Jehovas Zeugen – Geheimhaltung und Vernichtung von Unterlagen

Kindesmissbrauch: Es wird seitens der Wachtturm-Organisation eine Geheimhaltung auch bei Straftaten und kriminalpolizeiliche Untersuchungen gefordert:

„Aufseher erhalten oft vertrauliche Informationen. Sie müssen sorgfältig darauf achten nie Unbefugten vertrauliche Informationen mitzuteilen.

… Verletzt ein Ältester die Verschwiegenheitspflicht, könnte dies für ihn und die Organisation rechtliche Folgen haben. Älteste könnten zum Beispiel ihr Zeugnisverweigerungsrecht verlieren. Dieses Recht bewahrt einen Ältesten unter bestimmten Umständen davor, mitteilen zu müssen, was er vertraulich mit einem Versammlungsangehörigen, dem Zweigbüro oder einem Anwalt besprochen hat.

Niemand sollte irgendjemandem vertrauliche Informationen weitergeben, es sei denn, die theokratische Verfahrensweise sieht es so vor oder es gibt dazu eine Anweisung vom Zweigbüro. (Personen, die vertrauliche Informationen erhalten möchten, können unter anderem Kriminalbeamte, Anwälte, Polizisten, Strafverfolgungsbeamte, Regierungs- oder Behördenvertreter, … Das bezieht sich sowohl auf schriftliche Unterlagen als auch auf Wissen von Ältesten, das nicht schriftlich niedergelegt wurde.“ (Zitat aus Ältestenbrief zu rechtlichen Angelegenheiten 4/9/2012-X Ge)

 

Vernichtung von Unterlagen und Aufzeichnungen

„Dieser Brief ersetzt die Briefe an alle Ältestenschaften vom 24. Mai 2000 (Luxemburg, in Englisch, Französisch und Spanisch), 24. August 2000 (Luxemburg, in Deutsch und Italienisch), 24. September 2000 (Luxemburg, in Portugiesisch) sowie vom 1. November 2005 (Deutschland, Luxemburg und Österreich). Sie sollten aus der Versammlungsdauerablage der Briefe zu Verfahrensweisen herausgenommen und vernichtet werden. Niemand behält Originale oder Kopien dieser Briefe.“ (Zitat aus Ältestenbrief zu rechtlichen Angelegenheiten 4/9/2012-X Ge)

„Mit diesem Brief werden die Anweisungen in den Briefen an alle Ältestenschaften über Kindesmissbrauch vom 20. September 1995 (Schweiz: 1. August 1995), 7. November 1997 (Luxemburg: 15.Dezember 1997; Österreich: 8.August 1997; Schweiz: 14. März 1997), 20. Juli 1998 (Luxemburg: 20. Oktober 1998), 5. Juni 2006 (Luxemburg: 1. August 2006) und 24. Mai 2010 (Schweiz: 20. November 2010) aktualisiert. Sie sollten aus der Versammlungsdauerablage der Briefe zu Verfahrensweisen entfernt und vernichtet werden. Niemand sollte Originale oder Kopien dieser Briefe behalten.“ (Ältestenbrief zu Kindesmissbrauch 10/1/2012-X Ge)

„Es freut uns euch mitzuteilen, dass es ein neues Buch „Hütet die Herde Gottes“ … Es ersetzt das bisherige „Hütet“-Buch (ks10). Es enthält außer den Informationen im „Hütet“-Buch (ks10) weitgehend alle wesentlichen Anweisungen der bisherigen Briefe an alle Ältestenschaften weltweit. Die meisten zweigspezifischen Anweisungen findet ihr in der Ergänzung zu „Hütet die Herde Gottes“. Der Index der Briefe für Ältestenschaften (S-22) und die darin gelisteten Briefe werden gelöscht. Alle gedruckten oder elektronischen Kopien sollten vernichtet werden.“ (Ältestenbrief zur Freigabe des neuen Ältestenbuchs 2019 S-147-19.02-X Ge)

Alle persönlichen Notizen werden dann vernichtet.“ (Ältestenbuch sfl-X 2019 Kap. 22, Punkt 21)

 

Ältester bestätigt die Vernichtung von Unterlagen unter Eid

 

Dokumenten-Verantwortlicher fordert zur Unterlagenvernichtung auf

In einem organisations-internen Vortrag anläßlich eines Seminars für Älteste fordert der Verantwortliche für die Aufzeichnungspraxis in der Organisation der Zeugen Jehovas zur Vernichtung von Unterlagen auf. Dabei gehe es vorrangig um die Behandlung von Beschwerden im Zusammenhang von Vorwürfen wegen Kindesmissbrauch, wegen derer die Gesellschaft unter Beschuss geraten sei. (Deutsche Übersetzung eines Artikels in philly.com vom 9. Juli 2018)

Quelle: JW Opfer Hilfe e.V.

von |Februar 24th, 2019|2019|0 Kommentare

Jehovas Zeugen – Kindesmissbrauch in Neuseeland

Zeugen Jehovas: In dieser Dokumentation kommen mehrere betroffene Frauen zu Wort, die als Kind missbraucht wurden. Sie schildern, wie es in ihrem Fall zu den Verbrechen kam und wie Jehovas Zeugen als Institution – vertreten durch die Ältesten – damit umgegangen sind. In fast allen Fällen mussten die Kinder vor den Ältesten und dem Täter die sexuellen Handlungen beschreiben und es wurde auch geprüft, ob es ihnen Spaß gemacht hat.

Stritt der Täter den Missbrauch ab, wurde nichts weiter unternommen. Gab der Täter den Missbrauch zu, wurde er zwar vielleicht ausgeschlossen, aber nach einiger Zeit wieder aufgenommen.

In keinem der Fälle wurde die Polizei eingeschaltet und die Versammlung, in der der Täter lebte, informiert, so dass Eltern gewarnt waren.

Das Zweigbüro der Zeugen Jehovas weißt jede Verantwortung zurück und tut so, als ob sie damit nichts zu tun hätten, obwohl bei allen Missbrauchsmeldungen die Rechtsabteilung informiert werden musste.

von |Februar 6th, 2019|2019|0 Kommentare

Jehovas Zeugen – Bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen

Zeugen Jehovas: Oliver Wolschke ist mit den Jehovas Zeugen aufgewachsen und war überzeugt davon, dass der Untergang der Welt bevorsteht, dass vorehelicher Sex Sünde ist oder dass es richtig ist, Bluttransfusionen zu verweigern. Er war ein kleiner Junge, als seine Mutter der Religionsgemeinschaft beitrat – erst 20 Jahre später verlässt er als inzwischen junger Familienvater die häufig auch von manchen auch als Sekte bezeichnete Organisation, will sich, seine Frau und die gemeinsamen Kinder aus deren Fängen befreien.

Mit seiner Mutter musste er brechen, sie blieb den Zeugen Jehovas treu. In seinem Buch „Jehovas Gefängnis“ schildert der heute 33-Jährige, wie der einst vorbildliche Zeuge Jehovas langsam an den Lehren zu zweifeln begann und schließlich zum Abtrünnigen wurde. Alte Freunde und Familienmitglieder wandten sich umgehend ab, der Start in ein „normales“ Leben war radikal.

von |Januar 18th, 2019|2019|0 Kommentare

Jehovas Zeugen – Razzia wegen Kindesmissbrauch

Zeugen Jehovas: Kindesmissbrauch in den 6 Uhr Nachrichten – Polizei und Vertreter der Justiz durchsuchten das Zweigbüro, zwei Königreichssäle und vier Wohnungen der Zeugen Jehovas in den Niederlanden. Es werden derzeit 9 Fällen von Missbrauch untersucht, in den Zeugen Jehovas verwickelt sind. Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem die Justiz zu einem vergleichbaren Vorgehen in einer religiösen Gemeinde oder Kirche gezwungen war. Der Niederländische Justizminister unterstützt das Vorgehen ausdrücklich. Wie reagieren Jehovas Zeugen darauf? Wie immer mit den gleichen leeren Worthülsen.

von |Dezember 17th, 2018|2018|0 Kommentare

Jehovas Zeugen – Sexueller Missbrauch von Kindern

Zeugen Jehovas: Opfer sexuellen Missbrauchs innerhalb der Religionsgemeinschaft haben sich an die Report-Mainz-Redaktion gewandt. Sie berichten darüber, dass sie als Kinder missbraucht wurden und dass die Gemeinschaft dies zu vertuschen versucht hat. Wer redet, bekommt Druck und wird aus der Gemeinde ausgeschlossen, so das Fazit.

von |November 30th, 2018|2018|0 Kommentare

Jehovas Zeugen – „Als sei ich von einer anderen Welt“

Sektenanhänger, die den Ausstieg aus ihrer Gemeinschaft wagen und schaffen, sind oft stigmatisiert oder gar traumatisiert. Nach dem Leidensweg in der Sekte folgt der Leidensweg des Ausstiegs. Deshalb fehlt den meisten die Kraft, sich gegen die Sekte zu wehren. In jüngster Zeit wagen es aber immer mehr Aussteiger der Zeugen Jehovas, ihre schmerzlichen Erfahrungen publik zu machen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und aufzuklären. Die Zahl der kritischen Publikationen ist in den letzten Jahren gestiegen.

