeit aufzugeben, beispielsweise das Anbie­ten von Druckschriften an der Haustür ohne Gewerbeschein und ohne vorherige polizeiliche Genehmigung, oder das Recht auf den Einsatz von Lautsprecherwagen, das Verbreiten von Druckschriften auf der Straße und viele weitere derartige Methoden, die verfassungsmäßige Grundrechte darstellen. Nichts davon wollte die Organisation aufgeben. Sie kämpfte um ihr Recht, sie beizubehalten, obwohl es sich bei diesen Beispielen bestimmt nicht um etwas handelte, das die frühen Christen des ersten Jahrhunderts ebenfalls praktiziert hatten, so daß sie nicht zu den elementaren Merkma­len christlicher Religionsausübung zu zählen sind. [131]

Das Gemeindegebet aber ist eindeutig als grundlegender Bestandteil der religiösen Zusammenkünfte der frühen Christen anzusehen, und das ist es bei Dienern Gottes schon immer gewesen. Die Regierung von Mexiko hat nichts gegen Gebete bei religiösen Zusammenkünften. Jehovas Zeugen aber werden angewiesen zu sagen, ihre Zusammenkünfte seien gar nicht religiö­ser Natur. Es gibt wohl nichts, was so unmittelbar mit dem Gottesdienst und der Religion zu tun hat wie das Gebet. Als in Persien durch einen Erlaß des Königs verboten wurde, dreißig Tage hindurch zu irgend jemand anders zu beten als dem König, hielt der Prophet Daniel diese Frage für so wichtig, daß er seine Stellung, seinen Besitz und sogar sein Leben riskierte und diesen Erlaß übertrat.[18]

In der Weltzentrale dagegen hielt man es für angebrachter, in ganz Mexiko auf das Beten in den Versammlungen der Zeugen Jehovas zu verzichten. Und wofür, wegen welcher „daraus entstehenden Vorteile“? Dafür, daß die Organisation das Singen und Beten in den Versammlungen aufgibt und auf die Verwendung der Bibel im öffentlichen Predigtwerk verzichtet, kann sie über das Eigentum der Gesellschaft in Mexiko frei verfügen und braucht sich nicht um die gesetzlichen Vorschriften zu scheren, denen andere Religionsorganisationen unterworfen sind. Sie ist bereit zu sagen, ihre Organisation sei nicht religiöser Natur, ihre Zusammenkünfte seien keine religiösen Zusammenkünfte, ihr Predigtwerk sei kein religiöses Werk, die Taufe sei keine religiöse Handlung – und zur selben Zeit sagen Jehovas Zeugen in jedem anderen Land der Welt genau das Gegenteil.

6.5.3 Bezahlung von Bestechungsgeldern ein annehmbarer Weg, wenn es der Gesellschaft nutzt?

Die Zahlung von Bestechungsgeldern für die Ausstellung eines Wehrpasses unterschied sich nicht allzusehr von der sonstigen Verfahrensweise der Zeugen Jehovas in Mexiko, weswegen manche in der leitenden Körper­schaft, denen die übrige Situation bekannt war, vielleicht nicht so große Schwierigkeiten gehabt haben, dies zu akzeptieren. Möglich, daß das zum Teil auch erklärt, weshalb man zur selben Zeit so unerbittlich fordern konnte, in anderen Ländern keine Kompromisse zu machen. Offenkundig gibt es hier in den Augen einiger Angehöriger des Gremiums gar nicht zweierlei Maß, sondern stets nur ein und dasselbe. Und dieser Maßstab lautet: immer genau das tun, was die Organisation beschließt lind gut­heißt.Die Organisation hat bezüglich Mexiko und der dort üblichen Beste­chungspraxis ihre Entscheidung getroffen, und darum ist das akzeptabel. Mariner, die sich per Bestechung einen Wehrpass besorgt haben, können trotzdem in der verantwortlichsten Stellung dienen, und die Leitung des Werkes vor Ort braucht sich keine Sorgen darüber zu machen, was Gott davon hält. Im Fall des Zivildienstes hat die Organisation anders entschie­den (wie auch hinsichtlich Malawis), und jeder, der diese Entscheidung nicht befolgt, ist nicht würdig, überhaupt der Versammlung anzugehören; er hat seine Lauterkeit gegenüber Gott aufgegeben.

Wie ein Christ so denken kann, das ist mir heute wie damals unbegreiflich. [132]

All das hochtönende Gerede, man müsse sich“ von der Welt rein“ erhalten, das einem fast schon in den Ohren gellte, war in meinen Augen leeres Gewäsch, reine Rhetorik, ein Sprücheklopfen, das mit der Realität nichts zu tun hatte. Mit einem Denken, das solche Sprüche duldete, während doch alle im Raum wußten, wie es in Wirklichkeit aussah, konnte ich nicht einiggehen.

6.5.4 Anspruch auf eine zugesprochene Dienstleistung mittels Bezahlung von Bestechungsgeld

Ich habe knapp 20 Jahre in lateinamerikanischen Ländern gelebt und habe keine Bestechungsgelder gezahlt. Mir ist aber sehr wohl bekannt, daß es Gegenden auf der Erde gibt, und das nicht nur in Lateinamerika, wo man manche Dinge praktisch nur getan bekommt, wenn man einem Beamten dafür Geld gibt, auch wenn dieser keinen Anspruch darauf hat und man selbst voll im Recht ist und auch gar nichts Ungesetzliches will. Man kann sich leicht vorstellen, daß jemand in einer solchen Lage dies als eine Form der Erpressung ansieht, geradeso wie in biblischen Zeiten die Steuereintrei­ber und Angehörigen des Militärs mehr verlangten, als ihnen zustand, und damit Erpressung betrieben. Meines Erachtens kann man jemand, der meint, sich solcher Erpressung fügen zu müssen, nicht einfach verdammen. Ich will mir auch nicht anmaßen, über jene in Mexiko zu richten, die das Gesetz übertraten, da es nicht auf ihrer Seite stand, und die von keinem Beamten erpreßt wurden, sondern ihm sogar vorsätzlich und gesetzwidrig Geld anboten, um an ein gefälschtes Dokument zu kommen. Das ist es gar nicht, was mich an der ganzen Angelegenheit so schockiert, ja entsetzt.

6.5.5 Interessen der Organisation den Interessen des Einzelnen vorangestellt, auch wenn es Gefängnis und selbst Mord an anderen bedeutet!

Es ist vielmehr die Art und Weise, in der Männer in höchster Stellung es fertigbringen, die angeblichen Interessen der Organisation für wichtiger zu halten als die Interessen von gewöhnlichen Leuten, Menschen mit Kindern und Häusern und Arbeitsplätzen, von denen viele Gott in allem ganz genauso ergeben dienen wie jeder einzelne von denen, die darüber zu Gericht sitzen, was diese Menschen selbst entscheiden dürfen und was nicht.

Es sind verantwortliche Herren, die sich selbst und ihresgleichen das Recht einräumen, eine abweichende Meinung zu vertreten, aber von allen anderen strikte Linientreue fordern; Männer, die anderen mißtrauen, wenn diese von ihrer Gewissensfreiheit Gebrauch machen, von diesen aber zugleich erwarten, daß man ihnen und ihren Entscheidungen unbesehen vertraut, während sie sich selbst das Recht nehmen, illegale Machenschaften und offenkundige Verdrehung von Tatsachen als mit ihrem Gewissen vereinbar auszugeben.

Es sind Leitende, die wegen der Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse bei einer Abstimmung von 66 ½ Prozent auf 62 ½ Prozent durch das Umschwenken eines Abstimmenden willens sind, eine Grundsatzentschei­dung in Kraft zu lassen, die für andere Menschen Verhaftung und monate­lange Trennung von der Familie, ja sogar jahrelangen Gefängnisaufenthalt bedeutet. Und dabei verstehen diejenigen, die das ausbaden müssen, noch nicht einmal die biblische Begründung für die Position, die sie einnehmen sollen; in einigen Fällen halten sie sie für falsch. [133]

Es sind Verantwortungsträger, die von gewöhnlichen Menschen – Männern, Frauen und Kindern – verlangen, sie sollen bereit sein, Haus und Hof herzugeben, sieh schlagen, foltern, vergewaltigen und töten zu lassen, weil sie sich weigern, einen Geldbetrag für die Mitgliedskarte einer Partei zu zahlen, die man mit Fug und Recht als die herrschende Macht im Lande bezeichnen kann, während sie zur selben Zeit Männern in einem anderen Land sagen, es sei akzeptabel, das Militärpersonal zu bestechen, um eine gefälschte Bescheinigung zu erhalten, nach der man an militärischen Übungen teilgenommen hätte, und durch die man der ersten Reserve der Armee angehört.

All das ist es, was mich so schockiert. Auch wenn einzelne dabei aufrichtig sein mögen, es entsetzt mich.

6.5.6 Treue zur Organisation verblendet Menschen zwischen recht und unrecht zu unterscheiden!

Ich konnte es nicht fassen, daß erwachsene Männer keinen Widerspruch darin erblicken konnten, daß es sie nicht anwiderte und daß es sie wegen der Auswirkungen, die es auf andere Menschen hatte, nicht zutiefst erschüt­terte. Am Ende hat es mich schließlich überzeugt, daß „Treue zur Organisa­tion“ die Menschen zu den unglaublichsten Schlußfolgerungen führen kann, so daß sie die himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten wegerklären und sich kaum von dem Leid angerührt fühlen, das ihre Entscheidungen zur Folge haben. Die Geschichte kennt viele solcher Beispiele für die abstum­pfende Wirkung, die die Loyalität gegenüber einer Organisation haben kann. Es gab sie in allen Jahrhunderten, sowohl auf religiösem wie auf politischem Gebiet, wie es die Inquisition und die Naziherrschaft als deren schlimmste Belege veranschaulichen. Doch auch heute noch kann einen solches Verhal­ten anwidern, zumal wenn man es in seiner nächsten Umgebung miterlebt, wo man es nie erwartet hat. Diese Vorgänge belegen in meinen Augen überdeutlich, weshalb Gott zu keiner Zeit wollte, daß Menschen eine derart weitreichende Macht über ihre Mitmenschen ausüben. [134]

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[1] Einzelheiten über diese Verfolgung und die Zustände in den Flüchtlingslagern stehen im Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1965, S. 179, in der Zeitschrift Erwachet! vom 22. Mai 1968, S. 16-22, im Wachturm vom I. Mai 1968, S. 263-271, in Erwachet! vom 22. Februar 1973, S. 3-22, und vom 8. Februar 1976, S. 3-12.
[2] Dieses Argument stand im Erwachet! Vom 22. Februar 1973, S. 14. Die Artikel, die ich geschrieben hatte, erschienen in der Ausgabe vom 8. Februar 1976 derselben Zeitschrift.
[3] Meyers Enzyklopädisches Lexikon
[4] Vergleiche Matthäus 17:24-27! (Die Bibel in heutigem Deutsch), wo Jesus sagt, er brauche eine bestimmte Abgabe nicht zu entrichten, aber Petrus trotzdem anweist, sie zu zahlen, um (die Kassierer) nicht unnötig (zu) verärgern“.
[5] Römer 13:7
[6] Matthäus 5:41.
[7] Dort heißt es: „Heißt den Menschen willkommen, der in seinem Glauben Schwächen hat, doch nicht in bezug auf Zweifelsfragen. Der eine hat den Glauben, alles essen zu können, der Schwache aber ißt vegetarische Kost. Der Essende blicke nicht auf den Nichtessenden herab, und der Nichtessende richte den nicht, der ißt, denn Gott hat diesen willkommen geheißen.“ „Wenn er aber Zweifel hat, ist er bereits verurteilt, wenn er ißt, weil er nicht aus Glauben ißt Tatsächlich ist alles, was nicht aus Glauben ist, Sünde.“
[8] Aus der Stellungnahme, die Lloyd Barry, Mitglied der leitenden Körperschaft, vorgelegt hat.
[9] Aus der schriftlichen Stellungnahme von Karl Klein, Mitglied der leitenden Körperschaft.
[10] Äußerungen von Fred Franz, leitende Körperschaft, die später in einem Brief von William Jackson an Paul Trask ausformuliert wurden.
[11] Aus dem Brief des Zweigkomitees in Dänemark, zitiert in Lloyd Barrys Stellungnahme.
[12] Aus Äußerungen von Ted Jaracz.
[13] Äußerung von Carey Barber.
[14] Äußerung von Fred Franz.
[15] Zitiert aus Erwachet! vom 22. Mai 1968. S. 21, 22; vergleiche Matthäus 7:1-5.
[16] Die Sitzungen fanden 1978 statt. Nathan Knorr war inzwischen verstorben. Fred Franz, sein Nachfolger im Präsidentenamt, war bei allen Sitzungen zugegen, in denen das Problem Zivildienst behandelt wurde.
[17] Die Regierung von Mexiko hat gegenüber Jehovas Zeugen eine beachtliche Nachsicht walten lassen, denn es kann ihr nicht entgangen sein, daß deren Selbstdarstellung als nichtreligiöse, „kulturelle“ Vereinigung lediglich ein Vorwand ist.
[18] DanieI6:1-11

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 6. Kapitel: Zweierlei Mass

5. Kapitel: Tradition und Gesetzesdenken

5. Kapitel: Tradition und Gesetzesdenken

5 Tradition und Gesetzesdenken *

5.1 Gesetzestreue zu Gott oder zu pharisäerhaftem Regelwerk?
5.1.1 Jesu Warnung vor „Satzungen von Menschen“ die Gottes Gebote ungültig werden lassen! Hauptthema der leitenden Körperschaft: Warum entziehen wir wem die Gemeinschaft?

„Damit habt ihr Gottes Wort um eurer Überlieferung willen außer Kraft gesetzt … was sie lehren, sind Satzungen von Menschen“ (Matthäus 15:6, 9, Einheitsübersetzung).

Die meisten Zeugen Jehovas stellen sich die Sitzungen der leitenden Körperschaft so vor, als setzten sich dort Männer zusammen die viel Zeit auf die eingehende Erforschung des Wortes Gottes verwenden. Sie meinen, diese würden voll Demut beratschlagen, wie sie ihren Brüdern zu einem besseren Verständnis der Bibel verhelfen können, auf welche Weise man ihnen hilfreich zur Seite stehen könnte, damit sie im Glauben und in der Liebe wachsen, jenen beiden Eigenschaften, die der Quell wahren biblischen Handelns sind. Die Heilige Schrift, so setzt man voraus, ist bei allen Beratungen die einzig maßgebende, endgültige und höchste Autorität.

Wie bereits beschrieben, wußten die Mitglieder der leitenden Körperschaft besser als sonst irgend jemand, daß die Darstellung in den Wachtturm ­Artikeln über das Verhältnis der Gesellschaft zur leitenden Körperschaft nicht der Wirklichkeit entsprach. Und ganz genauso wissen sie auch besser als jeder andere, daß das oben gezeichnete Bild erheblich von der Realität abweicht.[1]

Beim Blättern in den Sitzungsprotokollen stellt man fest, daß es in zahllosen dieser Sitzungen immer wieder und vor allem hauptsächlich um zeitrau­bende Diskussionen über Themen ging, die letzten Endes zu der einen Frage führten: „Soll es dafür einen Gemeinschaftsentzug geben oder nicht?“ . Mir kam die leitende Körperschaft wie eine Gruppe vor, die mit dem Rücken“ zur Wand stand und dauernd Bälle auffangen und zurückwerfen sollte, die man ihr ständig von allen Seiten her zuwarf. Die Bälle kamen dabei so zahlreich, daß man kaum verschnaufen konnte, um etwas anderes zu tun. Es drängte sich sogar das Gefühl auf, daß mit der Bekanntgabe jeder Entscheidung nur neue Fragen aufgeworfen wurden, die uns von anderen Seiten zuflogen, so daß fast keine Zeit blieb für schöpferische Gedanken, für Studium, Gespräche und eigene Initiativen.

Im Laufe der Jahre habe ich unendlich vielen Sitzungen beigewohnt, in denen es um Fragen ging, die für die Betroffenen schwerwiegende Folgen haben würden und in denen praktisch keiner der Teilnehmer die Bibel zur [97] Hand nahm oder sich auch nur auf sie bezog. Dafür gab es eine Reihe von Gründen.

5.1.2 Die an der Spitze sind viel zu beschäftigt, um selbst die Bibel zu studieren!

Viele Mitglieder der leitenden Körperschaft gaben zu, sie hätten mit allem möglichen so viel zu tun, daß wenig Zeit für Bibelstudium übrig blieb. Die Zeit, die sie im Durchschnitt darauf verwendeten, so kann man ohne Übertreibung sagen, war nicht mehr, als viele Zeugen aus dem „Fußvolk“ auch darauf verwendeten, zum Teil sogar noch weniger. In dieser Beziehung fielen dabei besonders einige Mitglieder aus dem Verlagskomitee auf (zu denen die Direktoren und leitenden Beamten der pennsylvanischen Korpo­ration zählten), denn auf ihren Schreibtischen türmten sich Berge von Akten, mit deren Bearbeitung sie anscheinend keinen anderen beauftragen wollten oder konnten, der ihnen dann die Ergebnisse oder Empfehlungen zur Entscheidung vorgelegt hätte.

Die wenigen Male, bei denen auf der Tagesordnung rein biblische Themen standen, handelte es sich im allgemeinen um einen oder mehrere Wacht­turm-Artikel, die ein einzelner geschrieben hatte und die keine einhellige Zustimmung fanden. Mit schöner Regelmäßigkeit mußten dann Milton Henschel, Grant Suiter oder ein anderes Mitglied dieses Komitees sagen:

„Ich konnte mich damit nur ganz kurz befassen, weil ich so viel zu tun hatte.“ Die Arbeitsbelastung war ganz sicher nicht vorgetäuscht; man fragte sich aber, wie sie dann guten Gewissens über etwas mit abstimmen konnten, womit sie sich nicht ausreichend beschäftigt hatten, um zu ermitteln, was die Bibel dazu sagt. War es erst veröffentlicht, galt es Millionen Menschen als“ Wahrheit“. Gibt es überhaupt Geschäftsdinge, die ebenso wichtig sein können?

5.1.3 Verwischtes Teilverständnis ohne den Gesamtzusammenhang zu erfassen, am Beispiel des „Festes der Einsammlungen“

Diese Brüder standen jedoch keineswegs allein da, denn wahrend der Diskussionen merkte man deutlich, daß fast keiner mehr getan hatte, als die Texte bloß oberflächlich durchzulesen. Oft ging es um ein Thema, das der Schreiber selbst gewählt hatte, ohne dies mit der leitenden Körperschaft vorher abzustimmen, selbst wenn die darin entwickelten Gedanken ein „neues“ Verständnis der Bibel darstellten. Vielfach hatte der Verfasser seine Argumentation fix und fertig ausgearbeitet und alles bereits in eine endgül­tige Form gebracht, ohne mit irgend jemand darüber gesprochen zu haben, ohne seine Gedankengänge überhaupt zusammen mit einem einzigen Menschen auf ihre Richtigkeit hin geprüft zu haben.[2] Die Argumentations­ketten waren oft so kompliziert und umständlich, daß man nach bloß oberflächlichem Durchlesen nie und nimmer über ihre Richtigkeit ent­scheiden oder erkennen konnte, ob sie biblisch korrekt waren, oder ob sie bloße Gehirnakrobatik darstellten, bei der mit Schrift texten herumjongliert wurde, bis ihnen eine Aussage abgerungen werden konnte, die gar nicht in ihnen steckte. Diejenigen, die den Text einfach nur gelesen hatten, stimmten [98] gewöhnlich für ihn; ernsthafte Einwände konnte es eigentlich nur von denen geben, die eigene Nachforschungen angestellt hatten.

Als daher ein Artikel zur Diskussion stand, in dem das „Fest der Einsamm­lung“ (das gemäß der Bibel am Ende der Erntezeit begangen wurde) so dargestellt war, daß es ein Ereignis in der Geschichte der Zeugen zu Beginn ihres geistigen Erntewerks bedeutete, gab es genügend Stimmen für dessen Annahme.[3] Darauf sagte der damalige Koordinator des Schreibkomitees: „Also gut, wenn ihr das so wollt, dann gebe ich es rüber zur Druckerei, damit es veröffentlicht wird. Das soll aber nicht heißen, daß ich es glaube. Das beweist nur wieder einmal mehr, daß der Wachtturm nicht unfehlbar ist.“ Der zweite Grund, weshalb richtige biblische Diskussionen nicht zustande kamen, ergibt sich meines Erachtens aus dem ersten von allein. Er besteht darin, daß die meisten in der leitenden Körperschaft sich in Wahrheit gar nicht so gut in der Bibel auskannten. Ihr Vielbeschäftigtsein war ja nichts Neues. Mir ging es selber so, daß ich für echtes, gründliches Bibelstudium bis 1965 keine Zeit fand, weil mich die Tretmühle der tausend kleinen Dinge so mit Beschlag belegte. Ich sehe aber noch tiefer liegende Ursachen. Ich glaube, allgemein herrschte die Ansicht vor, ein solches Studieren und Nachforschen sei im Grunde gar nicht so wichtig. Die Grundsätze und Lehren der Organisation seien für sich allein schon eine verläßliche Hilfe; schließlich waren sie im Verlauf von Jahrzehnten erarbeitet worden. Ent­sprach also ein Antrag in der leitenden Körperschaft der traditionellen Lehre und den Grundsätzen der Organisation hinreichend, dann hatte er schon seine Richtigkeit.

5.2 Das umfangreiche Regelwerk der Gesellschaft um von oben her jeden Entscheid zu beeinflussen
5.2.1 Die Handbücher von Menschen ersetzen Nachforschen in der Bibel! Standardgerichtsverfahren mit unsinnigen und schwerwiegenden Entscheiden.

Das läßt sich an Hand von Fakten belegen. Es kam vor, daß ein langes Hin und Her in einer Gemeinschaftsentzugsfrage ganz schnell zum Abschluß kam, weil ein Teilnehmer etwas darüber im Organisations-Buch der Gesellschaft oder, was häufiger der Fall war, in dem Buch Aid to Answering Branch Office Correspondence (Hilfe zur Beantwortung von Anfragen an das Zweigbüro) gefunden hatte, einem internen Kompendium von Grund­satzentscheidungen, das in alphabetischer Anordnung eine Vielzahl von. Themen aufführte: Berufstätigkeit, Ehe, Scheidung, Politik, Militärangele­genheiten, Gewerkschaften, Blut und viele weitere. Sobald eine solche Fundstelle nachgewiesen worden war, schien für die meisten der Fall erledigt zu sein, auch wenn in dem Text überhaupt kein biblischer Beleg für die Entscheidung angeführt war. Sie stimmten dann meist ohne Zögern für jeden Antrag, der sich mit dem, was bereits gedruckt vorlag, in Einklang befand. Ich habe das mehrere Male mitverfolgt und war jedesmal beein­druckt, wie die Diskussion so schlagartig umschwenkte und zum Abschluß kam, weil eine grundsätzliche Aussage zum Thema gedruckt vorlag.

Der letzte Grund, weshalb die Bibel bei den Sitzungen so selten eine Rolle spielte, ist, daß es in einer großen Zahl von Fällen um Dinge ging, zu denen die Bibel nichts sagt. [99]

So sollte beispielsweise entschieden werden, ob die Injektion eines Serums genauso angesehen werden müsse wie eine Bluttransfusion, oder ob die Aufnahme von Blutplättchen in den Körper ebenso abzulehnen sei wie die von Konserven, die rote Blutkörperchen enthielten. Oder die Diskussion drehte sich um die Frage, ob eine Ehefrau, die einmal untreu geworden war, dies ihrem Ehemann bekennen müsse (auch wenn man wußte, daß er sehr gewalttätig war), oder ob ihre Reue sonst als ungültig anzusehen sei, was für sie den Gemeinschaftsentzug bedeutet hätte. Wo steht darüber etwas in der Bibel?

Folgender Einzelfall lag zur Entscheidung auf dem Tisch: Ein Zeuge Jehovas, der Lieferfahrer bei Coca Cola war, hatte eine Lieferroute mit vielen Einzelabnehmern auf einem großen Militärstützpunkt zu bedienen. Die Frage war: Konnte er dieser Arbeit nachgehen und dabei seinen guten Ruf in der Versammlung behalten, oder mußte ihm die Gemeinschaft entzogen werden? (Entscheidend war, daß es um Anlagen und Angehörige des Militärs ging.)

Wieder stellte sich die Frage, welche Bibelstellen etwas darüber sagten, und zwar in einer klaren und einsichtigen Weise, ohne daß es umständlicher Argumentationen und Interpretationen bedurfte. Vorgetragen wurden keine, und dennoch wurde entschieden, diese Art Arbeit könne nicht akzeptiert werden und der Mann müsse sich um eine andere Lieferroute bemühen, wenn er einen untadeligen Ruf in der Versammlung behalten wolle. In einem ähnlich gelagerten Fall spielte ein Zeuge in einer Combo im Offiziersclub auf einem Militärstützpunkt. Auch hier wurde mit Mehrheit befunden, das könne nicht akzeptiert werden. Da in der Bibel nichts darüber stand, stammte die Antwort allein aus menschlichem Denken.

5.2.2 Standardschrifttexte, welche über Leben und Tod, über Gemeinschaftsausschluß gesetzt werden. Gewissensentscheide entgegen der Meinung der Mehrheit.

Wenn bei Diskussionen dieser Art doch einmal die Bibel bemüht wurde, so verwiesen diejenigen, die die Handlungsweise verurteilten, auf seinen sehr allgemein gefaßten Schrifttext. wie beispielsweise den aus Johannes, Kapi­tel 15, Vers 19: „Ihr seid kein Teil der Welt.“ Auf diesen Text konnte man immer zurückgreifen, wenn man persönlich etwas gegen die gerade zur Debatte stehende Handlungsweise hatte und einem sonst nichts einfiel; man konnte ihn dehnen, bis er auf den gerade vorliegenden Fall paßte, egal wie die Umstände sonst waren. Daß dieser Text vor dem Hintergrund der ganzen übrigen Bibel gesehen werden mußte, um die klare Bedeutung einer so weitgefaßten Textstelle einzugrenzen und zu ermitteln, worauf sie sich denn genau bezog, das hielt man offenbar meist für unnötig oder unwichtig. Einen wichtigen Faktor bei den Entscheidungen der leitenden Körperschaft bildete die Zweidrittel- Regelung. Manchmal zeitigte sie geradezu absonder­liche Folgen.

Ein Antrag war erst angenommen, wenn zwei Drittel aller aktiven Mitglie­der der leitenden Körperschaft dafür stimmten. Ich war ganz froh darüber, daß man damit die Gelegenheit zur Stimmenthaltung bekam, ohne gleich alles zu blockieren. Bei weniger wichtigen Fragen schloß ich mich im allgemeinen dem Mehrheitsvotum an, selbst wenn ich nicht ganz derselben[100] Meinung war. Ging es aber um Angelegenheiten, die für mich eine Gewis­sensfrage waren, so fand ich mich oft genug in der Minderheit, zwar selten ganz allein, doch oft nur mit einem, zwei oder drei weiteren im Bunde, die ebenfalls nicht für den Antrag stimmen konnten, weil er sie in Konflikt mit ihrem Gewissen gebracht hätte.[4] In den ersten beiden Jahren nach Inkraft­treten der großen Veränderung in der Machtstruktur (am 1. Januar 1976) kam das nicht so oft vor, doch in den letzten beiden Jahren meiner Mitarbeit in dem Gremium mußte ich mich häufiger der Stimme enthalten, weil jetzt oft eine harte Linie verfolgt wurde.

Was geschah aber, wenn das Kollegium in einer Frage in zwei Lager gespalten war? So selten, wie manche vielleicht annehmen, war das bei weitem nicht.

Angenommen, zur Diskussion standen Verhaltensweisen, die in der Ver­gangenheit irgendwann einmal von der Gesellschaft als Übertretungen eingestuft worden waren, die mit einem Gemeinschaftsentzug zu ahnden seien. Vielleicht ließ sich jemand Blutbestandteile spritzen, um eine tödli­che Krankheit zu bekämpfen; oder es handelte sich um eine Frau, deren Mann kein Zeuge war und der im Militärdienst stand, die auf dem Stützpunkt ihres Mannes im (vom Militär betriebenen) Supermarkt arbei­tete.

Bei solchen Themen war sich die leitende Körperschaft des öfteren uneinig, manchmal waren beide Seiten gerade gleich stark. Oder es gab eine Mehrheit, die dagegen war, diese Verhaltensweise weiter als Übertretung einzustufen. Dann konnte wegen der Zweidrittel-Regelung folgendes ein­treten:

5.2.3 Pattsituation zufolge 2/3-Mehrheitsstimmen Zwang

Waren von vierzehn Anwesenden neun für eine Streichung und nur fünf wollten die alte Festlegung beibehalten, so genügte diese Mehrheit nicht, denn sie war zwar eindeutig, aber eben keine Zweidrittel-Mehrheit. (Selbst wenn zehn der Anwesenden dafür gewesen wären, hätte es nicht gereicht, denn das wäre zwar eine Zweidrittelmehrheit der Anwesenden gewesen,. doch nicht der Gesamtzahl der aktiven Mitglieder, wie die Regelung es“ verlangte, und deren gab es lange Zeit hindurch 17 oder 18.) Hätte einer der neun, die für die Streichung waren, einen Antrag gestellt, so wäre er nicht durchgekommen, da zur Annahme zwölf Stimmen nötig waren. Hätte jemand von den anderen fünf den Antrag gestellt, dies weiterhin als Gemeinschaftsentzugsdelikt anzusehen, so wäre er selbstverständlich auch nicht angenommen worden. Doch daß der zweite Antrag nicht angenom­men worden wäre, hätte nicht zur Folge gehabt, daß diese Verhaltensweise nun nicht mehr zu einem Gemeinschaftsentzug geführt hätte. Und weshalb nicht? Weil alles nach dem Grundsatz ablief: Änderungen finden nur statt, wenn ein Antrag angenommen wird. Bei einem der ersten Male, als eine solche Situation aufgetaucht war, hatte Milton Henschel die Ansicht [101] geäußert, wenn es zu keiner Zweidrittelmehrheit komme, dann solle es beim „status quo“ bleiben, der bisherige Zustand also weiter gelten. Ein Seitenwechsel eines der Teilnehmer war höchst ungewöhnlich, und so blieb es bei dem Patt.

Das bedeutete, daß derjenige Zeuge, der so handelte oder der diese Arbeits­stelle hatte, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden mußte, obwohl eine Mehrheit der leitenden Körperschaft klar der Auffassung war, daß dies nicht geschehen sollte!

Wenn eine stattliche Minderheit oder sogar eine Mehrheit meinte, etwas solle nicht länger mit dem Gemeinschaftsentzug bestraft werden, habe ich mehr als einmal die Auffassung geäußert, daß unsere Haltung unvernünftig, im Grunde sogar unbegreiflich war. Wie konnten wir alles so weiterlaufen lassen wie vorher, so daß Menschen die Gemeinschaft entzogen wurde für Delikte, bei denen selbst im Kreis der leitenden Körperschaft mehrere (manchmal sogar die Mehrheit) dachten, hier sei eine so schwere Strafe nicht erforderlich? Was würden die Brüder und Schwestern denken, wenn sie das wüßten und ihnen dennoch die Gemeinschaft entzogen würde?[5]
Ein Beispiel soll das veranschaulichen: Angenommen, in einer Versamm­lung verhandeln fünf Älteste als „Rechtskomitee“ einen Fall, und drei von den fünf meinen, die Handlungsweise des Betroffenen verdiene keinen Gemeinschaftsentzug. Ist dann ihr Standpunkt belanglos, weil sie nur eine Dreifünftel- und keine Zweidrittelmehrheit bilden?[6] In einem solchen Fall sollte doch bestimmt kein Gemeinschaftsentzug ausgesprochen werden. Wie konnten wir dann zulassen, daß an einer alten Gemeinschaftsentzugs­regelung festgehalten wurde, nur weil eine Verfahrensregel für Abstimmun­gen das so verlangte, wenn doch die Mehrzahl der Mitglieder des Gremiums anderer Auffassung war? Sollten nicht wenigstens in Gemeinschaftsent­zugsfragen alte Regelungen außer Kraft gesetzt werden, sobald es eine deutliche Minderheit (und erst recht eine, wenn auch knappe, Mehrheit) gab, die der Meinung war, es gebe keine hinreichende Begründung für diese Maßnahme?

5.2.4 Festhalten an alten Regelungen steht über schriftgetreuem Verhalten und Barmherzigkeit

Niemand antwortete mir auf diese Fragen. Stattdessen wurde weiterhin Fall um Fall nach der bisherigen Methode abgehandelt, so als sei das der einzig richtige und normale Weg. Wie sich diese Entscheidungen auf das Leben der Betroffenen auswirkten, schien auf die Verantwortlichen irgendwie nicht genug Eindruck zu machen, um sie von ihrer Routine abweichen zulassen. Irgendwann hatte die Organisation einmal eine Grundsatzentscheidung getroffen (die häufig genug dem Denken eines einzigen Mannes entsprungen war, der viel zu oft von den Lebensumständen, um die es ging, hoffnungslos wenig wußte), und diese Grundsatzentscheidung war geltendes Recht [102] geworden. Man hatte eine feste Regel, und die galt, solange sie nicht mit Zweidrittelmehrheit umgestoßen wurde.

Zu welch merkwürdigen Folgen diese Verfahrensweise führte, läßt sich wahrscheinlich am besten in der Frage des Zivildienstes zeigen. Mit Zivildienst ist hier der Ersatzdienst gemeint, den viele aufgeklärte Regie­rungen denen ermöglichen, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern.

Die offizielle Haltung der Watch Tower Society dazu, entstanden im Zweiten Weltkrieg, lautet, daß ein Zeuge Jehovas, der Zivildienst leistet, Kompro­misse gemacht und damit seine Lauterkeit gegenüber Gott gebrochen hat. Dahinter steht der Gedanke, daß dieser Dienst ein Ersatz ist und deshalb die Stelle des Dienstes einnimmt, für den er Ersatz ist, womit er – so lautet anscheinend die Schlußfolgerung – die gleiche Bedeutung erlangt wie dieser. Da er anstelle des Kriegsdienstes ausgeführt wird, und da zum Kriegsdienst (zumindest potentiell) das Vergießen von Blut gehört, lädt jeder, der den Ersatzdienst durchführt, eine Blutschuld auf sich. Diese bemerkenswerte Richtlinie entstand, bevor es eine leitende Körperschaft gab; sie wurde offenbar von Fred Franz und Nathan Knorr in jenen Tagen beschlossen, als alle grundsätzlichen Entscheidungen noch von ihnen allein gefällt wurden. Im Laufe der Jahre sind daraufhin buchstäblich Tausende von Zeugen Jehovas in vielen Ländern der Erde gehorsam lieber ins Gefängnis gegangen, als Zivildienst zu leisten. Selbst heute sitzen einige aus diesem Grund im Gefängnis. Wer dieser Richtlinie der Gesellschaft nicht folgt, wird automa­tisch als jemand angesehen, „der die Gemeinschaft verlassen hat“, und so behandelt, als sei er ausgeschlossen.

5.2.5 Änderung in der Zivildienstfrage scheitert an einer blockierenden Minderheit

Ein Zeuge Jehovas aus Belgien zog in einem Brief vom November 1977 die Schlüssigkeit dieser Argumentation in Zweifel. Daraufhin kam die Angele­genheit vor die leitende Körperschaft. Am 28. Januar 1978 erschien sie erstmals auf der Tagesordnung, am 1. März noch einmal, und schließlich wieder am 26. September, 11. Oktober, 18. Oktober und 15. November. Eine weltweite Befragung wurde durchgeführt, auf die über 90 Zweigbüros antworteten. Recht viele gaben an, die Zeugen Jehovas vor Ort hätten Mühe zu erkennen, daß es für diese Position überhaupt eine biblische Basis gebe. Interessant ist, was dann in der leitenden Körperschaft geschah.

In der Sitzung vom 11. Oktober 1978 stimmten von den dreizehn Anwesen­den neun für eine Änderung der bisher üblichen Praxis. Die Entscheidung für oder gegen den Zivildienst sollte danach jeder Betroffene selbst fällen, gemäß seinem Gewissen. Vier stimmten dagegen. Die Folge war, daß sich nichts änderte, da es insgesamt sechzehn Mitglieder der leitenden Körper­schaft gab und neun keine Zweidrittelmehrheit bildeten.