Neu ist aber, dass es nun auch jüngere Personen die Kraft aufbringen, den Zeugen die Stirn zu bieten. Den Mut dazu aufgebracht hat auch die 23 Jahre alte Sophie Jones aus Leipzig. Sie schildert ihren Weg und den Ausstieg in mehreren bemerkenswerten Videos und Artikeln, die grosse Beachtung finden. Im Interview mit watson beschreibt sie ihre Motivation, sich zu outen und Aufklärungsarbeit zu betreiben.

War die Entfremdung von den Zeugen Jehovas ein langsamer Prozess oder hat ein einschneidendes Erlebnis die Einsicht bewirkt, dass Sie in einer sektenhaften Glaubensgemeinschaft leben?
Nachdem ich im Alter von 17 bei den Zeugen Jehovas getauft worden war, auferlegten mir die Ältesten, also das Führungsgremium, ein Kontaktverbot zu meinem Vater, der früher schon ausgeschlossen worden war. Ich verstand es nicht. Diese schmerzliche Erfahrung öffnete mir nach und nach die Augen.

Wie lang dauerte der Prozess von den ersten Zweifeln bis zur Überzeugung, dass Sie sich aus den Zwängen der Zeugen Jehovas befreien müssen? 
Ich hatte schon immer Zweifel, aber als Kind oder Jugendliche werden diese im Keim erstickt. Es fehlt noch die Kraft, sich aufzulehnen. Wenn man älter wird, kann man alles besser einordnen und sucht automatisch Kontakte zu Menschen ausserhalb der Gemeinschaft. Dann merkte ich langsam, dass vieles falsch dargestellt wurde und ich einem Irrglauben zum Opfer gefallen bin.

Wie haben Ihre Eltern und die Ältesten reagiert, als Sie realisierten, dass Sie der Glaubensgemeinschaft den Rücken gekehrt haben? 
Die Ältesten suchten den Kontakt und wollten Gespräche mit mir führen, was ich vehement abgelehnt habe. Als es meine Mutter erfahren hatte, wollte sie sofort mit mir darüber diskutieren. Da ich noch nie ein enges Verhältnis zu ihr hatte und ausgezogen war, fiel es mir nicht schwer, auch diese Gespräche abzublocken.

Sind Sie beim Loslösungsprozess von Selbstzweifeln geplagt worden, haben Sie Ängste entwickelt, Jehova zu verraten? 
Es gibt immer Momente, in denen man sich nicht sicher ist, ob das, was man tut, die richtige Entscheidung ist. Man verliert das bisherige Leben komplett: Familie, Freunde und den Glauben an alle Heilsversprechen. Am Anfang bricht alles über einem zusammen.

«Es war furchtbar. Alles war neu und unbekannt, ich hatte ständig Schuldgefühle und Angst, beobachtet zu werden. Ich habe mich abnormal gefühlt, als wäre ich von einer anderen Welt.»

Wann haben Sie das erste Mal gespürt, dass der Ausstieg ein Akt der Befreiung ist? 
Als ich den ersten Zeugen Jehovas in meinem Umfeld gesagt habe, dass ich nicht mehr in die Zusammenkünfte komme.

Haben Sie sich rasch in der Aussenwelt zurechtgefunden oder war die Integration in der «satanischen Gesellschaft» ein schmerzhafter Prozess? 
Es war furchtbar. Alles war neu und unbekannt, ich hatte ständig Schuldgefühle und Angst, beobachtet zu werden. Ich habe mich abnormal gefühlt, als wäre ich von einer anderen Welt. Es hat sehr lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, angekommen zu sein.

Hatten Sie das Bedürfnis, sich nach dem Ausstieg auszutoben und alles auszuprobieren, was bei den Zeugen Jehovas verboten oder verpönt war?
Ein bisschen schon. Die ganzen «bösen Dinge» zu tun war sehr aufregend. Ich verspürte diesen Kick, etwas Verbotenes zu tun. Trotzdem waren auch immer Hemmungen und Schuldgefühle da, die mich etwas gebremst haben. Ich musste einen gesunden Mittelweg finden.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Ausstieg durch Videos öffentlich zu machen? 
Auch nach meinem Ausstieg habe ich mich jahrelang geschämt, für das, was ich war und was ich erlebt habe. Aber ich bin jetzt ein völlig neuer Mensch, und die Vergangenheit ist Teil meines Lebens. Ich möchte mithelfen, den Menschen die Augen zu öffnen. Gleichzeitig hoffe ich, viele Zeugen zu ermuntern, selbst auszusteigen.

Haben Ihre Angehörigen und die Zeugen Jehovas schon auf die Videos reagiert, die Sie veröffentlicht haben? 
Bis jetzt noch nicht, aber ich bin gespannt darauf, was noch kommen wird.

Haben Sie es je bereut, sich zu outen? 
Nein.

Haben Sie schon Rückmeldungen von Zeugen bekommen? Hat schon einer oder eine aufgrund Ihres Videos den Ausstieg gewagt? 
Ich habe einige Nachrichten erhalten von Ex-Zeugen, die vor kurzem ausgestiegen sind. Aber auch von Personen, die sich gerade im Ausstieg befinden. Es bestärkt mich zu sehen, wie ich mit meinen Erfahrungen anderen Mut machen kann. Allein durch meine Videos wird vermutlich keiner aussteigen, aber es freut mich, wenn ich einen Beitrag dazu leisten kann.

Quelle: watson.ch | Hugo Stamm

von |September 17th, 2018|2018|0 Kommentare

Jehovas Zeugen – Ich war 16 Jahre bei den Zeugen Jehovas, jetzt habe ich eine Botschaft

Margit Ricarda Rolf war Mitglied bei den Zeugen Jehovas. In den 80er Jahren trat sie zusammen mit der Familie ein, 2001 gelang ihr der Ausstieg. Seit 2004 unterstützt sie Menschen, die ebenfalls bei der Sekte aussteigen wollen.

Was viele herunterspielen, wenn es um Sekten geht: Bei Gruppen wie den Zeugen Jehovas werden Kinderseelen zerstört. Das weiß ich nicht nur, weil ich mich um junge Aussteiger gekümmert habe, sondern auch, weil ich es selbst bei meinen eigenen Kindern erlebt habe.

Mit 34 Jahren habe ich mich auf Gespräche mit der Sekte eingelassen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie mich überzeugt hatten und wir – also mein Mann und ich wurden als Zeugen Jehovas getauft und nahmen unsere beiden Kindern mit in die Versammlung.

Wir haben während dieser Zeit noch zwei weitere Kinder bekommen. Wir dachten, dass es etwas Gutes sei, eine große Familie zu sein. Schließlich würden wir alle ins Paradies kommen, da wir auserwählt sind.

Erst der “Text des Tages”, dann die erste Mahlzeit

Nur für unsere Kinder war es kein Paradies. Es war schrecklich. Schon die Atmosphäre bei den Zeugen ist kinderfeindlich.

Ich erinnere mich an die schönen Sommertage, die meine Kinder drinnen verbracht haben. Sie mussten den Wachtturm vorstudieren, während andere Kinder draußen gespielt haben.

Auf den langwierigen Versammlungen mussten sie still sitzen und durften sich kaum bewegen. Kinder sollen vom Mutterleib an lernen, was in der Bibel steht.

Die Zeugen Jehovas haben unseren gesamten Alltag bestimmt.

Das hat schon nach dem Aufstehen begonnen. Meine Kinder mussten morgens als Erstes mit mir den Text des Tages besprechen, bevor sie überhaupt etwas essen durften.

Wegen der Zeugen Jehovas haben auch meine drei älteren Kinder kein Gymnasium besucht, Bildung ist nämlich bei der Sekte verpönt. Meine Kinder werfen mir das noch heute vor.

Aber es war für uns kaum möglich, sie frei zu erziehen:Glaubensschwestern oder Älteste haben sie während unseres Predigtdienstes ausgehorcht.

Sie wollten wissen, ob wir auch alle Vorschriften einhalten: “Spricht eure Mutter mit euch auch den Text des Tages durch?”; “Was unternehmt ihr so zusammen?”

Keine Sekunde länger wollte ich in dieser Sekte bleiben

Der erste Bruch kam, als meine älteste Tochter mit 17 Jahren ausgestiegen ist. Wir durften dann eigentlich keinen Kontakt mehr zu ihr haben, haben uns aber nicht daran gehalten.

Einige Zeit später bekam auch mein Sohn Probleme mit den Ältesten – das war für unsere Familie sehr belastend, wir wollten uns nicht gegen unsere Kinder entscheiden. Irgendwann hat es meinem Mann jedoch gereicht: Er hat beschlossen, nicht mehr zu den Versammlungen zu gehen.

Er war auch der Meinung, dass unsere jüngsten Kinder nicht mehr mitkommen müssen, wenn sie nicht wollen. Sie wollten nicht.

Ich war dann allein bei den Versammlungen und wurde ausgegrenzt. Ich wurde ignoriert, fallen gelassen. Das war sehr hart für mich. Denn es ist wirklich schwer, aus dieser Abhängigkeit, diesen Überzeugungen, die man hat, wieder herauszukommen.

Bis ich mich eines Tages bei einer Versammlung, in der uns in grellen Farben der Weltuntergang ausgemalt wurde, gefragt habe: Was mache ich hier noch? Das ist doch pure Angstmacherei!

Währenddessen hat mein Mann im Internet eine Seite von Aussteigern gefunden. Ich war sofort neugierig und habe Kontakt aufgenommen. Danach habe ich mich sehr kritisch mit den Zeugen Jehovas auseinandergesetzt.

Mir wurde klar, dass die Übersetzungen der Bibel bei den Zeugen oft falsch dargestellt wurden, um die Mitglieder klein zu halten und beispielsweise als Hausierer zu missbrauchen.

Keine Sekunde länger wollte ich fortan in dieser Sekte bleiben.

Die Zeugen Jehovas beschneiden das Recht auf körperliche Unversehrtheit und freie Entfaltung

Später habe ich mich dabei engagiert, Aussteigern zu helfen. Viele junge Menschen wollen raus, wenn sie in die Pubertät kommen.

Oft gibt es ein Elternteil, das nicht dazugehört und zu dem der Kontakt abgebrochen wurde. Was ich besonders schlimm finde: Schon da werden Kinder traumatisiert.

Bei den Zeugen Jehovas hören sie dann, dass der Vater oder die Mutter, die nicht Teil der Sekte sind, dem Satan gehören würden.

Wenn Kinder noch klein sind, glauben sie das – sie haben dann wahnsinnige Angst um ihre Eltern. Sie bekommen Panikattacken und nässen sich ein. So werden Seelen zerstört. Insbesondere die von Kindern.

Was ich durch meine Hilfe für Aussteiger und durch meine eigene Erfahrung mitbekommen habe: Kinder werden psychisch misshandelt, gegängelt und geprügelt.

Eine Sekte wie die Zeugen Jehovas beschneidet das Recht auf körperliche Unversehrtheit und freie Entfaltung.

Aber Kinder können sich nicht wehren. Deshalb brauchen sie eure Hilfe – wir müssen unbedingt die Kinderrechte stärken.

Wer aus einer Sekte aussteigen möchte und Hilfe braucht, kann sich gerne über meinen Blog an mich wenden.

Das Gespräch wurde von Lisa Mayerhofer aufgezeichnet.

Quelle: Focus | Margit Ricarda Rolf

Jehovas Zeugen – 23 Jahre bei den Zeugen Jehovas: Ich habe viele Höllen durchlebt

Seine ganze Kindheit und Jugend gehörte der jetzt 41-jährige Mann aus St.Gallen den Zeugen Jehovas an. Mit 23 Jahren brach er radikal. Fast zwei Jahrzehnte später sagt er: «Erst jetzt lebe ich ein selbstbestimmtes Leben.» Protokoll eines Ausbruchs aus den Fängen einer Sekte.

Die Kindheit: Missionieren von Haus zu Haus

«Ein kleiner Bub war ich, siebenjährig und zog an meinen schulfreien Nachmittagen mit einem Erwachsenen von Haus zu Haus. Wir klingelten an den Türen, sprachen mit den Menschen über den nahenden Weltuntergang Harmagedon und das anschließende ewige Leben im Paradies, für alle, die sich der Lehre der Zeugen Jehovas unterwerfen. Ich habe diese Predigtdienste gehasst. Besonders den Straßendienst wo man mit dem Wachtturm – der Broschüre der Zeugen – an einer Straßenecke steht. Jedes Mal, wenn ein Klassenkamerad vorbeigegangen ist, habe ich mich geschämt. Bis zu zwölf Stunden im Monat war ich damals unterwegs im Namen der Zeugen Jehovas, um verlorene Seelen zu retten. Es war schlimm, dieses Hausieren, doch was wir erzählt haben, das habe ich mit tiefer Überzeugung geglaubt.

Die Familie: Den Kontakt zur Mutter verwehrt

Mein Vater und meine Stiefmutter lebten mit mir und meinem Zwillingsbruder und meinem älteren Bruder in Wuppertal, Deutschland. Der Kontakt zu meiner leiblichen Mutter wurde mir verwehrt. Sie verschwand aus meinem Leben, als ich etwa fünf war. Bis heute habe ich kaum Kontakt zu ihr. Ich weiss, dass sie mit den Zeugen Jehovas gebrochen hatte und in Alkoholismus und Arbeitslosigkeit abrutschte. Wirklichen Kontakt zu anderen Menschen ausserhalb der Zeugen Jehovas hatte ich nicht.

Ich besuchte zwar die öffentliche Schule, doch es war uns nicht erlaubt, engere Kontakte zu pflegen; keine Geburtstagsfeiern, keine Partys, keine Disco und keine Beziehungen mit Mädchen, denn Sex vor der Ehe ist tabu. Schliesslich konnte man den Nichtzeugen, den Weltmenschen, wie wir sie nannten, nicht trauen. Es waren in unseren Augen allesamt Menschen, die in Harmagedon vernichtet werden würden. Nur uns Zeugen war das ewige Leben sicher. Nur für dieses lebten wir.

Die Predigtdienstschule: Selber denken nicht erwünscht

In der Predigtdienstschule – der Gottesdienst der Zeugen am Freitag und am Sonntag – lernte ich, kaum konnte ich schreiben, kleine Fünfminuten-Vorträge über ein biblisches Thema zu halten. Das gehörte genauso dazu, wie das wöchentliche Treffen mit Buchstudium in einer Privatwohnung. Dort arbeiteten wir Bücher durch mit Fragestellungen zum biblischen Leben. Die Antworten waren allesamt schon feinsäuberlich notiert. Selber denken und hinterfragen war ausdrücklich nicht erwünscht.

Das schwarze Schaf: In einem Kellerzimmer

Der ältere Bruder war eine Enttäuschung für meine Eltern. Er hat sich von den Zeugen abgewendet, trank Alkohol und hörte Heavy Metal-Musik. Schon früh führte er ein abgesondertes Leben ohne Kontakt zur Familie in einem Zimmer im Keller. Dieses Zimmer war für uns tabu. Unser Bruder auch. Ich hatte keinen Kontakt zu ihm. Manchmal, wenn niemand zu Hause war, schlich ich mich in das Zimmer im Keller und sah mich um. Unser ältester Bruder war viel bei unserer Großmutter. Sie hat viel geweint und hatte keine Chance, zu meinem dogmatischen Vater durchzudringen. Mein ältester Bruder bewegte sich zeitweise in der rechtsradikalen Szene.

Die Lehre: Beruf spielt keine Rolle

Nach der Schule begann ich eine Lehre als Chemikant. Ich habe diesen Beruf gehasst. Aber ich war überzeugt, dass das Ende nahe ist, und es gar keine Rolle spielt, was für einen Beruf ich lerne.