Am 15. November waren alle sechzehn anwesend und elf stimmten für eine Änderung, so daß ein Zeuge Jehovas, der die Ableistung des Zivildienstes mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, nicht automatisch als untreu gegen Gott eingestuft wurde, so als habe er die Versammlung verlassen. Das war eine Zweidrittelmehrheit. Kam es nun zu der Änderung? [103]

Nein, denn nach einer kurzen Sitzungsunterbrechung gab einer bekannt, er habe es sich anders überlegt. Damit war die Zweidrittelmehrheit hinfällig. Bei der dann folgenden Abstimmung waren fünfzehn Mitglieder anwesend, von denen neun für eine Änderung stimmten, fünf dagegen, und einer sich enthielt.[7]

So blieb diese Richtlinie in Kraft, obwohl sich in allen Abstimmungen eine deutliche Mehrheit der leitenden Körperschaft für deren Abschaffung ausgesprochen hatte. Das Ergebnis war, daß von jungen Männern unter den Zeugen Jehovas weiterhin erwartet wurde, lieber ins Gefängnis zu gehen, als Zivildienst zu leisten, auch wenn sie diesen mit ihrem Gewissen hätten vereinbaren können. So unglaublich es klingen mag, aber das war die Entscheidung, und die meisten in der leitenden Körperschaft schien das nicht weiter zu beunruhigen. Schließlich hatte man sich einfach an geltende Regeln gehalten.

5.3 Warum läßt die Bibel dem Einzelnen Gewissensfreiheit in vielerlei Fragen?
5.3.1 Allzuoft Gemeinschaftsentzug für Dinge, welche die Bibel nicht klar als Sünde definiert!

In all diesen Streitfällen ging es um einen Gemeinschaftsentzug für Dinge, die die Bibel nicht eindeutig als Sünde bezeichnet. Es handelte sich einzig um organisationsinterne Richtlinien, die für alle verbindlich waren, sobald sie erst einmal gedruckt vorlagen. Die gesamte Gemeinschaft mußte sich dann daran halten, und die Folgen mußte jeder selbst tragen. Wäre das nicht ein Fall, in dem die Worte Jesu Anwendung finden: „Sie schnüren schwere Lasten zusammen und laden sie den Menschen auf die Schultern, aber sie selbst machen keinen Finger krumm, um sie zu tragen“?[8] Die Entscheidung hierüber überlasse ich jedem selbst. Ich weiß nur, was mein Gewissen mir gesagt hat und welche Position zu beziehen ich mich gedrängt fühlte.

Ich habe den Eindruck, die Mitglieder der leitenden Körperschaft meinten im großen und ganzen trotzdem, sie seien auf dem richtigen Weg. Was dachten sie sich dabei, wenn sie an ihrer Entscheidung zum Gemeinschafts­entzug festhielten, obwohl eine greifbare Minderheit oder die Hälfte ihrer Mitglieder oder sogar mehr dagegen waren?

Als sich die Diskussion einmal hinschleppte und absehbar war, daß es wieder eine solche Situation geben würde, sagte Ted Jaracz etwas, das vielleicht auch die Denkweise anderer widerspiegelte. Jaracz war wie Dan Sydlik slawischer Abstammung (aus Polen), unterschied sich von ihm aber in Körperbau und Wesensart. Während sich Sydlik oft spontan von seinem Instinkt leiten ließ, um über Recht und Unrecht einer Sache zu entscheiden, war Jaracz eher leidenschaftslos, kühl und sachlich. In der erwähnten Sitzung räumte er ein, die bestehende Regelung könne für einzelne, die sich in der besonderen Lage gerade befanden, wohl eine Härte darstellen, und setzte dann hinzu:

„Es ist doch nicht so, daß wir nicht mit ihnen mitfühlen könnten, aber wir müssen immer im Sinn behalten, daß wir es nicht bloß [104] mit zwei oder drei Leuten zu tun haben, wir müssen die große, erdenweite Organisation im Auge behalten und daran denken, wie sich das auf die ganze Organisation auswirkt.“[9]

5.3.2 Einzelinteressen dem Interesse einer Organisation geopfert: Ein Altar der Dämonen!

Diese Ansicht, daß für den einzelnen gut ist, was für die Organisation insgesamt gut ist, und daß die Interessen einzelner im Endeffekt geopfert werden müssen, wenn die Interessen der großen Organisation dies zu erfordern scheinen, fand offensichtlich breite Zustimmung.

Einige Argumente liefen auch darauf hinaus, daß das geringste Abweichen von den starren Regeln sozusagen die Dämme brechen lassen und den Weg für viele Übertretungen ebnen würde. Ein oder zwei extreme Beispiele, die gerade zur Hand waren und mit dem behandelten Fall in Verbindung gebracht werden konnten, wurden dann als schlagender Beweis für die Gefährlichkeit eines solchen Vorgehens zitiert. Das furchteinflößende Gespenst dieser Gefahr mußte gewöhnlich immer dann herhalten, wenn schon lange vor der Abstimmung ziemlich klar war, daß recht viele für eine Änderung sein würden. In einem Fall drängte Milton Henschel mit großem Ernst zur Vorsicht und sagte: „Wenn wir den Brüdern das erlauben, wer weiß, wie weit sie dann noch gehen werden.“ Andere äußerten sich ähnlich. Sicher glaubten sie aufrichtig, es sei nötig, bestimmte gewohnte Regeln ganz strikt einzuhalten, um die Gefolgschaft „auf Kurs“ zu halten, damit sich niemand aus dem Schutzwall der Vorschriften hinaus verirrt.

Wenn sich dieser Schutzwall tatsächlich in der Bibel fände, hätte ich ihm sogar gerne zugestimmt. Sehr oft stellte sich aber heraus, daß es ihn nicht gab. Das zeigte sich ganz eindeutig daran, daß die Ältesten (oft Mitglieder eines Zweigkomitees], die eine Anfrage eingesandt hatten, in der Bibel nichts darüber finden konnten, sowie daran, daß die leitende Körperschaft selbst auch nichts finden konnte. Man mußte darum in langen Gesprächs­runden, die manchmal in regelrechte Debatten ausarteten, erst um die eigene Ansicht dazu ringen.

5.3.3 Soll ein Mensch das verbieten, was Gott erlaubt?

In dem obenerwähnten Beispiel sagte ich auf Milton Henschels Äußerung, meiner Meinung nach stünde es uns gar nicht zu, den Brüdern irgend etwas zu erlauben. Vielmehr sei es Gott, der es ihnen überläßt, manche Dinge zu tun, weil sein Wort sie entweder gutheißt oder nichts darüber sagt. Und genauso verbietet er auch etwas, indem sein Wort die Handlung eindeutig verurteilt, sei es nun direkt oder in Form eines klaren Grundsatzes. Als sündige, irrende Menschen seien wir nie und nimmer von Gott befugt zu entscheiden, was anderen erlaubt oder verboten sein solle. An alle im Kollegium richtete ich die Frage: „Warum sollten wir versuchen, Gott zu spielen, wenn doch die Bibel sich in dieser Frage nicht festlegt? Das kann doch nur schiefgehen. Weshalb sollten wir dann in solchen Fällen nicht ihn Richter sein lassen?“ Diese Ansicht habe ich bei anderen Anlässen wieder­holt, wenn das gleiche Argument wieder vorgetragen wurde. Ich hatte [105] allerdings nicht den Eindruck, auf große Resonanz gestoßen zu sein. Die Entscheidungen zeigten stets, daß die Mehrheit nicht meiner Meinung war. Wenn das Schreckensbild von möglicherweise überhandnehmenden Ver­stößen an die Wand gemalt wurde, falls wir als leitende Körperschaft eine bisher bestehende Vorschrift aufhoben, kam mir das immer so vor, als würde damit der Verdacht ausgesprochen, unsere Brüder hätten keine echte Liebe zur Gerechtigkeit, in ihrem Innernwollten sie sündigen, und nur durch die Anweisungen der Organisation seien sie davon zurückzuhalten. Dabei erinnerte ich mich an einen Artikel, den die Gesellschaft ein paar Jahre zuvor in ihrer Zeitschrift Erwachet! veröffentlicht hatte. Darin war von einem Polizeistreik in Kanada die Rede und davon, daß die Abwesenheit der Polizei für einen Tag genügte, um Menschen, die sonst anständige Bürger waren, zu allen möglichen Gesetzesübertretungen zu veranlassen. In Erwachet! wurde darauf abgehoben, daß wahre Christen keine Aufpasser brauchten, um gesetzestreu zu handeln.[10]

Aus welchem Grund, so fragte ich mich, meinte dann die leitende Körper­schaft, es sei gefährlich, eine traditionelle Vorschrift aufzuheben, denn dies könne „die Dämme brechen lassen“ und zu verbreiteter Unsittlichkeit und anderem Fehlverhalten unter den Brüdern führen? Was zeigte das hinsicht­lich unserer Einstellung gegenüber den Brüdern und unseres Vertrauens zu ihnen? Bestand denn unserer Ansicht nach überhaupt noch ein Unterschied zwischen den Brüdern und den Leuten, die während des Polizeistreiks in Montreal die Gesetze brachen? Inwieweit trauten wir ihnen überhaupt eine echte, tiefe Liebe zur Gerechtigkeit zu? Die vorherrschende Meinung innerhalb der leitenden Körperschaft schien manchmal zu sein: „Traue keinem außer dir selber.“ Wie ein Vorbild an Bescheidenheit kam mir das wahrlich nicht vor.

5.3.4 Jede alte Regelung schafft neue Probleme, wenn man sie als falsch erkennt und abschafft!

Der geistige Hintergrund zeigte sich des öfteren auch in der Bemerkung, die betreffende Vorschrift sei schließlich schon so lange in Kraft. Im Laufe der Jahre hatten Tausende diese Bürde bereits getragen, auch wenn das für sie manchmal bedeutete, ins Gefängnis zu gehen oder andere Leiden auf sich zu nehmen. Wenn man das jetzt ändere, so hieß es nachdrücklich, dann könnten all die Betroffenen das Gefühl bekommen, sie hätten unnötig gelitten. Vielleicht hatte ihnen das Leiden eine innere Befriedigung ver­schafft, da sie denken konnten, sie hätten um der Gerechtigkeit willen gelitten. Jetzt aber nehme man ihnen diese Illusion, und sie könnten eventuell meinen, es sei unfair, daß sie eine Art Märtyrer hatten spielen müssen und andere würden jetzt davon verschont.

Mit der Bibel konnte ich das nicht vereinbaren. Sie fordert uns im Gegenteil dazu auf, uns zu freuen, wenn wir wissen, daß andere diese Last nicht mehr auf sich zu nehmen brauchen, um ihren guten Ruf in der Organisation zu bewahren. Ein Vergleich: Sollte jemand, der wegen zu hoher Abgaben seinen Bauernhof aufgeben mußte, sich nicht mit seinen Freunden, denen das [106] gleiche Schicksal drohte, freuen, wenn die Abgabe abgeschafft wird? Und wäre der Bergarbeiter mit der Staublunge nicht froh, wenn sich die Arbeits­bedingungen auf der Zeche besserten, selbst wenn das ihm keinen Vorteil mehr bringen würde? So müßte ein wahrer Christ doch eigentlich reagieren. Die Besorgnis, die einige Mitglieder der leitenden Körperschaft äußerten, erinnerte an das, was die Männer in Jesu Geschichte vom Weinberg dachten, die viele Stundenlang in der Hitze des Tages ausgehalten und hart gearbeitet hatten. Als die Arbeiter, die erst zur elften Stunde begonnen hatten und diese Strapazen nicht erdulden mußten, den gleichen Lohn wie sie erhalten sollten, fanden sie das ungerecht. Oder es erinnerte an die Einstellung des älteren Bruders vom verlorenen Sohn, der zu seinem Vater sagte: „Ich habe so viele Jahre wie ein Sklave für dich gearbeitet, und kein einziges Mal habe ich dein Gebot übertreten.“ Er empfand es als ungerecht, daß sein jüngerer Bruder nicht denselben Anforderungen genügen sollte, um das Wohlwollen des Vaters zu erhalten,[11] Auch hier hatte ich wieder den Eindruck, daß man den Brüdern falsche Motive unterstellt, wenn man meint, sie würden sich nicht darüber freuen, daß andere weniger zu leiden haben. Meiner Ansicht nach mußten vielmehr wir selbst uns fragen, wieweit unsere Besorgnis nicht daher rührte, daß wir Angst hatten, einen Fehler zuzugeben, weil wir um das Image der leitenden Körperschaft fürchteten, um ihre Glaubwürdig­keit und das Vertrauen, das man ihr entgegenbringt.

5.4 Theokratischer Gruppenzwang führt zu mörderischen Konsequenzen!
5.4.1 Totalitärer Gruppenzwang das zu tun, was die leitende Körperschaft beschlossen hat

Es waren wahrhaftig keine Lappalien, über die da gestritten wurde, wenn man an die Auswirkungen dieser Entscheidungen denkt. Wer sich einer einmal veröffentlichten oder anderswie bekanntgegebenen Entscheidung der leitenden Körperschaft nicht unterwarf, konnte ausgeschlossen werden, und das war durchaus üblich. Damit war man von der Versammlung, von der eigenen Familie und dem Freundeskreis abgeschnitten. Beugte man sich aber, so konnte das die Aufgabe des Arbeitsplatzes bedeuten, auch wenn manchmal kaum andere Arbeit zu bekommen war und die Familie versorgt werden mußte. Es konnte auch bedeuten, Wünsche des Ehepartners abzu­lehnen, was zu Ehescheidungen geführt hat, zur Zerrüttung von Ehen und. Familien, so daß Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Man konnte sich gezwungen sehen, einem Gesetz des Landes den Gehorsam zu verweigern, was die Verhaftung und den Abtransport an einen anderen Ort zur Folge haben konnte, so daß die Familie auseinandergerissen wurde. Es konnte sogar den Verlust des Lebens bedeuten, oder – was sogar noch schlimmer sein kann – daß man mit ansehen mußte, wie nahe Angehörige zu Tode gebracht wurden.

Welche Schwierigkeiten sich einstellten, wenn doch einmal eine Änderung vorgenommen wurde, sei hier am Beispiel der Einstellung der Organisation zu Blutern und dem Einsatz von Blutbestandteilen (meist Blutplättchen oder Blutgerinnungsfaktor VIII) zur Verhinderung des Verblutens geschil­dert. [107]

5.4.2 Der mörderische Fall von Blutern, die entweder zum Tod oder zum Versammlungsausschluss verurteilt wurden

Wandten sich Bluter an die Weltzentrale oder ein Zweigbüro mit der Bitte um Auskunft, so wurde ihnen lange Jahre hindurch geantwortet, man hätte gegen den einmaligen Einsatz dieses Blutbestandteils nichts einzuwenden, da dies der Einnahme eines Medikaments gleichkomme. Werde das Mittel aber öfter als einmal eingesetzt, so stelle dies eine Zufuhr dieses Blutbe­standteils „zur Ernährung“ dar und werde deshalb als Verletzung des biblischen Verbots des Essens von Blut angesehen.[12]

Ein paar Jahre später wurde die Anweisung geändert. Den Mitarbeitern, die diese Anfragen bearbeiteten, war bewußt, daß sie in der Vergangenheit das Gegenteil geantwortet hatten, und daß Bluter, die ihre „genehmigte“ eine Injektion schon bekommen hatten, immer noch der Meinung waren, ein zweites Mal würde als Übertretung des biblischen Gebots gelten. Sie konnten verbluten, weil sie sich daran hielten.

Da die frühere Regelung nur einzelnen auf Anfrage mitgeteilt, aber nie gedruckt worden war, mochte sich die Leitung nicht dazu durchringen, die neue Position zu veröffentlichen, denn das hätte erfordert, als erstes die alte Position zu erläutern und dann zu erklären, weshalb sie nun hinfällig war. Das erschien nicht wünschenswert. So durchforsteten die Mitarbeiter alle ihre Unterlagen, um Name und Anschrift sämtlicher Betroffenen zu ermit­teln, damit sie schriftlich auf die Änderung hingewiesen werden konnten. Den Mitarbeitern war so wohler zumute.

Doch dann stieg ihnen auf, daß viele Anfragen telefonisch eingegangen waren und ihnen keine Aufzeichnungen über diese Gespräche vorlagen, so daß sie unmöglich herausfinden konnten, welche Bluter alle angerufen hatten. Sie wußten weder, ob in der Zwischenzeit einer von ihnen gestorben war, noch ob jemand in Zukunft sterben würde, weil er sich nach der alten Vorschrift richtete. Sie wußten nur, daß sie ihre Anweisungen befolgt und ihren Vorgesetzten innerhalb der Organisation gehorcht hatten.

Diese Änderung der Richtlinien erhielt mit der Sitzung der leitenden Kör­perschaft vom 11. Juni 1975 schließlich offiziellen Charakter. Doch erst 1978 wurde die neue Regelung imWachtturm vom 1. Oktober veröffent­licht, dazu noch in recht verschleierter Form und seltsamerweise im Zu­sammenhang mit der Frage der Injektion von Blutserum zur Abwehr von Krankheiten (während es sich bei Hämophilie, dem Leiden der Bluter, nicht um eine Krankheit, sondern um einen ererbten genetischen Defekt handelt). Noch immer wurde nicht zugegeben, daß dies eine Änderung der früheren Regelung über den mehrfachen Einsatz von Blutbestandteilen bei Blutern darstellte.