Die Ehe: Nur gestritten, ohne Liebe

Das nächste Kapitel, das nie hätte sein dürfen: Mit 21 Jahren habe ich geheiratet. Wir waren nicht reif dafür. Wir sind uns körperlich näher gekommen, das war strikt verboten vor der Ehe. Ich glaubte, dass Gott alles sieht, sogar meine Gedanken lesen kann. Wir mussten es beichten und – heirateten. Zur gleichen Zeit, als ich Heiratspläne hegte, verliebte sich mein Zwillingsbruder in ein Mädchen ausserhalb der Zeugen und wurde ausgeschlossen aus der engen Gemeinschaft. Er war mein wichtigster Mensch für mich und ich durfte ihn nicht an meine Hochzeitsfeier einladen. Ausgestiegene Zeugen sind das Schlimmste für die Versammlung, denn sie haben sich bewusst von der einzigen Wahrheit abgewendet. In ihren Augen sind sie noch schlimmer als Mörder oder Vergewaltiger. Mein Hochzeitstag war die Hölle, mein schlimmster Tag. Auch die Ehe geriet zur Katastrophe. Wir haben nur gestritten, waren nicht reif genug, haben uns nicht geliebt. Die Verbindung hielt zwei Jahre.

Der Bruch: Schuldig und verdammt

Mein Zwillingsbruder, der mittlerweile fern von den Zeugen Jehovas im deutschen Passau lebte, suchte in dieser Zeit immer wieder den Kontakt zu mir, bis ich ihn dann besuchte. Zusammen mit ihm ging ich erstmals im Alter von 23 Jahren an eine Gothic-Party und verliebte mich unsterblich in ein Mädchen. Sie war der Grund, weshalb ich mit den Zeugen Jehovas, mit meinem ganzen alten Leben brach. Ich kündigte meine Stelle, liess mich scheiden, brach den Kontakt zu meinem Elternhaus komplett ab. Es war nicht die Überzeugung, dass die Zeugen falsch lagen mit ihrer Weltanschauung. Im Gegenteil, ich habe mich schuldig und verdammt gefühlt. Ich war mir sicher, dass ich jetzt verloren bin. Ich konnte mich nicht mehr ansehen, war der Überzeugung, dass Gott mich hasst, malte mein Gesicht weiss, die Lippen schwarz an, trank mich jeden Abend mit Absinth und Whiskey weg und wurde Satanist – wenn Gott mich hasst, muss mich der Teufel lieben.

Gleichzeitig hatte ich einen riesigen Freiheitsdrang und beschäftigte mich exzessiv mit Magie, Okkultismus und Satanismus. Ich wollte alles wissen und dieses riesige schwarze Loch in mir irgendwie füllen. Die Beziehung zur neuen Liebe, eine Frau mit Borderline-Syndrom, hielt dreieinhalb Jahre. Und dann lernte ich Carl Friedrich Frey – genannt Akron – in St.Gallen kennen. Er ist der Grund, weshalb ich hier in St.Gallen lebe. 17 Jahre lang hatte ich ein Schüler-Lehrer-Verhältnis zu ihm. Er hat mir geholfen, für mich selber zu denken und zu hinterfragen, er half mir, mein altes Weltbild in einem langen Prozess zu zerstören und an meine eigene Freiheit zu glauben. Es war eine Schlüsselbegegnung in meinem Leben. Nach seinem Tod im letzten Jahr hat er mir sein Amulett, das er ständig trug, vererbt.

Das neue Leben: Endlich fähig, zu genießen

Die Beziehung zu meiner nächsten Freundin dauerte dann zehn Jahre. In dieser Zeit fing ich an zu gamen, ich lebte komplett in einer künstlichen Welt durch diese Spiele. Zudem beschäftigte ich mich ständig mit dem Tod. Bei den Zeugen herrscht die Überzeugung, dass nach Harmagedon das Leben erst richtig beginnt. Das jetzige Leben ist nur die Vorbereitung auf das ewige Leben im Paradies. Mit 30 Jahren fing ich nochmals eine Lehre als Mediamatiker an. Ich bin jetzt 41 Jahre alt und würde sagen, dass ich seit zwei, drei Monaten bereit bin, das Leben endlich zu genießen, fähig bin, Neues auszuprobieren und endlich beziehungsfähig bin. Auch mein Zwillingsbruder hat nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Rehabilitationsklinik den richtigen Weg gefunden. Er hat das Abitur nachgeholt und studiert jetzt Philosophie, möchte doktorieren. Ich habe viele der Höllen erlebt, in denen Menschen stecken können. Ich kann mich deshalb sehr gut in Menschen hineinfühlen. Wahrscheinlich wird es in meinem Leben immer depressive Phasen geben, doch ich gebe diesen nicht mehr nach.»

InfoSekta: Am meisten Anfragen zu Jehovas Zeugen 

2400 Personen suchten im Jahr 2017 Hilfe bei der Fachstelle für Sektenfragen. Wie es im neusten Bericht von InfoSekta heißt, erhält die Fachstelle seit Jahren am meisten Anfragen zu den Zeugen Jehovas, zunehmend auch von verunsicherten Noch-Mitgliedern, Aussteigern und Ausgeschlossenen. Ein großes Thema ist der sexuelle Missbrauch von Kindern im geschlossenen System der Zeugen Jehovas. In mehreren Ländern laufen Gerichtsverfahren wegen sexueller Übergriffe gegen Mitglieder der christlich-fundamentalistischen Gemeinschaft. Ratlosigkeit angesichts der Verblendung der Betroffenen, Angst vor dem Auseinanderbrechen der Familie, schleichende Entfremdung bis hin zum Kontaktabbruch und Angst um das Wohl der Kinder, die unter sektenhaftem Einfluss stehen, sind die häufigsten Gründe für eine Anfrage bei InfoSekta. Infosekta ist eine konfessionell unabhängige Beratungsstelle für Fragen rund um sektenhafte Gruppen und verwandte Themen. Die Fachstelle besteht seit 1991. (chs)www.infosekta.ch

Quelle: luzernerzeitung.ch | Christa Kamm-Sager

Jehovas Zeugen – Lebensbericht: „In der Sekte hatte ich Angst vor Gott!“

Markus aus Zürich wuchs als Zeuge Jehovas auf. Im Gespräch erzählt er von seinem Alltag in der Sekte, dem Gefühl ständig unter Druck und Beobachtung zu stehen und seinem Ausstieg.

Vor zwei Jahren begann für den 26-jährigen Zürcher Markus ein neues Leben – er verließ die Zeugen Jehovas. Eine Glaubensgemeinschaft, die den Alltag all ihrer Mitglieder streng kontrolliere und bewusst lenke, wie wir erfahren. «Ich bin in dieser Sekte aufgewachsen und stand entsprechend unter ihrem Einfluss. Für mich war es normal, ich kannte es nicht anders», erinnert er sich.

Die Bibelstunden waren richtig öde

Trotzdem hat er schon früh bemerkt, dass seine Familie nicht so war, wie die seiner Mitschüler. «Wir haben zum Beispiel nie Geburtstag oder Weihnachten gefeiert. Die anderen Kinder haben oft gefragt, warum ich anders bin – ich wusste es aber selbst nicht.» Anstelle von Kindergeburtstagen gab es Zusammenkünfte im Versammlungszentrum der Zeugen, dem «Königreichssaal». Dreimal die Woche.

Hier wurden Bibelpassagen studiert, von den «Ältesten» Reden über das «richtige» Leben gehalten und neue Erkenntnisse aus dem «Wachtturm» – der sekteninternen Zeitschrift – weitergegeben. Immer und immer wieder. «Natürlich war das richtig öde für uns Kinder. Wir haben immer nur darauf gewartet, dass es endlich vorbei ist und wir miteinander spielen können.»

Die frohe Botschaft vom Weltuntergang

Freundschaften oder gar Beziehungen mit «Weltlichen», wie die Zeugen alle Nicht-Angehörigen nennen, sind zwar nicht explizit verboten aber offen verpönt. Der Kontakt soll auf ein nötiges Minimum beschränkt werden, um sich vor schlechten Einflüssen zu schützen. «Die Zeugen leben in einer eigenen Blase. Alles, was da nicht reinpasst, ist satanisch. Sie haben einfach diese starke Schwarz-Weiss-Denkweise.»

Allein beim Missionieren sei es sogar erwünscht, sich nach aussen zu öffnen. So musste auch Markus von Tür zu Tür gehen, um vollkommen fremden Menschen die frohe Botschaft zu verkünden. «Die frohe Botschaft ist, dass die Welt untergeht», grinst der Sachbearbeiter. «Beziehungsweise, dass sie untergeht und man gerettet werden kann, wenn man sich den Zeugen Jehovas anschliesst.»