5.4.3 Einschneidende Freiheitsbeschränkungen zufolge von Scheinargumentationen

Wenn man so die Argumente hörte, die in den Sitzungen der leitenden Körperschaft vorgetragen wurden, fühlte man sich bisweilen an die vielen Rechtsfälle erinnert, die Jehovas Zeugen vor dem Obersten Gerichtshof der USA ausgefochten hatten. Die Argumente der gegnerischen Anwälte glichen [108] oft genau denen, die jetzt zu hören waren. Es wurden diemöglichen Gefahren beschworen. Man behauptete, die Haus-zu-Haus-Tätigkeit könne leicht Ärgernis erregen oder als Deckmantel für Einbrüche und andere kriminelle Handlungen benutzt werden, und deswegen sei es gerechtfertigt, die Freiheit der Zeugen Jehovas zur Ausübung dieser Tätigkeit einzuschrän­ken. Die Gegenseite sagte, wenn man den Zeugen die Freiheit lasse, ihre öffentliche Tätigkeit fortzusetzen oder Vorträge in Parkanlagen zu halten, so könne dies an einigen Orten zu Zusammenstößen mit der Bevölkerung führen, da diese ihnen insgesamt feindlich gesonnen sei, und daß man diese Freiheit darum beschränken müsse. Es hieß ferner, wenn man den Zeugen gestatte, ihre Ansichten, beispielsweise zum Thema Flaggengruß, offen zu verkünden, oder wenn sie weltliche Regierungen als „Teil der Organisation des Teufels“ beschrieben, dann könne dies den Interessen des ganzen Staates schaden, möglicherweise zu Ungehorsam auf breiter Front führen und sei daher staatsgefährdend. Beschränkungen seien einfach notwendig. Mit bemerkenswerter Einsicht und Gedankenschärfe entlarvten die Richter am Obersten Gerichtshof diese Argumente in vielen Fällen als Scheinargu­mente. Sie mochten dem nicht zustimmen, daß die Rechte einzelner oder einer unpopulären Minderheit einfach deshalb zu beschneiden seien, weil eine mögliche oder eingebildete Gefahr oder die angeblichen Interessen der überwiegenden Mehrheit dies wünschenswert erscheinen ließen. Zur Begründung sagten sie, diese Freiheiten dürften erst dann eingeschränkt werden, wenn die Gefahr nicht nur eine Befürchtung sei, etwas, von dem man annimmt, daß es eintreten könne. Der Nachweis müsse erbracht werden, daß es sich um eine „eindeutige und gegenwärtige Gefahr“ handle, die wirklich bestehe.[13]

5.4.4 Weltliche Richter mit mehr Unterscheidungsvermögen zwischen recht und unrecht zu unterscheiden

Wieviele Prozesse wären wohl zu Gunsten der Zeugen Jehovas ausgegangen, wenn diese obersten Bundesrichter nicht so großes Unterscheidungsvermö­gen gezeigt hätten, wenn sie nicht so klar gesehen hätten, was das zentrale Problem war, und wenn ihnen nicht der einzelne so am Herzen gelegen hätte? In den Veröffentlichungen der Gesellschaft wurden ihre Entschei­dungen begrüßt, und es ist traurig, feststellen zu müssen, daß das hohe Niveau ihres Urteilsvermögens und ihr Mut, heiße Eisen anzugehen, weit über dem lagen, was sich in den Sitzungen der leitenden Körperschaft zeigte. Dabei kommen einem die Worte eines der Bundesrichter in dem konkreten Fall eines Zeugen in den Sinn:

„Was den Fall so schwer macht, ist nicht, daß die Rechtsgrundsätze, nach denen entschieden werden muß, im Dunkeln lägen, sondern daß es sich hier um unsere eigene Fahne handelt. Und doch wenden wir hier die Beschränkungen der Verfas­sung an, ohne zu befürchten, daß unser Gemeinwesen an der Freiheit, auf geistigem oder religiösem Gebiet anderer oder sogar entgegengesetzter Meinung zu sein, zerbrechen wird …. Die Freiheit zum Anderssein ist nicht auf Dinge [109] beschränkt, die weniger wichtig sind. Das wäre nur eine Scheinfreiheit. Die Substanz dieses Rechts zeigt sich erst darin, ob jemand in Dingen anderer Meinung sein kann, die den Lebensnerv der bestehenden Ordnung treffen.“[14]

Der Richter hatte offensichtlich ein entschieden größeres Zutrauen zur bestehenden Sozialordnung und den Freiheiten, die sie einräumte, als einige Mitglieder der leitenden Körperschaft zu ihren Glaubensgenossen und den Folgen, die deren Gewissensfreiheit im Falle ihrer Ausübung auf die bestehende „theokratische Ordnung“ haben könnte. Hätten die Richter am Obersten Bundesgericht so argumentiert wie einige in der leitenden Körper­schaft, dann hätten die Zeugen Jehovas wahrscheinlich einen Prozeß nach dem anderen verloren.

Über Gerichtsentscheide urteilt die Geschichte. Die Ankündigung der Bibel, daß jeder Älteste unter den Christen an einem bestimmten Tag in der Zukunft dem obersten Richter wird Rechenschaft ablegen müssen darüber, wie er mit Gottes Schafen umgegangen ist, sollte für alle, die unter Christen eine verantwortliche Stellung innehaben, Grund genug sein, ihr Handeln sorgfältig abzuwägen.[15]

Da die Organisation durch die Entscheidungen ihres Führungsgremiums eine so große Macht über ihre Mitglieder ausübt und wegen der enormen Bedeutung, die diese Entscheidungen für das Leben der Betroffenen haben können, erscheint es mir angebracht, als nächstes das in meinen Augen gravierendste Beispiel von Inkonsequenz vorzustellen, das mir in den neun Jahren meiner Mitgliedschaft untergekommen ist. Noch immer fällt es mir schwer zu glauben, daß Männer, die so besorgt darum bemüht waren, kompromißlos zu sein, die die Organisation rein erhalten wollten und jeden Hauch von Weltlichkeit zu vermeiden trachteten, zur selben Zeit etwas vertuschen konnten, was man nur als schockierend beschreiben kann. Ob dieser Ausdruck angemessen ist, entscheide man nach dem Lesen des nächsten Kapitels selbst. [110]

____________________________________

[1] Da sämtliche Sitzungen der leitenden Körperschaft nichtöffentlich sind, können nur deren Mitglieder erleben, was sich in ihnen wirklich abspielt.
[2] Dies war selbst noch zu Lebzeiten Nathan Knorrs die übliche Verfahrensweise von Fred Franz, dem Hauptautor der Gesellschaft. Die Gedankengänge und Interpretationen, die aus seiner Feder stammten, konnten erst begutachtet und besprochen werden, wenn sie bereits vollständig ausformuliert vorlagen – und das tat normalerweise nur der Präsident selbst.
[3] Siehe Wachturm Mai 1980, S. 8-24.
[4] Ich erinnere mich nur an wenige Male, bei denen ich in den mehr als acht Jahren mit meiner Stimmenthaltung ganz allein dastand. Die mir vorliegenden Aufzeichnungen bestätigen das auch.
[5] Da die Sitzungen geheim sind, ist es natürlich auch unwahrscheinlich, dass irgend jemand davon erfahren wird. Die Sitzungsprotokolle werden keinem anderen Zeugen Jehovas zugänglich gemacht.
[6] Drei von fünf sind 60 Prozent, nicht 66 2/3 Prozent, wie es für eine Zweidrittelmehrheit erforderlich wäre
[7] Gemäß meinen Aufzeichnungen stimmten dafür: John Booth, Ewart Chitty, Raymond Franz, George Gangas, Leo Greenlees, Albert Schroeder, Grant Suiter, Lyman Swingle und Dan Sydlik. Dagegen waren: Carey Barber, Fred Franz, Milton Henschel, William Jackson und Karl Klein. Ted Jaracz enthielt sich der Stimme.
[8] Matthaus 23:4, Die Bibel in heutigem Deutsch.
[9] Das war es wohl im wesentlichen auch, was Milton Henschel meinte, wenn er so häufig davon sprach, wir müßten in solchen Angelegenheiten „praktikable“ Wege suchen, denn in den Abstimmungen standen er und Ted Jaracz meist auf derselben Seite.
[10] Siehe Erwachet! vom 8. März 1970, S. 21-23
[11] Matthaus 20:1-15; Lukas 15:25-32.
[12] Dabei bezog man sich unter anderem auf 1. Mose 9:3, 4; 3. Mose 17:10-12; Apostelgeschichte 15:28, 29.
[13] Siehe die nur in Englisch erschienene Veröffentlichung der Gesellschaft mit dem Titel: Defending and Legallyy Establishing the Good News (Die Verteidigung und gesetzliche Verankerung der guten Botschaft( (1950), S. 58.
[14] a.a.O., S. 62.
[15] Hebräer 13:17.

von |Januar 3rd, 2017|Kommentare deaktiviert für 5. Kapitel: Tradition und Gesetzesdenken

4. Kapitel: Interner Aufstand und Umstrukturierung

4. Kapitel: Interner Aufstand und Umstrukturierung

4 Interner Aufstand und Umstruktuierung *

4.1 Wer soll das erdenweite Werk an der Spitze anführen? „Der Schwanz der mit dem Hund wedelt“
4.1.1 Älteste als Versammlungsaufseher durch Ältestenschaften ersetzt

„Daher mache niemand viel Rühmens mit Menschen.“ (1. Korin­ther 3:21, Jerusalemer Bibel).

Den Anstoß gab offensichtlich der Artikel über „Älteste“ im Buch Hilfe zum Verständnis der Bibel. Jede Versammlung (Gemeinde) wurde bis dahin von nur einer Person geleitet, dem „Versammlungsaufseher“. Als er durch eine Ältestenschaft ersetzt wurde, zog das unweigerlich die Frage nach sich, wie es denn mit der Organisationsform der Zweigbüros stehe; dort war ein Mann der „Aufseher“ für ein ganzes Land, vergleichbar mit einem Bischof oder Erzbischof, der eine größere Region, bestehend aus vielen Gemeinden, beaufsichtigt. Und die Weltzentrale hatte ihren Präsidenten, den ich in einer Ansprache einmal selbst (während einer Zweigaufseherschulung in Brook­lyn) als den „vorsitzführenden Aufseher für alle Versammlungen auf der Erde“ bezeichnet hatte.[1]

Dieser augenscheinliche Widerspruch zwischen der Situation in den Ver­sammlungen und der im internationalen Hauptbüro war offenbar auch der Anlaß für die Ansprache und dieWachtturm-Artikel über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, denn damit wollte man beweisen, daß es einen Unterschied zwischen den örtlichen Gemeinden und der Weltzentrale gar nicht gab. Man kann als sicher annehmen, daß diese Artikel zugleich als Signal an die stimmberechtigten Korporationsmitglieder gedacht waren, nicht mittels ihres Stimmrechts zu versuchen, eine Änderung der Organisa­tionsstruktur des Hauptbüros oder der Mitgliedschaft in der leitenden Körperschaft und ihrer Organe zu erwirken.

4.1.2 Präsident Knorr gibt Auftrag zur Ausarbeitung eines Organisationshandbuches; die Macht des Präsidenten sollte unangetastet bleiben

Im Jahr 1971, in dem die Ansprache gehalten wurde, rang sich Präsident Knorr dazu durch, der leitenden Körperschaft das Buch Organisation zum Predigen des Königreiches und zumJüngermachen zur Beurteilung vorzule­gen. Es war eine Art Kirchenhandbuch, in dem beschrieben wurde, wie die ganze Organisation aufgebaut war und nach welchen Grundsätzen sie funktionierte, angefangen beim Hauptbüro. über die Zweigbüros, die Bezirke und Kreise, bis hin zu den Versammlungen. Die leitende Körper­schaft war nicht gebeten worden, etwas zum Inhalt des Buches beizusteu­ern. Die Zuständigkeit für die Abfassung des Werkes hatte der Präsident in die Hände von Karl Adams, dem Leiter der Schreibabteilung, gelegt (der [72] nicht der leitenden Körperschaft angehörte und sich auch nicht zu den „Gesalbten“ zählte). Dieser wiederum hatte Ed Dunlap und mich damit beauftragt, ihm dabei behilflich zu sein. Jeder von uns hat etwa ein Drittel des Buches verfaßt.[2]

Darin hatten wir die Beziehung der leitenden Körperschaft zu den gesetzlich eingetragenen Körperschaften, den Korporationen, so dargestellt, wie es den Artikeln über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, entsprach, was zu hitzigen Wortgefechten in dem Gremium führte. Präsident Knorr sagte klipp und klar, er habe das Gefühl, man wolle ihm seine Verantwortung und seine Arbeit „wegnehmen“. Er betonte, die leitende Körperschaft habe sich ganz auf die „rein geistigen Belange“ zu beschränken; den Rest würde die Gesellschaft erledigen. Alle Mitglieder des Gremiums wußten aber, daß die „geistigen Angelegenheiten“, die ihnen zugestanden wurden, damals fast gänzlich aus dem so gut wie leeren Ritual der Zustimmung zur Ernennung weitgehend unbekannter Personen zu reisenden Beauftragten und der Besprechung der ständig eingehenden Briefflut zum Thema „Gemein­schaftsentzug“ bestand.

Ich beteiligte mich mehrfach an der Diskussion und vertrat die Ansicht, gemäß der Bibel müßten auch andere Angelegenheiten geistlicher Art in die Zuständigkeit des Gremiums fallen. (Nach meiner Meinung paßten Jesu Worte „ihr alle seid Brüder“ und „einer ist euer Führer, der Christus“ nicht zu dem herrschenden Ein-Mann-Führungssystcm, genausowenig wie seine Äußerung, daß „die Herrscher der Nationen den Herrn über sie spielen und die Großen Gewalt über sie ausüben, (doch) unter euch ist es nicht so“.[3] Ich fand es einfach nicht redlich, in den Wachtturm-Ausgaben von 1971 erst etwas zu sagen und es dann nicht auch zu tun.)

Doch jedes Mal, wenn ich etwas sagte, faßte der Präsident meine Worte als gegen ihn persönlich gerichtet auf und antwortete wortreich und mit energischer, gespannter Stimme. Er meinte, manche seien wohl nicht zufrieden mit der Art, wie er seine Arbeit tue. Bis ins einzelne beschrieb er dann, was er alles tue, und sagte dann: „Und jetzt wollen anscheinend­ einige,daß ich das nicht mehr mache. Womöglich soll ich alle Unterlagen herholen und sie Ray Franz übergeben, damit er den ganzen Kram über­nimmt.“

4.1.3 Kollegialgewalt oder zentrale Macht in der Hand eines Einzelnen?

Es war kaum zu glauben: Er hatte gar nicht begriffen, um was es ging, daß ich mich dafür ausgesprochen hatte, die Aufgaben auf ein mehrköpfiges Kolle­gium zu verteilen, und gar nichts davon gesagt hatte, die Macht von einer Einzelperson auf eine andere zu übertragen. Diesen Punkt wiederholte ich immer wieder und stellte klar, daß meine Worte nicht als ein persönlicher Angriff gegen ihn gemeint waren, daß ich der Auffassung war, NIEMAND solle als Einzelperson diese Verantwortung tragen, sondern daß ich vielmehr [73] die Bibel und den Wachtturm so verstand, diese Aufgaben müßten von einem Kollegium getragen werden. Mehrfach sagte ich, wenn es darum ginge, einen einzelnen zu finden, der diese Aufgabe erfüllte, so wäre er meine Wahl. Er habe lediglich das getan, was er seiner Meinung nach habe tun müssen und wie es immer schon getan worden sei, daran gab es für mich überhaupt nichts auszusetzen. Doch all dies machte offensichtlich keiner­lei Eindruck auf ihn, und als ich nach mehreren Anläufen gemerkt hatte, daß jedes zusätzliche Wort zu diesem Thema den Zorn nur noch verstärkte, gab ich auf. Die anderen saßen alle daneben und sagten kein Wort. Sie guckten nur zu. Umsomehr überraschte mich, was ein paar Jahre später geschah.

4.2 Gefühle der Unterdrückung und Ausnutzung seitens der Mitarbeiter in der Weltzentrale
4.2.1 Herrschaft durch Angst in der Weltzentrale

Im Jahre 1975 schrieben zwei Bethelälteste (ein leitender Mitarbeiter der Dienstabteilung und der stellvertretende Bethelaufseher) Briefe an die leitende Körperschaft, in denen sie sich besorgt über die Stimmung unter den Mitarbeitern in der Weltzentrale äußerten. Sie sprachen davon, daß die Verantwortlichen unter der Belegschaft eine Atmosphäre der Angst verbrei­teten, was immer stärkere Entmutigung und Unzufriedenheit zur Folge hatte. Wer sich damals für die Tätigkeit in der Weltzentrale (den „Betheldienst“) bewarb, mußte sich für mindestens vier Jahre verpflichten. Die Bewerber waren meist junge Männer von 19 und 20 Jahren. Vier Jahre bedeuteten für sie ein Fünftel ihrer bisherigen Lebenszeit. Während der Mahlzeiten fragte ich oft meinen jeweiligen Tischnachbarn: „Wie lange bist du schon im Haus?“ Darauf hatte mir in den zehn Jahren, die ich inzwischen schon da war, nie jemand mit einer gerundeten Zahl geantwortet, wie „etwa ein Jahr“ oder „so ungefähr zwei Jahre“. Vielmehr lautete die Antwort stereotyp „ein Jahr, sieben Monate“, „zwei Jahre, fünf Monate“, „drei Jahre und ein Monat“ oder ähnlich. Das erinnerte mich unwillkürlich daran, wie Gefäng­nisinsassen ihre bereits „abgesessene“ Zeit zählten. Aus diesen jungen Leuten war im allgemeinen kein Wort darüber herauszu­locken, wie ihnen ihr Dienst in der Weltzentrale gefiel. Freunde, die enger mit ihnen zusammenarbeiteten, erklärten mir, daß sie befürchteten, man könne ihnen eine „schlechte Einstellung“ nachsagen, wenn sie sich negativ äußerten. So sagten sie lieber gar nichts.

Viele kamen sich wie kleine Rädchen im Getriebe vor, die eben zu funktionieren hatten, aber nicht als Menschen angesehen wurden. Sie wußten, daß sie jederzeit an einen anderen Arbeitsplatz versetzt werden konnten, und zwar ohne vorherige Information und oft auch ohne Begrün­dung, so daß sie ständig um ihren Arbeitsplatz bangten. Man unterschied fein säuberlich zwischen Leitenden und Untergebenen und achtete peinlich genau darauf, daß diese Rangordnung auch eingehalten wurde.

4.2.2 Sklavendienste für ein Sackgeld und Luxus für die höheren Beamten

Die monatliche Zuwendung in Höhe von 14 Dollar reichte oft nicht einmal für das Fahrgeld zu den Zusammenkünften im Königreichssaal ihrer jeweili­gen Versammlung. Wer von wohlhabenden Freunden und Verwandten unterstützt wurde, hatte keine Probleme, doch die anderen konnten sich oft [74] kaum mehr als das zum Leben absolut Notwendige leisten. Mitarbeiter, die aus weit entfernten Landesteilen kamen, wie gerade aus dem Westen der USA, sahen sich oft außerstande, im Urlaub zu ihrer Familie nach Hause zu fahren, wenn daheim die Kasse knapp war. Und unterdessen mußten sie ständig mit anhören, wie leitende Mitarbeiter durch das ganze Land und zu anderen Kontinenten reisten, dort Vorträge hielten und der Bethelfamilie ihre Grüße ausrichten ließen. Ihnen entging auch nicht, daß die Spitzenbe­amten der Gesellschaft in neuen Wagen der Edelmarke Oldsmobile herum­fuhren, die auf Kosten der Gesellschaft angeschafft worden waren und von Arbeitern wie ihnen gepflegt und gewartet wurden. Jeden Tag mußten sie acht Stunden und vierzig Minuten arbeiten, dazu noch vier Stunden an Samstagen, hatten an drei Abenden der Woche bei Zusammenkünften zu erscheinen und mußten obendrein noch jede Woche am „Zeugnisgeben“ teilnehmen. Kein Wunder, daß ihr Leben bis zur letzten Minute verplant war, nur nach starrem Schema ablief und sie dadurch total erschöpft waren. Ließen aber ihre Anstrengungen auf einem dieser Gebiete nach, so konnten sie fest damit rechnen, daß man ihnen das als Zeichen einer „schlechten Einstellung“ auslegen und sie zu einem Gespräch zitieren würde, in dem ihre Einstellung korrigiert werden sollte.