Harry Potter und Selbstbefriedigung sind dämonisch

Erste Zweifel an der Lehre der Sekte kamen ihm schon in früher Jugend. «Harry Potter war dämonisch, genau wie viele Filme und Musiker, Sex vor der Ehe, Selbstbefriedigung sowieso. Sogar die falschen Klamotten oder Frisuren können schon ein Affront sein. Man steht ständig unter Druck, wird genau beobachtet», sagt der Aussteiger.

«Sobald jemand das Gefühl hat, dass du auch nur ansatzweise vom Weg abkommen könntest, wirst du mit Gott konfrontiert. Sie fragen dich, ob du ihn traurig machen willst. Das willst du natürlich nicht.» Der Psychoterror war subtil, aber allgegenwärtig. «Ich war immer beschämt, wollte nie etwas falsch machen. Hatte fast schon Angst vor Gott und betete immer um Vergebung.»

Schon bei kleinen Vergehen, wie das Tragen einer «unangemessenen» Hose, müsse man mit öffentlicher Bloßstellung und Standpauken rechnen. Auch der Verlust von Privilegien wie Missionsarbeit sei eine häufige Strafe für falschen Lebenswandel.

Ein hoher Preis für ein freies Leben

Obwohl er sich schon sehr lange unwohl gefühlt habe, war es nicht einfach, sich aus der Gemeinschaft zu lösen. Ihm war immer klar, dass ein Ausstieg bedeuten würde, sein gesamtes bisheriges Leben zurückzulassen und ganz neu zu beginnen. Soziale Kontakte zu Aussteigern – «Abtrünnigen» – sind den Zeugen Jehovas untersagt. Trotzdem hat Markus den Schritt gewagt. Er hat sich quasi über Nacht und ohne grosse Worte aus der Gemeinde zurückgezogen.

Zu seinen Eltern hat er heute noch Kontakt – entgegen dem Drängen aus den Reihen der Gemeinschaft sind sie nicht bereit, ihren Sohn zu verstoßen. Alle anderen Beziehungen, teils auch jahrelange gute Freundschaften, sind von einem Moment auf den anderen in die Brüche gegangen. «Manche Leute fehlen mir sehr. Es tut auch weh, wenn ich ihnen auf der Strasse begegne und sie gehen an mir vorbei, als würden sie mich nicht kennen.»

Seine Entscheidung für ein neues Leben bereue er aber ganz und gar nicht. «Meinen Glauben habe ich verloren. Dafür habe ich jetzt den Raum und die Freiheit, meine Persönlichkeit zu entfalten und endlich ich selbst zu sein.»

Quelle: tilllate.com | Benjamin Quirico

Jehovas Zeugen – Wenn Kindesmissbrauch vertuscht wird

Zeugen Jehovas sind weltweit angeklagt, dass sie Tausende von pädophile Straftätern durch die interne „Zwei-Zeugen-Regelung“ schützen. Dem einzelnen Zeugen Jehovas wird immer wieder versichert, dass die Organisation die Kinder schütze, und dies alles nur die „Angriffe Satans“ seien durch seine Helfer, den sogenannten „Abtrünnigen“. Entspricht dies der gesamten Wahrheit? Sehen Sie selbst, wie falsch die Aussagen der leitenden Körperschaft sind, verbunden mit der wirklichen Realität und den aufgedeckten Missetaten.

Jehovas Zeugen – wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch unter Druck

DEN HAAG – Die Betroffenheit der Niederländer ist groß. Nach einigen ersten Berichten über sexuelle Gewalt gegen Kinder bei den Zeugen Jehovas gründete Raymond Hintjes im November 2017 die Hilfsorganisation Reclaimed Voices (übersetzt etwa: wiedergewonnene Stimmen). Ihre Aufgabe: Opfer vom Missbrauch in den Reihen der Religionsgemeinschaft sollen ermutigt werden, auszusteigen und sich zu melden. Vor wenigen Tagen zog er Bilanz: Innerhalb nicht einmal eines halben Jahres berichteten 276 Männer und Frauen von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, die teilweise schon Jahre zurückliegen.

„Missbrauch bei den Zeugen Jehovas ist ein weltweites Problem“, sagte Hintjes jetzt. Er wundere sich, warum das Thema in Deutschland noch nicht aufgegriffen worden sei. Tatsächlich häufen sich seit einiger Zeit die schweren Vorwürfe gegen die Gemeinschaft, die in Deutschland juristisch um ihre Anerkennung als Kirche kämpft.

Schwer an die Opfer ranzukommen

Matthias Neff, Ansprechpartner im Bischöflichen Generalvikariat der Diözese Trier für Religions-, Weltanschauungs- und Sektenfragen, sagt, warum es schwer ist, an Opfer heranzukommen: „Die Zeugen sind eine Organisation, die man als geschlossenes und autoritäres Regime bezeichnen könnte. Sie sind dafür bekannt, dass sie sich abschotten.“ Außeneinsichten bleiben daher kaum möglich. Hinzu kommt, dass viele Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs bestätigten, sie seien erheblichem Druck ausgesetzt gewesen, sich nicht gegenüber Behörden oder der Polizei zu outen. Zwar gibt es auch in Deutschland eine Anlaufstelle, den Verein JW Hilfe e.V. (http://jw.help/), der betroffenen Aussteigern psychologische Hilfe und rechtliche Unterstützung in Aussicht stellt. Dennoch spielt das Thema noch keine derart tragende Rolle wie in anderen Ländern.

In Großbritannien befasste sich die IICSA (Independent Inquiry Into Child Sex Abuse, Unabhängige Untersuchung über sexuellen Kindesmissbrauch) ebenfalls mit den Vorgängen hinter den Türen der Wachtturm-Gesellschaft und listete viele Fälle auf. Die Zeitung „Guardian“ richtete eine Seite im Internet ein, wo sich binnen kürzester Zeit mehr als 100 Personen meldeten. Ein Betroffener beschrieb die religiöse Gruppe als „Paradies für Pädophile“. Opfer hätten aber auch Angst, Vorwürfe zu erheben, dann aus der Gemeinde geworfen und von ihren Familien getrennt zu werden, sagen Experten.

Dass in Deutschland noch einiges im Dunkeln liegen könnte, belegt der Eintrag einer deutschen Internet-Nutzerin, die die Berichte im Netz mit dem Satz kommentierte: „Mein Vater, ein Zeuge Jehovas, hat meine Schwester und mich befummelt. Und das hat schon gereicht, um mich fürs Leben zu schädigen.“

Inzwischen berichten Zeitungen aus Finnland und Norwegen, den USA und Österreich von ähnlichen Vorfällen. Der niederländische Justizminister Sander Dekker von der rechtskonservativen Regierungspartei VVD hat die Zeugen in seinem Land zu einer Stellungnahme aufgefordert. Diese steht allerdings seit Monaten aus.

Nun erwägt Dekker schärfere Schritte. Und er hofft, dass die Nachbarländer auch aktiver werden und die abgeschottete Gruppe durchleuchten.

Quelle: rundschau-online
Bild: Nürnberger Nachrichten | 08.04.2018

Jehovas Zeugen – Tagesschau: Hunderte Kindesmissbrauchsfälle in den Niederlanden

Die Zeugen Jehovas stehen in den Niederlanden unter dem Tatbestand von über hunderten Fällen von Kindesmissbrauch. Die Tagesschau berichtet im deutschen Fernsehen darüber in einem kleinen Bericht. Es ist ein erster Sieg für die Opfer, dass jetzt nun auch darauf hingewiesen wird in aller Öffentlichkeit.

Zurecht darf man sich die Fragen stellen, ob die weltweiten Fälle des Kindesmissbrauchs besonders darauf zurück zu führen sind, weil durch die interne „Zwei-Zeugen-Regelung“ der Zeugen Jehovas Täter in Schutz genommen werden? Welches Kind kann zwei Zeugen der Tat nennen und dieses auch noch vor einem Rechtskomitee bestätigen, in der ebenfalls der Täter sitzt?

Sollten die weltweiten Missbrauchsskandale nicht jedem vernunftbegabten Menschen deutlich zeigen, dass diese Organisation weder den Geist Gottes hat, noch Jehovas Zeugen das „auserwählte Volk Gottes“ sind, so wie es von sich selbst immer gepriesen wird?