4.2.3 Chronische Überlastung durch starre Arbeitspläne und Leistungsdruck im Bethel: Wechsel hin zu Kollektiventscheid der leitenden Körperschaft mit 2/3 Mehrheit der Stimmen

Diese Fragen wurden in den Briefen der beiden Bethelältesten angeschnit­ten, ohne daß sie in Einzelheiten gegangen wären. Leider faßte der Präsident das nun wieder als Kritik an der Art seiner Amtsführung auf. Er äußerte gegenüber der leitenden Körperschaft den Wunsch, daß zu diesem Thema eine Anhörung stattfinden solle, was dann am 2. April 1975 auch geschah. Eine Reihe von Bethelältesten nahm dabei Stellung, und etliche der bereits erwähnten Mißstände wurden angesprochen. Es wurde niemand angegriffen und keine Forderung erhoben, sondern lediglich gesagt, man müsse mehr auf den einzelnen Rücksicht nehmen, brüderlich miteinander reden und bei Entscheidungen die unmittelbar Betroffenen mitwirken lassen. Der stell­vertretende Bethelaufseher sagte: „Uns geht es anscheinend mehr um die, Produktion als um die Menschen.“ Dr. Dixon, der Betriebsarzt, berichtete, zu ihm kämen häufig Ehepaare, die ganz verzweifelt seien, weil die Frau dem Druck nicht mehr standhalten und nicht mehr mit dem überfrachteten Zeitplan mithalten könne. Viele Frauen hätten in seiner Sprechstunde zu weinen angefangen.

Für die nächste Woche verzeichnet das offizielle Sitzungsprotokoll vom 9. April folgendes:

„Es wurden Kommentare zum Verhältnis der leitenden Körperschaft und den Korporationen zueinander und über die im Watchtower vom 15. Dezember 1971 (Wachtturm vom 1. April 1972) veröffentlichten Gedanken abgegeben.[4] Es wurde beschlossen, ein Fünferkomitee, bestehend aus 1. K. Greenlces, A. D. Schroeder, R. V. Franz, D. Sydlik und J. C. Booth, einzusetzen, das sich mit diesem Thema [75] befassen soll und darüber hinaus mit den Pflichten der leitenden Beamten der Korporationen und den damit zusammenhängenden Fragen. Die Gedanken von N. H. Knorr, F. W. Franz und G. Suiter, die in bei den Korporationen leitende Funktionen bekleiden, sind dabei zu berücksichtigen. Abschließend sollen Vor­schläge unterbreitet werden. Als Leitziel soll eine Stärkung der Einheit der Organisation angestrebt werden.“

Drei Wochen später, während der Sitzung vom 30. April, überraschte Präsident Knorr uns mit einem Antrag, fortan sollten alle Beschlüsse mit einer Mehrheit von zwei Dritteln der aktiven Mitglieder gefaßt werden (damals waren es 17). Das Protokoll dieser Sitzung fährt dann fort:

„Darauf begann L.K. Greenlees mit dem Bericht des Fünferkomitees, das sich mit dem Wunsch Brd. Knorrs befaßt hatte, man solle ihm sagen, wie er zu handeln habe.[5] Das Komitee hat sich sehr eingehend mit dem Watchtower vorn 15. Dezember 1971, Absatz 29 (Wachtturm vom 1. April 1972, Seite 210), befaßt, ebenso mit Seite 760 (216). Das Komitee ist der Ansicht, daß die leitende Körperschaft die Korporationen leiten solle und nicht umgekehrt. Die Korporatio­nen sollten anerkennen, daß die 17 Mitglieder der leitenden Körperschaft die Verantwortung für die Tätigkeit in den Versammlungen auf der ganzen Erde tragen. In Bethel hat sich die Einführung dieser Struktur verzögert. Es hat in dieser Sache Verwirrung gegeben. Wir wollen keine zweigleisig vorgehende Organisation. Es folgte eine lange Aussprache über Fragen, die die leitende Körperschaft, die Korporationen und den Präsidenten betrafen, an der sich alle Anwesenden beteilig­ten. Am Abend stellte N. H. Knorr einen Antrag, wozu E. C. Chitty eine Stellungnahme abgab. L.K. Greenlees stellte ebenfalls einen Antrag. Es wurde beschlossen, alle drei Texte zu vervielfältigen und an alle Mitglieder zu verteilen und am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder zusammenzukommen. So bliebe Zeit, diese wichtige Angelegenheit gebetsvoll zu erwägen.“

Die erwähnten Anträge lauteten:

„N. H. Knorr: .Ich stelle den Antrag, die leitende Körperschaft möge die Verantwor­tung für die Durchführung des in der Satzung der pennsylvanischen Gesellschaft bezeichneten Werkes übernehmen, sowie die Aufgaben und Pflichten wahrneh­men, die in der Satzung der pennsylvanischen Gesellschaft sowie aller Korporatio­nen, die Jehovas Zeugen weltweit gegründet haben, angegeben sind.“
„E. C. Chitty führte dazu mündlich aus: ‚Der Ausdruck übernehmen’ bedeutet, daß die andere Partei damit entlastet ist. Die Zuständigkeiten bleiben meines Erachtens unverändert. Korrekterweisemüßte es vielmehr heißen: „Sie über­nimmt die Oberaufsicht über die Erfüllung der Aufgaben.“ „

,,L.K. Greenlees: ‚Ich stelle den Antrag, die leitende Körperschaft möge in Übereinstimmung mit der Bibel die volle Zuständigkeit für die Leitung der Organisation der Zeugen Jehovas – in materieller wie in geistiger Hinsicht ­erhalten und deren Tätigkeit weltweit beaufsichtigen. Des weiteren sollen sämtli­che Mitglieder und Wahlbeamten aller Korporationen, derer sich Jehovas Zeugen bedienen, mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten und ihren Anweisun­gen Folge leisten. Diese erweiterte Zuständigkeit der leitenden Körperschaft soll wirksam werden, so schnell dies ohne Schaden für das Werk möglich ist.’ “ [76]

4.3 Machtstreitigkeiten um Spitzenpositionen
4.3.1 Leitet wirklich Jesus Christus das Werk durch eine von ihm erwählte Einzelperson?

Am Tag darauf, dem 1. Mai, gab es wiederum eine lange Debatte. Besonders der Vizepräsident (der die erwähnten Wachtturm-Artikel verfaßt hatte) widersprach den Vorschlägen und wandte sich gegen jede Veränderung des gegenwärtigen Zustands, durch die die Macht des Präsidenten in irgendei­ner Form beschnitten worden wäre. (Das erinnerte mich daran, wie er schon 1971 ganz ähnlich gesagt hatte, nach seiner Meinung leite Jesus Christus die Organisation durch eine Einzelperson, bis die Neue Ordnung da wäre.) Kein Wort verlor er über den offensichtlichen Widerspruch zwischen der Darstel­lung im Wachtturm (wo in markigen Worten gesagt worden war, die leitende Körperschaft bediene sich der gesetzlichen Körperschaften ledig­lich als Werkzeugen) und den vorliegenden drei Anträgen. Diese bewiesen allesamt, daß die Antragsteller (darunter der Präsident selbst) zugaben, daß die leitende Körperschaft damals nicht die Korporationen beaufsichtigte. Die Diskussion hielt lange an. Ein Durchbruch schien gekommen, nachdem Grant Suiter, der Sekretär-Kassierer der wichtigsten Korporationen, ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm, Stellung bezogen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Beiträgen, die für eine Änderung eingetreten waren, wurde er sehr persönlich. Man hatte den Eindruck, da machten sich lang angestaute Gefühle gegen den Präsidenten Luft, den er auch nament­lich erwähnte. Als er von der Machtstruktur sprach, erhob er keine speziellen Anschuldigungen; er bemängelte lediglich, daß man ihm nicht gestattet hatte, seinen privaten Wohnraum im Bethel umzubauen. Doch während er fortfuhr, lief er rot an im Gesicht, seine Kiefermuskulatur spannte sich, und seine Worte gewannen an Schärfe. Er schloß wie folgt:

„Wenn wir jetzt eine leitende Körperschaft sein sollen, dann soll es aber auch losgehen mit dem Leiten! Ich habe bisher jedenfalls noch nichts zu leiten gehabt.“

Diese Worte haben mich dermaßen schockiert, daß ich sicher bin, sie korrekt wiedergegeben zu haben. Ob sie so gemeint waren, wie sie klangen, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Möglich, daß sie einer Augenblicksstimmung entsprangen und keine tieferliegende Ursache hat­ten. Zumindest regten sie in mir ernste Zweifel, ob hier die richtigen Beweggründe vorlagen. Ich fragte mich mit einiger Sorge, ob am Ende wirklich alle aufrichtig nur das Ziel verfolgten, die biblischen Grundsätze besser anzuwenden, und nichts anderes. Die ganze Sitzung beunruhigte mich, vor allem deshalb, weil die Haltung so wenig dem entsprach, was man von einem christlichen Führungsgremium erwartet hätte.

Kurz nach diesen Äusserungen des Sekretär-Kassierers jedoch hatte Nathan Knorr offensichtlich einen Entschluß gefaßt und gab eine längere Stellung­nahme ab; Milton Henschel, der selbst auch einzelne Anregungen gemacht hatte und als Sekretär der leitenden Körperschaft fungierte, stenografierte sie mit.[6] Gemäß dem Sitzungsprotokoll sagte der Präsident unter anderem: [77]

„Ich glaube, es ist am besten, wenn die leitende Körperschaft so vorgeht, wie Bruder Henschel es vorgeschlagen hat, und eine Planung aufstellt, die sich an den Gedanken im Wachtturm orientiert, wonach die leitende Körperschaft die Füh­rung unter den Zeugen Jehovas übernimmt. Ich werde mich weder dafür noch dagegen äußern. Das ist meiner Meinung nach gar nicht nötig. Es steht alles im Wachtturm. ( … )“

Die Richtlinienkompetenz und die Entscheidungsbefugnis liegen bei der leitenden Körperschaft. Sie wird die Leitung übernehmen und durch noch zu schaffende Organe ausüben und sieh eine eigene Verwaltung aufbauen.“
Zum Schluß sagte er: „Das bringe ich als Antrag ein.“ Zu meiner Überra­schung befürwortete F. W. Franz, der Vizepräsident, diesen Antrag. Er wurde einstimmig von allen angenommen.

Die kernigen Sätze, die vier Jahre vorher im Wachtturm gestanden hatten, schienen nun tatsächlich wahr zu werden. Nach den Worten des Präsiden­ten sah es so aus, als stünde ein reibungsloser Übergang bevor. Doch stattdessen war es nur die Stille vor dem größten Sturm.

4.3.2 Ein Fünferkomitee erarbeitet Vorschläge für die Reorganisation der Führungshierarchie

In den folgenden Monaten führte das ernannte Fünferkomitee Einzelgesprä­che mit jedem Mitglied der leitenden Körperschaft, ebenso mit 33 weiteren langjährigen Mitarbeitern der Weltzentrale. Die allermeisten waren für eine Reorganisation. Das Komitee entwarf detaillierte Vorschläge, wie sich einzelne Komitees innerhalb der leitenden Körperschaft um die verschiede­nen Aspekte der weltweiten Tätigkeit kümmern könnten. In den Einzelge­sprächen erklärten sich elf der siebzehn Mitglieder des Gremiums damit prinzipiell einverstanden.

Von den sechs, die übrigblieben, wußte George Gangas, ein warmherziger und überschwenglicher Grieche und einer der ältesten in dem Kollegium, nicht genau, was er wollte; je nach augenblicklicher Laune sagte er etwas anderes. Dann war da noch Charles Fekel, aus Osteuropa stammend; er war früher lange Jahre einer der Direktoren der Gesellschaft gewesen und dann seines Amtes enthoben worden, weil er Kompromisse in bezug auf seine Lauterkeit gemacht habe, als er bei der Einbürgerung den Eid auf die amerikanische Verfassung ablegte. In der leitenden Körperschaft war er erst seit kurzem. Er war sehr zart besaitet, meldete sich in Diskussionen fast nie zu Wort, und stimmte stets mit der jeweiligen Mehrheitsfraktion, zu der vorliegenden Frage hatte er kaum etwas beizutragen. Lloyd Barry, Neusee­länder und ebenfalls neu im Gremium, war vor seiner Tätigkeit in Brooklyn lange Jahre Zweigaufseher in Japan gewesen, wo die Zeugen ein erstaunli­ches Wachstum zu verzeichnen hatten. Er sprach sich ganz entschieden gegen die Empfehlungen aus, besonders weil sie die Zentralgewalt des Präsidenten schwächten. In einem Brief vom5. September 1975 bezeichnete er die vorgeschlagenen Änderungen als „revolutionär“. Bill Jackson, ein nüchterner, zurückhaltender Texaner, hatte den größten Teil seines Lebens in der Weltzentrale verbracht und vertrat wie Barry die Ansicht, man solle doch alles beim alten lassen, gerade angesichts der großen Mehrung unter der gegenwärtigen Leitung.

4.3.3 Widerstand von seiten Präsident Knorrs seine Machtbefugnisse Anzutasten

Der heftigste Widerspruch gegen die Änderungen kam vom Präsidenten [78] und vom Vizepräsidenten, die den Antrag gemeinsam eingebracht hatten! Während das Fünferkomitee die langjährigen Mitarbeiter befragte, hatte der Präsident gerade für eine Woche den Vorsitz bei den Mahlzeiten im Bethel. Diese Gelegenheit nutzte er, um mehrere Tage hintereinander den 1200 Mitgliedern der „Bethelfamilie“, die auf mehrere Speisesäle verteilt waren und über Bild und Ton alles mitverfolgen konnten, beim Frühstück von „Ermittlungen“ zu berichten (womit er die Gespräche meinte, die das Fünferkomitee führte) und davon, daß „einige Personen“ Dinge verändern wollten, die seit Bestehen der Organisation immer auf diese Weise getan worden seien. Mehrfach fragte er: „Welchen Beweis haben sie denn, daß das so nicht funktioniert und geändert werden muß!“ Er sagte, die „Ermittlun­gen“ wollten „beweisen, daß diese Familie nichts taugt“, doch er sei zuversichtlich, daß „ein paar Meckerer nicht der Mehrheit die Freude rauben könnten“. Er rief alle auf, sie sollten „an die Gesellschaft glauben“, und verwies auf deren zahlreiche Erfolge. Einmal sagte er sehr entschieden und mit großer Erregung, die Veränderungen, die manche an der Bethelfami­lie, an deren Arbeitsweise und Organisationsform vornehmen wollten, „wird es nur über meine Leiche geben“.[7]

In aller Fairneß gegenüber Nathan Knorr muß man wohl sagen, daß er ohne Zweifel die bis dahin geltenden Strukturen für richtig hielt. Er wußte, daß auch der Vizepräsident so dachte, auf den er sich als den in der Organisation geachtetsten Gelehrten in allen theologischen Fragen stützte. Knorr war im Grunde ein umgänglicher, oft warmherziger Mensch. Wenn er nicht gerade seine Präsidentenrolle spielte, war ich stets gern mit ihm zusammen. Diese Seite seiner Persönlichkeit war, wie oft in solchen Fällen, wegen seiner Position nicht allgemein sichtbar, und auf alles, was wie ein Übergriff auf seine Macht aussah, konnte er schnell und scharf reagieren (sicher weil er in dieser Funktion Gottes Willen auszuführen glaubte). Und so trat ihm lieber keiner zu nahe. Wenn man all das berücksichtigt, so kommen mir starke Zweifel, ob er für manche der harten Maßnahmen gestimmt hätte, die die Erben seiner Macht später verhängten.

4.3.4 Spitzenführungskräfte die allein entscheiden möchten fördern internen Widerstand

Ich kann ihm nachfühlen und verstehe seine Reaktionen, da ich viele Jahre als Zweigaufseher in Puerto Rico und in der Dominikanischen Republik tätig war, wo ich gemäß der Denkweise der Organisation der „führende Mann“ im Lande sein sollte, der persönliche Vertreter des Präsidenten. In meinem Bemühen, diese Sichtweise in der Praxis anzuwenden, war ich mir ständig meiner „Position“ ‚bewußt und immerzu darauf bedacht, deren Ansehen zu wahren. Aus bitterer Erfahrung lernte ich aber, daß es nicht zum guten Zusammenleben mit anderen beiträgt, wenn man diesem Konzept folgt; im Gegenteil, ich machte mich dadurch unglücklich. Es führte zu Reibereien, für die ich einfach nicht gebaut war, und so hörte ich einfach auf, alles nachzumachen, was ich gesehen hatte. Das machte das Leben erfreuli­cher und führte auch zu besseren Arbeitsergebnissen. [79] Die zuletzt zitierten Worte des Präsidenten waren fast prophetisch. Als er sie sprach, hatte sich bei ihm offenbar bereits ein bösartiger Hirntumor gebildet, wenn das auch endgültig erst feststand, als die Umstrukturierung der Organisation schon ihren offiziellen Abschluß gefunden hatte. Die Reorganisation trat mit Wirkung vom 1. Januar 1976 offiziell in Kraft, und Knorr starb etwa anderthalb Jahre später, am 8. Juni 1977.

War schon beim Präsidenten der Widerstand gegen jede Änderung laut und vernehmlich, so galt dies für den Vizepräsidenten nicht minder, eher sogar noch stärker. Wie bei jederAbschlußveranstaltung zur Graduierung einer Klasse der Missionarschule Gilead hielt er am 7. September 1975 vor versammelter Bethelfamilie und den geladenen Gästen (vor allem den Freunden und Verwandten der Absolventen) eine Ansprache.

Fred Franz hatte eine unnachahmliche Art zu reden. Oft grenzte das ans Dramatische, selbst Melodramatische. In den nun folgenden wörtlichen Auszügen aus seiner Rede fehlt diese Würze völlig, einschließlich der gelegentlichen sarkastischen Nebentöne.

4.4 Wer soll den Missionardienst beaufsichtigen? Der Präsident oder eine leitende Körperschaft?
4.4.1 Missionarausbildung und Zuteilung fest in der Hand der Watchtower INC und ihres Präsidenten

Was er mit dem Vortrag bezweckte, wurde gleich zu Beginn klar. Beim Lesen der ersten Sätze muß man sich vergegenwärtigen, daß zur selben Zeit gerade ein (von der leitenden Körperschaft offiziell eingesetzter) Ausschuß einen Vorschlag ausarbeitete, nach dem die Ausbildung, Zuteilung und Betreuung der Missionare künftig in den Händen der leitenden Körperschaft liegen sollten. Bisher war das Sache der gesetzlichen Körperschaften gewesen. Hier seine Worte:

„Die Kursteilnehmer werden von der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania in Zusammenarbeit mit der Watchtower Bible and Tract Society of New York, Incorporated, ausgesandt.Dieser Tage wird die fordernde Frage erho­ben/ welches Recht die Watch Tower Bible and Tract Society habe, Missionare auszusenden …. Wer gab ihr dieses Recht, Missionare überallhin zu entsenden? Genau dasselbe könnte man auch in Bezug auf etwas anderes fragen, das mit der Tatsache zusammenhängt, daß die Watch Tower Bible and Tract Society von einem Mann gegründet wurde, der ein weltweit bekannter Prediger war, einer der bekanntesten Evangelisten dieses 20. Jahrhunderts, dessen Weltruhm vor allem durch eine Reise rund um die Welt im Jahr 1912 begründet wurde. Dieser Mann war Charles Taze Russell aus Allegheny in Pennsylvanien.“

Die Betonung lag auf der Korporation; von der leitenden Körperschaft war nicht die Rede. Die „fordernde Frage“, von der er sprach, hatte natürlich nie jemand erhoben. Der Streit in der leitenden Körperschaft ging in Wirklich­keit darum, ob man seinen Vortrag, den er vier Jahre zuvor über das Verhältnis zwischen ihr und der Gesellschaft gehalten hatte, für bare Münze nehmen solle. Doch in seiner unvergleichlichen Art fuhr er fort:

„Ich habe mich das gefragt, und ihr vielleicht ebenso. Wie wurde Russell eigentlich ein Evangelist? Wer ernannte ihn? … Es gab die verschiedenen religiösen Richtun­gen der Christenheit. Da war zum Beispiel die Anglikanische Kirche mit ihrer Kirchenleitung, außerdem die Episkopalkirche mit ihrer Kirchenleitung. Es gab die Methodistenkirche mit ihrer Konferenz, dann noch die Presbyterianische Kirche, [80] der Russell einmal angehört hatte, mit ihrer Synode. Und schließlich auch die Kongregationalisten, denen sich Russell anschloß, mit ihrer Generalsynode. Doch keines dieser Führungsgremien … ernannte Russell zum Prediger oder Missionar.“

Indem er die verschiedenen Führungsgremien mit ihren jeweiligen offiziel­len Namen nannte, brachte er geschickt und unauffällig die Sprache auf die leitende Körperschaft, ohne sie direkt zu erwähnen.(Er hätte auch die Jesuiten anführen können, deren höchstes Entscheidungsgremium genau wie bei der Watch Tower Society auf Englisch Governing Body heißt). Damit wollte er zeigen, daß keine dieser leitenden Körperschaften irgend etwas mit dem Gründer der Watch Tower Society zu tun hatte oder ihm irgend welche Anweisungen geben konnte. Russell war ein Unabhängiger, er unterstand ihnen allen nicht.

4.4.2 Missionare als verlängerter Arm des Präsidenten und dessen Entscheid

Die leitende Körperschaft hatte ein Fünferkomitee eingesetzt, und dieses Komitee hatte gerade die Einsetzung fester Ausschüsse empfohlen, die sich der Leitung des weltweiten Werks annehmen sollten. Aus diesem Grund erhalten die nun folgenden Worte aus der Ansprache des Vizepräsidenten ein besonderes Gewicht. Nachdem er von den 70 Jüngern gesprochen hatte, die Jesus aussandte, fuhr er fort, zu den frischgebackenen Missionaren gewandt:

„Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, daß der Herr Jesus Christus, als er die siebzig Evangelisten jeweils zu zweien aussandte, sie dabei zu lauter Komitees machte, so daß die siebzig Prediger 35 Zweierkomitees gewesen wären …. Ihr werdet heute nach eurer Abschlußfeier als Missionare ausgesandt … zwei werden nach Bolivien geschickt, andere, vielleicht vier, sechs oder acht, erhalten ein anderes Land als ihren Aufgabenbereich. Ihr Missionare dürft jetzt nicht meinen, weil ihr zu zweien oder vielleicht zu vieren oder sechsen ausgesandt werdet, daß ihr damit als ein Komitee hinausgeschickt werdet, das die Leitung des Werkes im Zuteilungsland übernehmen sollte. Weit gefehlt! Ihr werdet als Missionare ausge­sandt, um miteinander und mit dem Zweigbüro der Watch Tower Bible and Tract Society zusammenzuarbeiten, das das Werk in dem euch zugeteilten Land beauf­sichtigt und leitet. Darum laßt euch nicht von dem Gedanken an Komitees verwirren …. „

Von der leitenden Körperschaft war auffälligerweise überhaupt nicht die Rede; sie wurde völlig von der Korporation überschattet. Kein Mensch hatte je davon gesprochen, die Missionare als Komitees auszusenden, damit sie „die Leitung des Werkes im Zuteilungsland übernehmen“ sollten! Das diente alles nur als rhetorisches Vehikel, um das Konzept der Komitees einzuführen und als ganzes zu verunglimpfen.

Die Ansprache ging als nächstes auf Philippus, den „Evangeliumsverkündi­ger“, ein und führte noch einmal zu der Frage: „Wer ernannte ihn zum Evangeliumsverkündiger oder Missionar?“[8]

Der Vizepräsident verwies auf Apostelgeschichte, Kapitel 6, wonach die Apostel es gemeinsam als nötig ansahen, sieben Männer einzusetzen, [81] darunter Philippus, die sich der Essenverteilung annehmen sollten, damit die Beschwerden aufhörten, einige Witwen würden dabei ungerecht behan­delt. Er fuhr fort:

„Sieht man in dem Nachschlagewerk McClintock and Strong’s Cyclopedia of Religious Knowledge nach, so findet man heraus, daß die Arbeit, die die Apostel den sieben Männern aufgetragen hatten, als ‚teils geistliche, teils weltliche Tätigkeit’ bezeichnet wird. Derartige weltliche Tätigkeit wollten die Apostel nicht; sie übertrugen sie diesen sieben Männern und sagten zu ihnen: ‚Nehmt ihr euch dieser Angelegenheit an. Und wir befassen uns vor allem mit Gebet und Lehre.’ Wollten die zwölf Apostel des Herrn Jesus Christus sich dadurch, daß sie die Verantwortung für die Nahrungsverteilung auf andere übertrugen, bloß zu Galionsfiguren der Versammlung Gottes und Jesu Christi machen? Ganz bestimmt machten sie sich nicht zu Galionsfiguren, indem sie sich auf die geistigen Dinge konzentrierten.“

Diese Worte kamen den meisten Mitgliedern der leitenden Körperschaft bekannt vor, denn sie hatten sie schon aus dem Mund des Präsidenten gehört, als er ihnen vorgehalten hatte, die leitende Körperschaft solle sich um die „rein geistigen Belange“ kümmern und den Rest der Korporation überlassen. Merkwürdigerweise aber verbrachte etwa die Hälfte ihrer Mit­glieder die täglichen acht Stunden und 40 Minuten Arbeitszeit mit eben solcher „weltlichen Tätigkeit“. Dan Sydlik und Charles Fekel arbeiteten in der Druckerei; Leo Greenlces kümmerte sich um Versicherungen und ähnliche Dinge im Büro des Sekretär-Kassierers; John Booth unterstand die Bethelküche, Bill Jackson bearbeitete Rechtsfragen; Grant Suiter küm­merte sich jeden Tag um Finanzfragen, Geldanlagen, Wertpapiere und Testamente; Milton Henschel und der Präsident selbst schließlich (der die Aufgaben zuteilte) wickelten einen Großteil der „weltlichen“ Verwaltungs­arbeit ab, die nach den Worten des Vizepräsidenten anderen überlassen werden sollte.

4.4.3 Paulus als Beispiel des Einzelkämpfers, nur dem aussendenden Christus gegenüber verantwortlich und nicht einer „leitenden Körperschaft“ in Jerusalem

Als nächstes kam die Geschichte von Paulus, dem bekehrten Saulus, an die Reihe, wie er nach seiner Bekehrung nach Jerusalem ging und nur mit zwei der Apostel sprach, nicht mit allen, und wie er dann schließlich nach Antiochia in Syrien kam. Als der Redner beschrieb, wie Paulus und Barnabas vom heiligen Geist zu Missionaren berufen wurden, betonte er unablässig, daß all dies durch die Gemeinde in Antiochia geschah (also ohne Mitwirken Jerusalem, wo sich die Apostel aufhielten).[9] Er führte aus:

„Und dann plötzlich, als er [Paulus] im syrischen Antiochia – nicht in Israel, sondern in Syrien – diente, da sprach auf einmal der Geist Gottes zu jener Versammlung in Antiochia und sagte: .Ihr, ja genau, IHR, die Versammlung von Antiochia, ihr sollt mir von allen Personen diese beiden Männer, Barnabas und Saulus, aussondern für das Werk, zu dem ich sie berufen habe.‘ Und genau so taten sie es und legten ihre Hände auf Paulus [oder Saulus) und Barnabas und sandten sie [82] aus … und sie gingen hinaus in der Kraft des heiligen Geistes, der durch die Versammlung in Antiochia wirkte, und begaben sich in ihre erste Missionarzutei­lung.

So seht ihr, wie der Herr Jesus Christus als Haupt der Versammlung waltete und unmittelbar eingriff, ohne irgend jemand hier auf Erden zu befragen, was er tun und lassen solle. So wurden Paulus und Barnabas Apostel der Versammlung von Antiochia.“

Ich weiß noch, wie ich an dieser Stelle des Vortrags dasaß und zu mir sagte:

„Merkt der Mann eigentlich, was er da sagt? Man weiß zwar, worauf er hinaus will, daß er die Bedeutung der leitenden Körperschaft herunterspie­len will, um die Autorität der Gesellschaft und ihres Präsidenten zu betonen. Doch sieht er überhaupt die Tragweite seiner Worte? Um sein Ziel zu erreichen, untergräbt er total die Lehre, es habe im 1. Jahrhundert in Jerusalem eine zentralistische leitende Körperschaft gegeben, ausgestattet mit der Autorität, alle wahren Christen in sämtlichen Gemeinden weltweit in allem zu überwachen und zu steuern. Diese Vorstellung haben die Schriften der Gesellschaft bei allen Zeugen Jehovas fest etabliert, und praktisch alle glauben das.“

Doch der Vizepräsident war noch längst nicht fertig. Er legte sogar noch zu, um seinen Gedanken auch wirklich klar zu machen. Er beschrieb den Abschluß der ersten Missionsreise von Paulus und Barnabas, und seine Vortragsweise wurde immer plastischer und erregter:

“ … und wohin gingen sie dann, wo meldeten sie sich? Hier ist der Bericht, ihr könnt ihn selbst in den abschließenden Versen von Apostelgeschichte, Kapitel 14, nachlesen. Sie gingen nach Antiochia zurück, zu der Versammlung dort, und es heißt, daß sie ihnen viele Einzelheiten erzählten, dieser Versammlung, die sie der unverdienten Güte Gottes überantwortet hatte für das Werk, das sie ausgeführt hatten. Dort meldeten sie sich also zurück.

In dem Bericht steht auch, daß sie dort in Antiochia nicht wenig Zeit verbrachten. Und was geschah dann? Ganz plötzlich geschah etwas, das Paulus und Barnabas auf den Weg nach Jerusalem führte. Was war es denn, das sie dorthin führte?

Nun, waren es die Apostel und die anderen Ältesten der Versammlung in Jerusalem, die sie zu sich zitierten und sagten: ‚Jetzt hört aber mal! Uns ist zu Ohren gekommen, daß ihr beide auf Missionsreise wart und nach deren Beendi­gung euch nicht bei uns hier in Jerusalem gemeldet habt. JA, WISST IHR NICHT, WER WIR SIND? Wir sind der Rat von Jerusalem. ERKENNT IHR DEN HERRN JESUS CHRISTUS NICHT ALS HAUPT AN? Wenn ihr nicht schleunigst her­kommt, werden wir Strafmaßnahmen gegen euch ergreifen!’

Sagt das der Bericht? Angenommen, solche Maßnahmen wären gegen Paulus und Barnabas ergriffen worden, weil sie sich bei der Versammlung zurückgemeldet hatten, durch die sie der heilige Geist ausgesandt hatte, dann hätte sich dieser Rat der Apostel und übrigen Männer der Versammlung der Judenchristen in Jerusalem über den Herrn Jesus Christus, das Haupt, erhoben.“

4.4.4 Der offensichtliche Widerspruch zwischen Lehre und Tatsache!

Was er sagte, war völlig richtig. Und es war genau das Gegenteil von dem, was in den Veröffentlichungen der Gesellschaft stand. Dort wird gesagt, daß in Jerusalem eine leitende Körperschaft amtierte, die im Auftrage Christi die volle Autorität über die Gesamtheit der Christen ausübte und ihnen Anweisungen gab, und zwar aus göttlicher Machtbefugnis heraus. Das [83] erklärt wohl auch, weshalb diese Ansprache des Vizepräsidenten ganz im Gegensatz zu seinen anderen Vorträgen nie im Wachtturm veröffentlicht wurde. Jeder Zeuge, der diese Gedankengänge heute vertritt, gilt als Ketzer und Rebell. Wörtlich genommen, besagten seine Worte, daß jede beliebige Versammlung ihre eigenen Missionare aussenden könnte, wenn deren Mitglieder glaubten, von Jesus Christus und dem heiligen Geist dazu beauftragt worden zu sein. Es brauchte niemand anders vorher befragt zu werden, weder in Brooklyn noch in einem Zweigbüro. Gegen eine derartige Bedrohung der Zentralgewalt würden die Weltzentrale und deren Dienst­stellen, darüber konnte kein Zweifel bestehen, umgehend einschreiten. Jede Versammlung, die das täte, bekäme dann zu hören: „Ja, wißt ihr nicht, wer wir sind? Erkennt ihr den Herrn Jesus Christus nicht als Haupt an, der durch uns wirkt?“ Alles was er in seinem Vortrag sagte, stimmte. Daran gab es nichts zu rütteln. Doch es war genauso wenig dazu bestimmt, in die Praxis umgesetzt zu werden, wie das, was er vier Jahre zuvor über „den Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, gesagt hatte. Der einzige Unterschied lag darin, daß er durch den Vergleich der Korporation mit der Versammlung in Antiochia belegen wollte, daß die Gesellschaft von der leitenden Körper­schaft unabhängig fungiert.

Der wahre Grund für Paulus und Barnabas, nach Jerusalem zu gehen, so hieß es in der Ansprache weiter, sei gemäß Apostelgeschichte, Kapitel 15, gewesen, daß Jerusalem selbst zu einem schweren Problem für die Ver­sammlung in Antiochia geworden war. Einige Männer aus Jerusalem hatten in der Gemeinde für Unruhe gesorgt wegen der Frage, ob man noch das Gesetz halten und die Beschneidung durchführen sollte. Die Reise nach Jerusalem sollte also den Zwist, den die Unruhestifter verursacht hatten, aus der Welt schaffen.

Danach ging es um die zweite Missionsreise des Paulus mit seinem neuen Partner Silas. Der Redner betonte noch einmal, daß sie aus der Gemeinde Antiochia aufbrachen, so daß“wiederum die Versammlung Antiochien dazu gebraucht wurde, Missionare auszusenden, die in der Bibel eine bedeutende Rolle spielen.“ Nach Antiochia kehrten sie auch zurück, und von Antiochia aus schließlich begab sich Paulus auf seine dritte Reise. Dann faßte der Vizepräsident den Bericht in Apostelgeschichte mit folgenden Worten zusammen:

„Wenn wir also den Bericht über die beiden herausragendsten Missionare, die in der Bibel vorkommen, untersuchen, stellen wir fest, daß sie vom Herrn Jesus Christus, dem Haupt der Kirche, ausgesandt wurden, was auch die Watch Tower Bible and Tract Society seit ihrer Gründung so vertreten und akzeptiert hat. Wir sehen daher, daß der Herr Jesus Christus das Haupt der Kirche ist und das Recht hat, unmittelbar zu handeln, ohne auf irgendwelche anderen Organisationen Rücksicht zu nehmen, wer sie auch sein mögen. Er ist das Haupt der Kirche. Wir können nicht gegen dasvorgehen, was ER TUT.“

4.4.5 Wer dieselbe Ansicht des Vizepräsidenten Franz vertritt gilt aber als Abtrünniger!

Die Auffassung, die in den letzten drei Sätzen wiedergegeben wird, vertreten heute auch einige Zeugen. Dafür, daß sie haargenau dieselbe Ansicht wie [84] der Vizepräsident vertreten, brandmarkt man sie als „Abtrünnige“. Diese Worte waren wieder einmal ganz eindeutig nicht so gemeint, wie sie sich anhörten. Im selben Atemzug sagte er nämlich, die Autorität der Watch Tower Bible and Tract Society anzuzweifeln hieße, die Autorität des Herrn Jesus Christus anzuzweifeln. Daran, daß das von der leitenden Körperschaft eingesetzte Fünferkomitee Ausdruck der Leitung durch das Haupt der Kirche sein könnte, daran glaubte er nicht, und zwar ganz einfach deswegen, weil Jesus Christus ja die Gesellschaft habe gründen lassen und durch sie tätig sei. In meinen Augen war hier die Argumentation durcheinanderge­raten.

Als er nun zum Kern der Sache kam und alles auf die heutige Zeit anwendete, wurde deutlich, daß dies der Hauptzweck der Ansprache war. Er sprach von der Berufung Charles Taze Russells, davon, wie er eine neue religiöse Zeitschrift mit dem Titel Watch Tower herausgab, und fragte dann: „Wer gab diesem Mann die Befugnis dazu?“ Sodann schilderte er, wie Russell die Zion’s Watch Tower Bible and Tract Society gründete, und fuhr fort:
„Und vergeßt nicht, Freunde, als er diese Gesellschaft, die Watch Tower Bible and Tract Society, gründete, hatte er keine UNNÜTZE Gesellschaft oder Organisation im Sinn.“

Der Herr Jesus Christus und der heilige Geist – so Fred Franz – beriefen Russell, und sie standen auch hinter der Gründung der Korporation, dieser „aktiven, nutzbringendenGesellschaft“. Anschließend berichtete der Vize­präsident von der Gründung der Gileadschule: daß sie eine Idee des Präsidenten war, daß die Direktoren das Vorhaben befürworteten, als man sie davon in Kenntnis setzte, und daß die verantwortliche Leitung der Schule dem Präsidenten übertragen wurde. Während er das sagte, saß Nathan Knorr auf der Bühne, und auf ihn zeigte Fred Franz während der nun folgenden Worte:

„Ihr seht also, liebe Freunde, die Direktoren der New Yorker und der pennsylvani­schen Gesellschaft hatten damals Respekt vor dem Amt des Präsidenten, und sie behandelten den Präsidenten nicht als starre, unbewegliche Galionsfigur einer x-beliebigen Gesellschaft, einer unnützen Gesellschaft.“

Daß er darauf hinsteuern würde, hatte ich von Anfang an vermutet, und so überraschten mich seine Äußerungen nicht, höchstens die Art, wie er sie formulierte. Von da ab wurde seine Rede gemäßigter im Ton. Er hob die besondere Bedeutung des Tages der Veranstaltung, des 7. September 1975, hervor:

„Und wißt ihr, was das bedeutet? Gemäß diesem Taschenkalender, einem hebräi­schen Kalender aus Israel (er hob ein kleines Heft hoch), haben wir heute den zweiten Tag des Monats Tischri des Mondjahres 1976, und wißt ihr, was das bedeutet? Heute ist der zweite Tag des siebten Millenniums der irdischen Existenz des Menschen. Ist das nicht etwas Besonderes? Ist es nicht großartig (Applaus), daß die Eröffnung des siebten Jahrtausends menschlicher Geschichte dadurch gekennzeichnet [85] wird, daß die Watch Tower Bible and Tract Society in voller Übereinstim­mung mit ihrer ursprünglichen Bestimmung die 59. Klasse der Gileadschule in den Missionardienst aussendet?