Jehovas Zeugen – Finnland: Kultusministerium startet eine Untersuchung wegen Vorwürfen des Kindesmissbrauchs

In Finnland hat das Kultusministerium gerade eine Untersuchung der Zeugen Jehovas gestartet, nachdem Ehemalige während eines TV-Auftritts beklagt haben, dass sie als Kinder missbraucht wurden und sie sich seitens der Organisation der Zeugen genötigt fühlten, die Verbrechen nicht an die Behörden zu melden. Die finnische Presse berichtete darüber und zitierte den Generalsekretär einer Menschenrechtsorganisation, der eine Überwachung religiöser Organisationen seitens der Behörden forderte. „Die Gesetze der Religionsfreiheit […] sind kein Anspruch auf Menschenrechtsverletzungen.“ [1]

Die Independent Inquiry into Child Abuse aus Großbritannien (vergleichbar mit der Royal Commission aus Australien) hatte zunächst eine Untersuchung der Zeugen Jehovas in UK abgelehnt. Wie der Guardian berichtete, hat die Untersuchungskommission bekannt gegeben, dass es eine beträchtliche Anzahl von Vorwürfen gegen die religiöse Sondergemeinschaft gegeben hat.

Der Guardian hat ebenfalls eine Seite eingerichtet, auf der Opfer des sexuellen Missbrauchs unter Zeugen Jehovas über ein Formular ihre Erlebnisse anonym schildern können [2]. Aufgrund der Besorgnis über die Meldungen, zieht die unabhängige Kommission eine Untersuchung der Zeugen Jehovas nun doch in Betracht [3]. Der Guardian berichtete sehr intensiv über die Untersuchungen der Zeugen Jehovas in Australien und Großbritannien (Charity Commission). Auch andere große Zeitungen, wie die Washington Post [4], Newsweek [5] und CBC [6] berichteten ausführlich.

In den Niederlanden gab es eine große Fernsehreportage über eine jahrzehntelange Vertuschung von Kindesmissbrauch seitens der Religionsgemeinschaft. Die Zeitungen griffen das Thema ebenfalls auf [7]. Der Fernsehsender war im Besitz mehrerer interner Briefe von Zeugen Jehovas, in denen der Umgang mit Kindesmissbrauch dokumentiert war. Ehemalige Gemeindeführer bestätigten die Praxis, die dort beschrieben wurde.

Wie die NLTimes berichtete [8] wurde in den Niederlanden eine gemeinnützige Organisation, ähnlich der Silentlambs, eingerichtet, in der Betroffene ihre Erfahrungen schildern konnten. Nach rund einem Monat sind bereits 80 Meldungen eingegangen.

Im Januar dieses Jahres hat die Organisation FaithLeaks Dokumente im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch unter Zeugen Jehovas veröffentlicht, die aufzeigten, wie die Wachtturm-Gesellschaft einen „Fall im Laufe des Jahres intern behandelte und sich fast ein Jahrzehnt lang als Therapeuten, Staatsanwälte, Jury und Richter aufspielten – und versuchten das Ganze in die Länge zu ziehen, um die Anschuldigungen von ‚weltlichen Gerichten‘ fernzuhalten.“ [9] Zeitungen wie Newsweek [10] und Dailymail [11] berichteten darüber.

In Kalifornien hat die Wachtturm-Gesellschaft gerade zwei Prozesse, die sich über 5 Jahre hinzogen, durch Vergleiche beigelegt, wie San Diego Reader [12] und die New York Times [13] berichteten. Die Wachtturm-Gesellschaft hat jahrelang nichts unternommen ihre Anhänger vor einem Sexualstraftäter zu schützen, was weitere Missbräuche nach sich zog.

2015 hat die Aufarbeitungskommission in Deutschland ihre Arbeit aufgenommen und wird dieses Jahr religiöse Institutionen in Bezug auf den Umgang mit Kindesmissbrauch untersuchen. Drei dieser Institutionen wurden im Zwischenbericht bereits erwähnt, darunter auch Zeugen Jehovas [14].

Man frage sich bei all den Meldungen, warum man so wenig in den deutschen Medien ließt? Australien, Niederlande, USA, Großbritannien, Irland [15], Portugal [16] – kaum ein Wort. Ja, die Zeugen Jehovas sind seit letztes Jahr deutschlandweit als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt worden. Beim Prozess in Berlin wurden die Aussagen von Ehemaligen so gut wie nicht gewertet [17].

Stattdessen wurden die Aussagen der Organisation selbst und von Außenstehenden berücksichtigt. Dabei muss man die Frage zulassen, ob eine Organisation, die sich Steuervorteile durch eine Anerkennung verschaffen möchte, vor Gericht angibt, dass sie Ehemalige ins soziale Abseits schieben, Familien voneinander trennt und die Zwei Zeugen Regel bei Kindesmissbrauch anwendet.

Welcher aktive Zeuge Jehovas würde demnach tatsächlich die Wahrheit vor Gericht sagen und gegen die Wachtturm-Gesellschaft aussagen, wenn dies unmittelbar ein Rechtskomitee mit Ausschluss zur Folge hätte, und damit auch die völlige Isolation zu Freunden und zur Familie?

Hier einmal die Denkweise, die die Wachtturm-Gesellschaft vertritt:

„Soll das aber heißen, wir müssten jedem, der uns etwas fragt, alle uns bekannten Informationen preisgeben? Nicht unbedingt. Am Verhalten Jesu wurde deutlich, dass manche Leute gar kein Recht auf eine direkte Antwort oder auf bestimmte Auskünfte haben.“ [18]

Zeugen Jehovas bilden in Deutschland eine der größten christlichen fundamentalistischen Gruppen. In Europa gibt es nur ein Land (Italien) in dem es mehr Anhänger gibt. Wer steht Samstagmorgen vor deiner Tür? Wer steht in Bahnhöfen mit Trolleys und Tablets rum, um Videos vorzuführen, die mitunter extrem homophob sind [19]? Dafür haben sie von der Deutsche Bahn Personenverkehr eine Genehmigung erhalten. Als Erklärung gibt man ab, dass wir Religionsfreiheit in Deutschland genießen und die Zeugen sich passiv verhalten würden [20].

Vielleicht ist es aber auch einfach nur Unwissenheit über eine destruktive Gemeinschaft. Wie sagte der Generalsekretär für Menschenrechte aus Finnland: „Die Gesetze der Religionsfreiheit […] sind kein Anspruch auf Menschenrechtsverletzungen“. Genauso müsste doch die Gesetze der Religionsfreiheit nicht mit anderen Teilen des Grundgesetzes zuwiderlaufen. Den Anhängern wird allerdings das Wahlrecht aberkannt; man wird ausgeschlossen, wenn man einer Bluttransfusion, selbst Angesichts des Todes, zustimmte und dies nicht bereut; der Kontaktabbruch zu Freunden und Familienmitgliedern, die die Gemeinschaft verließen, wird seitens der Organisation programmatisch durchgesetzt, ansonsten kann ebenfalls der Ausschluss oder Sanktionen drohen.

Die Zeitungen möchten natürlich eher über regionale Themen berichten, doch das System funktioniert weltweit auf die identische Art und Weise – auch in Deutschland. Ist es einfach nur Unwissenheit über eine Gruppe, die genau an diesem harmlosen Bild die letzten Jahrzehnte so hart gearbeitet hat, dass sich Medien in Deutschland zurückhalten? Die Erlebnisberichte die Wahrheitenjetzt! erreichen, von Menschen, die durch das System Zeugen Jehovas gebrochen sind, erschüttern stark. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Zeitungen, ähnlich wie der The Guardian, eine Seite einrichten, auf der Betroffene anonym berichten können, um das Ausmaß zu begreifen.

Ja, ab und zu liest man auch in Deutschland kritisch über die Zeugen Jehovas. Das sind dann persönliche Interviews oder DPA-Meldungen, keine Recherchen über das System Zeugen Jehovas und Kindesmissbrauch. Das ist jedoch zwingend notwendig. Es bringt nichts, wenn Ehemalige nur auf ihren Blogs mit einer lächerlichen Reichweite darüber schreiben.

In Österreich hat ein Zeitungsbericht sogar dazu geführt, dass die Körperschaftsrechte aktuell von staatlicher Seite aus überprüft werden. Grund dafür sind schwere Vorwürfe gegen die Methoden der Organisation. [21]

Zur Klarstellung: All diese umfassenden Berichte, die niemand leugnen kann, sind nicht entstanden, weil Jehovas Zeugen das „wahre Volk“ Gottes auf Erden sind, und „Satan“ sie bekämpfen würde – so wie es immer die Schutzbehauptung von der Wachtturm-Gesellschaft ist. All diese Berichte sind entstanden weil extreme Misstände in dieser Organisation vorzuweisen sind, welches nichts weiter als ein religiöses, menschliches Konstrukt ist, so wie jede andere Sekte auch. In einer „wahren Organisation Gottes“, dass wirklich vom „Geist Gottes“ geleitet wird, wären derartige Zustände nicht vorhanden!