Jehova Gott hat diese Schule ganz bestimmt gesegnet, und wegen der Frucht, die sie hervorbringt, ist sie ein bewährt es Werkzeug in der Hand Jehovas Gottes geworden, so daß es keinen Grund gibt, das Recht und die Befugnis dieser Gesellschaft, Missionare auszusenden, anzuzweifeln. Und beachtet bitte, Freunde, genauso wie Gott sich der Versammlung in Antio­chien bediente, um zwei der bedeutendsten Missionare des ersten Jahrhunderts auszusenden, genauso bedient sich Jehova Gott heute der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, in Zusammenarbeit mit der New Yorker Gesell­schaft, um weitere Missionare auszusenden, und diese sind entschlossen, das auch weiterhin zu tun. Dies erfüllt sie mit sehr, sehr großer Freude und Dankbarkeit.“[10]

Damit war klar, was der Vizepräsident meinte: Seiner Meinung nach hatte irgend jemand den Fehdehandschuh hingeworfen, um die Stellung des Präsidenten in Frage zu stellen. Nach dieser Rede waren die Fronten klar und unmißverständlich gezogen. Die Gesellschaft hatte ihr abgestecktes Territorium, in dem sie souverän schalten und walten konnte, und aus dem sich die leitende Körperschaft gefälligst herauszuhalten hatte. Traurig nur, daß viele, die mit ihm in dem Gremium saßen, damit eindeutig in die Rolle des Aggressors gedrängt und öffentlich bloßgestellt wurden, weil sie angeb­lich die Autorität des Herrn Jesus Christus leugneten, die dieser seinem „bewährten Werkzeug“ verliehen hatte.

4.5 Hat der Christus seinen ernannten Propheten und Vertreter auf Erden?
4.5.1 Der interne Kampf um die Macht wirft seine Kreise

Unter den Freunden und Verwandten der Gileadschulabsolventen, die als Gäste anwesend waren, herrschte allgemeines Rätselraten über vieles, das gesagt worden war. Welchen tieferen Sinn die Ansprache überhaupt hatte und warum so scharfe Worte fielen, blieb ihnen unklar. Bei den Gliedern der Bethelfamilie, die zwar aus den Kommentaren des Präsidenten und des Vizepräsidenten beim Frühstück bereits eine vage Ahnung von Zwistigkei­ten hatten, verstärkte sich jetzt der Verdacht, daß die leitende Körperschaft im Streit lag und offenbar ein Machtkampf im Gange war.

Es hätte wohl kaum einen größeren Gegensatz geben können als den zwischen dieser Ansprache und der über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“, vier Jahre vorher. Beide Male derselbe Redner, doch mit genau entgegengesetzten Inhalten. Als ich an jenem Tag aus dem Saal ging, war ich im Innern ganz aufgewühlt; mir war regelrecht schlecht. Man konnte Gottes Wort anscheinend so hinbiegen, daß es einmal zu dem einen Argument paßte, wenn die Umstände es erforderten, und ein anderes Mal, wenn die Situation eine andere war, zu dem glatten Gegenteil. Und das fand ich beängstigender als alles andere.

4.5.2 Rutherfords Übergabe des Prophetenmantels an ein Dreierkomitee? Der letzte Wille!

Um Fred Franz zu verstehen, muß man – wie bei Nathan Knorr – etwas mehr über ihn wissen. Als Richter Rutherford Ende 1941 in Beth Sarim auf dem Sterbebett lag, rief er drei Männer zu sich: Nathan Knorr, Fred Franz und [86] Hayden Covington. Er teilte ihnen mit, es sei sein Wille, daß sie das Werk nach seinem Tod fortführen und dabei zusammenhalten sollten. Dies erinnerte daran, daß auch Pastor Russell ein Vermächtnis hinterließ; diesmal allerdings wurde es nicht in schriftlicher Form, sondern mündlich übermittelt. Als Fred Franz 20 Jahre später, im Jahre 1961, das Buch „Dein Name werde geheiligt“ schrieb, bezog er sich auf dieses Ereignis, als er an einer Stelle die Übergabe des Prophetenmantels („Amtsgewand“ in derNeuen-Welt-Übersetzung) durch Elia an seinen Nachfolger Elisa besprach[11]. Er stellte das ganze als ein prophetisches Drama dar:

„Rutherford lag an der Pazifikköste im Krankenbett, als die Vereinigten Staaten von Amerika am Sonntag, dem 7. Dezember 1941 in den Krieg gestürzt wurden. Zwei GEGENWÄRTIGE ERZIEHUNG ZUR HEILIGUNG DES NAMENS 325 Männer, die zum gesalbten Überrest gehörten (der eine seit 1913 und der andere seit 1922) und einer, der sich zu den „anderen Schafen“ bekannte (seit 1934), wurden vom Hauptbüro in Brooklyn an das Bett Rutherfords in dem Heim genannt Beth-Sarim in San Diego, Kalifornien ge­rufen. Am 24. Dezember 1941 gab er diesen dreien letzte Anweisungen. Jahrelang hatte er gehofft. die treuen Pro­pheten einschließlich Elias und Elisas, von den Toten auf­erweckt, als Königreichs-„Fürsten … auf der ganzen Erde“ in der neuen ‚Welt Gottes zu sehen. (Psalm 45:16 Fußnote) Doch am Donnerstag, dem 8. Januar 1942, starb Ruther­ford im Alter von zweiundsiebzig Jahren als ein treuer Zeuge Jehovas, der völlig den Interessen des Königreiches Gottes ergeben war. Er hatte sich in seiner Stellung auf Jehovas Seite in der überragenden Streitfrage der Univer­salherrschaft als treu erwiesen.Von unserer Zeit aus gesehen, scheint es, daß dort das Elia-Werk zu Ende ging und das Elisa-Werk begann. Es war wie damals, als Elia und Elisa die Wasser des Jordan bis ans Ostufer teilten, hinübergingen und Elias Hinweg­nahme erwartend, zusammen weiter liefen.“[12]

Als die leitende Körperschaft über die Vorschläge zum Umbau der Organisa­tion diskutierte, nahm der Vizepräsident direkt auf diesen Auftrag Bezug, den er von dem sterbenden Richter Rutherford erhalten hatte. Ich bin sicher, Fred Franz glaubte, damals habe eine Art Mantelübergabe stattgefunden. Nachfolger Rutherfords als Präsident wurde, wie bereits gesagt, Nathan Knorr. Dieser bat Hayden Covington, den Rechtsanwalt aus Texas, der die Zeugen Jehovas in zahlreichen Fällen vor dem Obersten Gerichtshof der USA vertreten hatte, das Amt des Vizepräsidenten zu übernehmen, und dies, obwohl Covington sich nicht zu den „Gesalbten“ zählte. (Das zeigt, daß weder Richter Rutherford noch anfangs Nathan Knorr meinten, lei­tende Mitarbeiter in der Weltzentrale müßten unbedingt zu den „Gesalbten“ [87] gehören.) Aus der Aussage Covingtons im Fall Walsh vor einem Gericht in Schottland geht hervor, daß er und Knorr erst einige Jahre später, nachdem Anfragen deswegen eingegangen waren, darüber gesprochen hat­ten; daraufhin hatte er sich zum Rücktritt entschlossen[13], Das persönliche Verhältnis der beiden verschlechterte sich im Laufe der Zeit, und schließ­lich gab Covington die Mitarbeit im Hauptbüro auf und eröffnete eine Anwaltpraxis[14], NachCovingtons Rücktritt im Jahre 1944 wurde Fred Franz zum Vizepräsidenten gewählt.

4.5.3 Das Gefühl ein ernannter Prophet zu sein wirkt sich auf das Handeln und Reden aus

Obwohl sich damit die Zahl der Erben Rutherfords (der mit dieser Nachfol­geregelung auf dem Sterbebett zugleich bewies, daß es zu jener Zeit keine amtierende leitende Körperschaft gab) von drei auf zwei verringert hatte, waren diese anscheinend doch noch stark von dem Gefühl erfüllt, eine prophetische Rolle spielen zu müssen. So widmete Fred Franz – inzwischen Präsident geworden -, als er 1978 anläßlich eines großen Kongresses in Cincinnati (Ohio) gebeten wurde, den 30000 Zuhörern etwas aus seinem Erfahrungsschatz als Zeuge Jehovas zu erzählen, den Hauptteil seiner Redezeit seinem Verhältnis zu dem verstorbenen Nathan Knorr, wobei er die Worte Richter Rutherfords auf dem Sterbebett ganz besonders heraus­stellte. Es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, daß seine Ansprache den Charakter einer Lobrede annahm, als Fred Franz die Eigenschaften Knorrs beschrieb und betonte, er habe bis zum Ende zu Nathan Knorr gehalten, „genau wie der Richter es von uns verlangt hatte“. Darauf sei er stolz. Seine Ansicht, er habe als Nachfolger „den Mantel übernommen“, kommt vielleicht noch deutlicher in einer Äußerung zum Vorschein, die er im selben Jahr auf einer Sitzung des mittlerweile entstandenen Schreibkomi­tees der leitenden Körperschaft machte. Anwesend waren Lyman Swingle, Ewart Chitty, Lloyd Barry, Fred Franz und ich. Ed Dunlap schrieb gerade einen Kommentar zum Jakobusbrief, und Fred Franz hatte um eine Ände­rung von Dunlaps Text über Jakobus, Kapitel 3, Vers 1, gebeten. Dort steht in der Bibel:

„Nicht viele von euch sollten Lehrer werden, meine Brüder, da ihr wißt, daß wir ein schwereres Gericht empfangen werden.“

In Dunlaps Textentwurf stand, daß dies offenbar eine Warnung an unfähige Leute war, die nur wegen des Ansehens Lehrer werden wollten. Fred Franz bat darum, den größten Teil dieses Entwurfs zu streichen, gab aber keine nähere Begründung dafür, außer folgendem schriftlich vorgelegten Text:

„Wenn Jesus einige gab, die Lehrer sein sollten, wie viele sollten das sein? Und da Jesus sie gibt, wie konnte Jakobus dann schreiben ,nicht viele von euch sollten Lehrer werden‘? Wie wurde Jakobus ein Lehrer?“ [88]

4.5.4 Fred Franz sieht sich selbst als verantwortlicher Lehrer und Prophet

Da man mich beauftragt hatte, für die Erstellung dieses Kommentars verantwortlich zu zeichnen, fragte ich Fred Franz in der Sitzung, ob er seine Einwände klarer formulieren und sagen könne, wie er den Text verstand. Er erwiderte, seiner Meinung nach ginge daraus hervor, daß es Gottes Wille sei, in der gesamten Christenversammlung nur wenige zu haben, die rechtmä­ßig „Lehrer“ genannt würden. Ich erkundigte mich dann, wer diese in unserer Zeit seien. Mit betont ruhiger Stimme sagte er darauf:

„Nun, ich glaube, daß ich es bin. Ich bin jetzt seit 50 Jahren im Hauptbüro und habe die meiste Zeit davon mit Nachforschen und Schreiben zugebracht, und deswegen glaube ich, dass ich es bin. Und dann- gibt es noch ein paar andere Brüder auf der ganzen Erde, die es sind.“

Diese Antwort hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt, so sehr hat sie mir damals die Sprache verschlagen. Und ich war nicht der einzige, der diese Worte hörte, denn die drei anderen Mitglieder des Schreibkomitees waren ebenfalls dabei. Namentlich hatten wir damit aber erst einen einzigen Lehrer auf Erden ermittelt: Fred Franz. Wer die anderen waren, das mußtenwir raten. Mehr als einmal habe ich später zu Lyman Swingle gesagt, wie sehr ich es bedauerte, nicht auch nach den Namen der anderen „Lehrer“ unserer Tage gefragt zu haben. Doch für diesen einen Augenblick blieb mir die Spucke weg.

Zusätzlich zu dieser Änderung von Dunlaps Text wollte Präsident Franz auch noch einige Punkte neu in den Kommentar aufgenommen wissen. Auf Seite 2 seines Schriftsatzes heißt es:

„Wir wissen nicht, wie Jakobus selbst ein Lehrer wurde, wir lesen nur, daß ihm sein Halbbruder, Jesus Christus, nach seiner Auferstehung erschien (1. Kor. 15:7; Apg. 1:14). Nicht jeder Gott hingegebene, getaufte Christ, der ein Lehrer werden möchte, hat selbstsüchtige Motive dabei. Ein solches Beispiel für einen Lehrer mit guten Beweggründen finden wir in dem 27jährigen Herausgeber der Zeitschrift Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence im Juli des Jahres 1879 (Pastor Russell).“

Das erinnerte an den Gileadabschlußvortrag von 1975, in dem er die Ansicht vertreten hatte, Pastor Russell sei von Jesus Christus persönlich berufen worden, einen besonderen Auftrag zu erfüllen. In diesem Text nun, drei Jahre später, ließ er durchblicken, daß diese persönliche Auswahl durch Jesus Christus auch noch in anderen Fällen vorkam, mit dem Ergebnis, daßnur eine kleine erlesene Schar berufen wurde, um als besondere „Lehrer“ in der Versammlung zu dienen.[15]

4.5.5 „Einer ist euer Lehrer, während ihr alle Brüder seid“

Der Textvorschlag, der Russell mit erwähnte, wurde aber nicht in das Buch aufgenommen. Um die Einwände von Fred Franz zu berücksichtigen, verfaßte ich einen neuen Text, der den von Dunlap ersetzen sollte und im [89] Kommentar zum Jakobusbrief auf den Seiten 99 bis 102 erscheint. In gewissem Sinne stellte dies eine Widerlegung seiner Ansicht dar, denn die Worte Jesu in Matthäus, Kapitel 23, Vers 8: „Ihr aber, laßt euch nicht Rabbi nennen, denn einer ist euer Lehrer, während ihr alle Brüder seid“ wider­sprachen vollständig der Auffassung, es gebe eine kleine Zahl von Männern, die eine besondere Gruppe speziell ausgewählter „Lehrer“ bildeten. Meine Neufassung fand die Zustimmung des Komitees und wurde so veröffent­licht.

Und es gibt noch eine weitere Erklärung für den Widerspruch zwischen den kühnen, markigen Worten auf dem Papier (wie in den Artikeln über den „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“) und der vergleichsweise dürftigen, bescheidenen Wirklichkeit. Der Grund lag darin, daß die leitenden Vertreter der Gesellschaft schon verstehen würden, daß kleine Veränderungen stell­vertretend für eine große, echte Reform stehen könnten und hinreichender Ersatz dafür seien.

So entschloß sich Präsident Knorr 1971, sein Monopol auf den Vorsitz bei den Mahlzeiten der Bethelfamilie aufzugeben und diesen mit den anderen Mitgliedern des Vorstands der Gesellschaft zu teilen. Außerdem gestattete er ihnen, der Reihe nach den Vorsitz bei den Sitzungen der leitenden Körperschaft zu übernehmen. Das allein wurde als ausreichender Beweis dafür angesehen, daß die Korporationen (und deren Leitung) nun tatsächlich der leitenden Körperschaft unterstanden und daß „der Hund mit dem Schwanz wedelte“. An der Machtstruktur aber hatte sich sonst praktisch überhaupt nichts geändert, und man glaubte auch gar nicht, das sei nötig, um aus dem so eindrucksvoll gezeichneten Bild Wirklichkeit werden zu lassen.

Daß dies insbesondere auch die Sichtweise von Fred Franz war, mußte auf der Hand liegen, gerade weil er es war, der, überraschend genug, bereits im Jahr 1944 Aufsätze für denWatchtower geschrieben hatte, in denen alle wesentlichen Punkte, die im Hilfe-Buch über Älteste und Aufseher erschie­nen, bereits enthalten waren,[16] Doch das hatte damals trotzdem keinerlei Änderungen in der Versammlungsstruktur zur Folge gehabt. Immerhin war es gesagt worden, man hatte es veröffentlicht, und das sah man als hinreichend an.

4.6 Der beständige unheilige Einfluss einer weltlichen Korporation und deren Interessen
4.6.1 Stimmrecht in der Korporation wird von Spende entkoppelt

In jenen Aufsätzen wurde das Jahr 1944 als ein herausragendes Jahr in der biblischen Prophetie dargestellt, und zwar vor allem, weil das Stimmrecht auf denJahreshauptversammlungen der Korporation durch eine Satzungs­änderung nicht mehr durch eine Spende in Höhe von 10 Dollar erworben werden konnte. Stattdessen sollten maximal 500 Personen, die der Vorstand der Gesellschaft ausgesucht hatte, ein Stimmrecht ausüben. Wer an einer solchen Jahreshauptversammlung der Watch Tower Society, auf der die Vorstandswahlen stattfinden, nur einmal teilgenommen hat, weiß, welch [90] platte Routine diese Versammlungen sind und daß die Wahlen eine reine Formsache sind. Die große Mehrheit der Stimmberechtigten hat buchstäb­lich keine Ahnung von den internen Abläufen und kann auf die Leitlinien und die Vorhaben der Organisation weder Einfluß noch Kontrolle ausüben, denn sie hat kein Mitspracherecht und braucht nicht gehört zu werden. Der geschäftliche Teil einer solchen Versammlung dauert meist nicht länger als eine Stunde, und das war dann auch schon alles bis zum nächsten Jahr. Und dennoch wurde die Annahme dieser Satzungsänderung zum Stimm­recht in Wachtturm-Artikeln der Ausgabe vom 15. März 1972 (Verfasser: Fred Franz) als so bedeutend dargestellt, daß sie den Schlüssel zur Deutung der Prophezeiung aus Daniel 8:14 bildete, wo von 2300 Tagen die Rede ist, in denen die heilige Stätte in ihren rechten Zustand gebracht werden‘ solle. Unter tausend Zeugen Jehovas, denen man diesen Bibelvers heute vorlegt, wird wohl kaum ein einziger die Stelle mit dem Jahr 1944 und der damaligen Satzungsänderung in Verbindung bringen. Dabei ist das die bis heute gültige offizielle Auslegung dieser Prophezeiung. Auch das war ein Beispiel dafür, wie man ein unbedeutendes Ereignis hernehmen und mit großer symboli­scher Bedeutung befrachten kann.