Aufklärung ist ein wichtiger Aspekt – wir sollten alle unseren Teil dazu beitragen, dass diese Wahrheit jeden Menschen zuteil wird.

Quelle: Oliver Wolschke

Nachweis:

[1] yle.fi
[2] theguardian.com
[3] theguardian.com
[4] washingtonpost.com
[5] newsweek.com
[6] cbc.ca
[7] rtlnieuws.nl
[8] nltimes.nl
[9] oliverwolschke.de
[10] newsweek.com
[11] dailymail.co.uk
[12] sandiegoreader.com
[13] nytimes.com
[14] aufarbeitungskommission.de
[15] businesspost.ie
[16] dn.pt
[17] sekten-info-essen.de
[18] wol.jw.org
[19] bento.de
[20] twitter.com
[21] facebook.com

Jehovas Zeugen – Vom Glauben abfallen: „Es war für mich tragisch, zu gehen“

Wer eine strikte religiöse Gemeinschaft, wie Jehovas Zeugen, verlässt, verliert oft nicht nur Familie und Freunde. Auch der Alltag, die Arbeit und das Weltbild ordnen sich neu. Zwei Aussteiger erzählen.

Das Recht auf den Ausstieg aus einer Religion ist mit dem Artikel 15 der Bundesverfassung garantiert. Denn Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit zu haben, nicht zu glauben. Auch auszutreten, ist ein Grundrecht.

Das ist selten einfach – und noch nicht lange selbstverständlich.

Konservative Gläubige

2014 bezeichneten sich 23 Prozent der Bevölkerung der Schweiz als konfessionslos. Trotz dieser Säkularisierung sind nach wie vor viele Menschen gläubig – oder gar strenggläubig.

«Ungefähr 500’000 Personen in der Schweiz sind konservative Vertreter einer Weltreligion oder Mitglied einer Sekte», sagt der Religionswissenschaftler Georg Schmid, Leiter von «Relinfo», der evangelischen Informationsstelle «Kirchen – Sekten – Religionen» in Rüti ZH. Je autoritärer und geschlossener eine religiöse Bewegung ist, desto schwieriger sei es, diese zu verlassen.

Religionen in der Schweiz

Die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz gehören zu 37.9 Prozent der römisch-katholischen und zu 25.5 Prozent der evangelisch-reformierten Landeskirche an. 23 Prozent sind konfessionslos, zu anderen christlichen Gemeinschaften zählen 5.7 Prozent. 5.1 Prozent sind Muslime, 0.4 Prozent jüdisch.

Der Anteil der römisch-katholischen Landeskirche ist in den letzten 40 Jahren relativ stabil geblieben, jener der evangelisch-reformierten ist stark rückläufig.

Der Anteil muslimischer Glaubensgemeinschaften hat von 2000 bis 2016 leicht, um 1.6 Prozent, zugenommen, jener der Konfessionslosen deutlich, um 13.5 Prozent. Der Anteil jüdischer Glaubensgemeinschaften ist unverändert geblieben.

Quelle: Bundesamt für Statistik

Mit der Freikirche aufwachsen

Der 36-jährige David Bopp, selbstständiger Webentwickler im Raum Basel, wuchs im Umfeld einer Freikirche auf. Seine Eltern gehörten der Chrischona-Gemeinde an.

«Ich bin als Kind an jede Veranstaltung gegangen, später in die Jungschar und in den Teenager-Club.» Die Jungschar habe er schliesslich mitgeleitet. Drei bis vier Abende pro Woche verbrachte er in der Gemeinschaft, erinnert sich David Bopp. «Dann habe ich die Freikirche gewechselt. Viele Jahre war ich beim ICF. Auch dort habe ich eine Gruppe geleitet.»

«Alles oder nichts»

Mit etwa 24 Jahren habe er immer mehr an seinem Glauben gezweifelt, sagt Bopp. «Es hat sich viel verändert in meinem Kopf. Ich habe mich vom Glauben entfernt.»

Die Zweifel seien für ihn «ein Schock» gewesen, denn er habe zuvor «Gott erlebt», erzählt Bopp: «Als Teenager konnte ich beten und hatte oft das Gefühl, ich werde erhört. Dann erlebte ich ein, zwei Jahre nichts, das mich Gott spüren liess.» Das habe ihm die Augen geöffnet.

«Festzustellen, dass ich vielleicht gar nicht glaube – das empfand ich als schmerzhafte Herausforderung.» Er habe nicht begonnen, an «einer kleinen Ecke» zu zweifeln. Sondern er habe sich gleich die grosse Frage gestellt: «Gott – ja oder nein? Es ging um alles oder nichts.»

Freundschaften verlieren sich

Sich von der Glaubensgemeinschaft zu lösen, sei für ihn tragisch gewesen, sagt David Bopp. Er habe sich entwurzelt gefühlt. «Es war ein schmerzhafter Prozess, zu gehen. Viele meiner Freundschaften wurden gewissermassen aussortiert, weil sie an das gemeinsame Thema Glaube gebunden waren.»

Die Gemeinschaft ist nur solange da, wie man Teil davon ist: «Wie in einem Fussballclub, wenn man sich die Sehne kaputtmacht und nie mehr trainieren gehen kann. Das Gros der Leute, die man gern hatte, bleibt da – und man ist weg. Das tut weh, denn man verliert auch ein Stück Halt.»

Bopp bedurfte eines neuen Weltbilds, um sich zurechtzufinden. «Wenn man sich als Teenager aus einer religiösen Gemeinschaft löst, ist es einfacher, dann ist das Weltbild noch nicht so gefestigt. Ich war 24, hatte mich in meinem Weltbild eingerichtet – und plötzlich stellte ich alles in Frage. Das brauchte viel Energie.»

Diese Entwicklung sei bei ihm bis heute nicht abgeschlossen, fügt er an: «Für mich ist Spiritualität noch immer ein offenes Thema.» Heute bezeichnet Bopp sich als Agnostiker. Die Religion spielt für ihn keine Rolle mehr.

Hinterfragt wird nicht

Hat David Bopp die Freikirchen als geistig enge Räume erlebt? «Die Freiheit wäre da – aber es gibt niemanden, der einem den Weg dahin zeigt», erwidert er. Das philosophische Denken und das Hinterfragen würden fehlen, es werde einem nicht vorgelebt.

Das liege auch an der Geschichte der Freikirchen, glaubt Bopp: «Gegründet wurden sie von Menschen, die an Dinge glauben und diese nicht theologisch hinterfragen wollen. Will man etwas hinterfragen, muss man sich dafür einen anderen Ort suchen.»

Getauft als Zeuge Jehovas

Auch Rino Zumerle hat den schmerzhaften Abschied aus einer Glaubensgemeinschaft erlebt. Über 20 Jahre lang war der vor Kurzem pensionierte IT-Fachmann aus dem Raum Biel ein Zeuge Jehovas.

1983 hatten er und seine Frau erste Kontakte zu dieser Gemeinschaft, weil sie für die beiden Töchter eine Kinderbibel suchten. Dass die Bibel die Grundlage für den Glauben der Zeugen Jehovas war, beeindruckte die Zumerles. Nach drei Jahren liess sich das Ehepaar taufen.

«Über Jahre besuchten wir die Versammlungen und gingen in der Gemeinschaft auf», sagt Zumerle. 1992 erhielt er ein Amt, er wurde Dienstamtgehilfe. «Einige Jahre später wurde ich zum Ältesten berufen. Das ist eine Person, die in der Gemeinschaft stärker auf andere achtet, ihnen hilft, sie lehrt und ihnen ein Vorbild ist.»

Ein Dilemma löst Zweifel aus

Trotz Verantwortung: 2003 begann er zu zweifeln. «Ich durchlebte wohl eine Midlife-Crisis. Ich war ungefähr 50 und fragte mich, was bisher in meinem Leben passiert war und was noch kommen würde. In dieser Zeit fingen meine Töchter an, die Religion zu hinterfragen, was schliesslich zu ihrem Ausstieg führte.»

Auch er habe sich grundsätzliche Fragen gestellt. Um seine damaligen Zweifel zu verstehen, müsse man sich vergegenwärtigen, was die Lehre der Zeugen Jehovas bedeutet: «Wer weggeht, ist verloren. Die Zeugen Jehovas sprechen davon, dass Gott im Krieg von Armageddon alles Böse auf dieser Erde vernichten wird. Nur die Gott wohlgefälligen Menschen überleben und kommen ins Paradies, wo sie ewig leben können.»

Wenn man das glaube, bedeute das: Wenn die eigenen Kinder aussteigen, dann sind sie verloren. «Meine Töchter könnten demnach Armageddon nicht überleben. Das hat mich beschäftigt.»

Ebenfalls beschäftigt hat Rino Zumerle das Kontaktverbot zu Abtrünnigen, das die Gemeinschaft verlangt. Er wollte seine Töchter nicht verstossen – aber auch nicht vortäuschen, er befolge dieses Gebot.

Das Leben muss sich neu ordnen

Sieben Jahre zweifelte er, kämpfte innerlich. «Ich brauchte diese Zeit, denn da waren viele Ängste. So war ich etwa im Begriff, die langjährige Beziehung zu meiner Frau zu verlieren.» Vieles musste Zumerle neu ordnen, gedanklich, aber auch im Leben. «Es war eine schmerzhafte Zeit», sagt er.

Er habe in jenen Jahren kaum mehr an etwas anderes denken können, ihn habe nur noch ein Thema beschäftigt: seine Loslösung von der Gemeinschaft. Nach einem Burn-out suchte er professionelle Hilfe.

Denn im Alltag fand er keine Unterstützung. Seine Ehe ging in die Brüche – und einen Freund ausserhalb der Gemeinschaft, mit dem er seine Fragen hätte besprechen können, hatte er nicht.

«Ein Zeuge Jehovas lebt vor allem in der Gemeinschaft. Sie begrenzt sein soziales Umfeld. Natürlich hat jeder Arbeitskollegen und Nachbarn. Aber diese Kontakte basieren auf einer losen Beziehung. Man geht keine Freundschaften ausserhalb der Gemeinschaft ein.»

Unumkehrlicher Ausstieg

Offene Ohren fand er schliesslich bei seinen Schwestern, mit denen er zuvor nur wenig Kontakt pflegte. Und auch seiner Mutter näherte er sich wieder an, nachdem er signalisiert hatte, dass er die Zeugen Jehovas verlassen wollte.

Mehrere Zeugen hätten mit ihm etwas unternehmen und diskutieren wollen, um ihn auf den rechten Weg zurückzuführen. Als sie erkannten, dass seine Abkehr weit fortgeschritten war, liessen sie ihn ziehen. Nach sieben Jahren voller Zweifel trat Rino Zumerle offiziell aus.

Was hat er dadurch gewonnen? «Da kommt mir ein grosses Wort in den Sinn: Freiheit.», sagt Zumerle. «Freiheit bedeutet für mich, dass ich eine Wahl habe. Und in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hatte ich keine Wahl.» Es gebe dort nur Schwarz oder Weiss, keine Schattierungen.

«Freiheit ist unbequem. Freiheit macht Angst. Freiheit hat man nicht einfach, man muss für sie kämpfen und an ihr arbeiten.» Er denke, dass sich viele Menschen genau deshalb in engen Gemeinschaften wohlfühlen. «Sie sind dort eingeschränkt, aber fühlen sich mitgetragen. Man geht gemeinsam einen Weg – die Freiheit ist da vielen gar nicht so wichtig.»

Mitglieder haben zu folgen

Bei der Infostelle «Relinfo» berät der Religionswissenschaftler Georg Schmid ausstiegswillige Mitglieder von Religionsgemeinschaften oder deren Angehörige. Am häufigsten ist er mit Mitgliedern von Zeugen Jehovas und Scientology beschäftigt.

«Sekten haben eine gewisse Radikalität. Sie erwarten viel von den Mitgliedern und versuchen trotzdem, alle Interessierten aufzunehmen», sagt Schmid. Sekten seien autoritäre Organisationen. Die Leitung beanspruche Lehrhoheit, Zweifel seien unerwünscht, die Mitglieder hätten zu folgen.

Oft liessen sich Menschen von den Verheissungen einer Gemeinschaft blenden, erklärt Schmid. Zu Beginn sähen sie alles durch die rosarote Brille: «Später kommen ihnen auch die Ansprüche der Sekte in die Quere. Viele geraten unter Druck, weil die Gemeinschaft nicht das bietet, was sie suchen. Wenn jemand aussteigen will, beginnt ein unangenehmer Prozess.»

Der Austritt wird immer schwieriger

Je länger jemand dabei war, desto schwieriger wird es. Weil man beim Austritt seine sozialen Kontakte und seine ethischen Koordinaten verliert. Weil man vielleicht jahrelang für den Kult gearbeitet hat und taugliche Referenzen für Bewerbungen fehlen.

Weil man vielleicht der Sekte per Testament sein Vermögen überschrieben hat und das Dokument sicher verwahrt in der Zentrale der Gemeinschaft liegt. Weil man durch die autoritäre Lehre das selbstständige Denken verlernt hat.

Ausstiegswilligen die Hand reichen

Menschen, die Anschluss suchen, sind oft leichte Opfer für Sekten, weiss der Ausstiegsberater Schmid: «Alte, Einsame oder Menschen am Rand der Gesellschaft.» In Beratungen rät er Familienangehörigen, deren Tochter oder Sohn sich einer Sekte angeschlossen hat, klar zu machen, dass sie für sie oder für ihn da seien. Denn ohne einen Rückhalt von aussen sei ein Ausstieg kaum zu schaffen.

«Radikale Gemeinschaften versuchen, Zweifelnde zu halten. Etwa indem sie befreundete Leute aus der Sekte auffordern, mit ihnen zu sprechen, sie wieder zu überzeugen», so Schmid.

Aber wenn das nicht funktioniert, seien Sekten meist dafür, dass die Zweifler gehen: «Damit die kranken Äpfel nicht die gesunden anstecken.» Dass Religionsgemeinschaften Ausstiegswillige rabiat auf Kurs brächten oder zurückholten, sei eine Legende.

Eine Gemeinde, ein Weltbild

Bei Freikirchen sieht Schmid das Hauptproblem in deren gesellschaftspolitischer Ausrichtung. Da stelle sich für ihn die Frage, wie konservativ man die Gesellschaft gestalten wolle.

«Freikirchen sind – im Gegensatz zu den Landeskirchen – bewusst einheitlich, was die Weltanschauung betrifft. Wenn jemand dazukommt, erwartet man von ihm, dass er sich einfügt.» Freikirchen erwarteten zudem Engagement: Man soll die Gemeinde finanziell und zeitlich mittragen. «Wer dazu nicht bereit ist, kann Probleme kriegen und sozialen Druck spüren.»

Im Gegensatz zu Sekten sei in Freikirchen immerhin klar, dass der Gemeindeleiter ein Mensch sei, der irren könne. Manche Mitglieder würden, wenn sie mit der Lehre nicht einverstanden sind, zu einer anderen Gemeinschaft wechseln – und später vielleicht austreten.

von |Februar 11th, 2018|2018|0 Kommentare

An die leitende Körperschaft

Wahrheiten jetzt! ist dankbar dafür, dass die Wachtturm-Gesellschaft der Website so viel Aufmerksamkeit gibt. Die Themen auf dieser Website müssen die Wachtturm-Gesellschaft so sehr stören, dass sie alles daran setzen den Betreiber in Gerichtsprozesse zu ziehen um ihm hohe Geldstrafen (bis zu 250.000€) oder ersatzweise 6 Monate Haft anzudrohen. Liebe leitende Körperschaft, D. H. Splane, A. Morris III., D. M. Sanderson, G. W. Jackson, M. S. Lett. S. F. Herd, G. Lösch und G. H. Pierce:

Die Wahrheit steht von alleine aufrecht, nur die Lüge braucht Gesetzesschutz!

Erwartet Gott und Jesus das von euch? Hätte Jesus so gehandelt? Ihr sagt von euch selbst das ihr vom "Geist geleitet" seid. Ihr sagt selbst das ihr geistgesalbte Christen seid. Ihr sagt selbst das die Bibel über allem steht. Warum macht ihr euch dann selbst, durch Gerichtsprozesse lächerlich? Warum versucht ihr erneut zu richten? Warum wollt ihr nicht in die Fußstapfen Jesu treten, der so mild gesinnt war?

"Nun hatte Simon Petrus ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus. Da sprach Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gegeben hat?" (Johannes 18:10, 11)

Da ihr euch offensichtlich auf dem Weg der Finsternis befindet, wünscht euch Wahrheiten jetzt! sehr baldig, Jesus anzuerkennen und ihm nachzufolgen, um dem Willen des Vaters zu tun!