4.6.2 Bericht des Fünferkomitees als Vorschlag für Veränderung von der Macht eines Königs hin zur leitenden Körperschaft

Am 15. August 1975 legte das Fünferkomitee seinen Abschlußbericht einschließlich der Empfehlungen vor. Im Auftrage des Komitees hatte ich ein Schriftstück von 45 Seiten Umfang ausgearbeitet, in dem ich die geschichtlichen und vor allem die biblischen Gründe darlegte, weshalb die Änderung der im wesentlichen monarchischen Grundstruktur der Organi­sation empfohlen wurde. Auf weiteren 19 Seiten wurde ein System von Ausschüssen der leitenden Körperschaft vorgestellt, von denen jeder die Leitung eines Ressorts übernehmen sollte. DerSchlußabsatz des erstge­nannten Dokuments lautete:

„Das Fünferkomitee ist bei allen Beratungen gebetsvoll und äußerst bedachtsam vorgegangen und hat alles gewissenhaft erwogen. Wir hoffen aufrichtig, daß Gottes Geist uns zu den Ergebnissen geführt hat, und beten darum, daß diese der leitenden Körperschaft eine Hilfe sein mögen, zu einer Entscheidung zu gelangen. Wir. hoffen, daß die empfohlenen Maßnahmen im Fall ihrer Verabschiedung zu einer noch angenehmeren, friedvolleren Zusammenarbeit innerhalb des Gremiums führen und die Spannungen vermindern, die in unseren Zusammenkünften bisweilen zu Tage getreten sind [Ps. 1.33: 1; Jak. 3: 17,18). Des weiteren hoffen wir, daß die empfohlenen Änderungen, sofern sie Zustimmung finden, die Stellung Jesu Christi als Haupt stärken und noch deutlicher hervortreten lassen, ebenso den Geist der Bruderschaft unter seinen Jüngern (Mark. 9:50).“

Darin war mein aufrichtiges Denken und Hoffen ausgedrückt. Wie man aus diesen Worten herauslesen konnte, daß darin die Leitungsfunktion Jesu Christi über die Versammlung angezweifelt wurde, war mir schleierhaft.[17] [91]

Die Unterlagen wurden der leitenden Körperschaft vorgelegt, und in der Sitzung am 10. September 1975 war klar geworden, daß inzwischen die überwältigende Mehrheit für den grundlegenden Wandel war. Man setzte aber noch ein zweites Fünferkomitee ein, das letzte Änderungen vorneh­men sollte.[18] Weder der Präsident noch der Vizepräsident wurden in dieses Komitee gewählt, da diese ihre insgesamt ablehnende Haltung bereits unmißverständlich zu erkennen gegeben hatten.

Der Präsident bezweifelte in der Sitzung vor allem, daß ein solcher Wechsel praktikabel sei. Der Vizepräsident hingegen sagte ganz offen, für ihn stelle der Vorschlag „einen Angriff auf die Stellung des Präsidenten“ dar. Als man ihm den Wortlaut des Antrags vorlas, den der Präsident selbst gestellt hatte, erwiderte er, das habe Bruder Knorr nur gesagt, weil er „unter Druck stand“. Dann trug Lyman Swingle vor, er glaube, alle in der Runde hätten Respekt vor dem Präsidenten und niemand sehe in ihm die „starre, unbewegliche Galionsfigur einer unnützen Gesellschaft“, womit er den Vizepräsidenten aus seiner Rede bei der Gilead-Abschlußfeier wörtlich zitierte. Er hob hervor, der Präsident könne auch innerhalb der vorgeschlagenen Neurege­lung weiterhin seine Kraft, Einsatzfreude und Initiative entfalten. Im Verlauf der Diskussion wich der Vizepräsident aber nicht von seiner Position ab, das Fünferkomitee tue in dem Schriftsatz genau das, was er gesagt habe. Er sagte, er werde sich auf der bevorstehenden Jahreshauptver­sammlung für die Beibehaltung der Macht in den Händen der Korporationen einsetzen, und fügte hinzu, den Vortrag auf der Gilead-Abschlußfeier habe er gehalten, weil er sich verpflichtet fühlte, dies den Brüdern zu sagen, damit sie nicht meinten, man habe ihnen einen „üblen Streich“ gespielt.

Das zweite Komitee erarbeitete seine Vorschläge und legte diese am 3. Dezember 1975 vor. Damit kam es zur Schlußabstimmung in dieser Sache.[19] Der Vorsitzende bat um das Handzeichen. Alle Hände hoben sich für die Annahme der vorgeschlagenen Änderungen, nur zwei nicht: die des Präsi­denten und die des Vizepräsidenten.

4.6.3 Wer nun „wedelt“ schlussendlich: „Der Kopf mit dem Schwanz“ oder der „Schwanz mit dem Kopf“?

Am nächsten Tag fand erneut eine Sitzung statt. Der Vizepräsident gab bekannt, am Vortage habe er sich nicht an der Diskussion beteiligt, weil er „damit nichts mehr zu tun haben wolle“, eine Teilnahme würde bedeuten, daß er dafür sei, und das könne er „aus Gewissensgründen nicht“. Mehrfach nannte er Nathan Knorr „die oberste Führung“ der Gesellschaft, die „oberste Führung des Volkes Gottes auf Erden“, und sagte: „Jesus Christus ist nicht selbst auf Erden anwesend und bedient sich daher seiner Beauftrag­ten, die seinen Willen ausführen sollen.“

Dan Sydlik, breitschultriger Slawe mit Baßstimme, meinte: „Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Bruder Knorr und Bruder Franz sich auf die Bibel oder [92] wenigstens auf die Wachtturm-Veröffentlichungen gestützt hätten, um ihre Ansicht zu untermauern, doch das ist nicht der Fall gewesen.“ Leo Green­lees fragte, weshalb sich nicht auch die Korporationen freudig der Führung durch die leitende Körperschaft unterstellen könnten, wenn alle Versamm­lungen auf Erden dies doch täten.

Der Präsident beschränkte sich in seiner Stellungnahme darauf zu sagen, seiner Meinung nach wirke die Gesellschaft „parallel“ zur leitenden Kör­perschaft, doch gemäß der vorgeschlagenen Neuordnung sei sie ihr unter­stellt, und fügte hinzu, „was wohl auch richtig ist“. Der Vizepräsident ließ wissen, auch nach seiner Ansicht sollten die beiden Organisationen neben­einander tätig sein (vielleicht wie Antiochia und Jerusalem) und stellte fest: „So habe ich mir das nie vorgestellt, wie es die leitende Körperschaft jetzt machen will.“

Es war eindeutig, daß Präsident wie Vizepräsident ihren Widerstand auf­rechterhielten. Sichtlich bewegt, flehte Lloyd Barry sie darauf mit zitternder Stimme inständig an, doch zu einer einstimmigen Entscheidung beizutra­gen, da die Sache nun sowieso durchkommen werde.

So wurde noch einmal abgestimmt. Diesmal hob Präsident Knorr die Hand, und dann schloß sich der Vizepräsident ihm an.

4.6.4 Präsident Knorr und Vizepräsident Franz stimmten auf Druck für eine leitende Körperschaft

Vier Jahre später, während einer Sitzung der leitenden Körperschaft im Jahre 1979, sagte Fred Franz, jetzt als Präsident, er habe damals seine Zustim­mung „unter Druck“ gegeben. Dem möchte ich zustimmen. Als Nathan Knorr nachgab, fühlte sich Fred Franz verpflichtet mitzuziehen. Damals habe er den Wechsel nicht gewollt, meinte er, und von da an habe er „nur noch zugesehen“, um zu beobachten, was daraus werden würde.

Aus der beigefügten Graphik, die das zweite Fünferkomitee erstellte, geht die ab 1. Januar 1976 in Kraft getretene Organisationsstruktur hervor.

[93] Was aus den Korporationen jetzt wurde, das hat John Booth wahrscheinlich am besten beschrieben. Er war mit im ersten Fünferkomitee und stammte aus einer ländlichen Gegend im Staat New York, wo er früher Landwirt gewesen war. Er hatte ein sanftes Gemüt und dachte sehr tief und gründlich, wenn er seine Gedanken auch nicht immer so gut ausdrücken konnte. In einer der ersten Sitzungen des Fünferkomitees hatte er gesagt:

„Eine Körperschaft ist nur ein Werkzeug, das vom Gesetz gefordert wird. Sie ist wie ein Kugelschreiber auf meinem Schreibtisch. Wenn ich ihn brauche, nehme ich ihn, und wenn ich fertig bin, lege ich ihn einfach wieder hin, bis ich ihn wieder benötige.“

Das war jetzt die Funktion der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania und der ihr nachgeordneten Vereinigungen. Damit war die Macht des Präsidenten automatisch stark zurückgeschraubt, praktisch auf Null. Das Amt hatte fast nur noch seine rein äußerliche Bedeutung im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften.

4.6.1 Fred Franz als Präsident erwählt: Ein erfreulicher Anfang, leider nur kurz

Nach dem Tode Nathan Knorrs wurde in der leitenden Körperschaft über die Frage des Nachfolgers gesprochen. Als Kandidaten kamen vor allem Vize­präsident Franz und Milton Henschel in Frage, Knorrs enge Mitarbeiter in der Administration. Henschel stellte den Antrag, daß Fred Franz zum Präsidenten gewählt werden sollte, was einstimmig angenommen wurde. Als es um die Nachfolge für Knorrs Posten als Koordinator im Verlagskomi­tee ging, schien konsequenterweise Henschel der Mann dafür, doch der frischgebackene Präsident Fred Franz sprach sich für Lloyd Barry aus. Zwischen Knorr und Henschel hatte in den letzten Jahren kein sehr gutes Verhältnis bestanden und Knorr hatte bei einem Gespräch mit dem ersten Fünferkomitee angedeutet, seiner Meinung nach könne Barry seinen Posten (als Präsident) übernehmen, falls notwendig. Fred Franz sah darin offen­sichtlich analog zu den Sterbebettanweisungen Richter Rutherfords den Hinweis, daß eine Art „Mantelübergabe“ an Barry an der Reihe sei. Das Gremium aber stimmte für Henschel.

In einem Artikel des Nachrichtenmagazins Time hieß es von Fred Franz, dem neuen Präsidenten:

„Wenige nur kennen seinen Namen, und doch hat er jetzt über 2,2 Millionen Seelen auf der ganzen Welt mehr Macht als der Papst über seine Schäfchen.“[20]

Es hätte kaum falscher ausgedrückt werden können. Reichlich ein Jahr zuvor hätte es noch gestimmt, doch das Präsidentenamt bedeutete nicht mehr die in alle Winkel der Erde reichende Machtfülle, die es einmal hatte, wenngleich immer noch ein beträchtliches Ansehen damit verbunden war. Nur wenige Außenstehende konnten ermessen, welch drastischer Wechsel sich innerhalb der leitenden Körperschaft vollzogen hatte.

Nimmt man einmal an, der Präsident hätte wirklich soviel Macht wie der Papst gehabt (wenn auch ohne den Pomp und das Brimborium des päpstlichen [94] Amtes), dann hätten die Zweigaufseher den Erzbischöfen entsprochen, da sie in gleicher Weise „vorsitzführende christliche Aufseher des Gebietes, für das sie ernannt wurden“, waren.[21] Auch bei ihnen änderte sich das, als ihre Verantwortung auf Zweigkomitees übertragen wurde.

In den Jahren 1976 und 1977 gab es einige erfreuliche Momente. Im Hauptbüro schien ein völlig verändertes Klima zu herrschen, ein Geist größerer Bruderliebe, Offenheit und Gleichheit. Das ist manchmal mit dem „Fenster“ verglichen worden, das Papst Johannes XXIII. in der katholischen Kirche aufgetan hatte, damit etwas frischer Wind hereinwehen konnte. Die neuen Komitees der leitenden Körperschaft veranlaßten etliche Neure­gelungen, die das Leben der Bethelfamilie im Hauptbüro in Brooklyn und in den über 90 Zweigbüros erleichterten. Für die einfachen Mitarbeiter wurde finanziell besser gesorgt, die besonderen Bedürfnisse der Frauen und der Älteren wurden berücksichtigt. Im Verlauf des Jahres 1976wurden eine Reihe von Treffen mit Männern abgehalten, auf deren Rat man Wert legte. Als erstes berief man Vertreter von Zweigen in der ganzen Welt, danach reisende Vertreter der leitenden Körperschaft aus allen Teilen der Vereinig­ten Staaten, und schließlich lud man Älteste aus den Versammlungen der verschiedenen Gegenden der USA nach Brooklyn ein.[22] Alle Treffen waren geprägt von einer Atmosphäre der freien Meinungsäußerung, die von den meisten gegenüber dem bislang Gewohnten als erfrischend anders empfun­den wurde.

4.6.2 Statt Autorität auf eine Person zu legen kommt die Autorität der Bibel erneut in den Vordergrund

In die Versammlungen ist davon wahrscheinlich nicht sehr viel gedrungen, denn die vielen Anregungen, die kamen, hat man fast überhaupt nicht in die Praxis umgesetzt. Dennoch war zu beobachten, wie sich viele Zeugen anerkennend darüber äußerten, daß wenigstens eine Zeit lang in den Veröffentlichungen das Hauptgewicht auf die Autorität der Bibel und die Leitung durch Jesus Christus und nicht so sehr auf die einer menschlichen Organisation gelegt wurde. Allgemein stellten sie fest, daß eine gemäßig­tere, ausgewogenere und barmherzigere Linie verfolgt wurde. Ein langge­dienter Zeuge sagte: „Sonst hatte ich immer das Gefühl, ich mußte etwas .; tun; jetzt geht es mir langsam so, daß ich es tun will.“

Die Veränderung des Klimas zeigte sich zum Teil auch bei den Sitzungen der leitenden Körperschaft. Nachdem das vielzitierte Jahr 1975 verstrichen war, ohne daß das Jubeljahr-Millennium angebrochen war, wurde man etwas bescheidener, was sich in einem wahrnehmbaren Abklingen der dogmati­schen Haltung ausdrückte. In den Abstimmungen zeigte sich die Tendenz, weniger vorschnell neue Verhaltensnormen festzulegen und nicht gleich für jede Handlung einen Gemeinschaftsentzug vorzuschreiben. Allerdings war sich das Gremium dabei nie vollständig einig.

Im Laufe des Jahres 1976 verschlimmerte sich Nathan Knorrs Gesundheitszustand [95] zusehends. Doch solange er noch anwesend sein konnte, beteiligte er sich im allgemeinenkooperativ und hilfsbereit, wenngleich man sehen konnte, daß er über die Änderungen nicht glücklich war. Seine Redebeiträge trugen bisweilen zur Versöhnung extremer Standpunkte bei. Zwar stützten sie sich selten auf die Bibel, doch zeigten sie den für ihn typischen Ansatz, die Dinge praktisch zu sehen. Vizepräsident Franz zog es in dieser Zeit vor, nur dabeizusitzen und zuzuhören; nur gelegentlich beteiligte er sich an der Diskussion, und wenn dies geschah, dann war es fast immer gegen Schluß der Debatte, kurz vor der Abstimmung. Aus den vorangegangenen Beiträgen war dann bereits das allgemeine Meinungsbild deutlich geworden, und was er dann noch dazu zu sagen hatte, widersprach genau der Ansicht der Mehrheit. Am drastischsten zeigte sich die Veränderung der Denkweise der Mitglieder des Gremiums vielleicht darin, daß sich in der Abstimmung zwar manchmal eine Verschiebung zu seinen Ansichten hin ergab, er aber häufig überstimmt wurde. Normalerweise sagte er während all der Zeit aber gar nichts, und dann, wenn um das übliche Handzeichen gebeten wurde, ist im offiziellen Protokoll oft vermerkt: „Sechzehn (oder wieviele es gerade waren) dafür; eine Enthaltung“, nämlich die des Vizepräsidenten. Dieses Bild zeigte sich im allgemeinen bei Fragen, in denen es um die Änderung bisheriger Regelungen in Gemeinschaftsentzugsangelegenheiten ging. Dagegen wurden alle Entscheidungen weltlicher, geschäftlicher Natur (wie der Erwerb von Häusern, Maschinen und Grundstücken, Fragen der Büro ­Organisation) und Ernennungen von Mitarbeitern in Zweigkomitees gewöhnlich einstimmig gefällt.

Bei der Verabschiedung der neuen Organisationsstruktur konnte ich kaum glauben, daß eine derartige Veränderung der Machtstrukturen tatsächlich stattgefunden hatte, insbesondere angesichts des immensen Widerstands von seiten der leitenden Köpfe der Organisation wie auch einiger ihrer engen Vertrauten außerhalb der leitenden Körperschaft. Ich hoffte aufrichtig, nachdem der Umbau zur Gleichrangigkeit aller Beteiligten geführt hätte, wäre Raum für mehr Milde, käme es zu einem Abbau des Dogmatismus, würde man dem einzelnen Menschen und seinen Lebensumständen und Problemen mehr Aufmerksamkeit widmen, und möglicherweise käme es eines Tages auch zur Aufgabe der autoritären Haltung, die eine solche Unzahl von Vorschriften hervorgebracht und sich eine derartige Macht über das Leben der Menschen angemaßt hatte.

Einiges davon ist, wie beschrieben, eingetroffen. Jedenfalls eine Zeit lang. Dann aber, nach etwa zwei Jahren, mehrten sich die Anzeichen einer deutlichen Rückkehr zu alten Verfahrensweisen immer mehr. Sie kamen wie eine kalte Brise im Herbst, die die nahende Kälte ankündigt. [96]

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[1] Präsident Knorr sah währenddessen auf der Bühne und widersprach dieser Darstellung nicht.
[2] Mir wurde die Abfassung folgender Kapitel übertragen: „Dein Dienst für Gott“, „Die Reinheit der Versammlung schützen“ und „Ausharren, das zur göttlichen Anerkennung führt“.
[3] Matthäus 23:8, 10; 20:25, 26
[4] Die Artikel in dieser Ausgabe behandelten das Verhältnis zwischen der leitenden K